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Full text of "Heidelbergische afterw. Heidelberger Jahrbücher der Literatur"

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N. 41. 




1826, 



Jahrbücher der Literatur. 



Göden, von dem Delirium tremens* 

■ » 

Ref. findet in dieser Begriffsbestimmung, 80 Weit sie auch 
im Uebrigen ist, doch nur zwei, das Delirium tremens pota- 
torum als einen morbus sui generis cbarakterisirende Merk- 
male, nämlich die derselben als prädisponirende Ursache zu 
Grunde liegende chronische Weingeistvergiftung, und die, 
Krisis durch den Schlaf; er möchte aber noch als ein drittes , 
auszeichnendes Attribut hinzufügen, dafs mit jenem, (durch, 
die Natur oder Kunst bewirkten) Schlafe sogleich auch und, 
gleichsam mit einem Schlage die Genesung eintrete, welchen 
schnellen Uebergang von der gröfsten Höhe der Krankheit in 
die Genesang wir sonst in keinem einzigen, akut verlaufen* 
den Nerven übel wahrnehmen. ?wlle andern , von dem Verf. 
angeführten Merkmale für die fTigenthÜmlichkeit des D. t. p« . 
gehören diesem aber nicht wesentlich oder ausschliefsUch an y 
und namentlich finden auch beider, zuweilen sehr rapid ver- 
laufenden, Febris nervosa versatilis nicht selten dieselben un- 
ablässigen körperlichen Agitationen, derselbe tremor artuum, 
welcher selbst die Pulse zu fühlen hindert, dieselben flüch- 
tigen, abspringenden und rastlosen Delirien Statt, und gleich 
schnell wie im D. t. der Säufer erschöpfen sich Stieb in dieser 
Krankheit die Lebenskräfte oft unaufhaltsam , wodurch Läh- 
mung und Tod herbeigeführt wird. Selbst die dem Ausbruche 
des D. t. p. oft längere Zeit vorangehende besondere Schlaf- 
losigkeit beobachtet man nicht ganz selten. auch als einen Vor- 
boten des hitzigen Nervenfiebers, und wie im erstem ein 
tiefer und anhaltender Schlaf eine günstige und schnelle Ent- 
scheidung herbeiführt, so sehen wir auch in der reinen ner- 
vosa kein besseres Hülfsmittel zur Beruhigung des aufgereg- 
ten Gehirns und Nervensystems und der Sammlung und Bin- 
dung seiner sieb zerstreuenden Kräfte, als eben auch den 
Schlaf, obwohl hier einiger Unterschied Statt findet. Des* 

XIX. Jahrg. 7- Heft* 4 1 



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642 Güdea über das Delirium Treiusui. 

* ■ • 

gleichen ist auch im reinen Nerven fieber, gleichwie im D. t. 
p. , das Opium als eines der kräftigsten Mittel zur Besänfti- 
gung und Beschränkung der einseitig sich verzehrenden Ge- 
hirn - und Nerveritbätigkeit schon lange in Gebrauch nur 
reichte man es hier in kleineren Gaben » als im D. t. p. , weil 
man es in letzterem mit durch die Völlerei überreizten und ab- 
gestumpften Körpern zu thun hat, bei welchen allein gröfsere, 
dafür aber seltner gereichte Gaben dieses herrlichen Mittels 
die aufs Höchste gesteigerte und baldige Lähmung drohende 
Gehirn« und Nerrenauireizung in gesetzliche Schranke« zu- 
rückführen und Schlaf hervorzubringen vermögen. — Dafs 
aber dem D. t. p. seihst auch, gegen «Jen Verf., zuweilen ma- 
terielle Krisen oder Metaschematismen , wie dem Nerven-, 
lieber, zukommen, lehrte den Ref. die Beobachtung, zu Folge 
welcher sich bei einem Trinker ein lästiger Husten und Wür- 
gen des Morgens, mit beständigem Zittern der Glieder, öfte- 
ren Sinnestäuschungen und irrigen Vorstellungen, eine Art 
chronischen Delirium tremens, alsbald verlieren, wenn seine 
Hand - und Fingergelenke anschwellen, schmerzhaft und steif 
werden, alsbald aber wiederkehren, wenn die Gicht aus jenen. 
Gelenken allmäblig sich wieder entfernt. — Dafs die reine» 
nervosa gleich dem D. t. p. auch ihre verschiedenen Stufen des 
Wachsthtuns und bestimmte Zeiträume ihrer Entwickelang' 
habe, bedarf wohl keiner EM^hnurrg. — Widersinnig und 
für die Praxis von den unwirklichsten Folgen hält der Verf. 
die Benennung encephalitis/ phrenitis potatorum für die in. 
Frage« stehende Krankbreit, da solche ihrem Wesen nach dae, 
Gegentheil der Entzündung sey, von einer Hirnentzündung 
so wenig , als von einer Entzündung überhaupt die Rede seyn> 
könne, und im ganzen Verlaufe der Krankheit so wenig als in- 
deren Krisis oder Ausgängen sich krankhafte Veränderungen 
zeigen,- riiotäsuf ein Leiden des Gefäfssystems hinwiesen. 
Ref. ist jeanSi überzeugt, dafs dem Gefäfssystem der erste 
Antheil an dieser Krankheit zukomme, und dafs, wenn man 
das D, t. p. richtig beurtheilen will , zuerst auf die lange vor-' 
ausgegangene Einwirkung des täglichen Uebermaafses geisti- 
ger Getränke auf jenes System Rücksicht genommen werden 
rnufs, indem nur erst, wenn die Tbätigkeit des letztern durch 
jene Reize allmählig bis auf einen gewissen Grad erschöpft 
oder gelähmt worden ist, das D. t. rieh auszubilden vermag 
welches nun aber als Culmination der nervösen Seite der chro- 
nischen Weingeistvergiftung oft um so schneller den Tod her- 
beiführt, je weniger die Kräfte des Gehirns und Nerven- 4 
Systems durch die längst überspannte Gefäfsthätigkeit mehr* 



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I 



Göden Uber das Delirium Tremens t 64 J 

unterstützt und wieder belebt werden können* Allerdings 
ist dann in diesem Sinne das D, t. p. in dem Zeitpunkte sei- 
ner Hobe eine rejne Nervenkrankheit * die nichts mehr bildet* 
sondern die Lebenskräfte nur au verzehren droht, aber sie ist 
es nur durch das Medium des Gefä fs System s , das länge Zuvor 
schon in anhaltend Vermehrter Reizung befangen, allmählig 
tiberreizt und abgespannt werden mufste i ehe endlich auf se- 
cundäre Weise diejenige krankhafte Stimmung im Gehirn und 
Nervensystem herbeigeführt werden konnte, welche der ge- 
nannten Krankheit zu Grunde liegt. — Auch schon jeder ein« 
seine Rausch, welcher im Grunde ein schnell vorübergehendes 
Delirium tremens im verjüngten Maafsstabe vorstellt, ist in 
der Regel durch zwei Stadien bezeichnet, von denen das erste 
oder irritable, eachilarirende, mit momentan behaglicher Stei- 
gerung aller körperlichen und geistigen Verrichtungen vor- 
zugsweise im Gefäfssystem haftet, das zweite sensible (nar- 
kotische, oder transitorisch lähmende) aber* durch Ermat- 
tung, Sich wanken und Zittern der Bewegungen , aufgehobene 
Willjcübr, Stumpfsinn, Sinnes* und GeTühlstäuschungen und 
verkehrte Ideen bezeichnet, das Gehirn und Nervensystem: 
inne bat,, nach kurzer Zeit durch Vermittlung eines tiefen 
Schlafes, gleichwie im D. t. p. wieder in Nüchternheit und 
Wohlseyn Übergebt, was man denn auch, schon im gemeinen 
Lieben durch die Worte: den Rausch ausschlafen, auszudrük- 
ken pflegt. — Da(s sich aber auch im Gefäfssystem selbst j 
gegen die an so vielen Stellen der Schrift auf eine allzu ent- 
schiedene Weise ausgesprochene Behauptung) als hätte das- 
selbe keinen Antbeü am D. t. p. * deutlich erkennbare krank- 
hafte Veränderungen in dieser Krankheit nachweisen lassen; 
und somit eine durch habituelles Saufen lange bestandene dy- 
namisch-chemische Gefafs- und Blutreizung sich auch mate- 
riell in den Gefäfseri selbst zuweilen fiyire, erfuhr Ref. bei 
der sorgfältig angestellten Leichenöffnung eines am D. t. p. 
verstorbenen sechs und dreifsigjährigen Mannes, bei welchem 
er die innere Haut sSmmtlicher Höhlen des Herzens, die Klap- 
pen derselben, so wie die innere Oberfläche der Aorta und 
deren grössere Verzweigungen in der Brust- und Bauchhöhle 
duskelroth, die Kranzarterien des Herzens schmutzigroth;, 
das Herz selbst aber welk und schlaff fand; und auf ähnliche 
.Weise beobachtete er dieses Frühjahr in der Leiche eines ehe- 
maligen starken Branntweintrinkers , aufser anderweitigen be* 
deutenden krankhaften Veränderungen , auch eine Entzündung 
des Bruststücks der Aorta, so wie bei einem Zweiten dieser 
. Att f dessen Dünndarm in Folge eines chronischen Krankheit*' 



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644 Godtfu über das Delirium Tremens! 

■ 

processes an mehreren Stellen erweicht und durchlöchert war, 
zugleich auf eine überraschende Weise auch eine allgemeine 
Röthung der inneren Oberfläche der linken Herzhöhlen , der 
grolsen Gefäfsstämme am Herzen, und sämmtlicber aus der 
Aorta entspringenden Pulsaderüste in der Brust- und Bauch- 
höhle. Aufserdem aber erweist den directen Antheil des Ge- 
fäfssystems an der habituellen Völlerei unter Anderem auch 
»och die nur allzu häufige Beobachtung, dafs die meisten* 
Trinker, wenn sie nicht am D. t. oder andern acuten Folge- 
fibeln des übermäfsigen Trinkens sterben , sie gewöhnlich an 
andern Krankheiten , die von einer primären Affection des Ge* 
fäfssystems ausgehen, wie z. B. an Apoplexie, Brustwasser- 
sucht, Hectik, Blutbrechen, so wie an Lebetverbärtung f - 
öder der Degeneration irgend eines andern edeln Eingeweide« 
überhaupt, ihr Leben einbüTsen, — Nach dem Verf. kommt 
das D. t. nicht bei Wein-, sondern nur bei Branntweintrin- 
Icern yor, allein Ref. hat dasselbe auch bei übermSfsigem und 
habituellem Genüsse des Weins beobachtet, und Kopp erzählt 
in seinen Beobachtungen S. 253 ff. einen ähnlichen Fall; je- 
doch scheint der Wein, aus nahe liegenden Gründen, nicht 
so zerstörend auf den Organismus einzuwirken, als der 
Branntwein. 

Das zweite Kapitel handelt (S. 10 — 29.) von den 
Eigentümlichkeiten des Delirium tremens , und ist eigent- 
lich eine ausführlichere Exposition der im Vorhergehenden in 
den Begriff dieser Krankheit aufgenommenen Merkmale. In 
Hinsicht auf den Ausbruch des Üebels fand Ref. in den ihm 
vorgekommenen Fällen, dafs zu der, durch den habituellen 
Milsbraucb geistiger Getränke im Körper begründeten krank- 
haften Anlage zu dem Delirium tr. p., immer auch noch eine 
Gelegenheitsursache kommen muffte, wenn die Krankheit 
ausbrechen tgUte, und dafs dies gewöhnlich eine Gemüts- 
bewegung , Ife heftiger Aerger oder eine erlittene Kränkung 
war, über deren nachtheilige Einwirkung sich hinweg zu 
setzen, der Trinker nicht seelenstark genug zu seyn schien, 
und mit welcher er dann so lange umgieng, bis sie sich seiner 
Seele endlich ausschließlich bemeisterte, und nun auch die 
übrigen sensoriellen Functionen mit in den Kreis der Ver- 
kehrtheit hineinzog. — In Bezug auf die, dem Ausbruche 
des Del. t. p. vorangehende Schlaflosigkeit erlaubt sich Ref., 
gestützt auf die vorurteilsfreie Beobachtung einer nicht ge- 
ringen Anzahl Säufer, zu bemerken, dafs diese Erscheinung 
hei Trinkern überhaupt vorhanden ist, und nicht erst als ein 
neu eintretender Vorbote der baldigen Krankheit auftritt, 



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Golm Uber das Delirium Tremens. ,645 

sondern zu dieser Zeit nur gesteigerter als sonst gewöhnlich 
sich einstellt, indem kein habitueller, täglicher Trinker einen 
ruhigen Schlaf besitzt , sondern derselbe nur so lange betäubt 
schlummert , bis die Wirkung des zuletzt genossenen, rei- 
send . narkotischen Getränkes vorüber ist, solcher aber, so« 
bald dies nach wenigen Vormitternachtstunden geschehen, 
dann nur um so anhaltender wacht, und meistens erst gegen 
Morgen, wenn andere Leute bereits aufstehen r wieder auf 
kurze Zeit in Abspannung einschlummert. Während eines 
solchen nächtlichen Wachens lassen die Trinker dann Nie- 
mand Ruhe, der in ihrer Nähe seyn mufs. Entweder laufen 
sie umher und suchen irgendwo noch vorhandenen Wein 9 
Branntwein oder Bier auf, um sich aufs Neue dadurch Ruhe 
oder Schlaf, oder vielmehr neue Betäubung zu verschaffen, 
oder sie schleichen sich noch um Mitternacht in den Keller 
hinab, um sich am Weinfafs selbst zu erlaben, oder sie geben 
in einer Art coma vigil im Hause herum, sehen in einem Zu- 
stande halber Verwirrung Stunden lang zum Fenster hinaus, 
glauben Brand zu riechen , die Feuerglocke zu hören oder 
selbst Feuer zu sehen, durch welche Vermuthungen sie nicht 
selten ihre Angehörigen täuschen , oder sie verfallen halb wa- 
chend, halb träumend , im Zustande höchster Aufreizung, in 
eine Art ttansitorischer Tobsucht, gehen mit dem Messer auf 
die Ihrigen los , und setzen , was ihnen nahe kommt , in 
Schrecken. Ohne dafs nun aber in solchen Fällen schon ein 
eigentliches Delirium tremens vorhanden wäre, so ist es doch 
«.jter bewandten Umständen zum völligen Ausbruche eines 
solchen nicht mehr weit, und es würde sich dasselbe gewif» 
öfter einstellen, als es wirklich der Fall ist, wenn man sich 
nicht meistens alle Mühe gäbe, den aufgereizten Trinker zu 
beruhigen, und ihn, koste es was es wolle, auf irgend eine 
"Weise zufrieden zu stellen. — Wenn der Verf. S. 17. »agt; 
der Kranke im D. t. wolle nichts vom Krankseyn wissen , er 
glaube sich gesund u. dergl., so kommt dies wieder mit der 
häufigen Erfahrung im Nervenfieber überein, wo man den 
Kranken auf diesfallsiges Befragen oft genug antworten hört : 
ihm fehle gar nichts , er sey gesund J Treffend fand Ref. da- 
gegen die Bemerkung des Verf. S. 19, dafs bei keiner andern 
Krankheit nach einem kurz vorhergegangenen tiefen und ru- 
higen Schlafe so schnell und gleichsam mit einem Male die 
Genesung erfolge, als im D. t. p., und Ref. hält diesen Um- 
stand für eines der ausgezeichneten Merkmale dieser Krank- 
heit, wie bereits oben achon erwähnt worden. Wenn der- 
iplbtt aber behauptet, dafs , den Nervenkrankheiten diese 



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64$ GSden übet das Delirium Tremens. 

schnelle und plötzliche günstige Krisis überhaupt rfgenthfi m- 
Jich zu seyn scheine , so mufs lief, bemerken, dafs der Schlaf 
im Nervenfieber, ungeachtet setner trefflichen ^Wirkung , 
doch; gewöhnlich auch schon mehr körperliche Sporen von 
einer günstigen Entscheidung in seiner Begleitung mit sich 
führt, un4 es dann doch gewöhnlich noch lange ansteht, bis 
der Kranke auch hör aufser Lebensgefahr befindlich erklärt 
werden kann | indem nicht eine schnelle Krisis (sie- geschehe 
nun immateriell vom Gehirne aus durch Schlaf, oder materiell 
durch die feineren oder gröberen Se- und Excretionsdrgane), 
sondern eine langsame, fast unmerkliche Lysis, bei Welcher 
der Kranke oft noch längere Zeit «wischen Tod und Leben 
schwanktf und gute und böse Reichen mit einander abwech- 
seln, es nach der heutigen Beobachtung des Ref. ist, unter 
Welcher die Genesung von acut fieberhaften Nervenkrankheit 
ten in der Regel herbeigeführt wird. — Zu den weiteren Ei- 
gentbümlichkeiten des D. t. p. rechnet der Verf. S. 20 ^ 24* 
auch die häufigen , anhaltenden , profusen Schweifse bei kal- 
tem Anfühlen der Theile, den ruhigen, sich immer gleich 
bleibenden Puls, die ganz gesunde Temperatur der Haut, den 
'vollkommen freien Kopf, den hohen Grad von Unempfindlich« 
Jteit und Gefühllosigkeit, 4 so wie die ganz eigentümliche 
Physiognomie des Kranken« Ersteres Symptom kommt aber 
nach des Ref. Erfahrung nicht in allen Fällen des D. t. p. vor, 
und namentlich vermifste er es ganzlich bei einem, in Folge 
der täglichen Weinvöllerei am D. t. gestorbenen jungen Man« 
pe, sq wie in Hinsicht auf die Temperaturveränderung der 
Verf', selbst sagt, dafs sich die von Schweifs triefenden Tbeila 
kalt anfühlen lassen, die Haut also nicht die gewöhnliche Tem. 
yeratur haben kann. Was aber den Puls, so wie den Mangel 
an Remission und Exacerbation der Krankheit betrifft , so bat: 
Ref. bis jetzt wenigstens noch keinen Fall von J}. t. p. beob- 
achtet, bei welchem er nicht ersteren seinen räumlichen uno} 
zeitlichen Verhältnissen nach verändert gefunden hätte, und 
gegen die an mehreren Stellen der Schrift vom Verf. ausge- 
sprochene Regejmäfsigkeit des Pulses im, P. t. p. behaupten 
außerdem auch Saunders, dafs es keine Krankheit gebe, 
in welcher der Puls so schnell sey , als im D. t.» Blake hält 
ein P. t. nicht einmal für gefährlich, das nicht über hun- 
dert fulse in der Minute zühle , wahrend aber über hundert 
Schlaga grofse Gefahr; anzeigten, und I^ind fand in etlich und 
vierzig Fällen des P, t. p. stets Fieberbewegung und den ?uU 
fast immer ttber hundert, oft aber bis hundert und viersig; 
Schlüge in der Minute, Eine Exacerbation q>r Krankbeil 

* 

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Gttden über dai Delirium Trettien». 



€47 



gegen Abend und eine deutliche Remilsion derselben gegen 
Morgen mit Neigung zum Schlafe und zum Tbeil wirklichem, 
kurzen Schlafe zu dieser Zeit, konnte Ref. nicht verkennen; 
den scheinbar vollkommen freien und schmerzlosen Kopf (wel- 
ches Zeichen der Vf. S. 22. insbesondere auch als den sicher« 
sten Beweis ansiebt, dafs das D. t. p nicht im Gehirne, son- 
dern im plexus coeliacus seinen Sitz habe) , so wie die Abge- 
stumpft hei t des Gefühls hat Ref. aber auch auf der Höhe der 
reinen Nervosa schon öfters in demselben Grade beobachtet 9 
und sind diese Erscheinungen daher dem D. t. p. keineswegs 
eigentümlich, so wie er ferner die Physiognomie der Kranken 
am D. t. nicht ausgezeichneter fand, als sie es in den hefti- 
geren Fällen des Nervenfiebers auch ist, wo sie sich freilich 
in acme morbi und bei der Neigung, in Lahmung oder Brand 
überzugehen, bald der facies Hippocratica nähert, und ein 
charakteristisches Ansehen von sensibler Spannung bekommt, 
auf welche dann bald , mit allmäblig mehr sinkendem Lebens- 
turgor» jener ominöse Gesichtsausdruck vollkommen eintritt. 

i Ret. beobachtete im D. t.p, insbesondere auch eine Turgescenz 
der Augen, ein Glänzen und Tbränen derselben, so wie eine 
leichte, aber trübe Höthung der covjunctiva, wie sie öfter 
auch im Typhus beobachtet wird, — Mit dem Verf. glaubt 
auch Ref. , dafs das D. t. p. keineswegs eine neue Krankheit, 
sondern dieselbe wohl so alt sey, als der habituelle Mißbrauch 
des Weingeistes selbst. Den Grund ihrer gegenwärtigen 

• Häufigkeit aber sacht d*r Verf. in der physisch und psychisch 
gesteigerten Sensibilität der Menschen unserer Zeit , so 
wie in dem durch die Kriegsjahre häufigeren und Vielen «ur 
Gewohnheit gewordenen Genüsse des Branntweins, weswe- 
gen der Verf. diese Krankheit auch häufig bei Personen sab, 

. welche die Feldzüge mitgemacht hatten , was Ref. übrigens 
(wahrscheinlich zufälliger Weise) seiner Seits nicht bestätigen 
kann, da ihm bis jetzt deren nur sehr wenige im Militair, 
mehrere aber im bürgerlichen Stande zur Beobachtung und 
Behandlung gekommen sind. Einen weiteren Grund für diese 
größere Häufigkeit glaubt Ref. aber auch darin zu finden, 
dafs wir, aufmerksamer auf die Krankheit geworden, dieselbe 
in ihrer beaUbungsweisen Eigentümlichkeit genauer kennen 
lernten, und sich die Beschreibungen von ihr seit wenigen 
Jahren her vervielfältigt haben. Auch ist Ref. mit dem Verf* 

■ überzeugt, dafs schon mancher Säufer angeblich am Nerven« 
fiebejr gestorben ist, dessen Krankheit eigentlich ein Del« 

- tr. war. 



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648 GSden fiber das Delirium Tremens, 

s 

Drittes KapiteJ. Von dem Verlaufe des Delirium 
tremens unid seinen Zeiträumen (S. 30 — 62.). Ref. findet 
die vier , von dem Verf. angenommenen Zeiträume dieser 
Krankheit musterhaft beschrieben, er erlaubt sich aber nicht*, 
" einen Auszug hievon zu geben 9 um dem Ganzen keinen Ein- 
trag zu thun t weswegen er auf das Studium desselben im Zu- 
sammenhange verweist. 

Viert es Kapitel. Von dem Wesen des Delirium tre- 

• mens und seinem Organ oder Sitz (S. 63 — 103 ). Der Verf. 
gibt sich viele Muhe, die bereits von Töpken mitgetheilte 
Ansicht zu beweisen, dafs der Sitz des D. t. p. nicht im Ge- 

' birne, sondern im Plexus coeliacus und den Nerven des orga- 

' rtischen Lebens, das Leiden des Gehirns und der Nerven des 
animalischen Lebens bei dieser Krankheit aber unwesentlich, 

'nur deuteropathisch und consensnell sey, weswegen er auch " 
den Ausdruck : Nervenerethismus oder sensible Ueberspannung 
im Plexus coeliacus bezeichnender für das Wesentliche des 
ZuStandes hält 9 als unsere gewöhnliche Benennung Delirium 
tremens. Wollte man ersteres auch zugeben (wofür jedoch 

' weder Gewicht noch Mehrheit der Grunde sprechen), so wäre 
wenigstens für die Praxis weiter nichts gewonnen , da die 
von dem Verf. mitgetheilte Behandlungsweise ditser Krank« 

• heit, so wissenschaftlich und ausführlich sie auch angegeben 
ist, im Ganzen dieselbe ist, wie sie bei der Annahme eines 

' idiopathischen Gehirnleidens im D, t. p. von den meisten Aerz« 
ten befolgt wird. Die für jene Behauptung S. 71 — 76* an« 
geführten Beweise hält Ref. wenigstens, welcher sich bereits 
schon in einigen Bemerkungen zum ersten Kapitel über das 
Abweichende und Gemeinschaftliche des D. t. und des Ner- 
venfiebers flufserte, hierüber aber nicht noch weiter in's Ein« 
seine eingehen kann , nicht für zureichend , und man müfste, 
wenn man jener Behauptung beitreten wollte, den Sitz des 
Nervenfiebers selbst auch um so mehr in den Plexus solar, 
verlegen , als das Wesen und der Verlauf des letzteren, wie 
längst bekannt, mit dem der Vergiftung durch ein reizend - 
scharfes Narcoticum, wie solches im D. t. p. der Weingeist 
vorstellt, gleichfalls die entschiedenste Aehnlicbkeit. zeigt. — 
Ueberhaupt weifs man von allen Narcoticis , ihre Vvirkung 
mag nun schnell vorübergehend oder anhaltender seyn , dafs 
sie nicht auf den Plexus coeliacus, sondern auf das Gehirn und 
Rückenmark ihren krankmachenden Einüufs ausüben, und es 
wird nicht leicht Jemand geneigt seyn, das durch den habi- 
tuellen Opiumgenufs eines Morgenländers allmählig herbeige- 
führte Zittern der Muskeln, die Stumpfheit und Verkehrtheit 



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G3dtn über das Delirium Tremens. €49 

feiner Sinnes - und Geistesverrichtungen , in einer krankhaf- 
ten Veränderung des Plexus coeliacus tu suchen, so wenig 
als ferner ein transitoriscbes Zittern der Glieder und Ras«n 
hei einer zufälligen f und wenn Ref. so sagen darf, akuten 
Vergiftung durch Belladonna .oder die narkotisch- scharfe Ci- 
cata anderswo als in einer idiopathischen AfFection des Gehirns 
und Kückenmarkes selbst gesucht werden kann. Hat man 
aber derlei, dem D. t. p. so nahestehende, ja zum Tbeil die 
Vorläufer seines Eintrittes selbst bildende Krankheitserschei- 
nungen , so wie die ganze Disposition zu dieser Krankheit, in 
einer chronischen Vergiftung durch den reisend «narkotischen 
Weingeist, oder in einer durch diese Substanz allinäbltg be- 
wirkten Ueberreizung des irritabeln und ssnsibeln Systems 
zu suchen, deren verderbliche Höhe und eigentümliche Er- 
scheinungen die nervöse Periode jener Weingeistvergiftung 
bildet; und bat man ferner jeden Rausch selbst als ein gutar- 
tiges D. t. transitorium im Kleinen zu betrachten , das sich 
•durch einen von selbst eintretenden Schlaf wieder günstig ent- 
scheidet, so schiene es dem Ref. gezwungen, den Sitz und 
das Wesen des D. t. p. in den Plexus coeliacus verlegen zu 
wollen. Auch spechen überhaupt die meisten physischen 
und psychischen Erscheinungen bei habituellen Säufern und 
im D. t. selbst, so gut als in der reinen nervosa, ja in meh- 
reren Punkten noch entschiedener, für die Annahme eines 
idiopathischen und nicht blos consensuellen Leidens des Ge- 
hirns und des Rückenmarkes* und für habituelle Biutcongestio- 
nen gegen diese Theile, und nicht mit Unrecht pflege man 
auch schon im gewöhnlichen* Leben von vielen Trinkern zu 
sagen , dafs sie ihren Verstand versoffen haben. — Dafs dem 
D. t. p. (so wenig als der, durch andere narcotica erregten Ge» 
hirn- und Nervenreizung) keine eigentliche Gehirnentzündung 
zu Grunde liege, wie der Verf. von S. 93 — 101. auseinander- 
setzt, hält auch Ref. in der Regel dafür , und die gesunkene 
Vitalität des Gefäfssystems , so wie die veränderte Blutmi- 
schung, die bei habituellen Trinkern mehr zur Verflüssigung 
und Auflösung, als zur Gerinnung und neuen Bildung strebt, 
lassen active Entzündungen nicht leicht bei ihnen aufkommen ; 
demohngeaebtet ist er anderer Seite aus eigener sowohl als 
fremder Erfahrung überzeugt, dafs es Fälle gibt, wo active 
Congesttonen gegen das Gehirn und Rückenmark am D. t. p. 
einen wichtigen Antbeil haben, und eine besondere therapeu- 
tische Rücksicht, namentlich aber nicht ganz selten einen 
mäfsigen Aderla/s und Örtliche Blutentleerungen erfordern, 
und dafs dies insbesondere bei jüngeren Trinkern von pletbo« 

* • 



* 



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650 GUen über das Delirium Tremens. 

* * • 

rUche'r Constitution und cholerischem Temperament* j und 
die dem übermäßigen Trinken noeb nicht allzu lange ergeben, * 
durob dasselbe noch weniger geschwächt sind, zuweilen noth- 
wendig Wird. Offenbar gebt daher der Verf, zu weit, wenn, 
er das Blutentsiehen im D. t. p. unbedingt verwirft, wäh- 
rend doch andere gleich oebtungswertbe Autoritilten für den 
unzweifelhaften Nutzen desselben in nicht wenigen Fallen 
sprechen , und wo entweder die Herstellung des Kranken ohne 
allen Opiumgebrrinch geschah , oder letzterer mehr Schaden als 
Nutzen gestiftet hatte. In Bezug auf das Blutlassen überhaupt 
erlaubt sich Ref. gegen den Verf. die Bemerkung , dafs, so 
tiothwendig es auch in neueren Zeiten gewesen sey, vor dem 
Mifsbrauche des Aderlasses und der Blutegel in vielen, be- 
sonders aber hitzigen Krankheiten dringend zu warnen (was 
jRef» selbst auch bei einer andern Gelegenheit tbat), man sich 
^och auch hier vor Uebertreibungen hüten müsse; denn eben 
dieselben, welche der Warnungen vor dem zu Vielen bedür- 
fen, gerathen Jeicbt auch wieder auf das andere Extrem , wor* 
aus neue, nicht minder erofs« Nachtheile entspringen; Local- 
-umstände und IndividuaTi täten, epidemische und endemische 
Verhältnisse u. s. w. müssen hier den Arzt in seinem verstän*» 
«digen Thun und Lassen leiten, und was bei dem einen Sub- 
jecte erspriefslicb seyn kann , kann der Subjectivität eines An- 
dern Schaden bringen. In, keinem Falle hat wenigstens Ref. 
Grund , von den Blütentziehungeh bei Kindern oder jüngeren 
und älteren Personen überhaupt*? diejenigen Nachtheile für 
jetzt schon oder in den späteren Jahren zu erwarten, wie sol- 
ches der Verf. zu tbun geneigt 4 ist, da ihm in seinem Kreisa 
von Uebertreibungen, wie sie der Verf. in der Vorrede S. V. 
echildert, noeji nie etwas au Gesiebte oder au Ohren gekoin- 
.inen ist. 

Fünftes Kapitel. Von der Vorhersagung im Deliriuni 
(S. 104 — 125«)* £> as Wesentliche dieses Kapitels besteht 
darin, dafs nach S; 107. die genannte Krankheit in der Regel 
gefahrlos und meist ohne hohe Bedeutung sey (was sich je- 
doch mit S, 14» wo der Verf. das D. t, p. eine Krankheit »mit 
schrecklichen Zeichen und Zufällen" nennt, nicht ganz ver- 
einigen läfst)» Nach dem Verf. kommt- Alles darauf an, dafs 
„die entzweieten, in Heterogenität zerfallenen Nervenpole 
•fn dem Organ und in den beiden Sphären des Nervensystems 
sich zur Ruhe ausgleichen , und sich wieder durch den kriti- 
schen, besänftigenden Schlaf in die' organische Harmonie ver- 
schmelzen. Wer das Opium zur rechten Zeit und in der ge- 
hörigen , dreisten und steigenden Gabe anzuwenden versteht » 



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GÖden Ober das Delirium Tr einen«. 651 

der darf in der Regel das Del. tr. nicht fürchten«. Nur die 
theoretische und praktische Ansicht, dafs dieselbe eine Hirn« 
entzQndung sey, hat diese Krankheit in den unverschuldeten 
Ruf einer gefahrvollen und leicht tödtlichen Krankheit ge- 
bracht. Der Verf. war daher auch in der neueren Zeit immer 
glücklich in Behandlung dieser Krankheit , in Fällen des Übeln 
Aufganges aber war seine Hülfe zu spät in Anspruch genom- 
men worden. Dafs aber doch in einzelnen Füllen die Krank- 
heit eine böse Wendung nimmt, auch bei passender Behand- 
lung, davon liegt der Grund in zufälligen individuellen Ver- 
hältnissen, namentlich aber , wenn die Krankheit ulte und ab- 
gelebte Säufer befällt, die dann schnell an Paralyse oder nach 
Seiiegung des Anfalles des D. t. an der Wassersucht durch 
Degeneration der Leber, Milz, des Fancreas sterben. — Der 
S. 111 ff. dargelegten Ansicht, als sey das D. t. p. ein Streben 
der Selbsthülre der Natur, den durch den übeimäfsigen und 
langen Branntweingenufs geistig und körperlich im Menschen 
hervorgebrachten krankhaften Zustand wieder zu verbessern 
und auszugleichen, ja sogar von jener verderblichen Gewöhn- 
et wieder gänzlich zurückzuführen, kann Ref. nicht beitre- 
ten, denn bei einer Krankheit, die sich seihst überlassen in 
rastlosen Agitationen so häufig in Kurzem durch Erschöpfung 
der Lebenskräfte tödtet, vermag er ungezwungener Weise ein 
solches aufrichtiges Bestreben der Natur nicht zu erkennen, 
noch weniger selbst, als er zum Beispiel beziehungsweise die 
Paroxysraen epileptischer Personen für günstige Krisen der 
Fallsucht ansehen kann, da dieselben doch auch nichts Anderes 
als die periodische Höhe einer verderblichen , obwohl chroni- 
schen Nervenkrankheit anzeigen, in welchen sich Gehirn und 
-Vrvensystem der bis zu einem gewisse« Grade gestiegenen 
krankhaften Thätigkeit gleichsam auf einmal für einige Zeit 
entladen, und so wenig ferner auf die bekannte Erfahrung 
iin, dafs auch nach manchen andern, glücklich überstandenen, 
ibensgefährlichen Krankheiten , die Menschen zuweilen ge- 
»ünder werden , als sie es längere Zeit vor derselben waren, 
wichen minder Gesunden eine Krankheit dieser Art auf die 
'"gewisse Hoffnung, nach derselben vielleicht gesünder als 
tuvor zu werden, gewünscht werden dürfte. Wohl ist in 
der Regel die Thatsache richtig , dafs nach einmal glücklieb 
überstand e nein D. t. p. der Kranke körperlich und geistig wie- 
der neu belebt und gestärkt aus demselben hervorgeht (und 
wenigstens von den hervorstechenderen Übeln Folgen des vor* 
gegangenen IYIifsbrauches geistiger Getränke wieder befreit 
,st )i allem bei der unlüugbmen Lebensgefahr, welche das D. 



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- 



652 Goten übe? das Delirium Trcmenf . 

t. p, auf setner Hdhe in der Kegel mit sich führt, ist, trotz; 
des Nutzens des Mohnsaftes in dieser Krankheit , eine solche 
Besserung doch wahrlich theuer erkauft, und Ref. meint da- 
her, dafs man sich nicht, wie der Verf. S. ll3. thut f Ober 
den Eintritt eines Trinkers in die immerhin unsichere Krisi» 
und die Umwandlung desselben durch das D. t. in einen nüch— 
ternen und mäfsigen Menschen zu freuen habe , da er durch 
seine Erfahrungen überzeugt ist, dafs es einer solchen Unge- 
wissen und gewaltsamen Läuterung nicht bedürfe, um von. 
*len zerstörenden Folgen der Völlerei befreit zu werden % son- 
dern dafs, selbst bei schon sehr, tief eingewurzeltem Laster 
dieser Art, ein durch äufsere Umstände herbeigeführter un- 




S* 1 

bringenden Folgen des Saufens wieder auszugleichen, und 
nach und nach gänzlich zu beseitigen. Auch rührt die nach 
glücklich Überstanderiem D. t. in dem Säufer vorgegangene 
physische* und moralische Besserung nicht allein von der, durch 
die Krankheit selbst in ihm bewirkten, vorteilhaften Verän- 
derung her, sondern sie hat auch zum Theil darin ihren Grund, 
dafs, weil der Kranke die Lebensgefahr kennen lernte, in 
welcher er geschwebt hatte, er sich nun auch eine Zeit lang 
fürchtet, durch das neuerdings beginnende Saufen jenen Zu- 
stand abermals herbeizuführen; dabei geniefst derselbe nun 
zugleich auch wieder mehr Speise, als lange zuvor, eben weil 
er jetzt weniger oder gar keine geistige Getränke mehr zu sich 
nimmt, wodurch seine Verdauung wieder besser geworden, 
und der Weingeist im Gefäfs- und Gehirn- und Nervensystem 
nicht mehr das allein herrschende ist; endlich werden solche 
Leute, die das D. t. p. so eben überstanden haben, durch ihre 
Angehörigen gewöhnlich auch, bald durch sanfte, bald durch 
strenge Mittel, von dem abermaligen] Mifsbrauche ihres Lieb- 
lingsgetränkes abgehalten, obwohl die Ungewohnheit , sich 
.selbst zu beherrschen, die Unterordnung der Willenskraft un- 
ter die Macht der Leidenschaft und der Begierde, der Hang 
zum Müfstggange oder die Furcht vor nützlicher -Beschäfti- 
gung, in Verbindung zugleich mit der momentanen Behaglich- 
keit, welche der Geniifs eines geistigen Getränkes im ersten 
Zeiträume seiner Wirkung , so wie das relativ glückliche Ver- 
gessen mancher Widerwärtigkeiten des Lebens im narkotischen 
Stadium des Rausches, solche Leute nur zu bald wieder zur 
.Fahne des Bacchus zurückführt, und daher die dauerhafte Bes- 




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G öden über das Delirium Tremens; 653 

serong eines Säufers nur als eine Seltenheit angesehen wer- 
den darf. 

Sechstes Kapitel. Von der Heilmethode im Delirium 
tremens (S. 126 — 182.). Ref. hält dieses Kapitel für eines 
der gelungensten der Schrift, und er bedauert, aus Mangel 
an Kaum -seinen Lesern keinen Auszug gehen zu können. 
Nur für einige Bemerkungen sey ihm noch ein wenig Raum 
vergönnt! — Mit Recht hält der Verf. den Mohnsaft für das 
wirksamste Mittel im dritten Stadium des D. t. p. , und es ist 
nicht zu bestreiten , dafs demselben hier eine vorzügliche Heil« 
kraft zukomme, wenn schon Ref. dasselbe nicht für ein Spe- 
cificum und zuverlässiges Antidotum in dieser Krankheit hal- 
ten möchte, wie solches der Verf. thut. In jenem Zeiträume 
rätb der Verf. das Opium ungesäumt und dreist in rasch stei- 
gender Dosis und zwar so lange fortzugeben, bis der kriti- 
sche, natürliche Schlaf und mit ihm Genesung eintritt. In 
einem sehr hartnäckigen und heftigen Anfalle dieser Art gab 
derselbe innerhalb acht Tagen über dreihundert Gran Opium 
in Verbindung mit Phosphor , Moschus, Arnica und den kal- 
ten Begiefsungen , bis der kritische Schlaf und durch diesen 
Genesung eintrat. Ref. ist weit entfernt, über die wissen- 
schaftlich angestellten Beobachtungen des gelehrten Verf. den 
mindesten Zweifel zu hegen , oder den Werth des Mohnsaftes 
in dieser Krankheit herabzusetzen, da er vielmehr glaubt, dafs 
in der Regel kein Mittel den Wein oder Branntwein , welche 
dem Trinket, bevor er das D. t. bekam, sonst allemal Ruhe 
und 8chlaf gebracht hatten, für einige Zeit besser ersetzen 
könne, als eben der Mohnsaft; allein er hält es doch auch an- 
derer Seits für Pflicht, daran zu erinnern, dafs nicht weniger 
schtungswerthe Autoritäten vom Opium in der genannten 
Krankheit nicht immer den Nutzen gesehen haben, wie unser 
Verf., und dafs namentlich , um nur einige derselben kurz 
anzufahren , Chapman in einem Falle des D. t. p. allemal Con- 
vulsionen eintreten sah, so oft er Opium gab, Blake vor dem- 
selben unter gewissen Umständen warnt, Lind dasselbe nur 
mitgrofser Vorsicht zu geben verstattet , weil es sonst leicht 
Sopor erzeuge, Nasse auf den Gebrauch desselben im D. t. j>. 
dtn Tod schnell erfolgen sah (wozu Ref. ein gleiches Beispiel 
aus «einer Erfahrung liefern kann), Günther einen Fall dieser 
Krankheit beobachtete, wo das Opium offenbar Schaden 
brachte, und Horn dasselbe erst nach hinreichend herabge- 
stimmter Energie des B!ut,systems anzuwenden für räthlich 
findet. Ref., übrigens auch kein Freund von halben Maafs- 
regeln, kann daher auch der Bemerkung des Ver£ nicht unbe- 



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Göden über dai Delirium Tremens. 



dingt beistimmen 9 wenn er sagt, dafs man von den brittlscben 

Aersten es lernen könne, wie und in welchen Dosen man 
das Opium in den Zeiten derNoth und Gefahr geben müsse, 
' um etwas «damit auszurichten • denn abgesehen von 
mitgetheilten. Erinnerungen, so Heben die Engländer in der 
Kegel ohnedies grölsere Dosen Arzneimittel, als wir sie zur 
Erreichung desselben Zweckes bei unsern Kranken »öthig ha- 
ben, und ihr an starke und geistige Getränke mehr gewöhnter, 
und für schwächere Reize daher weniger empfänglicher Orga- 
nismus leicht auch gröfsere Gaben Mobnsaft zur Erzielung 
des Schlafes im D.t. bedürfen möchte, als es bei unsern Lands- 
leuten der Fall ist. Ref. glaubt daher auch hier an das ne 
quid nimis erinnern zu müssen, indem solches das kräftigste 
Verfahren am rechten Orte in verzweifelten Fällen keineswegs 
ausschliefst. — Auffallend stark fand Ref. die S. 159. (im 
vierten, Lähmung drohenden Stadium des D. t. p.) in einer 
Formel mitgetheilten Arznei aus einer Unze Fl. arnic zu secha 
Unzen Colatur, und dem gleichzeitigen Zusätze von sechs 
Drachmen Schwefeläther, einer Drachme Spir. c c. Suocinat« 
und einem Scrupel in Aether aufgelöstem OL valerian. , wovon 
alle 1 oder 2 Stunden ein EfslöfFel voll zunehmen sey, so wie 
ferner den Rath des Verf. , gegen die bei Säufern so oft vor* 
kommenden Verdau ungsbescb werden und besonders deren 
Leberleiden das Extract. Chelidon. maj. täglich zu drei bis 
vier Unzen gebrauchen zu lassen, indem solchem, nach des 
Verf. Erfahrungen , keineswegs giftige, scharfe oder narkotir 
sehe Eigenschaften zukommen, sondern dasselbe, milde , auf* 
lösend und stärkend auf die Leber und das Ffortadersystem 
wirke. — Im Uebrigen ist auch das Verfahren des Verf. gegen 
die chronischen Zerrüttungen der Unterleibseingeweide bei 
Säufern, die dem Arate ohnedies so häufig zur Behandlung 
kommen, und nach des Ref. Beobachtung häufig mit Gicht 
complicirt sind, eben so zweckmässig als kräftig gewählt, Hur 
möchten wir rathen, mit dem Gebrauche des Calomel'e in der 
chronischen Hepatitis der Säufer sehr behutsam zu Werke zu 
gehen, da, so zweckmäfsig dieses Mitte) auch in der schlei- 
chenden Leberentaündung aus andern Ursachen ist, es doch 
in der vom Uebermaafse geistiger Getränke entstandenen, we- 
gen der bei bejahrten und habituellen Säufern Statt findenden 
grofsen Neignng zur Erschöpfung der Lebenskräfte, leicht 
den Status colliquationis vermehren könnte. — Dafs sich in 
den Leichen der am D. t. p. verstorbenen Personen keine ma- 
teriellen Veränderungen im Gebirri» vorfinden« wie der Verf. 
S* 179, (und auch schon früher an andern Stellen der Schrift) 



i 



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-' 



Gullen Bser das Delirium Tremens. 655 

» 

behauptet, fcat nur in so fern feine Rwhtiglcert, all man hie. . 
bei die Gehirn, und Nervensubstanz selbst irti Auge hat, die 
elterdihga, wiexeucb im Nervenfieber aeibst, nur in den sel- 
tensten Fällen durch die Sinne erkennbare, krankhafte Verän- 
derungen darbietet, wovon sich Ref. durch genaue Unter« 
aucbongen Wiederholt überzeugte. Aufserdem aber kann es 
dem Verf. fast nicht unbekannt geblieben seyn, dafs im D. t. * 
p. die Merkmale von Entzündung des Gehirns und seiner 
Haute, von Exsudaten gerinnbarer Lymphe zwischen den 
letztem, verdunkelter und verdickter A räch noidea, nicht sei- 
tfenen Verwachsungen der dura und pia mater, vorzüglich aber 
starke seröse 1 Ergi*fsangen in die Gehirnhöhlen schon häufig 
beobachtet vnd aufgezeichnet worden sind, und es wSre dem 
Ref. leicht, solches nachzuweisen. — Schliefslich bemerkt 
flef. , dafs es ihm nicht überflüssig geschienen, Wenn es dem 
Verfi gefallen hatte* auch die Literatur des Gegenstandes zu 
berücksichtigen, welches im ganzen Werke mit nur wenigen 
Ausnahmen nirgends geschehen ist,' was aber nicht nur der 
Vollständigkeit, sondern auch der Reflexionen und Verglei- 
ch angen wegen, zu welchen es Veranlassung gegeben hatte, 
nicht unpassend ge Wesen, dem Leser eine bequeme Uebersicht 
über die Quellen zur Geschichte und dem weitem Studium der 
in Frage stehenden Krankheit geliefert, und der Schrift selbst . 
mehr den Charakter einer Monographie gegeben haben würde. 
In Rücksicht der physiologischen und pathologischen Ansich- 
ten , welche 'der Verf. 'an zahlreichen Stellen des Werkes ins« 
besondere kennen zu lernen Gelegenheit gibt, so hSlt Ref. 
zwar manche derselben bis fetzt noch für Hypothesen nnd für 
Satze, Welche' theoretisch und praktisch mancherlei Zweifel 
und Einwürfe zulassen ; allein Ref. glaubt doch auch hier das 
Streben des- Verf. ehren zu müssen, Dunkelheiten zu erhellen, 
Differenzen auszugleichen, und minder bekannte Dinge mit 
Eifer Und Scharfsinn zur Evidenz zu bringen, so wie er nicht 
weniger- die 'Conserjuenz lobt, mit welcher der Vf. seine theo* 
retischen Ansichten zu realrsiren bestrebt ist. — Von Druck« 
ieblern ist das Buch nicht frei, und gerne will Ref. auch die 
Worte^Stuffe *st. Stufe > pernhiosus st. perniciosus, Opisto- 
thonus und Epistotbonus st. Opisthotonus und Episthötonus , 
Catharrhus st. Catarrhus dabin zählen, obwohl sie öfters vor- 
kommen. — Eine kurze Inhaltsanzeige zu leichter Uebersicht 
der Schrift hatte riicbt fehlen sollen. - 



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656 Mone Badisches Archiv. 

Badisches Jrxhiv zur Vattrtandskande im allseitiger hinsieht. < Heraus- 
gegeben von Franz Joseph Mone* Erster Band , mit einer 
Charte. Karlsruhe, bei Braun. 1826. Vül and 573 S. in 
gr» 8- '3 fl. 36 kr.; 

An das Streben, die Landesgeschichte zu erhellen, um 
die Allgemeine zu fördern, das sich jetzt in manchen Staaten 
Teutschland* kund gibt, schliefst sich auch raein Unternehmt n 
an. Die Ueberzeugung, dafs aus den Archiven und anderen 
Quellen, die in den einzelnen Ländern vorhanden sind , viele 
That sachen der allgemeinen teutschen Geschichte eine andere 
Begründung und eine richtigere Würdigung als die gewöhn- 
liche erhalten, dringt sich demjenigen von selber auf« der 
nur einigermaßen die Schätze grofser Archive kennt« Durch 
die Auflösung des teutschen Reiches haben diese Sammlungen 
einen politischen Abschluß erhalten, und die Zeit ist jetzt 
eingetreten., wo die meisten jener Rücksichten wegfallen, die 
früher die Benutzung und Bekanntmachung archivalischer 
Nachrichten hinderten. Ob es daher jetzt an der Stelle sey, 
solche Forschungen und Quellen zur Territorial •Geschichte, 
herauszugeben, möchte wol ziemlich zu rechtfertigen seyn, 
wenn der Unternehmer nur hinlänglich nachweist, dafs er da- 
zu in den Stand gesetzt ist. Das kann ich mit zwei Bemer- 
kungen abmachen, einmal mit Hinweisung auf den ersten Band, 
aodann mit der Erklärung, dafs die badische Regierung mir die 
Staatsarchive von der früheren Zeit bis zum Jahr 1Ö13 geöff- 
net, was ich hier mit gebührendem Danke anerkenne. 

Nach der Ankündigung soll das badische Archiv drei Haupt- 
abtheilungen ausfüllen : Geschichte, Statistik und vermischte 
Nachrichten, und zwar bei der Geschichte sowohl die des 
Staates als der Kirchen und Sekten , der Schulen , Literatur 
und Bildung, der Rechte, Gesetze und Verfassungen aller 
Landestheile, des Kriegs« und Militärwesens, des Handels, 
der Gewerbe und des Ackerbaues , der einzelnen Städte und 
Ortschaften, Lebensbeschreibungen bedeutender Männer, Bei- 
träge zur Geschichte der Sprache, Kunst und Altertbümer, 
Die Statistik von ähnlichem Umfang, verbunden mit Geogra- 
phie, Geognosie und Erdgeschichte des Landes. 



(Der Beschlujs folgt.'} 




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* 



N. 42. 1826. 

Heidelberger 

Jahrbücher der Literatur. 



Mone, Badisches Aröhiv.. 

(Beschlnfs.) 

* • 

In wie fern auf diesen vielfachen Zweck in vorliegendem 
Bande Rücksicht genommen, mufs ich durch eine kurze Dar- 
legung seines Inhalts zeigen. « 

I. Ueber den alten Flufslauf im Oben beinthal. Gehört 
zur ältesten Geographie des Landes, und ist die Grandlage, 
nach welcher die römischen und teutschen Ansiedelungen im 
hadischen Rheinthal beurtheilt werden müssen. Diese erste 
Abtheilung geht nur von Worms Im Speier, umfafst aber 
beide Ufer, und gibt schon bedeutende Resultate. Denn es 
ist nicht von einzelnen Stromkrümmungen die Rede, sondern 
davon, wie sich der See des Oberrheines in Flüsse gebildet 
hat. Auszug verträgt die Sache nicht. 

II. Die vaterlünd ischen teutschen Dichter des Mittel- 
alters. S. 48. Zur LiterSrgeschichte. Es sind Epiker, Minne, 
»inger, Meistersinger , Spruchdicbter, Reimchroniston , gegen 
acht und zwanzig, welche zuverlässig oder sehr wahrschein- 
lich als Landsleute nachgewiesen sind. Von den Lebensum- 
ständen mancher derselben ist hier zuerst urkundliche Nach- 
richt gegeben. < 

- Iii.- Bericht eines Augenzeugen über die Belagerung und 
Einnahme der Stadt Tbiengen im Klettgau, 1499« Aus dem 
Arcßive der Stadt Freiburg , von Herrn Präfekt Dr. H. Schrei- 
bet. JEin Beitrag zur Kriegsgeschichte. 

IV. Philipp II, Bischof zu Speier. Lebensbeschreibung 
als Einleitung zu seinem Werke : die Flersheiuier Chronik, 
wovon Würdtwein in den „Kriegen und Pfedschaften Fran- 
zens von Sickingen« (Mannheim i?87. 8.) einen Theil be- 
kannt gemacht , ohne deqg&Rftfasser zu kennen. Würdtwein's 
Handschrift war oft verstummelt und verfälscht. In einein 
folgenden Bande soll Philipps Werk abgedruckt werden. 

XIX. Jahrg. 7. Heft. 42 

* 

♦ 

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658 Mone Badisches Archiv. 

V. Zur Geschichte der VValdenser 1688 und 89. Zur 
Kirchengeschichte. Zwölf Originalbriefe, welche Ober die 
Geschichte dieser Sekte in ihrer Verfolgung und Aufnahme in 
der Pfalz 9 im Anspachischen, in Hessen und Holland interes- 
sante und bisher unbekannte Nachrichten geben« 

TL Statistik der Mittelschulen in Baden. Wird fort« 
gesetzt und hat zum Zweck, durch genaue faktische Darlegung 
des Zustandes über das Studiren und die Schulen ein gründ- 
liches Urtheil vorzubereiten. Die Meinungen des Tages in 
den Schulblattern können mich hier nicht kümmern y da ich 
nicht von vagen Ansichten ausgehe, sondern auf bestimmte 
Tbatsachen mich stütze und ihre Resultate auf ein bestimmtes 
Land anwende. , 

VII. Beiträge zur Geschichte von Rastatt. Zur Orts- 
und .Bezirksgeschicbte in manigfaltiger Beziehung. Meist 
aus den Urkunden der Stadt geschöpft, und ein Theii der alten 
Ordnungen im Text beigedruckt. 

VHI- Zur Geschichte und Statistik der vaterländischen 
Bäder und Gesundbrunnen. Dafs Baden an diesen Gegen- 
ständen reich ist, braucht nicht erwiesen zu werden, bis jetzt . 
alter fehlte eine allgemeine Zusammenstellung und Uebersicht, 
die ich hier gegeben» und neun und vierzig Bäder und Ge- 
sundbrunnen aufgezählt habe , ohne die Vollständigkeit zu er- 
reichen, da mir schon mehrere Anzeigen zugekommen , dafs 
ich einige übersehen. 

IX. Uebersicht der vaterländischen Literatur der Ge- 
schichte von. 1Ö20 bis 1825. Es sind hier vier und dreifsig 
Schritten theils mit theils ohne Beurtheilung aufgeführt , wel- 
che in diesem Zeitraum erschienen sind, Grundzüge zu einer 
bihliotheca historica des Landes. Die Schriften behandeln ' 
viele Zweige der Geschichte, die des Staates (zwei) , der Re- 
genten (vier), des Kiieges (vier), der Kunst (sechs), der 
Städte (sieben), der alten Geographie (vier), der neueren 
(fünf) und der Statistik (zwei). 

X. Vermischte Nachrichten. 

Es erscheinen jährlich von dem badischen Archive zwei 
Bände, jeder von 24 his 25 Bogen, init Charten und andern 
Abbildungen. , 

F, J. Mone. 



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I 

v. Weiler über Verwaltung und Justiz. 659 



Leber Verwaltung und Justiz und über die Grenzlinien zwischen beiden. 
Ein Beitrag zur Staatswissenschaft von Freih. v. W eile r 9 GH. 
Bad. Oberhof gerichtsruthe. Mannheim , bei Schwan und Götz. 
70 S. 8. 48 kr. 

Der Verf. unterwirft in dieser Schrift eine Frage , welche 
eben so wichtig in praktischer Hinsicht als bestritten in der 
Wissenschaft ist, von neuem der Untersuchung. 

Nachdem der Verf. in der Einleitung den Gegenstand der 
Untersuchung angekündiget und auf das Interesse der Aufgab*, 
hingedeutet hat, stellt er in dem ersten Abschnitte der 
Schrift die allgemeinen Grundsätze dieser Lehre auf. Der Vf. 
bestimmt, um dessen Meinung kurz zu bezeichnen j die Scheid-' 
linie zwischen der Verwaltung (dieses Wort in seiner weite- 
ren Bedeutung genommen) und der Justiz durch die Vetschie«' 
denheit der Gegenstände, Welche für die eine und welche 
für die audere gehören. Er geht daher, wie billig, von einer 
Einthtilung der Gegenstände der Staatsgewalt (Iberhaupt aus. 
Nach ihm ist das gesammte Recht des Staates entweder öffent- 
liches oder Frivatrechti je nachdem es die Beziehung des Ein- 
zelnen im Staate zum Staate öder die Beziehung der Einzelner! 
im Staate zu einander bestimmt. Das erstere begreift wie« 
derum einen formellen Theil (die Landesverfassung und die 
Landesorganisation) und einen materiellen Theil (die Staats- 
polizei in der allgemeinsten Bedeutung des Worts, die aus- 
wärtige Politik und die innere Staatspolizei) unter sich u.a. w. 
In Beziehung auf diese Eintheilung beschränkt sodann der Vf. 
das Ricbteramt auf dasjenige, was in das Gebiet des Privat- 
rechts füllt, und auch dieses weist er dem Richteramte nur 
in so fern an, als etwas hiervon unter Pa rtheien streitig 
ist. Endlich leitet er aus diesen Grundsätzen die Folgerungen 
ab; die sich aus denselben für die vorliegende Aufgäbe unmit- 
telbar ergeben, z. B. dafs die Gerecbtigkeitspflege ah gewisse 
Formen zu binden sey; dafs eine und dieselbe Sache in ver- 
schiedenen Beziehungen Sowohl für die Verwaltung als fftr die* 
Justiz gehören könne; dafs zuweilen und wie VerhiiltnisSd 
des öffentlichen Rechts in das Gebiet der Gerechtigkeitspflege 
eintreten. Dabei nimmt er zugleich auf die Verschiedenheit 
der VerwaltungsgeSchiifte, so wie auf die Frage* Rucksicht * 
ob die Verwaltung und die Gerechtigkeitspflege verschiedener! 
Behörden anzuvertrauen sey. Mari kann ohne alle Partheilich- 
keit behaupten, dafä der Verf. die Theotie, für welche et 
Sich erklärt, zuerst mit einer gewisser! Vollständigkeit aus- 
ind durchgeführt bat; 

42 * 




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660 



v. Weiler über Verwaltung und Justiz* 



Der zweite Abschnitt ist der Geschichte dieser Leh r e 
d. b. der Darstellung der Meinungen Anderer über das VerhüJt- 
nifs -zwischen Verwaltung und Justiz gewidmet. Aus dieser 
Darstellung geht hervor, dafs zwar fast alle Schriftsteller über 
diese Lehre die Verwaltung und Gerechtigkeitspflege , so wie 
der Verf. selbst, nach den Gegenständen von einander 
trennen y dafs jedoch die einen die Grenzlinie mehr andeute n 
als bestimmen, die andern aber die Untersuchung fast aus« 
schliefslich nach dem posi tiven Rechte, nach dem Deutschen 
Staatsrechte, führen. Der Verf. ^ dessen Hauptzweck die phi~ 
losophische Bearbeitung dieser Lehre war, führt jedoch .bei 
dieser Gelegenheit auch die reichs^ esetzlichen Bestimmungen 
flher das Verhaltnifs zwischen der Verwaltung und der Ge- 
rechtigkeitspflege an , und vergleicht diese Bestimmungen mit 
den Resultaten der von ihm in dem ersten Abschnitte aufge- 
stellten Theorie. Einen eigenthümlichen Weg schlug Gönner 
bei der Bearbeitung dieser Aufgabe ein; er beschränkt, dem 
allgemeinen Staatsrechte nach, die richterliche Gewalt auf" 
Streitigkeiten der Bürger über Rechte in ihren Privatver- 
hältnissen, und nimmt Klagen gpgen die oberste Gewalt im 
Staate von der Kompetenz der Gerichte aus; er scheint also 
das Hauptmerkmal einer Justizsache von der Eigenschaft der 
streitenden Partheien zu entlehnen. (Ree. bekennt sich zu 
einer dritten Meinung. Nicht der Gegenstand, nicht die 
Betheiligten oder die Partheien unterscheiden , nach allgemei- 
nen Grundsätzen , Rechtssachen von Regierungs- und Verwal- 
tungssachen , sondern allein die Fo i m. Ein jeder Streit zwi- 
schen zwei Personen über ein 'Recht — die Eigenschaft der 
streitenden Theile und die Beschaffenheit des Rechts mag seyn, 
welche sie will — den Streit allein ausgenommen , aus wel- 
chem die Gesetze hervorgehen, ist an sich eine Rechtssache, 
eine Sache , welche von einem Richter zu entscheiden ist oder 
entschieden werden sollte. Allerdings kann kein Staat in der 
Welt diesem Begriffe gemäfs den Uintang und die Grenzen der 
richterlichen Gewalt bestimmen. Aber, die weitere Frage, 
welche Rechtssachen man gleichwohl den Regierungs- und 
Verwaltungsbehörden zur Entscheidung zu überlassen oder der 
Gerichtsbarkeit der Gerichte zu entziehen habe, ist nicht eine 
Rechtsfrage, nichteine Frage, welche nach allgemeinen Grund- 
sätzen über das reinliche Wesen der richterlichen Gewalt be- 
antwortet werden könnte, sondern lediglich und allein eine 
Frage der Staatsorganisationslehre, eine Frage, welche in 
einem jeden einzelnen Staate durch das urkundliche Recht ent- 
schieden werden mufs. Nur das ist Rechtens : In dubio pro 




> * 

■ 

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Schweitzer übet sächsisches Heeh t. 



661 



judieiis; alles andere gehört für dieStaatskunsr. Hiermitwill 
ftec, der vorliegenden Schrift, welche von einer ganz andern 
Ansicht ausgeht, in keiner Hinsicht ihren Werth absprechen^ 
Auf jeden l'all kann man die ganze Untersuchung, so wie sie 
der Verf. geführt hat, zugleich als einen Beitrag zur Lehre 
von der Organisation der Staatsverfassung betrachten und be- 
nutzen. Jedoch erlaubt sich Ree. an den Verf. die Fragen zu 
richten: steht wohl die Eintheilung des Rechts in das öffent- 
liche und in das Privatrecht so fest, als man gewöhnlich, durch 
das Ansehn der Römischen Rechtsgelehrten verleitet, glaubt? 
oder hat der Verf. nicht selbst von denen, welche ohne irgend 
ein Vorurtheil gegen seine Theorie die Schrift lesen,- Einwen- 
dungen zu besorgen , wenn er §. 30. die Bestrafung der Ver* 
gehungen nur gleichsam bittweise oder aus Billigkeitsgründen 
in das Gebiet der Gerecbtigkeitspflege rieht?) 

In dem dritten und letzten Abschnitte führt der Verf. 
die gesetzlichen Bestimmungen des Budenscheh Rechtes über 
das Verhältnils zwischen der Verwaltung und der Gerechtig- 
keitspflege an. Er begleitet diese Bestimmungen mit zweck- 
mäßigen Eilüutertiugeu und mit der Erzählung einer bedeu- 
tenden Anzahl von Rechtslüllen , in welchen jenes Verhaltnifs 
zur Sprache kam. Die vaterla* ndischen Geschäftsmänner wer- 
den diesen Abschnitt 'mit besonderem Interesse lesen und ihn 
in vorkommenden Fälleii mit Nutzen zu Ruthe ziehen, 

Z ach ari& 



Otjfvnt liehe $ Recht des Crojsherzogthüttis Sachsen" PVcimpr - Eisenack. 
Von D#v Christ. Wilh. Schweitzer. Erster Theil. Wei- 
mar , bei PV. Hoffmann. 1825. 213 S. 8. 1 Tblr. 

Der zweite Theil dieses Buches wird nächstens erschei- 
nen. Der Verf., ein geschätztes Mitglied der GH. SW. Re- 
gierung, wollte nur die Beendigung des vierten Landtages des 
Grofsherzogthumes abwarten, welcher eben jetzt gehalten 
wird, da die Ergebnisse dieses Landtages mehrere Abschnitte 
des Buches berühren werden. Auch das Erscheinen des ersten 
Theiles würde von dem Verf. bis dahin ausgesetzt worden 
*eyn, -wenn dieser nicht an einem für Weimar restlichen Tage, 
bei dem Regierungs« Jubiläum des Grofsherzogs , an dasjenige 
hätte erinnern wollen , was dieser Fürst für die innigere Ver- 
bindung, zeitgemäfsere Gestaltung und festere gesetzlichere 
Ordnung des ihm anvertrauten Staates gewirkt, gethan habe. 



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662 Schweitier über sächsisches Recht. 

Das Buch schliefst sich an die Werke, die wir in den letz- 
teren Jahren über das Staatsrecht einzelner Deutschen Staaters 
erhalten haben. Die Ordnung ist zweckmässig, mit Rücksicht 
auf die Eigentümlichkeit des Gegenstandes gewählt ; der Vor- 
trag einfach und klar. Der vorliegende Theil bändelt von der 
allmähligen Bildung des GH. ; von dem öffentlichen Rechte de« 
Staates im allgemeinen ; von dem Regenten ; von den Unter- 
Chanen; von den Landstanden ; von den. Staatsdienern (oder, 
wie vielleicht die Ueberschrift hätte lauten sollen , von den 
Staatsbehörden); von dem Staatsgebiete. Als ein Verdienst 
wird man es dem Vf. anrechnen , dafs er sich nicht über das 
allgemeine Deutsche Staatsrecht verbreitet. Für die Richtig, 
kri t der in dem Buche enthaltenen Säue des positiven Recht« 
bürgt schon der Name und die Stellung des Vis. Eher Würde 
Ufc. den Wunsch äu (sein 9 dafs es dem yf. gefallen hätte , sich 
noch tyber einige in das Staatsrecht des GH. gehörende oder 
diesem Rechte verwandte Gegenstände zu erklären, z.B. Über 
das für das Herzoglich -Sächsische Gesa mm t haus bestehende 
f^bfoJgececht. Doch vielleicht wird der zweite Theil des 
Qu$b?f diesem Wunsche zuvorkommen. 

Der , welcher aus einem allgemeinen Standpunkte die Rechte 
und die Verwaltungsformen der verschiedenen Deutschen Staa- 
ten betrachtet , sie Unter sich oder mit Cen Bedürfnissen oder 
Stimmen der Zeit vergleicht, wird auch in diesem Buche reiche 
ba]tigen Stoff 311m Nachdenken finden; — wie die Verfassung 
des Grofsherzogthums den alterthümlichen Charakter der Deut- 
schen Landesverfassungen im Ganzen mit Treue bewahrt, wie 
gleich wohl Vieles im Stillen und nach und nach und mit der den 
sächsischen Regierungen überhaupt eigen t heimlichen Schonung 
der bestehenden Formen zeitgemäfs abgeändert worden ist, 
W»e die neue landständische Verfassung schon mannigfaltig in 
die öffentlichen Verhältnisse eingegriffen bat, wie der ganze 
JJau und Geeist der Verfassung des Grofsherzogthumes von dem 
der. Süddeutschen Staaten wesentlich verschieden ist u. s. w. 
Die Bundesverfassung Wäre vielleicht für ein grofseg Volk die 
vollkommenste, wenn sie den einzelnen Stämmen des Volkes 
\n demselben Grade Sicherheit gegen den äufseren Feind ge- 
Währte, in welchem sie einem jeden Stamme die Freiheit la Ist, 
die ihm eigen t heimlichen Interessen nach Lust und Gefallen 
nach seiner Art und nach seinen örtlichen Verhältnissen zu 



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Bröndsted't Reisen und Untersuchung« n in Griechenland« 663 



Helten und Untersuchungen in Griechenland % nebst Da/- 
Stellung und Erklärung vieler neuentdeckten Denkmäler Griechi- 
schen Styls , und einer kritischen Uehersicht aller Unternehmungen 
dieser Art , von Pausanias bis auf unsre Zeiten, In acht Büchern, 
Sr» TW« dem Könige von Dänemark gewidmet von Dr. P. O. 
Broendst ed 9 der Universität zu Kopenhagen und mehrerer Aka- 
demien Mitglied e ; Ritter des Danebrog - Ordens , Konigl, Däni- 
schem Geschäftsträger am Römischen Hofe* Erstes Buch* 
Stuttgart , im Verlag bei J, G Cotta» Paris > gedruckt bei 
Firmin Didot, Königlichem Buchdrucker 9 Jacobsstrafse No, 24. 
1826. -Folio* Inhaltsanzeige , Zueignung, Vorrede XX S. Text 
129 S. mit 54 Kupfertafeln, Subscriptionspreis l8 fl. 36 kr. 

Hiermit beginnt ein Werk von schwerem Gewicht und 
von bleibendem Werth — ein Werk, das um Ersatz liefert 
iör das leider nie erschienene ; La Grece compare'e dt-s be- 
rühmten Villoison, dessen Sammlungen in der lariser Bihlio- 
tbek unser Verfasser selbst mit Achtung betrachtete , und Iii o 
und da benutzte. Mit Einem Worte , Herr Kitter 15 r o e n d - 
sted hat schon in diesem ersten Buche die nicht geringen 
Erwartungen übertroffeii , die man von ihm als Altei thuüis- 
forscher und als Entdecker wichtiger Ueberreste Griechischer 
Kunst fassen konnte; und wenn dieses Werk einerseits die' 
strengsten Forderungen des Gelehrten befriedigt, so ist es an- 
drerseits durch Inhalt und Darstellung im höchsten Grade ge- 
eignet, jeden gebildeten Menschen zu erfreuen und zu beleh- 
ren, aber auch ganz dazu gemacht, eine grofse Masse ober- 
flächlicher Keisebeschreibungen über jene classischen linder 
tu Grunde zu richten, den künftigen Schreihein ihr oftmals 
$<s leichtes Geschäft nicht wenig zu erschweren, und viel 
seichtes Gerede mancher jetziger Zeitschriftsteller üher Grie- 
chenland und über die Griechen in Mifscredit und Vergessen- 
heit zu bringen. 

Dies Urtheil wird sieb schon aus einer kurzen Uehersicht 
des Inhalts bei jedem unserer Leser von selber bilden» Denn 
in der sicheren Voraussetzung, dieses Buch werde sich bald 
ein grofses Europäisches Publicum erwerben, werde ich mich 
dar a u f beschränken , und dabei dem gelehrten Verfasser mei- 
nen Dank und meine Achtung durch die Zugabe von philolo- 
gischen Erörterungen zu erkennen geben, Inhaltsanzeige, 
Zueignung an S. Maj. den König vQn Dänemark, woiin 
der Unterstützung gedacht wird, welche die Dänische Hrgio- 
rung solchen Untersuchungen gewährt, und zugleich das An* 
denken des berühmten Carsten Niebuhr erneuert, wiid* 



664 Bröfldsted*« Reisen und Uutersuchungen in Grwcheolaod* 

Vorrede: Wissenschaftliche Vorbereitung des Verfassers. 
Aufenthalt in Paris — > Bast, Hase, Bredow; die Reisebeglei- 
ter: KoÖs, Haller von Hailerstein (dessen schöne Sammlungen 
Referent vor einigen Jahren in Nürnberg durch die Güte des 
Hrn. Bruders des \ erstorbenen zu betrachten Gelegenheit hatte), 
Linckb und Freiherr O. M. von Stackelberg — mit edlem rüh- 
renden Rückblick des Verf. auf die ihm und der Wissenschaft 
zu früh Entrissenen. Zweck dieses Werks p. XIV: n Es lag 
in der Beschaffenheit der Materialien, aus welchen dieses 
Werk bestehen wird, dafs eine mit den verschiedenen Reisen, 
und Unternehmungen chronologisch fortschreitende Erzählung 
(man denkt sich gewöhnlich bei dem Worte Reise, Voyage, 
als Benennung einer Schrift, eine solche Form) dein Zwecka 
des Verfassers gar nicht entsprechen konnte. In einem -Wer« 
ke, das zugleich archäologisch und historisch, geographiscU 
und didaktisch werden soll, in welchem das 18 1 1 und i8J2 
Entdeckte sich durch etwas Anderes in 1820 oder 182 1 Ge- 
fundene oder Erwogene erklärt — und wo der Verfasser , 
und mit ihm der Leser, sich bald im alten, bald im jetzigen 
Griechenlande bewegen wird, mufste jene Form , die über- 
haupt Wiederholungen ausgesetzt ist, aufgegeben werden. 
Vielmehr geht der Zweck des Verfassers dahin: aus seinen 
Reisetagebüchern und Papieren durchaus nur dasjenige 
auszubehe:, was ihm selbst als neu, merkwürdig 
und in irgend einer Beziehung, für - Wissen- 
schaft, für Kunst, oder für Kenntnifs örtlicher 
Verhältnisse und des jetzigen Grieche nlandes 
wichtig vorkömmt; dieses mit der strengsten 
historischen Wahrheit darzustellen und zu er- 
läutern, auch, in sq fern es seine Kräfte erlau- 
ben, durch Beihülfe altert hü in lieh er Forschuh- 
gen.« — Anordnung der gröfsern und kleinem bildlichen 
Darstellungen in diesem Werke (pag. XV.). — Angabe der 
Künstler, die in Rom , Paris und London für den Verf. gear- 
beitet und noch arbeiten (p. XVI.), Hiebei der Satz , dafs 
die Griechen am gröTsesteu in der Kunst gewesen; und 
wer die Griechische Vorwelt nur durch das Wort siebet, der 
betrachtet sie nur mit Einem Auge« (p. XVI.). — Betrach- 
tungen über die jetzigen Griechen (p. XVII — XfX.). — 
Plan des auf acht Bücher berechneten Werkes. — Dankbare 
Erwähnung der Beihülfe, die namentlich auch bei der Fran- 
zösischen Ausgabe dieses Werks die Herren Raoul-Ro. 
chetle, Hase und Letronne dein Verfasser geleistet 
( P . XIX. XX,). 




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t f 

Blondste*'* Reisen und UntertiichoDgen ia tfriecheuUad. 665 

Erstes Buch: Ueber die Ins©) Koos, jetzt Zea 
(womit sich, verschiedene Episoden abgerechnet, dieses ganze 
erste Buch und zun» Theil auch das »weite beschäftigt), -*r 
Abreise von Athen nach Zea den 18. December löll. (p. 3 ff.) 
— Des Europäischen Griechenlandes Natur mannigfaltig, 
kühn , romantisch ; des Asiatischen stäter und minder kühu 
(p. 6 ) — Die enthusiastische Liebe der Griechen zu ihren 
Inseln; das herrliche Meer des Arcbipelagus {pag. 7 f.). — 
Gründe des Verfalls des Wohlstandes der Griechischen Inseln 
in alter, mittlerer und neuer Zeit (pag. 9 ). Oie vier alten, 
Städte auf Keos (p. n ff.). Wunsch des Verf. , die Griechen 
möchten, wenn sie frei geworden, selber die Reste der Kunst 
unter ihrem vaterländischen Boden aufsuchen, — Auffindung 
der gröf seren Hälfte, einer kolossalen marmornen Apollons« 
itatue, der Vaticanischen ähnlich, in den Ruinen der alteu 
Stadt Karthäa (p. 19 f ). Betrachtungen des Verf. über den 
Kampf der Roheit und der Bildung auch unter den alten Grie* 
eben, und warum dasselbe Volk Kunstwerke hervorbrachte, 
und sie auch zerstörte. — Der weibliche Torso fast natür- 
licher Gröfse, in denselben Ruinen gefunden, pag. 22 f* mit: 
tab. IX. Der Verf. berichtigt nachher selbst seine erst geäus- 
serte Meinung, dafs es eine Artemis sey, p. 124* dahin, dafs 
er darin eine Leto erkennt. — Geographisch • historische Er- 
gebnisse der Untersuchungen unserer Reisenden über die Lage 
der vier alten Städte auf der Insel Keos , mit Berichtigungen 
der Angaben und der Charten von Toumefort, D'AnviTle und 
Andern Cp- 19. p. 32 — 36* vergl. p. 86. mit Grundrissen, . 
Ansichten, verschiedenen andern Abbildungen und mit einer 
Charte der Insel aus den Papieren der Reisenden von Tardieu 
in Paris No, XII.) : Karthaea lag, wo jetzo taes l'ölaea (r<r7; 
Ui\oui)\ Julis, wo die heutige Stadt Zea (Zia)' f Koressos (Ko- 
reisia) nordwestlich au der Bucht, wo jetzt T o A<pavM lin <* 
Pöeessa (Xlot^va) südwestlich , an dem Orte, der heut zu Tage 
Kovvroüfo heilst. (Die Verbesserung des Verf. p. 33. not. 3. 
in der Stelle des Ptolemäus III, 15. hat schon van Lennep zu 
Ovidii Heroid. XX. 221. pag. 300 : Ko^airSfi dafs man statt 
Sarkophag sagen soll Soros, j a'fo; pag. 30. not., bemerkte 
schon Schneider im Wörtern.) — Auffindung, nördlich von, 
der Stadt Zea, eines noch von keinem Reisenden beschriebe- 
nen kolossalen Löwen, aus hellgrauem Sandstein, dem Ge-. 
steine des Gebirges , das ihn umgiebt, mit einer ergänzenden x 
trefflichen Zeichnung vonCockerell in einem doppelten Kupfer« 
stich von zwei Seiten, radirt von Reinhait (tab. XI.) ; be- 
schrieben und eben so scharfsinnig als glücklich erklärt p. 31 ff. 



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666 BrSndsted's Reisen und Untersuchungen in Griechenland. 

Vom Verf. nach einem merkwflrdigen Fragment des Heraclides 
aus Pontus (lX pag. 10. Koeleri) aus dem Localmythus, von 
einem Löwen, der die Nymphen aus Keos verscheucht, wor- 
auf sie nach Karystos entflohen. (Dtr Verf. hat jenem ganzen 
Fragment des Heraclides im Verfolg mit Recht eine eigene 
Beilage gewidmet, die dem Referenten zu einer näheren Er- 
örterung Anlafs gehen wird.) — Archäologie und Geschichte 
der Ke'ier, Naturumwälzungen und ihre Ursachen, PhÖnicier 
und Karer auf den Gykladen; die Besetzung der Insel Keos 
durch Hellenen geht weit in die graue Vorzeit zurück ; sie ist 
in den Mythen und Erzählungen von Apollo, Bacchus, Keos 
und Aristäos enthalten (p^g. 37 — 41.). Hiebei Grundsätze 
des Verf. in Behandlung der Mythologie und Kunstgeschichte 
der Griechen. „Das öffentliche Leben der Hellenen schlofs 
sieb aufs innigste an seine Religion an; die meisten Hervor- 
bringungen der Griechischen Kunst aus einer freien und schö- 
nen Zeit sind, so zu sagen, religiöse T baten; Motive 
und Wirkungen folgten sich im Griechischen Alterthum immer 
In dieser Ordnung: z u v ö r d e r st Organisation und Natur- 
beschaffenheit ; dann Mythos , GJaube , Religion ; endlich 
That und Denkmal.« Vortrefflich. Nur möchte ich zum 
zweiten Gliede, nach dann, noch beifügen: Spruch, Ge- 
bet, und bei'm dritten erinnern, dafs Denkmal erst sym- 
bolisch, hieratisch ist, ehe es in das Gebiet der Kunst tritt. 
Doch der Verf. setzte dies voraus; denn gleich, darauf erblickt 
er ja in 4er lichtvollen Erörterung des, wie der Verf. sagt, 
uralten, Mythus von Apollon - Aristäos in diesem letz- 
tem: »ein Symbol der Fruchtbarkeit und der Cultur, der 
Sitte und Zucht«. Aber nicht immer nimmt der Mythus t den 
vom Verf. angegebenen Gang; z. B f der Kretische, dafs Kro- 
nos seine eignen Kinder, verschlang, kann doch, wobl nicht 
aus der Naturbeschaffenheit der Insel Kreta entsprungen | seyn, 
Folgende treffliche Stelle verdient von manchen heutigen My- 
tbologen und Geschichtsforschern beherzigt zm Warden , p. 43 r 
„Denn nur Diejenigen , welche, dem tieferen Si qj^e'HeJf 
leniseber Dichtung fremd, überall bjois dem, wamste hi- 
storisch nennen, nüchtern nachgehen, m$gen. bei. i?der; 
kleinen Verschiedenheit in diesen wie in den meisten, sy nv-. 
bolischen Sagen eines, phantasiereichen. Volles, ängstlich^ 
nach Erklärung grübeln.« 1™ Verfolg bemerkt der. Ver^ass^c 
pag. 47 : »dafs die Verehrung des Aristäos a]|entj^a}bei\ v auE 
dieser Insel mit dem. uralten Phöbosd.*enst, mit der Yejveb^ 
rung Apollous, aber hier nicht mit deuiZeut dienet verbunden, 
war. « Weiterhin p. 49. bestimmt er dies näher : M Dafs, mu^ 

■ 



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BrSudsted's Reifen und Untersuchungen in Griechenland. 667 

Keos der Zeusdienst nicht ein allgemeiner und erhabener f 
dem Vater der Götter und Menschen geweiheter Cultus , son- 
dern blos ein mit der Besänftigung des Sirius und mit den im 
Frühling angestellten meteorologischen Beobachtungen ver-* 
bundener Opferdienst gewesen. « ( Hier bemerke ich zuvör- 
derst, dafs jene meteorologischen Beobachtungen nicht im 
Frühling , sondern in der Opora nach der Sommersonnenwende 
gegen die Hundstage angestellt wurden — S. Aristotelis Me- 
teorolog. II. 5. p. 64. Sylburg. Theophraat. de cauas. plant f« 
L 14. (13.) §. 3. 4. p. 359. Schneider, vgl. J. Fr. Pfaff Com- 
ment. de ortib. et occasib. Siderum p. 41. und p. 44. — VVaa 
die Sätze des Verf. selbst betrifft, so wollen wir gleich von 
der Bedeutung des Gebets in den Mythen eine Anwendung 
machen. Wenn die alten Athener beteten: »Regne, regne, 
Zeus, auf unsre Felder« (JVJarc. Antonin. V. 7.), so hatten 
sie deswegen doch ein Olympium COjUfciriov) t un< * verehrten 
den Olympischen Zeus, wie andere. Griechen. Nun hören 
wir ja aber bestimmt, dafs auf Keos ein Heiligthum (<V y ) 
des Ikmäiscben ('In^a/ou A/05) Zeus, d. h. des. Verleihers der 
Feuchtigkeit (A«fy c , ou ), vorhanden war (Scholiast. ApöUon. zu 
vi. 524 ). Das 'inuls uns schon zu dem Schlüsse führen, dafs 
olympisches Walten und meteorisches in der Ansicht der alten 
Naturreligion nicht getrennt waren, unddaf&geradeder Olyuu 
pisebe Zeus auch regnen lasset. Aus Hygin (Poöt. Aatron. 
II. 4« pag« 429 sqq. Verheyk.) geht ferner hervor, dafs diese 
Attische Mythen mit den Ke'ischen organisch zusammenhän- 
gen. Und ward denn nicht Aristäos von den Ar kadiern als 
Zeus verehrt (Nam apud Arcades pro Jove coli tu r — Ari» 
staeus — Serv. ad Georg. I. l4.)t woher er nach, oder wo« 
bin er von Keos gekommen war? Wird nicht dem Aristäut 
das Versprechen ganz allgemein gegeben , dafs er. den Na* 
men Zeus führen so lle? (ljind, Pyth. IX. 112.) VVas heifst 
aber Zeus -'Ap<ora7o; anders als Juppiter O p t i m u s ? Und, ist 
dies nicht der Ehrenname des Juppiter in der allgemeinen 
Staats - und Reichs religio n seihst der Römer ? Das war ge- 
rade der wohlthätigste Juppiter ( „ beneheentissimus cc Cic de 
N. D. IL 25. 64«)> °* e 'i man durch den Beisatz maximus zu- 
gleich als den erhabensten der Olympier bezeichnete, aber 
auch, wenn man vorzüglich auf seineGüte sah, optimus al- 
lein nannte ( Cicer. de llepubl. I. 35. III. l4..)t w A e Zeus« 
Aristäos. Auch hatte Aristäos. seihst dem Ikmäiscben Zeus 
auf der Insel Keos einen Altar gebaut. Nun ist es aber irn 
Geiste der Mythen , dafs solche Stifter von IIeiligthümeri\ 
mit dem Gegenstande der Verehrung, die sie eingeführt, ver-. 



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668 Br&ndsted's Reisen uhd Untersuchungen in Griechenland. 

mengt werden, und auch so schon mußte Aristäos bei den 
Keiern als Zeus genommen werden. Es giebt ferner eine 
Sage, dai's jene physische Noth Griechenland überhaupt be- 
troffen, und dafs Aristäos für alle Hellenen das Opfer 
dargebracht (xo/»jcva<r3ai t>jv O.fftav u^avrwv rcuv 'EAA^v^v. 
Diodor. IV. 83.). Hiernach mulste es ein pan helle nischer 
Opferdienst seyn, und dieser galt dem allgemeinen Olympi- 
schen Vater. Was endlich die Hauptsache ist, auf dieser In- 
sel verehrte man den Zeus der Feuchtigkeit und der kühlen 
Winde wegen (/ K /^a5o; tat avlpwv Schol. ApolU 1.1.). Diese 
verleihet nicht Apollon, sondern Zeus. Folglich mufsten 
die Ke'ier, für die jenes die gröfsesten Wohltbaten waren , 
bei ihrem Aristäos, bei dem besten Gotte, nothwendig im- 
itier an Zeus Ikmäos denken, d. b. an einen Olympischen 
Vater, der die Menschen durch Kühle und Regen erquickt; 
und es ist unter diesen Umstünden kein Grund vorhanden, 
die Nachricht des Athenagoras Legat, pro Christ, cap. 14: „die 
KeXer halten den Aristäos für einerlei mit Zeus und mit 

* 

Apollon", zu bezweifeln; vielmehr mufs sie im allgemeinsten 
Sinne gelten, mögen nun die Ke'ier noch einen besonderen 
Xeustempel oder gar ein Olympium gehabt haben, oder nicht. 
Sie konnten ja ihren Juppiter optintu» aucii unter freiem Him- 
mel auf den Bergen verehren.) — Apollon agreus (ayj'w'O ♦ 
der Jäger. Dieses Epitheton wird aus Denkmalen erwiesen 
(p. 45.)» und zugleich p. t09. p 127 f. eine Inschrift auf einem 
bronzenen Bilde eines verwundeten und sterbenden Hasen, 
mit der Abbildung, beigebracht, wodurch j^ne Benennung 
des Apollo noch näher« Bestätigung erbiilf , mit schönen pa- 
Jäograpbiscben und kritischen Bemerkungen, Es ist ohne 
Zweifel dieselbe Inschrift, die Referent jetat bei Rose in den 
Inscriptiones Graecae vetustissimae, Cantabrig. 1825. Ci. Vf. 
Inscr. II. tab. LT. findet, und deren Aechtheit l'ayne K night 
bezweifeln wollte, Herr Rose jedoch vertheidigt. Richtiger 
aber hat sie Herr Bröndsted gelesen. Doch hat nachher 
Herr Rose den letzten Namen, den er erst 'Hdara^av las, gana 
wie unser Verfasser, dessen Werk ihm natürlich damals nicht 
bekannt seyn konnte, als *H$a<(T7<'a>v aufgefafst. JYIan vergl. 
BrÖndst: p. 128. und Rose p. 326. und p. 425. — Aktaeon 
( f Axra/*ttv), der Freigebige, Spendende, von dyr^j , in der Be- 
deutung von 3co£i:*V die Gabe, p. 46» (Ueber diese Bedeutung 
findet sich Mehreres gesammelt in Stepbani Thesaurus ed. 
Valpy p. 1075. und in den Scholien zur Odyssee II. 355. p.?6. 
Buttmann.) — Uebetden Mythus von Aktäon, der der Erklä- 
rung noch sehr bedarf, konnte sich unser Verf. liier nicht vei - 




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BioucUtotV» Rciicn und Untersuchungen in Griechenland. 669 

iireiten« — r Verehrung der Arte mit auf der Insel Keos» und 
Vermuthung des Verf., dafs hei Kartbäa «in Artemision ge- 
standen ; Verehrung des Dionysos und Feier von Diöny- 
sien auf dieser InseJ; Verehrung der Nymphen und zwar 
der Bft'ccu und der Keniat, pag. 45—51. (Der Verf. vermu* 
thet für das Letztere : KefifeeVo», und gibt in einer gelehrten 
kritischen Note der Conjectur des Is. Vossius Beifall, der in 
der zwanzigsten Heroide des Ovidius vs. 221. für Coryciis — 
nymphis CorUiis zu lesen vorschlug. Allein van Lennep in 
den Animadvv. p. 300 sqq. hält Corisiis für unverträglich mit 
dem Metrum, und nachdem er verschiedene Vorschlüge, Car- 
tbaeis, Brisaeis, gemacht und verworfen, kehrt ^r endlich, 
mit der Bemerkung , daXs die Korycischen Nymphen dem Ari- 
stäos aus Phthia und aus den Gegenden um den Parnafs nach 
Keos gefolgt seyn konnten, zu der gewöhnlichen Lesart Co- 
ryciis zurück. — - Deswegen kann aber die scharfsinnige Ver- 
muthung Bröndsted's über den Text des Heraclidrs den* 
noch in ihrem Werthe bleiben. Ich werde auf letztere unten 
zurückkommen.) — Es fo Igen Erörterungen- über die A t he ne- 
Nedusia — Ndovtrfa; 'AS^vas Strabo X. p.329- Tzsch. — und 
über die Apb r od i te oder A r t e m i s - K t esy 1 1 a (KrjcMa. 
Nicander-ap. Antonin. Liberal, p. 9. Broendst. p..52. p. 87.) t 
womit man die Beilage Nr, V, p. 94 & vergleichen mufs, wo 
der Verf. über die reizende Erzählung Nikanders kritische Be- 
merkungen macht. 

Mit dem sechsten Capirel wendet sich der Verf. nun nä- 
her sum Geschichtlichen der Insel. Einwanderungen: Ari- 
stäos führt Parr basier aus Arkadien nach Ke.os. Der Stamm« 
beld Keos , aus Naupaktos kommend, läfst sich auf dieser In- 
sel, die nun. seinen Namen trügt, nieder. Von diesen beiden 
Ansiedelungen sey wohl jene, die Arkadische, die ältere, 
weil sie ganz mythisch an vorhistorische Zeiten erinnere, 
dahingegen Naupaktos schon der früheren Griechischen .Ge- 
schichte angehöre, p. 53 iL (Dafs in der Hauptstelle des He* 
raclides Ponticus cap. 9. erst des Keos und dann des Arist&os 
gedacht wird , wird kein Vernünftiger gegen den Verf. gel« 
tend machen wollen, weil der Grund dieser Anordnung gans 
deutlich in der Erklärung der beiden Namen der Insel vor Au- 
gen liegt, welche Heraclides zunächst seinen Lesern geben 
will. Mythisches ist aber auch in den Nachrichten von Keos 
enthalten, wie ich unten zeigen werde.) — Die Angabe gros- 
ser Griechischer Schriftsteller, dafs die Einwohner von Keos 
Jonier aus Athen seyen (Herodot. VIII. 46- Euripid. Ion 
158i.), habe mit der Untersuchung über die ersten Be- 



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670 Bf oocbteAY Reuen nid Untersuchungen in Griechenland 1 . 



Wohn er der Insel nichts gemein 4 sondern beziehe sich blosY 
auf das Jonische Gemeinwesen auf den- Inseln 9 wie es 
zur Zeit jenet Schrif tsteller bestand $ und das sie Seihst natür~ 
jjch auf die Jö frische Auswanderung von Athen aus beziehen» 
j*, 55 ff. Gans gewifs hat das Herodoteische: K«7oi E&voj 
«ov*Iwvrxov aro 'AByrtaov in jeher Stelle hur einen politischen 
Sinn; aber von alter Verwandtschaft der Athenischen und 
Keischen Religionen zeigen sich Spuren; Man vergleiche* 
was oben nach Hyginus-angederatet würde, Hiebei hebe ich 
wieder einen fruchtbaren Hauptsatz des Verf. aus — pag. 57. 
— - ein Satz » der die Aufmerksamkeit denkender GeScbichtfor- 
scher auf die Mythologie lenken mufs: „Identität des CultuS 
gibt oft den sichersten Faden durch die Irrwege Hellenischer 
Ansiedelungen und Verwandtschaften* zumal in jenen frühe- 
ren Jahrhunderten , wo die verschiedenen Stamme dieses un- 
ruhigen Volkes sich noch so bunt unter einander bewegten. <;* 
Hiebei eine schätzbare Anmerkung des Verf. p. 57 f. 9 worin 
bemerkt wird* dals Aristoteles und Apollodoros auch von der 
Insel KeOS gehandelt hatten 9 und mehrere Stellen verbessert 
werden, worin die Namen Kto; und K«7oi, Keu«, KtZot, X7o$ und 
ahnliche verwechselt oder verderbt worden waren. (Hiebei 
bemerke ich * dafs die Pariser Scholien des Apollonius von 
Rhodus gewöhnlich* wo voil der InSel Keos die Rede ist 4 das 
Richtigere haben im Vergleich mit den früher gedruckten. 
Man sehe z* B. p. 166 sq. p. 17Ö. mit Schäfers Note; p. 172* 
vergl. mit den Editis Scholl, p. 491 sq\ Gleiche Fehler sind 
im Cicero de N. D. I. 42. und im Sext. Empir. p. 552. ed. Fa- 
bric. bereits bemerkt. Aus solchen Beobachtungen bat schon 
Harduin Excurs. LXXVII. zu Plin. H. N. II. in Tertullian'a 
Apologeticus richtig Ceon hergestellt statt des fehlerhaften 
Co, welches Havercamp hat stehen lassen. Das in Inschrif- 
ten häufig vorkommende t für «, woher dann äuch xto^ für 
Kuo;y bemerkt jetzt Rose Inscriptt. graecc. vetuSt. pag; 266« 
Das Etymolögicum Gudianum Sagt p. 147. in A7o;i Ti<r<ra$a ya? 
tici itavXXaßa KT»jT/xa 3«7oj na) K«?4; f tu. r*js Kim \njeov aai KsTou 

jtdi 37o5 uai-Xiof itä röu i. Aber wenn man nur an Ts7o; vonTAuc 
denkt, welches ganz dem Krioj von K6»j entspricht, so bat 
man schon ein fünftes Possessivum dieser Art. In einer kri- 
tischen- Anzeige mögen solche Kleinigkeiten schon eher Nach- 
sicht finden, als in einem für das groise Publikum bestimmten 
historischen Werke. Es ist ein Beweis von dem feinen Sinne 
des Verfassers * dafs er in solchen Dingen sehr Sparsärh ist; 
worüber er sich auch einmal mit einer artigen Wendung selbst 
erklärt.) — Öer Verf. spricht darauf von der Vermischung der 




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Brönd$tea> Reisen und JJntersuchungan in Griechenland, 67 i, 

alten Einwohner auf der Insel, und bemerkt: die früh statt 
gefundene Verschmelzung der früheren arkadisch* pelasgischen 
und lokrisch-naupaktischen Bewohner von Keös mit den ein» 
gewanderten Joniern ergehe sich zuvörderst aus der frühen 
Tbeilnahme der Inselbewohner und der asiatischen Jönier an 
den Delischen Panegyrien, sodann aus der im Alterthum he* 
merkten Vorherrschaft der jonisch -attischen Mundart auf den. 
meisten Cycladen , welche hauptsächlich deswegen diesen Ge- 
sämmtnamen erhielten, weil sie die heilige Insel Delos um* 
geben. Hiebei : üebersicht der Schi cksale der Delischen Am- 
phiktyonie (man vergl* jetzt Rose in den Inscriptt. p, 3l3 acj. 
zum roarmor Sandviceiise) ; des Cycladischen Vereins; der Ge- 
schichte der Autonomie und Übrigen Schicksale von Keos und 
andern Cycladen (pag. 58 — * 60 *•).* — Ueber die'sonderbare 
Sitte der Keier , dals bei ihnen sehr alte Leute beiderlei Ge- 
schlechts sich durch Gift selbst tödteten« pag» 62 S* v Hierzu 
eine kritische Beilage No VII* p» 9*7 Ä<j., worin dem Berichte 
des Valerius Maximus, als* eines Augenzeugen, mit Recht 
eine Stelle gegeben worden* (Zu den Schriftstellern und Er- 
klärern muis noch Wyttenbach zu Platon's Phaedon pag. 327. 
und in der Philomathia III. p # 107. um so mehr hinzugefügt 
werden, als dieser Gelehrte zuvorderst im TheophraSt* Hist. , 
Plant. IX. 17. und im Dioscorid IV. 79» Ks.'ouf wiederherge- 
stellt* .sodann auch in Meleagers Epigramm in der Antholog, 
Palat. No, 470. Ks!a/v für k&'vwv gesetzt hatte — ■ eine Verbes- 
serung, die nachher, unabhängig von Wyttenbach, in der 
Praefat. ad Antholog. Palat* p. LVlI, und in den Animadvv» 
p*340^auch der treffliche Jacobs gemacht hat; ferner, weil der 
Holländische Kritiker noch mehrere Stellen über das ttoTvarov .» 
und über die Bereitungsart des Schierlings zu jenem Zwecke 
beigebracht — womit man K. Sprengeis Geschichte der Bota- 
nik f. p. 66. 101. 144* verbinde; endlich weil derselbe Ge- 
lehrte in der Stelle des Stofyaeus Floril. VII, 91. pag. 213. ed. 
Gqisford hergestellt bat: "E^ac/ffr^arof o Keioi für o Xtof, wo 
van diesem berühmten Keischen Arzte die Anekdote erzählt 
wird, er habe wegen einer unheilbaren Fufswunde sich durch . 
Schierling den Tod gegeben, und diesen Entschlufs mit flen 
Worten angekündigt: M Es ist ein Glück, dafs ich mich meines 
Vaterlandes erinnere u — EO ort var%(ha< jut/u^Wu,?/* — 
An diese Sitte der Keier erinnerten sich auch vielleicht die 
Stoiker, wenn sie in gewissen Fällen den freiwilligen Tod 
nicht nur zulässig, sondern auch pflichtmäfsig nannten, we* 
nigstens bedienten sie sich desselben Kunstausdmcks, den 
hier Heraclides braucht, wenn er sagt: — imovs izJyowt. 



* , \ 

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672- Bröndsted'i Reisen und Untersuchungen in Griechenland. * 

Gewifs ist, dafs sie sich gern auf heroische Beispiele aus d<»r * 
Geschichte beriefen; und namentlich führten sie zur Bekräfti- 
gung dieser Lehre von der tükoyo; ^aycu /j/ das Kxempel mancher 
Spartaner an; Epictet. Dissert. I. 2. pag. 12 s<j. Schweighäus. 
vergl. Wyttenbach zum Plutarch pag. 1222. ed. Oxon. minor. 
Die Flatoniker bekämpften diesen falschen Heroismus mit 
theoretischen Gründen und mit geschichtlichen Beispielen vorit 
Gegentheil, und schrieben eigene Werke gegen die izdya>y>{ ; 4 
worüber ich zum Flotinus das Nöthige beibringen werde (i. 
9» p. 85.). — Die guten alten Sitten der Keier (zu den vom 
Verf. gegebenen Stellen vergleiche man noch Heindorf zu Pia- 
tonis Frotagoras pag. 677.). Aristides, wahrscheinlich nicht 
der berühmte Athener, wie Köler annahm, sondern, wie 
Bröndsted vermuthet, ein Keischer Archon aus früherer 
Zeit, hatte für die gute Zucht der Frauen Verordnungen ge- 
macht, und noch über zweihundert Jahre vor Augustus wa- 
Ten Öffentliche Mädchen und FJötenspielerinnen nicht gedul- 
det ; pag. 66. — Berühmte Keier ; Simonides von Julis auf 
Keos gebürtig; p. 67 f. Hierzu eine schöne Beilage No. VIII : 
Simonides in Karrhaea. Chorschule am Apollonstempel p. 98 
— tOO. — Der Dichter Bakcbylides , des Simonides Bruder- 
sohn; der Sophist Frodikos; der Arzt Erasistratos; der per*- 
patetische Philosoph Ariston. 

Der siebente Abschnitt liefert eine Uebersicht der Ge- 
schichte von Keos uik! der politischen Verhältnisse 
dieser Insel und der Cycladen überhaupt seit dem 
sechsten Jahrhundert vor Christi Geburt. Zuvörderst wird 
Keos in seiner Verbindung mit Eretria betrachtet, dann seit 
dem Jonischen Kriege die Cycladen unter Persischer Herr- 
schaft; die Aufhebung dieser gezwungenen Verbindung; der 
Antheil, den diese Inseln an dem Kriege gegen die Ferser 
nehmen (vier KeXsche Schilfe in der Griechischen Flotte bei 
Artemision ; Schiffe aus sechs bis sieben Cycladen in der Grie- 
chischen Flotte bei Salamis ; die Cycladen nach der Schlacht 
bei Salami»; Antheil der Inselbewohner an dem Siege bei 
Plataea). 



(D*r Beschluji folgt,') 

.• * > , . * ' ■ * 




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N- 43, 1826. 

" Heidelberger 



ücher der Literatur* 




Bröndsted's Reisen Und Untersuchungen 

in Griechenland; 

> 

. < - 

( B e $ c h l u/s.) 

. Athenische Hegemonie nach der Schlacht bei Mykale ; 
Zustand der Inseln während der Athenischen Hegemonie nebst 
einem ganz kurzen Blick bis auf die christlichen Zeiten hinab 
und mit fruchtbaren Bemerkungen auch über die politischen 
Verhältnisse der heutigen Griechen (p. 68 — 16. Hiebei eine 
Anmerkung p. 71. not. 6. des gelehrten und sehr vorsichtigen 
Verf.; „Ungeachtet Miltiades bald nach der Schlacht bei Ma- 
rsthon gegen Faros und vielleicht auch gegen andere 
Inseln, welche sich dem Könige unterworfen hatten , aus« 
sog« Jenes vielleicht rechtteitigt Herr Bröndsted da* 
m\t 9 weil Her odot keinen andern Zug des Miltiades nach 
der Marathonischen Schlacht als den gegen Faros kenne * und 
weil es ihm (dem Verf.) dreist vorkomme, in den Begeben- 
heiten der Perserkriege von Herodot abzugehen. Nur der Ge- 
währsmann des Stepharios von Byzanz in nd$o; und Cornelius 
Nepos sprächen von des Miltiades Unternehmungen auch 
gegen andere Inseln. Dabei wird Nepos als eine unzu- 
verlässige historische Quelle bezeichnet, wo dessen Nachrich- 
ten, nicht von Herodot , Thucydid, Xenophou und Plutarch 
beitätigt würden. — So weit der Verfasser. Aber jen,er Ge- 
währsmann des Stephanus Byzantius ist ja hier Ephorus, 
der doch viel gröfsere Autorität hat als Flutarchus ; und noch 
mehr, Nepos selbst folgt, wie schon Valckenaer zum Herodot 
p. ^500 sq. mit Recht vermuthete, gerade in diesen Begeben- 
heiten eben demselben Ephorus, obgleich er sonst meistens 
dem Theoporupus sich anscblofs (F. A. Wolf zur Leptinea 
p< 692. vergl. Marx zum Ephorus p. 219.), welcher aber kein 
geringeres Gewicht hätte. Es läfst sich auch derfken, dafs 
Herodot in diesem Theile seiner allgemeinen Geschichte, wo 
sieb die Begebenheiten der wichtigsten Art so zusammendränge 

XIX. Jahrg. 7. Heft. 45 



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674 BrüoJstcd's Reisen uml Untersuchungen in Griechenland. 

ten, die unwichtigem, wi* jene Züchtigungen der kleinen 
Inseln hinweggelassen.) — Abweichung der Nachricht des 
Herodot IX. 20. von einer Urkunde bei Fausanias V. 23, he* 
treffend die Aufzählung der Griechischen Truppen bei Platäa 
(p # 74, — m it einer Beilage, Nr. IX. p. lüt ff.; worin diese 
Verschiedenheit der Angaben mit ihren Gründen erörtert und 
zugleich dargethan wird, dafs die Hellenischen Inselvölker 
nicht ohne Antheil am Siege bei Flaliia gewesen. — Eine 
treffliche Untersuchung, ein wahres Muster gediegener histo- 
rischer Kritik, wodurch beide „u n st erbt iche Schriftstel- 
ler", Herodot und Fausanias, gerechtfertigt werden. Jene 
Ehrennamen legt der Verf. diesen zwei Autoren bei, worüber 
einige jugendliche 1 Jyperki itiker vielleicht giofse Augen ma- 
chen werden. — Hr.Bi öndsted wird sich freuen, bei Hrn. 
Siebeiis zu der Stelle des Fausanias — Tom. II. pjg. 268. — 
seine eigenen kritischen Verbesserungen anzutreffen, ohne die 
Siebelistsche Ausgabe gebraucht zu haben.) 

Es ist noch von einigen Beilagen zu sprechen, deren 
im Vorhergehenden nicht schon gedacht worden. Also: A. 
Fac simile der in KarthaVs Kuineu gefundenen I. n 8 ch r i ft e n 
Tab. XVI — XXV. (im zweiten Buche haben wir vom Ver- 
fasser Ei Läuterungen über diese Inschriften zu hoffen). B. 
No. I. Helena: T^ao; Max££ ' Makro nisi. No. II. He» 
raklides aus Po n tos über die Insel Keos (darüber werde 
ich im Verfolg noch etwas Siigen). No III. Klima und 
Produkte von Koos (pag. 79 — 84. mit sehr vielen guten 
Verbesserungen in den Texten der alten Schrittst* Her). No. IV. 
Geographie und Topographie (gleichfalls mit kritischen 
Verbesserungen der Quelle pag. 85 ff. — Ueber die dem be- 
rühmten Oikaearchos wohl von einem Spätem angedichtete 
'Avay^a^ ryj;'EX>abc; sehe man Marx in meinen Meleteinatr« 
III. pag. 176. — In dieser Beilage beweiset auch Herr Ritter 
Bröndsted pag. 86 * dafs die Insel Keos später in zwei Ab- 
tue lungen, die nördliche Julis und die südliche Karthaea, ge- 
theilt war. — Ein vorzügliches Stück dieses trefflichen Werks 7 
wozu, aufser der obigen vom Verf. entworfenen Charte, 
noch eine aus dem Pariser Codex des Ptolemäus No. 1401. co« 
pirte vom südlichen Böotien, der Insel Euböa, Attika und 
der Cycladengruppe Tab. XXIX; XXX. A. B. aber nach an- 
dern Handschriften des Lateinischen Ptolemtfus in der Pariser 
Bibliothek und der Vorstellung des Mönchs Buondelmonti, 
noch zwei Charten beigefügt sind. — Beschlufs; Rück« 
reise- nach Athen p. 109 — 112. mit Betrachtungen über die 
Tyrannei der Türken und den Egoismus der Griechen. 




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I 



Bröndsteds Reisen und Umer«ucUuiigan in Griechenland. 67$ 

Ea folgt.* Erklärung der Kupfer (fifr ui Ä fii* 
.trefflichen Abbildungen von den vorzüglichsten Künstlern* ge- 
fertigt werderi hier, mit einer Menge vort ftumUiUdthcheni 
philologischen und archäologischen Bemerkungen j angezeigt« 
— Zu der schönen Erklärung der erStert Münze vöd det äui- 
phiktyonischen Ceres kann jetzt die aus mehrerer! Stellen der 
Alten geschöpfte Meinung Tittmann's über de« Blind 
der Ampb ik ty o nen p. loi f* bemerkt werden } wonach 
die Herbstversanunlung, da sie mit der Verehrung der Derne* 
ter verbunden war, ursprünglich eine Erntefeier gewesen Seyj 
dahingegen Wachsen uth in der Hellenischen Alter* 
thumskunde I. p. aQ 9 ohne den religiösen Ursprung und 
Geist der Amphiktyonischen Verbindung auszüschliefsen , in 
dieser zweiten Oertlicbkeit der Amphiktjrönischen Panegyris* 
in den Pylen bei Anthela, wo man auch die Pässe befestigt 
hatte, mehr politische Zwecke vermuthet). — Eine andere 
Münze giebt dem Verf. Anlafs zu sehr inhaltsreichen Erläute- 
rungen aller Delphischen Locali täten 4 vorzüglich dea 
HeiTigthuuis (p. u6. besonders mit Hinsicht und zuin Theil 
mit Widerlegung anderer neulich vorgetragener Meinungen } 
wobei denn auch wieder eine großartigere Ansicht des alten 
Griechischen Gultus hervortritt # als diejenige ist» die sich 
hie und da in Deutschland geltend machen möchte. In der 
Stelle des Jamblicbus, p. 119. bei'm Verf., mufs iirlu^ovo; tou 
rigirt werden, und in der andern p. 120. angeführten mufs es 
heifsen : dxo re rlji tou $sf ov m>poq ajtrTw;. Dieses Adjectiv ist 
im Galeschen Texte ausgefallen« steht aber in meinen Hand« 
Schriften. Die Sache betreffend* so bat schon Gale bemerkt * 
dafs man schwerlich bei andern Schriftstellern der Art etwas 
Hoden möchte; ein billigeres Urtheil, als das des sonst ab ge« 
rechten Hrn. Verfassers. Wer weifs denn nicht, Welche 
Künsteleien sich späterhin die Priesterschaften im Orakeldienst 
erlaubt haben f um der wankenden Religion des Heidenthums 
eine neue Stütze zu geben. Es kamt also doch Wahr seyn* 
und. man hat nicht nöthig, eine ganze Gasse von gelehrten 
Schriftstellern verdächtig zu machen). — Bei der Beschrei- 
bung Von acht Keischen Münzen Tab. IV. p. 3. erhalten wi# 
pag. 123. vom Verfi das Versprechen, dafs im zweiten Btfcl 0 
eine eigene Abhandlung über Heische Münzkunde föU 
gen soll. (In einer kleinen Heidelberger Sammlung befindet 
sich etne ähnliche Erzmünze * wie etliche der hier beschriebenen 
und dargestellten : Vorderseite ein unbärtiger und vielleicht 
Weiblicher Kopf ; Ruckseite ein Stern mit acht Strahiert*; wie 
lui den Keischen* Sputen von Buchstaben lassen sich ähii 

43 * 



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676 Bröndiicd'ä Reisen und Untersuchungen in Griechenland. 

kaum noch entdecken). S. 128. werden neun schöne Möneen 
vonElU, vortrefflich erhalten aus verschiedenen Sammlungen 
beschrieben (vergl. die Tafel p. 112. und noch p. 107.). 
alle haben FA mit dem Digamma aeolicum, Line aber voll- 
ständig FAAEinN (worüber der Verf. im Verfolg nähere Er- 
läuterung verspricht. In derselben Heidelberger Sammlung 
finden sich zwei Eleische Silbermünzen mit FA und mit dem- 
selben Typus, wie die bei Mionnet Descript. de Medaill. an- 
tiqq. pl. LXXIIT. nr. 2- Ueber diese Münzen und den noch 
spüten Gebrauch des Digamma darauf vergleiche man Haver- 
camp. Dissert. de literar. graec. varia forma p. 275. mit nr. 73. 
Volke! über den Tempel und die Statue de» Jupiter zu Olym- 
pia p. 137 — 140 ; Visconti im Museo Pio-CIement. Vol. VI. 
p 3. Mionnet Descript. des Medaill. Tom. I. p. 98. Heinr. 
Meyer Gesch. der Kunst II. p. 221. und über FaXü'c/? in der 
Eleischen Inschrift Rose Jnscriptt. p. 33.)- — Seite 129 he-- 
scbliefst dieses erste Buch mit Tab. XXXIV. und deren Be- 
schreibung: Colorirte Abbildung einer ungemein wohl erhal- 
tenen, in einem Grabe bei Athen gefundenen Vase aus ge- 
brannter Erde. Das Bild stellt einen mit einer Frucht spielen- 
den Knaben dar. 

Es ist nun noch von der zweiten Beilage zu reden, 
worin der Verf. die Stelle des Heraklides aus Pontos 
über die Insel Ke os im Urtexte raittheilt und kritisch 
und exegetisch behandelt (p. 77 — 79. Ich würde diese An- 
merkungen hier gerne abschreiben , wenn nicht die fti diesen 
Blättern gesteckten Glänzen das Gegentheil geböten. Daher 
berühre ich nur Einiges , worüber ich selber zu sprechen ge- 
denke:) — „Die Insel Keos, fiingt dieses schatzbare Frag- 
ment des Heraklides an, ward Hydrusa genannt.« Brönd- 
sted p. 79: A T^er Keichthum an gutem Quellwasser veran- 
lalste die ältere Benennung 'xa^ue-a, oder vielleicht richtiger 
• TSpouö-ya. " (Herr Brondsted hat nämlich den Kölerscheii 
Text vor sich , den er kritisch behandelt. Dieses R i ch t i - 
gere hätte nun schon Röler finden sollen. Aber er sagt, 
aufser Hesych — II. p. 1 44 1. Alb. — wisse er niemand, der 
diese Insel Hydrusa nenne. Allein Plinius II. N. IV. 12. 20. 
p. 210. Hard. nennt sie ja so, und zwar Hydrussa. Dieselbe 
Schreibung rindet sich in der zweiten Stelle desselben Autors 
cäp. 22. pag. 211, wo es von der InseJ Tenos heifst : M quam 
propter arruartim abundantiam Aristoteles Hydtussam appella- 
tam ait, aliqui Ophiussam." Vergl. Ste£di. Byzant. in Tijvos * 
'ExAv^sf ö-; 'T5(/o3cffa dri to nartfävrev shai — eine Benennung, 
die, wi i schon Tournefort II. 8. bemerkt, den meisten an. 



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Bröndsted's Reisen und Untersuchungen in G*icoheuUnd. 677 



dem Inseln, wo Quellen waren, beigelegt worden. Hierauf 
verbessere ich ohne Schwierigkeit den Lind enbrochi sehen . 
Scholiasten au Virgils Georg. I. 14. p. 175. Burm.: „Caea in- * 
sula Aegei maris est , ijuae prima dicitur Nyinphis habitari. 
(Man sieht, dieser Erklärer hat die Stelle des Heraklides ge- 
kannt, und nun fährt er fort, und giebt den Grund des Na- 
mens an : ) Ideoquo et id rursus dictam postea Acean auvaucorum 
Ca tarn appallatain — Lies: ideoque etidrussam 9 oder richtiger 
Hydrussaai dictain , postea Ceon (Ceo) , apud auctorem (nämlich ^ , 
hei Virgil , wo also dieser Erklärer, wie viele % fälschlich Caea» . 
las) Carum appellatain, in qua (in er -am vielleicht) Aristaeus 
ex Arcadia venisse fertur, [et] responso patris ApolUnis rooni- 
tus. Qui ex pecorih j$ usum lactis invenit, et mellia Studium 
apium solertidin (soltitia) consecutus est.) — Heraklides: 
„Man sagt, die Nymphen hätten sie früher bewohnt, weil 
aber ein Löwe diese in Schrecken gesetzt* so Seyen sie nach 
KaTystos hinüber gegangen.« (Dies ist die Stelle, aus der 
Hr. Ritter Bröndsted so glücklich das Kolossalbild des Lö- 
wen bei Zea erklärt p. 3l if. Er bemerkt auch die Sage von 
dem früheren Zusammenhang der Insel Keos mit Euböa, nach r 
Plinius II. 92. IV. 20.) — Heraklides: ?> Daher wird auch ein 
Vorgebirge der Löwe (Xs'cuv) genannt« Keos aber, der von 
Naupaktos herüber gekommen , baute (die Insel) an , und nach 
ihm nannten sie sie" — cuvo/jcacav, wie Br. aus einer Pariser 
Handschrift verbesserte» Es folgt eine Lücke im Text. — 
Ueber die Herkunft des Keos erfahren wir von Heraklides und 
seinem Krklärer weiter nichts, und Hr. BrÖndsted klagt 
pag* 40: »Die Griechische Dichtkunst ertönt von Aristäos * 
L6be, aber von der Einwanderung des Keos ist uns leider in 
den auf uns gekommenen Ruinen der Griechischen Literatur 
nnr die einzige Stelle bei Heraklides geblieben , und demnach 
können wir über das Verhältnils der beiden Stammväter der 
Keier , d. b. über die Ansichten der Alten in dieser Hinsicht 
nicht mehr urtbeilen"; und hier pag. 78: „Da Griechische 
Schriftsteller sonst von diesem Stammvater der Keier schwei- 
gen w Ich. sage: sie schweigen doch nicht gänzlich: Etymol. 
onagn. p. 507. Heidelb. p, 460. Lips. — und daraus Fhavori- 
IlUSi Kci»; & vtjw iariv* w'JOfxaffTat uro toj Kto» roZ 'A* 0 AAco.vo 5 
k«i *2ohoia <riys v.vjx^yji;. Es ist nicht unwahrscheinlich, dafs 
diese I^otiz aus dem unverstümmelten Heraklides genommen 
ist; — wie dem aber auch sey, so haben wir hierin eine ganz 
ähnliche Genealogie,, wie jdie von den Stammvätern der Be- 
wohner der Insel Rhodos. Letztere sind Kinder des Helios 
und der Nymphe Rh ode. Man sehe Cicero de Nat. Deorr. ' 



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•-»« SrümfttwTi 5.4v»ra -jJ C;t«n:ehnDgen io Griechenland. 

«tf M - rc?7 imi tri* ich dort *«* Verheerung und Er- 
} -T ;ZbnAt Wer ferner an die Hon.eri.chen Au.- 

? von der Ürge»cbicb.te d«f ypn, Meer, b«- 

t^^*UÄd anderer Ingeln de, Archipel. g«. erwOgt, 
, f v *" T Jieser Gent.locie dieselben myth,ecben Eriuiin- 
^LliÄÄ Sii*5- iew^.i 6 ePehUhw« r nn 6 en 
ü?Vr.«err*«chtl!u-, und anderer»«*, an die grofsen E.n- 

J,hn dÄ H.HQt oder de. Apoll on ganz e,n. « nd d * s ' e '£» 
<U. er»te« «Wer von K.o, sind ,n »o fern auph Hel.a- 
i . wi. di« von Rhodos. Hi-u.it i.t nun aber zugleich be- 
tX Ä »-« die zweite oder Naupakti.cbe A^iede W 
*T*<* 4^ ApoUon.dien.t mitgebracht hat , und d.e Ver- 
«.Ä unsere. Verfa.aer. - pag. 51. - Wird ta.t zur Ge- 
wtÄ «3.nlich daf, auf die.er 0 In,el auch der zweit. Lan- 
Lb'ro» Ken., verehrt worden .ey - denn er war ,a w gut 
, „ Sehn Apollon» wie der er.t«, Aristäos.) — Herakl.d«.: 
K»e«suber, ,agensie, habe von den (Kore..,Scb.n) Ny«- 
die Schaf - uo* Rindviebzucbt, von den Br.sä.schen aber 
£« Uopigbau gelernt. « (Bei Kö.ler «nd hier ,m Te*te »eh- 
J£ Wort* ausgefallen. Hr. Br. lie.et theil. au. Hand.chr.t- 
te<> theil» au. scharfsinniger Conjectur: "Afieroisv U «j)o<ri f«a- 

£\%«r*J£*« -iv («W«., Da.Etyn.olog. magn. » 
& bat Jedoch ^.L^/av. welche, van Lennep ad Oyd. 
Jlero^dd. pag. 301. dort auch in J^™"!* 
wie unser Verf. aus einer Pariser Handschrift im Text« de» 
HeraUides, und zwar weil es von und nicht von ^hna 
herkomme Allein man vergleiche dasselbe Etymologie""» 
vae 416 tip». oben , wo ebenfalls f^XitroW steht »und was 
Schäfer zum S.cboUasten de*. Apolioniu» p. 130. und p. 668. 
bewKt hat. Die '^rrxria U.t da. Geschäft der Bienen, dm 
^ d M *« BienenpU.ger» , des u*tt pro«. Y«jU *-u- 
tfcnii Metapbrasi» Tberiacoratn Nicandn v»-8o5- — E'. 1 * >oj- 
Cher H^T* war aber Aristäos, denn Diodorn. »agt IV. 
8i • er habe yon den Nymphen gelernt den Bau der Bten.en- 
"iseke/. tS,'**«,****'™ w*j Man vergleiche den da^u von 
Wesseling p. 324, angeführten Oppianu. Cyneg. IV. v». 267 «q. 
2»t «q. ed. Schneider.). — Der Ö.eschicbtscbreiber fährt tort : 
„Da, abet ein Verderben, der P 

wU <U* ?t^3 en nicht; weht?ten.< e — Lücke. (<£So£o"s oü^; 
^ii( S iiachKuhiikeuius mit Köler und Bröndst^ gejeien werden.; 



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Bründsled's Reisen und Uutersuchuugen iu Griechenland. (»79 

Beide letztere verinuthen mit Hecht y die folgende Lücke sey 
aus Cicero de Divinat. I. 57. (nicht 53.) auszufüllen: Etenim 
Ceos aeeepimus oitum Caniculae diligenter quotanuis solere 
lervare, conjecturann[ue capere, ut sertbit Ponticns lieracli+Us t 
salubrisne an pestilens annus futurus sit. Nämlich die Sage 
meldete, Aristäos bähe der Gluth des Sirius gesteuert — vgl, 
Bröndst. p. 42. p. 78. — Einst seyen, erzählte man sich, die 
Etesischeu Winde ausgeblieben 9 nun sey Aristflos auf Geheis 
seines Vaters Apollo nach Keos gekommen, habe einen Altar 
gebaut, dem Zeus IkmHos geopfert, und dadurch die kühlen 
Winde (es sind Nordwinde, nördliche Passat winde , Tlin. II. 
N. II. 47.) wieder zurückgerufen, und »1er Alles versengenden 
Hitze ein Hude gemacht (Vairo Attacinus bei'm Probus in 
Virgil. Georg. I. 14. Clem. Alex. Strom. VI, pag. 753. ganz 
nach Heraklides : i/.Ae/xcvTctv »ort rwv «Vvjg'i'ouv, 'A^craTov tv Kt'uj 

rurv, xai xai rwv uvatyjy^stv tojj Hurrel; tiiuDiruiv aV/xcuv (jl-Jj tvkv- 
tobvi faS/cu; ajTou? avexaXto-aTa) ; wodurch denn AristHos, der Er- 
retter , nicht aJlein zur göttlichen Ehre gelangte (s. oben) , 
sondern auch die Sitte der Keler begründet wurde, dafs sie 
aus der Beobachtung des Sirius für jedes Jahr Prognostica 
nahmen. Daher denn auch, wie unser Verf. richtig bemerkt, 
auf den Münzen von Keos das Bild eines Sterns (des Sirius) 
und auch eines Hundes so häufig angetroffen wird. 

Es ist zu verwundern, dafs 1fr. B r ö n ds t e d diese phy- 
sisch- astronomischen Mythen und Bilder nun nicht auch mit 
dem Bilde des kolossalen Löwen in Verbindung ge- 
setzt bat, dessen Entstehung er doch so scharfsinnig und 
glücklieb mit dsr obigen Nachricht des Heraklides zusammen 
zustellen gewufst. Denn jenes nun nachzuholen, gehe ich 
von einer allbekannten Stelle des Horatius aus, III Odar. 
XXIX. l8 sq. : — jam Procyon furit, Et Stella vesani Leonis , 
Sola dies referente siecos. Mit dem lleliakal- Aufgang des Hund- 
sterns , wann die Sonne in das Zeichen des Lö- 
wen getreten war, begannen die Hundstage (die ojmia 
fieng an) — Theophrast. de causs. plant. I. 14. 13. pag. 359. 
Schneid. Olympicxl. in Aristot. Meteor. II. 5. Plin. ]. 1. Pfaff 
de ortin. et occasih« sidertim p. 41* und p. 44- Mitscberlich 
zum Horaz a. a. O. und jetzt Jo. Laur. Lydus de Ostentis ed. 
Hase p. 232- — Das war die heif&este Zeit , wo in Italien und 
Griechenland die Gewächse und die animalischen Körper sehr 
7ii leiden pflegten (Horat, 1. 1. jam pastor umbras cum grege 
langujdo Kiv.umque fessus (jiiaerit etc.). Diese Erscheinungen 
und Wirkungen, schrieben die Aken nicht Mos dein Hunds- 



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680 Bröndited 1 » Reisen und Untersuchungen in Griechenland. 

item, sondern auch dem Löwen zu. Aratus Thaenomm, 
J49 sqq. vergl. Mit scherlich zum Horaz a. a. O. und J. Laur 4 
t,ydu§ de Ostent. p. 196 : »Der Löwe ist ein männliches und* 
sonnenajtige* Thier« — Daher Caesar Germanicus in Arati 
Phaenomm, 149 sqcr. singt : „Hunc (leonem) ubi contigerit 
Phoe bi violenlior axis , Accensa in Cancro jam, tum geminabitur 
aestas : hino lymphae tenues ; hinc est tristissima tollus.« ' Fänden; 
nun blos in Libyen ^ wohin Aristäos sich von Keos be- 
liebt, nach den Mythen Kämpfe mit Lö Wen statt, so Wäre 
es wunderlich, dahinter etwas weiter suchen zu wollen, alsT 
Alltägliches im rechten Vaterlande der Löwen. Allein wenn 
nun der Gegensatz von Hund' und Löwe einerseits und' 
yon den Nymphen und Keuchen Gottheiten andrer- 
seits durch diesen ganzen Mythenkreis hindurchzieht; wenn 
Diodorus sich seihst Üher den Wechselfall wundert, dafs Ari- 
stäos f der seinen Sohn Äktäon (durch den Zorn der Artemis« 
Luna) vom Hundeszahn zerfleischen gesehen, den wftthenden 
Ilund unter den Sternen, zur Rettung der Inselbewohner, 
beschwichtigte (Diodpr. IV. 82. p. 325. Wesseling.) ; wenn 
Apollon die Nymphe Kyrene am Thessalischeo Berge Feiion 
pnne Waffen mit einem Lö wen ringen siehet, mit der er nach- 
her den Aristäos erzeugt (Findar. Fyth. IX. 45. mitten Scho- 
lien ; Callimach. H. in Apollin. 90 sqq. mit Spanheim); wenn 
dieselbe Nymphe Kyrene nachher am Libyschen Berge Myr- 
tussa einen das Land verheerenden Löwen erlegt, und dafür 
das Land zum Frei« empfangt, wo nach ihrem Namen die 
Stadt Kyrene gebaut wird (Scholiastl Apollonü II. 500 «qq. 
vergl. IV. 1561. mit Spanheim zum Callimachus a. a. O. vs. 91 
sq); wenn die lö wen tö d te rl de Hände der tapferen 
Nymphe Kyrene zu einem ordentlichen Epitheton werden 
(Nonnus Dionysiac. XXV. p. 652. vergl, Spanheim a r . b. O.); 
wenn 4er Knabe Dionysos einen Löwen bändigt und der 
Rhea als Beute bringt (Nonnus a. a. O.);* wenn Aristäos 
(der Beste, Tapferste) und Keos (der Erleger — hVw, ich tödte) 
als Söhne des Apollon und der Nymphen, in ihrer Ab* 
fcunft schon die Harmonie der Sonnenwärrae und* 
der Kühle und Erdfeuchtigke'it darstellend, die * 
Insel Keos beglücken t und wenn der erstere den feurigen 
Hund des Himmels bändigt , und den Dienst des., Kfihlung 
sendenden Zeus einsetzt; wenn endlich noch heut zu Tage 
die Araber die gröfseste Hitze und dürreste Jahreszeit den 
brüllenden Löwen nennen — alsdanri wird; man die 
«Sprache des Mythus nicht mifs verstehen können, die uns 
tagt; £ue?a t haben auf der Wasser i usel ('Tfycwo-a) 



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Plutarchi Philopoe3i i Flamm. Pjrtha» ( B«*kr7 68 V 

die Nymphen gewohnt, ab'er ei'ii. lio" we b*4r sre* 
verjagt. Dann werden dieNympbae fugaces wob! al* 
Lytnphae tonues, die vor dein Löwe« entflohen 
nen Nymphen ala in b e i faer . J abrisse«! t ver^. 
achwunde ne Quellen arscheinen; and wenn darauf die: 
Inselbewohner, nachdem der Not h a) »geholten worden-, ihrem 
Erretter göttliche Ehre erwiesen , und deh besänftigten Hund: 
und seinen Stern auf ihren Mttnzen verewigten , nicht m inw 
d.er aber ein Vorgebirge von Keos nach den» schrecklichen Lö«< 
wen benannten —— dann darf man doch wohl glauben, HahV 
der vom Verf. so glücklich gewürdigte L§ Wenkolofs nichts, 
anderes sey als ein Abwendungsbild , ein eY&wktv diror^c-ratöv i) 
welches, so zusagen, eine magische Schutz wehr seyn sollte« 
gegen den beifsen , wÜt^enden Löwen am Himmel. 
Vom übrigen Inhalte der Stelle des Heraklides ist oben das 
Nöthige bemerkt worden. < i 

Möge der Verfasser die hier angedeuteten Ideen als eilt- 
Zeichen der Achtung gegen seinen Geist und seine Gelebt*-' 
samkeit betrachten. Mit Verlangen sehen gewifs alle Alter- 
tbumsfreunde der Fortsetzung eines Werkes entgegen, das 
seinem Urbeber zu grofser Ehre gereicht , und auch durch 
seine Ausstattung, in Druck, Papier und Kupfern, seines' 
Gegenstandes sieb würdig darstellt. 

C r 9 u % >e * 



. - 



Plutarchi Philop oemen^ Flamin inus P y rrhas. Text um 
e Codd. recognovity perpetua annotatione instruxit , dissertationa» 
da fontibus harum vitarum praemisit J o. Chr. Fe l i-ac B aeh r , 
* Ph. Dr. Professor Heidelbergensism LApsiae , in. hibl'uopolip Hak» 
mono. MDCCCXXVI. XIV. 78 S. Text und 2§l Ä. Commentar 
nebst Register, gr, 8. X Htb(r« 

Der Unterzeichnete übergiebt dem Publikum diese Bear- 
beitung einiger Vitae des Plutarchus, in ähnlicher Weise, 
wie er vor einigen Jahren die Vita A 1 ci bi ad is (Heidelberg, 
bei Groos. 1822.) herausgegeben. Die Einrichtung dieser 
Bearbeitung ist der früheren gleich ; ijur hat er in dieser alle 
ausführlicheren Excurse weggelassen, und sich zunächst in 
seinem Commentar auf die Erörterung des Textes beschränkt, 
hier aber auch, wie er glaubt, Nichts übergangen, was einer 
Erklärung bedürftig erscheinen konnte. Denn dahin war sein 
Bestreben gerichtet, eiqen Gummen tar zu liefern, in welchem 



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632 Piutmhi Philopoem, Flamin. Pyrrlms ed. Dsthr. 



dtö gnmmaliacli-^ritttcb^#pr«€h]icb« Erklärung mit der sacb- 
Jichen gleicbmflfsig berücksichtigt und Alles in gehörigein 
Gleichmaafs zu einander gestellt sey; eben weil jetzt so oft 
Ausgaben erscheinen , in denen vorzugsweise das eine oder 
andere mit Ausscblnfs desUebrigen berücksichtigt wird. Für 
den Text, welchem die Seitenzahlen der Frankfurter Ausgabe 
am Rande beigedruckt sind, bat der Herausgeber eine Heide]« 
berger , eine Münchner und zwei Pariser Handschriften be- 
nutzt, auch deren abweichende Lesarten vollständig mitge» 
t heilt, sonst aber in Aufnahme neuer Lesarten ist er mit mög- 
lichster Vorsicht verfahren, um so mehr, als er so oft sich 
genöthigt sab, unnötbige Correcturen eines ReUke und selbst 
eines Corat aus dem Texte au verweisen, um der alten, band* 
achriftlich begründeten Lesart ihre gebührende Stelle wieder 
zu verschaffen. Ueber die Quellen , aus welchen Plutarch ge- 
schöpft i ist. eine kurze Einleitung mit Berücksichtigung und 
weiterer Ausführung dessen, was schon früher Heeren über 
diesen Gegenstand bemerkt hatte, vorausgeschickt, Daraua. 
geht als ziemlich sicheres Resultat hervor, dafs in der Vita 
r hilopoemenis Plutarch hauptsächlich den Polybius, 
sowohl in dem grösseren noch vorhandenen Werke, als in 
ainer besonderen Schrift über Leben und Tbaten des Philo« 
pömen, benutzt bat; in der Vita Flamin in i denselben 
Folybius nebst Juba; in der Vita Pyrrhi, wo Flu* 
tarch seltener seine Quellen anführt, vermuthet der Verf., dafa 
aus Hieronymus von Cardia und Dionysius von Hall« 
carnafs das Meiste entlehnt sey. 

Für die typographische Ausführung und Correctheit des 
Drucks bat die Verlagshandlung aufs beste gesorgt und in jeder 
Hinsicht den Wünschen des Herausgebers und den Anforde* 
rungen des Publikums entsprochen. Zugleich ist auch die 
Einrichtung getroffen , dafs zum Gebrauch auf Schulen oder 
für Vorlesungen der Text, besonders mit eigenem Titel um den 
billigen Preis von sechs. Groschen ausgegeben wird. 



J, CA. F. Bäht. 



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DigitizetF v r >gld 



d Pfeiffer üb« und Wasser^MoliuskeD. 683 

« 



Cerl Pfeiffer Naturgeschivhte deutscher Laiid- und TVatt*r~Mhl~ 
lueken. Zweit» Abtheilung. JVeimur 1825, tn^r. 4. 40 
mit B ülum. Kupfert, 10 fl* 48 kr. 

i ■ • * • * « — 

Diese Schrift ist eine Fortsetzung von desselben Verfas- 
sers »Systematischer Anordnung und Beschreibung deutscher . 
Land- und Wasser-Scb necken, Kassel und Berlin JS§2i cc » wo-, 
von wir im Jahrgang 1822. S. 1228 — 1232. dieser Jährlicher , 
eine Anzeige gegeben haben. Der etwas erweiterte Plan (kr 
•Schrift bat die Veränderung des Titels nothwendig gemacht, 
weshalb auch noch ein ähnlicher fpr die erste Abtbeilung nach- 
getragen ist. 

Der Verf. liefert in diesem Hefte eine Sufsere und ana- 
tomisch - physiologische Beschreibung der Tbiere aus den Ge- 
schlechtern Anodonta und Un i o , und einen Nachtrag von 
mehreren neuen Arten. Er bat nicht nur gekannt und be-* 
»fitzt, was in der ersteren Beziehung von Bojanus über die 
Athem - und Kreislauf werk zeuge der Auodonten (Sendschrei- 
ben an Cu vier, l8l8» und Isis l8l9 und 1820), von l*oli 
und Mayor über die Nervenbildung (von letzterm in Brard 
bist, natur. d. cocr. terr. et (luv. des envir. de Paris. 1815* 8«) 
bekannt gemacht worden war, sondern er hat diese Beobach- 
tungen groisentheils wiederholt , durch vortreffliche detaillirte 
Abbildungen versjnnlicbt , Neues hinzugefügt , und auf die 
Anatomie und Physiologie anderer Land - und Flufswasser- 
scbnecken vergleichend hingewiesen» Nur G. R. Trevira- 
nu • treffliche Abhandlung über die Zeugungstheile und Fort* 
püanzung der Mollusken (in F. 'fi ed emann's und der bei. 
den Treviranus Zeitschrift für Physiologie I. 1. 1824. 8.) , 
kam tlim erst während des Druckes seiner Schrift zu. Auch 
die Arbeiten von Baer über die JSntwickelung der Muscheln 
(in Froriep Notitz. XIII. 1 — 6.) konnten ihm noch nicht 
bekannt seyn.. 

Die Materie dieses Buches dürfte etwas logischer geord- 
net seyn. In der Beschreibung denkt sich der. Vi", nicht mehr 
jene Seite als die rechte, welche ihm zur rechten liegt, wenn 
das Xhier, mit dem Kopfe gegen ihn gekehrt, vor ihm steht , 
sondern er denkt sieb in die Lage des Thieres selbst, und ge- 
langt dadurch zu einer viel richtigeren Bezeichnungaweise, 
deren BedQrfniis, auch wir schon geraume Zeit gefühlt , und 
deswegen auch, gegen die Autorität D rapar na u d *s $ Cu- 
vier's u. A. f bereits, augeuommen haben. — Die Erzeugung 
un<| das Wacbsthum der Eier im Eierstocke und später in den 
sogenannten Kiemen, endlich. <Ue Geburt» wild nach eigenen 



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68* C, Pfeiffer über Land- uel Waster-MoUrnken. 

mikroskopischen Untersuchungen beschrieben und abgebildet 
(S. fr —18.). Zwar jst die Art des Uebergartges der Eier aus 
dem einen der genannten Organe in da« andere nicht ganz 
aufser Zweifel gesetzt. — Die Unionen gebären vom April 
bis Juni, die Anodonten vom' September bis November. 
Die Kiemen einer Anodonta enthielten über 400,000' junge. 
Muscheln. OieFortrtlckung der Insertionspunkte der Mus- 
keln an der inneren fläche derSchaalen wird durch fortdauern* 
des Absterben der Muskelfasern auf der den Wirbeln zu- 
gekehrten Seite des Muskels und durch Entstehung von neuen 
auf der entgegengesetzten erklärt. Man könnte sich denken , 
dafs jenes Absterben durch gezwungene und allzu grofse Span- 
nung jener Fasern bei fortschreitendem Wachsthum des Thie- 
res veranlafst, und deren Masse allmählig resorbirt würde, 
und wir können zu Gunsten dieser ErklärungsWeise noch an- 
fuhren, dafs man bei fossilen Austerscbaalen , woran aller or- 
ganische Stoff zerstört worden , ohne dafs jedoch eine Ver- 
steinerungsmassesie durchdrungen hätte, oft eine immer dün- 
ner und schmäler werdende Spalte von der Insertiansfläche 
des Muskels auf der inneren Seite der Schaale an durch die— 
selbe bis gfgen die äufsere Seite in der Nähe des Wirbels fort- 
setzen sieht. — Abgeriebene Wirbel an den Scbaalen finden 
sich weit mehr bei Bewohnern fl iefsender Berg-, als stehender 
Teich - Wasser, — Ueber den Kreislauf, das Atbmen und das 
Nervensystem Endet sich nichts Neues. — * S. 26 — 28* wird 
ein Parasit , Liranochares Anodontae beschrieben« Der Verf. 
vermutbet, dafs die sich oft vorfindenden leeren und am un- 
teren Rande zerbrochenen Muscheln von Fischaaren, gröfae- 
xen Falken» und Raben »Arten geöffnet worden seyen, um 
sich des Thieres zu bemächtigen. Es scheint uns abe r nicht, 
dafs der Schnabel der Falken zu diesem Geschäfte eben sehr 
brauchbar sey, und dafs namentlich die sonstige Ernährungs- 
weise des bei uns seltenen Halia&tus mit dieser Vermutbung 
im Einklänge stehe. Auch haben wir wenigstens solches nie- 
mals beobachtet, wohl aber gesehen, dafs bei niedrigem Was- 
serstande Hunderte von Flufsinuscheln durch Raben im Was« 
ser aufgelesen , und mit dem Schnabel am Lande dann geöff- 
net wurden. 

Nachdem erinnert worden, dafs die Unterscheidung der 
Anodanten-Arten sehr schwierig, und man sich nur dann vor 
Irrtbümern zu verwahren im Stande sey, wenn man allemal 
die Bewohner eines See's oder Flusses in allen Altersabstufun- 
gen sammle und vergleiche , wie es vom Verf. neulich immer 
geschehen, so werden nachträglich noch folgende deutsche 



i 

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C. Pfeiffer aber Land - und Wass er-Molluiketi. • 685 

Arten beschrieben^ die derselbe. theils selbst ata fgef ändert , 
theils den Mittheiluogen der Herren von Mühlfeld, Zieg- 
let, Stenz u. s. w. verdankt: t. Jmodonta ventfices* Pf. 
testa ovato - oblonga, crassiuscula t ventricosa, anterias ele- 
vata, compresso -alata ; umbonibus tumidis ; natibus prominu- 
lis; laminae cardinalis sinu amplissimo. VonCasseh > Scheint 
Nilsso n'a A. piscinalis zu seyh. — 2. A. ponderosa Vi, te- 
sta elliptico - ovata , ventricosa , crassa , anterius et posterius 
rotundata, superne subcompressa; natibus retusis; laminae 
cardinalis sinu ampliato. Von Pyrmont* — 1. Umodepressa 
v. Mühlf. testa ovato - oblonga , compressa, tenui, anterius 
angustata, posterius dilatata; natibus depressis; dente cardU 
Tiali valvae dextrae minuto, trifmgulato, laterali nullo. In I). 
Jyrie». 2. sinuatä Lam. (U. .margaritifera D r p. ; U. mar- 
garitiferus N ilss.; Mya margaritifera Linn.) Es ist. die ge- 
wöhnlichste Perlenmuschel deutscher Bäche. Doch können 
wir, La m a rck's Auctorität ungeachtet, nicht umhin, zu rü- 
gen, dafs der Vf.. das Prioritätsrecht nicht geachtet , und den 
Linneischen Artnamen auf eine Art übertragen habe, welche 
dem Schwedischen Zoologen noch ganz unbekannt gewesen. 
3. ü tumiJa N i 1 s s. (U. rostrata La ni. ; U. pictorum a. (iä r tn.). 
Ein uns früher unter dem Namen U. antiquata Menke, V. 
ater Pfeif, zugekommenes grofses Exemplar mit sehr abgerie- 
benen Wirbeln au* dem Maine gehört bieher. 4. U. elongatuU 
v. Mühl f. testa ovali- oblonga, tenui, anterius depressa, 
^asterrus elongata , extremitate subtruncata, margine supe- 
riore compressa , inferiore sinuata; natibus proininulis , de- 
corticatis; dente cardinali compressiusculo. Im Rhein, Main, 
in DJyrien, Der Vf. glaubt alle von ihm beschriebenen Unio- 
nen als Formen der vier Hauptarten : U. margaritifera, U. ba- 
tava, U. tamida, U. pictorum ansehen zu müssen. 

■ £>ie Kopfer sind fast noch schöner, als im ersten Hefte, 
zu welchem auch noch einige Abbildungen von Altersverschie- 
denheiten dort beschriebener Arten nachgetragen werden. 
Das bald erscheinende dritte Heft soll die später aufgefundt- 
nen, theils ganz neu entdeckten, deutschen Arten von 
Schnecken enthalten, wozu von alien-Freunden dieses Zwei* 
ges der Molluskenkunde Beiträge erwünscht seyn werden. 

Wie durch die erste Abtheilung, so erwirbt sich der Vf. 
auch durch die zweite ein bleibendes Verdienst. Zwei sehr 
schwierige Geschlechter sind in Ansehung ihrer einheimischen 
Arten aufgehellt. 



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X)Q& Euelidis Element* ed. Cemerer et Hauber. 

Euolidis Eletnenta Graeoe et Latin s, Cornmentarüs instrueta ediderunt 
J. G» CamSrer 9t C* F m Hambs r» Beroiini f sumtibus Hei- 
men, 1825. Tom.//, - - 2Thir. 16 Gr. 

Auch tontet dem besonderen Titel! 

Euclidis Elementorurtt libri sex priores Grotes et Latine+ Commentariö 
e t scriptis veterum et recentiorum mathemdtjcorum 6t PJleifiereri 
maxime illustrativ Jßdidit Joa« Guil, C ame rsr % Qymruuii 
Statt gardiani Rector. Tom, IL complecteat libr» IV — VI» 
cum VI totalis* Berolinif. turnt* Reimen. 1325* 

* < • • ♦ • 

Es gereicht dem Ref* »um wahren Vergnügen, sc hört 
jetzt den zweiten Theil des Camerer 'sehen Euch de« als erschie- 
nen ankündigen Zu können < dessen eraten Theil er in dein 
2, Heft des Jahrganges 1Ö25. mit lebhaftester Freude angezeigt 
hat. Es erstreckt sich dieser Band Über das vierte, fünfte 
und sechste Buch der Elemente! Die Behandlung ist dieselbe 
geblieben, wie im ersten Bande* Auf der einen Seite findet 
man den griechischen Text, in möglichst reiner Gestalt, auf 
der gegenüberliegenden eine genaue lateinische UebersetZUng. 
Unter dem griechischen Texte findet sich eine Angabe der 
wichtigsten Varianten und eine Rechtfertigung der im Texte 
vorgenommenen Auswahl aus den vorhandenen Lesarten , oder 
eine Berichtigung derselben. Auf beiden Seiten begleitet das 
Original ein fortlaufender Commentar, In letzterem zeigt 
Hr. Camerer gründliche Gelehrsamkeit und einen scharfen 
praktischen Blick in der Auswahl desjenigen , was er aus den 
Commentarien der alten und neuen Zeit dem Euclidea beir 
giebt, und Scharfsinn in der Verteidigung des Euclidea ge- 
gen Vorwürfe, welche ihm von alteren und neueren Schritte 
stellern gemacht worden waren. Eine besondere Wichtigkeit 
erhält dieser Band durch die Mittheilungen, welche dem Hrn. 
Verf. aus dem gedruckten und ungedruckten Nacblafs des be- 
rühmten,, im Jahr 1822 gestorbenen, Professors Ffleiderer in 
Tübingen zu machen gestattet war. 

Besonders reich ausgestattet findet sich das sechste Bocb # 
welches freilich auch das wichtigste für die ganze Geometrie 
ist. Und es geht aus dem Reichthum der an dasselbe ange- 
knüpften Sätze hervor, wie die Euclideischen Elemente die 
wahren Elemente der Geometrie sind, und an sie sich alles an- 
knüpfen lafst, was die neuere Zeit über die Geometrie Neues 
hervorgebracht hat. Erfreulich Würde es in dieser Beziehung 
auch gewesen seyn, wenn der Hr* Verf, die Aufgabe, welche 
den Flächeninhalt des Dreiecks aus den drei Sexten bestimmen 



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1 

Rfciagtmim öber Megäre. 687 



lehrt* an einen Satt des sechsten Buches angeknüpft hUtte, 
Welches leicht etwa in der Art, Wie es in 'Diester weg» Lehr» 
buche der Trigonometrie geschehen ist , geschehen kann» 

Angeh3ngt sind swei Excurse Ober das fünfte und sechste 
Buch, worin die Euclideiscbe Lehre von den Verhältnissen 
und Proportionen , besonders aus Vflei derer s Schriften nnd 
Nachlafs ,- gründlich dargelegt 9 und gegen Vorwürfe siegreich 
vertheidigt wird. 

Ref. wünscht, da/s es dem Herrn Herausgeber gefallen 
möge, die Fortsetzung bald au liefern, und stattet zugleich 
der Verlagsbandlnng , welche sich durch die .Förderung dieses 
Unternehmens um die Verbreitung ächt- geometrischer Wis- 
senschaft ein bleibende!* Verdienst erworben hat, hiermit öf* 
fen tl ich den gebührenden Dank ab* 

- - -■ - - 

De Inäole atque ingenio Me garensium tibellät. Pro 
sammis in Philosophia honoribus in Academxa Fridericiana Ha» 
lensi et Vitebergensi consociata rite ac legitime obtinendis compo* 
suit Herrn annus Reinganum 9 Moenö- Francofu Hanns, Bf 
roüni, MDCCCXXK Typis G. Reimeri. 43 S. B. 

» - -. 

Das alte Megaris. Ein Beitrag zur Alterthumskunde Griechen» 
landsf vön Dr. Hermann Reinganum. Mit zwei Karten. 
Berlin 9 bei O. Reimer. 1825. XX u. U8 S. 8. 1 Th # 4 Gr. 

Monographieen über einzelne Theile der alten Geschichte 
und Erdkunde sind immer mit Dank anzunehmen , wenn sie 
aus den Quellen selbst, und nicht aus abgeleiteten, oft trü- 
ben, Bächen geschöpft sind. Die neueste Zeit ist eben nicht 
ganz anfruchtbar an gründlichen Forschungen dieser Art. Und 
wenn sich in fröheren Schriften dieser Art, bei oft grolsem 
Sammler fl ei fse und fast erschöpfender Belesenheit und Gelehr« 
samkeit (wie z. B. bei verschiedenen Monographieen des all» 
belesenen Meursius), häufig blofse Zusammenstellung des 
Fast rohen Materials, ohne Auswahl, Kritik und Geschmack , 
vorfand, und dieselben deswegen immer nur mit groLser Vor« 
«iebt gebraucht werden konnten , und vor dem Gebrauche fast 
eine heue Anordnung des Aufgespeicherten nöthig war, so bat 
wsh in neueren Zeiten in der Regel die Verpflichtung erkannt 
'ind anerkannt, den Stoff zu sichten, zu verarbeiten und zu 
•inem leicht zu überblickenden gefälligen Ganzen zusammen 
zustellen. Freilich bat Systemsucbt und mitgebrachte vor* 



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683 Reinganmn über Megara. 

^efafäte Meirtung zuweilen y ^a« Gewonnene wieder . verdorben * 
oderiin ein falsches Licht gestellt; und Mancher , der an eine 
specielle Forschung gieng f mit dem Willen und dem Vorsätze , 
gerade ein bestimmtes , ihm schon vorschwebendes, Resultat 
&»den -tu wollen , hat AJlee, was nicht hierher taugte, ent*- 
■weder ignörirt oder verdreht, und so eine neue Erforschung 
dessen ööthig gewacht, _ was man a.hg^than hoffte , öder was 
er für abgetban ausgabt 

i - Mr. <Dr. R« > bat sich an einen; so gut wie noch gar {nicht 
speciell bearbeiteten Gegenstand gemacht , mit grofsem Fleifse 
aus den bekannten alten Quellen und neueren Hei sehe sehr ei*» 
bern und andern Werken geschöpft, und uns ein Gemälde je- 
nes Lündcbens und Völkchens geliefert, wie es noch nirgends 
zusammengestellt ist *). Auch kahn man nicht sagen, daTs 
er durch die Beschäftigung mit den Megarern eine zu grofse 
Vorliebe gegen sie gewonnen, wie sich oft Biographen in 
ihre Helden zu verlieben- pflegen. Jm Gegentheil : er schildert 
sie aus. den Berichten ihrer eben nicht wohl wollenden Nach, 
barn. schwarz genug, und so, dafs, wenn sie wirklich so 
waren, fast . unbegreiflich, is* » wie sie doch eine geraume 
Zeit ihre, freilich sehr prekäre, Selbstständigkeit erhalten, 
ja manchmal beinahe eine Holle auf dem politischen, oder 
vielmehr kriegerischen , Schauplätze Griechenlands spielen 
konnten. . , 

.Die erste Schrift, pro gradu 9 hebt aus dem ganzen Ge- 
mälde eine Seite (de indole etingenio Megarensiuni) heraus und 
schildert uns Megara als eine Dorische, jedoch, bis auf Kodrus 
Zeit von Jooiern bewohnte, Stadt, die durch ihre Lage oft 
.in die schlimmsten Collisionen gerieth , welche auf den Cha- 
rakter der Einwohner sehr ungünstig zurückwirkten, da die- 
selben ohnedies nicht zu den von der Natur sehr begünstigten 
und begabten gehörten. Die Griechischen Schriftsteller schrei- 
ben ihnen Sklavensinn (to aveAauSsfcv), Unbestand, Unbehol- 
fenheit, ja Tölpelhaftigkeit, iNiederträchtigkeit , Schändlich- 
keit, Ruchlosigkeit, Grausamkeit, Lügenhaftigkeit, Treu- 
losigkeit, Selbstsucht, B-ohheit, Gefräßigkeit, Weichlich* 
Jkeit, Unzucht zu. . 



*) Freilieh konnte er noch meht benutrenf was Welcker in seiner 
neuen Ausgabe des Tlieogni* (Frankf. bei Brönner, 1026. 8.) 
über die Megarer neuerlich beigebracht hat. 

(ßs* Üetchlufs folgt.} 



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I 

N. 44 1826, 

He idelberger 

Jahrbücher der Literatur. 




Reinganum übet* Megära. 

(Beschlujs.) 

Diese Schattenseite ihre« Charakters wird durchaus mit 
Stellen Griechischer Schriftsteller helegt, wo diese Untugend 
den nicht blos ihnen nachgesagt, sondern auch aus Thatsachen 
nachgewiesen werden. Zugleich wird eine Reihe von Sprüch* 
Wörtern angeführt, die über sie in dem Übrigen Griechenland 
berumgiengen , und die ihnen keinesweges zur Ehre gereichen. 
Um auch eine Lichtseite herauszubringen , behauptet der Vf* 
zuvörderst, dafs hei aller ünliiugharkeit der angegebenen 
schlechten Seiten , doch sehr Vieles bei weitem übertrieben 
sey. Dann führt er als Thatsachen an, dafs sie gute Seeleute 
gewesen', auch sonst im Kriege nicht unter die Schlechten ge- 
hört, dafs sie arbeitsam Und betriebsam waren, witzig und 
gewandt in der Gymnastik, und dafs sie auch einige Künst* 
ler, Bildhauer und Musiker, und Philosophen gehabt; Man- 
ches Schlimme mochte auch wohl" auf die Rechnung des häu* 
figen Wechsels der Verfassung kommen, wenn nicht dieser 
selbst wieder 2um Theil eine Folge ihres schlimmen Charakters 
ist, — Der Lateinische Vortrag ist, wie er sich leider so 
häufig bei Habilitationsschriften findet, nicht Lateinisch, 
vielmehr sehr mangelhaft in verschiedener Hinsicht, Wir eht* 
halten uns, dafür Belege zu geben, und glauben, dafs es det 
Vf. entweder jetzt schon , oder doch bald , einsehen wird. 

Die Deutsche Schrift berührt natürlich den Gegenstand » 
den die Lateinische ausscbliefslich behandelt, auch, hat 6s 
jedoch vorzüglich mit Topographie des Landes und der Stadt 
und mit deren Geschichte zu thun. Der Standpunkt, von 
dem der Verf. (nach S, VIII.) ausgeht, ist der , dafs ohne Er-» 
kenntnifs de« Bodens und der Natur, auf dem und in der eine 
Nation lebt, ihr Charakter und ifire Geschiebte nicht verstan- 
den werden könne, dafs aber jene Erkenntnifs das beste und 
einzig richtige Licht auf beide werfe* Wir gehen dem Verf. 

XIX. Jalirgi 7. Hefr. 44 



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1 >l 



690. Reinganum über Megara, 



r 



bierin vollkommen Recht; und wer sollte auch nach dem, 

was z. B. von Ritter geleistet worden , hieran noch zweifeln 
können ? Am Schlüsse der Vorrede wünscht der Verf. Auf- 



infcqturfuttß zu ähnlichen Versuchen im Gebiett cTer classiscben 
XfteVth'u.nskunä-e^ uVid wir unseres f heil* w^ itfni diese 
Aufmunterung nicht, versagen, wenn wir auch wünschen 
müssen , dafs er sich zum &gten Vortrage seiner Forschungen 
und der Resultate dersell>3& auch noch des deutschen Aus- 
drucks weit mehr, als er bisher zeigt 2 Meister machen möge, 
dafs er sich richtigere Schreibung der fremden Namen eigen 
mache, und sich vieler ausländischer Wörter enthalte, für 
die wir gute deutsche haben. Wir machen ihn in Rücksicht 
„der cerügten Mängel nur auf S. VII. XII. Xllf. 3. 4. 5. 1,4. 17- 
2& 26. 40. 4L 57. 69. 63. 73. u, dergl. aufmerksam. — Die 
"Schilderung des Bodens dieses kleinen Ländcheris witd mit 
Zuziehung der gut gerathenen (freilich an manchen Stellen 
|)Jos auf Vermuthungen beruhenden) Karten sehr anschaulich. 
5.57. w^ird die bekannte Anekdote erzählt, dafs Lysander 
einem vorlaüren IVI egarer in der Volksversammlung die Ant- 
wort gab : 01 Xoyot crov, J r-^ve, -koXsw; htovrat. Das erklärt der 
Verf. : sind nicht pol 11 c genug. Aber die ganze Um« 
gebung, in der Plntarch' diese ÄeufSerung im Leben Lysan- 
ders stellt und" erzählt , giebt deutlich zu erkennen, dafs er 
ihm sagen will: was du da sprichst, würde Gewicht haben, 
wenn deine Stadt ein Staat von Bedeutung wäre ! jetzt ist's 
Aufschneiderei oder Anmafsung.' — Nicht ganz zweckmässig 
finden wir es, dafs S. 48 ff. mitten in die Topographie hin- 
ein, die noch gar nicht vollendet ist, die Charakterisirung der 
Megarer, und ihre Geschichte kommt. Denn soll der Charak- 
ter des Volkes und seine Geschichte aus dem Charakter des 
Landes , und die Erkenntnifs jenes, aus der Erkenntnifs die- 
ses hervorgehen; so würde doch die ganze Topographie besser 
jenen Schilderungen vorausgegangen seyn. Nach dieser Ab- 
schweifung \vird die Landestopographie vollendet, und es 
beginnt mit S. 113; die zweite Abtheilung der Schrift, die 
sich mit der Stadt selbst beschäftigt. Zuei st werden die ver- 
schiedenen Sagen über die Urge chichte der Stadt recht gut 
auseinandergesetzt, dann folgt die Topographie der Stadt Von 
5». 119—142. Von S. 149 — 158. werden die Schicksale 
der Stadt erzählt. Den Rest nimmt die Beschreibung und 
deschichte des Hafens und die Erklärung der Karten ein. — 
Wir glauben uns nicht berechtigt, zu der Beurtheilung dieser 
Schrift im Einzelnen noch mehr Raum in Anspruch zu neh- 
men, und scbliefsen mit der Bemerkung, dafs sie Aufmerle- 



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I 

I 



1 

I • « 

I ' 

Weleker, die Whylifche Trilogie Prometheus^ fcai 

samlceit vefdient, dafs sie leistet, was sie verspricht, und 
dafs das Streben des Vf. , wenn er sich erst noch eine bessere 
Form und Darstellung wird au eigen gemacht haben* noch 
mehrere gute Früchte auf diesem Felde erwarten laTst; 

■ * • 

* ■ ► 

Die Aeschylisohe Trilogie Prometheus und die Kabirenweihe zu Lern* 
not) nebst IVinken über die Trilogie des Aeschylus Uberhaupt. 
Von F. C PV e loker ) Professor und. Oberbibliothekar zu Bonn. 
Nebst eirier KupfettäfeL Darmstadt > Druck und Verlag von C. 
W. Leihen 5 fl ; 15 kr. 

Der Titel gibt den reichen Inhalt diese» wichtigen Wer* 
fe*s, von welchem wir den Freunden dieser Blätter eine An« 
"ige schuld ig zu seyn glauben j ziemlich vollständig an. Wie 
Hie Trilogie, die es zunächst zum Gegenstand batj bildet «S 
seihsteine Trilogie von Abhandlungen , welche, obgleich ver- 
schiedenartigen Inhalts , doch in dem Aeschylischen Prometheus 
eiWngtttfltehe gemeinschaftliche Einheit haben. 

"Die Idee * /Jie der Verf. in der ersten Abhandlung: „PU 
Aescbylische Trilogie Prometheus« durchführt j ist die iri 
neaefri Zeiten iwar bereits von mehreren: Gelehrten ausge- 
sprochene , aberiioch von Keinem ausführlicher nachgewiesene 
lind' entwickelte Behauptung , dafs die drei Prometheu« des 
Aeschylus j nämlich der Feuerraubende öder* wie der Verfc 
ihn nennt, der Feuer langer , der Gefesselte und der Erlöste * 
zu welcbeii der als Satyrspiel dem Pbineus j den Persern und 
dem Glaukos beigegebene Prometheus tlu ? v.ä«v; oder de* Feiiet* 
zünder keine innere Beziehung hät , eine durch eine gemein- 
schaftliche Idee eng verbundene Trilogie bilden, welche nach 

Vf. am *cbi<iklicbsten mit dem gemeinschaftlichen Nameri 
Premetriee bezeichnet werden dürfte. 

ZudieSem finde sucht nun der Verf. mit Hülfe der FVägi 
mente und auf dem Wege einer freiem Combiirätion ein sd 
viel möglich lebendiges und der Anschaulichkeit des allein 
öMg g-hliebenen Mittelstücks analoges Bild der beiden ver- 
loren gegangenen Dramen des Dichters herzustellen. Ant 
schwierigsten? war diese Aufgäbe bei dem AnfangsstÜcloe,« 
vor Welthem' uns eigentlich hur ein einziger Vers urkundlich 
erhalten ist; Einen festen Haltpunkt giht jedoch dem V*rf. 
gleich Cicero'* (tusc. Disp. II. 9.) unverwerniches Zeug? 
n.Is, dä-ls-die erste Tragödie den Lemnischen Kaub enthielt, 
wodurch un* neben den Andeutungen, die der gefesselte Pfö- 



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692 Weloker, die AeuchylUcbe Trilogie Frömsthen*.* 

metbeus über die Entwendung des Feuers v. 7. 109. darbietet, 
auch die Scene derselben vergegenwärtigt wird. 

Die Anlage des ganzen Drama'* glaubt der Verf. aaf fol- 
gende Weise construiren zu müssen: Die Scene des Fsuer- 
raubs mufs den ersten Theil ausgemacht haben. Wahrschein- 
lich eröffnete, wie auch sonst bei Aeschylus, der Chor, 
dessen Personen, die Okeauideii , der Verf. aus dem Gefessel- 
ten Prom. v. 555 s<j. folgert, das Drama und diente zur Ex- 
position. In der Mittelscene, wo in der Regel bei Aeschylus 
die Handlung stille steht, eine neue, zuweilen ihr selbst nicht 
tinmittelbar angehörende, Person auftritt , und, indem die 
That von ihrer Folge getrennt ist, die Erwartung des Aus- 
gangs hingehalten wird, tritt Ilephästos selbst als die neue 
ferson auf, und läfst sich mit dem Ankömmling aus dem 
Olymp in ein Gespräch ein, dessen Hanptgegenstand die Ty- 
rannei des Zeus, die Menschen, die Künste, welche Hephä« 
stos unter den Göttern übte, und Prometheus bei den Mem 
sehen einführen wollte, seyn mochten« Die neue Person dei 
dritten Akts, welche der Verf. ebenfalls aus dem Gef. Prom, 
v. 555 S(f. entnimmt, ist Hesione, Wahrscheinlich vernah- 
men die Zuschauer beim Ausgang den in der genannten Stell« 
erwähnten HytnenUus auf der ßübne selbst. Hepbästos, sei 
ner Natur nach mit Prometheus befreundet, vereinte siel 
samt seinen Kabiren mit den Meernymphen zu dem Feste de 
Vermählung des Prometheus mit der Hesione, an welchem de 
Mythus seine physikalische Seite herauskehrend in Prometheu 
und Hesione symbolisch Feuer . und Wasser sich umarme 
läfst. So erscheint Prometheus, indem Hesione gleich sai 
sein Lohn geworden, bior noch in allem Glanz des Helder 
muths, des Triumphs, des Verdienstes und des Glückt. - 
S. 7 — 18. 

Zwischen dem Ausgang des ersten und dem Anfang d< 
Gefesselten Prometheus liegt ein schaudervoller Abgrum 
Doch wird, wie der Verf. bemerkt, eist in solchem Zusan 
inen hang, nach solchem Vorspiel die erste Scene des Gefesst 
ten von der seltsamen Abgebrochenheit frei, und von de 
peinlichen Eindruck, den bei Eröffnung der Bühne ein no< 
so erhabener Straftod, oder was dem ähnlich ist, mach« 
mufs. Wir übergehe«, was der Verf. über den Charakter d 
in dieser Tragödie auftretenden Hauptpersonen ausführt, 
wir darauf nachher wieder zurückkommen müssen. (Jeher d 
Scene, in welcher die wahnsinnig untergetriebene lo in de 
seihen entlegenen Wildnils erscheint, folgt der Vf. der »ch< 
von Jakobs in der Einleit. «u der Udlers, des Gef. Prom. i 



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Welcker , die Aeschjlfsehe Trilogie Prometheus« 69 > 



Art. Mus. 3d. III. H. 3. aufgestellten richtigen Ansicjit. — 
$.24. sagt der Verf. ; Jm Herme», welcher von hoch- 
her zu Wageu ankommt (135), und diesen vor- 
nehmen Sit» erat am Ende setner ersten Scene 
rerläfst (2/9.) , erschien ein geschmeidiger Unterhändler 
ungeprüfter oder sophistisch in Schutz genommener Macht- 
beiehie.«« Wir können hier nicht begreifen, wie die bezeich- 
neten Worte in- diesen Zusammenhang au stehen komme*:. 
Die beiden angeführten Stellen v. 1$5. und 279* betreffen nicht 
den Hermes (welcher ia überdies erst in der letzten Scene er- 
scheint, und awar auch hier nach seiner gewöhnlichen. Weis© 
nicht auf einem Wagen , sondern ab T f ox'fc» als Läufer v. 94-1.) , 
soodern die Okeaniden. Nur von diesen kann gelten, wat> 
der Verf. auf den Hermes überträgt. Auch in den Berichti- 
gungen S. 696 sq. rinden wir über diese Stelle, bei welcher 
sich irgend ein Irrthum eingeschlichen haben mufs , nichts 
bemerkt. 

Scharfsinnig entwickelt der Verf. den Gang des Endstücks, 
des erlösten Prometheus aus der in dem mittleren enthaltenen 
Grundlage. Diese Hegt n3mrich in dem geheimiuTsvoHen Ora- 
kelsprueh, welcher dem Prometheus von seiner Mutter The- 
rois anvertraut worden war, dafs Zeus, wofern Prometheus 
nicht erlöst wird, d^nv Schicksal nicht entgehen kann, die zu- 
heirathen, deren Sohn mächtiger seyn wird, als der Vater. 
Wie es könne eingeleitet gewesen seyn , bemerkt der Verf. 
3.29, dai's Zeus inne wurde, des Prometheus zu bedürfen, 
sey schwer, zu bestimmen, wenn man nicht annehme, Themis 
habe, als Zeus mit ihr wegen des Troiscben Krieges rath» 
Schlagte, ihm eröffnet , Welches Geheimnifs seiner Kettung 
ibr Soun besitze. Der Verf. scheint uns hier zu wenig beach- 
tet zu haben, dafs Zeus schon im Gefesselten Prometheus da- 
von weife. Kermes tritt ja v. 947. mit den Worten auf : 
Tiaren (X* avwyeti, qv;t*vök ko/^ts*« ya^vg AuSav, irfo; a>i> skscjoz «Kvurref 
»far&uj. Wie natürlich ist die Annahme, dafs Zeus-, obgleich 
Bchon längst mit dem aHceineinen Inhalt des Orakels- bekannt, 
doch (e>hne eine neue Eröffnung der Tbemis) damv erst den 
bestimmten Sinn desselben zu erforschen begierig wurde, al* 
die bevorstehende Vermahlung der Thetis ihn die gedrobete 
Gefahr zu beherzigen veranlasste. Dies ist es r wa*Zeus zur 
Versöhnung mit Prometheus geneigt machte; aber auch Pro- 
metheus kommt dem Entgegenkominendenve^ugegen, Gef. Pr. 
v. ltttf. „ von tausendfachem Beid und Pein gebeugt tief" v.Ölt. 
Den Chor bildeten die dem Prometheus verwandten Titanen, 
welche f z-wölj* an der- Zahl,, stntfr der sonst gewöhnlichen 



• r . 

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69^ Welcker, die Aescbyliiche Trilogie Promelheus. 

vierzehn Personen dp* Chors, in gewisse: Hirtsfcbt den zw<>H 
Götterp de», herrschenden System« gegenüberstehe*. , In die 
Mitte 4**«. Stacks gefrört wohl die Episode, in* welc!^«?* 4« r * 
IkucbsUlcken^ufolge Prq,metheus dem Herakles (wie früher 
4er lp) seine dem JYJen*c.bengeschlecht erzeigten: Wpblthpterij 
erzählt, und ihm prophetisch, und rathend die weitere Bahr»; 
zuweist, die er zu verfolgen bat. Eine weitere Bedingung , 
unter welcher Prometheus frei werden sollte, bestand d,ariro , 
4afs der Götter einer statt des Prometheus in den dunkejn Tar- 
tarus, wandert«. .Dies verkündigte schon im Qe£. Pro na etil., 
v. 1026. Hermes, un4 vollkommen erklärt wir4 4a« Apgedro- 
hete -durch die von Äpollodor und Athenäus aufbewahrte Sage. 
Jftuakles nämlich erschienst erstlich. den Adler, löst dann 4<?*r, 
Jromeiheus, Welcher eine Fessel von Oelzweigen (statt, 
grames) sich anlegt, und stellt drittens dem Zeus<de 1 n. Chi - 
, ro,n, welcher unsterblicher J^attir war, und füx Prometheus 
gern sterben wollte. Statt des Kranzes aus Qelzweigen, wel-. 
eben Apqljodor nennt, wird bei Athenäus ein Kranz ans JLy- 
gqszweigen genannt. Prometheus mufste, wje WMi aus Atbe-, 
\i'dK\$ erfahren, um die Entwendung durch eine gelinde Strafe 
abzubüfsen, das Haupt mit 6inem unschädlichen Bande, mit 
JL.ygQSZWeigen., umbinden und bekränzen. Gleiche Bedeu- 
tung mit dem sinnbildlichen Lygoskranz bat der eiserne 
fy% Prometheus,, welchen er mit einem Stücke des Felsens , 
an welchen er angeschmiedet gewesen war, als Zeicbeu der 
Strafe trägt, indem Zeus geschworen hatte, den Prometheus 
njemal* frei zu geben, Pen, Schlufs, der Handlung machte^ 
wie der yer^ vermuthet, die Ankündigung eines Göttermabls , 
ähnlich, wie im ersten Drama die Hochzeit, Da dje YVer- 
hwg 4es Zaus um. die Thetis die Auflösung herbeigeführt 
ha,t, aonuifs auch von dieser Seite sich die Geschichte vollen- 
den, ps steht die Hochzeit d«r Theüs und des Peleus bevor r 
Welche alle Götter feierten, und durch welche in der. Aussicht; 
auf den Achilles das Orakel sich eigentlich recht bewährt. Ai\. 
diesem Fest wird auch Prometheus al* Gast erscheinen , nun, 
zum erstenmal wieder unter den Göttern, und als Versöhnter 
W\% £.eu$ vereinigt. Dals dieser Ausgang des Stücks auch, 
nflC^ eine neue Hauptperson für den dritten Akt herbeigeführt 
fcat t h'$\% 4er Yf. für wahrscheinlich,,, doch wagt er n^ebt, die- 
se^ zu bestimmen. S. 19 -r* 56. 

Wir haben die wo.blgelungene Entwickelung des Verf. 
vtwa,a ausführlicher: und so viel möglich mit den eigenen Wor- 
ten, desselben darlegen zu müssen geglaubt, da (n ihr die 
^uptmome»^ für die Bedeutung des Ganzen, entölten siud^ 



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Welckei , die Aeichjluche Trilogie Pronielheus. 695 

worauf der Verf. S. 67. übergebt,, und worauf als die Haupt- 
idee des Werks auc]a wir vorzüglich unsere Aufmerksamkeit' 
richten müssen. Wir heben auch hier vorerst die Hauptsätze 
aus der Idecnreihe des Verf. heraus : Feuer ist zunächst Sinn- 
bild der Künste und der Erfindungen, indem dieser Himmels-^ 
kraft verdankt wird, was der Mensch schaffet und bildet/ 
Mag der Verstand des Menschen au* dein irdischen Feuer sich' 
entwickeln, oder das irdische Feuer nun als Sinnbild desjeni- 
gen Geisteslichtes verstanden werden, welches sich an irdi- 
schen Stoffen überall nicht entzündet, sondern aus Gott und 
der inneisten Tiefe des Geistes stammt, in beiden Fällen ist 
Prometheus die der geistigen Freiheit durch Denken und For^' 
sehen sich bewufst werdende Menschheit. Prometheus ist 
gleichsam der Urverstan/I im Gegensatz der Natur und der 
Notwendigkeit , das. geistige Princip mit allem Woblthätigen 
und allem Streitenden, was daraus für die Menschheit er- 
wächst , ein Bild ihres Thuns und Erfeldens. Die^eine SeiteJ 
ist iui ersten, der Gegensatz im zweiten Prometheus enthal- 
ten, die Auflösung und Vermittlung, als die prundansich^ 
fiber Menscbenbestimmung, wozu der grofse Dichterphilosoph 
•ich bekennt, im dritten. Hierauf berücksichtigt der VerC 
den Zusammenhang des Aeschylischen Mythus mit der Hesio-, 
dischen Darstellung, und erkennt den ächten Kern. 
Sage nicht sowohl in der Theogonie, welche der alten Erzäh^T 
lung auf mehrfache Weise geschadet hat , als vielmehr in. den 
Werken und Tagen, wornach das Ganze sich dem Innern Ge^" 
halt der Sage nach so darstellt : Der Geist setzt sich* in Wi* 
derstreit mit Gott, und versinkt in ein mühevolles Daseyn,' 
er verbindet sich mit der Sinnlichkeit, und. mit ihr tritt alle^ 
menschliche Bildung, zugleich alle Verführung der Sünde ein.^ 
Dies letztere drückt der Mythus von der mit Prometheus ver- 
bundenen Pandora aus. In dem Aeschylischen Prometheus,, 
auf welchen der Verf. S, 83. zurückkommt, sehen wir das 
Verhältnifs des Verstandes zu der übrigen Natur des. Men- 
schen tief und klar aufgefafst. Nicht blos die reizenden und 
verweichlichenden Künste hat Prometheus eingeführt* sondern 
jenes himmlische Feuer, das, wenn es nur gleich als. ein. Raub 
und ohne Demtithigung vor dem Unendlichen davon getragen 
wird, Zerstörung und- Qual drohend aufijm zurückptennea 
mufs. — Während der Geeist anringt gegen, die Natur*, sich 
über sie empor arbeitet, durch das. SrDrstbew.ul&tseyn über 
sie ti iuiuphut , ahnet er kaum v dafs sein eigenes. Recht nicht 
unbegrenzt sey, dafs auch seinem grofsen und. heiligen. Stre- 
ben eine Schranke gezogen sey ; und indem, die Natur , nach 



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696 Welver | die Aesclijlische Trilogie Prometheus. 

der Zulassung der ewigen Macht, sich durch bittere Leiden 
an seinem Erkühnen rächt, b]ei!it ihm zunächst nichts übrig, 
als der Kraft, die er herausgerodeit hat, kühn und fest zu 
widerstehen. Der Gefesselte Prometheus lehrt uns das Er- 
kühnen des Geistes picht als eine absolute Verkehrtheit, wo h) 
a,ber als verbunden mit schwerer Entsagung kennen. — Dafs 
vor der höberen Notwendigkeit , welche zugleich die gött- 
liche Gerechtigkeit t die wahre Adrastea im Sinn des Aeschy- 
}us (935«) ist, Prometheus mit Schuld behaftet sey, geht im 
Endstück durch die doppelte Art seiner Versöhnung mit voll- 
ständiger Klarheit hervor. — So wird denn zugleich auch die 
lioheit menschlicher fjatur gefeiert, und der kühnen Erhebung 
des Qtistef und der Freiheit, nachdem ihnen ihre ewigen 
§chra,nl^en vorgezeichnet sind, auch ihr Lohn zuerkannt. — 
Sein Streben ist nicht verloren, und die Schuld des Ueber- 
inaafses in demselben ist versöhnt, es ist geheiligt durch die 
bestimmte Grenze. S. 67 — 89. 

Wir müssen gestehen, dafs wir aus der Darstellung des 
Verf., so sehr wir auch mit ihm ijber die tiefe Bedeutung die- 
ses Mythus einverstanden sind, und so sehr in der Ausfüh- 
rung desselben mehrere Hauptmerkmale hervortreten, dennoch 
feinen vollkommen deutlichen und durchgebildeten Begriff des 
Prometheus herausfinden können. Einige Merkmale, die zur 
Vollendung des Ganzen gehören , scheinen uns noch zu unbe- 
stimmt und schwankend gelassen zu seyn. Wir glauben die 
Begriffe, auf deren genauere Bestimmung es hiebei ankommt, 
am besten in folgenden Fragen unterscheiden zu können : 
1« Was \s% der ursprüngliche und eigentliche Begriff des Pro- 
metheus? Wori,n bestund sein Vergehen? 3. Wie ist 
der ßegriff des £eus dem Prometheus gegenüber aufzufassen ? 
4. Wfie löset sich endlich der in Prometheus, niedergelegte 
3chicks.alskno.ten ? 

Per ursprüngliche und eigentliche Begriff des Prometheus 
hängt sehr genau mit dem Begriffe des Feuers zusammen, 
dessen Ueberbringun«* an die Menschen, die wesentlichste 
That des Prometheus ist. Auch wenn wir den Prometheus 
sogleich für das nehmen wallen, wofür ihn sein Name erklärt, 
für den Verstand des Menschen, so bekommt doch, auch dieser 
Begriff seinen bestimmten Inhalt erst dadurch, dafs aus dem 
Feuer % dem Geschenke des Prometheus , die verschiedenen 
Künste un 4 Erfindungen des Lebens hervorgehen. Unbe- 
stimmt aber mufs der Begriff des Prometheus nothwendig 
bleiben, wenn mau mit dem Verf. S. 68. die Frage, ob unter 
dem feuer, das die Menschen, dem Geschenke des Prometheus 



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Wdcker, die Aesebvlische Trilogie Prometheus. 697 

i 

verdanken, das irdische Feuer , oder vielmehr ein symboli- 
sches, d, b. dasjenige zu verstehen ist, von welchem das in- 
nere Licht de« Geistes stammt, zwar berührt, aber nicht wei- 
ter in dieselbe eingeht, wenn man jenes Feuer »war im All- 
gemeinen eine Uimmelskraft nennt, S. 67, aber sodann doch 
wieder mit dem gewöhnlichen Feuer identificirt. Der Begriff 
des Prometheus ist höher oder niedriger »u nehmen und 
überhaupt der ganze Mythus desselben gestaltet sich anders, 
je nachdem wir das eine oder das andere für das wahrschein- 
lichere halten. Finden wir auch darüber in dem wörtlichen 
Inhalte des Mythus selbst, oder in Zeugnissen alter Schrift- 
steller keine ausdrückliche und positive Erklärung, so i$t den- 
noch deswegen die Beantwortung der Frage nicht schlechthin 
abzuweisen, Vielmehr ist ja eben dies die Natur der Symbole 
und Mythen, dals wir ihre bildliche Bedeutung so oft aus dem 
Zusammenhänge des Ganzen bestimmen müssen. Dies scheint 
uns bei dem bedeutungsvollen Mythus von Prometheus so gut 
als bei irgend einem andern Mythus statt zu finden. Das 
Feuer, das Prometheus den Sterblichen bringt, ist nicht blos 
das geineine irdische Feuer, sondern, so wenig auch die Be- 
ziehung des Mythos auf das wirkliche Feuer auszuschliefaen 
ist, zugleich auch der göttliche Geist, der als ein Funken des 
himmlischen Urfeuers, als ein Ausflufs aus dem allgemeinen 
Weltgeist dem Menschen inwohnt. Die Gründe für diese Be- 
hauptung sind; i. Vor allem die der ältesten Naturansicht 
so ganz eigentümliche Identificirung des Geistigen mit dem 
Physischen, mit dem Elemente der Natur. Wie der Saame 
des Intellectuellen in dem Schoofse des Wassers liegt, so ist 
das geistige Priucip auch in dem Feuer enthalten. Daher ist 
namentlich die Athenesowohl die Licht- und Feuergöttih , als 
auch die Göttin der innersten Kraft und Tbätigkeit. Daher 
ist Hephästos nicht blos der Gott des materiellen Feuers, 
Daher ist es, woran der Verfl S. 67. selbst erinnert, in der 
Persischen Religion Ard , der Ized des Feuers , der den Sterb- 
lichen hohen Geist und Wissenschaft gibt, Ardibehescht, der 
als Erzeuger aller Wesen ihnen das reuer verleiht. 2» N\jr 
unter dieser Voraussetzung, wenn das Feuer des Prometheus 
zugleich der göttliche Feuergeist selbst ist, wird vollkommen 
klar, warum Prometheus der persanificirte Verstand ist (nicht 
blos am Feuer und vermittelst desselben entwickelt sich der 
Verstand, sondern das Feuer ist das innere Princip seiner 
Entwicklung, das Princip des Denkens, Erkennens, geistigen 
Bildens, wie es iiufserlich als materielles Element die Quelle 
aller Erfindungen und Künste ist), so wie überhaupt hiedurch 



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698 Weloker, die Acschylische Trilogie Prometheus. 

erst der ganze Mythus mehr Einheit und Zusammenbang er- 
hält , wie wir uacfyhei sehen werden, 3. Der dem Prome- 
theus als Feuergott geweihete Fackellauf kann nach unserer 
Uebtrzeugung nichts anders bedeuten f als den bald angefach- 
ten bald ausgelöschten Lebensgeist (vergl. Creuzer Symbolik 
Th. III. S.546.), wobei, demnach das Feuer dieselbe symbo- 
lische Bedeutung hat, die in der Sage vom Feuerraub des Pro- 
metheus anzunehmen ist. — So wäre demnach Prometheus 
selbst das Feuer, das er raubt. Was das Feuer symbolisch 
ausdrückt, stellt sich als 7 mythische Personification in ihm 
selbst dar. Wie der vom Olympos auf die Insel Lemnos herab- 
geworfene, dem Prometheus so nahe verwandte (Prom. V. 14« 
33.) Hephästos die Wahrheit veranschaulicht, dais das im 
Schoofse der Erde/ werkthätige Feuer von dem allgemeinen 
Naturfeuer herstammt, das im Aether und in der Burg des 
Zeus seinen Sitz hat, so bezeichnet der dem Sturz des Hephä- 
stos analoge Feuerraub des Prometheus das den Menschen be- 
seelende geistige Princip als einen derselben göttlichen Natur- 
kraft entnommenen Theil. Der BegriiF aber, von welchem 
sodann die Idee des Prometheus weiter zu entwickeln ist, ist 
uns eben in dem Verbältnifs des von der Einheit getrennten 
Theiles , welches der Feuerraub bezeichnet, gegeben, wo- 
durch sogleich der Mensch engeist mit dem BegrifFe seiner 
selbstischen Individualität gesetzt ist. Dies führt uns auf die 
zweite der obigen Fragen. 

2« Nach Aeschylus ist das Vergehen des Prometheus der 
Feuerraub in Verbindung mit allem, was er für den Menschen 
zur Folge hat, Vergleichen wir die Hesiodeiscbe Darstellung, 
so finden wir in dieser zwar dasselbe Vergehen , aber in einem 
andern Zusammenhang. Nach der Theogonie entwendete Pro- 
metheus das Feuer , nachdem es Zeus den Menschen zur Strafe 
für einen früheren Betrug des Prometheus bei dem Opfer in 
Mekone entzogen hat. Nach den Hauslehren birgt Zeus Nah- 
rung und Feuer, um den Menschen mühsame Leiden zu be- 
reiten, weil ihn getäuscht der Betrug des schlauen Prome- 
theus. Worin der Betrug bestand, wird hier nicht näher 
angegeben. Der Verf. sagt hierüber S, 73 : „Die Folge der 
Sünde im Paradies (dafs nämlich der Mensch sein Brod im 
Scluweifse des Angesichts essen mufs , lies. VVerke und Tage 
v. 42.) hat ursprünglich aller Wahrscheinlichkeit nach auch 
bei den Griechen mit dem eigentlichen Vergehen des Prome- 
theus, oder dem einen und grofsen Betrüge, wodurch der 
Geist das Göttliche an sich zu reifsen, traclftet, und weicht n 

die Griechen durch den Feuerraub ausdrücken, zusammen-» 

» 



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VV eicker, die Aeschylische Trilugie PromctUeui. 699 

■• 

gehängt, -,IJier aber ist dieser, in verschmolzener Dichtung, 
eist als ein zweites Vergehen des Prometheus angegeben , in- 
dem Zeus nach dem ersten ßetrii" oder Süudeniali das Feuei 
entzieht. Der erste Betrug ist unbestimmt gelassen, und 
darin erweiset sich die rbrliche Treue der Ülten», wenn auch 
nicht gehörig verständigten Sage: denn es gibt keine zu dem 
allgemeinen Inhalt und dem (Jansen dies er Dichtung Ȋstend 
Idee, worauf ein erster Betrug sich beziehen könnte, avistfi 
der, welche der Name des Prometheus enthält, luenschlit hei 
Verstand dein göttlichen gegenüber.« — »Die Theog'nie 
schadet der ölten Ei/.ählune. indem sie , um eine öitbche 
Sage anzubringen, den von jener verschwiegenen ersten B - 
trug ergänzt." S.77. VVir können hierin dem Verf. nicht bei- 
stimmen, und das Mifsvei hältnifs , welches zwischen fiel 
Tbeogonie und den Ilauslebren Ilesiods in Hinsicht des iYIy- 
thus von Prometheus statt linden soll, nicht anerkennen. £*j 
ist doch gewii's an sich schon sehr natürlich, in den beiden 
Dicht ungen Hesiuds. welche, so sehr auch an ihnen gerade 
die neuere Kritik in mythologischer Hinsicht ihre Kunst vei- 
sucht hat, doch in jedem Falle in sehr naher "erwan Itschai 1 
zu einander stehen, in einem Mythus, welcher im Ganzen 
von beiden auf eine übereinstimmende \Y r ei$e erzählt wird, 
was die eine unbestimmt läfst , aus der andern zu ergänzen 

und zu erklären. Wir können daher nicht glauben, dal* un- 

"-*'•' • • JiILiP fi ' o ''U .'i'»'u 

ter dem ersten Betrug des Prometheus, Welcher in den IJ.uis- 
lehren nur darum bjos im Allgemeinen angedeutet ist, we<l 
der Zweck des Dichters, den Ursprung der Mühseligkeiten 
des jetzigen Menschenlebens zu erklären , ihn sogleich aul den 
damit zunächst und unmittelbar zusammenhängenden zweiten 
Betrug des Prometheus führt, etwas anders verstanden wer- 
den kann, als der Opferbetrug , welchen die Theogonie aus- 
führlich beschreibt. Diese von den Auslegern gewöhnlich 
angenommene Meinung bleibt uns ferner auch darum die wahr- 
scheinlichste , weil eben diese That des Prometheus, fiel Be- 
trug bei dem Opfer inMekone, keineswegs, wie der \ eil . 
.S. 7ö\ Anm. behauptet, von so ganz speci« Her Natur ist, und 
nicht blos deswegen in die Darstellung, welche die Tbeogo- 
nie von dem Myttuis des Prometheus gibt, aulgenommen seyn 
.um, um durch Anbringung einer örtlichen ^>age den von der 
alten Ktrznhlung verschwiegenen ersten Betrug zu ergänzen. 
Vielmehr scheint uns der Mythus vom Qpferbetrug in dem 
allen Stammsitze Mekoue oder Sicyon nur in einer andern 
Form dasselbe auszudrücken, was allein auch der Sinn des 
AJythus vom l/eueuaub seyu. kanu. Das Opfer beruht aul 

■ 

, 1 



1 



700 Welcker , die Acschjlische Trilogie Prometheus. 

dem Gefohl der Abhängigkeit des Menschen vOn Gott, der 
Anerkennung einer höheren Macht, welcher der Mensch Ehr- 
erbietung und Gehorsam schuldig ist. Wie nun der Feüer- 
raub des Prometheus nach der eigenen Ansicht des Verf., wie 
er sie S. 73. ausdrückt, den einen und grofsen Betrug be- 
zeichnet » wodurch der Geist das Göttliche an sich zu reifsen 
trachtet, oder die menschliche Natur mit dem Begriffe der In- 
dividualität, der Selbstheit, der Trennung von dem Einen 
Göttlichen darstellt, so ist auch in dem Opter, bei welchem 
Frometheus die Ansprüche der Götter nicht anerkennen, und 
die Menschen so viel möglich in freier Unabhängigkeit den 
Göttern entgegen stellen will, dieselbe Hauptidee ausgedrückt. 
Hat sich einmal die menschliche Natur in ihrer Eigentümlich- 
keit und Individualität ergriffen, so ist unmittelbar mit der 
Freiheit, die ihr Wesen constituirt, auch die Selbstsucht und 
der Eigenwille gesetzt, der von einer höheren Macht nichts 
wissen will. So ist demnach der erste und zweite Betrüg der 
Bedeutung nach Einer und derselbe. In dieser Hinsicht sind 
wir nicht berechtigt, der alten Erzählung die eine oder an* 
dere Form des Mythus abzusprechen. Beide geben uns den- 
selben Begriff des Frometheus , und die Behauptung des Verf. 
S. 78 : „Die "Schuld des Opferbetrugs als Grund der Anschmie- 
dung des Prometheus angenommen, und aller innere Zusam- 
menhang ist aufgehoben«, müssen wir für ungegründet halten. 
Wohl aber wird uns bei unserer Voraussetzung manches be- 
greiflicher, was sich ionst nicht genügend erklären läfst. Nur 
wenn beide Thaten des Frometheus an sich gleichgeltend sind , 
könnte Aescbylus, der auch nach des Verf. wiederholter Be- 
merkung aus der alten Sage durchaus das einfach Bedeutungs- 
volle heraushebt, die ganze Schuld des Prometheus nur von 
der Entwendung des Feuers herleiten, und den Opferbetrug 
völlig mit Stillschweigen übergehen/ Eben so erklärt sich 
hieraus auch am besten die Zweideutigkeit, die in Hinsicht 
des Feuerraubs in der Hesiodeischen Darstellung zu bemerken 
ist. Es ist in der That nicht zu bestimmen, ob Zeus das 
Feuer, das die Menschen schon hatten, ihnen wieder entzog, 
oder ob er es ihnen blos vorenthielt. Bei der einen wie bei 
der andern Voraussetzung ergibt sich ein gewisser Wider- 
spruch , und die Ausdrücke der Hauslehren v. $0. und der 
Theogonie v. 563. sind wie absichtlich schwebend und un- 
bestimmt. Diese Unbestimmtheit und Zweideutigkeit liegt 
in der Natur der Sache» sobald wir uns überzeugen, dafs die 
alte Ueberlieferung (ob vielleicht erst in der Hesiodeischen 



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Weleker, ai« A^ebjliiehe Trilg§io Prom^theut« ,701 

Darstellung oder schon früher, lösten wir auf sich beruhen) 
zwei Erzählungen verbunden hat, welche in keinem inneren 
und wesentlichen, sondern nur in einem äufseren und zufälli- 
gen Zusammenhang mit einander stehen. Beide drücken die- 
selbe Idee aus, und der Mythus an sich verliert nichts, wenn 
wir auch blos die eine von beiden S<-gen festhaltend Aus der 
Verbindung beider Erzählungen, wobei willkührlicb der 
Opferbetrug dem Feuerraub vorangestellt wurde , so wie dar- 
aus, dafs das gebrachte Feuer schlechthin nur das aus irdi- 
schem Stoff entzündete seyn sollte, entstund sodann sehr na- 
türlich die Inconsecrüenz, dafs der Mythus / der seinem ur- 
sprünglichen Sinn nach auf den ersten Anfang des Menschen« 
geschlechts geht, sich nun auf eine Periode bezieht, in wel- 
cher, die Menschen bereits ohne das gelebt beben, ohne welches 
sie doch gar nicht seyn können. Als eine Eigentümlichkeit 
.des Mythus überhaupt müssen wir aber auch hier dies an« 
sehen, dals er abstracte übersinnliche Ideen, die zu bedeu- 
tungsvoll und vielseitig sind , als dafs er sie unmittelbar und 
mit Einem Ausdrucke erschöpfend darlegen könnte, in einer 
Mehrheit' und Folge von Handlungen auseinanderlegt, bei 
welcher das zeitliche Verhältnifs zur blos mythischen Form 
gehört, indem dadurch nun die Wiederauffassung derselben 
Hauptidee nach einer andern Seite ausgedrückt werden soll. 
Treffend ist in dieser Hinsicht die Bemerkung des Verf. selbst 
S. 79« Anm. 107. Über die von blolser Textkritik verschiedene 
mythologische Kritik. Diese Analyse der Hesiodeischen Dar« 
Stellung gibt uns zugleich auch die natürlichste Erklärung über 
u^ie Verschiedenheit des Charakters, mit welchem Prometheus 
bei Aeschylus und bei Hesiod erscheint. Bei Hesiod mufsta 
durch die Verbindung der beiden an sich gleichgeltenden Er* 
Zählungen, indem so Betrug an Betrug sich anreihete, List 
und Verschlagenheit der Hauptzug des Prometheus werden 9 
während er bei Aeschylus durchaus mit dem edleren Charakter 
der Gewandtheit und Erfindungskraft, der Kühnheit und des 
Muthes auftritt. Wir können daher auch hierin dem Verf. 
nicht ganz beistimmen 9 wenn er S. Ii. bemerkt: Das Trüg- 
liehe und Listige, welches in der älteren Sage vön der Ent- 
wendung angegeben ist, und überhaupt den alterthümlichen 
Charakter der Verschlagenheit, welcher in der Theogonie 
(611.) noch als der unterscheidende des Prometheus vorkommt, 
halte Aeschylus fallen lassen» Er hat vielmehr dem Prome- 
theus seine ursprüngliche Charakter würde zurückgegeben , und 
wenn Prometheus bei Hesiod und bei Andern nur als ein listi« 



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^02 -Welcker, die ÄeschyItsöhe r TrÜ^ 
' • • *■* . * 
ger Betringer erscheint, 'so ist ei ihm hierin nur so efgangleri ^ 
wie auch Hermes und ödysseus es geschehen lassen raufsten*, 
dafs ihrem ursprüngliclieri Charakter geistiger pnergie allmäh- 
"lifr die Rolle der Verschmitztheit und Verschlagenheit unter* 
geschoben wurde. 

' In der tfesiodeiscneri Öarstellung folgt auf die Erzählung 
vom fceüerräub der Mythus von 'der Pandora. Der Verf. sagt 
hierüber S. 74: „t>urch die Pandora an sich Ist der Abfall aus 
dem Göttlichen durch irdische Zeugung , durch das Weib aus«. 
Wdrückt; es ist die älteste Erklärung des Widerspruchs 




aufgeno 

dora kommen, ist die Folge mit der Thiedes Prometheus int 
Zusammenhang; sofern aber Pandora das Weib ist, greift 
eine andere bichtung ein ' und vollendet sieb dann die Er^Hb- 
lung erst durch einen andern in den Eöen aufbewahrten Zug, 
dais nämlich Prometheus sich mit ihr. verbindet, und den 
Deukalion als Stammvater eines ersten Menschengeschlechts 
erzeugt.« Nach S. ?£. »st dem Verf. in dem Schlüis der H e - 
siodeischen Schilderung der Ausdruck Weib von der Pandora 
so bedeutend, dafs alles darauf ankommt, däfs durch ein Weib 
die Uehel gebracht werden. Auch hier möchte der Verf. die 
mythische Form von der Idee nicht gehörig Unterschieden ha- 
ben. Der Begriff der Pandora ist durch ihren Namen ausge- 
drückt: sie ist, wie sie der Verf. S. 75. selbst nimmt, der 
Inbegriff alles Reizenden und Verführerischen, ein trügeri- 
sches Geschenk der sÜmmtlicben Gutter genannt, Weil die 
Götter in dem ganzen Prometheus - Mythus, in ein feindliches 
Verhultnifs *u den Menschen gesetzt werden. Dafs iäber dre 
Sinn lieh en Reize und Verführungen, in die Person der Pandora 
'niedergelegt sind, ist nur mythische Personification, Pandora 
ist nun die mythische Trägerin der darzustellenden Idee*. 4 Der 
Mythus wählte allerdings eine weihliche Person , weil der 
sinnliche Reiz ind die Passivität , Woraus'jede Verführung 
hervorgeht, am besten durch die Na tut des Weibes dargestellt 
wird : in so fern hat das mythische Bild auch wieder Seine in- 
nere Wahrheit, in dem Weibe stellt 'sich' wirklich die schwä- 

t 

che , des sinnlichen Reizes empfänglichste Seite der mensch- 
lichen Natur dar. Ist aber Pandora ihrem eigentlichen Begriff 
nach nur als mythische Personification ein Weib, so kann in 
ihr unmöglich der Abfall aus dem Göttlichen durch irdi- 
sche Zeugung, oder was der Vtif. gleich darauf als gleich- 



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Welcker , die Aesöhyfitthe ftf fogie PrometheuJ. . *03 

bedeutend dafür sagt, die Verbindung des Geisteft niit cler 
Sinnlichkeit ausgedrückt seyn. Und wie sollte denn dies Ober- 
haupt zu den Übrigen Hauptideen des Mythus von Prometheus 
passen? Der Begriffeines Abfalls aus dem Göttlichen , wo- 
bei immer ein vorangehender, idealer , reingeistiger Zustand 
gedacht werden mufs , ist auf Prometheus gar nicht anwend- 
bar, wie sogleich daraus erhellt, dafs Prometheus offenbar 
nicht für den Geist im Gegensatz gegen die Sinnlichkeit ge- 
nommen werden kann» Prometheus is*t zwar allerdings der 
Geist des Menschen, aber' nicht mit dem Begriff einer idealer! 
Präexistenz, sondern nur mit dem Merkmal der freien Selbst- 
bestimmung und Selbstständigkeit zusammen gedacht. Pro* 
metheüs ist von seiner Tbat , mit welcher sogleich die in der 
Freiheit liegende Ursünde gesetzt ist, gar nicht zu trennen. 
Der Mythus von der Pandora verhält sicn zu Prometheus nur 
so, wie sich die beiden Begriffe Uebel und Sünde zu einander 
verhalten. Hat sich einmal der Mensch als ein eigenes selbst* 
ständiges Wesen der Gottheit gegenüber (worin eben der An- 
fang aller Sünde liegt) constituirt, so ist niit seinem Daseyn 
zugleich auch das Uebel gesetzt. , Das Uebel aber Ist als der 
Inbegriff aller sinnlichen Heize geschildert, weil eben das, 
was dein Menschen als das sinnlich angenehmste erscheint, für? 
ihn die Quelle der gröfsten Uebel ist. Der Mythus von der 
Pandora vollendet nur den durch den Mythus von Prometheus 
gesetzten Begriff der menschlichen NatuiJ. Die menschliche) 
Natur constituirt sich dadurch, dafs in dem Menschen das Be- 
wufstseyn der Freiheit und 'Selbstbestimmung erwacht, aber 
dieses Bewufstseyn der Freiheit wird, wenn sich der Mensch 
Gatt entgegensetzt, zur Sünde," und in Beziehung auf den 
Menschen selbst' geht es alsbald über in das Bewufstseyn der 
vielfachen Beschränkungen, die von der endlichen Natur nicht 
zu Trennen sind. * Der Mensch, der in Prometheus stolz und 
kühn im Bewufstseyn seiner Freiheit und Geisteskraft auftritt, 
mufs sich in Epimetheus und der Pandora hinwiederum als ein 
sinnliches, schwaches, leicht zu bethörendes, kurzsichtiges 
und darum auch unglückliches Geschöpf erkennen. Die Frei- 
heit und Selbstständigkeit des Menschen« die an sich betrach- 
tet noch ein reines Bewufstseyn ist, wird auf der einen Seite 
durch das Schicksal des Prometheus, auf der andern durch die 
Pandora in die Gegensätze hineingestellt , die ihr Begriff noth- 
wendig mit sich bringt. Dies nur scheint uns der ächte Sinn 
de* Mythus von der Pandora zu seyn. Pandora ist nicht als 
wirkliches Weib zu nehmen. Dafs schon die Alten unter ihr 



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704 Welckcr, die Aesebylische Trilogie Prometheus. 

• 

da« Weib verständen , dafs nach den Eden Prometheus sich 
mit inr verbindet \ und den Deukaliun erzeugt (eine offenbar 
spätere, der Aeschy lischen ganz widerstreitende Sa ge , da ja 
nach Aeschylus die Okeanide rtesione die Gattin des Prome-, 
tbeus ist), ist nur so zu nehmen , wie auch unter dem Feuer, 
das Prometheus brachte, gewöhnlich nur das irdische Feuer 
verstanden wurde. Keine Erscheinung ist gewöhnlicher und 
der Natur der Sache nach auch ohne ausdrückliche Zeugnisse 
häufiger anzunehmen , als dafs die ideelle Bedeutung, die das) 
symbolisch - mythische Bild hatte, mit dem äufseren Bilde 
seihst verwechselt wurde, und dies ist zumal in solchen Fällen 
geschehen, wo das Bild auch wieder eine eigene selbststän- 
dige Bedeutung haben konnte, wie Pandora als Weib, und 
das Feuer des Prometheus als wirkliches Feuer. Die wirk» 
Hebe Menschheit beginnt nach der griechischen Sage auch my- 
thisch erst mit Deukalion, die Menschen, welchen Prome- 
theus das Feuer bringt, haben nicht einmal mythisches Da« 
seyn , so unbestimmt und schwebend ist noch ihr Begriff, 
Prometheus selbst, Epimetheus und Pandora sind selbst dem 
Mythus nach nur mythische Gestalten, in welchen die Be- 
griffe, die den abstracten Charakter der Menschennatur aus* 
machen, prototypisch vorangestellt sind, und gleichsam als 
die Elemente, aus welchen die wirkliche Menschheit erst wer- 
den kann. — In der gegebenen Erörterung liegen von selbst 
die Gründe, warum wir auch die Vergleichung des, Mythus 
von Promethaus und der Pandora mit der Hebräischen Erzäh- 
lung von den Söhnen der Götter;, die mit den Erdentöchtern) 
Kinder zeugen, und als Erfinder der Künste und Wissen- 
schaften dargestellt werden , nicht die Wichtigkeit beilegen 
können, die ihr der Verf. zu geben scheint. Es findet nur 
ein« entferntere und allgemeinere Aehnlichkeit statt , £>e£ 
welcher wir nur gar zu leicht dia wesentliche Differenz ü»er- 
.«Wo. - 



(Der Beschlu/s folgt.) 



♦ 




x .... 

^ - DigitizÄJ 




N. 45. 1826. 



• • • 



■ 



He Idelberg er 



Jahrbücher der Literatur. 



Welcker, die Aeschylische Trilogie Prometheus. 

(Beschlm/s.) 

3. Prometheus nun hat das Feuer gerauht , d. b. seine 
That ist die That, vermöge welcher der Mensch im Bewufst» 
seyn seiner Freiheit und Individualität sich Gott gegenüber« 
•teilt. Wie fern darin die Schuld des Prometheus liegt » ist 
im Obigen erklärt worden. Der Mythus seihst motivirt die 
Frage | warum Zeus den Menschen das Feuer verweigern 
wollte, nicht weiter > sondern es ist im Allgemeinen unter 
der Tyrannei des Zeus begriffen. Dies führt uns auf den 
Charakter des Zeus im Gefesselten Prometheus, auf eine Fra- 
ge,, welcher der Verf. eine eigene Untersuchung S. 90 — llf. 
gewidmet hat. Die Schwierigkeit wird in ihrem ganxen Um* 
fange erkannt, die der Umstand darbietet, dafs der höchste 
Gott als widerwärtiger Despot geseichnet ist, dafs der Dich- 
ter sich durch die in der Handlung dem Zeus angewiesene 
Stelle in einen so offenbar auffallenden Widerspruch mit der 
herrschenden religiösen Vorstellung setsen ko nnte. Der Verf. 
tbetlt Ober diese wichtigste Frage, aufweiche der Aeachyli- 
sebe Prometheus führt 9 die Ansicht eines Freundes mit, und 
lafst darauf erst > da ihn die gegebene Lösung nicht befrie» 
digt , seihe eigene folgen» Diese ist kurz folgende: Zeus 
oder Gott erscheint im Ganzen bei Aescbylus, wie die herr* 
sehende Religion es erfordert f mit einer sehr würdigen und 
ernsten Vorstellung. Um so nachtheiliger mufste es wirken t 
wenn sich in dieselbe auf irgend eine Art etwas Verkehrtes 
eingeschlichen hatte. Dies war durch die Theogonie der 
Dichter bewirkt worden. Denn das erste Gebot bei den 
Griechen hiefs : yovtt; r/juav. Es kann daher nichts anstöfsigeres 
gedacht werden , als was aus der Poesie allmählig in die Glau* 
benslehre'öder heilige Geschichte eingedrungen war , dafs Zeus 
seinen Vater Kronos verdrängt und eingekerkert habe. Ae» 
sehylus stand auf gleicher Stufe mit Pythagoras, Xenophanes, 

XIX. Jahrg. 7. Heft. 45 



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I. 



7t>ü W «Icker, di« Aewshvhseiie Triiogie Frometueu«. 

Heraklit in Beurtheilung d« Volksreligion, und war sicher 
der nun herrschenden, allzusehr in Menschendichtung aufge- 
lösten Mythologie abgeneigt. Gegen g«>be krthümej? d*r 
Volksreligion zu wirken, sah er auch als dramatischer Pichttr 
als seinen Beruf an. Seine religiöse Ansicht und gesammte- 
Geistesbildung hieng mit den Weihen von Eleusi* zusammen , 
wie in Aristopbanes Fröschen v. 886. deutlich ausgesprochen 
ist Wir dörren vermuthen, dafs er im Geresselten Prome- 
theus, in dem die Hesio3eUche Thtogonie in ihren Haupt- 
punkten behandelt wurde, die Gelegenheit ergriff, um gegen 
sie und den Zeus, der aus ihr hervorgehe, sich nachdrücklich 
erklären, durch freie Entwicklung des Zusammenhangs 



oder der Fortbildung einiger darin gegebenen Umstände zu 
zeigen, dafs die in ihr enthaltenen Göttergeschichten nur als 
Di&tungen zu nehmen und von dem wirklich Göttlichen scharf 
abzusondern Seyen. — Der Verf. ist demnach der Meinung, 
Aescbyltis habe den Zeus der Hesiodeischeh Theogonie ab- 
sichtlich ins Grelle gemalt, um auf diesem Wege, durch Auf- 
deckung der inneren Nichtigkeit seines Begriffs, auf eine wür- 
diget e Vorstellung , wie sie die Eleusinien darboten, hinzu- 
leiten. Bei dieser Voraussetzung erwartet man mit Recht, 
dafs die IroniV, in welcher , wie bei jeder indirecten Daratel. 
hing dieser Art, der eigentliche Geist des Stücks liegen müß- 
te, sich sowohl durch den Toiv des Ganzen, als auch durch 
einzelne Aeufserungen zu erkennen gibt. Davon aber können 
wir in der That auch nieht das Geringste wahrnehmen, nir- 
gendshat der Ausdrück die Farbe der Ironie, und was beson- 
ders auffallen mufs, eben solche Vorstellungen, an welchen 
nach der Ansicht des Verf. die Ironie besonders zum Vorschein 
kommen müfste, werden vom Dichter so wenig hervorgeho- 
ben, dafs wir nicht wohl annehmen können,, er habe sie bei 
seiner Darstellung vorzüglich vor Augen gehabt. Selbst die 
Entthronung des Kronos durch Zeus, worin allerdings die 
Alten (vergl. Fiat, de Rep. II. pag. 95- 96. ed. Bekk.) die an- 
stöfsigste Verletzung. des Gebotes yowi rtpav fanden , wird im 
Prometheus des Aeschylus eigentlich nur in Einer Stelle v. 
220. erkühnt, und auch in dieser gar nicht aus diesem Ge- 
sichtspunkt betrachtet. Eben so wenig können wir in andern 
von dem Verf. bezeichneten Stellen des Dichters die vermu- 
ibete Ironie erkennen. Der Verf. sagt S. 104! »Hinsichtlich 
des Ze-fs im Verhältnifs zum Kronos nnd Uranos zeigt er sich 
im bestimmten Widerspruch mit dem Volk, welches, nach 
dem Chor im Agamemnon (168.) zu urtheileri , für fromm 
hielt, dafs man, ohne nach den Herrschern , die nichr mehr 



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Weioker, die Aeschyliicue Trüogie Prwnetueuj. 7Ü7 

- 

•ind, zu fragen, den Zeus, wer er auch seyn möge» 
verehre. Sieber schrieb tr dies nicht ohne Ironie « Einen 
Widerspruch gegen die Volksdnsicht körinen wir in dieser 
Stelle unmöglich finden. In den Worten, die der Verf meint 
v. 168, wird Zeus als der Herrscher im höchsten Sinne ge- 
schildert , weil er , der Herrscher in dritter Ordnung , seine 
Herrschaft dadurch behauptet, dafs er nach ethischem Geset« 
herrscht, und die Menseben Weisheit lehrt. Der Anruf: 

Zw; , . D5T*> -TOT KTUV , st tob* 

tob, bat sowenig einen Zusatz von Ironie, dafs vielmehr eben 
diese Formel der gewöhnliche Ausdruck der Religiosität beim 
Gebet war. Vergl. Heindorf ad Plat. Phaedr. pag. 337. Und 
wie sollte überhaupt in dem ganzen Zusammenhang einer so 
ernsten Gborgesangs s der die Heiligkeit des sittlichen Ge« 
setzes , das o-cu^ovwv , als die von Zeus gesetzte Weltordnung 
einschärft, und das crcuvp^ovgfv des Zeus dem xafMuivot ß'jvitv . 

der Leiden andern Herrscher entgegensetzt, eine Ironie gegen 
Zeus angenommen werden können? Eben hier ist ja der* 
selbe Zeus, der auf Uranos und Kronos folgte, als der Herr- 
scher mit absoluter Macht geschildert. Als Sohn der fthea, 
oder als Sohn der Erde, iet zwar allerdings Zeus ein End- 
licher, Gewordener, dafs aber Aeschylus in den Schutzflehen* 
den (905.) mit Anstofs das Wort ausspricht, Zeus sey *ya$ 
*at;t ist eine Behauptung, die der klare Zusammenhang jener 
Stelle Sogleich widerlegt. Es ist die Scene* in welcher der 
Aegyptiscbe Herold nach Barbarensitte mit Verachtung der 
Landesgötter, die die Danäiden anrufen, in Argos auftritt» 
Vergl. v. 853. 873. und 893. Ö«mi tyoßoutJuu Baqxovai rov; wSah oti 
yaj'f*' «$f«\|/av, ou5' ey^atruv TQoty» Darauf ist zu beziehen, wenn 
die Danäiden sowohl die Erde als Zeus den Sohn der Erde 
<*0t* und 892. anrufen , und es ist demnach auch hier eine 
Stelle, in welcher so wenig eine geringschätzende Meinung 
von Zeus Hegen kann , dafs vielmehr im Gegensatz gegen 
hlofse .Lokalgottheiten seine absolute, überall anzuerkennende 
Macht dadurch geehrt wird, dafs es von ihr heilst, sie reiche 
so weit als «Jie Erde, deren Sohn Zeus nach dem Mythus ist» 
Ueberhaupt scheint uns eine solche in einzelnen kaum be» 
merkbaren Stellen und Aeufserungen versteckte, gelegentlich 
eingemischte Ironie dem geraden .Sinne des Dichters,, dessen 
Dar itellung mehr als die eines andern directer Art ist, das 
einfache unmittelbar gegebene Ziel anverrückt ins Auge falst , 
und dadurch hauptsächlich ihre grofse Wir kung zu erreichen 
>ucht, völlig zu widerstreiten, und überdies noch aui andern 
Vdtauseetzungen zu beruhen, die wir eben so wenig wahr« 

,, 45 * 

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708 k WcJcker , die Ae«chvlis«he Trilogie Prometheus 



scheinlich finden können. Als ein erhabener Lucian, wie der 
Verf. den Dichter zu nennen wagt, S. 104 f konnte er doch 
nur dann die Volksoiythologie herandrängen, und das Unzu- 
reichende der gedichteten Götter aeigen, wenn er entweder 
als Skeptiker oder durch eine positive, mit klarem fiewufst- 
seyn ausgebildete Idee sich entschieden über den Volksglauben 
erhoben hatte, Ist aber eine solche Trennung vom Volks« 
glauhen in einer Zeit, in welcher wir eine solche Erschei- 
nung nur erst bei einzelnen bedeutenden Philosophen wahr- 
nehmen können, und bei einem Dichter wahrscheinlich, des- 
sen geistige Individualität sonst ein so reiner Ausdruck des 
materialen Bewufstseyns seiner Zeit ist? Wie hätte er sein 
Lehen mit einer so grofsen Reibe von Darstellungen ausfüllen 
können, bei welchen seine innere Ueberzeugung in einem 
steten Conflict mit dem religiösen Glauben des Volks seyu 
mufste, mit welchem sie so genau zusammenhiengen ? Der 
Verf. beruft sich zwar in dieser Hinsicht auf den Antheil , 
welchen die Eleusinischen Mysterien auf die religiöse Ansicht 
und die gesammte Geistesbildung des Aeschylus gehabt haben 
mögen. Wollten wir aber auch diese Voraussetzung auf die 
Aristophanische Stelle bauen (in welcher ebenfalls der Zu- 
sammenhang und der Gegensatz der Demeter gegen die eige- 
nen neuen Götter des Euripides genauer erwogen zu werden 
verdient) 9 so müfste doch zuvor die Ueberzeugung feststehen, 
dafs der Begriff von der Gottheit , welchen die Mysterienlehre 
aufstellte , von dem des Volksglaubens wesentlich verschieden 
war. Und doch wird, wie wir überzeugt sind, jede Unter- 
suchung der Mysterienlehre auf kein anderes Resultat führen 
können, als darauf, dafs ihr Begriff von der Gottheit auch 
nur der mythische war, und der ethischen Merkmale, auf 
welche es hier hauptsächlich ankommt, in dem Grade um so 
mehr ermangelte, je gewisser diese alte Theologie auf der 
Grundlage der Natursymbolik ruhte, die überhaupt das 
höchste Princip der alten Religion ist, so dafs aus dem von 
dem Verf. angenommenen Verhältnifs des Aeschylus zu den 
Eleusinieh eher die entgegengesetzte Folgerung angeleitet 
werden könnte. 

Ueberlegen wir alles dies, so können wir nicht glauben , 
dafs der von dem Verf. gewählte Weg zur richtigen Auflösung 
führe. Ist aber die Annahme einer Ironie, auf welche die 
Ansicht des Verf nothwendig zurückkommt, unstatthaft, so 
kann der Widerspruch mit der herrschenden Vorstellung von 
Zeus, welchen niemand verkennen kann, nur dadurch geho- 
ben werden, dafs wir der Darstellung des Dichters zwar aller 



« 

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Wekker , die AeachyHsche Trilegfe Prometheus. 709 

dingt auch nach seiner eigenen Ueberzeugung ihre Wahrheit 
einräumen, aber nur relativ. Dies ist die Ansicht des Freun- 
des , welche der Verf. S. 92. mittheilt. Wir müssen das 
Ganze als eine Titanomacbie ansehen, und das tyrannische 
Wesen des Zeus nur als einen Zustand,, welcher verschwindet 
mit der Besieglttng der neuen Weltordnung im dritten Stück. 
Aeschylus kann die Wekregierung des Zeus nicht' als eine 
fortdauernde Tyrannei haben vorstellen wollen, Zeus selbst 
mufs mit einem höheren Bewufstseyn aus dem Kampfe her- 
vorgegangen seyn. Diese Ansicht, welche der Unterzeichnete 
selbst auch schon auf eine, wie er mit Interesse bemerkt f 
im Allgemeinen übereinstimmende Weise , in seiner Schrift : 
Symbolik und* Mythologie , oder die Naturreligion des Alter- 
thuma, Stuttgart 1824. 25- II. Tb. S. 396 f. ausgeführt bat, 
halt er auch jetzt nach wiederholtem Nachdenken für die* ein- 
zig richtige , und die Gründe, mit welchen der Verf. die An* 
sieht seines Freundes bestreitet, können bei der Prüfung nur 
als eine neue Bestätigung derselben erscheinen. Die Haupt- 
einwendung des Verf. kommt, um anderes unbedeutende (wie 
z. Bv dafs Aeschylus in seinem Zeus nicht sowohl eine aus- 
schweifende Gewaltsamkeit, sondern den verächtlichen und 
sittlich kleinen Charakter eines kalten Tyrannen dargestellt 
habe)* zu übergehen, auf folgendes zurück S. 95 1 Die ganze 
uralte und rohe Erfindung eines Dynastienwechsels unter den 
Göttern und des Götterkriegs ist nicht gemacht, um Ideen 
über Wekbildung und Weltalter auszudrücken, sondern um 
Personen und" Vorstellungen verschiedener Art zu einem Gan- 
ze» zu vereinbaren, und zufällig entstandene theologische 
Widersprüche aufzuheben. Durch dies fabelhaft willkührliche 
Verknüpfen erscheint der Einzelne nicht in falschem Lichte. 
Uranoaund Zeus sind in der ^Religion selbst zuletzt nur Einer 
gewesen. Kronos ist nur die Zek. Aus derselben Schmiede 
ist die Titanomacbie. Die alten Götter im Kampf mit den 
neuen oder eigentlichen wurden mit den unterworfenen Geg- 
nern der Götter überhaupt, den alten Erdriesen, welche in 
allen Naturreligionen vorkommen , verwechselt u. s. w* Es 
ist in den neuesten mythologischen Schriften sehr gewöhnlich 
geworden ^ die Griechische Mythologie überhaupt, und die 
Hesiodeische Tbeegonie insbesondere , als das zufälligste und 
wiUkübrlicbste Aggregat der verschiedenartigsten Mythen an- 
zusehen, und» jede Ansicht derselben für wahrscheinlicher zu 
halte» * als diejenige, welche, wenn auch gleich bei einer 
solchen Zusammenstellung so vieler- und so inhaltsreicher My- 
then, wie wir sie in dir Tbeogonie vor uns haben, das. Ein« 



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710 Wecker, die Aeschvlische TriIo$>« Prometheus. 

• 

«eine gröfstenthe ils nur in dürftiger Gestalt erscheinen konnte, 
dennoch einen durch das Ganse fortgehenden inneren organi- 
schen Zusammenhang erblicken zu müssen glaubt. So ist al- 
lerdings zu urtheilen, so lange man in der Griechischen My- 
thologie mehr nur die äußere Form, die historische Sage, die 
fcufälhge Dichtung , als die Idee, die sich in ihr auslrücfct, 
ins Auge fassen zu müssen glaubt. Ist aber der Mythus, die 
Darstellung der Ideen, die mit der geistigen Natur des Men- 
schen unmittelbar, gegeben sind» so uiufs sich in ihm auch das 
nach inneren Gesetzen sich entwickelnde geistige Leben des 
Menschen offenbaren, und der grofse Gegensatz, in dessen 
Sphüre sich alles geistige Leben des Menschen bewegen mufs, 
der Gegensatz zwischen dem Naturleben und dem Ethischen, 
mufs auch die Grundlage spyn, auf welcher allein der Mythus, 
wie er sich im Lehen der Volker gestaltet, als ein organisches 
Ganze coristruirt werden kann. 

Es handelt sich nämlich keineswegs, wie der Verf. zu 
meinen scheint, nur um die Ansicht, die man gerade von der 
Hesiodeischen Theogonie hat, sondern um Begriffe, die von 
dem Weseu des Mythus überhaupt nicht zu trennen sind. 
Die Natur des Mythus bringt es uoth wendig mit sich, dafs 
alle göttlichen Personen, weiche er aufstellt, endliche, ge- 
wordene, einer zeitlichen Entwicklung unterworfine Wesen 
sind. Dies ist die Naturstite, die alle mythischen Götter 
haben. So fern sie aber geistige Individuen, persönliche We- 
sen sind , deren Vorbild die ideale Menschennati.fr ist, liegt 
in ihnen zugleich die Tendenz, sich zu der Idee des Absoluten 
auszubilden« Diese kann jedoch dann erst zum klaren Be- 
wufstseyu kommen, wenn sich der Mensch überhaupt zum 
Bewufstseyn der ethischen Gesetze erhoben hat, auf weichen 
allein der Begriff eines intelligenten, von dem Seyn der Natur 
verschiedenen höchsten Wesens beruhen kann. Es ist nichts 
einleuchtender , als dafs die grofse Mannigfaltigkeit der gött- 
lichen Wesen, welche die Mythologie oder Religion des Al- 
terthums aufstellt, au f keinem andern Wege unter einen be- 
stimmten Gesichtspunkt gebracht werden kann, als durch die 
Anwendung dieses Gegensatzes. Die göttlichen Wesen sind 
in dem Grade verschiedener Art, in welchem in ihnen entwe- 
der der Naturbegrilf oder der ethische Begriff hervortritt. Je 
mehr der blofse Naturbegriff den Charakter einer göttlichem 
Person ausmacht (wir sagen hier absichtlich 1'eis.on, denn so- 
bald wir vom Persönlichen abstrahiren, fallen solche Wesen 
immer wieder mit dem Begriff der Einen absoluten Natur *u« 
»ammen)i desto «nein erscheint sie auch mit allen Merkmalen 



-v t 



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' Welcker, die Aeiohylijohe Trilogi© Promciheui. 711 

dir Endlichkeit % als ein seitlichen Veränderungen unterwor- 
fenes Wesen. Der Mythus stellt dies durch leidende und ster- 
bende, von andern mächtigeren gestürzte und entthronte, 
vom Himmel auf die Erde versetzte , in irdische Dienstbarkeit 
dabingegebene Wesen auf verschiedene Weise dar. Dagegen 
ist es nur der ethische Begriff, durch welchen Zeus als ober- 
ster Weltregent, von welchem der Begriff einer über das Na» 
turleben weit erhabenen Person gar nicht getrennt werden 
kaun, sich über alle anderen mythischen Wesen so sehr erho- 
ben hat. dafs seine Idee, über die Beschränktheit des. mythi- 
schen Büdes kühn hinausstrebend , allmäblig mit der Idee des 
Einen höchsten Gottes gleichbedeutend wurde, 'und allen an- 
dern Wesen nur in sofern noch eine wahre Bedeutung ein- 
räumte, so fern sie als blofse Eigenschaften mit der Idee sei- 
ner Person sich- vereinigen Uelsen. Dafs die ethische Idee in 
Zeus und zwar nicht nach der Mysterienlehre (denn diese geht 
der ethische Gott eigentlich nichts an), sondern eben in der 
allgemein herrschenden Vorstellung die wahrhaft constitutive 
ist, bedarf keines Beweises : merkwürdig aber ist, wie eben 
diese. Idee im Gegensatz gegen den blofseu NaturbegrifF des 
Uranos und Kronos von unserm Dichter in der schon oben an- 
geführten Stelle seines Agamemnon hervorgehoben wird. Man 
lese den herrlichen Chorgesang , und urtbeile , ob der ganze, 
Inhalt desselben aus. einem andern Gesichtspunkt betrachtet 
Werden kann.. 

Die hier angedeutete Idee scheint im Grunde auch dem 
Verf. vorzuschweben , wenn er nach dem oben ausgehobenen 
Urtheit über die Hesiodeische Theogonie so fortfährt S. 97 : 
„Die einzige in That und Wesen begründete Thron Verände- 
rung ist durch den Häng, welcher unter den Griechischen 
Stammen fast durchgängig wahrzunehmen ist, den Sohn Him- 
mels und der Erden vor dem Vater anzubeten, bewirkt wor- 
den, : indem das Kindlein Gottes und der Rhea zum Gott an 
sich, der zweite Zeus, im Cultus, und sofort auch in der 
Lehre über den ersten erhoben. wurde; ein Umstand, welcher 
gehörig entwickelt den schwierigsten Thailen der Griechischen 
Keligionssagen zum Aufscbluls dient. Zur Erklärung diesen 
Hergangs und dieses UmStandes scheint die Sage von der Ent- 
thronung des Kronos unter Einflecht^ng einer aus dessen eige- 
nem RegiüF als Zeit hergeleiteten Allegorie,, erfunden worden 
lUseyn.« Was der Verf. mit einem ganz unbestimmten Aus- 
druck einen unter den Griechischen Stammen fast durchgängig 
wahrzunehmenden Hang nennt, gibt entweder keine befrie- 
digende Idee, öderes kann, wenn es auf einen deutlichen 



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712 < Welckcr, die Aeschjlische Trilogle 

i 

uod philosophisch bestimmten Begriff gebracht werden soll, 
nur auf das zurückkommen, was so eben gegen die Ansicht 
des Verf. bemerkt und erörtert worden ist. Bei der vagen 
Vorstellung eines Hanges können wir doch nicht stehen blei- 
ben, und die Frage nicht abweisen, worin denn dieser so 
allgemeine Hang selbst auch wieder seinen natürlichen Grund 
haue. 

Um nun von dein Bisherigen die Anwendung auf die vor« 
fegende Aufgabe zu machen , so ist vor allem wohl zu beach- 
ten, dafs uns der kühne Dicbter in seinem Prometheus ganz 
dieScene einer erst werdenden Weit Ordnung vor Augen stellt» 
Jener dem Prometheus feindlich entgegenstehende Zeus ist 
nun als das Erzeugnis einer Periode zu begreifen, in welcher 
in dem religiösen Bewufstseyn des Menschen die Idee eines 
von der Natur mächtig sich losreißenden, über derselben 
stehenden, wahrhaft persönlichen Gottes zuerst erwacht, die 
Idee eines Gottes, der nicht blos die rührenden Elemente der 
Natur beschwichtigt und zur kosmischen Ordnung bringt, 
sondern auch die ethischen Gesetze aufstellt und handhabt, 
die die höchste Norm des Menschenlebens seyn sollen. Daher, 
die immer wiederkehrende Vorstellung , dafs Zeus als neuer 
Gott herrsche, wie ». B. v. 35. 93. 150. Daher die Unter« 
Ordnung des Zeus unter die Gewalt der Moiren, das höhere 
Gesetz der Nothwendipkeit . weil er selbst noch der in seiner 
Entwicklung begriffene Qott ist», Als Tyrann aber ist Zeue 
dem Prometheus gegenüber dargestellt, weil Pronietheus der 
reine Mensch , und Zeus der Gott an und ftkr sich nur noch ala 
getrennt aus einander liegende, streitende Elemente zu neh- 
men sind, woraus erst ein im religiösen Bewufstseyn sich 
aasgleichendes harmonisches Ganze werden soll. Wenn nära- ' 
lieh im Menschen auerst das Bewufstseyn seiner eigenen freien 
selbstständigen Natur entsteht, so verbindet sich damit bald 
auch (neben dem Gefühle der Schwäche , Beschränktheit und 
Kurzsichtigkeit, die der Mythus von Prometheus durch den 
Mythus von Epimetheus und der Pandora ausdrückt) das Ge- 
fühl r<ner gewissen Abhängigkeit von einer höheren Macht, 
die er über aich anerkennen mufs, es erwacht in ihm das Be- 
wufstseyn gewisser Gesetze, durch welche das Hegelloae, 
Zufallige, Freie seines Lebens gebunden werden mufs. Aber 
diese Gesetze erscheinen ihm zuerst in der Idee der Gottheit, 
in welcher sich ihm sein eigenes religiöses Bewufstseyn ob« 
jectivirt, ala etwas rein äufseres, als etwas zufälliges, fremd- 
artiges , daa er mit seiner eigenen Natur noch wicht in Ein« 
klang bringen kann. Die noch unbegriffene Autonomie seiner 



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I 

Wclcker , die Aeseh jlUche Trilogie Prometheus. 71 3 



igenen Vernunft wird ihm, indem er die objective Verbind» 
ichkeit der Gesetae der Vernunft klügelnd (<ro(p/<mj{ wird auch 
Prometheus einigemal v. 62. 944- nicht ohne Grund genannt) 
n Zweifel zieht , zur Autonomie einet Tyrannen {vioyjxoig 
vpofs Z«o? oS«to>; M^oruv<f 150.), obgleich die Anerkennung 
ler höheren Macht des Zeus nicht völlig zurückgewiesen wer« 
len kann. Nur der Grund, auf dem sie beruht, ist noch 
licht erkannt, wie der Dichter auch dadurch zu verstehen 
;ibt, dals auch die Ursache, warum Zeus den Menschen das 
<*euer nicht zu Theil werden lassen wollte, nur von seiner 
Tyrannei hergeleitet wird. Es ist nicht zu Obersehen, dafs 
n der Ausführung des Dichters Zeus so sehr nur als Tyrann 
•rieh einen soll, dafs alles andere (wie wir gegen den Verf. 
'. 21* bemerken zu müssen glauben) , was etwa zum Nachtheil 
les Z eus gesagt werden konnte, um jener Hauptvorstellung 
licht Eintrag zu thun , wie absichtlich entfernt wird *). 

Der Widerstreit also des sinnlichen und vernünftigen 
Princips im Menschen, welches dann entsteht, wenn die ethi» 
sehen Gesetze, die sich in seinem Bewufstseyn aussprechen ^ 
ihm nur als positive von aufsen aufgedrungene Gebote erschei* 
nen, oder die menschliche Freiheit im Gegensatz gegen die 
absolute Abhängigkeit von Gott ist das grolse Thema, das in' 
der Promethee behandelt wird, und eben dadurch üufsert sich 
der philosophische Geist des grolsen Dichters, dafs er die 
Philosophie, die der sinnige Menschengeist in den alten be- 
deutungsvollen Mythus niedergelegt hat, auf eine solche 
Weise in sich reconstruirte , dafs er die in ihnen enthaltenen 
Ideen als Aufgaben der Speculation betrachtet, die für jeden 
denkenden Menschen ein immer neues Interesse haben müssen. ' 
Dieselbe philosophische Richtung seines Geistes spricht sich 
in derjenigen Tiilogie aus, die durch den Agamemnon, die 
Choöpboren und die Eumeniden gebildet wird , und in wel- 1 
eher es sich ebenfalls um eine der wichtigsten philosophischen 
Aufgaben, um die Antinomie der Gnade und Gerechtigkeit 
handelt. 

Nur wenn wir Über die Darstellung des Zeus im gefes- 
selten Prometheus auf ein befriedigendes Resultat gekommen 
lind, kann auch der Charakter des' Prometheus selbst nach 



*) Gewissermafsen ist diese Tyrannei des Zeus nur greller and in 
höherem Grade dasselbe, was der alt t es »am entliche Jehova als Ur- 
heber des positiven Gesetzes und als strenger Rächer der Missethat 
dem christlichen Begriff der Gottheit gegenüber ist. 



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I 



714-. Welcker» die Aeschjlische Trilogje Prometheus. 

allen seinen Umrissen gehörig aufgefafst werden. Prometheus 
und Zeus stehen einander gegenüber , wie Freiheit und Ty? 
rannei. Die gewöhnliche Ansicht versteht un:er dieser Ty- 
rannei die Naturnothwendigkeit. Nach Jakobs Att. Mus. 
III. Bd, S. 340. ist der unendlich erhabene Kampf der mora- 
lischen Freiheit gegen die physische Uebermacht der Gegen- 
stand dieses Trauerspiels, nach A. VV. Schlegel in den Voiles, 
über drauiat. Kunst Bd. I, 5. 164* der freien Willenskraft 
gfgen die unerbittliche Naturkraft 9 nach Blümner die Idee 
des Schicksals S. 15> des moralisch Guten gegen das Böse und 
die rohe Natur. Auch der Verf. bat keine andere Ansicht hier- 
über, wie auch schon daraus erhellt, dafs in dem Abschnitt 
über die früheren Erklärungen des Aeschylischen Prometheus 
S, 112 — 115« kein wesentlicher Begriff hervorgehoben wird, 
in welchem die Ansicht des Verf. von den früheren sich unter« 
scheidet. Vielmehr nennt er in Uebereinstimmung mit den- 
selben S. 68. den Prometheus gleichsam den Urverstand im 
Gegensatz der Natur und der Notwendigkeit , und S. 84* 
sagt er in derselben Beziehung : Während der Geist anringt 
gegen die Natur — ahnet er -kaum, dafs sein eigenes Recht 
nicht unbegrenzt sey, — indem die Natur sich durch bittere 
Leiden rächt, bleibt nichts übrig, als der Kraft zu wider- 
stehen. Die Idee des Drama wäre also nach dieser Ansicht : 
In der Freiheit liegt zwar die höchste Kraft, aber die Aeufse-. 
rung derselben mufs beschränkt werden, wenn der Mensch 
nicht die Natur gegen sich herausfordern soll. Aber auch Von. 
dieser Seite stellen sich uns sogleich neue Schwierigkeiten dar» 
Denn außerdem, dafs, sobald die Idee des Zeus nicht blos ,- 
. relativ in Beziehung auf die Periode der beginnenden Welt- 
ordnung genommen wird, der Vorwurf einer groben Versün» 
digung gegen die Volksreligion unabwendbar auf den Dichter ' 
zurückfällt, und der Zusammenbang seiner Darstellung, die 
nun eine rein poetische wird, mit dem von ihm doch sonst 
so wohl beachteten alten Mythus so gut als ganz aufgehoben 
wird, verliert die Ausführung des Dichters auch dadurch ihre 
grofse Bedeutsamkeit, dafs sie durchaus keine Merkmale ent- 
hält, den Kampf gegen Zeus als einen Kampf gegen die Natur 
anzusehen. Denn was ist es denn, was cfem Menschen der 
Natur gegenüber eine weise Mäfsigung im Gebrauche seiner 
freien Willenskraft auferlegt?' Ist es der Wille des Zeus, als 
des Herrn der Natur ? Aber dieser ist ja nicht als der weise 
Ordner der Naturgesetze geschildert, sondern nur als Ty- 
rann ? Ist es die Natur selbst? Aber dann wäre es nicht zu 
begreifen, wie der Dichter die Gelegenheit, die ihm der My- 



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Weloker, iic Awcbylische TrllPgie Prometii«iM.V 715, 

thw» selbst darbot 9 die That des Prometheus als eine durch 
ihre eigene Beschaffenheit sich selbst bestrafende darzustellen, 
indem ja eben das Feuer, das er raubt, durch Verfeinerung 
und Ueppigkeit eine Quelle des Verderbens ist, unbenutzt 
gelassen und wie absicutlicb zurückgewiesen bat. Man ver- 
gleiche , was der Verf. selbst S. 83. hierüber sngt. Auch ist. 
es in der That schwer, sich eine deutliche Vorstellung davon 
zu machen, was denn eigentlich nach dieser Ansicht das Un- 
begrenzte, worauf die That des Prometheus geht, und die 
Schranke, die ihr gesetzt wird, gewesen seyn soll, um so, 
schwerer, da wir doch nach dem ganzen Clutvkter des Dich* 
ters eine eben so einfache und leicht begreifliche als grofsar- 
ti^e Idee voraussetzen müssen. Mit Einem Worte: sobald 
wir den Kampf des Prometheus gegen Zeus als den Kampt 
gegen die Natur nehmen, wird sogleich alles dunkel und un«» 
erklärlich; deutlich dagegen und zusammenhängend, sobald, 
wir ihn nicht auf die Natur, sondern der 'ganzen Darstellung 
des Dichters zufolge auf den ethischen Willen des Zeus, wel- 
chem .Prometheus sich nicht unterwerfen will, beziehen. Es 
ist nicht der edle Kampf des freien Geistes gegen die Natur, 
vielmehr gerade umgekehrt der Kampf der Natur gegen den. 
„Geist. Denn Prometheus stellt als einer der Titanen die. 
menschliche Natur sowohl an und für «ich, als in ihrem Zu- 
sammenhang mit der ührigen Natur (die durch die Titanen 
repräsentirt wird) dar. Von diesem Gesichtspunkt aus labst 
sich auch allein dasjenige begreifen, was der Dichter nach dem 
alten Mythus den Prometheus von seinen. Verdiensten um die 
Gründung der Herrschaft des Zeus sagen Iii Ist, da nach der 
Griechischen Ansicht die Natur die feste Basis ist, auf welcher 
S f ich erst das geistige Leben der Götter und Menschen entwik- 
kelt und zur Selbstständigkeit gelangt. 

4« Alles dies bestätigt sich in seinem inneren Zusam- 
menhang hinlänglich auch durch die Aulldsu pg, die von dem 
grofscn in Prometheus gelegten Schicksals - Knoten gegeben, 
wird. Prometheus, welchen der Dichter auch schon in dem 
uns nbch erhaltenen Stücke das Bewui'stsevii deutlich aus- 
sprechen läfst, dafs er gefehlt habe, v. 260, unterwirft sich 
dem Zeus, aber auch Zeus kommt dem Prometheus entgegen. 
Es ist jedoch eine solche Vereinigung, bei welcher jeder dem 
andern sich nur so nähert, dafs er sieh selbst nichts vergibt« 
Zeus versöhnt sich mit Prometheus, um sich in seiner Herr- 
schaft zu behaupten), und Prometheus fügt sich in seinen 
Willen nur so, dafs die Bedeutung seiner That nicht verloren 
geht. Das Feuer bleibt, und der Mensch schreitet fort auf 



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716 Welcker , die Aesebylische Trilogie Prometheus. 



der Bahn seiner Entwickelung. Dies ist die Ausgleichung 
der menschlich sinnlichen Natur mit der göttlichen , in wel- 
cher der Mensch nun erst sein eigenes wahres Wesen er- 
kennt, in der Einheit des Bewufstseyns, Der alte, in dem 
noch ungernäfsigten Gefühl der Freiheit sündige Mensch, der 
den Tod verdiente, wird sich nun seiner Abhängigkeit von 
der Gottheit Jbewufst, aus dem Titanischen auf der einen , 
und dem Tyrannischen auf der andern Seite geht nun wie aus 
gegenseitig sich beschrankenden Elementen das wahrhaft re- 
ligiöse Geiüh] des Menschen hervor. Dies läfst sich vorerst 
an den Symbolen nachweisen, durch welche die Unterwerfung 
des Prometheus unter Zeus bezeichnet ist. Der eiserne 
Hing, welchen der befreite Prometheus trägt, ist ein Symbol 
*ler religiösen Abhängigkeit des Menschen von Gott. Der 
Verf. vergleicht damit den eisernen King, den nach Tacitus 
Germ« c. 31. dis Hatten trugen als Symbol der Sklaveret, und 
des Gelübdes, dieselbe durch Erlegung eines Freundes zu 
brechen. Eine entsprechendere Vergleichung bietet eine an* 
dere Stelle derselben Schrift des Römischen Geschichtscbrei- 
bers dar , cap. 39 » in welcher er von dem heiligen Hain der 
•Suevischen Semnonen sagt: Est et alia luco reverentia, nemo 
nisi vineulo ligatus ingreditur, ut minor et potestatem numi- 
nis prae se ferens. Hier bezeichnet die symbolische Fessel 
gerade denselben Begriff der religiösen Abhängigkeit des Men- 
schen von Gott, welche das Wort religio (von ligare) auch 
etymologisch ausdrückt. Keine andere Erklärung des Prome- 
theus-Ringes pafst zur obigen Erklärung des Mythus besser, 
als eben diese. Gleiche Bedeutung mit dem Ring hat der 
Lygoskranz. Von Wichtigkeit ist aber« dieses Symbol nicht 
blos mit dem Verf. als eine freiwillige gelinde Strafe zu neh- 
men, sondern besonders darauf zu beziehen, dafs auch die 
Opfer bekränzt am Altare standen, und so der Gottheit ge- 
weiht wurden. Der Opferkranz ist ebenfalls ein Symbol der 
religiösen Abhängigkeit, und für Prometbens deswegen vors 
höherer Bedeutung , weil der Mythus seine Versündigung 
gegen Zeus nicht blos vom Feuerraub, sondern auch vom 
Opferbetrug herleitet. Wie das betrügliche Opfer die Nicht- 
anerkennung der religiösen Abhängigkeit ausdrückt, so gibt 
nun der mit dem Opferkranz umwundene Prometheus ein 
Zeugnifs von der Anerkennung derselben» und wir sehen aueb 
in diesem so natürlichen Zusammenhang, einen Beweis dafür, 
dafs die Sage von dem Opferbetrug des Prometheus dem altert 
Mythus gewifs nicht so fremdartig ist, wie der Verf. meint. 
Aber auch die ganze Art und Weise , wie schon im Gefessel- 




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Weltker , die Aesehjlisclie Trtfogie Prometbem, 717 

« 

ten Prometheus die AuBösung des grofsen Schicksalsknotens 
angekündigt wird, steht hei unserer Ansicht des Mythus mit 
der Hauptidee desselben «freit mehr in einem inneren organi- 
schen Zusammenhang 9 als der Verf. nach der seinigen anneh« 
men kann. Die hierher gehörigen Momente sind: 1. Die 
dem Zeus drohende Gefahr, durch einen mächtigeren Sohn, 
gleich Uranos und Kronos, von dem Throne der Herrschaft 
gestürzt su werden , wofern nicht Prometheus sich unter* 
wirft, und in Folge seiner Unterwerfung geneigt wird» das 
Unheil drohende Geheimnifs zu offenbaren. 2* Der, Heros 
Achilleus, welcher aus der schicksalsvollen Ehe entspringt. 
3. Der unsterbliche Chiron, der statt des Prometheus unter 
die Erde geht. Alle diese Momente, die nach der Ansicht 
des Verf. im Grunde nur zur poetischen Ausschmückung die* 
nen, erhalten nach der obigen Erklärung einen für das Ganze 
so bedeutenden Sinn, dafs wir in ihnen unmöglich blos eine 
zufällige Verbindung von Sagen annehmen können. Stellt der 
Mythus von Prometheus überhaupt die Ausgleichung des 
sinnlichen und religiösen Bewufstseyns dar , so müssen wir 
in den angegebenen Momenten die eben so wahre als einfache 
philosophische Idee erkennen, dafs jene Vereinigung des 
menschlich- sinnlichen und göttlichen in der Einheit des Be- 
wufstseyns dann erst wahrhaft zu Stande kommen kann, wenn 
der Mensch das Göttliche , das er ursprünglich nur als eine 
fremdartige tyrannische Macht sich gegenüber stellte, deir 
Einheit des Bewufstseyns so einverleibt, dafs es einen we- 
sentlichen Bestandthetl seiner eigenen Natur eben so aus- 
macht, wie in der Person des Heros die menschliche Natur 
mit der göttlichen vereinigt ist. Der wahre Begriff der Gott- 
heit geht in dem Menschen dann erst auf, wenn in ihm der 
Begriff der die Natur und die Menscbenwelt nach ethischen 
Gesetzen regierenden Gottheit erwacht, der ethische Begriff 
der Gottheit aber hängt mit dem Begriff des Heroischen , ver- 
möge dessen der Mensch das Göttliche eben so in sich als 
aufser sich setzt, aufs engste zusammen. Denn erst, wenn 
das Heroische als die Vermittlung des rein menschlichen und 
ohjectiv göttlichen gesetzt ist, ist der Begriff von NaturgÖt- 
tern entfernt , von welchen nach dem Naturgesetz des Ent- 
stehens und Vergehens jeder folgende Gott als der stärkere 
Solin seinen Vater stürzt. Die Idee des Absoluten ist mit 
der Gottheit verbunden , was der Mytbuis von Prometheus 
dadurch ausdrückt , dafs, nachdem die schicksalsvolle Ehe drs 
Gottes iijtit der GöttiVi die Verbindung eines Menschen mit 
eiuer Göttin geworden ist, Zeus keine weitere Gefahr droht» 



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7lU WaicJwr, die Aescnyiwche Triiogie Proiüetheas. 

von dem Throne der Herrschaft gestürzt zu werden. So be- 
ginnt mit Achilleus, der auch in anderer Hinsicht durch die 
Bedeutung seines Namens und als der Sohn des* Peleus und der 
Thetis, der Erde und des Wassers, der ideale Urmensch ist, 
eine neue Weltordnung, die eigentliche Menschenwelt folgt 
als neue Schöpfung auf den Titanischen Kampf der Natur« 
demente. In demselben Sinri wie Achilleus greift auch der 
Heros Herakles als Befreier des Prometheus in die Katastrophe 
dieser bedeutungsvollen mythischen Geschichte ein. Den 
Chiron, dessen Antbeil an der Auflösung der Prometbee, wie 
der Verf. S. 263. vermuthet, nicht erst der Promethe^ ange- 
hört, tondern dem Lemnischen Heiligthum , nehmen wir ganz 
im Gegensatz gegen Achilleus. AVir. sind mit dem Verf. 
(S. 265.) überzeugt, „dafs in einer so speculativen,* tief ge- 
dächten Fabel, wie diese Proraetbeische ist , auch Chiron 
einen bestimmten und für das Ganze sehr wichtigen Sinn ge- 
habt haben mufs« , und finden auch die Erklärung ganz ge- 
nügend (S. 267.), dafs Chiron das Sinnbild halbthierischer , 
roh.sinnlicher Natur ist. Wenn aber sodahn der Verf. das 
Verbfiltnifs des Chiron zu Prometheus so bestimmt, PrOine* 
theus sey das göttliche Vorbild der Geweiheten , Chiron gebe 
als Sinnbild der Uneingeweiheten , des nicht vollkommenen 
\ind ächten Theils der Menschen, in das Reich der Schatten, 
als ein Gegenstück der Danaiden, so möchten wir dafür lieber 
Folgendes sagen : Chiron gehört, wie Prometheus', zu der- 
selben Chasse von Wesen , in welchen die göttliche Natur«* 
kraft (weswegen beide unsterblich sind) noch titanisch - ge- 
setzlos wirkt. Es sind wilde ungemäfsigte Producta, aus 
Welchen erstxlas wahrhaft kosmische und menschliche hervor- 
gehen müfs. Was nun in dem Titanen Prometheus der Ver- 
edlung und Erhebung zum wahren Menschencharakter fähig 
ist, kommt in dem Heros Achilleus zur Erscheinung, dein 
seiner Abhängigkeit von Gott sich bewufsten , aber das Gött- 
liche in sich seilist darstellenden Menschen, mit welchem der 
Kampf des Prometheus und Zeus sein Ende erreicht. Was 
aber die Titanen - Natur rein Titanisches, des ethisch -gött- 
lichen Unempfängliches in sich hat, ist als Ausscheidung vom 
besseren Theile in dem freiwillig sterbenden Chiron darge- 
stellt. Er hat sich selbst überlebt, und muß absterben, 
nachdem das Vollkommnere seiner Entwickelun^ bereits ent- 
gegengereift ist. So lösen sich also die Elemente, die Pro- 
metheus in sich trägt, das Edlere und Unedlere, das Halb- 
menschliche und Menschlich -Göttliche in Achilleus und Chi- 
ron auf. J3afs Chiron sonst, wo er nicht gerade in diesem 



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W eicker, die Aescbjüsehe 'Iriiogie Prometheus. 7 19 

* «- ■ 

Zusammenhang der .Begriffe vorkommt, einen mehr dem Pro* 
metbeus ähnlichen Charakter hat, lälst sich, wie wir gegen 
d«n Verf. S. 265. noch bemerken zu müssen glauben, aus der 
auch hier nicht zu vergessenden Verwandtschaft mit Prome- 
theus erklären. 

Der Verf. glaubt zur Rechtfertigung seiner Ansicht sol- 
chen gegenüber, welchen die Anerkennung einer Idee, zu- 
mal einer eigentlich philosophischen, in dem alten Mythus 
eine zu groise Anforderung an die Menschen* Vernunft zu 
seyn scheint, die Bemerkung hinzufügen zu müssen 88: 
„Wenn Symbolik eines solchen Inhalts wie im Fromethens 
bei dem Attischen Tragiker befremden kann, auch den, wel- 
cher den eben so tiefsinnigen als klaren Geist dieses Heros 
längst, angestaunt hätte, so liegt in der älteren Griechi- 
schen Religion nicht wenig verborgen, wodurch diese Er- 
scheinung erklärlicher wird** u» s. w. Wir können nicbt um- 
hin, diese Worte des Verf. auch für unsere Ansicht geltend 
zu machen, und hierin überhaupt demselben. vollkommen bei* 
zustimmen. Ist der Mythus nur das vage Spiel der Einbil- 
dungskraft mit bedeutungslosen Bildern t dann lohnt es sich 
»der That nicht, Zeit, Scharfsinn und Gelehrsamkeit an ein 
solches Gewirre zu verschwenden; steht aber die Voraus- 
setzung fest, dafs der Mythus eine Idee in sich schliefst, dann 
will sich auch, wofern wir nur dein natürlichen Zusammen- 
bang der alten Sage folgen, die einmal erkannte Idee fessellos 
aus ihrer Umhüllung herausbewegen» Man glaube doch, nicht, 
dafs das, was uns allerdings In der Sprache der Abstraction 
und Reflexion oft seltsam genug klingt, dem k Ja reu und na- 
türlich gesunden Sinne des älteren Geschlechtes so ferne lag. 
Warum soll, Was man in der Kunst längst anerkennen mufs- 
te, nicht auch dem Mythus, zu Statten kommen ? -Wie in 
jener der göttlich schaffende Genius, dem gemeinen Bewufst- 
seyn unerreichbar, oft viele Jahrhunderte der Verstandes - 
Reflexion vorauseilt, die sich von den Gründen des Verfahrens 
Rochenschaft geben will, so denken wir uns auf eine analoge 
Weise auch in dem Mythus, als dem Eizeugnifs einer der 
Natur näher stehenden Menschheit, eine Philosophie objecti- 
virt, deren seihst schon dem classischen Alterthum oft vielfach 
verhüillen Sinn zu reconstruiren , die Aufgabe der nachfolgen- 
den Reflexion ist. ' i. . 

Wir bedauern, da wir den engen Raum dieser Blätter 
auch so schon vielleicht zu sehr in Anspruch genommen ha- 
ben, auf die beiden ande'rn gröfseren Abbandlungen : Ueber 
die Ijemnisclle Kabiren - Weihe und den Zusammenhang der 



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720 Ueber den Römhilder Reccfs.* 

Prometbee mit derselben , S. 157 — 304. und: Winke Aber 
die Aeschyltsche Trilogie Oberhaupt» S. 3Ö7 — 684. nicht 
mehr Rücksicht nehmen zu können. Die letztere namentlich , 
in welcher der Verf., was er zuerst an der Prometbee im 
Einzelnen gezeigt hat , die Trilogie als allgemeinen Charakter 
der Aescbylischen Compotition durch eine sehr scharfsinnig 
durchgeführte Induction nachweist , gewährt ein für die Be- 
urtbeilung der 'Aescbylischen Kunstwerke und des Entwicke- 
lungsganges der dramatischen Poesie der Griechen überhaupt 
höchst wichtiges Resultat. Möge dem Vf, bald Vergönnt seyn, 
die verschiedenen im Laufe der gegenwärtigen Untersuchungen 
angekündigten Schriften einem solchen Werke folgen zu lassen. 

F. C. Beer. 

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Ueber den Römhilder Recefe vom 28. Ja/. 179t • Ein Beitrag zur B*- 
richtigungder Urtheilodes Publicum: Uber die Gothaische Successions» 
Sache. Gött. b. Fandenh. tu Ruprecht. 155 S. 8. 

Der Vf. dieser Schrift berührt zuvörderst die Rechtsgründe, 
welche d£r Gültigkeit des bekannten Römhilder Recesses e»jf£ 
gegengesetzt werden können, und geht dann zur Untersuchung 
und Darstellung des wahren Inhalts und Sinnes der in die Go- 
thaische Successionssache einschlagenden Steile dieses Recesses 
über. Die vollständige Zergliederung und Erläuterung dieser 
Stelle giebt der Schrift einen besonderen Werth. Der Vf. ge- 
langt zu folgenden Resultaten : %. Vermöge der älteren Haus- 
gesetze bestand in dem Herzogl. Gesamthause Sachsen die G r a - 
3 ualerhfolge. 2. Bei den Römhilder Gonferenzen war es zwar 
die Absicht der unterhandelnden Tbeile, dafsdie Lin eal folge 
für alle künftige Successionsfälle in dem Gotbaischen Gesamt- 
hause angenommen und als Hausstatut festgesetzt werden 
sollte. 3. Dieses Statut ist jedoch wirklich nicht errichtet 
worden, sondern der Römhilder Recels lälst vielmehr Alles 
heim Alten, indem er in seinem dispositiven Tbeile nur 
einige Specialverträge, mit einer Protestation gegen eine jede 
Ausdehnung dieser Verträge, enthält, die bestätigten Verträge 
aber (wenn sie auch der Linealsuccession das Wort sprechen 
sollten) sämtlich von der Speciallinie S. Gotba mit einer der 
drei übrigen Linien geschlossen und folglich mit dem erfolgten 
Aussterben jener Linie erloschen sind. 



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N. 46, 1826. 

/ 

Heidelberger 

Jahrbücher der Literatur. 



Historia de la dominacion d$ los Arabes en Espana 9 
sacada da varios manuscritos y memoria* A V abigas , por el Dr. 
Don Jose Antonio Conde. Madrid 1820 y 21 . Tom. /. 
Pr. XXIV. Pag. 635. Tom. //♦ Pa£. 455. Tom. Uk Pr. XX. 
Pag. 268. , 

Bei den vielfachen historischen- Bemühungen in unserer 
Zeit hat man auch die Geschichte der Mauren in Spanien nicht 
unbeachtet gelassen, welches uni so nöthiger war, weil wir 
dieselben aus Unkenntnifs der zahlreichen Arabischen Quell- 
schriftsteller tbeils unvollkommen und mangelhaft , theils nach 
den falschen Berichten christlicher Chronikschreiber entstellt 
lasen. Cardonne, Otter u, A. regten durch ihre Werke das 
Studium an, die Geschichte der Mauren aus den Arabischen 
Schriftstellern zu geben. Der Engländer Murphy und der 
Spanier Masdeu gingen noch weiter: sie benutzten die zahl» 
reichen Arabischen ManuScripte, welche Casiri in der Biblio- 
thek des Escurial anführt. Ungeachtet sie mit grofser Ge- 
lehrsamkeit ihre Werke auszustatten suchten , so fehlt ihnen 
doch der historische Tact, die gehörige Uebersicht des Gan- 
zen, eine genaue Kenntnifs der Geschichte der mit den Ara- 
bern in Berührung kommenden Völker, und was die Haupt- 
sache ist, es fehlt ihnen diejenige Kritik, welche noth wendig 
ist, um Bücher, Worin geschichtliche Darstellungen ohne Plan 
und Ordnung gegeben sind, benutzen und zweckmäfsig aus 
ziehen zu können. Alle diese Fehler seiner Vorgänger ver- 
suchte Conde zu vermeiden ; ob es ihm gelungen ist , davon 
werden wir unCen sprechen. 

Die Vorrede spricht über die hohe literarische Bildung 
der Mauren in Spanien in Vergleich mit dem übrigen Europa, 
und tbut dar, dafs eine vollständige Geschichte dieser Nation 
nicht nach christlichen Chronikschreibern , wovon der Erz- 
Mscbof Rodrigo von Toledo durch seine Geschichte der Ara- 
ber noch die erste Stelle einnimmt, gegeben werden könne; 
luch nicht nach einseitigen Arabischen Berichten, wie Car- 

XIX. Jahrg. 8. Heft. 46 



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Don J. A. Conde Historia de los Arabes. 

V l 



donne that , oder nach den von Casiri gegebenen historischen 
Fragmenten Arabischer Schriftsteller» wo mach Murphy und 
Masdeu ihre Werke ausarbeiteten; da Bruchstücke .die Ge- 
schichte oft mehr verwirrten als erbellten, und man durch den 
Schein gar zu leicht in die Irre geführt werden könne : — 
sondern, um eine vollständige Geschichte der Mauren zu lie- 
fern, müsse man ihre ganzen historischen Werke, die noch 
vorhanden sind, studiren und mit einander vergleichen. Ein 
solches mühsames Studium , das den Verfasser gewifs Jahre 
lang beschäftigte, 'setzte ihn in den Stand, Neues und Ver- 
bessertes zu geben, und gereicht dem Buche zu grofser Em- 
pfehlung; dafs er aber die benutzten Schriftsteller nur im 
Allgemeinen in der Vorrede, höchst selten im Buche, bei den 
einzelnen Stellen erwähnt, wo neue Behauptungen und von 

der bisher bekannten Geschichte abweichende Erzählungen 

o 

gegeben sind, möchte ihm bei dem grofsen Lesepublicuiu nicht 
schaden, bei dem Geschichtkundigen aber viel, da man. nicht 
befugt ist, sich auf Conde'a Auctorltät ganz zu verlassen. 
Dieser Umstand setzt den historischen Werth des Buchs sehr 
herab ; nicht minder der Grundsatz, der fast durch das ganze 
Buch, jedoch nicht mit aller Consecjuenz , am wenigsten im 
letzten Theil, ausgeführt ist, so zu erzählen, dafs man glau- 
ben sollte, einen Araber vor sich zu haben. Dieses gehört 
zu derselben Ttiorheit, wie die vieler unsrer jetzigen Maler, 
die, wenn sie. vielleicht auch Anlagen zu etwas Höherem in 
der Kunst hätten, sich als Ideal die altdeutsche Schule vor- 
setzen , mit ihren Vorzügen und Fehlern, ur)d die letzteren 
fast mehr nachzuahmen suchen, als die ersteren. Um sich in 
dem fremden Gewände ganz einheimisch zu bewegen, inufste 
Conde die Art der Araber, sich auszudrücken, so viel als 
möglich annehmen,, mulste Unbekanntschaft mit der Ge- 
schichte christlicher Völker heucheln, mulste lange Erzählun- 
gen durch Boten wiederholen lassen raufste die Prosa sogar 
mit Versen in Arabischem Metrum untermischen, und mui»te 
eine Menge Arabischer Benennungen von Würden und Aein- 
tern und Sachen beibehalten, die gewifs den meisten Leser 
unverständlich sind. 

Das ganze Werk zerfällt in vier Tbeile, wovon der ers 
Band die beiden ersten Theile umfafst, nämlich erstens di 
Geschichte der Eroberung Spaniens durch die Araber und de 
Statthalter, die von den Califen dahin geschickt wurden; un 
dann die Errichtung der Ommajadendynastie auf der Pyrenäi 
sehen Halbinsel bis zu ihrer Auflösung. Die beiden folgend 
den Bände, welche die Geschichte der Almoiaviden- und AI« 



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Doa J. A. Coode Historia de los Arabes. 72 3 



aohadenberrscbaft, und die des Königreichs Granada bis au 
feinem Sturze enthalten , haben nach der vom Herausgebe/ 
gemachten Anzeigt nicht die letzte Feile des Verfassers be* 
ioinmen, da ihn leider ein früher Tod seinem Vaterlande 
entrils, welches an solchen gelehrten Männern nicht allzu 
reich iJ>t, 

Um die oben ausgesprochenen Urtheile über die Fehler 
des Buches zu begründen, und zugleich seine Verdienste dar- 
zustellen , ist es nothwendig, etwas genauer in das VVerk 
einzugehen. 

Der erste Tbeil, welcher die Geschichte der Mauren l)is 
zur Gründung der Ominajadenherrschaft in Spanien umfafit, 
ist wie das ganze Werk in viele, ziemlich kurze Capitel ah* 
getbeilt, wodurch die Geschichte außerordentlich zersplittert 
und die Uebtrsicht über das Ganze erschwert wird, wenn sie 
nicht fast ganz verloren gebt. Anstatt der vierzig Capitel, 
worin dieser Theil, aufgelöst ist wären einige Abschnitte 
bioreichend gewesen, und hätten den Leser gleich mehr in 
die Sache selbst eingeführt. A)s Einleitung wäre die Ge- 
schichte der Eroberung Nordafrika's gegeben worden (von 
Cdp. 1 — 8.); den ersten Abschnitt bildeten die Eroberungen 
Tarik's, Musa's und Ahdelaziz's (von Cap. 8 — 19.); den 
aweiten die Züge der Maurischen Statthalter über die Pyre- 
näen und gegen die Christen in den nördlichen Gebirgen Spa- 
niens; den dritten die innere Geschichte des Landes, und die 
Kriege der Arabischen Häuptlinge unter einander. 

Bei der Erzählung der Eroberung Nordafrilta's durch die 
Araber gibt Conane manches Neue und Interessante, was 
Weder Cardonne ( Hist. de l'Afrique et de l'Espagne sous la 
domination des Arabes), noch Otter (in der Historie de l'Aca- 
demie des Inscriptions T. XXI.) aus Novairi, mittheilen konn- 
ten; doch hätte er nicht ganz die. Griechen , Theophanes in 
der Chronographie , den Anastasius und den Nicephorus über- 
sehen sollen. Auch das Kitab Aldjuniaii in den Notices et Extraits 
T. II, gibt über mehreres näheren Aufschlufs. — Bei dem 
liebi-rgang Tarik's nach Spanien verwirft Conde mit Jlt cht 
die Geschichte der Cava , deren Wahrheit schon Gibbon be- 
zweifelt, als eine Maurische Dich'nng: p. 25. not. Los nom- 
Jjres de la Caha , de su donce]Ia Alifa, y toda ,1a Serie de este 
Ctiento deseubre rjue f'ue ficciou morisca, ftmdada en las hablil- 
las y canciones vulgares qu« cortian entre Moros y Cristianos. 
(Die Namen Cava und ihrer Dienerin Alifaj und der ganse 
.Verlauf dieser Erzählung zeigen, dafs sie eine Arabische 
Dicotöüg, ist, die sich auf Unter Mauren und Christen um- 

46 * 




» 



724 Don J. A« Conde Historia de los Arabos. 

laufende Volksmährchen und Lieder gründet,) Die ältesten 
christlichen Denkmale für diese Zeit, die Chroniken von Isi- 
dor us Tacensis, von Don Alfonsus Magnus und von Albayda, 
erwähnen der Cava nicht ; was Ferreras in der Spanischen Ge- 
schichte versucht hat, um die Wahrheit der Geschichte zu ver- 
theidigen, läfst sich leicht widerlegen. 

Die Schlacht an der Guadalete oder bei Xeres de la Fron- 
tera beschreibt der Verf. sehr ausführlich, allein ganz falsch 
ist die Angabe , dafs Tarik mit eigener Hand den Weatgothen- 
könig Rodrigo niedergestofsen habe : cap. X. pag. 32. (Tarik) 
conveiendo ol Rey Ruderic por sus insignias y caballo 1« aco- 
meti<S y le pasö de una lanzada, y el triste Ruderic cay<$ mu- 
erto. Selbst die Arabischen Berichte bei Cardonne und Mur- 
phy (History of the Mahometan empire in Spain pag. 62«} 
stimmen damit nicht Überein, sondern sagen 9 dafs Rodrigo's 
Todesart unbekannt wäre; wahrscheinlich sey er im Flufs er- 
trunken. Damit im Einklang sagt das Chronicon Alfönsi 
Magni : de Ruderico vero rege nulli cognita manet causa in« 
teritus ejus. So auch Lucas Tudensis im Chronicon Mundi 
und der Erzbiscbof Rodrigo von Toledo de rebus Hisp. L. II. 
c. 20 1 obwohl der letstere c. 22. sich widerspricht und sagt : 
Rodericus a Juliano, ut creditur, interfectus est. 

Dafs Musa oder Tarik schon über die Pyrenäen gegangen 
sey und Eroberungen in Südfrankreich gemacht habe, ist 
höchst unwahrscheinlich. Diesen wenig glaubwürdigen Be- 
richt Novairi's hätte Conde nicht so leicht aufnehmen sollen. 
Murphy geht noch weiter : er läfst den Eroberer Spaniens bis 
an die Rhone vordringen. Der erste Arabische Feldherr aber, 
welcher Mohamedaner über diePyrenäen führte, war der krie- 
gerische und grausame Statthalter Alhaur (Alahor). 

Den groisen Zug Abderrahmans nach Frankreich und die 
blutige Schlacht bei Tours erzählt Conde Cap. 25. zum 
Theil ausführlicher als Andere, in mancher Hinsicht aber auch 
unvollständig , besonders da er der Eroberungen der Städte 
an der Rhone nicht erwähnt; auf die Berichte der Fränkischen 
Annalenscbreiber und des Faul Warnefrid (in der Longobar- 
dischen Geschichte L. VI. c. 46. p. 921. ed. Grot.) ist wenig 
oder keine Rücksicht genommen ; daher wird auch nicht ein- 
mal die Anzahl der Gebliebenen angegeben : Faul Warnefrid 
- spricht von 375,000 Todten auf Saracenischer Seite; wahr- 
scheinlich ist diese Angabe übertrieben. Mit Unrecht setzt 
Conde die Schlacht in das Jahr 733« auch Mariana in der 
Spanischen Geschichte irrt, wenn er auf des Isidorus Tacensis 
Auctorität bauend, das Jähr 734 angibt. Schon die Histoire 



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725 



deLanguedoc T. I. Not. LXXXIV. pag. 694- hat dargethan, 
dafs 732 als das richtige Jahr anzunehmen ist. 

Viel besser als die Züge nach Frankreich und die Kriege 
mit deu Christen in den Nordgebirgen Spaniens , ist der innere 
unruhige Zustand des Landes seit Abderrahmans Tode darge- 
stellt; wie es dem strengen und kräftigen Statthalter Okba 
(Aucupa nennt man ihn sonst) gelang 9 die durch die feindlichen 
Partheien erregten Unruhen su dämpfen, und Spaniens innere 
Verwaltung und Einrichtung mehr zu ordnen und festzustel- 
len, wie doch nach seinem Tode (74*0 »ich die Häuptlinge 
wieder feindlich gegen einander über stehen $ und wie mit dem 
Sturz der Oinmajaden im Orient auf der Fyrenäischen Halb« 
insel Yussuf el Fehri sich unabhängig macht. 

Der zweite Theü (von pag. 14/ — 635.) * welcher die 
Blüthe der Maurischen Herrschaft % die Dynastie der O mm a ja- 
den umfafst , ist leider ebenfalls in eine Menge Capitel , hun- 
dert und siebenzehn an der Zahl, zerstückelt* In keinen 
Tbeil der Maurischen Geschichte ist so viele Einheit und Ue- 
bersicht über das Ganze zu bringen, als/ in diesen y und doch 
hat Conde gerade hier am meisten dagegen gefehlt. Die Ge-. 
schichte soll nicht eine Masse von Einzelheiten aufstellen, 
sondern aus diesen heraus die Entwicklung des Staatslebens 
durchführen. Bei des Ommajadenberrscbaft in Spanien kann 
diese gut nachgewiesen werden, und sie wird gewifs mehr 
in die Sache einführen f als eine Menge fragmentarischer Ab- 
schnitte. Nach seiner Ansicht würde Ret die Geschiebte be- 
sagter Dynastie nach ihrem Steigen und Fallen so eintheilen: 

Erster Abschnitt: Gründung und Befestigung der Ommajaden- 

herrschaft in Spanien durch AJsderrahman I, 
Zweiter Abschnitt: Unruhige, aber kräftige Kegler ungen der * 

Califen Hescbam 1 , Ha&em I und Abderrahman I. 
Dritter Abschnitt : Gefahren des Calif3ts unter mehr gelehrten 

als kriegerischen Regenten bis auf Abdallahs Tod. 
Vierter Abschnitt : Abderrahman's III. und Hakem's If. Zeit 

oder Gulmination der Ommajadenherrschaft, 
Fünfter Abschnitt : Innerer Verfall und Glanz gegen aufsen 

unter dem Hadscbik Almansor. 
Sechster Abschnitt : Bürgerkriege und Auflösung der Moha- 

medanischen Herrschaft in Spanien in mehrere kleine 

Reicht. 

Die Geschichte Abderrahman's I. ist in den vier und zwan- 
zig ersten Gapiteln enthalten. Die Abentheuer desselben auf 
seinen Wanderungen, um den Verfolgungen der Abbassiden 



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726 Don J. A..Conde Historia de los Arabes. 

tu entgehen, sind aqsfübrlicli und schön erzählt, nicht min- 
der gut und anziehend sind seine Berufung zur Gründung eines 
Califats in Spanien, seine Kriege mit Yussuf, die unglück- 
lichen Versuche des Abbassiden Almansur, Spanien wieder zu 
erobern, und die verschiedenen Aufstände im Lande darge- 
stellt, so dafs hier Conde's Verdienste um die Maurische 
Geschichte sehr zu erheben sind. Allein diese finden nur 
Statt, wq es innere Angelegenheiten betrifft; denn sobald 
auswärtige Kriege gegen die Christen erzählt werden, ist er 
ein Minder, mit der europäischen Völker geschiente jener Zeit 
unbekannter Mohamedaner. Den wichtigen Krieg mit Karl 
dein Grofseu, wobei Ahderrahman fast den ganzen Länder- 
sti ii h vpn den Pyrenäen bis zu dem Ehro einbüfste , fertigt 
er mit kurzen Worten ab; Capitulo XX. pag. 201. (Los Cn- 
stianos de Afranc) tomaron £nimo , y con grandes huesces en- 
trarorr en tierras de Espana talando y estragando los campos, 
i'neendiando los pueblos y cautivando las gentes ; llegaron con 
sus algaras ba$ta Zaragoza; pero los Walkes de Wesca, de 
Lerida y de las otras fronteras fueron contra ellos, y los ven- 
Merori y obligarbn a pasar los montes, y tuvieron que dejar 
la presa y despoyös por la Vuelta. (Die Christen vom Fran- 
Jt'en reich', wieder ermuthigt, fielen mit zahlreichen Truppen 
iji Spanien ein, verbreiteten Raub, Mord, Brand und Ver- 
heerung über Felder und Oerter, und führten viele Gefangene 
davon. Ihre Reiterei kam auf ihren Streifzügen bis nach Za- 
ragoza. Allein die Statthalter von Hueska, Herda und andern 
Grenzorten zogen gegen sie,' schlugen und nothigten sie, 
wieder über die Berge zu gehen und die gemachte Beute zu- 
rück zu lassen.) Dieser falsche Bericht von Karls ersten Er- 
oberungen in Spanien mochte dem Verfasser noch zu verzeihen 
seyn, <7a er im Text die Rolle eines Arabischen Autors spielt; 
»Hein in der Note zu dieser Stelle, wo er sich als Spanischer 
Qelehrter des neunzehnten Jahrhunderts zu zeigen bat, be- 
gebt er einen Irrthum, welcher ihm weniger zu vergeben ist. 
Hier sagt er nämlich ; Esta fue la famosa batalla de Ronces- 
valles, Bekanntlich war der Zug Karls (im J, 778.) über die 
Pyrenäen überaus glücklich, er drang bis an den Ehro, und 
dre JVlobamedaoischen Städte , wohin er die von Ahderrahman 
vertriebenen Statthalter wieder zurückgeführt hatte, erkann- 
ten ihn als Oherherrn an. Nach Barcelloua aber ward «in fi än- 
^isc^ev Statthalter gesetzt, Von diesem allen, was, wenn 
a,u,ch, nicht aus den Arabern, doch aus den fränkischen Annalen 
Üe^ajint ist , sagt Co n de l^ein VVoit. Was aber die Nieder- 
lage des fr&njcischei* Heeres in den Engpässen von Roncesvalfes 



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I 

Don J. A. Conde Historie de los Arabei. 727 



betrifft, so waren die Mauren ganz unschuldig daran. Die 
freien, weder von den Franken noch von den Mohamedanern 
unterjochten Gebirgsbewohner , die Basken , durch die reiche 
Beute angelockt, lauerten in den engen Pässen und Schluch- 
ten dem üepäcke auf; es fiel in ihre Hände» obwohl dasselbe 
von den tapfersten Franken bereitet wurde, da sie durch ihre 
leichte Bewaffnung und ihre gewandten Bewegungen den 
schwergerösteten Wanken in den engen und oft unwegsamen 
Gebirgspässen von Roncesvalles weit überlegen waren. Hier 
fiel auch der viel besungene Roland. Für diese Gewaltthat 
der Basken, die Kail in ihren Bergklüften nicht bestrafen 
konnte, hülste der Herzog Lupus von Gascogne, den der Fran- 
kenkönig aufhängen liefs. 

Hescham I, Abderahman's Sohn und Nachfolger, /hatte 
gefährliche Kriege mit seinen Brüdern zn führen. Diese er- 
zählt Co n d e Cap 25. und 26. «ehr ausführlich ; auch die Re- 
bellion des Mohamedanischen Statthalters in Catalonien, wo 
Abderahman nach Karls Abzug bedeutende Eroberungen ge- 
macht hatte, werden umständlich berichtet, aber es wird 
nicht erwähnt, in welchem Verhältnifs der aufrührerische 
Statthalter zu Ludwig von Aquitanien, Karls des Grolsen 
Sohn, stand, der einen verheerenden Zug über die Pyrenäen 
unternahm, und mit mehreren Statthaltern Verbindungen an- 
knöpfte (vergl. Astronoraus in vita Ludovici Pii). Doch war 
dieser Zug Ludwigs nur als ein Streifzug anzusehen, da bald 
darauf von den JViohamedanern Barcellona wieder eingenom- 
men wurde, und ein grofses Heer unter Abdel Melek über die 
Pyrenäen setzte (793.), Narbonne eroberte, und erst den 
Rückzug antrat, als die Nachricht von den Siegen Alpbons 
des Keuschen, Königs von Asturien, ankam. Davon wird 
zwar Cap. 27. und 28. gesprochen, aber sehr unklar und ohne 
alle Rücksicht auf die christlichen Berichte. 

Bei Hakems I. Regierung (Cap. 30 — 38.) sind die Krie- 
ge, die dieser Calif mit seinen aufrührerischen Oheimen zu 
fuhren hatte, mit allen Nebenumständen erzählt; ein wich- 
tiger Umstand ist aber übergangen. Abdallah, der eine von 
den beiden Oheimen, die sich empörten, reiste nämlich nach 
Aachen zu Karl dem Groden (796.), und bat, ihm Hülfe zu 
leisten, seinen NefFen Hakem vom Throne zu stürzen.. Karl, 
der Befestigung seiner Macht in Spanien suchte , sagte ihm. 
die Hülfe zu, und schickte (797.) seinen Sohn Ludwig mit 
einem Heere über die Pyrenäen. Abdallah, wurde durch diese 
günstige Diversion in den Stand gesetzt, sich der Stadt Va- 
lencia zu bemächtigen. Um den abtrünnigen Mohamedanischen 



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728 Don J. A. Conde Hiitorja de los Arabes, 

Statthalter £ade von Barcellona zu züchtigen, sog Ludwig 
abermals (799) übet die Pyrenäen , zerstörte die Stadt Lerida 
und Hefs das abgefallene Barcellona zwei Jahre lang belagern , 
bis er es im J. 801 eroberte; als Statthalter setzte er den frän- 
kischen Grafen Bera ein. Ludwig drang bis an den Ausflufs 
des Ebro vor, wo er (804 oder 808) Tortosa eroberte. Je- 
doch hier fand das Glück der fränkischen Waffen seine Gränze, 
Hakem erschien mit einem furchtbaren Heere am Ebro, nahm 
Saragossa, und bedrohete die ganze Spanische Mark (8lO). 
Aber die neuen Niederlagen , die seine Heere durch Alphons 
den Keuschen erlitten » bewogen ihn mit Ludwig eine Waffen- 
ruhe au schliefsen. Gegen das Jahr 821 knüpfte er mit dem 
Statthalter Bera Einverständnisse an; als diese von Kaiser 
Ludwig entdeckt wurden, sollten die Feindseligkeiten wieder 
beginnen, die Hakems Tod nicht zum Ausbruch kommen Hefs. 
Alle diese verschiedenen Beziehungen des Maurischen und 
Fränkischen Reiches zu einander« die man in den fränkischen 
Annalen zerstreut angegeben findet, übergeht Co n d e , oder 
spricht nur undeutlich oder verworren davon. Auch die Ver- 
schwörung, wodurch nach Ihn Kaldun (bei Murphy p. 88.) 
der dem Vergnügen z.u sehr ergebene und dem Volke durch 
neue Zollgesetze verbalste Calif vom Throne gestürzt, aber 
durch eine mächtige Partbei bald wieder darauf erhoben ward, 
erzählt der Verf. nach seinen Berichten anders, ohne dafs er 
für seine abweichende Erzählung seine Gewährsmänner an* 
gibt. Was in Hakems Geschichte ferner eine weitere Aus- 
führung bedurft hätte, ist die Einrichtung eines regejmäfsigen 
Militärwesens und einer starken Flotte im mittelländischen 
Meere, welche bald über Sardinien, Corsika, Siciüen und 
Italien Furcht und Schrecken verbreitete. 

Abderrahman« II. lange Regierung vom J. 822 — 852 ist 1 
zwar von Cap. 38 — 47. sehr ausgeführt dargestellt, jedoch 
nicht erschöpfend« Nach den verschiedenen Schriftstellern 
wird über ihn, wie über die ganze Spanische Geschichte die« 
ser Zeit, also auch über Alphons d*n Keuschen so viel Dun- 
kles und Verworrenes berichtet, dafs es schwer seyn möchte, 
Licht' und Ordnung in diese widerspruchsvolle Geschichte zu 
bringen. Abderrahmans Regierung ist mit Empörungen und 
Kriegen angefüllt. Zuerst rebellirte gegen ihn sein Grofs- 
oheim Abdallah, der geschlagene Rebell zog seine Anhänger 
mit ins Unglück, die sämmtlich auswanderten, in zahlreichen 
Scb aaren nach Aegypten kamen, Alexandria eroberten, und 
nachdem sie sich auch die Insel Creta unterworfen, die furcht- 
barsten Seeräuber wurden. Conde setzt diese Eroberung 



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Don J. A. Coode Hiftoria de los Arabes. 729 

Alexandras noch unter Hakeoi, unter dessen Regierung nach 
der Beendigung des Aufstandet in Cordova auch bedeutende 
Auswanderungen, besonders nach Fe», statt fanden. Ob- 
wohl Abderrahman auch einen Aufstand in Merida und Tole- 
do, welche letztere Stadt drei Jahre lang belagert wurde, au 
unterdrücken hatte, so zeigteer doch zu gleicher Zeit gegen 
die Fränkische und SpaniBche Heeresmacht, welche seine 
Grenzen bedrohet«, viele Energie. Wenn er auch nicht im- 
mer glücklich war (die Araber erzählen fast nur von seinen 
Siegen, die Christen nur von seinen Niederlagen), so drang 
er doch so weit in die feindlichen Länder vor, dal* er einmal 
Leon, das anderemal Painpeluna eroberte. Den hartnäckig- 
sten Kampf hatte er mit den Normännern (von den Arabern 
Magiogen genannt) zu bestehen , die besonders die Gegend 
um Lissabon und Sevilla schrecklich heimsuchten, bis es end- 
lich dem Califen nach vieler Anstrengung gelang, sie auf ihre 
Schiffe zurück zu schlagen. Die Verbindungen der Griechi- 
schen Kaiser mit Cordova gegen die Abbassiden in Bagdad 
gibt Cond e genauer an als Murphy, auch den Versuch, mit 
einer Maurischen Flotte bei Marseille ein Heer ans Land zu 
setzen, um die Franken in Gotbien (d. i. Catalonien und Sep- 
titnanien) im Rücken anzugreifen, welche Sache, wie ihr 
Mifslingen, auch die Annales Bertiniäni erwähnen. Allein 
die Verbindung mit Italien wurde ganz mit Stillschweigen 
übergangen. Nämlich, wie uns das Chronicon Siculum bei 
Muratori T. I. Pars 2. pag. 245. berichtet, wurde Messana 
von den Spanischen Mohamedanern erobert, und nachErchein- 
bertus (in continuat. Paul. Diacoo. cap. XVII. bei Muratori 
T.II. pag. 24l.) rief Sigenulf (Siconulfus), der Herzog von 
Capua, welcher gegen den Herzog Radelgis von Benevent und 
den mit ihm verbundenen Edrisiden aus Afrika Krieg führte, 
die Ommajaden aus Spanien zu Hülfe. Abderrahman schickte 
eine Flotte, und erlangte mehrere Vortheile über Radelgis. 

Die sehr durch innere und Äufsere Bewegungen getrübten 
Regierungen Mahomeds (vom J. 8*2 — 886} , Alinondhir's 
(886 - 888), Abdallahs (888 — 912) aind ron Cap. 47 — 
67. dargestellt. Die vielen Unruhen im Inneren mögen ihren 
Grund in den drückenden Steuern und in der Neigung der 
Statthalter , sich unabhängig au machen, gehabthaben. Durch 
die Fortschritte der christlichen Könige von Leon und Na- 
varra, und der Grafen in Barcellona wurden die Mauren im- 
mer mehr in ihrer Herrschaft bedroht, und der Sturz dersel- 
ben wäre gewifs viel früher erfolgt, hätte nicht eine lange, 
Jträffcg* und glückliche Regierung dem Reiche neue Festigkeit 



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730 Don J, A. Conde Historie de los Arabes. 

gegeben, und wSren nicht Spaniens christliche Fürsten unter 
sich verfallen gewesen. 

li>ie glänzendste Periode in der Maurischen Geschichte 
Spaniens ist die Zeit Abderrahmans III, sowohl in Hinsicht 
der militärischen Gewalt und des inneren Reichihums , als der 
hohenEildung und der Blüthe der Künste und Wissenschaften. 
Jn den zwanzig Capiteln (von 67 — 87.) > worin Conde von 
der fünfzigjährigen Regierung dieses Califen handelt, ist sehr 
wenig Ordnung und noch weniger historischer Tact ; fast 
chronikartig sind neben den wichtigsten Begebenheiten die 
Sterbejahre und Tage einzelner Mohamedaner , Dürre, Theu- 
rung, Anekdoten, Naturerscheinungen u. s. w. aufgezählt, 
so dafs die eigentlichen Facta der Geschichte unter dem Hau- 
fen aufserwesentlicher Dinge verschüttet sind , oder denselben 
weichen mufsten, und daher mit Stillschweigen übergangen 
Wurden. Was noch die beste und genaueste Darstellung in 
diesem Abschnitte seyn dürfte, ist die Entwickejung und Er- 
zählung der Kriege Abderrahmans in Afrika,, welcher Cap. 74- 
75. und 76. eine Geschichte der Edrisiden , Aglahiten und- der 
diese beiden überwältigenden Schiiten oder Fatimiten voraus« 
geschickt ist. Auch die Verschwörung des Prinzen Abdallah 
gegen seinen Vater (Gap. 83 ) gehört zu den besseren Capiteln, 
Allein bei den so wichtigen Kriegen mit den christlichen Kö- 
nigen konnte die ganze Erzählung nur höchst dürftig und par« 
theiisch ausfallen, da die Spanischen Chronikscbreiher nicht 
zu Rathe gezogen wurden, ja selbst nicht einmal alle Arabi- 
sche Berichte. Auch die zahlreichen Verbindungen Abderrah- 
mans mit fast allen damals lebenden Königen und Fürsten sind 
mangelhaft angegeben oder manche ganz übergangen. Der 
ersten Gesandtschaft des Griechischen Kaisers Leo, wovon 
Murphy spricht, erwähnt er nicht; eben so schweigt er von 
der, welche Otto der Grofse (955) schickte, bei welcher der 
Gesandte Johann von Görz so grofse Schwierigkeiten hatte, 
bis er vorgelassen wurde. Darüber steht das Nähere bei 
Labbe' Nova Bibliotheca MSS. librr. T. I. pag. 741 sqq. und 
Culmets Histoire de Lorraine. 

Die Kriege 9 welche der gelehrte Calif Hakem, ein grofser 
Freund der Wissenschaften, der Künste und der Poesie, in 
Afrika und GalJicien mit ziemlichem Glücke führte, sind in 
den Capiteln 88 — 94- mitgetbeilt. In den beiden letzten 
Capiteln ist auch viel Interessantes über die damalige Mauri- 
sche Cultur und Gelehrsamkeit, wie auch über Hakems, Be- 
mühungen, dieselbe noch höher zu steigern , angegebet». Un- 
ter seinem unmündigen Sohne Heacbain hebt -sich der erste 



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Don J. "a: Conde Histotia de los Arabes. 73 l 

Minister, Hadschib (d. i. Vezier) , so sehr, dafs er sich die 
Macht des Califen seihst aneignet. Conde zwar behauptet, 
dafs der Hadschib Älmansor immer Unterthan Heschams ge- 
blieben, und nirgends davon die Rede sey, dafs ei 1 skh des 
Califats bemächtigt h abe; allein hier kommt es nicht auf die 
Worte, sondern auf die Sache an. Es ist nach allein Arabi- 
schen Berichten offenbar , dafs Hescham in seinem Pallaste zu 
Azxilbra gefangen gehalten und ganz von den Regierungsge- 
scliäHen entfernt wurde; dafs der fTadschih 'Älmansor i»ich 
eine bisher in Spanien unerhört grofse Militärmacht sehnt, 
und über diese ganz nach Gutdünken verfügen konnte; dais 
alle Vertheiliingen der Aemter von ihm ausgingen; dais er sich 
durch die Anlegung der neuen Stadt Azzehira eine dem Omma- 
jadenpallaste Azzähra ähnliche Ilofstadt erbaute, die zugleich 
auch durch die dabei angelegten Befestigungswelke, Magazine 
und Zeughäuser für ihn ein Bollwerk seyri sollten, jeden Ver- 
such, ihn zu stürzen, unmöglich zu machen. Wenn er auch 
dem machtlosen Hescham noch das Zeichen der Sou veränität , 
die Erwähnung seines Namens in der Chotba öder im öffent- 
lichen Gebet , und auf Münzen, liefs , so war doch derselbe 
im eigentlichen Sinne abgesetzt. Uebrigens hätte Conde 
rrtehr ausfuhren sollen, wie schon vor Älmansor die Ommaja- 
denherrschaft in ihren Grundfesten morsch und angefressen 
wurde, theils durch die beständigen inneren Unruhen und das 
Wachsen der Christenstaaten , theils durch den überhandneh- 
menden Luxus und selbst durch die Bildung, da sie Ueber- 
bildung wurde. Die Kraft der Moslems war gelähmt; reli- 
giöse Begeisterung, wodurch ihre Eroberungen von einem 
Weltmeer zu andern sich erstreckten, hörte auf ; denn schon 
band man sich nicht mehr streng an die Gesetze des Koran, 
nnd kriegerischer Sinn und Tapferkeit wurde ungeachtet der 
strengen Verböte Hakems mehr durch Weintunken als durch 
den* Wunsch den Islam auszubreiten , i angefacht. 

Um ein solches sinkende Reich zu halten , war ein Mi- 

luar«enie wie Älmansor nothwendi«. D »rch sein Ansehen 
ö o 

bei dem Heere, dem er ein Abgott war, wurde er die Stütze 
und der Glanz seines Volkes ; er brachte die christlichen Staa- 
ten Spantens an den Rand des Untergangs ; da er aber nach 
seinem Tode nicht durch einen grofsfen Mann ersetzt wurde, 
so mufste nothwendig das ganze Gebäude, das der Stützen 
entbehrte, iu den grausen Bürgerkrieg zerfallen, und die ein- 
zelnen Staaten eine Beute mächtiger christlicher oder fremder 
mohamedanisclier Füisten werden. Wie kräftig Älmansor die 
2ügel der Regierung führte, lä Ist sich daraus ersehen, dafs, 



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732 



Don J. A. Conde HUtoria de loi Arabes- 

< > 



obwohl er beständig' im Norden und Osten mit Christen , im 
Süden, in Afrika, mit Mobainedanern , in Kriege verwickele 
war, doch im Inneren des Landes, was unter den früheren 
Regierungen unerhört war , keine Empörungen , keine Auf« 
stände ausbrachen. — Auffallend ist es, daß Conde den so 
wichtigen Zug Almansor's nach Gallicien, wo er Santyago 
zerstörte, so kurz und zwar als zwei Züge erwähnt. Cap. 99. 
pag. 523. sagt er: AI ano siguiente (988) visitö* la frontera de 
Gaj icia y ocupo* Medina Colimria y llegö a Santyac, destruyö 
aus inuros, y tomd grandes despojos y muchos cautivos y vol- 
viö vencedor a Cordoba por Talavera y Toledo. (Im folgen« 
den Jahre kam er an die Grenze Galliciens , besetzte Cuim- 
bria, drang nach Santyago, zerstörte dessen Mauern, und 
kehrte siegreich über Talavera und Toledo nach Cordova zu- 
rück.) Fast eben so kurz erzählt er denselben Zug nach 
Santyago Cap. 100. p. 530* noch einmal, da doch die christ- 
lichen Berichte , wie die Arabischen bei Murphy (pag. 113.), 
nur von einem sprechen. An der angegebenen Stelle heilst 
es: (Almansur) having fitted out a fleet with provisions and 
arms to meet bim at Oporto, h« directed bis march by Coria 
tothat city, and arrived at St. Jago. — Finding the place 
deserted by all its inhabitants , except one old Monk 9 wbo> 
was sitting on the tomb of St. James, the Moslems collected 
thebooty, and destroyed the walls, bouses et church; but 
tbe tomb , which was of rare workmansbip, as well as the old 
monk, was spared and protected by Almansor, Dann wird 
der fernere Verlauf der Expedition angegeben , wovon Conda 
nichts erwähnt 

Nach Almansor's Tode waltete sein Sohn Abdelmelik 
ganz nach dem Sinne und der Weise des Vaters fort; ihm 
folgte nach einer siebenjährigen Regierung sein Bruder Abder- 
rahman. Als dieser den schwachen Hescham zwang, ihn zu . 
seinem Erben und Nachfolger zu erklären , so erregte er den 
Unwillen aller, bewirkte durch diesen Schritt seinen Tod, und 
schleuderte den Staat in den Sturm der blutigsten Bürger- 
kriege , welche das Ommajadiscbe Galifat in mehrere Herr- 
schatten zerstückelten« Diese inneren Kriege und das Schick- 
sal der letzten t Ommajaden und ihrer Gegenregenten, beson- 
ders der Aliden , sind von Gap. J05 — 117. erzählt. Bei dem 
Kampfe Mahadi's und Solimans hätte der Hülfe der Christen 
auf beiden Seiten mit mehr Genauigkeit gedacht werden sol- 
len. Das Schicksal des unglücklichen Hescham, der unter AI« 
mansor und seinen Söhnen ein Gefangener war, unter Mahadi 
erst abgesetzt, dann scheinbar beerdigt, aber wieder aus der 



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Don J. A. Conde Historia do los Arabes. 733 

Dunkelheit hervorgezogen und auf den Thron gesetzt ward, 
bis er endlich in die Hände des grausamen Soliman fiel , be- 
schreibt Conde mit vieler Genauigkeit und in Uebereinstim- 
mung mit den bisherigen Nachrichten. Allein in der Angabe 
der Ungewifsbeit seiner ferneren Schicksale weicht er davon 
ab: Cap. 108. pag. 582. Los Eslabos (d. i. die Leibwache) y 
ptroa honrados servidores del Key Hixdm suplicaron por e*l a 
Suleiman; lo <jue biso de el se ignora, pues nunca mas parecitf 
vivo ni mnerto , ni dejo sucesion, sino de calamidades y dis^ 
cordia civil. Dagegen gibt der Erzbischof Roderich in der 
Arabischen Geschichte (Jap. XL. in f. Bestimmteres: Cives 
autem Issem extra Cordubam deducentes , libere abire permi- 
serunt et ille fugiens in Africam transfretavit, und Murphy 
pag. 117. gibt diesem Widersprechendes : Hesbam was priva- 
tely slain. 

Diesem ersten Bande sind sechs Kupfertafeln mit Arabi- 
schen Inschriften beigefügt, wovon noch zum Ueberflusse am 
Ende des ganzen Werkes Uebersetsungen beigefügt werden , 
da sie schon in diesem Bande im Texte der Verfasser über- 
tragen hat. 

Der zweite Band oder dritte Theil enthält in acht und 
fünfzig Capiteln erstens das Schicksal der verschiedenen Herr- 
schaften y die aus dem aufgelösten Otnmajadenreicbe hervor- 
gegangen sind, von Cap. 1 — 9; dann die Eroberungen der 
aus Afrika kommenden Almoraviden , von Cap. 9 — 26; die 
Kriege der Almohaden , von Cap. 27 — 57; und das letzte Ca- 
pitel schliefst den Band mit der Geschichte der Meriniden , 
welche in Marokko herrschten , und mehrmals nach Spanien 
fibersetzten. Am Ende ist noch eine chronologische Üeber- 
sicht der Maurischen Herrscher in den verschiedenen Staaten 
Spaniens von der Hegira 408 — 621 angehängt. 

In diesem .Th eile hat Conde vielleicht die gröfsten Ver- 
dienste um die Maurische Geschichte. Es ist gerade die Zeit, 
welche durch die vielen Kriege sowohl der Mohamedaner un- 
ter einander, als auch gegen die Christen, durch die Menge 
der Staaten 9 durch den hänfigen Wechsel der Regenten , die 
gröfsten Schwierigkeiten macht, und daher bisher am meisten 
im Dunkel lag. Die bisherigen Bearbeitungen dieser Ge- 
schichte leisteten nur höchst Unvollkommenes, wenn man sie 
mit Conde*« Bemühungen vergleicht. 

Jusef ben Tacbfin, der Eroberer Nordafrika's und Grün- 
der Marokko'«, war der erste Almoravide, der nach Spanien 
übersetzte. Nach Conds'» Erzählung wurde er fast von 
allen Emiren in Spanien, die der immer wachsenden Castili- 



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734 Vou J. A. Conde Historia de tos Arabet. 

«oben Macht nicht mehr Widerstand leisten konnten « beson- 
ders aber vom Herrscher von Sevilla Aben Ahbed zu Hülte, ge- 
rufen. Dieser sollte nämlich aufser einem erhöheteu Tribut 
noch mehrerer feste Oerter an Alphons VI« abtreten« 4er schon 
Toledo genommen hatte. Das Schicksal der christlichen Ge- 
sandtschaft« woraus man die Rohheit der Zeit bei der grolsen 
Ritterlichkeit ersehen kann , .wird verschieden erzählt. Co Il- 
de gibt pag. 1X4. die Geschichte mit dem Juden, der von AI- 
phous der Gesandtschaft beigegeben ward» das Geld in. Em- 
pfang zu nehmen« ganz anders als Murphy pag. 127. Doch 
stimmen beide darin , Überein , dafs der Gesandte und Jude 
umgebracht worden. Der Engländer sagt nach seinen Arabi- 
schen Jtfanuscripten: Galling tb« envoy into bispresence, Ihn 
Abbad beat bim tili. bis eye* feil Out; only three of the atten- 
dants (die vorher auf fünfhundert angegeben) escaping to in- 
form Alfonso etc. — und von dem Juden heifst es: he made 
use of harsh language. that Prince instantly knocked out bis 
brains and caused him to be crucified. Conde dagegen er- 
zählt glaubwürdiger p. 115 : y aquella noche misma entraron 
algunos esclavos en las tiendas del embajador y del Judio y 
mataron a e'ste con uuichos punaladas y roaltraron a losCristia- 
nos que venian con el embajador. Durch den Sieg in der 
Schlacht bei Zalaca (1086), weiche Gap. 16. sehr schön und 
wahrhaft orientalisch beschrieben ist $ war de» Almoraviden 
Jusef Herrschaft in Spanjen gegründet, und Alpbonso's Ueber- 
macht gehrochen. Bei den Eroberungen und Kriegen der Al- 
moraviden in Spanien wird auch oftmals des Gid, unter dem 
Namen Ruderic Cambitur (Caipheador) Erwähnung gethan, 
besonders bei dem Krieg in Valentja Gap. 22. p. 162 — r 1Ö4- 
Dadurch gewinnt die. Geschichte Cids nicht Wenig an Wahr- 
heit, da mehrere Spanische Geschicbtscbreiber sie für ein 
Werk der Einbildung halten, und ihn deswegen neben die 
andern Romanhelden des Mittelalters stellen. 

Obwohl von .den Almobaden« die sich unter der Regie- 
rung Ihn Aly Jusef's in Afrika erheben, von ihren Siegen und 
Eroberungen in Afrika und Spanien, dann auch von ihren 
Niederlagen und ihrem Sturze sehr ausführlich (von pag. 222 
— 4^4-) gehandelt wird, so ist doch hie und da mancher Um- 
stand, der dem Ganzen eine andere Gestalt gehen würde, über- 
gangen. Sehr zu verwundern ist es« dafs Gonde in /ler Ge- 
schichte von Jacub Aluiansor , der durch den Sieg bei Alarko» 
die Almohadenherrschaft auf's Höchste steigerte (1195), nicht 
erwähnt, dafs mit ihm der im dritten Kreuzzuge so bekannte 
Sultan Saladin ein Bünduif« gegen die Franke* zu machen 



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Don J. A. Coode Hiitoria do los Arabes. 735 

suchte, am dieselben in ihrem eigenen Lande anzugreifen. 
Da aber der Sultan versäumt hatte, Jacuh den Titel Amir 
Mumenin (Herrscher der Gläubigen) zu geben, so wies der 
Alrnohade jede Verbindung mit dem morgenländiscbeii Herr- 
scher zurück. , 

Oer dritte Band oder vierte und letzte Theil enthält in k 
drei und vierzig Capiteln die Geschiebte der Mauren von dem 
Sturze der Almuhaden bis zur Eroberung Granada's oder der 
Vertreibung der Moheinedaner aus der Halbinsel, also haupt- 
sächlich die Geschichte der Nagariden 9 die in Granada herrsch- 
ten. In den ersten Capiteln (von l — 9.) ist dargestellt, wie 
mehrere in die gröfste Verwirrung gestürzten Mobamedani- 
schen Staaten den siegreichen Königen von Arragonien und 
Castilien unterliegen , wie der letztere, Ferdinand 111 , in das' ' 
Herz von Andalusien dringt, Cordova und Sevilla eröbeit', 
und zwar selbst unterstützt vom Äben . Alahmar , dem Stifter 
der Nagaridenherricbaft in Granada. und dein Erbauer der Al- 
hamra. Murcia aber verbleibt noch den Anhängern des Is- 

r^ 

lams, weil die christlichen Könige zu sehr mit Eitersucht und 
Feindschaft gegen einander erfüllt sind, als dafs einer dem an- 
dern den Besitz dieses Landes gegönnt 'bütte. 

Wie alle untergehende Reiche, so bietet die Geschichte 
des Königreichs Granada viel Trauriges und Schändliches dar. 
Von Norden aus mischen sich die Christen , von Süden aus 
die Herrscher in Marokko, die Meriniden, in die Maurischen 
Angelegenheiten, nnd treten ihnen bald feindlich entgegen, 
t)ald suchen sie den Sturz des wankenden Reiches noch zu ver- 
zögern. Innere Empörungen und Verschwörungen, gewalt- 
same Thronbesteigungen und dadurch erzeugte blutige Bürger- 
kriege , durch Fremde entschieden , türkisch- sultanischer Arg- 
wohn der Regenten pnoen die Verwandten und beständiger 
Giäufl vo»v Fainilienmorden schwächen und untergraben alle ■ 
Festigkeit der Herrschaft, und erleichteren täglich mehr: den 
Christen die Eroberungen , die noch viel schneller hätten ge- 
macht werden können, wenn nicht auch bei diesen Aebnliches 
wie bei ihren Feinden statt gefunden hätte. Die schwächeren 
und vertriebenen Maurischen Könige suchen gewöhnlich bei 
den christlichen Hülfe, und erhalten diese durch grofse Län- 
dtlrahtretungen. An Nichterfüllung des Versprechens und an 
Treulosigkeit jeder Alt fehlt es auf keiner Seite; aber auch 
nicht an Groismuth und edler Ritterlichkeit, wodurch jene 
Zeit die Widersprüche Rohheit und Zartheit, Gefühl für das 
Schöne oder Edle und Brutalität des Geistes und des Handelns 
Wunderbar mit einander verbindet. 



■ 



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736 Don J. Aß Conde Historie de loi Arabei. 

Die so sehr verwickelte lotete Zeit der Maurischen Herr* 
schaft in Granada , wo ein Regent dreimal den Thron verliert 
und wieder besteigt, wo Verwandte gegen Verwandte sich dio 
Krone streitig machen und das unglückliche Land in Par- 
iheiungen tbetlen , und so seine Einheit und Kraft immer mehr 
schwächen, indem Ferdinand der Katholische das ganze christ- 
liche Spanien vereint, diese Zeit, wo im ungleichen Kampfe; 
der Islam in der Pyrenäischen Halbinsel, nach einem fast acht- 
hundertjährigen Aufenthalte, unterliegt, ist klar und ausführ- 
lich erzählt, und zwar viel weniger in der Manier eines Ara- 
bers als eines Spanischen Geschichtschreibers. 

Obwohl Conde eigentlich dem Cultur- und Literatur« 
zustande der Mauren in Spanien keine besonderen Abschnitte 
gewidmet hat , wie Murphy , so kommen hie und da doch 
sehr schätzbare Bemerkungen über innere Einrichtungen Ge- 
setze, Gelehrte, Schulen, Militärwesen, Zünfte u. s. w. vor. 
Wichtig für die ersten Nachrichten vom Gebrauche des Pul- 
vers im Kriege sind die an mehreren' Stellen eingestreuten No- 
tizen, wodurch man beweisen kann, dafs in Spanien der Ge- 
brauch dieses zerstörenden Elements lange vor Bercbtold 
Schwarz bekannt war. Vor der Schlacht bei Crecy (1346) 
fand man, wie Hume (History of England chapt. XV.) ba*. 
hauptet , nirgends in einem Kriege den Gebrauch de» groben 
Geschützes erwähnt. Allein hier läfst sich noch viel bestimm- 
ter, als nach Casiri Bibl. arab. Hisp. Escurial. I. pag. 6 ecpj. 
Cardonne gethan bat, darthun, dafs schon um das Jahr 1300 
sein Gebrauch bei Belagerungen von Festungen sowohl bei 
Mauren als Christen in Spanien ganz gewöhnlich war. Bei 
der Belagerung von Gibraltar durch Ferdinand IV. von Casti- 
lien im Jahr l3u8 wird als etwas ganz gewöhnliches erzählt: 

Gap. XIV. p. 89. El Key de Castilla la (la fortalezza de 

Gebaltaric) cercö y combatic* con ingeniös y mäquinas de true- 
nos. In bestimmteren Ausdrücken ist über diese Donnerma- 
schinen bei der Belagerung Baza's durch Ismail gesprochen : 
Cap. XVIII. p. III. (Ismail combatid la ciudad de dia y noch« 
con roaquinas 4 ingeniös que lanzaban globos de fuego con 
grandes truenos , todo semijantet a los rayos de las tempesta- 
des, y hacian gran estrago en los muros y torres de la ciudad. 
Feuerwerke (fuegos artihciales) Werden Cap. XXI, p. 132. bei 
der Illumination üranada's im J. 1340 erwähnt. 

(Dir Beschlujs folgt,') 

* 



t 

t 



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N; 47. 



1826. 



'Heidelberger 

Jahrbücher der Literatur; 



- 

- Don J. A. C on de Historia de la dominaciön de los 

Arabes en Espana. 

(Beschlufs.) 

Als der König von Fez Aly Abu] Hassan mit Juzef, Kö- 
nig von Granada , Tarifa belagert f wird von den Donnerma- 
schinen , die eiserne Kugeln vermittelst des Pulvers schleu- 
derten, gesprochen pag. 133. principiärpn a combatirla con 
maquinas e' ingeniös de truenos, que lanzaban balas de hierro 
grandes con nafta causando gran destruccion en süs bien tor- 
reados muros. Dafs hier unter nafta Pulver zu verstehen ist, 
zeigt die Stelle p. 137. Levantaron los Cristianos grandes ma- 
quinas y torres de madera para cornbatir la ciudad (Algezira), 
y los. Muzlimes las destruian con piedras que tiraban desda 
sus muros, y con ardientes balas d« hierro que lanzaban c6n 
tronante nafta que las derrivaba y hacia gran danO en los del 
campo. 

Fragt man nun am Schlüsse des Werkes, was hat Con de 
geleistet , und welchen Werth hat das Buch , so möchte Ref. 
es für besser und verdienstvoller halten, als alle vorhergehen- 
den, die diesen Theil der Geschichte behandelten; allein er 
mufs zugleich bemerkun, dafs man es nur als eine Uehersetzung 
verschiedener Arabischer Geschichtschreiber betrachten kann , 
ohne dafs Con de viel Rücksicht auf die christlichen Berichte 
nimmt, wodurch er in die entgegengesetzten Fehler der bis- 
herigen Spanischen Geschichtschreiber fiel. Aus" diesem 
Grunde ist der Verf. oft einseitig, begeht manche Irrthümer, 
bleibt sich als Uebersetzer verschiedener Schriftsteller im 
Styl nicht gleich, selbst nicht im Schreiben eigener Namen, 
und ordnet den Stoff, der ihm als eine rudis indigestaque raö- 
les vorlag, nicht planmäfsig und mit historischein Tact. Des- 
sen ungeachtet sind seine Bemühungen sehr zu schätzen, da 
nun manche bisher in Arabischen Manuscripten liegenden 
Nachrichten zugänglicher gemacht sind, weswegen ein kiinf- 

XIX. Jahrg. 8. Heft. 4? 



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,738 Hohnbanm aber das Fortsehreiten des KraoHeittprocesses; 

« 

tiger Bearbeiter der Spanischen Geschichte im Mittelalter 
Conde's Werk nicht unbeachtet lassen darf. 

Bis jetzt sind schon zwei Uebersetzungeu von dein Werke 
erschienen, die eine in deutscher und die pudere in franzö- 
sischer Sprache : erstere von Rutschmann, Carlsrube 1824 — 
25. in drei Bänden, und letztere von Maries in Paris 1Ö25. 
in eben so vielen Bänden. In beiden Uebersetzungen möcbtö 
sehr zu tadeln seyn, dafs die Arabischen Namen so geschrie- 
ben sind, wie sie im Spanischen Originale stehen. Eine Än- 
derung damit vorzunehmen , hätte freilich oft Kenntnifs des 
Arabischen bedurft; so wird Hixem, Koraix u, s.w. geschrie« 
ben | anstatt Hischem, Koraisch, selbst in Spanischen Namen 
Sanxo statt Sancbo. Da die Spanier die Consonanten nicht 
verdoppeln , aufser wenigen, die dann meist eine eigene Aus- 
sprache bekommen, so mufste Conde, seiner Sprache ge- 
roäfs, oft einfache Buchstaben setzen, wo im Arabischen dop- 
pelte stehen ; aber weder im Deutschen noch im Französischen 
darf dies statt finden, daher nicht Abderahman, Anasar, 
Omeien, Abdala u. s. w. f sondern Abderrahman , Annasar, 
Ommeien , Abdallah. 



(Jeher dat Fortschreiten des Krankheitsproeesses , insbesondere der Ent- 
zündung ; ein Beitrag zur allgemeinen Krankheitslehre, von K. 
Hohnbaunif der Medicin und Chirurgie Doctor , Herzogl, S* 
Hildburghaus. Ober • JVledicinalrath und Leibarzt u, s. 16, Hild- 
burghausen 9 1826« in der Kesselringschen Hofbuchhandlun«. 
gr. 8. VI und 560 S. 1 Tblr. 12 Gr. 

Es ist in der Natur der Sache gegründet, dafs der Krank« 
heitsprocefs in fortdauernder Veränderung begriffen ist. in 
keinem Augenblicke stillsteht, niemals auf einem gewissen 
Funkte verharrt» und dafs die mehresten JKrankheitsformen 
zu Ursachen und zu Folgen von andern werden. Eben das« 
selbe ist auch ganz allgemein anerkannt, und wird sowohl in 
der allgemeinen als auch in der speciellen Pathologie berück- 
sichtigt. In der ersteren beschäftigen sich vorzüglich die Ka- 
pitel, welche von dem Verlaufe, von dem Typus, von den 
Stadien, von den Ausgängen , dem Metascbematismus und 
der Metastase u. s. w. handeln , mit diesem Gegenstande« 
Ueberdies findet man in der speciellen Pathologie sowohl, als 
a.ucb und zwar besonders in der monographischen Darstellung 
einzelner Krankheiten wenigstens immer die krankhaften 



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Hohobaum über das Fortlohreiten des Kraakheilsprooesses. 739 

# 

Zustände angegeben t welche entweder die in Rede ste- 

hende Krankheit bedingen , oder Folgen, Uebergiinge und 
Ausgänge derselben sind; und ebendaselbst werden natürlich 
auch der Verlauf, der Typus, die Stadien, und jegliche Ver« 
Änderung, welche sich zuzutragen pflegt, möglichst genau in 
Hinsicht auf jede einzelne Krankheit erörtert. 

Nur selten aber bat man dies Verhältnifs der einzelnen 
Krankheiten zu einander zur Aufgabe besonderer, ausfahr«' 
licher und allseitiger Untersuchungen gemacht, auch uns ist 
keine eigene Schrift bekannt, in welcher dieser Gegenstand 
umsichtig und ausführlich abgehandelt, ja nur als Hauptthema 
aufgestellt worden wäre. Es ist daher schon im Voraus mit 
vielem Danke und grofsem Lobe anzuerkennen, dafs wir in 
der oben genannten Schrift einen solchen Versuch erhalten» 
Denn das, was der Verf. Fortschreiten des Krankheitsprocesses 
nennt, ist eben nichts anderes, als die Veränderung, welche 
derselbe theils in der Zeit, theils im Räume, theils in modo 
erleidet. 

Die Schwierigkeiten des Gegenstandes besteben, wieder 

Verf. sagt, »in dem unendlichen Reichthum und einer solchen 

Fülle von Erscheinungen und Thatsachen . die mit dem Gegen« 

o _ " # o 

Stande in näherer oder entfernterer Beziehung stehen , dafs 
das ganze grofse Feld der Pathologie und Pathogenie mit 
bioeingezogen werden müfste^um ihn elnjgermafsen zur Voll- 
endung zu oringen« ; und wir setzen hinzu, dafs nicht blos 
jene allgemeineren Doctrinen v sondern auch die specielle 
Krankheitslehre sich in diesem Verhältnifs zu unserem Gegen« 
stände befinden. Es leuchtet ein. dafs die Betrachtung der 

mm i • • i« & 

raehresten einzelnen Krankheiten von dieser Seite aus nicht 
nur überhaupt statt finden kann, sondern auch nicht selten 
eigentümliche Resultate geben wird. Unter diesen Verhält« 
nissen kann man es nicht mifsbilligen, dafs der Hr. Verf. die 
Entzündung vorzüglich zum Beispiel gewählt hat, um das im 
Einzelnen nachzuweisen, was er von dem Fortschreiten des 
Krankheitsprocesses im Allgemeinen sagt. Aufserdem aber 
wird auch sonst eine grofse Menge von andern Krankheiten 
zum Beleg erwähnt. — Eine andere und zwar eine sehr grofse 
Schwierigkeit besteht aber auch in der Unterscheidung derje- 
nigen Fäue, in welchen die Krankheitsveränderung von zu- 
fälligen, während des Verlaufes der Krankheit statt findenden 
Einflüssen verahlafst worden ist, und derjenigen Veränderung, 
die in der ursprünglichen Beschaffenheit der Krankheit selbst 
Hegt. Im strengsten Sinne können die ersteren wohl nicht 
einmal ein Fortschreiten des Krankheitsprocesses genannt 

47 * 



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740 Holinbaum über das Fortschreiten des Krankheit sprocesses. 

werden, sondern es wird durch solche neue Krankheitsursachen 
vielmehr immer auf das Neue eine Krankheit gesetzt, welche 
sich mit der ersten verbindet und diese natürlich abändern 
mufs. Und doch können eben diese Einflüsse wiederum nicht 
ganz mit Stillschweigen übergangen , und ihre Wirkungen 
um so weniger von diesem Gegenstande ausgeschlossen wer- 
den , je seltener es eine Krankheit und eine darauffolgende 
Veränderung derselben -geben kann, auf welche nicht fort- 
dauernd äufsere Umstände ihren Einflufs geäufsert hätten. — 
Es Ware vielleicht nützlich , auf jeden Fall aber recht interes- 
sant gewesen, wenn der Ver£ diesem doppelten Ursprünge 
der Krankbeitsveränderung eine gröfsere Aufmerksamkeit ge- 
schenkt, und eben diesen Gegenstand besonders berührt hätte. 
Er beschränkt sich aber blos darauf, gelegentlich einige äus- 
sere Umstände zu erwähnen , welche Krankheitsveränderungen 
begünstigen. 

Ob nun gleich, wie der Verf. selbst gesteht, die Lehre 
von dem Fortschreiten des Krankheitsprocesses durch die vor- 
liegende Schrift nicht gänzlich erschöpft ist, so gewährt die« 
seine doch in der That einen höchst lehrreichen, wichtigen 
und interessanten Beitrag zu derselben, der unsere Aufmerk- 
samkeit um so mehr in Anspruch nimmt, und dessen Mitthei- 
lung unseren Dank um so mehr verdient, als auf der einen 
Seite die Darstellung selbst höchst lichtvoll und klar , einfach 
und wohl geordnet ist, und auf der anderen Seite der Geist, 
der in der Schrift herrscht, als der beste anerkannt werden 
muls , in und mit welchem die Medicin irgend bearbeitet wer- 
den kann, Thatsachen machen die Grundlage derselben aus, 
und es stehet dem Verf. eine reiche und lange Erfahrung zu 
Gebote, welche ihm die Thatsachen lieferte; aber es weiden 
die Thatsachen auf die geistvollste Art zusammengestellt und 
allgemeine Gesetze aus denselben abstrabirt und nicht in die- 
selben hineingetragen, wie es wohl sonst beliebt ist. Auch 
liegt es in der Natur der Sache, dafs gelegentlich manche 
Blicke auf die Krankheiten selbst geworfen werden müssen, 
welche in ihrem Foi tschreiten betrachtet werden; denn man 
kann von den Veränderungen derselben nicht handeln, ohne 
sie selbst vorerst in ihrem Eigenwesen erkannt zu haben. 
Auch die in dieser Hinsicht von dem Verf. vorgetragenen Leh- 
ren zeichnen sich durch Klarheit und Bestimmtheit aus, und 
wenn auch nicht alle ohne Widerspruch angenommen werden 
sollten, so verdienen sie doch in jeder Hinsicht die gröfste 
Aufmerksamkeit. 



• 

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Holmbaum über das Fortschreiten des Krankheitsproeesses. 741 

Es zerfällt aber die Schrift in drei Theile. Zuerst wird 
das Fortschreiten des Krankheitsproeesses in der Zeit von 
3, 7 — 52. betrachtet, und unter diesem Titel vorzüglich die • 
Lehre von der Dauer, dem Verlaufe, dem Typus und der Fe- 
riodicität abgehandelt. Nachdem der Hr. Verf. die bekannten 
Erfahrungen über diesen Gegenstand mitgetheilt hat, so wer« 
den folgende Schlüsse der Prüfung unterworfen^ l) dafs näm- 
lich typische Erscheinungen vorzüglich bei Krankheiten der- 
jenigen Organe und Systeme bemerklich sind, welche derglei- 
chen typische Erscheinungen auch im gesunden Zustande 
zeigen, wie das Nerven - und Gefäßsystem 1 , das Gehirn, und 
Verdauungssystem; 2) dafs dagegen bei niederen Systemen 
und Organen, wo auch im gesunden Zustande kein regel- 
mäßiger Typus zu erkennen ist, die typischen Erscheinungen 
auch in Krankheiten verschwinden, wenigstens unmerklich 
werden ; 3) dafs bei höheren Systemen, wo die typischen Er- 
scheinungen im gesunden Zustande an eine gewisse regel- 
mäßige Ordnung gebunden sind , auch die typischen Erschei- 
nungen im kranken Zustande mehr Ordnung und Regel zei- 
gen, als die der untergeordneten Systeme. In dieser Hinsicht 
wird das Gefäfssystem obenan gestellt, dann folgt das Gehirn - 
und Nervensystem, hernach das Verdauungssystem, die As- 
similation und Reproduction; in Häuten, Drüsen, Knochen 
u.s. w. verschwinden die typischen Erscheinungen im gesun- 
den und krankhaften Zustande unsern, Blicken gänzlich. 4) Je 
schneller die typischen Erscheinungen im gesunden Zustande 
sich folgen , desto rascher folgen sich auch die Umläufe in 
Krankheiten; 5) je heftiger aber die Krankheit, desto weni- 
gerist die typische Ordnung wahrzunehmen, 6) und endlich 
hängen Verschiedenheiten in der Dauer und dem Typus der 
Krankheit oft von andern zufälligen Umständen , z. B. der 
Jahreszeit, ab, oder auch von solchen f die uns gänzlich un- 
bekannt sind. — So wie diese Sätze aus der Erfahrung unmit- 
telbar entlehnt sind, so müssen sie auch den Stempel der 
Wahrheit an sich tragen. Freilich ist dabei der letzte Grund 
des Typischen und Periodischen nicht berührt, der aber auch 
der Krankheitslehre nicht angehört, sondern vielmehr in der 
Physiologie und allgemeinen Naturlehre abgehandelt werden, 
mufs; der Patbolog hatj, glaube ich, seiner Aufgabe Genüge 
geleistet, wenn er seine. Erfahrungen und Erklärungen den 
physiologischen unter- oder beiordnet. 

Von S. 52 — 299- beschäftiget sich der Verf, mit dem 
Fortschreiten des Krankheitsproeesses im Räume, und so wie 
dieser Theil den gröfsten Umfang hat, so kommen hier auch 



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74f Hohnbaum übet das Fortsalireiten des Kranfcheittproceite* 

die wichtigsten Gegenstände zur Sprache, und werden auf 
eine musterhafte Weise abgehandelt. Wir bedauern es, hier 
dem Verf. nicht Schritt für Schritt folgen, und einen ausführ- 
lichen Auszug liefern zu können, sondern begnügen uns da« 
mit, die allgemeinen Resultate, welche der Ver£ selbst 
S. 294 ff* *u* dieser Betrachtung gezogen bat, unsern Lesern 
mitzutheilen, welche wir eben dadurch auch am sichersten 
nöthigen werden, die Schrift selbst zu lesen. Es hat aber 

1) jeder Krankheitsprocefs mehr oder weniger das Bestreben , 
zieh von dem Funkte seiner Entstehung aus nach verschiedenen 
.Richtungen auszubreiten, und wir sind berechtiget, aus den 
die Krankheit begleitendan Erscheinungen darauf zu sch Ii es- 
sen, wenn wir dieses Fortrücken selbst nicht wahrnehmen; 

2) Manche Krankheitsprocesse gehen zu den angrenzenden 
Stellen über, ohne wShrend ihres Verlaufes ihren Charakter 
aufzugeben. 3) Manche halten sich nur innerhalb der Gränzen 
des organischen Gewebes, von welchem sie ursprünglich aus- 
giengen. 4) Andere behaupten zwar auch diese Gränze, ver- 
folgen ajper springend ihren Weg von dem Punkte ihrer Ent- 
stehung zu einem andern näher oder entfernter liegenden , je- 
doch mit ihm gleiche Organisation und gleiche Structur t hei- 
lenden Funkte. 5) Noch andere verbreiten sich über Organe, 
die mit dem Funkte, wo sie begonnen, zwar ähnliche, aber 
nicht ganz gleiche Organisation und Structur theilen, z. B. 
von der Schleimhaut zu der serösen Haut u. s. w. 6) Verbrei- 
tet situ der Krankheitsprocefs auf ein Organ, welches mit dem 
ursprünglich leidenden gleiche Structur und Organisation 
theilt, so bleiben sich die Krankheitserscheinungen an beiden 
Theilen gleich. Sie riehmen im entgegengesetzten Falle einen 
solchen Charakter an , der dem Gewebe und der Function des 
Organes, auf welches der Krankheitsprocefs übertragen wird, 
gemäfs ist. 7) Eben so überträgt sich der Krankheitsprocefs 
auch von Systemen zu Systemen, welche nicht nur vermöge 
ihrer Organisation, sondern auch vermöge ihrer Function zu- 
sammen gehören. 8) Aber auch von Systemen zu Systemen , 
welche zwar unter sich zusammenhängen, und vermöge ihrer" 
Function zusammen gehören, aber in ihrer Organisation ver- 
schieden sind, findet ein Fortscbreiten des Krankheitsprocesse« 
statt. 9) Die Flüssigkeiten verhalten sich hinsichtlich dieser 
Fortleitung, vyie die festen Theile. Sie kann von den Flüs- 
sigkeiten auf einzelne Organe und Systeme, aber auch umge- 
kehrt von diesen auf jene geschehen. 10) Endlich stehen auch 
andere Organe, zwischen denen keine räumliche Verbindung 
statt findet « welche aber durch ihre Function einander näher 



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Hohnbaum fibei das Fortschreiten des Kiankueitfproeesses. 743! 

oder entfernter verwandt 9 oder durch Gefäfa» und Nerven* 
Verzweigung zusammenhängen , in pathologisch - sympathi- 
scher Verbindung, üj Je nachdem im gesunden Zustande 
diese Verbindungen näher oder entfernter sind 9 sind sie es 
auch im kranken. Hierauf gründet sich die Lehre von den 
krankhaften Sympathieen. 12) Aufser den Bedingungen des 
Fortschreitens des Krankheitsprocesses, welche in der Sym- 
pathie und Verwandtschaft der Organe und Systeme liegen, 
haben darauf auch äufsere Einflüsse, die besondere Individua- 
lität des Kranken , besondere Reizbarkeit, einzelner Systeme 
und Organe, besondere individuelle Verhältnisse, in welchen 
diese unter sich stehen u. s. w., j.3) vorzüglich aber bat der 
Charakter der Krankheit darauf den bedeutendsten Einfluf*. 
14) Obwohl in den Fiebern das Fortschreiten des Krankheits- 
processes sich nach der besonderen Gattung und Art des Fie- 
bers richtet, so kann man doch im Allgemeinen annehmen, 
dafs in denselben der Krankheitsprocefs von den niederen Sy- 
stemen beginne und zu den höheren fortschreite. 15) Oer 
Entzündungsprocefs , als solcher, beginnt dagegen im Allge- 
meinen an irgend einer Stelle eines besonderen Organes, un(l 
breitet sich all. näh! ig weiter über andere Organe und Systeme 
aus. 16) Das Fortschreiten des Enlzündungsprocesses ist ver- 
schieden, je nach Verschiedenheit dieses Frocesses selbst, auch 
abgesehen von der verschiedenen Organisation und Verrich- 
tung der Theile, welche er befällt. — Es möchte aebwer 
halten, g e gen diese Sätze Einwendungen zu machen ; eben so 
schwierig mufs es aber freilich auch seyn, sie in manchen 
konkreten Fällen nachzuweisen , was jedoch nur davon abhän- 
gig zu seyn scheint, dafs uns der eigentümliche Weg, den* 
viele Krankheiten durch den Organismus nehmen, und eben 
so auch insbesondere der Funkt, von dem sie beginnen, ziem- 
lich unbekannt ist. 

Von Seite 299 — 360. betrachtet der Ver£ endlich das 
Fortschreiten des Krankheitsprocesses in modo, und theile 
folgende Resultate dieser Untersuchung mit : 1) Das Fort- 
schreiten des Krankheitsprocesses im Räume und in der Zeit 
schliefst auch das Fortschreiten desselben in modo ein, 2) Bei 
jedem Krankheitsprocesse erfolgen in jedem Momente Um* 
Wandlungen, welche Veränderungen desselben in modo zur 
Folge haben, auch da, wo wir sie nicht mit unsern Sinnen 
zu verfolgen vermögen. 3) Das Fortschreiten des Krankheits- 
processes ist sehr verschieden, und diese Verschiedenheit 
hängt von mancherlei theils äufseren, theiJs inneren Bedin- 
gungen ab. 4) Besonders hat darauf die Verschiedenheit der, 



- 



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744 Hohnbaum über das Fortschreiten des Kfankheitsprocessef. 

- 

Organe grofsen Einflufs. 5) Zum Theil ist aber diese Ver- 
schiedenheit des Fortschreitens des Krankheitsprocesses ab- 
hängig von der Verschiedenst tigkeit dieses Processes selbst. 
6) Insbesondere liegt den Entzündungen eine specifische Ver- 
schiedenheit ihres Wesens zum Grunde. 7) Mit jeder beson- 
deren Krankheitsform scheint eine besondere Neigung zii he» 
sonderen Entartungen verbunden zu seyn, und oft scheint der 
^ypus der kranken Bildung schon im normalen Bildungspro- 
cefs vorgezeichnet zu seyn. 8) Der Entwickelung eines jeden 
Krankheitsprocesses gebt mehr oder weniger das Bestreben 
parallel , krankhafte Stoffe sowohl 9 als krankhafte Thätigkei- 
ten von einem edlen Organe zu entfernen und nach äulseren , 
Weniger edlen zu leiten. Es bezeichnet dieses Bestreben im 
Allgemeinen den Weg zur Genesung, 9) Ibm entgegengesetzt 
wirkt ein anderes Bestreben , den Krankheitsprocefs von äus- 
seren und wichtigen Theilen auf innere edle Organe zu ver- 
pflanzen : der Weg zur Vernichtung. Es liegt wohl in der 
Natur der Sache und in dem gegenwärtigen Stande der Wis- 
senschaft der Grund davon, dafs dieser yheil der Schrift nicht 
in dem Umfange ^ mit der Sicherheit und mit der Ausbeute, 
wie der zweite von de^m Verf. bearbeitet werden konnte. Denn 
dieses Fortschreiten des Krankheitsprocesses in modo müfste 
ohne Zweifel vorzüglich von der thierischen Chemie Licht 
erhalten, welche bei weitem nicht in der Vollendung, wie 
die dem Fortschreiten des Krankheitsprocesses im Räume zum 
Grunde liegende Anatomie, ausgebildet ist. Doch bat vor- 
zuglich in Beziehung auf die Entzündung de; verschiedenen 
Gewebe und Organe, und der eigen thümlichen Ausgänge der- 
selben, der Verf. seinen Gegenstand sehr gut durchgeführt. — 
Der achte und neunte Satz scheinen uns mehr in das Gebiet 
des Fortschreitens d**s Krankheitsprocesses im Räume zu ge- 
hören ; offenbar erscheint hier die Veränderung der Krankheit 
von dem Fortschreiten demselben auf andere Organe abhängig* 
Bei Würdigung dieser Sätze fällt es besonders auf, dais 
der Verf. dasjenige Fortschreiten der Krankheit , welches blos 
in der Zunahme derselben besteht, fast gänzKch mit Still- 
schweigen übergangen und in dem ersten Tbeile der Schrift 
nur vorübergehend erwähnt hat. Es ist swar einleuchtend, 
dafs dasselbe für sich allein nicht vorkommen kann, sondern 
dafs bei d«>r Zunahme der Krankheit gewöhnlich auch irgend 
•u>)e Veränderung detselben in der Zeit, im Räume und in 
modo vorhanden ist, ja wir geben sogar zu, dafs die Zunäh- 
me und das Wachsthuin derselben oft eine Folge jener Veräntf 
derungen sey. Immerhin aber wird dadurch die Aufgabe, 



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Heinroth fiber die Wahrheit. 745 

i 

diese* Wacbstbum für sich zu betrachten f um so Weniger aus* 
geschlossen, als auch das quantitative Verhältnis überall 
seine Ansprüche auf Würdigung geltend macht, und in eben- 
demselben wohl nicht selten auch der Grund der qualitativen 
Aenderungen , sowohl in modo, im Räume, als auch in der 
Zeit au suchen seyn möchte. UeBerdies tritt ja auch fast je- 
der eigentümliche Krankbeitsprocefs gleich ursprünglich in 
verschiedenen Graden von Heftigkeit auf, und es werden ebt-n 
durch diese verschiedenen Grade von Heftigkeit zum Theil die 
Veränderungen bestimmt, welche später statt linden, 

■ ■ . 

( i . . . m 

Johann Christian August Heinroth) Professor der psychi» 
sehen Heilkunde zu Leipzig , über die fVa hrheit. ^ dXyidia 
lAcuSf^cutf« Cpaf. Jofu 8, 92* Leipzig 9 bei Hartmann. 1824» 
gr. 8. 409 3 Thlr, $ Gr. 

Die äufsere Einrichtung dieses Buchs ist folgende : voran 
Stehen Einleitende Betrachtungen, und ewar I.Schil- 
derung unserer Zeit vom Standpunkte des psychischen Arztes; 
If. Prognosticon ; III. Höchstes Bedürfnifs der Zeit; IV. Hin- 
dernisse der Befriedigung dieses Bedürfnisses; V. Nächstes 
Mittel zur Beseitigung dieser Hindernisse. Sodann folgen vier 
Bficber mit diesen Ueberschriften : 
Erstes Bach, die Wahrheit als menschliche Vorstellung 

(subjektive Wahrheit). 
Zweites Buch, die Wahrheit als Gegenstand menschlicher 

Vorstellung (objective Wahrheit). 
Drittes Buch, Verhältnifs des Menschen zur Wahrheit. 
ViertesBuch, Verhältnis der Wahrheit zum Menschen. 

Jedes dieser vier Bücher hält wieder acht Kapitel in 

sich. „ 
Es ist dem Ref. sauer geworden, sich durch die einleitenden 
Betrachtungen durch zu lesen, nicht, weil er dem Verf. Un- 
recht gibt, sondern weil er durch zwei und vierzig Seiten 
hindurch immer das Nämliche zu hören bekam, nämlich Klagen 
über die Verderbnifs des jetzigen Menschengeschlechts. Auch 
sieht man nicht ein', warum gerade der Standpunkt des psychi- 
schen Arztes erfordert wird, um gewahr zu werden, dafs die 
erwähnte Verderbnifs in der Sinnlichkeit und der Selbstsucht, 
der die Menschen sich nach allen Richtungen hingeben , be- 
stehe, — - um überzeugt zu seyn, dafs diesem Uehel nur 
durch die Herrschaft der christlichen Religion, die eine Re* 



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74fr Heinrolh über die - Wahrheit.- 



ligiair uneigennütziger Liehe ist, abgeholfen werde» könne* 
— und tun den Beruf in «ich zu fühlen, der wachsenden Ver- 
derbni& nach Kräften, und wäre es auch nur im Scholse der 
eigene« Familie, zu steuern. 

Jene Klage über die Verderbnifs der Menschen ist übri- 
gens so alt beinahe als die Menschheit. Schon von der frü- 
hesten Periode unserer Geschichte heifst es: das Dichten und 
Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf 
und immerdar ; die Menschen wollen sich von dem Geiste 
Gottes nicht mehr leiten lassen u. s. w. Diese Verderbnifs 
ist nichts, was unser deutsches Vaterland allein auszeichnet, 
es t heilt dieselbe mit ganz Europa, d. h. überall, wo Men- 
schen in Staaten beisammen leben, ist rohe oder verfeinerte 
Sinnlichkeit, ist Selbstsucht , Egoismus, Begierde nach Wohl- 
stand * die Haupttriebfeder ihrer Handlungen , Anstrengungen 
und Arbeiten. In den übrigen Welttheilen wird es wohl 
nicht besser seyn; und wenn gewisse Vorwürfe, die der Vf. 
unserer Zeit macht, auch unsere Vorfahren im sechszehnten p 
siebzehnten und achtzehnten Jahrhundertf nicht treffen , so be- 
weiset dieses nur 9 dafs es damals anders , nicht aber, dafs 
es besser war. Wir alle essen, trinken, wohnen und klei- 
den uns, um arbeiten zu können, und wir arbeiten und stren- 

§en uns an, um uns und die Unsrigen zu nähren und zu klei- 
en. Aus diesem Cirkel ist schwer zu kommen, wie der 
Verf. S. 375. selbst gesteht. Nur wenige fruges consumere 
nati machen eine Ausnahme von dieser Kegel. Dafs über die- 
sem irdischen Treiben die Meisten das Eine vergessen, 
was Noth thut, ist leider wahr, jetzt wie zu allen leiten. 
Der Verf. sucht diesem Uebelstand für seine Zeit unc in sei- 
nem Umkreise (der Umkreis eines deutschen philosophischen 
Schriftstellers ist aber immer nur ein sehr kleiner) durch ge- 
genwärtiges Buch abzuhelfen. Diese Absicht ist sehr löblich. 
Er sagt: Das höchste Bedürfnifs der Menschen ist die Reli- 
gion, d. i. das Bedürfnifs der Bückkehr vom Welt- Ab falle; 
zu Gott. Das Hindernifs der Befriedigung dieses Bedürfnisses 
ist die Selhstigkeit nach allen ihren Riebtungen , Abstufungen 
und charakteristischen Zügen. Das nächste Mittel zur Besei- 
tigung dieses Hindernisses ist «— die Vorführung der Wahr- 
heit, denn alle, denen das wahre Leben noch fremd ist, be- 
weisen dadurch, dafs sie die Wahrheit noch nicht erkennen; 
denn die Wahrheit erkennen, ohne sie zu lieben, ist unmög- 
lich^?), und eben so unmöglich ist es, die Wahrheit zu lie- 
ben, ohne ihr anzuhangen. Was aber ist Wahrheit? Der 
Beantwortung dieser Frage ist das ganze Buch gewidmet. 



4, . . 



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Heinroth über die Wahrheit. 



747 



Um die Wahrheit zu erkennen, tagt der Verf. ferner, 
mufs man nicht zu den Philosophen in die Schule gehen, denn 
die Wahrheit ist in keinem philosophischen Systeme zu (lu- 
den; man mufs überhaupt in keine Schule gehen, als in die, 
welche um lesen lehrt, was in den Blättern unsers Bewu r.t- 
seyns niedergeschrieben ist , dasheifst, indieScbule, welche 
dieses Buch eröffnet. Denn zu enthüllen , und darzustellen, 
was unser Bewufstseyn enthält, ist eben die Absicht unsers 
Verf. Das Bewufstseyn aber ist das Wissen um das Seyn, 
in dem Seyn aber, im Gegensatz von Schein, besteht eben 
die Wahrheit. Denn da wir von keinem Seyn etwas wissen, 
als von dem, welches unser Bewufstseyn uns vorhält, so sind 
wir genöthiget, dieses für das wahre Seyn, für die Wahrheit 
selbst zu halten. Will man dieser Entwicklung dessen, was 
das Bewufstseyn enthält, die Ehre anthun, sie eine philo- 
sophische zu nennen (wir müssen also doch wohl zu der 
Philosophie in die Schule gehen, wenn wir Wahrheit erken- 
nen wollen, — und so verfällt leider auch unser geist- und 
geraüthreiche Verf. , wie so viele andere Philosophen, in die 
Anmafsung, im alleinigen philosophischen Besitz der Wahr- 
heit seyn zu wollen), so hat d<?r Verf. (S. 49.) nichts dagegen, 
nur sie eine speculative zu nennen, mufs er von sich ableh- 
nen, da, nach seinem wunderlichen Begriffe von der Specu- 
lation, diese entweder alles im Bewufstseyn Gegebene von 
sich stöfst , oder das Gegebene durch ein Nicht «Gegebenes zu 
ergänzen bemüht ist. Kurz, wir erhalten hier eine Philoso- 
phie über die Wahrheit , die, wie schon Cartesius , wiewohl 
auf andere Weise, versucht hat, das Bewufstseyn zur Basis 
nimmt. Und dagegen ist schlechterdings nichts einzuwenden f 
da es ewig wahr bleibt, dafs alle Philosophie von etwas Ge- 
gebenem ausgehen mufs, das sie richtig aufzufassen, dessen 
Beziehungen nachzuweisen, und zu verstehen bemüht ist. 

Jn den acht Kapiteln des ersten Buches wird der Le- 
ser Ober die subjective Wahrheit belehrt, die der Verf. ein- 
theilt in die sinnliche Wahrheit der Vorstellung, in die Ver- 
standeswahrheit der Grundgesetze unsers Denkens, und in 
die Vernunftwahrheit des Gefühls des Göttlichen, Heiligen 
und Seligen. Der Charakter aller drei Arten der Wahrheit ist 
unabweisbare Nöthigung, und Anerkennung dieser Nöthi- 
gung von Seiten des Menschen, welche Anerkennung der Vf. 
Glauben nennt. Ueber diesen Ausdruck, den er mit Meh- 
reren, und namentlich mit Jakohi, gemein hat, will Referent 
nicht rechten, da etwas Wahres an der Sache ist, dieses näm- 
lich , dafs die Behauptung des wirklichen Daseyns einer Sin- 



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748 Heinroth über die Wahrheit. 

nenwelt, die wir doch n V r vermittelst unserer Vorstellungen 
auffassen, welche etwas Subjectives sind, am Ende auf dem 
Vertrauen beruht, dafs unser Bewufstseyn, unser eigen.ec 
Geist uns nicht täuschen werde, und dafs unsern Vorstellun- 
gen Gegenstände entsprechen. Man thut jedoch, nach de« 
Ref. üeberzeugung, Unrecht, den Begriff des Glaubens so 
weit auszudehnen ; denn wenn , dafs zwei mal zwei vier ist, 
— dafs zwei rechte Winkel sich decken, — dafs ich lebe und 
empfinde , — dafs ein erschaffener, Gott ein Unding ist u. s. w. , 
kein Wisssen mehr, sondern ein Glauben seyn soll, so gibt 
es gar keine Wissenschaft, so gibt es gar keine Beweise und 
Deductionen, so lügt der Sprachgebrauch aller Völker, so 
snufs das Wort Wissen aus allen Wörterbüchern ausgestrichen 
werden. Aber freilich / es war dem Verf. darum zu thun, 
so früh als möglich in sein Buch den Glauben einzuführen, 
der einen bedeutenden Theil des Inhalts desselben ausmacht. 

Ref. nimmt, wie der Verf., vier Arten der Gewifsheit 
und der Evidenz an, nämlich: 

1) sinnliche Gewifsheit, aus Empfindung; 
. 2) logische Gewifsheit, beruhend auf der Noth wendigkeit 
der Denkgesetze und der Unterordnung der Begrifte; 

3) mathematische Gewifsheit, beruhend auf der notwen- 

digen Anschauung des Raums und der Zeit, und den 
aus diesen gezogenen logischen Folgerungen; 

4) moralische Gewifsheit, Ge wissen schlechthin. 
Alles, was diese vier Arten der Evidenz unmittelbar uns sa- 
gen, oder was sich durch richtige Folgerung auf sie zurtick- 
iübren (d.h. beweisen) läfst, nennt Ref. ein Wissen; was 
aich nicht, und eo lange es sich nicht darauf zurückführen, 
läfst, gehört in das Gebiet der Meinung, die wahr seyn 
kann , deren Wahrheit aber noch nicht ausgemittelt ist. Glau- 
ben hingegen ist, nach des Ref. Ansicht und nach dem Surach- 
gebrauche, ein Fürwabrbalten auf das Zeugnifs eines Andern 
bin f historischer Glaube. Er erfordert schlechthin Prüf ung. 
Auch der religiöse und christliche Glaube ist im Grunde ein 
historischer Glaube, nämlich ein Fürwahrhalten dessen und 
darum, was und weil Gott es den Menschen mitgetheilt hat 
durch seine Organe, in der Zeit. Ihm geht die Ueberzeu- 
gung voran, dafs der Allmächtige sich mittheilen könne, 
und dafs, was der Wahrhaftige von sich und seinem Verhält- 
nisse zur Welt offenbart, nothwendig wahr seyn müsse. 
Diese Ueberzeugung selbst ist aber eigentlich kein Glaube, 
sondern ein Wissen, denn sie ist Endresultat des ganzen 
Menschenwesens, der ganzen Einrichtung unsers Geistes, 



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Heinroth über die Wahrhell. 749 

sie geht hervor aus allen Arten der Gewifsheit, der sinnlichen 
und Verstandesgewi l'sheit eben so wohl , als der Vernunft- 
gewifsheit, dem Gewissen. Diese Ueberzeugung ist es, die 
in gewöhnlicher Hede auch ein Glaube, ein Vernunft* oder 
vernünftiger Glaube genannt wird, ob sie gleich eben so fest 
steht, eben so auf dein Gefühl der unabweisbaren Nöthigung 
beruht, wie nur immer das Wissen um die auf Sinnenan- 
schauung sich stützenden empirischen Dinge. Zwar ist der 
Vf. hier durchaus anderer Meinung , ja er sagt sogar S. 240: 
der Glaube bekümmert sich um gar keine O b j ec t i v i tfl t. 
Gleichwohl kann Niemand das Wort Glauben aussprechen hö- 
ren , ohne sogleich zu fragen: an was ? oder wem V d. h. ohne 
nach dem Object des Glaubens zu fragen. Die ganze Erörte- 
rung über den Glauben, wie sie von S. 238 — 246. gegeben 
ist, bat Ref. nicht befriedigt. Uebrigens findet der Leser in 
diesem ersten Buche viel Treffliches, wohin z. B. das gehört, 
was S. 75 fT. über den Aberglauben gesagt ist. Warum aber 
der Verf. die sinnliche Wahrheit der Vorstellung die des Volks, 
und die Verstandes Wahrheit der Begrifr** die der Schule, d.i. 
der Gelehrten nennt , ist nicht einzusehen , ist eine willkühr- 
liche Abstractiun. Das Volk denkt auch, und wenn es denkt, 
und was es denkt, kann es nicht anders als den Gesetzen des 
Denkens gemäis denken ; wie umgekehrt auch der Gelehrte 
an die Wahrheit der sinnlichen Vorstellung und Beobachtung 
gewiesen ist. 

In den acht Kapiteln des zweiten Buches wird nun- 
mehr gezeigt, dafs die Wahrheit nicht in der Vorstellung al- 
lein, als solcher, sondern in den Gegenständen liege, dfie 
gegeben sind. Unsere Vorstellungen nämlich werden be- 
stimmt, nicht durch uns, die Vorstellenden, sondern durch 
etwas Anderes, welches wir anzuerkennen haben, wenn wir 
es auch nicht weiter nach bestimmten Merkmalen anzugeben 
Wülsten. »»Benennen müssen wir docb aber das Element in 
unsern Vorstellungen, welches uns zwar angehört, wiefern 
wir es besitzen, aber uns auch nicht angehört, wiefern es 
nicht das Troduct unserer Tbätigkeit ist, sondern auf fremde 
Thätigkeit zurückgeführt werden muis. Und hier bietet sich 
eine sehr einfache Benennung dar wenn wir das , was nicht 
aus uns selbst hervorgeht, sondern was wir von Aufsen her 
erhalten, was uns folglich gegeben ist, das Gegebene 
nennen. Es erscheint also die gegenständliche Wahrheit über- 
haupt als ein Gegebenes.« — Und mm ruft der Verf. wahr- 
haft komisch aus: »Mit diesem einzigen Worte (des Gege- 
benen) öffnet sich wie mit einem Zaubet schlage eine neue Aits- 



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750 i( ßcjbroth aber, die Wahrheit. 

t 

. eicht in ein bisher noch unerkanntes (von wem denn nicht er« 

. kannt?) Gebiet unseres Bewufstseyns, in das Gebiet des wahr* 

ihaft Gegenständlichen, des nicht blos Subjectiven, £s ist, 
als athmete mau freier, sobald man dieses Gebiet betritt. 

, Was kann uns willkommener seyn, als die Einsiebt, dafs uns 

, xu allen wahrhaft gegenständlichen Vorstellungen der äufsere 
Grund und Halt oder der Stoff gegeben ist?« — Aber wer 
bat denn jemals daran gezweifelt, dafs es Gegenstände, wirk« 

.liebe leibhafte Gegenstände gebe, die unsern gesammten Vor- 
stellungen als ein von ihnen unabhängiges Seyendes zum 
Grunde liegen ? Z war gibt der Verf. zu verstehen , als Seyen 
es die Philosophen, oder die Philosophie , oder das Philoso- 
phiren überhaupt, welches an der Realität der Dinge und an 

. der Wesenheit des höchsten Wesens zweifle; allein dies ist 
eine ganz willktihrliche Behauptung, welche durch die Ge« 

, schichte der Philosophie von Pythagoras bis auf die heutige 
Zeit hinlänglich widerlegt wird. Es werden unter 4er 
grofsen Zahl von Philosophen kaum drei oder vier können 

.namhaft gemacht werden, deren Pbilosophiren so weit sich 
verirrte, dafs sie das Gegenständliche unserer Vorstellungen, 

.als von diesen erst gewirkt und hervorgebracht, annahmen. 
Die übrigen Alle suchten die Wahrheit da, wo sie allein auch 
zu finden ist, — in der durchgängigen Harmonie des Sub- 
jectiven und Objecttven, oder des innerlich und äufserlich 
Gegebenen. 

In dem siebenten Kapitel dieses zweiten Buches versucht 
der Verf. eine Deduction der Offenbarung in der Zeit , die in* 
teressant ist, und deren wesentliche Gedankenreibe wir darum 
unsern Lesern mittbeilen wollen: Eine Natur, eine Ge- 
schichte ohne Gott ist ein Unding. Wir suchen eine Seele, 
die das Ganze belebt v einen Geist, der das Ganze durchdringt. 
Dieses Suchen ist nothwendtg; das Notwendige aber ist 
Charakter der Wahrheit. Woher aber Bestätigung erhalten 
für diese Wahrheit ? Es müssen sich die Merkmale des Hei- 
ligen in räumlich -zeitlicher Offenbarung nachweisen lassen. 
Eine solche Offenbarung mufs das Medium seyn, durch wel- 
ches der blos subjective Glaube an Gott einen Gegenstand er- 
hält; eine solche Offenbarung müfste sieb zu unserer subjecti- 
ven Vernunft gerade so verhalten, wie sich die Natur aufs er 
. uns zu unserm sinnlichen Empfindung*- und Vorstellungs- 
vermögen verhält. Die Vernunft ist auch Sinn ; ein Sinn aber 
ohne Gegenstand ist nichts. Die Vernunft bat auch Vorstel- 
lungen (Ideen), allein sie müssen durch einen ihnen entspre- 
chenden Gegenstand angeregt seyn, Wie gelangen wir nun 




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Heinroth über die Wahrheit. 



75t 



zu der Ge w i fs h ei 1 , dafe unterer Vernunft. Und ihren Ideen 
der Gegenstand nicht fehle? Einzig und allein dadurch , dafs 
diese Vorstellungen von Gott alt heiligem, allmächtigem, all- 
Weisem Wesen , als dem Weltschöpfer und Erhalter, uns von 
ihm selbst Übermacht werden , dafs er selbst aus der Sphäre 
seines Seyns und Wirkens in unsere räumlich -zeitliche Sphäre, 
d. i. in unsere Geschichte eingreift, und sich. kund thut, das 
heifst offenbart. Eine räumlich- zeitliche unmittelbare Offen- 
barung Gottes ist also nothwendig; ist sie aber noth wendig, 
so mufs sie auch vorbanden seyn; ist sie aber vorhanden 9 so 
mufs sie uns freiwillig entgegen kommen. Und dies ist auch 
der Fall. Das Heilige ist in die Zeit eingetreten;, es gibt ne- 
ben der Profangeschichte auch, eine beilige Geschichte, die 
anfänglich auf Tradition beruhend, und in Dämmerung ge- 
hüllt, zuletzt mit der Geburt des Weltheilandes in helles Son- 
nenlicht übergeht. Die heilige Geschichte ist aber noch nicht 
geschlossen, wir leben in ihrer Mitte, ihre Offenbarungen 
umgeben uns« wie das Element des Lichts unser Auge, wir 
dürfen nur sehen wollen. Die Geschichtsbücher der heiligen 
Offenbarungen liegen vor uns, sie sind das Wort Gottes. Waa 
wir von Gott und seinen Rathschlägen witsen können , erfah- 
ren wir nur durch sie. Sie belehren, beleben, beseligen die, 
die ihren Geist in sich aufnehmen; dieser Geist ist der Geist 
des Glaubens und der Liebe. Die Liebe ist das Höchste, als 
solche hat Gott sich offenbart. Von ihr erleuchtet erblicken 
wir in der Weltgeschichte die Geschichte des Abfalls, und in 
der heiligen Geschichte die der Erlösung. Beide gehören zu- 
sammen, denn auch die erste wird in den Kreis der göttlichen 
Offenbarung gezogen. „Und so (S. 102.) ist erwiesen, 
was zu erweisen war, dafs nämlich die göttliche Offenbarung 
das Medium der übersinnlichen Wahrheit ist«, d. h. mit an- 
dern Worten : dafs wir nur durch Gottes unmittelbare Beleh- 
rung von ihm wissen , und ohne das. was Gott selbst von 
sich gesagt hat, das menschliche Geschlecht nichts von ihm 
wissen würde. 

In dem folgenden achten Kapitel, mit der Ueberschrift : 
Zweifel und Lösung , Iflfst der Verf. einen Gegner Einwürfe 
machen gegen seine Offenbarungslehre, die er dann zu beant- 
worten sich bemüht. Der erste Einwurf ist: ob Gott in Per- 
son zu den Menschen rede, und wie sich dieses denken lasse? 
Darauf wird geantwortet, dafs in der menschlichen Natur kein 
Widerspruch ge^tn die Vorstellung liege, dafs der Vater der 
Menschen sich seinen Kindern auf der Erde in menschlicher, 
Anbetung heischender, Gestalt offenbare, und dafs ja der 



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752 Heiaroth über die Wahrheit. , 

i 

Heiland Äer Menschen wahrer Gott und wahrer Mensch ge». 
wesen sey.« — * Der zweite Eiawurf wendet ein, dafs der 
Glaube an einen Gott -auf natürlichem Wege, nämlich durcfr 
eigene Ideenentwicklung, entstehen könne, wie sich ja auch 
Wissenschaft- und Kunst, wenn auch nicht in jedem Mee- 
schen, docbin einigen vorzüglich begabten, von selbst inner- 
lich entwickle. Darauf wird erwidert, d als die Kunst kein 
selbständiges, freies Das eyn habe, sondern das religiöse 
Element schon voraussetze; dafs, wie Alles im Menseben, so 
auch seine religiöse Anlage nur durch äufsere Anregung ge- 
weckt und entwickelt werden könne, mithin nur durch eine 
göttlich - geschichtliche Offenbarung. — - Der Verf. läfst seinen 
Gegner noch einige andere Einwürfe vorbringen, die wir aber, 
so wie deren versuchte Beseitigung, übergehen, um noch 
einigen Raum für das Folgende au gewinnen. 

Aus dem dritten Buche, überschrieben: . Verhältnis 
des Menschen zur Wahrheit, das ohne Abrede viel Durch« 
daebtes und Treffliches enthält , will Ref. nur das Resultat 
am Schlüsse desselben herausheben. Die Wahrbeit, heifst es 
S. 293 9 wird nicht gemacht, sie wird gegeben, sie kann alap 
auch blos empfangen werden. Ein reiner Sinn ergreift, em- 
pfängt sie. In den Wissenschaften ist sie nicht zu Hause. 
Was man uns aus dem Gebiete derselben dafür ausgibt, ist 
häufig nur ein armseliges Stück- und Flickwerk aus mangel- 
hafter Beobachtung , deren Lücken die Einbildungskraft aus* 
gefüllt bat, und auf welchen Grund nun irgend ein Lieblings- 
interesse mit Hülfe der Combinationsgabe seine Hyn*rhese,n 
baut. Als Beispiel können dienen die Theorien in Medicin 
und Physik, die Philosophie, und überhaupt viele andere 
Wissenschäften , die zum groisen Theil nur auf Tradition 
beruhen. 



(Der Beschluft folgt.) 



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N. 48. • 1826. 

Heidelberger 

Jahrbücher der Literatur. 



Heinröth über die Wahrheit« 

(Bescklufsk) 



Der erste Schritt in das Reich der Wahrheit ist eine auf» 
richtige £e)bsterkenntnifs, Ist diese wirklich eingetreten , sö 
ericheinen uns gerade unsere hochfahrendsten Wissenschaften 
als eitel und ihre Bestrebungen als dünkelhaft. Der zweite 
Schritt zur Erkenntnifs der Wahrheit ist das Geständnils un* 
serer Unwissenheit. Wir müssen nicht selbst etwas wissen 
wollen f sondern uns Von dein Geiste Gottes führen lassen ^ 
der uns in alle erkennbare Wahrheit leitet, und dieser Geist 
sagt uns, dafs die Welt eine Offenbarung Gottes ist, und dafs 
wir Gott zum Freunde haben, wenn wir seinen Willen thun^ 
und dafs ihn zum Freunde Zu haben, unser ewiges Heil ist* 
und dafs Gott unser Heil will, indem er will, dafs wir seine 

Kinder heifsen u. s. w. Aber — und nun verfällt der Vf« 

wieder in seine auf die vielfachste Weise ausgedrückten Kla* 
gen, dafs die Menschen von diesem Geiste sich nicht wollen 
leiten lassen, Und damit endet dieses Buch. 

Das vierte und letzte Buch erörtert, wie Eingangs 
schon erwähnt wurde, das Verhaltnifs der Wahrheit, zu dein 
Menschen. Auch es enthält, wie die vorhergehenden, acht 
Kapitel. Das erste Kapitel fuhrt die Ueberschrift: Offenba- 
rung, als Grundverbaltnifs der Wahrheit Zum- Menschen. Die 




benes. Alles dem Bewufstseyn Gegebene ist aber Offenba- 
rung (S. 309.) ♦ folglich ist das nächste Verhältnils der Wahr- 
heit zu uns Offenbarung, (ibersinnliche Offenbarung* Offen- 
barung aber kann nicht gedacht werden ohne ein Offenbaren«», 
des, ein Wirkendes, und ThÜtiges; das, was dieses Wir- 
kende wirkt, ist Lebensanregung, folglich mufs es selbst 
Leben besitzen, mufs Intelligenz seyn, denn auch wir leben 

XIX. Jahrg. 8. Heft. 48 



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754 . Heinroth über dia Wahrheit. 



geistig. Mithin ist, nach dem Verf., der vollständige Begriff 
der Offenbarung dieser : „dafs sie ist das gegebene Lieben , wel- 
ches vom gebenden Leben zeugt«. 

Das zweite Kapitel — nähere Bestimmung dieses Ver» 
hältriisseft lehrt: die nächste Offenbarung der Wahrheit 
für den "Menschen ist die Natur, oder: die Wahrheit offenbart 
sich in der Natur und durch die Natur. Die Natur aber ist 
mchttodte, ewig tr8ge Materie , sondern Kraft und Gesetz, 
jene als Quell des Wirkens, dieses als Quell des Bestehens. 
Jedoch ist die Natur nicht die Wahrheit, die aller Offenba- 
rung zum Gründe liegt. Wir werden vielmehr auf ein hö- 
heres Wahres zurückgewiesen; die Wahrheit hat sich näm- 
lich auch noch auf andere Weise, aufserhalb der Grenzen der 
Natur und des Bewufstseyns, geoffenbart, und dies ist die 
nattlich- geschichtliche Offenbarung, in welcher sich Gott, 
der Geist, dem Menschen durch einen Offenbarungsakt 
sebenkt, welcher eine in der Zeit erscheinende göttliche fbat 
seyn muTs ; Gott mufs sich den Menschen, offenbaren, »es 
niufs in der Geschichte ein Mensch erscheinen, der Mensch 
und Gott zugleich ist«. Ein solches Wunder der Geschichte 
finden wir in Jesu, und so ist die Aufgabe einer höheren Of- 
fenbarung, als die in der Natur ist, auf das vollständigste 
gelöst. 

Allein der Anerkennung dieser Wahrheit stellen sich Hin- 
dernisse entgegen, und diese Hindernisse zählt der Verf. im 
dritten Kapitel auf. Sie sind die Selbstsucht und 'die Be- 
schränktheit des Menschen, der nach der Verschiedenheit sei- 
ner Sinnesweise bald gleichgültig die Offenbarung durch Chri- 
stum aufnimmt, Bald hitzig e^gegenkämpfend , bald vor- 
nehm- lächelnd t bald witzig« spottend, bald bitter - höhnend 
sie von sich weiset. Diesen Hindernissen zählt der Vf. noch 
bei eine halbe Anerkennung, die eine sogenannte Ver- 
nunft, wie sie sich in einer Selbstgeschaffenen Philosophie und 
einer ihr entquellenden Theologie ausspreche , als Mittelweg 
zwischen einer unbedingten Anerkennung höherer göttlicher 
Offenbarung , und zwischen dem bloisen menschlichen Mei- 
nen , ausgefunden habe. Der Grund auch dieses Uebels — 
der halben Anerkennung nämlich — ] iegt gleichfalls in der 
Selbstigkeit der Menschen, die ihre Anmaßungen nicht auf- 
geben wollen. Auch dieses Hindernifs innfs fallen , sobald 
die Bedingungen zur Anerkennung der höchsten Offenbarung 
rein aufgefalst und beherzigt werden. 

Die Bedingungen nun nennt uns das vierte Kapitel in die- 
ser Reihenfolge: Welt - und Selbstveiläugnung , Sehnsucht 



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Heinrotli über die Wakrhoit. 755 

nach Wahrheit , Aufrichtigkeit, und Glaube. w Wer sich nun 
nicht scheut, diese Bedingungen einzugehen , wer es wagt, 
unter diesen Bedingungen ein Schüler 4er höchsten Weisheit, 
ein wahrer Philosoph im ächten reinen Sinne des Worts zu 
werden, der wird ein Geweihter der höchsten Offenbarung, 
der bekennt mit Herz und Mund die Wahrheit des Evange- 
lium*. Und für also Bereitete sind die folgenden Worte |e* 
schrieben * die aus einem Herzen kommen, Welches von sei« 
nem ersten Er wachen an nach Wahrheit dürstete, sie vergebens 
in der Welt und in den Lehren der Weltweisheit suchte, und 
von dem Geiste von Oben, nach tausendfältiger Abtrünnig* 
keit, immer wieder von neuem gezogen wurde, bis es dem 
süfsen An- und Eindränge göttlicher Offenbarung durch jene 
Liebe, die nur der Glaube erfafst, nicht länger widerstand, 
und es sich ganz von dieser Nahrung des ewigen Lebens, von 
dieser alles besiegenden Wahrheit durchdringen liefs. Wir 
reden von dem , was wir vernommen haben, nicht von dem 
Unsrigen , sondern von dem Göttlichen. Wem das Hera 
nicht verschlossen ist von Selbstigkeit, das Ohr nicht betäubt 
vom Geräusche der Welt, der neige zu uns sein Herz und 
sein Ohr.* 

Mit diesem merkwürdigen Selbstbekenntnisse des Verf. 
will Ref. auch seine Relation schlieisen, weil die vier letzten 
Kapitel des ganzen Buches weder einen Auszug Vertragen, 
noch ein Gegenstand der Beurtheilung seyn können > denn Sie 
enthalten eine beredte Auseinandersetzung der biblischen Ge- 
schichte und der christlichen Lehre, mit Versuchen, die Ge* 
heimnisse derselben , als: die Menschwerdung, die Erlösung 
dutch den Tod Jesu, die Dreieinigkeit, die Unsterblichkeit, 
den Sundentall u. a. begreiflich, oder richtiger, ihre Denk« 
barkeit und Widerspruchslosigkeit dem Verstände derer ein* 
leuchtend zu machen , denen diese Dogmen etwa anstöfsig 
sind ; wobei es denn an polemischen Ausfällen gegen die Hart- 
näckigen und Widerspenstigen nicht fehlt. So z. B. heifst e» 
S. 406 t »Der Satan treibt die ihm anheim Gefallenen durch 
wilde Leidenschaften zu noch wilderem Wahn, und stürzt sie 
in Verzweiflung und Selbstmord * oder er scheucht sie aus 
ihren Sinnen, zerrüttet ihren Verstand , entzündet ihre Phan- 
tasie, ängstiget und peiniget ihr GemÜth mit Sorge, Furth t 
und Angst, entbindet ihren Willen von allen Schranken des 
Gesetzes zu blinder Zerstörungssucht, und nimmt nun Von 
seinen Opfern, nachdem er ihnen die Himmelsflamme der Frei» 
heit ausgelöscht , und sie festgebunden hat mit seinen unzer- 
reißbaren Stricken, Besitz auf dem throne des Wahnsinns, 

40* 



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Heiuroih über die Wahrheit, 



der Verrücktheit, der Melancholie und der Tollbett. Und 
damit er ja nicht die Schuld «eines schau der hatten Werkes tra- 
ge, so sucht er sich Freunde unter denen, die nicht an ihn 
glauben in der eiteln Sicherheit ihres Herzens, und die vom 
Dünkel eines falschen Wissens aufgebläht sind , dafs sie für 
ihn zeugen, als für einen Unschuldigen f dafs sie der Natur 
aufbürden, was das Werk der Schuld ist, und dafs sie in den 
Qualen des Satans nur Leiden des Leibes erblicken, durch 
'die Kraft der Apotbekerbüchsen zu bekämpfen und zu be- 
siegen.« 

lief, überläfst es den Lesern, zu errathen, was und wer 
gemeint ist, und erlaubt sich blos zu bemerken, dafs diese 
in aller Schärfe ausgesprochene Ansicht des Vf. geraden Wegs 
auf die Noth wendigkeit führt, den Exorcismus durch Geist- 
liche in den Irrenhäusern einzuführen. 

Hiemit glaubt der unterzeichnete Referent dem ihm ge- 
gebenen Auftrage, über dieses merkwürdige Buch zu berich- 
ten, Genüge geleistet, und die Leser der Jahrbücher in den 
Stand gesetzt zu haben, selbst zu beurtheilen , was sie darin 
suchen müssen und finden werden. Keiner, von welcher 
Sinnes- und Denkungsart er übrigens seyn mag, wird es 
ohne vielfache Anregung aus der Hand legen; Jeder, wenn 
er auch nicht in alle Ansichten des Hrn. Dr. Heinrotb ein- 
geben kann, wird wenigstens Stoff zum weiteren Nachdenken 
in reichlichem IVXaafse darin finden; und was die Tendenz und 
den Zweck des Buches betrifft, so ist dieser unbedingt zu 
loben, denn es will seine Leser christlicher, und durch das 
Christenthum seliger machen* Auch verschreie man es nicht 
als mystisch und schwärmerisch; es ist, wenn auch weit- 
lau ftig und sich wiederholend, doch seinem gröfsten Tbeilo 
nach klar und besonnen, und enthält nur soviel mystisches 
Element , als sich in den heiligen Urkunden des Christen- 
thums, deren Sprache der Verf. redet, überhaupt vorfindet, 
und als mit der Religion, die Christus gelehrt hat, unzer- 
trennlich verbunden ist. 

£ r h a r d t. 



1 1 - 

- 

■ 



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* 



Deutsche Literatur in Frankreich. 757 

Deutsche Literatur in Frankreich. 

m ♦ 
• * 

1) Le Gl ob e Zeitschrift* Paris* jfo/. ' 

2) Bibliothtque al lern and e. Journal de litte'rature. Strafs- 

burg und Paris* 8. 5 Nummern. 1825 — 20* 

3) Rechercher rur la nationalste , Pesprit des peuptes alle-' 

mands et les institutions > qui teraient en Harmonie avec leuis 
moeurs et leur caractere par L. Jahn. Traduit de Vallemand , 
avec notes , par P Lortot y docuur en me'decino* Paris 1825. 
8. XXV und 432 

4) Kurze Geschichte und Charakteristik der schönen 

Literatur der Deutschen^ von Ehrenfried Stöber. 
Paris und Strafsburg 9 bei Levranlf. 4826. 8. XU ii. 4S2 S. j^v 

t ♦ 

J5) Geisterstimme des Kurfürsten Maximilian de>s Er- 
sten von Bayern^ herauf bescjuvoron durch die Schrift x. »Der 
Kurf uns t Maximilian der Erste an den König Ludwig von Baiern 
bei seiner Thronbesteigung™ (Frankf. u. Leipz.) Gedruckt zu, 
Strafsburg bei Schüler. 1826*. 15 & 8* 

i » * . 1 - < 

• r 

Indem wir so verschiedenartige Schriften urxTGegeirsrände 
unter jener obigen Ueberscbrift vereinigen f ist der Gesichts- 
punkt von selbst schon gegeben y unter dem sie uns einer ge- 
meinsamen Betracbtung anheim fallen sollen. Es ist uns zu« 
nächst nämlich darum zu thuo, aufmerksam zu machen auf die 
fast wundersame Kegung in Frankreich , das sonst — nur um 
das Sein« sieb* kümmernd (wie Tacitus von den Griechen 
klagt), nur sich kennend, nur sich preisend und hochhaltend,- 
mit Einem Male ki sich geht oder vielmehr aus sich heraus 
gsbt, und bvnausblickt und einsieht, da-fs hinter deu Bergen 
(Jura, Wasgau, Ardeimen u. s. w.) auch noch Leute wohnen* 
Für Englische Literatur war schon länger der Kanal geöffnet. 
Auch stehen* beide Völker in*Vielem- nahe. Deutschland' abet: 
war und blieb wi seinen höchsten und tiefsten Lebeusbezie- 
bungen eine terra incognita*, ob schon- es bis 1815 aller Welt 
Schlachtfeld war, und es lange genug von deivFra-nzosen üenn- 
gesucht worden ist. Aber die Zeit ist eine an sich wunder- 
sam gebärende, still umgestaltende. Seltsame, luegefüblie- 
Sehnsucht geht auch den waischen Menschen auf in dtf i 
Br»s*. Der ungeheure Kump-f verstockter Emigranteorestativa- 
tion und freier edler Fuxleiitwickelung hat auch dort die Lütge 

.y-' - 



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75&) Peutscbe titeratqr fr Frankreich. 

Täuschung aufgedeckt, die Binde von den Augen genomiren. 
Man strebt nach dem Einen , was bleibt, und nach Vielem, 
was ihnen Noth tbut. Manner wie Villars und wenige An*- 
dere stehen nicht mehr vereinsamt da. Rousseau's tiefer 
Schmerz (ibet sein Volk wird verstanden. Referent kennt 
eine gute Anzahl wahrhaft edler FranzqsischerJünglinge, Üie 
ein unhezwinglicher Drang zu Deutschlands hoben Schulen 
treibt, die eine wahre niegeahnete Wonne in der Deutschen 
Sprache und durch sie in Deutschen Werken schmecken, und 
einen tiefen durchdauernden. Seelenernst wieder mit heim- 
uehmen. 

Und auch diese Erscheinungen stehen nicht vereinzelt 
da im grofsen Frankreich ! Einmal — sagt Claudius — ist 
zwar Schoo einmal , und der vereinzelte Villars war schon ein 
Zeichen der Zeit, ein Hahn, der Morgens schreit. Aber 
wenn mitten in Frankreich, i n seinem Herzblatt, — ■ in Paris 
eine Zeitschrift so gedeiht , so sich begründet und im« 
mer fester wurzelt, wie der Globe *) , welcher tien Fran- | 
zosen auf alle Art und Weise, oft schneidend, ihre wissen- 
schaftliche ^Leichtigkeit und Seichtigkeit, ihre Kunstschäu- 
migkeiü, ihre Selbstlobs -Ungeschämigkeit, ihre Weltunkunde 
vorhält, und das Gediegene, Tiefe, wahrhaft Dichterische 
Englands, Deutschlands u. s. w. zum Spiegel aufstellt; wenn 
in Städten Südfrankreichs wissenschaftliche Vereine entste« 
hen t welche auf gründlichem und hewufstem geistigen Wege 
«ich ernstlich bestreben, die geistige Alleinherrschaft und 
akademische Eintönigkeit von Paris zu brechen, in die Adern 
des, Randes zu verströmen, und Gaueigenthümlicbkeiten zu 
sinniger Erfrischung des Ganzen zu nähren : — so ist das ein 
gro&er, wahrhaft erfreulicher Beweis vom Fortrücken dec 
ganzen Zeit. 

Vor Allem aber mufs uns Deutschen aus volklichem Stolze 
oder Selbstgefühl und Selhstbewufstseyn, so wie aus wahr- 
baft tieferen Welt* und Geistesbeziehungen — ganz beson- 
ders erfreulich seyn, dafs gerade unsere Literatur so tiefen 
Eindruck in Frankreich zu* machen beginnt. Manche verun- 
glückte Versuche von Damen -Übersetzungen Göthe't (seiner 
Gedichte) vt. S, w. haben freilich vorausgehen müssen und ha- 
ben eben nicht gut tbun können. Aber im Augenblick« ist 
Junger Mann in faris , des Deutschen gründlich mUchtig f 

*) In. mehreren Aussen flber Deutsche Iateratur auch der In de« 

pcndcifi t von Lyon. 



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» 

- 

Deutsche Literatur in Frankreich 75U 

» 

beschäftigt, den ganzen Göthe zu verwälschen. Und wer 
hätte — sowohl nach sprachlichen und geistigen als politi- 
schen Gründen — vor zehen Jahren (tö 15) geglaubt, ein 
Franzose würde Jahn 's Deutsches Volksthum seinem 
Volke übersetzen, undinl'aris bei dreien Buchhiindlern ! 
verkaufen können! Dieses Buch, dessen innerster Grundzug 
auf dem scharten Gegensatz Deutscher und Wfflscher Natur 
beruht, und dessen Deutsch ein so grundeigenthuinlichds, und 
Selbst vielen Deutschen (wie seine Grundsätze) schweres und 
unbehagliches ist! — • Und der Mann hat seine Aufgabe mit 
trefflicher Umsicht in der Deutschen Literatur, "wovon die 
Anmerkungen zeugen, gelöst. Er hat gethan, was man von 
ihm jetzt schon fordern konnte. Und der Mann sagt beschei- 
den in einem Briefe, der Referenten zu Augen gekommen ist: 
„Je voudrois bien que ma traduction ne fut pas publice car" 
depuis j'ai un peu vu TAlIemagne, les Allemands, la belle vie 
de vos universite's , il y a beaucoup de passages que je com- 
^prends mieux et que j'aurois pu mieux expliquer" u mes com- 
bat riotes.«« — Merkwürdig ist ferner das Urtheil eines an- 
dern Lyoner Arztes Stanislaa Gilibert übet dieses Bach 
und Lortet's Uebersetzung in seinem bald darauf erschienenen 
Lettre sur l'AJlemagne a l'uccasion des recherche's Sur la natio- 
nalste', Lyon, a l'imprimerie de Coque. 1826. Hören wir 
sein Urtheil Uber das Buch und die Uebersetz^ung : 1) JS Le 
•ort del'AHemagne n'e'tant pas change', Touvra^e de Jahn (ecrit 
il y a plus de quinze ans) n'a rien perdu de son onportunite'; 
il reste ce qu'il e'tait, une machine de guerre ele'vte* pöur la de'- 
fense du pays contre la tyrannie de l'e't ränget* "et contre cette 
folle pre'tention de conquetes et de domination universelle, 
qoi a pu etre long-tems un mal ne'cessaire et le seüt moyen de 
communication entre les peuples ignorans et lesbarbares, mais 
qui certainement ce'dera enfin l*empire a d'autres moyens de 
civilisation, qui ne coilteront ni sang ni lärmest ; fhilosopbe 
autant qne patriote, l'auteur combat franchement*, dahs Sin- 
teret de son pays comme dans celui de Thumänitc, cette vieille 
folle qui , de'guise'e sous les noms de Sainte - AHiance, de 
congres, de cosmopolitism.e, aspire encore aüjöürdhui, sans 
egard ponr la fliversite naturelle des peuples, a ks soumettre 
tons e'galement au ineine regime , comme Proenste placait toutes 
ses victimes dans son lit de fer.« 2) „J'ai ,lu cet ouvrage 
comme j'aurais ecoute' une conver&ation d*un sage ou d'un aini, 
sans trop prendre garde a la correction du language. C est ici 
un iivre de bonne foi , a dit M. Lortet de l'ouvrage alleraand; on 
peut le dire aussi de la traduction , et ce jugement devrait 



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7<?a 



Deutsche Literatur in Frankreich. 



ftufRre etc. — Aber weiter ! Als im vorigen Jahre der Kon. 
JVeufsische Regierungsrath Gl* äff, Verfasser des gründlichen 
Werkt über die Althochdeutschen Präpositionen, auf eiuec 
Reise durch die handschriftlichen Bibliotheken besonder» 
Deutschlands (zum Behuf eines Althochdeutschen Wörter* 
buchet) auch nach Paris kam, und dort mit Deutschem FJeif* 
und Sitzfleisch (sit venia verbi!) in den Bibliotheken arbei- 
tete, und besonders eine auf zwulf tausend Wörter steigende 
»^Althochdeutsche Glossensammlung auifund, nahmen die Fra^n» 
zosen den lebendigsten wärmsten Antheil, und rühmten diese 
ihnen ganz, fern liegenden Forschungen des Deutschen Gelehr« 
%cn auf die theilnehmendste und ehrenvollste . Weise in dem 
V'inheibefte des Journal des Sa van s (i825). Ein, 
Gleiches geschah über dis Altdeutscheu Bestrebungen der 
Reisenden Graff, Ma {'s mann u. 5. w. , in der weiter unten 
näher zu besprechenden Bihliotheque allemande (Heft 2. 
S, 135 t38.) t mit gesunden und richtigen Rückblicken auf 
diese JUcbtang Deutscher Sprachwissenschaft seit Scherz 
Scbilter, Wächter, Gräter u. s. \v. — Raynouard , Rqtjue^ 
fprt u, s. w f sind des Deutschen schon besser mächtig bei 
ihren AUfranzÖsiscben Untersuchungen als Du Cheane und 
Menage, Hiebet sey dankbar erwähnt, wie mit wahrhaft: 
kindlicher Freude (man sehe seine Schilderung im Literari- 
schen Anzeiger 1799- St. 97.) der Franzose Gl er 1799 schon 
die für die 1 Altniederdeutsche Mundart höchst wichtige Alt- 
sächsische Evangelien-Harmonie in Bamberg auffand, 
erkannte und seinen Fund ankündigte, wonach sie gen Mttn«. 
eben bra und — rastet bis heute, weil Oberbibliothekar] 
Sc her er sie herausgeben will, und nicht Docen, Jener 
versteht gut Arabisch , dieser Peiitscb und ist selber 
Wettfale, . 

§eit Anfang dietet Jähret erscheint zu Paris eine Deut» 
sehe Reifung. Ein kundiger Franzose übersetzt jetzt meh« 
rere Schriften Rüthers („pour faire couuoitre cet bomme 
J>ar ses ouvrages <<), Ein Anderer arbeitet (hörtl hört!) an 
einer Ueberaetzung der Nibelungen, Dies weif* Referent 
sicher. Schwerlich gelingt dieser Versuch, Aber das 
Bestreben ist merkwürdig! Die LevrauUsche Ruchhandlung 
in Strasburg liefert in Kurzem eine gute Uebersetzung von 
Her der 's Ideen zur Geschichte der Philosophie der Mensch« 
heit, und in derselben Buchhandlung wird jetzt eine gelungene 
Uehersetzung von Schlosser'* » Universalhisrorischer (Je-» 
bersicht der Geschichte der alten Welt und ihrer Cultur* 
durch «Vn. President G «1 h e ry «u Kohnar (Canaideration* gen 



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Deutsche Literatur in Frankreich. 



76i 



nerale« sur l'histoire universelle de Tantiquite' et sa civil isa - 
tion«) gedruckt, euiem Werke , das viel zu einer gründliche- 
ren historischen Ansicht in Frankreich beitragen wird. 

Gern verweilten wir länger bei diese» allgemeinen Ein- 
blicken in dieses innere Hegen Frankreichs; doch fesseln uns 

für dies Mal besonders noch die Stra Ts burger Werke über 
Deutsche Literatur. 



artnee 



Zuvor aber scbliefsen wir jene allgemeinen Betrachtung 
gen mit einem merkwürdigen Selbstgesiändnisse eines biede- 
ren Franzosen unserer Ta#e , das Referent in seiner hier ste- 
henden Gestalt verbürgt. Wahrlich, hier ist mehr denn Bous- 
seau, auf dessen viel tragenden Schultern die Kinder der Zeit 
freilich initstehen, 

»Je compte faire un sejour plus long en Allemagne cette 

ee, car j'aime beaueoup ce pays et ses habitants. Je puts 

dire que j*y ai maintenant plus d'amis qu'en France. Je tens 

que ccs voyages ont polt le coeur a la patrie et ce n* est point urle 

|ffairede caprice. J'ai pendant Jong temps percouru Ja France, 

3fe me suis trouve en rapport avec toutes les classes; j'ai vu 

Jos homines dana les orages et dans le calrae, je puu dire que 

}t eonnois mm nation ; mais je ne me fais pas illusion com ine taut 

d'autres , et pour parier franchement je dirai que le tableau 

de sa „nationalite« ne seroit pas beau, pourvu que Ton ne se 

conduisitpascommecenpeintres, qui fönt le portrait d^ne 
iemme laide et vieille.« 

^ Indem wir uns nunmehr zu den Deutschen Druckwerken 
atrafsburgs wenden, wollen wir zuvörderst einer guten 
Zahl Deutscher Buchhändler die Strafsburger (und neueren 
Pariser) Deutschen Drucke zur gebührlichen Nacbeiferung 
inCorrectheit und Schönheit des Druckes , wie des Papiers em- 
pfohlen haben. Brockhaus, Vieweg, Max etc. sind damit nicht 
&*me,nt. Aber viele Andere, vorzüglich Reimer, die auf Lösch- 
papier drucken, was Zeune in seiner Ausgabe des Wart- 
burgkrieges (*Öi8) mit den geschmol zenen Eismassen des Nor- 
dens sehr naiv au entschuldigen schelmisch (?) genug war. 
Vor Allem zeichnet sich in Strafsburg die schon genannte Lt- 
vrault'scbe Buchhandlung mit ihren Druckwerken aus. Sie 
haben auch nächst den Frankfurtern einen schönen eigne » 
Deutschen Letternschnitt, der auch in Pariser Werken 
angewendet wird und dem Deutschen Auge sehr wohl thut *). 
«~ . . 

*) l*evraults haben Buchladen, Druckerei, Setzerei, Schrift- 
gtefserei, Schriftsohneiderci , Steindruckerei in Einem Hause eigeu 
beuanuuen, und beschäftigen täglich an achtzig Menschen. 



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762 

» 



Deutsche Literatur in Frankreich. 



Die Strafsburger Druckberren und Buchhändler haben die 
löbliche Sitte des schönen Druckes und schneeweifsen Papiere 
von Paris gelernt. Und das ist löblich, in Solchem Frank« 
reich nachgeeifert zu haben. Löblicher, erfreulieber und 
tröstlicher für das Deutsche Gemüth und den Deutschen Glau« 
ben ist, dafs der E Isafs Deutscher geblieben, als man 
glaubt, ungeachtet wälseber Behörden und trotz Missionären , 
die in Strafsburg ein ungeschlachtes Riesen -Crucifix , das 
noch nicht einmal bezahlt ist, vordem aus ganz anderem Chri- 
etensinn gebauten Münster aufgepflanzt haben zu ihrem An. 
gedenken. Es ist bezeichnend, dafs viele Strafsburger [und 
ändere Elsasser von dem rechten Rheinufer herüber Frauen 
heimführen. Und das thut viel zur Erhaltung Deutscher Art, 
wie Deutschen Blutes. Ein Andres ist die Nichtvereinicung 
der Elsasser Lutherischen mit den Französischen Refor- 
misten, wogegen sich der Deutsche Evangelische dort mit 
Bewufstseyn selbst aus politischen Gründen sträubt, denn 
flugs wäre seine Deutsche Eigentümlichkeit überflügelt 
volklich wie kirchlich ; wie aus demselben Grunde in Strafs- 
burg das Deutsche Museum keine Mi Ii tair s in sich duldet, 
die überhaupt in Frankreich kein solches Prae haben und hegen 
können, als in Deutseben Ländern* 

Aber zurück zu unsern Strafsburger Werken Über 
Deutsche Literatur u. s. w. I 

Es war ein glücklicher, gesunder Gedanke einer Gesell« 
schaft Deutscher (Elsässiscker) Gelehrter (une societe de gens 
de lettres), gerade in ,S t ra f s b u r g eine Bibli o theajue 
allemande (Journal de Litte'rature) zu begründen. Kein 
Ort ist dazu geeigneter, als diese Burg an der Strafse 
von Alters her, wo schon König Etzel seinen Uebergang 
hielt. Strafsburg ist Deutsch in seinen äufseren und inne- 
ren (geistigen) Lebensbeziehungen; von der andern Seite — 
den Institutionen nach — mit Liebe — und mit Recht (wo 
ist das Eine Deutschland, daran Elsafs sich hätte lehnen kön- 
nen?) neigt es sich Frankreichs regem und reichem Leben 
zu. Aber das Deutsche wird eifrig in den Schulen gelehrt 
und deutsch gelehrt. Noch jüngst (Anfang 1826) erschien 
in Strafsburg eine neue Deutsche Sprachlehre von Pfar- 
rer Bökel daselbst. Es giebt im Elsafs noch eine Deutsche 
Literatur. Strafsburg bat eine Deutsche Zeitschrift , der 
Hausfreund, eine Deutsche Zeitung, und wer kennt 
nicht, wenigstens aus Göthens Kunst und Alterthum Bd. II. 
Heft 2, Arnoldi's treffliches Lustspiel in Strafsburger 
Mundart: Der Pfingstmontag (Strasburg» Treuttel und 



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■ 



Deutsche Literatur in Frankreich. 753 

Wflrt». 1816.)« das noch über den Frankfurter Bfltger- 
kapitain su stellen ist. Die Gebildeten und Gelehrten in 
Straft bürg «ind nach ihrer ganzen Studienart zu Deutschland 
gerichtet. Sie haben meist Deutsche Hochschulen besucht, 
stehen mit Deutschen Gelehrten in dauerndem Verkehr ». s. w. 

— und von der andern Seite haben «sie nieist Paris länger 
besucht, dort ihr Französisch gründlich ausgebildet, und 
kennen gründlich das Bedürfnis» der Französischen gebildeten 
Welt« Eben so stehet der Strafsburgiscbe Buchhandel gleich« 
mäfsig mit Paris und Deutschland in Verkehr. Auf Strafe- 
barger Museen liegen die meisten Deutschen Zeitungen und 
besten Deutseben Zeitschriften. Wir könnten das Bild Leiter 
fortführen. Es genügt zu unserm Zwecke. » 

Alle jene vortheilhaften und notwendigen Bedingungen 
zur gedeihlichen Erreichung des Zweckes einer solchen Bi- 
hliotheque allemande siebt und weifs Referent in Strafsburg 
und in den Theilnebmern derselben , die er meist persönlich 

tnnt, glücklich vereinigt. Hören wir — was das besteZeug- 
fs für das richtige Beginnen der Unternehmung u. s. w. ist 

— die Stimme eines Franzosen selber, der also sich ausge- 
sprochen hat: „Je connois: la bibliotheque allemande, dont 
j'ai re.^u les cinq Nos qui 017t paru. — - Ce Journal est trh utile* 
eh France et Strasbourg est la seule ville ou V on pöuQOtt bien te 
faire i» 1» • 

Fünf Hefte des ersten Bandes and der erste des zweiten 
Bandes liegen augenblicklich vor uns (der fünfte fehlt leider 
aus Versehen beim Verschicken). Wir geben hier einen kur^ 
zen Inhalt derselben« wobei wir aus Kenntnifs der örtlichen 
Verhältnisse bemerken« dafs die cröfsere Umfassendheit und 
Gründlichkeit im Steigen ist. Die drei Hefte besprechen so* 
wohl die Literatur der Deutsche n Taschenbücher (Mi* 
nerva — Aurora — Dramatischer AI man ach — Alpenrosen — > 

Rheinischer Almanach Almanach für 1826 — Urania — Or<* 

phea Huldigung der Frauen «— Penelope — Cornelia — 
f rauentasebenbuch) « welche Erscheinungen den Franzosen am 
seltsamsten vorkommen müssen; als auch historische 
Werke (namentlich Geschichte unserer Zeit von M. L. A. 
Menzel), p o 1 i t i s c b e Wissenschaften (weitläuftig durch 
Heft 2 und 3t Feuerbach's Betrachtungen über die OefFent- 
Hchkeit und Mündlichkeit der Gerechtigkeitspflege)« Philo* 
«ophie und Moral ( Encyclopädie der philosophischen 
Wissenschaften vonCb.E. Schulze, durch Heft l , 2 und 3). 
Einen ziemlich bedeutenden Theil der drei Hefte nehmen für 
jetst noch ein die bibliographischen Bulletins und 



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764 



Deutsche Literatur in Frankreich. 



das Vermischte (Varietes), was seine Notwendigkeit in 
sich trägt, da den Franzosen so Vieles und selbst hei uns ganz 
:gäng* und gShe historische Notizen der Deutschen Literatur 
.und Schriftsteller noch gänzlich neu und nöthig sind. Das 
Bulletin bibliographicrue zeigt an mit kürzerem oder längerem 
Kaisonnement : Rudolf von Habsburg, episches Gedicht 
von Pyrker — Sagen und romantische Erzählungen von L. 
Holl stab — Drei Erzählungen von Tal vi — Die Poesie 
und Beredsamkeit der Deutschen von Frau z Horn — Die 
Sprachgesellschaften des siebenzebnten Jahrhunderts von Otto 
S-chulz — Leukothea von Iken Die Religion der Ver- 
nunft von Bo u t er w eck — Irrthttmer und Wahrheiten aus 
den ersten Jahren nach dem letzten Kriege gegen Napoleon 
und die Franzosen von Wilh. Schulze — Ueber den Geist 
der Staatsverfassungen von Fr. Ancillon — Die Geschichte 
der Hohenstaufen von Fr. v. Raum er — Laskaris 
oder die Griechen im fünfzehnten Jahrhundert von Ville- 
main, deutsch von Stöber — Geschiebte des Aufstandes 
der Hellenischen Nation von E. Münch — Reise nach China 
von Schmidt — Geschichte der Musik von Lewald — 
Theologische Quartalschrift von G r ä t a — Ueber lief er ungen 
zur Geschichte, Literatur und Kunst der Vor« und Mitwelt 
von Ebert (ausführlich) — Handbuch der Deutschen Sprache 
von Kunisch (Heft 2. S. 117 — 123.) — Gottfrieds von 
Strafsb urg Werke durch von der Hagen — Vermischte 
Schriften von E. H o u w a 1 d — Auszüge aus den besten 
Schriftstellern Deutschlands, Paris bei Didot. 1Ö25. 
8. und Deutsches Lesebuch für Fr a nk reich s S ch u- 
]en von Ermelar, Paris bei Baudry. 1826. 12. — Eduard 
deutsch durch St öb^r — Neue Verhandlungen der schwei- 
zerischen gemeinnützigen Gesellschaft — Gothaischer genea- 
logischer Hofkalender — Genealogisch - historischer Almanach 
von Hassel — Corpus inscriptionum graecarum von Böckh 

— Neue allgemeine geographische und statistische Epbeme* 
riden — Kleine Bücherschau von Jean Paul (Heft 3. S. 188 

— 193.)— Bäk i 's Divan durch Jos. v. Hamm er — Bei- 
träge zur Kenntnifs des Inneren von Rufsland von Erdmann 

— Vermuthungen über die wahre Gegend, wo 
Hermann den Varus schlug, von Müller (nebst der 
Literatur der Werke von Cluber, Petersen, Hammerstein, 
Hohenhausen, Tappe, Klostermeytr u. s. w. S. 197 — 200) 

— Aristotelis Politica von Göttling — Ueber die Kam«» 
ralwissenschaft von IJ.au — De Schola, quae Alexandriae 
floruit von Guericke — Tennemann's Grundrils der 



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Deutsche Literatur in Frankreich. 765 

j 

Geschieht* der Philosophie durch Wen dt — Beschreibung 
römischer und deutscher Alterthümer in Rheinhessen durch 
Emde — Zeitschriften: Columbus, Atlantis u. s. w.; 
Literaturseitung für Deutschlands Volksschullehrer — Der 
Eremit in Deutschland von Pause (mit einer Probe: S. 207 

— 2i3.). 

Reichhaltiger und mannigfaltiger Stoff genug schon! Es 
wäre sehr su wünschen , dafs Deutsche, denen ihres Volkes 
libre Heb ist und am Herzen liegt, lebendigen Antheil nähmen 
an dem Gedeihen dieser Zeitschrift durch Lieferung von histo- 
rischen Ueberblicken über ganze Zweige, Abschnitte und 
Tbeile Deutscher Literatur , von übersetzten Auszügen, von 
historisch «literarischen Notizen ü. s. w 

Letztere stellen als dritten Hauptabschnitt die Varietes 
und Mulang es zusammen. So spricht Heft 1. von Jean 
Pauls Tod und schildert dabei seine Hauptwerke (S. 67 — 
68.). Heft 2« giebt dazu Jeän Pauls Bildnils in Steindruck; 
ferner ein kurzes, aber lebendiges Bild von den Deutschen 
Universitäten (S. 134 — 135.) , schildert das erwachte Stu- 
dium der alten Deutschen Sprache und Literatur y und die 
Männer, welche sich dafür beinübt haben und bemühen (S. 135 

— 138.); endlich auch die Allgemeine Literaturzeitung von 
Halle, die Göttinger Anzeigen , die Schottische Uebersetzung 
des vierten Theils von Pouqueville's Geschichte der Wieder- 
geburt Griechenlands , die pro venzali sehe Grammatik von 
Adrian; Preis der Berliner Akademie über den lnstinct der 
Tbiere u. s. w. Heft 3. endlich handelt (S. 214 — 216.) von 
der Hahnernannischen Heilart u. s. w* 

Heft 4« bespricht I, i) die epischen Gedichte 
Deutschlands (Loblied auf den heiligen Anno — Vel- 
decksEneis — P*rcival und Taturel von Wolfram von 
Eschen bach — Tristan und Isolde von Gottfried von 
Strafsburg — Der Ritter von Stauf fenberg — Das Hei* 
denbuch ■ — Der N ibelu ngen Lied, wo nun Lacbmann's 
Ausgabe zu nennen ist — - Reineke Fucbs Klopstock's 
Messias) von E(hrenfried) S(töber). 2) E.Houwald's 
Werke. 3) Otfrieds Fragmente von Hofmann. 4) Wel. 
ker's Prometheus. II. 1) Brasilien von Schäffer. III. Jour- 
nale und Zeitschriften (von Stieglitz, Welker, Horner, Böt- 
tiger u. s. w.). IV. Verschiedenes: ürtheile über Ke- 
rswy's Werk Du Culte en general, über Voltaire's Henriade, 
Windischmanns mystische Median u. s. w. 

Heft 5. fehlt uns durch Versehen der Buchhandlung. 

Heft 6. enthält I. Ueber Vofs nebst seinem Bildnifs in 



766 



Deutsche Literatur in Frankreich. 



Steindruck. IT. l) Ueberblick Ober Stöber'a kurze Ge- 
schichte der schönen Literatur der Deutschen; 2) Britan- 
nicus von Racine, deutsch durch Göns; 3) Erzählungen 
und Novellen vonGriesel; 4) die Volkslieder der Ser- 
ben durch Talvi;; 5) Shakespear durch Benda|; 6) Histori- 
sche Beleuchtungen über die Ansprüche Brasiliens auf Monte, 
video, aus der Atlantis; 7) über Macedonien; 8) Waltcri 
Corpus juris Germanici äntiqui ; 9) Ebert'e Ueberlteferun- 
gen zur Geschichte. III. Mannigfaltiges; Ueber die Göt- 
tinger und Kurländer Gesellschaft der Wissenschaften u. s. w 4 
Mit dem sechsten Hefte schliefst der erste Band, dem ein Re- 
gister angehängt ist. 

Band II. zeigt die Anzahl der Redacteure und Mitarbeiter 
sehr erweitert. Während Band I. nur die beiden Ad vocaten 
Bart he'lemy und Silberm an n aufführte, werden hier na- 
mentlich auf dem Titel genannt : Barthe'lemy Advocat, 
Bruch, Professor an der Akademie zu Strafsburg , Dr. Jung, 
Lichtenberger Advocat, Lortet von Lyon , Arzt, Di*. 
Mafsmann von Berlin, Matter Professor zu Strafsburg, 
Maudheux Advocat , 'S i 1 b e r man n Advocat, Dr. E« Stö- 
ber Advocat, S tr ob ei Professor zu Strafsburg, Wilm Pro- 
fessor zu Strafsh urg u. s. w. 

Das erste Heft enthält I. Mittheilungen über Herder'« 
Leben und Werke« II. 1) Ueber der Deutschen Literatur 
Vorlesungen von Dr. Chr. Müller zu Genf gehalten, über 
dieschon im Literarischen Conversations-Blutte No.80. 6. April 
1826- S. 319 «- 320. Bericht erstattet worden ist; 2) Launen 
meiner Muse von Panze. III. 1) Geschichte der Revolution 
in- Spanien und Portugal von Schepeler; '2) Allgemeine hi. 
storische Taschenbibliotbek ; 3) Deutsches Volkstbum von 
Jahn durch Lortet; 4) Gili bert Briefe über Deutschland, 
veranlafst durch Lo.tet's' Uebersetzung. IV. Gemisch- 
tes: Die Göttinger Societät; die Deutschen Universitäten; 
Schulen des wechselseitigen Unterrichts in Dänemark u. s. w. 

Wir sehen, wie die Bihliotheque allemande immer um- 
fassender Schritt zu halten strebt mit den neuesten und be* 
deutendsten Erscheinungen unsrer Literatur , und können ihr 
nur fröhliches Gedeihen in Frankreich, so wie eifrige Hülfe 
in Deutschland wünschen. 

Der Druck des Unternehmens ist sthr sauber. Band II. 
ba^t sogar darin noch zugenommen, besonders dadurch, dal* 
er etwas kleinere nettere Lettern gewählt hat. In's Einzelne 
des Inhaltes einzugehen, vernietet hier Raum und Zeit, und 
war auch nicht der Zweck. 



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Deutsche Literatur ia Fraukreicii. 767 

Näher noch aber an'a Herz rückt uns Stdber/s Kurze 
Geschichte und Charakteristik der schönen Li- 
teratur der Deutschten; nicht nur weil da« Buch He» 
bel'n gewidmet ist, sondern weil es für Fr ankr eich be«/ 
stimmt ist, wir Deutsche also wohl ein Recht haben zu fra- 
gen, wie werden wir dargestellt, was sagt man von ünsern 
Vordermännern und Anmännern aus, zumal in der schönen 
Literatur, und — ohschon der Titel »Kurze Geschichte«* 
verkündet , so doch auch eine Charakteristik, und oben» 
ein ist das Buch 415 Seiten gr. 8. stark. Da läfst sich schon 
Manches sagen, so wie — auch Manches vergessen. 

Aber fassen wir aüch dieses Unternehmen wieder zuerst 
in seiner Allgemeinheit, nach seiner Absiebt auf. Diese ist 
eine gedoppelte. Einmal sagt die Vorrede: „Das Buch ist 
weniger für den Gelehrten, als für den Gebildeten über* 
haupt, besonders aber für Jünglinge bestimmt *• (S. XI.). 
Sodann ist die „nähere Anregung zu diesem literärischen 
Unternehmen das in Frankreich immer mehr sich 
verbreitende Interesse für die Schriften der 
besseren Deutschen Dichter und Prosaiker" 
(S. XII.). Also für Frankreich ist wesentlich das Werk 
berechnet. Darum wollen wir einerseits billigere Anforderung 
machen, weil es der erste derartige Versuch ist, und die 
Franzosen schon eine Weile daraus recht Vieles lernen kön- 
nen , zumal da bei den Charakteristiken der einzelnen Schrift- 
steller auch hinlänglich ihre Lebensschicksale geschildert sind, 
und somit hat der Verf. zu einem gröfseren Besseren . Werke 
wenigstens einen verdienstlichen Grundstein gelegt; von der 
andern Seite aber müssen Werke, die bei dem jungen frisch- 
erwachenden Streben Frankreichs zu seiner Befriedigung her- 
vortreten, auch gründlich und würdig gleich die Deutsche 
Welt ihm erschliefsen und darstellen. Strenger daher mufs 
eine Beurtheihmg solches Werkes von Deutschem Grund und 
Boden aus geschehen, als von Strafsburg aus (Bibliotb. allein. 
N. 6. S. 350 — 365 ). 

Herr Ehrenfried S t ö be r ist der Deutschen literärischen 
Welt bereits vorteilhaft und ehrenvoll bekannt durch seine 
Gedichte, die mehrere Auflagen erlebt haben; ferner durch 
seine gut gedeutschten und von der Levraultschen Buchhand- 
lung schön gedruckten Uebersetzungen der französischen 
Werke Eduard (von der Verfasserin derBurika), Laskaris 
oder «her den Zustand der Griechen , Minard u. s. w. Er 
ist der Deutseben Sprache recht schön mächtig (bis auf einig-* 
mitunter durebguckende Elsässereien) , und hat sich wohl da« 

- ■ 



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, I 

768 Deutsch« Literatur in Frankreich. 

Recht und den Beruf erworben» dem Lande, dem er politisch 
zugehört, die Deutsche Literatur in einem Voll- undJRund- 
geraälde vorzuführen. 

Indem wir nun das* Buch naher und mehr in's Einzelne 
gehend betrachten wollen, sprechen wir zuvor noch freimü- 
thig die Mängel desselben aus, wobei wir wesentlich fest* 
halten, dafs es für Frankreich besondars bestimmt ist; 
weshalb hier vor Allem getadelt werden mufs, dafs am Schlüsse 
des Buches kein den Franzosen doch so wesentlich nothwendi- 
er und auch von ihrer Natur so bestimmt verlangter Ueher- 
lick oder Allgemeinblick 9 kein zusammenfassendes Grofsbild, 
kein Brennpunkt der Anschauung aufgestellt wird, keine präg« 
matische Entwickelung des Deutschen Charakters und 'der 
Deutschen Literatur, wenn auch nur kurz und bündig. Das 
Ganze ist ein zu nacktes Fachwerk , Wenn schon einzelne 
Fächer recht schön und warm ausgefüllt sind, was z. B. beson- 
ders bei Herder zu loben ist* Aber die Stimmung wogt un- 
gewifs. Bald nüchtern, bald schwelgend, und schwelgend 
hat es nicht ruhige Haltung und Gleichheit genug. Besonders 
auch innere Beziehungen des Ganzeh und auch der einzelnen 
Lebens - und Literaturerscheinungen bei den einzelnen Schrift- 
stellern hatten mehr nachgewiesen und mitgetheilt, <lie Wirk- 
aamkeit der Schriftsteller in lebendigen Umrissen dargetban 
werden sollen, in welchen Kreisen sie sich bewegen u. s. w.; 
wobei er sich z. B. einigertnafsen die Einleitungen zu Wach- 
ler 's Vorlesungen über Deutsche Nationalliteratur (Frankf. 
zwei Bände) hätte zum Bilde, wenn auch nicht zum Muster, 
nehmen können« Sodann genügen die einzeln angeführten, 
oft nur angedeuteten Stellen aus Gedichten für die Franzö- 
sische Welt nicht: und es hätten darum recht bestimmt und 
bis zu einer gewissen Reichlichkeit mit. Auswahl des Besseren 
die Hülfsquellen und die Literatur , die Ausgaben mit den 
Druckorten an jedem Orte angegeben werden müssen. Aber 
hier hat das Buch grade einen empfindlichen Mangel, Man 
kann wobl sagen, der Verf. ist z eben Jahre in der neuen 
Deutschen Literatur zurück. Die Langsamkeit des süddeut- 
schen und ttherrheinischen Buchhandels kann daran nicht Schuld 
•eyn. Strafsburg stehet mit Heidelberg, Frankfurt, Leipzig 
in lebendigem Verkehr. 



(D#r Beschlujs folgt.) 



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49* 1826 



,!?.r < 



Heidelberger 



Jahrbücher der Literatur. 




Deutsche Literatur in Frankreich. 

(Btsch tüfs.) 

Um iiur einigt wenige Beispiele anzuführen j so fehlt in 
der Literatur bei Anführung des Bonerius B e n e k e' 4 gute 
Auagabe. So bei Opitz und seinen Zeitgenossen die beson- 
ders auch für das Ausland passende Sammlung von Wilhelm« 
Müller, bei Hans Sachs (S. 52.) BCjsching'S Auagabe* 
die für Deutschland schon eher ungenügend ist. Bei Ha- 
mann kennt er nur den Probeband „DerMaguS aü* Norden«* 
nicht Ro th*S ganze und groise Ausgabe. 

Innere Lücken und äufsere Unverhältnifsinäfsigkeitert 
werden wir beim weiteren Verfolg des Inhaltes näher nach-; 
weisen. 

Das Ganze beginnt mit einer Einleitung; die »Altge- 
meine Grandsatze« aufstellt, die Theorie des Schö- 
nen überhaupt und die schöne Literatur insbe- 
sondere betreffend, nach AI. Schreiber's, ßoüter- 
Wek'a und Braun*« Lehrbüchern der Aestbetik. Warum 
nichtauch Jean Paul's? — Erwarten und verlangen wir 
billiger Weise auf acht Seiten keine, wie Wir Deutsche ge- 
wohnt sind, ergründende "Abhandlung. Das Buch eilt, sei- 
nem Zwecke geraäfs, überhaupt und so auch im folgender* 
Abschnitt (Kurze Geschichte und Charakteristik der schöner! 
Literatur der Deutschen — Von den ältesten Zeiten bis in die 
erste Hälfte des zwölften Jährhunderts oder bis zu den Minne- 
singern) rasch dem achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert 
*u, wo es alsdann auch weitläufiger eingebt. 

Daher ist auch zu verzeihen, dafs der 5 erste genannte 
Zeitraum von den ältesten Zeiten bis zu den Minnesingern 
•o viel Verschiedenartiges zusammehfafst. Aber wohl müssen 
Wir fordern, dafs wenigstens diese verschiedenartigen Erschei- 
nungen gruppenmäfsig gesondert worden wären unci ~ vor 
Allem £ e n anot, Aber schon nach den HülfsmitteJh zu ut- 

XIX. Jahrg. 8. Hvf>. 4 r J 



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770, Deutsche Liuratur in Fraakieich. 

theilen, die hier benutzt wurden (Bouterwek Geschichte 
der Poesie und Beredsamkeit, Jörden's Lexikon, Con- 
versations-Lexikon, Rafsmann's Pantheon u. s. w.) , 
läfst sich auf nur Lexikalisches und Zerrissenes scbliefsen. 
Warum nicht lieber Hagens Grundiiis der altdeutschen 
Poesie in die Hände genommen und wenigstens daraus von 
den innerlich verschiedenen Sagenkreisen, Darstellunga- 
weisen u. 8. w. gesprochen ? Aber so steht aus der frühesten 
Zeit nichts da 9 als (S. l4«) Otfrieds Evangelien -Harmonie, 
Warum nicht Notker, „Tatian cc ? Etwa weil Otfried El« 
sasser war oder doch im Elsafs lebte? Warum nicht lieber 
die viel freiere , darum schönere , poetische Altsächsische 
Evangelien-Harmonie, wenn doch Einzelnes nur ge- 
nannt werden sollte ? Aber wenn der Verf. , um eine Stelle 
von Otfried anzuführen, nur auf das Morgenblatt (von 
1811) verweist, so mtilste man fast argwöhnen, er kenne 
nicht einmal Schilt er 's Thesaurus, welcher doch seiher zu 
Strafsburg erschienen ist, und ähnliche Sammlungen. Von 
Otfried springt er flugs zum Loblied auf den hei- 
ligen Anno über, ohne das Hildebrandslied u. s. w. auch 
nur zu erwähnen. Dafs er dasselbe als ein künstlich -ver- 
schlungenes, bewunderungswürdig -einiges Ganze preist, ist 
nicht zu verargen. Er spricht hier Herd er* n nach; wäh- 
rend neuere Untersuchungen gefunden halben dafs sein gröfs- 
ter Theil aus einem gröfseren Gedichte entnommen ist. Wenn 
nun schon diese Gedichtsquelle mittelhochdeutsch geschrie- 
ben ist, so ist doch wahrhaftig höchlich zu verwundern, dafs 
Herr Ehrenfried Stöber vom Annoliede behauptet: „Die 
Sprache ist zwar noch fr>än kisch, aber dem schwä- 
bischen Dialekte so nahe verwandt, dafs sie zu- 
weilen ganz in ihn übergeht", während doch nach 
Oertlichkeit (Cöln und Kloster Sig£berg) die Sprache völlig 
in's Niederrheinische wenigstens überschlägt. Aber 
auch correcteren Abdruck des Anfangs (S. 15 und 16.) hätten 
wir erwartet, besonders da S. 17. in der Uebertragung die 
Fehler nicht parallel übersetzt sind. So heifst es -'im alten 
Textabdruck „wi si liebin winiscefte schieden«, in der 
Neudeutsch ung richtig »wie sich liebe Freundschaften 
schieden «, Fehler sind heliden (statt helide); brechen ist 
nicht brechen , sondern brächen, brächen. — Warum im al- 
ten Text bald sib, bald sich, bald ir, bald ihr, welches 
falsch ist; S. 17. steht di inri Got vo m crist virgabit : es stebt 
aber vireab und jeden Falls van; gaben steht falsch stat 
geben (ßi geben ihre übt mit wunnen). „Du balch sigis Go 

■ m * » 

I 

I * 



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I 



Deutsohe Literatur in Frankreich. 771 

deati mer" ist übersetzt „Da erzürnte sich Gott desto mehr; 
sigis oder sig-is, aih-is heifaen aich deaaen, darüber. — 
Die« zur Probe. Wir müssen eilen. Abschnitt 2 oder zwei. 
terZeitraum (S. 18.) schildert »Das schwäbiscbeZeit- 
alter; die Zeit der romantischen Kitterpoesie in Deutschland, 
oder die Zeit der Minnesinger: vom zwölften Jahrhundert 
bia in die zweite Hälfte dea vierzehnten. 

Hier tritt una S. 20. zum eraten Mal eine innere und auch 
eineStyl-flttchtigkeit entgegen , die die oft gar zu lose, lockre 
Ungebundenheit des Boches recht an den Tag legt. Der Vf. 
hilft aich bei solchen Uebersprüngen oder Salto-raortale's leicht 
und naiv mit einem winzigen „Nunf. So hier. „Die Deut« 
scben hatten nun ihre Minnesinger« S. 68. „Als ein höchst 
genialer Prosaiker mufs nun Geil ler von Kaisersberg genannt 
werden« S. 201. „Nach einer Reihe philosophisch- poeti- 
scher Köpfe mögen nun einige geistreiche Theologen folgen* 
S. 204» »Hier einige Historiographen«. — Uder wenn 
es S. 55. beifst: „Auch Romanzen und Balladen wurden in 
diesem Zeiträume gedichtet«*. 

Flüchtig ist auch hier die oft zufällig hineingreifende Ci- 
tation. Ueber das Deutsche Ritter wesen wei fs der Verf. nur 
(hört!) auf — Jerrer's Geschichte der Deutschen zu ver* 
Weisen. Giebt es sonst gar nichts darüber??? 

_ Der Verf. sagt zwar aelber : „ Wir müssen uns auf die 
Angabe der vorzüglichsten unter diesen Dichtern beschrän- 
ken**, aber warum verwies er nicht z. B. auf Lach mann* * 
Aua wahl } wo obenein schöner reiner Text gegeben ist und 
recht schöne Stellen gewählt sind; oder aufKuniach's Hand« 
buch, das bei allen Mängeln und Unverhältnifsmäfsigkeiten 
doch Stoif genug an die Hand gegeben hätte. Der Veif. hätte 
ferner auch hier nothwendig wie beim Annoliede die Probe- 
stellen (über deren leichte Wahl wir nicht mal rechten wollen) 
gänzlich verneudeutschen sollen ; das ist für Franzosen und 
selbst die meisten Deutschen noch durchaus nothwendig« 
Bezeichnen aber tbut Verf. hier nur Heinrfth von Vel» 
deck, Walther von der Vogelweide, Gottfried 
von Strafsburg, Pfeffel, Ulrich von Licht enstein 
und dem Namen nach nur noch wenige andere. S 27. tritt 
dann schnell die epische Dichtung ein *), wo nur Wol- 
fram von Eschenbach genannt wird, und dann geht'S 

■ 

*) Seite 28. Zeile 2. steht verdruckt: des heiligen Grab 's statt 
Grals. . 

49 * 



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772 



Deutsche Liltsratut iu Frankreich. 



ohne Absatz und Abzeichen ganz kurz und s ehr tinge n ei- 
gen d und schlechter oder gar keiner Literaturangabe auf das 
N i bei ungenl ied über. 

Ein Strich erlaubt zum Winsbeke und zur Wim- 
bek*n ohne innere Verbindung überzuspringen (S. 32.)» 
woran er — was doch noch zu einer zu scheidenden Periode 
oder doch Gattung gehörte — r S. 34- den Frygedank« 
schliefst, ohne seine Nachfolger Renner,' Kok er u. s. w. 
zu nennen, welche falsche Anordnung durch Worte wie „Un- 
erbittlich durch den engen Kaum dieser Einleitung beschränk?" 
(S. 34.) nicht beschönigt wird. Wozu „ einige Zeilen mit- 
theilen«, die doch kein lebendiges volles Bild gewähren? 
Lieber eine gereihte lückenlose, wenn auch gedrängte, 
Darstellung, die keinen Stein ausläfst in dem gl Olsen Ring**. 
S. 35, heilst es: „Denkmäler schöner Prosa aus diesem 
Zeitabschnitte finden sich nur wenige.« Und doch liegen in 
Strafsburg selber (wie in München, Heidelberg) Hand- 
schriften von den schönen Predigten des Bruder ß e rch t o 1 d , 
die Kling herausgegeben und Jakob Xj r i in in jüngst in rlen 
Wiener Jahrbüchern der Literatur so trefflich besprochen bat. 
Ist die frühe Prosa der sogenannten Repgauischen Chronik 
nicht aller Ehren werth ? Hat nicht Perz jüngst in den Göt- 
tinger Anzeigen (1826. St. 36. S. 362.) eine (Bremer) Deut- 
sche Chronik von 1260 besprochen? u. s. w. 

• S. 36 — 38« bespricht er Konrad von Würzburg, 
welcher „den Kranz der Deutschen Minnesinger; scbliefse« . 
Daran schliefst er wieder, als sey es auch ein Minnelied , sei- 
nen trojani sehen Krieg, der doch besser zusammenge- 
stellt worden wäre mit andern Bearbeitungen fremder Stotte. 
Er geht zu den Meistersängern über bis zu Martin 
Opitz, als dem dritten Zeiträume (S. 39.). Von hier an 
tritt der Verf. mehr in seine Sphäre ein; je näher unserri Ta- 
gen, desto besser ist er zu Hause. Aber bei den Meister- 
sängern hätte er recht schön einen längeren Halt machen 
können, und vorblickend auf das weite und völlig neue Feld, 
das sich vor ihm aufthat, rückblicken sollen auf den Geist der 
Volkspoesie, deren Schlusstein Hans Sachs ist, dieser 
bewunderungswürdige Festhalter derselben in der unaufhalt- 
.samen Neuzeit. Hier hätte das Deutsche Handwerks- 
leben lebendiger geschildert werden sollen in seiner Herr- 
lichkeit und Heiterkeit; wie das Leben der gebildeten Jugend 
auf den Hohen Schulen ganz dasselbe, ja nur der gerettete 
Ausläufer des allgemeinen Deutschen Jugendlebens gewesen 
sey, mit seinen drei Wander jähren und Gebräuchen u. 6. w. 



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Deutseue Literatur in Frankreich. 773 

' * ' * ' * 1 

~r « 1 . . » * **■ .* * ■ 

Dann wie die Druckerei und die Reformation einen 
mächtigen Unischwung der ganzen Gedankenwelt herbeiführte; 
hier w3re ferner die vernichtende, lähmende, völlig umwäl- 
zende Gewalt des dreißigjährigen Krieges darzustellen gewe- 
sen u. s. w. Doch wir müssen über die mehr oder minder 
langen und guten Schilderungen des Tauler, Veit We- 
her,, Heinrich von Alk mar, S. Brandt, Murner, 
Fischart, Moscberosch (Sittewalt) , Geiler von Kai- 
sersberg, Melchior Pfinzing, Markus Treizsaur- 
wein hineilen, um unsrer Zeit näher zu kommen und zum 
Schlüte. Leider müssen wir auch üher Luther forteilen , da 
der Verf. ihn , den Wendepunkt der Zeiten, auf S. 73 — 77. 
knapp abgefertigt hat. Gut ist die Mittheilung von Lutber's 
Brieten an sein Söhnlein Hanschen. Eben so unverant- 
wortlich kurz ist Hutten (in zwölf Zeilen) abgethan worden. 
Wagenseii's Leben Huttens hätte wohl angeführt werden kön- 
nen, so wie das Wesentlichste seiner Werke. 

Der vierte Zeitraum (S. 79.) umfafst die Zeit bis 
auf Hai 1er und Hagedorn; Verf. nennt ihn den O p i t z i- 
sehen Zeitraum. Da wir kurz seyn müssen, so empfeh- 
len wir den Lesern um des Vergleiches willen die ebenmäfsi« 
ge, gedrungene Schilderung dieses und der folgenden Zeit« 
räume von Schlosser in seiner Geschichte des achtzehnten 
Jahrhunderts (Heidelberg 1Ö23. Tb. I. S. 130 — 137. 221 — 
2ü9. Th. II. S: 349 — 354 ). — Stöber hätte auch hier reich- 
liche Hilfsquellen angeben sollen von Wilhelm Müller, Franz 
Horn, Fischon's Handbuch der Deutschen Prosa, Kunisch's 
Handbuch u. s. vv. S. 87. fehlt die Ausgabe der Spee'schen 
Trutznachtigal, Berlin i8l7. 12. — Warum ist S. 96 f. nicht 
des Fortlebens des Deutschen Volksliedes gedacht worden ? 
Warum fehlt 8. 113. das merkwürdige Urtbeil Friedrichs dea : 
Grofsen für die Deutsche Literatur gegen das Ende seines 
Lebens , das W ol f beleuchtet hat ? 

Von Klopstock an (S. 138.; werden Lessing, Wie- 
land, Wi n ekel ma n n ausführlich behandelt. Warum aber 
S. 179. Stolberg'* so kurz gegen Hölty (179— l8l.)- 
Herder ist, wi« schon gesagt, am besten behandelt (S. l8t 
— 19 1 •) 9 Hamann dagegen über die Mafsen kurz abgefertigt. 
Auch H ei nse. hätte mehr verdient (S. 219 — 220.) als Grä- 
ter (Sl 232.). Aber schon im fünften Zeitraum, noch mehr 
im sechsten, von 1770 -^1790 ff., und siebenten , 1795 — 
1825, werden auf die bunteste Weise die verschiedensten 
Gattungen der Darsteller und Darstellungen gemischt wie Kar- 
Un, Besonders im neuesten Zeitraum siebt man dem Verf. 



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774 Deutsche Literatur in Frankreich. 

die Eile, die Hast an : er bleibt des angewachsenen , anschwel- 
lenden Stoffes nicht mächtig, sein Buch wie die Literatur 
selber schwillt ihm zu sehr an, er will tu Ende — darum 
wirrt er dureb einander. Das, ist notb wendige Folge davon, 
dafs kein klarer , fester Ueberblick gewonnen worden ist, 
der gehörig sonderte das Verschiedene und vereinigte das 
Gleichartige. Wie schon früher , hätte auch im Eingang die- 
ses siebenten und letzten Zeitraums (S. 355.) eine leitende 
Betrachtung angestellt werden müssen , wie besonders seit 
l8i3 eine ganz andere Welt auch in der Deutschen Literatur 
eingetreten sey; sodann hätten Männer wie L. Tiek nicht 
so unverantwortlich kurz behandelt werden sollen f S. 370 — 
371 * während Fouque gleich darauf S. 372 — 376 einnimmt 
und Werner S. 377 — - 38o; Körner dagegen nur S 382 — 
383 f gerade eine Seite, L. Uhland nur eine halbe Seite; 
endlich welche Mischung l Hebel (S. 399.) bunt unter Müll- 
ner (397.) 9 Grillparzer (398.), Houwald, Müchler, Clauren 
(407*), Jobanna Schopenhauer, Helmina von Chezy, Karoline 
Fouque (sind das Classiker? sollen diese Deutschland vor 
Frankreich vertreten ? Warum nicht lieber alle drei Bände von 
Schindel 's Verzeicbnifs der Deutschen schreibenden Wei- 
ber hier eingerückt??) Pestalozzi bat acht Zeilen erhal- 
ten (410.)» Lou ise Brach mann 24 Zeilen. Dafs wir so 
nach Zeilen abwägen , daran ist innere Ungleichartigkeit der 
Artikel schuld. — Warum fehlen, da Friedlich Strau is ge- 
nannt ist (gleich darauf wieder van der Velde l Vulpius! 
Freilich — es ist alphabetisches Verzeicbnifs! !), Ja- 
kobs, de Wette, Tholuk u. s. w., die durchaus bieher 
gehören? 

Zu loben aber ist die mit siebtbarer Liebe gefertigte nnd 
ausführliche Darstellung Schiller's und Götne's, welche 
freilich für die Franzosen das Höchste und Nächste bleiben. 
Sie umfafst S. 234 — 2lö4. Zu loben ist ferner die reine Ge- 
sinnung, die S. 213. über Kotzebue's Literarisches Wo- 
chenblatt in die Worte ausbricht : in dem er die heiligsten 
lind gerechtesten Wünsche der Völker auf die frechste Weise 
verhöhnte«. In der Anmerkung hätte zum ^Bahrdt mit der 
eisernen Stirn * Scbleg ei* s Ehrenpforte nicht vergessen 
werden sollen. 

Gern hätten wir aber ganz besonders hier bei Schiller und 
Göthe Einzelnes noch berührt umi besprochen ; aber theils 
erlaubt es der Raum nicht, tbeils war dies auch von vorn her- 
ein nicht die Absicht dieser Darstellung und Zusammenstellung 
so verschiedenartiger Stoffe , da es uns nnr zunächst darauf 



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Deutsche Literatur in Frankreich. 



775 



ankam § aufmerksam zu machen an einigen beatimmten Bei« 

spielen und Mittbeilungen auf: die Kegungen der erwachenden 
Thei Inahme Frankreichs für gegenwärtige und vergangene 
Deutsche Literatur. Nur die eine in der Ueberscbrift dieser 
Darstellung aufgeführte Schrift No. 5. ( » Geisterstimme des 
Kurfürsten Maximilian des Ersten von Baiern«) wollen wir 
kurz noch berühren. Strafsburg hat uns in religiöser Hin« 
sieht vor einigen Jahren , ehe sie verboten ward , eine wackere 
Zeitschrift über Kirchengescbichte und Christenthum geliefert 
(„Timotheus«), neuerdings haben Französische Missionäre 
die Straf sen durchzogen und vor den Kanzeln gedonnert über 
die Sünde der (nichtrömelnden) Welt, Aehnlich stehen zwei 
Deutsche Erscheinungen Strafsburgs sich gegenüber; näm- 
lich Görres Schrift an den König Ludwig von Baiern (ein 
nebst der neuesten Schrift „Rom wie es ist« merkwürdig 
es Aktenstück von Görres religiöser Fortverwicklung!) und 
ie eben genannte Geisterstimme als Gegenschrift. Näher 
aber einzugehen enthalten wir uns um so mehr, als Paulus 
in seinem Sophronizon (Band VIII. Heft 1. S. 92. und 
S. HO« 1826.) beide Schriften bereits besprochen bat, worauf 
hiermit verwiesen wird. 

Wenn wir nun durch manche Mittheilungen dieser Zu« 
sammenstellung Deutschen Gemüthern eine stille erhebende 
Freude verursacht haben, so wünschen wir, dafs dieselbe 
zugleich zum Stolz erwachse / oder besser daraus ein Eifer 
hervorgehe, dafs auch das neu beginnende Jahrzehend und 
Vieiteljahrhundert der Deutschen Literatur nicht zurückstehen 
möge an grofsen Erscheinungen und Thaten vor dem Auslande, 
reiner und reifer als das — bei aller Menge und Masse des 
Geschriebenen und der Schreibenden doch an grofsen Geistern 
und an bleibenden Werken der schönen Literatur brach gele- 
gene eben verflossene Jahrzehend. 



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* 11 * 

776 Erhard Hftqdbuch der teut selben Sprühe. 

ffan4buch der tsutschen Sprach* in ausgewählten Stockau 
, teuts.cher Prosaiker und Richter aus allen Jahrhunderten 9 
gesammelt und herausgegeben ooa Heinrich August Er- 
bard 9 Dr, Medic. , . Bibliothekar und Archivar zu Erfurt. 
Dritter Cursus. D\e teutschfi Spraeh» und Dichtkunst älterer 
Zeit. Theilt. Prosa (Erfurt 8. XII und 511 S.) und 

Theil 2. Ppetie (Erfurt <826. 8. XFl und *7t S.). — Beide, 
• Theile auch unter dem Tit*l : Probeblät te-e teut scher. 
Sprach»» und Dichtkunst älterer Zeit. 

IN. 1. 1 Tblr. III. 2. 16 Gr, 

Die letzteren zeben Jabre nach den auch die vaterländi- 
schen Forschungen wieder belebenden Bewegungsjahren von 
|L8l3 — 15 haben uns mehrere neue Handbücher der Deut* 
•eben Poesie und Prosa zugeführt (von tischon, Eibard, Ku- 
nisch , Stöber u« s. w.), woran sich raisonnirende Cataloge t 
wie z. B. Wacbler's Vorlesungen über die Deutsche National- 
Literatur (Frankf. zwei Theile), Winter's Literargeschicbte 
' der Sprach-, Dicht- u«4 Redekunst der Deutschen u. s. w, 
Reihen , welche sich alle ergänzend , zu einander verhalten , 
weil keines allein weder den verschiedenartigsten Lehrer -Be- 
dürfnissen, poch den Anforderungen der Wissenschaft genügt; 
aber alle sind dueb ein erfreuliches. Zeichen von dem festge* 
wurzelten Anerkenntnis dieser geschichtlichen Behandlung 
des mutterspiacbJicben Studiums, auch auf Schulen , worüber 
«ebon vor mehreren Jahren Göttling (von Neuwied aus) 
e^in belehrendes Programm ausgeben Hefa: „ Ueber den Unter- 
richt in der deutschen Sprache auf Gymnasien«, und neuer« 
dings ScbmelJer, dessen Bairische Grammatik und Idioti- 
kon rühmlichst bekannt sind , in einem Anhang zu der, in öf- 
fentlichen Blättern genugsam besprochenen gröfseren Schul- 
schritt von Thierse h so gründlich ajs geistreich «ich bat 
vernehmen lassen, während diese seichte leider ihren Anmanrt 
findet in dem Programm von Wendel: „Ueber den Werth, 
und die Bedeutung des Nibelungen -Liedes« u. s. w. Coburg 
10*21. Ö. 48 S. * 
Es ist diesmal nicht die Absicht des Recensenten weder 
alle, noch auch oben genauer angezeigtes Handbuch von Er«, 
hard in allen seinen Theilen durchzugehen, bis auf die 
neueste Zeit. Wie gesagt, können „Ausstellungen im Ein- 
zelnen, bei dem grofsen und mannigfaltigen Vorrathe des Ger 
genstandes t so wie bei der Verschiedenheit der Ansichten 
und des Geschmackes, bei Werken dieser Art« nicht fehlen 
(TM*. s - }\0 x Lch W« welche |^ch freuen, müssen bei ihrer 

I * ■ ' 

i 



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Erhard Haadbuoh der teu Liehen Sprache» 777 

Beschränktheit an Zeit und Mitteln, dafs ihnen doch — bei 
eifrigem Streben auch für diesen Zweig der Sprachkunde u. 
w. — in solchen Handbüchern eine Auswahl, ein Etwa* Zu- 
gänglich wird, werden doch immer die einzelnen Handbücher 
von Kuoisch, Erbard, Pischon u. s. w. neben einander 
gebrauchen , und verlangen, da das Bedürfnifs so sehr ver« 
schieden ist und des Stoffes, besonders in den uns näheren 
Jahrhunderten, so viel ist, dal* hei dem oft durch den Herrn 
Verleger selber beschränkten Raum (Erhard Th. II. S. V.) , 
die Auswahl sehr verschieden und immer zu karg aus* 
lallen muis. » 

Es ist Recensenten diesmal nur um einen b es tt matten 
Abschnitt dieser Art Bücher und zunächst des Ehrhard*- 
schen Handbuches zu thun, nämlich die Proben au* den 
ultesten Zeiten Deutscher Sprache, Und hier hat er frei- 
lich eine grofse und gegründete Ausstellung zu machen, die 
er um so nötbiger hält, als durch die ungründliche bei Er* 
hard, Stöber u. s w. wiederkehrende Behandlung jener Site« 
sten Sprachproben nur eine hei dem Scheine, der für die 
ineisten Benutzer solcher „ProbeMätter« in solchen Mitthei- 
lungen ruht, desto schädlichere üngenauigkeit und Schwäch« 
sich einfielst, die durchaus verbannt werden mufs. 

Hier hat besonders Erbard's Buch in beiden Tbeileo 
«inen empfindlichen Mangel. Es trägt ziemlich grell den Be- 
weis an der Stirn , dafs der Vf. in jenen älteren Zeitabschnit- 
ten, wir wollen nicht sagen — leichtsinnig gearbeitet, aber 
— er, der Bibliothekar und Archivar — auch nicht die nahe 
liegendesten und bekanntesten Bearbeitungen neuer gründlicher 
Sprachforscher des Faches kennt und nennt, uns die Texte nur 
aus den älteren, anerkannt bei der Höhe der Kritik durchaus, 
nicht mehr genügenden Abdrücken liefert, und ohenein dabei 
Fehler der Erklärung begeht, die i. 3. bei Sch ilter, den er 
allein fast kennt und nennt, nicht mehr zu finden sind. 

Das ist nicht mehr erlaubt hei dem gegenwärtigen Stand 
der Deutschen Sprachforschung, 2ueinerZeit, wpGrim.m'*\ 
Grammatik , dieses wahrhafte Riesenwerk des Fleifses , der 
Gründlichkeit und des Scharfsinns, in seinem zweiten eben 
erschienenen Theile einen gewissen Abschlufs erlangt hat und 
und Ueberblick gewährt , obscbon ein dritter TheiT noch fol- 
gen wird *), so dafs ohne dies wahre Handbuch der Sprache 
stets in Händen und im Kopf zu haben , Keiner an Jena Ar- 

e i i i ' ' 

*) Theil 1. Lautlehre und Formenlehre» Theil 2. Wordehre (Ab* 
leitung, Zusammen ieuu0£ u. s. w.), Theil 3< Sötifehre, 

• ■ 

■ 



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778 Erhard H*ndbnch der t einsehen Sprache. 



beiten gehen sollte; zu einer Zeit, woLachmann's gleich« 
zeitige Ausgabe des Nibelungen. Liedes (Berlin, bei Reimer. 
1826.) 4en lebendigen Beweis liefert, zu welcher Gründlich« 
keit, Zuversicht und Scharfe aus und neben jenem Grund« 
werke Grimm's die Deutsche Kritik sich gesteigert hat ; zu 
einer Zeit, wo schon Lachmann's „Auswahl** (Berlin, 
hei Keimer), und neuerdings seine Specimina linguae franci* 
cae (Berlin , bei Reimer« 1825. 8.) oder Hagen'a Denkmäler . 
(Berlin, bei Oehtnigke. 1825. 8.) und Docen'i Denkmäler 
(München 1825.) oder seine früheren Miscellaneen den be- 
stimmten Maafsstab hingestellt haben — da darf und mufs an 
seine Benutzer und Sammler des Errungenen und zu Tage Ge- 
förderten streng die Anforderung gemacht werden, dais sie 
dieses Bessere benutzen, ja zum AUermindesten kennen, 
sich darum mühen, und nicht zu früheren Quellen immer wie- 
der sich wenden, die zwar dankbar stets gewürdigt bleiben 
werden , aber durchaus nicht mehr hei der vorgerückten Mün- 
digkeit der grammatischen Kritik zur Benutzung und zum 
Immerwiederahdruck dienen dürfen, und weshalb Lachmann, 
Graff und Andere Jahre lang den schon abgedruckten Quellen 
mühsam nachziehen , um sie in der ursprünglichsten Gestalt 
mit eignem Auge eines Zionswächters einzusehen. 

Eher können solchen Forschern die Abdrücke eines 
Schilter, Fez u. s. w, hei Ermangelung eines Besseren genü- 
gen, in so fern sie die Erkenntnifs und die Kraft sich ge- 
wonnen haben, herzustellen, zu ersetzen, zu erschliefsen 
u. s. w. Aber nicht so mit der Menge derer, die doch auch 
nach der süfsen Frucht unsers Alterthumes sich sehnen , aber 
nicht ihr Lehen daran setzen können zur eignen Pilgerfahrt, 
und denen man um so weniger , als ihre Erkenntnifs keine 
eigene, selbstständige ilt und seyn kann, sondern mehr auf 
Treu und Glauben beruht, wurmstichige Früchte reichen 
darf. Man kann und darf und mufs daher fortan durchaus for- 
dern von Solchen , welche Handbücher auch der älteren 
Deutschen Sprache in „ausgewählten Stücken cc zusammen- 
stellen, dafs sie auch dem Vorsatze und Vorhaben gewachsen 
aind 9 denn durch sie soll ja der Gewinn jener mühsamen 
Wissenschaft sich in die Erkenntnifs , in das Blut des Volks- 
lehens verbreiten. Jene müssen daher nicht zehen Jahre 
hinter der Literatur zurückstehen ; denn so und nicht an- 
ders ist es doch wohl, zum Mildesten, zu bezeichnen, wenn 
ein Bibliothekar und Archivar nicht einmal die offen vorlie- 
genden Arbeiten eines Grimm, Lachmann, Docen u. s. w. 
benutzt, sondern immer wieder die alten fehlerhaften Ab- 



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Erhard Handbuoh dar teutiehen Sprache. 979 

drücke bei Schilter , Eckart 9 Pea 9 Willenbücher su Markte 
bringt. — Ist daa viel besser , als wenn der oben schon ge- 
nannte Rector VYendel eine Deutsche Grammatik in 
höchstens drei bis* vier Bogen — Koburg — drucken lUfst, 
wie der Titel falsch aussagt, M nach den neuesten Forscbun- 
gen eines Grimm 9 Radlof«« u. s. w« — Namen schon , die 
wie die Faust auPa Auge zu einander passen; — . oder wenn - 
Schmitt henner 's Arbeiten indisch* germanische 9 untermi- 
nirte Scbeingelabrtbeit an sich tragen — ? 

Doch genug der allgemeinen Ausstellung. Es folge hier 
der Beweis von ihrer sich selbst Jedem aufdrängenden Noth* 
wendigkeit 9 indem wir den filteren Zeitabschnitt sowohl 
des prosaischen als poetischen Tbeils des Erbard'scben Hand- 
büches etwas genauer durchgehen. 

Werfen wir gleich einen allgemeinen Blick auf die In« 
baltsanzeige beider Tbeile, so erfahren wir in dem pro« 
saischen, dafs der Verf. die Uebertragung des Isidorischen 
Tractats de nativitate Christi nur aus dem Schil t er i sehen 
Thesaurus antiquitt. teutonn. Tb. I. benutzt bat , während 
doch unter den dreien Abdrücken von Paltben, Greifswalde 
1706. hinter seinem Titian , von Scb il t er a.a.O. und Rofs- 
gaard in der Dänischen Bibliothek , Kopenhagen 1738. 8. 
St. 2. S. 326 — 409, die alle drei nach der Pariser Hand- 
schrift selber vorgenommen sind, die Rofsg aar d i sehe 
Abschrift die genaueste ist. Wie also schon Michaeler 
III. 84 — 154. den Schilteriscben Abdruck mit allen al- 
ten und selbst neuen Fehlern wiederholte 9 so ist auch Erhard 
nicht weiter gegangen l Dafs er daher auch das sechst© 
oder siebente Jahrhundert als die Zeit der Abfassung wie« 
der ansetzt 9 ist in der (Un-)Ordnung; während doch genauer 
der Schlufs des siebenten oder Anfang des achten hätte gesagt 
werden müssen. — Dafs der darauffolgende Kero (lieber- 
Setzung der Regel des h. Benedictus) auch aus dem Schilter 
entnommen worden ist, darüber kann mit dem Verfasser nicht 
gerechtet werden , da ein weiterer Abdruck weder aus der 
einzigen St. Galler Handschrift, noch selbst aus Scbilter nicht 
erfolgt ist, und spätere Abschriften von Lachmann 9 Graff nur 
in sehr wenigen Händen sind. Warum aber nicht auch hier 
genauere Zeitangabe, wenigstens statt „aus dem achten Jahr- 
hundert" — aus dem Anfang des achten Jahrhunderts 9 
um 720? 

Wir gehen weiter ! Auf Kero folgt S. 12. die ^xhortatio 
ad plebem Christian. Hier allein giebt einmal der Verf. genau 
an „aus der ei sten Hälfte des achten Jahrhunderts M t wäb- 



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I 



78* Erhard Hauctbüch der teutschen "SpraeheT 

rem! Grimm, Tbeil I. seiner Grammatik, Aufl. 1. S. LIII; 
3» iich nur erlaubt zu sagen, «gewifs aus dem achten Jahr- 
hunderte*, und umgekehrt bei dem Hildebrandliede statt der 
Erhardischen Allgemeinheit „aus dem achten Jahrhundert« be- 
stimmter bat „aus dem Schlüsse des achten Jahrhunderts««. 
Bekanntlich sind zwei Handschriften von diesem merkwür- 
digen Denkmal vorbanden, zu Ca sei (vormals Fulda) und 
München (Freisingen). Aus der Casseler liefs es Göttin^ 
£er Histor. eccles. 8. 1220. fehlerhaft drucken , und Stade 
Spec. 5. 26 — 29. und Eckart Catches, theotisca S. 74 — 
77. uud Willenbücher Praktische Anleitung zur Kennt- 
»iff der Hauptveränderurigen der teutschen Sprache S. 89 ff. 
wieder abdrucken. Aus Letzterem giebt es abermals uns Herr 
Erhard, während doch so leicht gewesen wäre, bei Grimmas 
Gefälligkeit, von der Klinisch zu seinem Handbuch so man- 
che* Bei biVife an Rath und That erlangte, und bei der Nähe 
von Erfurt und Cassel, von der Casseler Handschrift 
eine neue ganz getreue Abschrift zu erhalten, und während 
sogar von der Münchener Handschrift ein ganz neuer 
Abdruck in Docen's Miscelian. Tb. I. S. 6 — 8. vor- 
handen ist!! — - 

Es folgt S.i4. das „Bruchstück einer Rittergeschich- 
te«, in welcher Benennung des H i 1 d e b r a n d 1 i ed es schon 
zu erkennen ist, dafs Eckart's Francia orientalis Theii I, 
zum Abdrucke hat herbalten müssen. Hier vor Allem ist mit 
dem Verf. an rechten. Denn einmal gehört, wie auch S. 14, 
Anmerk. 1. als Meinung von Grimm, der hier zufällig ge- 
nannt wird, während nach seiner Ausgabe der Abdruck hätte 
geschehen sollen, gesagt wird, dieses Lied durchaus in den 
poetischen Theil, da in jenen Raiten, Gott sey Dank, der 
Herrn allein noch nicht die Poesif machte , sondern noch An- 
deres dazu kam, was wahrlich dem Hildehrandliede nicht 
fehlt, und obenein dasselbe noch recht eigentlich die ältere 
poetische Form (die Alliteration) an und in sich trägt. Es 
wäre eben so unpassend gewesen, die sächsische Eva n ge- 
lten harmo nie (Handschriften in München und London), in 
den prosaischen Tbeil zu versetzen, sie, die in ihrer alten al» 
literirenden Form sich so schön und voll poetisch bewegt. 
Von ihr ist freilich so wenig im ersten, als im zweiten Theile 
Erhard 's etwas zu finden, da doch für ein solches Hand« 
buch hinlängliche Bruchstücke bei H ick es Thesaur. sententr., 
Temlerf, G 1 e y , Reinwald (von beiden letzteren im lite- 
rarischen Anzeiger 1799. St. 97. S. 953- und St. 175.) • *>o- 
cen Miscelian. Theil II. S. 7 ~ 37. und selbst Radio f in 



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JCrltard UauJhucli der lettischen Spj* che* 78 t 

feinen Sprachen der Germs neo, Frankf. f8l7. S,..?i und 23« 
nach Nyerup Symbol, ad litteratur. teuon. ' anti<[uior. Hayn. 
1787. 4« S. 142* zugänglich waren. — • Zum Andern, um a,ujf 
das Hildebrandlied zurück tu kommen ( itt es doch wirklich 
unverantwortlich, während nicht i\ur von Grimm, den t-r 
doch S. 14, Anm, erwähnt, eine besondere gründliche Am*-. 
gäbe, Gasse) i8l2. 4t vorhanden ist t sondern sogar Grimm 
fortgebende Erläuterungen dazu in seinen Altdeutschen 
Wäldern, Theil I. S. 123 und 324. über die Ausdruck* 
sanu futarungo , umm*ttiri 9 arbeolaosa, dechato* cheifuringo , inwit , 
hwti f gudea, niuse u # s. w. , ja Theil II. S. 97 — 1 lö. einen 
ganz erneuten Abdruck und Gommentar liefert f welcher letz«» 
tere in der Grammatik Theil I. und II. an den gehörigen Stel* 
len sich stiil fortsetzt, z. #. Theil II. S. 350. Zeile 3 : cheisur- 
inc, S. 363, f. fatar-ungo, oder Th. I. Aufl. 2. S. J68. über 
die tadel haften tt in luttila, siu*n % heittu % htuun 9 muotti * Uttun 
u,-s. w. , die dem hochdeutschen zz parallelisirt sind; dafs 
Herr Dr. Erhard abermals nur Eckart's Francis orientalia 
aufschlägt, ja was noch schlimmer , abenthenerliche , grund- 
ungraminatische Erklärungen der Wörter sich erlaubt , was 
nachher belegt werden soll. Wir eilen weiter, über das Ge- 
bet des Ot hl onus (Pez thesaur. anecd. I.), die Beichte der 
allemannischen Kirche, auch aus Schilt er, wo, wie in Ek- 
kart's Catecbesis tbeotisca, die Texte dieser Beichtformeln 
und Glaubensbekenntnisse höchst unsicher abgedruckt sind, 
während der Codex Guelfenb. Opusc. theolog. XXVII. fol. 
149. b. bis 154* b. von Erfurt oder Magdeiuirg nicht so 
fern war — Theil II. S 274. Hefs der Verf. doch sich Hol« 
lenhagen von einer auswärtigen Bibliothek kommen — und 
bekanntlich Wolfenbüttel wahrhaft freisinnig seine Codd. durch 
ganz Deutschland ausleibt, wie Heidelberg; und während 
Docen in seinen Miscellen Tb. I. so manche andere Formel 
der Art in treuerer Lesart mitth^ih; — über Notker S. 24» 
und Wille r am S. 28, dessen Sc hilterischer hier wieder 
gegebene Abdruck nach der Breslauer Handschrift • die ihm 
zum Grunde liegt, von einem Preussen, der Sein Handbuch 
einem Preussischen Minister widmet, durch Unterstützung 
des Ministeriums, oder durch Mittbeilung Hofmann's, der 
in Breslau den Willeram wieder nach sämmtlichen Hand- 
schriften — Hagen hat neuerdings eine neue mit Accenten 
in Leipzig erstanden — abdrucken lüfst, leicht hätte berich- 
tigt werden können; — endlich Über das Predigt-Bruch, 
stück (wieder aus Eckart's Francia orientalis), dem schon 
allein wieder Docen's Miscellen manches schöne Nebenstück, 



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782 



Erhard Handbuch der teurschen Spracht« 

p 



s.B« I. 138 — 152» hätten stellen können, hin weg f und wen- 
den uns zum zweiten, Poetischen T h e i 1 e , der in die- 
sem Jahr erschienen, das Werk „vollendet« (Vorr. S. I. . • 
Wir rechten auch bei diesem Thei!e f den der Verf. mit 
»glühendem Wunsche« dem Königlich Freussischen wirklichen 
Geheimen Staatsminister Herrn von Klewiz widmet» durch 
welche Aufforderung bober Aufmerksamkeit und Berücksich- 
tigung des Buches Jeder um so mehr zur genauen Prüfung auf- 
gefordert wird , — nicht einmal darüber, dafs er aus dem 
reichen Stoffe der älteren Poesie so wenig giebt und solche 
Lücken läfst, da, wie schon gesagt, der Verleger ihn be- 
engte (S.V.), der S. 274. Setzer und Corrector freilich 
»um Theil protestiert; obsebon Verf. jene Lücken billig hätte 
sollen ausfüllen einmal mit allgemein anreihenden historischen 
Nachweisungen des Fehlenden , IJebergangerien und der Lite- 
ratur , sodann mit hinlänglichen die Sprache berücksichtigen- 
den Andeutungen der Uebergänge der Mundarten *) u. a. w.; 
aber wohl fällt wieder gerechtem Tadel anheim , was den Ab- 
druck des Gegebenen selber betrifft, um so mehr, da die 
Widmung des Buches an den Herrn Minister bestimmt aus- 
spricht, »dafs das Werkchen zunächst (sogar) für ge- 
lehrte Schulen bestimmt ist«, wo doch wohl nur 
gründliche Kenntnifs, wie an Lateinern und Griechen, so 
auch in diesem neuen Felde der Bereicherung entwickelt wer* 
den soll« 

Auch bier sind wieder die mitgetheilten Bruchstücke aus 
Otfried S. 1, das Siegeslied auf Ludwig S. 8» Stel- 
len aus dem Lobgedicht auf Anno S. 12, aus dem Helden- 
gedicht auf Karl den Grofsen S, 17« — nur aus Schil* 
ter's Thesaurus entnommen, während doch Otfried's Text 
in S chilter's Abdrucke überaus verdorben ist» obschon er 
nach Flacius erstem Abdruck, Basel i57l. 8» nochmals die 
Pfälzer und die Wiener Handschrift verglich. Zum we« 
nigsten hätte Erhard die «nochmalige auch hier genauere 



*) Z. B. des Oberdeutschen in's Niederdeutsche, wenigstens in der 
fast hessischen Niederschreibung des Hildebrandliedes (s. Grimm' s 
Grammatik Th. I. Anfl. I. 5. LIV. 7. und die Ausgabe des Lie- 
des) , oder in den mittelhochdeutschen Gedichten der Kaiser* 
chronik (Cod. Pal« 361.)» König Rother's (Cod. Pal. 390.) t 
des Pfaff Konrads Karl (Cod. Pal. 112.), Lamprechts Alez- 
ander (Cod. Argentor. C. V. 16. b.), worüber Grimm Tb. V 
Aufl. 2. S. 4 452 — 455. so ausführlich spricht. 



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Erhard Handbuch der teutiehen Sprache. 783 

■ 

VergUichung der Pßllzer Handacbrift durcb Rofagaard, - 
1699 z^i Rom, wie sie hinter Eckart'a Leges aal. et ripuar. 
S. 286 — 309. atehet, zu'Ratbe ziehen sollen, oder besaer 
aua Knittel'a neuem Abdruck der Wolfenbüttler , Kin- 
derling 'a Bruchs tQcken, in Hagen'a Museum für altd. Li- 
terat, und Kunat Tb. II« S» 1 ff., Mone'a Heidelberger 
Bruchstücken , aua Q>d. Fal. 52. 4» in M o n e ' a De emendanda 
rattone gramroaticae germanicae, Heidelb. 1816. 4. S. 30 — 
32» endlich aua Hoffmann' e Bonher Bruchstücken aein be- 
scheidenes Tbeil entnehmen aollen , woraua obenein eine Probe 
von den für die Grammatik ao wichtig gewordenen Accen- 
ten in den Kauf gekommen wäre. — Eben ao steht ea mit 
dein Lu d wigaliede. Auch dieses wieder und immer nur 
wieder nach Schilter, während doch Doce n einen beson- 
deren gründlich kritischen Abdruck l8l3 davon besorgt hat, 
und Lachmann ea mit abermaligen Beaaerungen und Her- 
stellungen (von ihm und Gratf) in aeine Specimina linguae 
Francicae, Berlin, bei Reimer. 1825. 8« wiederaufgenommen 
hat. Von beiden iat die Otfriediache Strophenabtheilung her* 
gestellt worden. — Ferner: das Annolied. Hier hätte 
freilich G old mann 'a neuere Ausgabe, Leipzig , bei Brock« 
baua. 1826. 8, nichts Besseres gereicht, als der frühere 
OpitziSchilterische Abdruck. Aber ao sehr durch die Stöbe- 
rilche Angabe (Kurse Geachichte und Charakteristik der achö- 
nen Literatur der Deutschen, Strafsburg 1826- 8. 15.): »Die 
Sprache [dea Annoliedea] iat zwar noch Tränkisch, aber dem 
schwäbischen Dialecte ao nahe verwandt, dafa 
aie zuweilen ganz in ihn übergeht«, daa Rechte 
verfehlt iat, ao wenig iat etwas gewonnen durch Erhard 's 
Angabe S. 12, dafa es „der Sprache nach am Niederrhein! 
entstanden aey«. Es hätte entweder hier eine genauere Be- 
merkung hergehört über die niederrheiniache Mundart, 
wie z.B. in der Vorrede zu Grimm'a Grammatik Theil I. 
Aufl. 2. S. XII — XIII. u. a. w. , und gewarnt werden sollen 
vor der grammatischen Unbrauchbarkeit dea Annoliedes, 
theils nach der Handschrift, die ohenein verloren gegangen , 
und Opitzens Abdruck, theils deshalb, weil ein bedeutender 
Tbeil des Gedichtes sich in der mittel hoch de u tscben, 
freilich auch , wie vorher- bemerkt Worden , in'a Niederdeut- 
sche hinüber spielenden, Kaiserchronik wiederfindet, 
woraua jenes wahrscheinlich entnommen hat 5 — oder es 
hätte deshalb lieber ganz weggelassen werden sollen , und 
dafür aus der eben genannten, „einer historischen Kaiaer- 
chronik entweder der parallele oder ein anderer der vielen in 



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784 



Erhard 



der leu heben Spraohtf. 



ihr enthaltenen schönen Abschnitte gewählt werden sollen; 
Die Berührung beider Oed ich te unter einender .wiesen schon 
Mono in en's Verzeicbnifa der Heidelberger Hähd* 

Schriften (Geschichte der Heidelb» Bücbersamiriluneen , l8l7*> 
S. 443*)» Grimm in der Grammatik Th. I, Aufl. 1. S. LXIX 
u.i.w« nach; und Grimm (Altdeutsche Wälder 
Th. III. S. 278 — 283.) und Fischer (Typographische Sel- 
tenheiten Liefer. 4* & 122 — 140. gaben aus guten Hand. 
Schriften passende Bruchstücke. 

Bei'm Heidengedicht auf Karl den Grofsen hätte 
wohl gewufst werden, können , dafs das Strafsburg er. Bruch- 
stück in Schilt er 's Thesaurus vollständig und in gleich- 
mütigerer, zum Abdruck viel passenderer Heidelberger 
Handschrift (Cod. Palat. H2. 4* Hag en's Grundrifs 
S*l64u. 539.) vorhanden ist (welche Wilhelm Grimm 
jetzt zur Herausgabe bearbeitet), und dafs Stricker' s, bei 
Schilter folgendes, Gedicht nicht nur] »ganz gleichen In~ 
baltes« (S. 18. Anmerk.), sondern sogar * was der fluchtigste 
Vergleich ergiebt, blofse spätere Erneuung und ümreimung 
jenes älteren Gedichtes ist, wie Hagen a. a. O; S. 165. schon 
l8l2 angab; wobei hier beiläufig bemerkt wird, dafs die 
von A retin bruchstücklich herausgegebene „Aelteste Sage 
über die Geburt und Jugend Karls des Grofsen* (Münch. tSOh 
8.), in zweien Handschriften vorhanden* aus Striekel*! 
Erneuerung zur Prosa umgestaltet worden ist. 

Die Bruchstücke aus dem Ni belu ngenlie de (5* 25 — : 
51.) sind doch wenigstens aus der neuesten Ausgabe Hag en's 
genominen« nicht aus der vön ißlO. Lachmann's eben 
erst erschienene Ausgabe konnte hier noch nicht benutzt 
werden 9 ebensowenig Wie sein I wa i n , noch Hoffmann'« 
Willeram, die noch erscheinen sollen. Aber zum Ver* 
fas.ser des Liedes wird hier Hein rieh von Veldek vor- 
geschlagen (S. 25 — 26. Anmerkung), auch sey es „aus dem 
Zeitalter der Minnesänger«, welches wenigstens ein« 
schiefe, unpassende Bezeichnung ist. .. »' 



i . 



r f 



(D#r B&schlufs folgt.*) 



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N. 50. : 1826. 

Heidelberger 

«•• •.. •• *. ... • . - • 

Jahrbücher der Literatur. 



4 0 




Erhard Handbuch der teutscheü Sprache. 

(Buchlufs.) 



t. 



Abgesehen von allen anderen , inneren und äufseren* 
Gründen (der Sage und Sprache) , berechtigt weder die S. 26; 
Anmerk. angeführte Stelle von Gottfried von Strasburg in 
seinem Tristan, die wörtlich so heifat : 

Von Veldeken Heinrich — 
- er inpfete das erste ris 
in siuscber iungert, 
da von sit este ersprungett* 
• Von den die Muömen kwamen u. 8, # 

(S. 2tr3 — 274. «uch mitgetheilt); 

hoch die ganz ähnliche in Rudolfs von Hohenems Alexans 
der ( Cod. Monac. Catal. p. 2 6 1. fol. 28. d.)$ zu einer Fol- 
gerung für die Verfasserschaft Heinrich! von Veldek. Rudolfs 
Stelle macht jene in Gottfried'« Tristan klarer: er spricht be- 
stimmt von der Kunst des teinen Reimes, im Gegensatz 
der in den historischen Gedichten früher viel freieren , anehr 
assonirenden Reim weise , obscbon bekanntlich Veldek' J Rei- 
me * wenigstens in den vorhandenen Handschriften $ mannig- 
fach aus dem niederdeutschen Gesetze in dal Oberdeutsche} 
oder umgekehrt* schwanken. Rudolf 4 * Stelle heilet SO : 

— . Niem*ti DU so guotes nicht ; i • 

Gesprechen kan, SO man do sprach , >V • 

Do man vnS kunst vorheizen säch 

Uf dem künstenrichen stam, 

von dem Gedichte urbab nanij 

Von Veldich der- wifte man * « 

Der rechter rime aller erste Legan,' 

Der kunster iche bei it rieh; 

Des stam h et wol gebreitet s'.ch^ * ! 

XIX. Ja*rg. «. fiefe 5* 



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- 



786 Krhard Handbuch der temtclun Sprach*. 

mmm Den um sine holte wiabeit 

— Zuo aneuange hat geleit : 

— Drü kunsterichen bJuomen ria 

— Hant sich dar uf man ige wia 

— Vil svehelich zerleitet 

— Vnd blupmen zerspreitet. 

Diese drei Blumen reise seyen Hartmann der Öwers, 
Von Eachenbach Herr Wolfram und Gottfried 
von Strafsburg. — 

Doch brechen wir hier ab» weil wir nocb einige grelle 
sprachliche Veraehen im Einseinen nachzuweisen haben; wo« 
hei freilich theila dea Raumes, theils der nicht lohnenden 
Mühe wegen nicht Alles berührt werden kann. Aber aner- 
kannt werde doch # dals wenigstens beim VVigalois S. 90. 
und beim Bo nerius S. H5, Beneke's Ausgabe benutzt 
worden ist, so wie Theil I. der Sachsenspiegel S. 33» 
sogar nach einer Erfurter Handschrift, wofür freilich 
auch bessere vorhanden waren. üehrigena herrscht auch 
— beiläufig — hiehei ein Unverhäitnifs zwischen, Theil 1. 
und 2! denn während in Th. 1. noch beim Sachsenspie- 
gel und dem Braunscbweiger Stadtrecht u. a. w. (obenein bei 
späteren Handschriften) die volle, viel Raum wegneh- 
mende Uebersetzung unter dem Text fortläuft, ermangelt im 
sweiten Theile gleich von vorn herein Otfried und alles 
Folgende , man kann trotz den- spärlichst untergestreuten 
Worterklärungen sagen, fast aller und jeder Deutung und 
Nachhülfe. 

AU Proben greifen wir folgende beiden Stücke heraus. 
Zuerst die Exbortatio ad plebem Christianam S. 12 — 13. 
Da soll cahuctliho (zweimal) „behfilflich« hei Isen statt me- 
moriter j^bscbon S. 13. »in seinem Ge dächt ni fs« über- 
setzt ist für „in sinera cahucti" y wofür aber wieder »cabuott« 
Verdruckt ist« Dasteht „intfangum eigut« statt O intfangon 
eigut«; wantii' wird „wenn a übersetzt; dera calauba cauuisso 
fouui uuorte sint wird übersetzt »des Glaubens gewisse 
wenige Worte sind"* 'ftatt dafe yaunUso Adverbium ist (uti- 
que); jo ouh simplum zissigibanne ist Obersetzt Ä ja auch Ein* 

igen zu bekennen u*^ 0 saneta simplicitas! ); warum wird 
Docen nicht aufgeschlagen 1 » wo durch »simpium za pigehan" 
übersetzt ist das alte profitendum** und der ganze Satz 

abweicht« Jnhuueo soll betfsen „Und wie** j thera galanpa, 
thera er gaheilit scal sin giebt Erhard: M dem er geheiligt 
soll aeyn«, statt o«a(£de) saluandus est, und doch ubersetzt 



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Erhard Handbuch der te^tjchcn Sprache. 787 

* 

ar gleich darauf richtig ja derart canesan scal durch „Ja [statt 
afcjiiejj davon (statt c(uä\, per rjuam) er genesen Söll«; 
uuothes soll hetfsen ^ Worte des«* warum nicht dann richtig 
gedruckt uuort thes? furhlio ist nicht »Verheifier«* , sondern 
Fdrheifsj FörspraCh* purgiö (Bürge * apdnsör)* wie Cod. 
Monac. hat; üuäntä äö antik soll heifsen „Weil unser Gesetz «H 
statt quanddnee, wie für das falsche rjuia ddne* im Münchner 
lateinischen Text ZU lesen ist} farnomän k ist nicht das heutige 
„Verhehmfctl*'bloTst sdttderrt intelligere* verstehen — Ver- 
nunft. Der Schlafs vor Allem hätte mit dem Münchner Text 
verglichen werden mi\*ieii* , 1 

Als Zweite Probe nehmen wir das 1 gleich darauf folgende 
Hildeb r d n dl i e d S« heraus. Abgesehen davon, dafs 
er das Lied nicht in Alliteratidnszeilen abtheilte, weil er es 
nicht als Gedicht ansieht, sondern es feinScheidekünstlerisch 
nur eine Geschichte nennt* sö sehen wir nicht einmal den 
Schilterischen Text richtig abgedruckt , viel Weniger den 
ächten der Handschrift; wie er bei Grimm zu finden ist< 
Nur die Eingangszeilen : 

1. Erhard: Ik gibirta thai seggen, ihat sih urhettun äenori 

muotin Hiltibrabt enti HaMubrant unter beriuutuem. SunU 
fatarungo iro/arö rihtun : garutunse iro giuÄhamun etc. 

2. Schilter. 4 Ik gihdrta dat seggert <fat L dhat] sih ur betturt 

aendn muotin hiltibraht enti ba^ubrant. untar heriitntuem 
sunu fatarugno Jro faio rihtun garutun se ird gudbamun; 
J. Die Handschrift in Cassel liest genau: Ikgihorta dat 
"dbatj seggeft<2at [dhat] sih urhettun aenon muotin. hilti- 
' braht enti haJudrant. untar heriuntuem* SU nü fatarungdj 
Iro aaro rihtun garutun se ird gudhämuri* 

Wie sehr es bei solchen unicis unter den Sprach- und SchrifU 
denktnälern auf die genaueste Genauigkeit ankomme {d ist nicht 
th^sddderndh)^ davdrt ist jede Seite in der Grammatik Zeuge 
ünd Beleg; wie seht heim Druck Solcher Werke auf Treu* 
itt sehen ist — dafs nicht höriutotem statt heriurf-tiiem vor- 
komme — davon sind die öbett schön genannten^ nur Freun- 
den in Abdruck zugektfmmenert ^Einigen: Denkmäler der alt- 
hochdeutschen Literatur in genauem Abdruck aus Handschrif- 
ten der Körtigl. Biblidtbek zu München*«, München 1 825, von 
Docen 4 Beweis j der sdnst sd anerkannt genau tstf und zu* 
terl&sttgen Abdruck S.4. Verspricht; und ddcht es finden sich 
hieir denrtdCb Fehler , wie anerdS (üufcrde) trunUln (truchtin ? 
truubtirf? ersteht daneben truhtir), emhizar (emUigalf), lüh 
{Yibf lieb? odet für Ub?) j~ flaffä (alaffa)* ttnerolt (uuetdltj* 

50* 



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788 Erhard Handbuch der teutJcheu Sprache. 

lukmo (lukino, wie S. 6* lugino; lücirio-urchuride kommt noch 
spät vor, z, B.'Cod. Pal. 361.) • mnes (mines), dafs sieb nicht 
einmal herausstellt, was der Handschrift anheimfällt« Doch 
zurück zum Handbuch» 

Wie klingt nun die Uebersetzung jener Worte? Hier 
ist sie* „Ich hörte das sagen, dafs sieb verhiefsen einei 
Mutbes (statt herausbiefsen, herausheischten, herausfor- 
derten — „eines Mutbes" ist gar falsch) H. und. H. einen 
Heerzug (untar: einen? heriuntuenj: Heerzug, Heer- 
thum??!! statt, „unter ihnen zweien«* s. Altd. Wälder II« 
100*« 2«) Vaterabruderssöbne (s. oben die Citate wegen sunu 
fatarungo), bereiteten sie ibre Pferde (weilyaro gelesen ist, 
was obenein nie Pferd heilst, und diesea Wort — pheerit» 
pfärt — kommt im Althochdeutschen gar nicht einmal vor; 
es mufs saro heifsen, d. i. Gewänder) u. s. w. Gleich darauf 
wird das klare ubar-ringa , Ueberringe , Überletzt als bar-ringa, 
„Tragringe«, ja gar ana helidos ubarringa; an des. Gurtes 
Tragringe. Fast wäre des Guten genug. Aber weiter i Do 
aito dero hihu ritun wird gegeben „Da sie zu der Versamm- 
lung ritten statt ebud ist min al irmin deot steht cbünt ist 
min alir, min deot (sie), und wird 0berset2t; Kund ist mein 
Alter, mein Volk; ja schon vorher Chind in Chunincricbe, 
Königssohn im Hunnenreicbe , statt chunincriche , da ja nach- 
her huneo truhtin, was freilich wieder „sein Herr«« Übersetat 
wird Ol)> un & : <* u D «t dir d**r Htm ummet - spaher , wofür 
denn lustig steht: du bist der alter htm ummet, spaher, und 
das soll heifsen: Du bist des Alters ihm ungleich u. s, w. 
So gebt es fort in immerwährenden Fehlern gegen Handschrift 
und Sinn. So steht hinter einander unsere liuti statt urre 
* liuti, alte onti frote stait alte enti frote; forn her Ostar gib, 
uett floh her, statt forn her ostar gihueit, floh her, und das 
soll heifsen : Bevor er nach Osten gieng, wei t floh 
(Otabars Neid, Osachres nid); gleich weiter bi na mitiTheQ- 
trithe, statt hina miti Theotrihbe, natürlich übersetzt: bei» 
nahe mit Theoderich ; luttilu sitten soll heifsen: berübrnt« 
Wohnsitze, wie S. i 8. luttih .laut , heftig« statt dafs, luttilu. 
prut zusammengehört, und luttil klein, fein, zart, jachÖiT 
hierheifst. Statt des schwierigen arbeslaosa kernet ; ostar pi "4 
det, sid Detrihhe darba gistontum, fatereres mines u. s, ff| 
setzt er frei: Hera Ostar hina der sid Detribhe, dar 5o$«| 
stuontum u. a. w. , und das soll wieder beifseo : Er gieng 
nach Osten, hin nach der Seite Dietrichs, da im Streite stmH 
den meine- Vatersbrüder Kaum traut man seinen AugeniS 
Nur noch einige Conjecturen. Der Text hei£st: ebud was be 



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Erhard Handbuch der teuttehan Spraehe. «89 

cbonnem mannum ni waniu ib 9 iu lib halbe , waa Eckart rich- 
tig bat} ju üb. Erbard aber tagt, daa gebe keinen Sinn, und 
er „Wage es daher die Stelle zu verbessern« S. 15. Und wie 
itt es nun verballhornt 3 leow (es gehört leop zum vorigen 
Satze!) cbud was her chonnem fnannuin; ni waniu ih, ih liA 
habbe, und das soll heiigen: in Liebe kund (2) war er küh« 
nen Mannen, nicht meine ich aeines Gleichen zu haben MS 
Ferner heifst es S. 16. bei den Worten , die Eckart richtig 
nach der Handschrift giebt : Dat | sagetun mi | aaeolidante \ 
Westar ubar | wentilsaeo, dat man | uwfurnam; 99 Eckart 
schreibt wie; aber seine Erklärung scheint mir' nicht passend«. 
Wie denn? Wie nun? „Das sagten mir schiffbrüchige 
(als aey lidante von leiden!) W eatlttnder (er theilt We- 
star, ubir WentilseoJ) auf dem Wendemeere, daff man 
weit vernahen". Kurz zuvor wird „mit »am" übersetzt: 
mit Verlangen, was doch ulrt heifsen müfste, von kir, mittel« 
hochdeutscher, ge*r, cupido, cupiditas, voluntaa animi 9 göc 
ist jaculum. 

Aber übergenug l Es wird Keinem mehr gelösten. Wahr- 
lich, wenn es, wie einst im Kampfe bei Nereshoira , 9 Hie 
Weif, Hie Gibling«« *) erscholl, so in einem grammatischen 
oder kritischen Treffen biefse „Hie Eckart — Hie Erhard«* 
— die Wahl würde nicht schwer seyn, qb auf die Seit», der 
Francia orientalis sich zu schlagen oder dieser Thuringia pue* 
rilis. Golden ist dagegen Konisch'* Handbuch in die« 
sein älteren Abschnitte, obsebon Dr. Erhard dasselbe seinem 
Tadel unterzieht (Theil I. Vorrede S. I — II.) , aammt dem 
Handbuch von Pischon, das die alten Stellen treu und 
pünktlich wiedersieht, ohne gerade in Vorreden zu behaup- 
ten, dafs „bei den Schriftstellern vor Luthers Zeit Alle« 
buchstäblich wiedergegeben sey" ( Erhard I. S.III.). 
Wahrscheinlich sind oben mitgetbeike Verböserungen an sol« 
chen Stellen eingetreten, wo „offenbare Fehler" (a. a* O.) in 
Handschrift und Sinn vorhanden waren. 

Der zweite Theil, wie gesagt, giebt nicht so grelle 
fitöfsen und VerstÖlse, weil weise die Verneudeutschüngen 
weggelassen sind. Aber auch hier dieselbe Ungenauigkeit im 
ahen Texte! So heilst es gleich S. 2. im Otfried, Zeile 2; 
Doh «tau job, Zeile 5 •* Jo statt job. Ferner ^ wa/uin *uvi*«V 



*) S. Kooigihpfens Chronik hei Schilter S. 24k und Andreas Ratis«. 
feonensh in seiner Beiristhea Chronik- Bettuch Cq4. M, Ro«^ 
fr), 16- b, — X7i a. 



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790 Erhard Haudbuch der teutschen Sprache. 

he^alten, da stets w für uu gesetzt ist? Aber giuuagi wird 
i|i giuwagi umgedruckt. Zeile 10. steht Sie selbes drudinna 
statt Sin selbes d, — • Warum ist ferner Zeile 20. imu statt 
iaio gesetzt, da nicht einmal die Lesarten unten bei Schilter 
so haben , welche doch Erhard meist zur Abwechselung auf* 
nimmt? Weiter — Zeile 21. steht To so statt io so. 
Warum Zeile 25. wer ther statt werther, Zeile von unten 
zum statt z* en ? ZeiU 4« V* unten Thor unser friunt quato — 
statt ther unser friunt guato. Dies und mehr auf Einer Seite! 
und blos Verstolse gegen den Schilterischen Vordruck} 

Aber eben so im Annoliede, wo Vranken : danken 
stehen sollte , steht V rankin ; dankin. Was soll gleich darauf 
Van sante Maurici/m herige statt Van senti Mauricii« herige? 
Was minu für minn? sent Anne statt sent Annin (S. l3.)? 
, Warum S. 14» IP fremido lante, was freilich Schilter hat, statt 
in vremidimo lante, Da gleich darauf zi diutischimo lante rieh« 
tig folgt? — Warum Galli« unti Germania statt Gallia unti. 
Germania, wie umgekehrt weiter oben geila: deila statt geile; 
deil(e) des Schilterischen und Goldmannischeu TexU-s? Warum 
S. 15- uns statt unz ? Waruni Daz in disime meri gartin | f$ 
geyruuut wordin statt — merigart«« — wurdet Doch genug! 

Viele Druckfehler, die hinten nicht angegeben, sind ste» 
hen geblieben, z B. S. 14. loide statt leide, S. 15. slari statt 
scari, S. 16. durch helma statt durch heline , den sige wan st. 
nam (was Alles Schilter nicht hat{). — J\(anches f wie das. 
Letztere ist wohl eigene Conjectur, licentia p. u. s. w, 

Bei Tbaten des Trebens genügt in magnis voluisso sat est; 
aber in der ßücberwelt (und ihrer Schattenseite — der Buch» 
macherei) ist es mit dem Willen allein nicht gethan$ obeu- 
ein wo es nicht einmal heilst; tantae molis erat — f son- 
dern wo es nur der geringen Mühe galt, als Bibliothekar 
und Archivar der Zeit in den Registern der Literatur (wie in 
Göttinger Kealcatalogen) nachzuschlagen; Was ist über diese 
ältesten dunkelsten Dinge das Neueste, Klarste, Sicher- 
ste erschienen ? Aber den Schneckenhandlangern , dje zehen 
Jahre und mehr zurückbleiben , sollte man zurufen - T manum 
de tabula ! — 

Diese Kecension galt die Sache, und hofft ein Scherllein 
beizutragen, dafs das nächste „Handbuch altdeutsche? 
Sprache« nicht das alte JCrebsgeleise gehe. 



Pa wir einmal im Zug« sind, sq knüpft Rezensent hie 
eine verwandte passende Betrachtung an. Sie betrifft dii 



« 



sprach l ieh e Behandluug der älteren Deutschen Erd- 
künde und Eigennamen. Die letzteren Jahne haben an* 
suis er Mannert'i neuen Auflagen auch in diesem Fache 
mehrere schnell auf einander folgende Werke gebracht 9 so wie 
sich mannigfaltig«} Verein« für das vaterländische auch erd- 
kundliche AUertbum in Schlesien 9 Thüringen, Sachsen , West« 
ialen u. s. w* gebildet haben, welche sammeln und das Gesam- 
inelte auch öffentlich in Jahresberichten. Archiven u. a. w. be- 

, e 

sprechen« Von diesen reichlich eröffneten Archiven, Zeit* 
sebriften in Halle, Hannover. Westfalen t Cöln, Batern tu 
s. w. ein ander Mal. Hier Seyen nur einige umfassende Werke 
über das alte Germanien genannt« die irv unmittelbarer 
Besiehung au «inander stehen , durch ihre Uebereinstimmun- 
gen, Abweichungen und schnelle Folge; nämlich Kruse** 
Budorgis ( daran sich Büscbing's Heidnische Alterthüroer 
Schlesiens anreihen) und sein A rch iv ; ferner Wilhelm** 
Germanien und seine Bewohner nach den Quellen dar« 
gestellt (Weimar 1823. 8. XVI und 372 S.) und Reichard'* 
Germanien unter den Hörnern , graphisch bearbeitet (Nürn- 
berg 1Ö24. 8. XXXII und 274- S.). Besonders beide letztere 
das Ganse der alten Deutseben Erdkunde umfassenden Werke 
treten hier in unsere Betrachtung ein. Aber nicht die geogra- 
phischen Verhältnisse, Uebereinstimmungen und Abweichun- 
gen beider sind es, die uns hier fesseln, sondern die sprach- 
lich eis Deutungen. Während Wilhelm ruhig und besonnen 
die geographische Richtung und Sichtung verfolgt, und selten 
in Namenäbnlicbkeiten ältester und neuester Zeit, die selbst 
die spätesten Urkundennamen noch verwaschen hat. sich ver- 
liert oder umirrt, ist dieses in dem Reicbardiscben Werke 
eine Hauptseite und Hauptlust. Hier wird mit wahrer Kühn- 
heit, Keckheit, Zuversicht und Hast nach jedem, selbst dem 
unähnlichsten Anklänge gehascht, und — was nun unsere 
Klage ist — die «824 doch wahrlich hinlänglich schon vor« 
geschrittene und zur Besonnenheit und Gründlichkeit mahnende 
historisch • grammatikalische Wortbebandlune hier in der Erd- 
künde grenzenlos vernachlässigt und Wahrhaft gehudelt* Jede 
Seite gewährt den wildesten, zügellosesten Wortzwang und 
Wortverrenkung. Auch nicht eine Spur von Ahnung einer 
Gesetzlichkeit in diesen ältesten Namen- und Wortbildungen* 
die so bestimmt Deutsches Bildungsgesetz verratheu und an- 
sprechen. Nahe liegen Zusammensetzungen wie A*ci-burgi<m 
(wie Askaukalis, s Askalingion), La ki - burgion ; TuM-phurJon 
wi« 'JVuli-smgiou), L*u\>'pkurdon (und Bik*urdioi9 ?) ; Askal« 
»iioai Meno*^o4a (gadeu4?)i Tuüs-urgion , Kas-urgis, Bud- 



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%9ß Erhard ^andimeu de* umsehen Sprache. 

orgis , Äartd-orgis u» i.w» — , Aber golden sind alte Deutern« 

gen von Siwmbri (Sieganbauer — Stegkämpfer, bei Awentin 
und neuerdings bei J\lone u, s. w.) und andere alt her gewohnt« 
geg en -die Wahrhaft luftigen und lustigen bei Reichard, deren 
auf jeder Seite, au finden sind, und deren älteren Namen 
Grimm schon 1Ö22 im ersten Theile aeiner Grammatik be- 
zweifelnd oc)er deutend besprochen hatte, was aber jenen Geo- 
graphen noch eine terra incognita iat. Fangen wir mit dem 
oft gemuteten Chenuci an. Bekanntlich soll das durchaus 
Haraker heifsen., .Reichard iat hier, niebt aus sprachlichen, 
nur örtlichen Grönden besonnener als anderwärts, er sagt: 
„wie, wenn der Name Cberuaci nicht der Deutsche, sondern 
von den fUraeru diesem Volke erst mitgetheilte wäre ?«* S.97, 
aber blpa. weiUhm Anklänge neuester Ortsnamen auf der Land- 
karte, ausbleiben. Caspar Sagittarius (Antiquit. Kegn iTbu. 
»mg. I. 1. §. 4. I.. 4. J # iß.) deutete sogar eher usk mit ge- 
recht Cboni aequicjuei Tac. Germ. 36.) S — Die Ableitung 
von Harz .könne er deshalb durchaus nicht gestatten, weil 
einmal der Vocal gänzlich verschieden ist;, ferner müfste 
Hajr« als Adjectivum bilden har*isc oder niederdeutsch oder 
*ur Römerzeit überhaupt noch hartisk , von hart, die Haard. 
CMrwk würde althochdeutsch hdrusk oder hätisk (pilosus etwa) 
klingen, Daa * in *h*ru*e ist Jane (x>, ? oZ**o< Strabo VII. 1, 
Ptolem. II. XaiQowfüoi) i nur Claudian IV. consul. Honor, 
451 hat jiirusci und Dio Cass. x«(*ol*ko,'. Bekanntlich ist CA*% 
rnici die tinaige Bildung auf—«,* neben -&k in Arav-issi, 
Nar-isci, AttaJ-iacua (Aurel, c. 33.) unfl Taurisci, Scardisci, 
oder —*sk in Gann-aacu* (Tacit. Annal. XI. 18. 19. — An 
Cherusc* reiht sich, durch die gleich falschen Deutungen von 
Harz Hmynia eylva oder Herciniue saltus, bei Cäsar, Stra«. 
bo Mela, Tacitus, Plinius, Vellejus Paternus, Claudian, 
Diodorua Siculus, Liviqa, Floru«. Die Form, welche Pto« 
lemäus (II. 11. o « Of kvvw; fi^v/4^) » Aristoteles schon (Mirand, 
Auscnltat. ot'E^uvia t^o) und MeteoroJ. I. 13. gfo 'AfniJvia). 
Apolloniua (Argonaut. IV. 640. X* 0 **Xo< 9 k«S» 'E**vv,>v) , und 
Diodprua (Bibhoth^ Histor % 5. T 4 «E f K V 'w« fo) geben, weiset 
deutlich auf ein k, also hprk — , ig*—, fr- $^1. Dia nor, 
dische Sprache zeigt ein Ä«rfo, durare, hark* und htrkja* aspe- 
ftta«, nerJiinn, durans. . * 

f Man^vergleiche ferner bei Grimm die sinnigen Aüssteb 
Jungen,, Handhabungen oder Bebandlungen der Namen GejA* 
da*, Grammat. Tb. X Aufl. 3. 8.36 und 45, Guhati S. dl, 
^/«<?93, Taunus 94 und 153, Aurima % Chauci «9. -~ bei Bei. 
chard S. 40. nothwendig in Cuxhaven übrig, „wie ich über. 



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Erhard Handbuch dsr teutechen Sprach«. 793 

zeugt bin«, Gothi $, 9», Marli, Marsigni 123, Tmctori 124* 
CmninifatullS und 153, Batavi, Bucinobantes 1S3. — *<>n Bu- 
chen, wie BuchOnia , und ba-nt, wie Brabant, Tenaer* 
bant, oberd. banz, benzo: Otfried HF. 18. 28. eli.&enxo, 
extraneue, wie eiilcndi — , besonder« Chatti S. 172, und' 
teuuch '(Theil I. S. io8. Anmerk. und S. 1069. Theil II. 
S. 378; 30, oder Wörter wie frtania I. 12Ö. Anin. 2, glesum 
75« Atiin.3; endlich gothieche und althochdeutecbe Eigennamen 
(Th, I. S. 36. 46. 76. 79 8t 83. 84 92. 102. 103. oder Th. IT 
von S. 447. an in alphabetischen Zueamroeneetzungeveraeich- 
nisaen). Ehe aua atreng grammatischen, »prachlm toriseben 
GrUnden aolche aua- und umechweifend* Erklärungen, wie 
tunus — awab — vom Schweifen *) oder vom Schweif (Grimm 

1. S. 87. Anmerk. 1.), oder Iihinu$ — r£n, hrin, tfw; — von 
rein oder rinnen (rinnan — hrfnan dagegen iat tangere» 

2. mugire, himüre), nicht aufgegeben werden , iat weder in 
der Geschichte an richtigen Grundanacbauungen des germani- 
achen Lebena, noch in der Erdkunde Altdeutachlanda Wahr- 
heit und Sicherheit zu erwarten. Auch Wolfgang Mensel - 
in aeiner Deutachen Geschichte, Zürich 1825. 8. **)» gehtau 
unhistorisch und zu regelleicbt mit den Urklängen der Mutter« 
spräche um, an denen doch die Myeterieii alteater Naturait- 
scbauung und die Hieroglyphen 'des ursprünglichen Volka- 
lebens haften, und die leise und streng gedeutet seyn wollen. 
Man schlage z. B. auf Theil I, S. 4. 10. 15. 16. 21. 27. 43/51. 
60. 96. u. s. w. " '* 

Eben ao geht auch der quellengrflndliche und besonnene 
Ii. Barth in aeiner »Urgeschichte Deutschlands * , Baireuth > 
und Hof. 2 Theile. 1820. gr. 8, sowohl in Deutung Deut- 
icher Eigennamen , a. B. Tb. II. S. 36? — 371 . ala auch Deut- 
scher Völker, und Ortsnamen (in seiner Erdkunde Theil II* 
S. 1 — 236«) viel zu leicht, d.h. ungesetzlich, ungrammatisch 
au Werke^ obsebon er z. 8. Th. if. S. 17, Anmerk. 9. MgtJ 
^Gründe aufsuchen heifst etymologiairen«. — Der beiden 
neuesten Namenfprscher Benecken in seinem Teuto und 
Viebeck (Erlangen) gar nicht au erwähnen !{ — Aber selbst 

— - — 

■ * r 

*) Wotu die ähnliche Deutung weletabl — - Wilsl — * ala veletevi 

von litati fliegen (vletowi; Eingeflogene • ) übrigens passen werde. 

S. Gölt. A»x. 1825. St, 3 — 4. S. 28. Anm. 
**) Und aueh sein Namensvetter in 4 P deutet hierin naeh altern 

Adelungisehen Geleise* mitunter lalto-mortole'i aus eignet Neu- 

kraft nebenan «pringend. 



i 



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* l \ 

Sffa*fl} H«fldl««lfc der tcutsohep Spredir. 

Ferdinand W achter in Jena, obschou et in seiner „Thür in* 
gitchea uiul Ohersächsisqhen Geachichte* — Tb. I. Leipzig 
1Ä26\ 8. > an mehreren Stellen Belesenheit und Bewufstseyn 
in der . älteren Deutschen Literatur und Grammatik beweist, 
obschon er z. B. S. 64« über die erfundenen Gottheiten Stuffo, 
ftbeto,. BieJ, Asterotb, Lara, Jecha, Loll, Sater, Krpdo, 
£üstetich richtig urtheilt, tischt doch S. 7. uns wieder Susvi 
vom Haarschweife, Chatti von Co*, Krieg, Chtrusci als Har- 
zer auf, und wagt S. 5; Thuringi, Thoringi von Thor, Berg, 
oder auch von einem berühmten Anführer Tboro (woher 
Tbornberg, Dörnberg u.a. w,) herzuleiten, wozu er S. 6 und 
7. die Grammatik zu Hülfe nimmt» S. 17. muis Diesburg 
(Pispargura bei Gregor. Turon.) sogar Geisterburg bedeu» 
t*n. S, 7, sind Hermund-uvi, gleich den Hermione* , gleich den 
German i, gleich den ^Tbeotschen, Dietscben«. — Auch 
Landen in seiner Deutschen Geschiebte Bd. I und II. S. 1625 
26. ist.su unbekannt mit der wahren Grammatik, daher 
oft zu zach, oft zu jach und leicht. Tb. 1. S. 19 und 20. und 
593, 17, 18, 19. ist er zu schnell fertig mit VVebrma nnen 
(Germani), wie S. 177. Markonianni freilich leichter sich^iebt, 
als Markmanner, Landeswebrmänner. — Eben so S. 24. mit 
Tuhko, welches für niederdeutsche Aussprache erklärt wira* — 
düdsb, und S. 597, 32. fu4*djectiv, wie mennisc, aber-von 
taut, tiud, Erde, also terra editus, tw-ti-sko man. Das ist 
ejoe 1 nicht^ so gar behutsam und entspricht doch nicht ganz 
der in den Anmerkungen ausgesprochenen Hegel: Das Ety* 
wologiairen ist gefährlich und führt gewöhnlich zu Nichts. 
Die wahrhaft auflösende, zergliedernde Art Grimmas fahrt 
freilich auch oft zu einem Nichts, nämlich Nichts wissen , aber 
schneidet doch manche undeutsche Träumereien ab. — Eher* 
so unbestimmt, wie Obiges, ist S. 28. über die Namen Tcu* 
t9nes, : Ambrones t TeetaW, Kimbri (S, 3 1 . unten) gesprochen, 
414 leicht S. 465^ über Chßtuarii oder Chattuarü, 453» über 
gaevQn % Utaevon, Herminon , schwankend über Jriovut 6 1-2» 7» 
besser über Sitevi Und S +xones 4Ö1, -aber schwach, was die 
sprachlichen Gründe betrifft, 64*, 5- Eben so über Hof 
— Von Haupt! — 718, Ii; Knickt, Sclav ; Litt, Lazzi, Lati 
7l9 f 16, Leut 9 Lettdit Leodi u. s. w. 735, 24; über kun (ytvta) 
kennen, bekannt, Kun ig, kindins , thiudans u. s. wv — 
Seibat Franz Pa sso w in seiner so genau auf Lesarten ge* 
stützten Ausgabe von Taciti Germania, Breslau i8l7. 8, er* % 
laubt sich Deutungen wie Stterini aus fVarini u. S. w. 

So lange nicht streng auf grammatische, sprachhistorisch« 
Gründe und diel, «arten genauer guter Handschriften geachtet 

■» 



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Erhard Handbuch d«r taut! cheu Sprache. 795 

wird, so lange wird auch nicht nur auf Titeln historischer 
oder geographischer Zeitschriften (von Pähl; und von II off - 
mann bei Cotta) ? sondern auch in allen Geschichtahüchern 
Hertha oder Herda prangen , während doch Fassow aus der be- 
bten ältesten Handschrift die Lesart Nerthum nachgewiesen, 
hat, was vielmehr auf den nordischen, freilich männlichen» 
(?ott tfiördr — Gen Niarjar, Dat. Nirdi —> sich deuten läfst, 
dem ein althochdeutsches Jferdu 9 Ntrtu entsprechen würde *); 
— und während die Form k$nha für Erde nicht belegt werden 
kann, sondern gothisch (ältest) nur airtha 9 althochdeutsch erdm 
statt craday was sogar einmal bei Kero vorkommt; eratha* — 
Luden achtet Tb. II, unter den Verbesserungen zum ßd. I, 
*u S, 749» zwar auf die Lesart 2v> thum, meint aber, 

es könnte dies auch der Nominativ -.is und „so könnte es ein 
Teutsches Wort Närthum. vis alendi, §eyn, und für dies# 
Worte wäre die Uehersetzung Terra mater recht wohl geeig. 
net (!). Aber — setzt er hinzu — mit der Hertha wäre et 
vorbei. Das ist £twas. Wächter dagegen sagt am oben 
angeführten Orte S. 98 : »die ursprüngliche Lesart ist 
Jferthus«, und declinirt uns das Wort nach der gothischen 
vierte^ starken Declination (weiblich) vor: Hertha, Herthais, 
Hertbai, Hertb , während das vorhandene airtha, terra, doch 
iyjch der .ersten starken Fem, Deel, geht; airthai, airthäs, 
airthai, airtha. — 0ocb in diesem Beispiele mit.Hertba 
dient doch noch aeit tthenanus, der Hetthorn hinein emendirte, 
alte Gewöhnung zur Entschuldigung ; viel schlimmer isr , wenn 
Bpsching uns einen Deutschen Gott Tyr aufdrängt, von, 
dem nie etwas erhört worden ist. Das nordische Tyr, der 
Wehrgott, das sich erhalten bat in dem Namen des dritten 
Wochentages, tysdagr, dies martis, würde im Althochdeut- 
schen nothwendig mit z anlauten müssen (ziu u. s. w.)» wie 
4«nn auch das Oberdeutsche noch die Form Zistag, Ziatig, 
Statt £{Tn)*tag, Dienstag (Dingstag!!) aufbewahrt hat, wie 
tijs Engijsclie die niederdeutsche Form tivesdag % sächsisch Kves- 
däg 9 von der FoTin.tt, t\vcs (gothisch tius, tivis?). »" 

, Zum Schlüsse noch ein Beispiel, wie die sprachliche 
Erkenn tnifs eines alten Wortes oder Namens auch für die ört- 
liche oder v ol k 1 i ch e Bestimmung wohl dienlich und behülf- 
J ich ist. Dr. Wilhelm zählt in seinem Germanien 5.236* 
Hie As ti n ger als einen „Haupts tamm der Vandalen** auf, 
und im Register S. 362. gar als >, Volk* 9 wie $, 236. gar als. 



*) S. Gött. A«u. 1825. S». 52. S. 516. 



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796 Erhard Handbuch der reut gehen Sprache. 

n vandalisches Volk«. Reichard hat sie gar nicht. Der 
Name Astingi wird bei Wilhelm nur aus Dio Cassius nach- 
gewiesen und gar vermuthet , bei Tacitus German, cap, 43« 
müsse es wohl statt Marsigni Asti*ni heiisen , wobei der von 
von vorn herein deutscher anklingenden Form ~ingi (in Ast-rngf) 
in das eher bei Marsigni umzustellende -igni Gewalt angethan 
wird, obsebun auch bei Jornandes richtig Astingi steht« 
Aber eine Hauptstelie«. die volles Licht gegeben hätte« ist von 
Dr, Wilhelm vergessen. Johanne» Lydus nämlich in sei- 
ner Schrift „De Magistratibus" ed. Ful«, Paris.*) 1812. 
pag 248. giebt sehr bestimmt an , dafs es kein besonderer 
Volksstamm sey ; obenein kommen sie bei Gothen , San- 
dalen und Markomannen zugleich vor. Er sagt: gyv rec; av- 
3c £gw; tou iSvouj» oj; §*aAouv dar fyyo vs et ßci^ßagot. Also die 
Edlen des Volke». Betrachten wir den Namen nun mit gothi- 
•chem Auge, so giebt uns seine sprachliche Form selber den 
besten Commentar « obenein da in Dracontii Carmin. ed, 
Arevalus ,Uomae 1791. 4« p. 37l. die Form As<iin^ noch nä- 
her an das gothische azd Anklingt , wie wahrscheinlich das alt« 
hochdeutsche art, Art, Geschlecht, Adel« nohilitas, geklun- 
gen haben wird , so dafs asdingi (azdiggos; wie skilliggs in den 
Quittungen gebildet, nnd wie die gleichfalls gothischen Na- 
men Theru-ingi bei Ammian. Marc. 3 1 9 5, Oth'ingi und Thur-ingi 
bei Jomande» u. s. w.) die Artinger, althochd. artingä 9 die 
Edlen« Ethilingi, Adalrngi sind, aus denen die Könige ge- 
wühlt wurden. Grimm vergleicht dem gothischen % in azd 
(art) das o im griechischen i<rSkl; 9 edel. S. s. Gramatik Th. I, 
Aufl. 2. S. 1070. und S. 126. Th. II. S. 349. 

Mögen auch diese Bemerkungen, die weniger Neues brin- 
gen, als a b sich tl ich schon zum Ergebnifs Gewordenes, das 
aber immer noch nicht beachtet wird, durch die Zusammen- 
stellung seiner eindringlichen Wahrheiten den Unachtsamen 
und Leichtarbeitenden , wie den Gründlichen, aber Einseiti- 
en, denen jener Fortschritt der historischen Sprach- und 
achforschung noch nicht kund geworden zu seyn scheint, 
dringend anempfehlen sollten — nicht ganz unnütz gewesen 
#eyn ! — 



S? 



*) nicht Lugd, JBatar. 



■ I 



Bandet 4* pressione ttmoiphstrae. 791 

Diaertatio phytica do repenttnU varlatlonibu* in prettions almotphas- 
rao observatis» Quam amplissimi Philosephorum orduds auctoris 
tat» pro loeo in eodem obtinendo simulqut pro juribus Maguterii 
lApsiensis optimis cet. public* (te fandet H. W * Brandes. Lijr- 
tiao MDCQCXXVL 66 S. 4. 18 Gr. 

Diese Gelegenheitsscbrift verdient um so mehr eine An« 
zeige, je leichter solche gewöhnlich unbeachtet bleiben. Der 
Verf. derselben, welcher wegen der Klarheit .seiner Darstel- 
lung der gelehrten Welt vortbeilhaft bekannt ist, giebt In 
einer kurzen Einleitung den Standpunkt selbst an, au» wel- 
chem der Gegenstand betrachtet werden raufs, weswegen Ref. 
nur dasjenige im Auszuge kurz, mittbeilt, was er sonst sup- 
pliren wflrde. So viele Mühe man sich nämlich, des allge- 
meinen Interesses wegen, bereits gegeben bat, die Ursachen 
der atmosphärischen Veränderungen mehr zu ergründen, so 
haben doch alle, vielfachen einzelnen Bemühungen noch zu 
keinem brauchbaren Resultate geführt. Höchst schätzbar 
sind in dieser Hinsicht wohl vorzugsweise nur die gemein« 
schäftlichen Bemühungen der ehemaligen Mannheimer Gesell« 
Schaft, deren Werth auch neuerdings von den Engländern 
anerkannt ist, mit dem Zusätze des allgemein gehegten Wun- 
sches , dafs gegenwärtig bei so viel weiter vorgerückten phy» 
sicaliscben Kenntnissen und den so außerordentlich verbes- 
serten Werkzeugen nebst den Beobachtungsmethoden ein 
ähnliches Unternehmen wieder zu Stande kommen möchte. 
Auf die Grundlage jener Beobachtungen stützte unser Verf. 
seine bekannten Beiträge zur Witterungskunde des Jahre» 
1783 , und zeigte darin »ehr augenfällig > was für bedeutende 
Resultate aus der Zusammenstellung weit von einander ent- 
fernt liegender Beobachtungen zu erhalten sind. Ein solcher 
gelungener Versuch mufste die Idee erwecken, einmal eine 
einzelne merkwürdige meteorologische Erscheinung ÜDer eine» 
ausgebreitete Länderstrecke zu verfolgen , und hierzu bot sich 
der ungewöhnlich tiefe Barometerstand vom 25» December 
1821 als sehr geeignet dar. Der Verf. ersuchte deswegen 
seine zahlreichen Freunde und Bekannten um Mittheilung 
ihrer Beobachtungen, deren er eine grofse Zahl erhielt, und 
hieraus sind die in dem ersten Theile der vorliegenden Schrift 
enthaltenen Betrachtungen über den ungewöhnlich ver- 
minderten Luftdruck hervorgegangen. Ihnen entgegen 
stehen die Erscheinungen eine» ungewöhnlich vergrös- 
«erten Luftdrucke», welche künftig gleichfall» einmal unter- 
sucht werden sollen. 



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Brandes de prtssione atmosphaera«. 



Die Zusammenstellung der einzelnen tnitgetheilten Be«* 
obacbtungen giebt «inen höchst erfreulichen Beweis von der 
Bereitwilligkeit Zahlreicher Physiker in allen Ländern zur 
Unterstützung Wissenschaftlicher Unternehmungen, Unser 
Verf. erhielt aus England eilf Beobachtungen , aus Frankreich 
sechszehn, aus Holland vier* aus Deutschland sieben und 
vierzig, ans der Schweiz fünf , aus Italien eilf, aus Island, 
Norwegen und Dänemark sechs , aus tfeussen und Polen 
vier, aus Rufsland vier, zusammen also hundert und acht, 
aufser denjenigen 9 welche wegen der Unbestimmtheit der 
Angabe des mittleren Barometerstandes unbrauchbar waren. 
Als eine interessante Bemerkung wird aufserdem noch ange*- 
führt, dafs um jene Zeit in Buenos Ayres eine Menge Schnee 
fiel, Welche Erscheinung dort im hohen Sommer unter die 
ganz ungewöhnlichen gehört. Dagegen war der Winter wie 
hei uns, so auch in Siberien sehr mild. 

Um die Resultate aus den mitgetheilteri Beobachtungen! 
übersichtlich darzustellen , hat der Verf. sehr zweckmässig 
*vier Charten der Länder, worin die Barometerstände beob* 
achtet wurden, entworfen, und in diese neben die verschieb» 
denen Orte die Depressionen der Quecksilberhöhe unter'den 
mittleren Stand für den 24« Decernbcr 6 Uhr Abends i den 
25. December 3 Uhr und 10 Uhr Morgens und 8 Uhr Abends 
geschriehen. Aus dem Ueberhlicke dieser Charten geht evi- 
dent hervor, dafs die Ursache des plötzlichen Sinket!* der 
Barometer im Atlantischen Ocean ihren Sitz hatte , ohne dafs 
es aus begreiflichen Gründen möglich ist, den Ort genauer 
anzügeben, wo die anscheinende Verminderung der I^uft- 
masse statt finden mochte. Dort war nämlich anfangs die 
Verminderung der Quecksilherhöhe am stärksten und betrug 
in Brest 22 Linien, nahm von hier an ab, regelmäßig in der 
Richtung rtach Osten , unregelmäfsiger in der Richtung. nac(i 
Südost und Nordest, so dafs sie erst am spätesten in Molfetta 
tind Petersburg, dort mit sechs, hier mit vier Linien merk* 
bar wurde , wobei zugleich die Lage der Berge einen sicht- 
baren Einfiufs zeigte« ' Stürme und Gewitter waren verschie- 
dene an jenem Tage, vorzüglich in Frankreich * und sie schrit- 
ten von Westen nach Osten fort ; auch bat der Verf. Nach« 
richten von Stürmen aufgefunden, welche schon am £2. und 
123» December im Atlantischen Ocean herrschten. Heftige 
Regen und Stürme wurden vorzüglich in Italien und dem süd- 
lichen Frankreich beobachtet < Welches zu erklären nicht schwer 
ist; dagegen lassen sich über den inneren Zusammenbang des 
ganzen Phänomens f d.h. durch welche Ursachen eine solcher 



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Brandes dt preitiönt atmosphaere*. ' " 799 

Verminderung der Lbitmasse tiber dem Atlantiicbcri Meer* 
oder in jenen Gegenden bia vielleicht nach Island hin erzeugt 
sey, zwar wohl Hypothesen aufstellen , allein um eine solche 
genügend zu begründen* fehlt es durchaus an den erforder- 
lichen genauen Thatsachen. 

Um die aus den angegebenen Beobachtungen gefolgerten 
Schlüsse zu prüfen, benutzt der Äeifsige Verf. im zweiten 
Theile der Abhandlung ein ähnliches plötzliches Sinken des 
Barometers am 2. und 3* Februar 1823. Die hierfür vergliche- 
nen Beobachtungen sind sieben aus England , eben sb viele aus* 
Frankreich) eine aus Holland, achtzehn aus Deutschland, 
fünf aus der Schweiz , zwei aus Italien 9 eben sö viele aus Nor« 
wegen und Dänemark, desgleichen aus Preussen und Polen 
und auch aus Rufsland, Es war daher die Zahl der Beobach- 
tungen zwar weit geringer, al* diejenige , worauf die vorige 
Untersuchung gegründet ist, aber sie Hegen in hinlänglicher 
Entfernung von einander , um das Phänomen .genügend danach 
zu beurtheüen. Im Allgemeinen folgt aus diesen Beobachtun- 
gen und aus einfach abgeleiteten Schlüssen , dafs auch von die« 
sera Phänomene die Ursachen im Atlantischen Ocean lagen, 
allein diesesmal waren zwei Mittelpunkte des geringsten Luft- 
druckes vorhanden , wovon der nördlichere ein fortgehendes 
Sinken des Barometers vom Kanäle aus über die Nordsee ver- 
anlafste, der andere, etwas südlichere, ein solches von Aqui- 
taniens Küsten an über Frankreich und Deutschland, indem 
dieser ohngefäbr von Toulouse aus bis nach Krakau bin fort- 
schritt. Hiermit zusammenhängend sind dann die Stürme, die 
am i. und 2. Februar in Lissabon und in der Nacht, vom 3, auf 
den 4. Februar in Constantinopel herrschten. 

Aufser der genaueren Untersuchung der erwähnten Phä« 
nomene werden noch einige andere ähnliche kurz berührt, die 
auf die nämlichen Resultate führen. Aufgefallen ist Ref. dabei 
die Bemerkung, dafs nach einer briefl.icben.Mittheilung Har* 
ding* s die Stürme über dem mittelländischen Meere und dem 
westlichen Frankreich ein Sinken des Barometers in Göttinpen 
zu veranlassen pflegen, nicht aber di.e über der Ostsee« Man 
wird Übrigens gern dem Vf. beistimmen, wenn er am Schlüsse 
sagt, er hoffe den Beobachtern einen Weg gezeigt zu haben, 
auf welchem wir allmählig zu einer genaueren Kenntnifs der 
meteorologischen Erscheinungen gelangen können. ' Durch 
solche Zusammenstellungen wird iiisbesondere die Einseitig- 
keit der Ansichten aufgehoben , welche aus anhaftenden Beob- 
achtungen einzelner an dem nämlichen Orte sVhr leicht entsteht. 
Rsf. bat geraume Zeit an drei Verschiedenen Orten, Hannover, 



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000 Ueber die Regel : Pater tu , quem justae öupuae demoostraut. 



Marburg und Heidelberg beobachtet, und dabei gefunden* 
dafs der Erfahrung nach in vielen Stücken die nämlichen An« 
zeigen au nicht wenig vertchiedenen Schlüssen berechtigen, 
weil die Örtlichen Erscheinungen jederzeit Berücksichtigung 
verdienen, worüber aber hier nicht ausführlicher geredet wer* 
den kann. Ueberhaupt dringt sich gewifs jedem der Wunsch 
auf, dafs es bald möglich seyn möge, auf einem ähnlichen,, als 
dem vom Verf. betretenen Wege mehr Licht und gröfsere Ge* 
wifsbeit in die dunkelen und schwankenden Gesetze der meteo« 
rologischen Erscheinungen au bringen. 

M u n.e k e. 

■ [ ■'! — I ■ - 

m « — 

Ueber den Einflufs der Frage t Tatar est) quem justae nuptias demon* 
»tränt , auf die Legitimität der Kinder , nach den Principien du 
Französischen und Badenscheu Civil rechts. Von Dr. K. & 
Baurittel 9 Privatdocenten der Rechte an der Univ. Freiburg, 
Freiburg 1825. 60 S. 8. 

Der Verf., unser ehemaliger akademischer Mitbürger > 
erläutert in dieser Schrift hauptsächlich die Artikel 312. 31?* 
314* und 3 15. des Französischen bürgerlichen Gesetzbuches, 
und erörtert hierbei die verschiedenen Streitfragen , zu wel- 
chen diese Artikel Veranlassung gegeben ' haben. Ueberall 
sind die älteren Rechte, die Schriften der Ausleger urid der 
Gericht »gebrauch mit Sorgfalt benutzt worden. Mit beson- 
derem Interesse wird man die Beantwortung der Frage S. 4?£ 
lesen, ob ein Kind, das im eilften Monate nach Auflösung 
der Ehe geboren worden ist, schon von Rechtswegen als 
unehelich zu betrachten sey. 

l I > « ■ H I . ) • 

üeber die Frage: Ergreift das gesetzliche Pfandrecht der lZhefraeeri 
{nach dem Badensehen Landrechte) auch die Gtmeinschaftsliegett* 
echaften oder nicht? Von dem GH. Bad. Obervogte CA. O. Fr. 
Staufen. Freiburg. 64 S. 8. 24 

Ueber die auf dem Titel dieser Schrift aufgestellte frage sind 
die vaterländischen Rechtsgelehrten und Geschäftsmänner ge- 
tbeilter Meinung. Der Vf. hat jedoch die bejahende Antwort 
mit so triftigen Gründen vertheidigt, dafs nun wohl der Streit 
als beendigt a ngesehn Werden kann. Die Französischen Rechts* 
gelehrten stimmen überdies fast ohne Ausnahme mit der Meinung 
des Vfs. überein. (Das Badensche Landrecht Weicht in dieser 
Lehre nicht von seiner Urschrift, dem C. N., 4b.) 



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J 



N. 5t 1826 

Hei de 1 b e r ff e r 

Jahrbücher der Literatur. 




Eidora, Taschenbuch auf das Jahr 1826 # Werter Jahrgang. (Zum 
Besten der durch die Sturmfluth vom 3. nnd 4. Februar 1825. imi* 
glücklich gewordenen Bewohner der Westküste von Schleswig* 
Holstein.) Heraus geg. von H. G ar dthaus e n $ in Commission 
bei Cnobloeh in Leipzig und Busch in Altona. 344 S» in 12* 
(Mit einer zahlreichen Subscribentenliste von S. III bis LH.) 

3 11. 36 kr» 

* 

Auch abgesehen von (lern Woblthätigen Zweck der Her- 
ausgabe, hat Eidora nicht zu befürchten , dafs auf sie ein 
spitziges Sinngedicht von Jürgesen (S. 193.) angewendet 
werde. Er heilst: ' 6 , 

„An einen Reimler. 

Unbedeutend naunt* ich Tills Gedicht* 

Aber Till, empört 

Durch den Ausspruch, schwort: 
Unbedeutend sey es nicht! 

Till bat recht — • 

Sein Gedicht ist * ♦ . schlecht!!» 

Dagegen soll hoifentlich auch den Ree. nicht das Epigramm 
(S* 194.) treffen : 

„Der todte Kritikus* 

Grabt doch auf seinen Leichenstein, 
\ Ihr Freunde! keine Grabschrift ein. 

Noch in der Gruft wird er sich rühren * 
Und selbst die Grabschrift kritisiren.« 

Wir wagen es deswegen kaum, schon bei dem Titel kritisirend 
zu fragen: ob nicht etwa E u d o ra als g u te G e b e r i n durch 
einen blofsen Druckfehler in etwas mit Ei dos (Gestalt 
und Schein) verwandtes verwandelt seyn möchte? Da 
wir von Eid os kein Eidor, oder Ei dorös, abzuleiten 
Wissen, so wären wir geneigter , mittelst einer freundlicheren 
Conjectura critica* in der Sammlung eine Gute GeberinK 

XIX. Jahrg. 8. Hcfti $1 



. • s 



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d02 



Eidora, von Gardthauseu 



eineEudora, zu erkennen. Dagegen streitet es freilich, 
dafs die Dedicatiou (an Ihro Kön. Hoheit die Prinzessin Wil- 
helmine von Dänemark, eine auch S. 27. von Friederike Brun 

verehrte „Rosa Unica« unserer Zeit) einen Kranz der Eidora 
( — uu ) dargebracht haben will, so<Jai'swir, um den Titel 

schulgemäTs zu erklären, nicht einmal an Eidos und Hora, 

vielleicht nur an Eidos und Horao, denken dürften. Wozu 
aber aueb die Pädanterei , der auf Gelahrtheit nicht berechne- 
ten teutsch -dänischen Musengabe einen schulgerechten Titel 
zumuthen zu wollen? Besser, wir genieisen das Gegebene 
so, wie es ohne unsere kritisirende ConjeCtur gemeint zu 
seyn scheint, als ein „sehenswertbes Ersehet* nen" (nach $iboi 
undcpaou), und lassen uns durch das ungewöhnliche dieser 
Wortgestaltung gar nicht hindern, zugleich an das Zeitge- 
mäfse dieser Erscheinung (nach ti&o{ und w%a) zu den- 
ken, vornehmlich aber das wohlgestaltete im Inhalt als 
gutes Geschenk (tuScupcv) einer wohlwollenden Gebe- 
rin in gutem, gemrUblicben Andenken zu bebaken. 

Ist doch gewifs allen teutschredenden schon dieses erfreu- 
lich, dafs, während der alten teutschen Kraftsprache die di- 
plomatische und beinahe die ganze vornehme Welt durch das 
französische Sprachgemisch untreu geworden ist und aufs neue 
immer mehr abtrünnig wird, die schönen und die wissen- 
schaftlichen Geister Dänemarks an das teutsche Sprachgebiet 
sich immer noch gerne anschJiefsen , und vom Particularismus 
weg lieber nach dem L/uiver.talismus der vielümfassenden 
teutschen Sprachkunst ihre Richtung nehmeri. Schade, dafs 
für Schweden die einst durch den fleformationSretter , Gustav 
Adolph, und durch Carls XII. Heldensinn so Wöbl verdiente 
einflufsreiche Theilnabme an dem teutschen Festland nicht auf 
ähnliche Weise eine bleibende Ursache geworden ist, alles, 
was allgemeiner, verbreitet zu Werden verdient, sich nicht in 
die einengenden Landesdialekte einsChlielsen , vielmehr das 
der Allgemeingültigkeit würdige auch lieber durch die allge- 
meinere Sprache kundmachen zu lassen. Wie sebr* ttittfste 
sich der geistige Völkerreichthuui Vermehren , wenn die Ver- 
schiedenheit der Dialekte eben so Weit von den mit der teut- 
schen Sprache verwandten Nationen allmälig entfernt werden 
könnte, als der Thurm zu Babel, das leidige Sprachverwir- 
rungssymbol, von uns allen lern genug ist» Und hätten denn 
nicht die teutschverwandten Völker alle, wie sie zwischen 

dem Franzöairen und dem SlavJschen so in der Mitte liegen, 

« 



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.Eidota , von <3ardthausen. Ö03 

überhaupt alle mögliche Ursachen , sieb desto enger und na f 
raentJich durch den festen Kern der Sprache, welche die Gleich- 
heit der Denkart zur Folge 'hat* an einander anzuschliefseiii 
um gegen Einströmungen von Westen und Osten desto kern- 
fester und selbstständiger sich gestalten und halten zii 
können ? 

Eingedenk* eines eben so wahren als flie/sehden Hexame- 
ters, welchen sogar der erste Gemeindevorsteher der christ- 
lichen Mutterkirche zu Jerusalem, der heilige Jaköhus, in 
seinem lehrreichen , praktischen Sendschreiben ah ächtsymboi 
lisch gebraucht hat, dafs 

jede Gabe des Guten und des Vollkommenen Schenkung 

•Karra hooti ayafy xai irav boj^fxa raXecov 
von oben, das ist, aus dem Höheren der Geistigkeit kommt j 
finden wir in unserer Ei-dora ? oder Eudora ? theils vollstän- 
digere, theils kleinere Gestaltungen und Geschenke dieser 
Art. Von jener Gattung sind — S. 3ö — 60. eine Reihen- 
folge von neun Romanzen: »die Königin Ingeburg c< $ 
unterzeichnet mit der ZiiFer L. A. welche durchaus etwas 
ton dem vorzüglichem gewährt. — S. 61 — 115. Die Sphinx 
in CaJJot-Hofmann'scher Manier, nach dem Dänischen des B. 
S. Ingermann, von H. Gardt hausen. Ein sonderbarer Versuch j 
Wahrheit und Irrthum zu mischen und doch scheiden zu Wol- 
fen. — S. 166 — 192. Reis'e von Cour unter Lausanne nach 
der höchsten Spitze des Juragebirgs , die Ddle genarfnt, vori 
Fr.B run, geh. Münter. Allen, Welche von den Ep i s o d e rt 
aus Reisen durch das Südliche Deutschland, die westliche 
Schweiz, Genf und Italien (Zürich l806. bei Orelli u. Füfsli) 
angezogen sind, eine willkommene Fortsetzung. Ueberall 
eine gefü hl volle Beschauung der Gegenstände, welche nicht 
ahnen Jäfst, dafs die Beohachterin in diesem Hinblicken auf 
das Aeufsere das Vergessen der Schmerzen Sucht, welche die 
Folgen ihres erhöhten Gefühlvermögens sind. So erschafft 
und bekämpft der empfindsame Geist seine eigene Leiden, — 
5. 255; Roswitha's Gedicht über die Gründung des Kloster* 
zu Gondersheim. Uebertragung aus dem Lateinischen, in 
Hexameter j deren manche, wenn nun einmal diese Uebertra- 
gung eine solche Form erhalten sollte $ eine sorgfältigere Bil- 
dung wünschen lassen. 

Von' den kleineren Gaben nennen wir nur einige, die uns 
vornehmlich ansprachen» wie aus den neugriechischen Lie- 
dernj S. 207. die * ch ö n e S ä n g e r i n , von Schmidt Phisel- 
deck,— S.l8 — 22. das Grab der Mutter j von Wilb; 
Jürgeseri _ Mehrere>öü der 4cbön ausgezeichneten Ziffer 

51* 



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Qq$ EMora , von Gardthausen. 

L. A., wie S. 226. die Edelsteine, S. 23. der Thau, 
vorzüglich aber S. 116 — 121. das Fest der Penaten. 
Diese 

* % — — Die traulichen , 
weniger mScbtigen , 
die nicht zerstören , 
die nur erhalten 9 
galt es, zu feiern. 

Seht, nicht sich selber 
ewig genügend, 
wohnen sie droben, 
vom Dank nicht erreicht. 

Sie suchen des Hauses 
beschränkende Räume, 
treu sich den Sterblichen , 
bülfreich erweisend, 
thronen am Heerde , 
seegnen die SpeUen , 
geben dem lallenden 
Säugling Gedeihn u. s. W. 

So sind sie des lieblichen Dankopferliedes gar sehr wertb. - 

Von manchen andern der kleinen Dichtergaben möchte der 

Sinnspruch von J. Nicolai S. 147. gelten : 

Wer die Menschen (genau) studirt, stöfst fast allenthal- 
ben auf Ecken, wie hei der Keilschrift. 

Wir gehen zum Scblufs noch etliche dieser denkwürdigen Cry 

»tallisationen attischen Salzes : 

S. 145. „Set. Helena steht in der Wasserwüste des Oceans, 
wie die grofse ägyptische Königspyramide in der Sand« 
wüste. Sinnend weilt der Erdenwanderer und gedenkt 

bei ihnen grofser entschwundener Zeiten. * 

S. 146. „Wenn die heilige Allianz (auch einst, wie 
alles Irdische) todt seyn wird, möeen Kreuzzüge genug 
geschehen , aber schwerlich Wallfahrten wie nach dem 
Grabe der Heiligen.« , 
Doch auch noch etwas weniger ernstes: 

S. 147. »Die falschen Locken (seidene, wie baarene.) 
scheinen, wo der Schönheit Herbst sich nahet, wie Doh- 
nen ausgehangen, um Krammetsvögel oder junge Gimpe' 
zu fangen.« 

Möchten solche Winke der Ironie mächtig genug seyn, d' e 



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I 

Pariser BluthochieU von Waehler. 805 

falschen Mode-JLocken zu verscheuchen und bedeutungsvolle 
Stirnen offen und frei zu machen., An »ich sind die Stirnen 
am wenigsten der Verstellungskunst unterworfen. Sollen sie 
etwa eben deswegen von solchen Maskirungen aus der andäch- 
tigen Musterzeit der gottseeligen Madame Maiotenon 
umhüllt werden ? 

20. Jul. 1826. Dr+ Paulus 



Die Pariser Bluth o chzeit^ dargestellt von Div Ludwig 
Waehler, Leipzig 18fc5. 117 Seiten mit den BeVazen^ die 
S. 05 — III füllen* 1 fl. 12 kr. 

Ein Franzose und Herr Wachler sind aus einer ähnlichen 
Veranlassung in diesen Tagen auf den Gedanken gekommen, 
den Gegenstand des oben genannten Buchs einzeln und beson- 
ders zu behandeln, wenigstens bat Hr, Waehler aus diesem 
Grunde dieses Stück aus den Schriften der pbilomathischen 
Gesellschaft besonders abdrucken und herausgeben lassen. Die 
Sache des Franzosen , wie seine Behandlung des Gegenstands 
ist indessen von der Sache und der Behandlung des Herrn 
Wachler verschieden, wie die Lage von Deutschland' und 
Frankreich es ist» In dem letztern Lande siebt man sich in 
Sachen des Glauben« uud der freien Aeusserung desselben 
durch politische Rücksichten auf Steljen im Staat und auf 
Fortkommen in demselben beschränkt, in Deutschland fürch- 
tet Herr Wachler nur, es möchten vielleicht Beschränkungen 
eintreten können. Der Franzose ist daher heftig und bewegt* 
Herr Wachler ruhig, forschend und hlos berichtend. Auf 
die Besorgnisse kommen Wir zurück; wir bemerken zuerst, 
dals ohne alle Rücksicht auf Zweck odtr Veranlassung es dem 
deutschen publicum gewifs angenehm seyn wird, dals einer 
der Veteranen unserer historischen Schriftsteller diesen Gegen- 
stand einzeln hat behandeln wollen. Herr Wachler gehört 
bekanntlich unter die Wenigen, die das ganze weite Gebiet 
der humanistischen und historischen Wissenschaften über- 
sehen, und die Literatur vollständig kennen. Ein einzelner 
Gegenstand von solchen Männern behandelt wird uns. immer 
das Ganze von einer gewissen Seit« zeigen, und wir. werden 
stets die Beziehung des Einzelnen zum Ganzen und umgekehrt, 
ans solchen Darstellungen und durch dieselben kennen lernen, 
was für diejenigen, welchen zum Lesen nicht viel. Zeit übrig 
bleibt, gewifs sehr erwünscht ist. Herr Wachler bat nicht 

< 



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8 06 Fariser Bluthochzeit von Wachler. 

LIos die Geschichte der Bluthochzeit selbst , sondern alle vor- 
hergehende Begebenheiten von 1559 bis 1572 kurz dargestellt, 
lind zwar mit grofser Klarheit und Ruhe, ohne alle Declama- 
tipn, offene Parteilichkeit oder Widerwillen gegen einzelne 
Personen. Selbst in Davila und de Thon wird man diese Ge- 
schichte nicbt mit so ungestörtem Genufs, und ohne von der 
Hauptsache auf Nebendinge geleitet zu werden , lesen können , 
als in dieser Skizze. Die Geschichte der Religionsunruhen 
^n Frankreich ist unstreitig Liacretelles bestes Werk, er hat 
aber doch den Franzosen und Schönredner nicht verleugnen 
können. Freilich braucht es Kunst, um eine solche Reihe 
von Cab'alen , Tücken, Mordanschlägen , Treulosigkeiten, er- 
träglich zu machen. Davila, ist unerträglich, weil er Alles 
weifs, Alles erklärt, und überall die Bösen schlimmer, die 
Ränkesüchtigen noch verschlagener macht, als sie in der That 
sind. Herr Wachler erzählt ruhig, er forscht treu , er bat aus 
den Quellen geschöpft, und nicht Mos Davila, de Thou und 
Lacretelle befragt, er bleibt aber immer seines Zwecks einge- 
denk, dem gröfseren Publicum einen gründlichen, jedoch 
leicht lesbaren Bericht zu geben. Es würde ganz überflüssig 
seyn , dem Verf. im Einzelnen zu folgen; man wird schon 
von seihst überzeugt seyn, dafs ein Mann, wie Herr Wach- 
ler, seine Quellen zu benutzen versteht, und seines .Stoffs 
Meister ist j wir wollen lieber den Lesern unsere Meinung 
über die Veranlassung der Schrift mittheilen. Herr Wachler 
sagt nämlich in seinem kurzen Vorworte: Da es den Anschein 
bat, dafs Einige jetzt schon nicht mehr im Verborgenen daran 
arbeiten, veraltete gemeinverderbliche , kirchliche und gesell- 
schaftliche Vorurtheile, Irrthümer und Mifsl)räuche wieder 
aufleben zu lassen , nm das Fortschreiten zur reineren und 
höheren Bildung des Geistes undGemüthes zu hemmen, welche 
Bestrebungen der Selbstsucht keinem gleichgültig sind, dessen 
JJerz für die Menschheit schlägt ; so kann für zeitgemäfs er- 
achtet werden, von den vielen warnenden geschichtlichen Er- 
fahrungen über Wurzeln und Früchte religiös - sittlichen 
Wahns, und fanatischer Rohheit eine auf das Neue zu veran- 
schaulichen, und die daraus abgeleitete Nutzanwendung der 
Selbsttätigkeit unbefangener Leser zur Betrachtung anheim 
zu geben. Ueber diesen Satz wollen wir einige Bemerkungen 
hinzufügen, weil es eine viel besprochene, dem Historiker 
sehr wichtige Angelegenheit betrifft. Die Thatsache selbst 
wollen wir, um nicht in unangenehme Erörterungen eingehen 
zu dürfen, und nicht Dinge wieder zur Sprache zu bringen, 
die schon genug besprochen sind , als unausgemacht, als urj- 



Pariser Bluthochxeit von Wachler. 807 

gewifs annehmen, und nur fragen, was, im Fall die Sache 
ibre Richtigkeit hätte, zu fürchten oder nicht zu fürchten 
seyn dürfte i Dafs üher Deutschland, das nördliche Frank- 
reich und ahnliche Länder sich Spanische Blindheit verbreiten 
könne, scheint uns unmöglich hei der verbreiteten allgemeinen 
Bildung und den vielerlei Büchern, welche in ganz andern 
Grundsätzen leicht und angenehm geschrieben sind, - und sich 
in Aller Händen befinden. Dafs die Jesuiten und mit ihnen 
eine Bt-kehrungswuth und thörichtes Abfallen von reinerer 
Lehre zum Aherolatiben herrschend werden könne, scheint uns 
aus vielen-Gründf n höchst unwahrscheinlich , weil die Jesuiten, 
Welchen Einflufs sie auch in Frankreich halten mögen , Weder 
ihre alten Besitzungen, noch ihre alte Stellung wieder erlan- 
gen können. Mordgeschichten, Bluthochzeiten, Ketzerver- 
brennungen haben wir unter einem Geschlecht voll falscher 
Gefühlsamkeit , das weder das Böse noch das Gute kräftig 
wollen kann , nicht zu fürchten; vor Mörtchthum schützt uns 
unser Militärwesen , der Zustand der Finanzen und besonders 
der Weltsinn eines für fade Geselligkeit durch oberflächliche 
Bildung eingenommenen Geschlechts. Den Einflufs des Ro- 
mischen Hofes werden die Staatsmänner, seihst wenn sie auch 
sonst eine geistliche Macht nicht ungern s.'ihen , flicht leicht , 
wieder zu einer furchtbaren Höhe kommen lassen ; und blos 
rein geistlichen Einflufs, für diejenigen, welche daran glau- 
ben, und vorausgesetzt, dafs Niemand anders darunter leide, 
Wörden wir, sobald einmal eine Volksreligion besteht, de- 
ren Glaube stets innerhalb bestimmter Grenzen bleiben mufs, 
wenn er auch aus Korn käme, nimmer verwerfen, wenn er 
auf Glauben beruht, und sich nur auf Dinge der anderen Welt, 
die blos im Glauben Existenz haben, bezieht. Die Gefahr 
scheint uns von einer andern Seite her und auf eine andere Art 
2u drohen. Wir setzen den Fall, den wir in Deutschland 
nicht für möglich halten, es gäbe schwache Menschen, die 
ihren und ihrer Genossen Glauben für allein beseeljgend hiel- 
ten, diese würden von den Regierungen unterstützt , sie fän- 
den, dafs viele aus allerlei Gründen ihre Parthei nähmen und 
den freier Denkenden und Redenden als eine Art von Pestkran- 
ken betrachteten ; was würde erfolgen ? Sie würden ihrHaupt 
empor beben, sie würden, eine Scheidewand zwischen Gläubi- 
gen und Ungläubigen ziehen , sie würden donnern und ihren 
Bannfluch oder ihre weinende Klage des Erbarmens über jeden 
ergehen lassen, der nicht spräche wie sie. Wie sollten sie 
das nicht? Wie bequem ist nicht eine Widerlegung durch 
Ohrfeigen oder Seufzer! Die Folge davon würde seyn, dafs 

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8ü8 Pariser Bluthochzeit von Wachler, 

jeder Verständige, der den Volksglauben ehrt und achtet, , 
sich aber nicht dazu bekennt , wvil er nicht durch kleinliche 
Gebräuche, Formeln und Lehrhestimmungen , sondern auf 
anderem Wege zu Gott kommen will, ganr, von d«?r Gemeinde 
ausgeschlossen würde , dafs zwischen ihm und denen 9 die dem 
Volksglauben anhiingen , bittere Fehde und Feindschaft ent- 
stände. Dus würde dann unfehlbar früher oder spater den 
blindesten Aberglauben oder den wildesten Unglauben über 
die künftigen Geschlechter bringen, weil zwischen Glauben 
an Alles und blindlings glauben und zwischen dem Nichts 
glauben kein Mittelweg offen wäre. Dafs dies irnrner der Fall 
ist, wo der eine Theil der Zeit vorauseilen, der andere weit 
-hinter ihr zurückbleiben will, Mirt. d<n, der es etwa nicht 
schon weils, die Geschichte der Englischen und Französischen 
Revolution deutlich. Die Masse der Menschen kann nur für 
Extreme gewonnen werden, die Zahl der Verständigen in der 
Mitte itt stets klein, und sie sind immer in ecclesia pressa. 
Wäre nun wirklich ein thörichter Plan und eine tolle Hoff- 
nung von gewissen Leuten gefafst, als könne bei verändertem 
Leben, Sitten, Denkart, Zustand das Alte wieder zurück- 
kehren» was würde erfolgen? D^ Einen würden, wie vor 
Alters, klatschen, still und freundlich verläumden, die Achsel 
zucken , leise und unmerklich auf Absichten deuten, wo keine 
wären, den Freund vom Freunde, ja die Familien selbst um 
des Himmelreichs willen trennen; die Andern würden, wenn 
sje öffentlich nicht -dürrten , heimlich gegen die Verfolger sich 
wehren, schimpfen, spotten, Anhang, Gewicht, Einßufs in 
der Nation gewinnen, die immer der ecclesia pressa zugewen- 
det ist. Dies würde den Neid reizen, und je armseeliger! und 
schleichender die Verfolger wären, desto bitterer würde ihre 
Verfolgung seyn , weil sie überall und nirgends sich fänden, und 
weil die Zahl der Schwachen Legion ist* Vereinigten sich nun 
mit diesen Schleichern andere kräftigere Menschen, unwissen- 
schaftlich, aber tüchtig und brauchbar, denen das Qerede und 
Denken und die dadurch zu erlangende Wichtigkeit fatal wäre-, 
die dadurch in ihrer alten Weise und ihrem Schlendrian ge- 
stört würden, und schlössen sich* an diese alle die an, die in 
ihrer Weichlichkeit und Verwöhnung nicht geneckt, in ihren 
süfsen Träumen nicht unsanft geschüttelt seyn wollten, end- 
lieh alle die, welche, wie Mercur im Plutus des Aristophanes, 
sich herzlich wenig um die Menschheit, aber gar viel um sich 
seihst bekümmern , was würde geschehen? Die Einen wür- 
den freies Denken für Unglauben, unabhängigen und stolzen 
Sinn, Reizbarkeit und Heftigkeit für Empörung und Unruhe* 

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Pariser Bluthochzeit voo Wachler, 809 

Stiftung erklären, die l'olizei für ihre Albernheiten an- 
rufen, dadurch einen allgemeinen Unwillen erregen , und 
die von allem Partheiwesen Abgeneigten nöthigeri , die 
Parthei der Kraft der der Et biirrnlichkeit vorzuziehen , und 
lieber rühmlich und vom Volke beklagt unterzugehen, als 
zwischen armen Sündern und Schurken elend und ruhmlos zu 
leben. Dies wäre freilich ein Extrem, Es lilfst sich nicht 
wohl denken, wild man erwiedern , dafs auch die Guten Par- 
thei machten; allein die Geschichte lehrt das Grgentheil, und 
geschieht di.es im Stillen, füllen sich die Gemüther mit Aerger 
und Yerdrufs, dann desto schlimmer. Feuer über der Eni« 
vertilgt nur einzelne Städte und Dörfer, das Feuer aber, das 
Jahrhunderte hindurch, ohne dafs man es ahnet, unter der , 
Erde brennt, vernichtet, wenn es endlich ausbricht, ganze 
Landschaften, und begräbt Tausende von Menschen auf ein- 
mal in den Abgrund. Man denke an Calabrien und Lissabon. 
Man glaube nicht, dafs, um solches Aergernifs im Volk zu 
erregen , Leute, die wir mit Dante die sciagurati che mai non 
für vivi nennen, die bei ihm die Vorhölle bevölkern, zu un- 
bedeutend seyn würden. Nein, gerade diese am ersten erre- 
gen den Unwillen der Besseren und des kräftigeren TheiU 
vom Volke, sie erscheinen nie ohne einen Trupp von Schüt- 
zern, von deren Füfsen sie den Staub lecken, und von Clien- 
ten, mit deren Leibern sie sich decken, und reizen zu einem 
desto gröfseren Unwillen, je weniger ihnen beizukommen 
ist, je leiser sie alle Handlungen und Reden ihrer Gegner im 
Kreise der Weiber und weibischer Männer mit christlicher 
Milde und Sanftmuth zum Bösen, die ihrer Freunde zum Gu- 
ten zu deuten verstehen. Dies scheint uns bis jetzt übrigens 
in Deutschland, wo man, so viel wir wissen, Niemanden 
seiner Meinungen wegen absetzt, weniger gefährlich , als in v 
Frankreich, wo dies allerdings geschieht , und vielleicht sogar 
geschehen mufs. Sollten wir aber nicht alle mit Hrn. Wach- 
ler beten : di, meliora nobis , errorem hostibus illum ! wenn 
wir auch nicht mit ihm glaubten, dafs dies Gebet dringend 
nöthig sey? Nimmer müsse man unter uns fragen, was 
nifint oder was glaubt er, welcher Sinn 1 Ü l's t sich in seine 
Worte legen, nie müsse man angesehene Münner fflr Teufels- 
kinder erklären, und den, der mit ihnen umgeht, für einen 
Verdächtigen, nie müsse man Quarantaine -Hänser für die 
durch Lehre Verpesteten anlegen! Es werde überall nur ge- 
fragt, was thut er, welcher Sinn liegt geradezu in seinen 
Worten ? Wird di*s je anders, dann fischen elende Schächer, 
Schurken und Selbstsüchtige im Trüben ; der Gute geht unter. 

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Ö10 Becker, Viriath und die Lusita iiier. 

Denen, welche sich um die Menschheit wenig bekümmern, 
ist Glaube und Ueberzeugung aus Gründen auf gleiche Weise 
lächerlich , sie wechseln mit der Mode die Kleidung und die 
Lehre, sind in einem Jahre fromm und im andern frei denkend, 
wie es der Ton der Gesellschaft fordert , in welcher sie leben; 
ihnen ist der Mann von Grundsätzen einer von den Narren, 
die in allen Dingen vernünftig sind, bis auf die eine fixe 
Idee, diese fixe Idee ist ihnen der Glaube. Wenn diese 
Leute und mit ihnen die Erbärmlichen aller Art emporkom- 
men, dann gehen alle offene, aufrichtige, treu«- Menschen 
unfehlbar unter. — Wir wollen dieses peinliche Thema nicht 
weiter fortsetzen, weil wir ein Feld beackern, das uns nur 
Dornen zur Frucht giebt. 

Non frondi verdi , ma di color fosco, 
Non rami schietti, ma nodosi e* nvolti , 
Nun pomi vi sun, ma stecchi con tosco. 

Wir hoffen indessen, dafs Herr Wachler es gern sehen wird, 
dafs wir dem Publicum, das er zum Nachdenken über den Ge- 
genstand auffordert, aus gebührender Achtung und alter 
Freundschaft für ihn vorangegangen sind, jetzt mögen die An- 
dern auch das Ihrige thun. 

Schlosser* 



Viriath und die Lusitanier, nach den Quellen bearbeitet von 
Dr. ü. J. H, Becker. Altoua, bei J. F. Hammerich. 1826. 
129 $*. 1 fl. 3 kr. 

Wir verbinden mit der Anzeige der vorhergehenden klei- 
nen Schrift die obengenannte, die ebenfalls V/Oii einem alten 
Bekannten herrührt, so dafs man, wenn auch etwas zu kriti- 
siren darin wäre, doch diese Kritik von uns nicht ei warten 
miifste. Die Bescheidenheit des Verfassers ist eben so lobens - 
als liebenswürdig, denn er ist kein junger Mann oder Anfän- 
ger , wie es nach der Vorrede scheinen könnte, sondern seit 
vielen Jahren ein sehr tüchtiger Lehrer. Er hatte in Dahl- 
manns Forschungen auf dem Gebiet der Geschichte Vorarbei- 
ten zu einer Geschichte des zweiten Punischen Kriegs bekannt 
gemacht, welche auch einzeln verkauft werden, und will ge- 
genwärtig in ähnlichen Heften, wie das oben angeführte, die 
ganze Reihe Römischer Kriege in Spanien behandeln. Zu- 
nächst die im diesseitigen Spanien und den Fall von Numanz, 
dann den Sertorianischeii Krieg und die Unterjochung de& 



Becker , Viritlb und die Lpsitanier* $11 

m 

Laodes durch Augustus. Er öufsert in dieser Rücksicht den 
ganz vortrefflichen Grundsatz: er, als Lehrer der Geschieht«, 
Balte es für viel passender, für die Ergründung oder Bearbei- 
tung eines einzelnen merkwürdigen Abschnitts seine Muhe 
anzuwenden! als für die Zusammenstellung «-iues Geschichts- 
compendiums, womit d4e historischen Studien zu beginnen 
seit einiger Zeit beinahe Sitte geworden Sey, statt dafs 
es rathsamer würe , mit dergleichen ein viel jährig es, ernstes 
historisches Studium zu beschUefsen und zu krönen« Die 
ersten zwei und fünfzig Seiten des Buchs sind so geschrieben, 
dafa sie mit den andern Hefcen verbunden eine angenehme, 
heiehrende und gründliche Leetüre geben; den liest des Buchs 
füllen ausführlichere Bemerkungen, Erläuterungen und Unter- 
suchungen über einzelne Funkte. - Wie gesund das Urtheil 
und die Kritik des Verfassers ist, wird man aus dem sehen, 
was er über Bossi's Geschichte von Spanien und die deutsche 
Uehersetzungsw-uth sagt. Wer Bossi kennt, w*r weifs, wie 
er, die Geschichte seines eignen Landes zu der Zeit, die er 
durchlebt hatte, behandelt, wer den Funkt kennt, auf dein 
die Italiener .überhaupt stehen, wenn von Forschungen über 
alte Zeit die Hede ist, der wird von einem Italiüner unserer 
Zeit keine Forschungen erwarten, wie sie ein Humbold an- 
stellen würde, und zum Theil in seiner bekannten Arbeit an- 
gestellt hat; ohne diese rnufs aber alles Zusammentragen blos* 
«es Compiliren bleiben. Einen einzigen l*unkt mochten wir 
dem Verf. zur Betrachtung vorlegen. Wir glauben, es könnte 
wohl in solchen einzelnen Abhandlungen • der wortliche Ab- 
druck sehr langer Stellen aus Strabo , Li vius , Diodor u. s. tV. 
unterlassen werden. Unter dem Text in Büchern, die das 
Ganze umfassen , consequent und mit Einsicht durchgeführt, 
scheint es uns sehr passend , um die ganze Reihe der den Be- 
gebenheiten gleichzeitigen Schriftsteller für den ersten Anlauf 
aus einzelnen Aeufserungen zu zeichnen , und sie gewisser- 
malsen redend einzuführen, in Anmerkungen und weiteren 
Ausführungen scheint es uns unnöthig. Der Leser solcher 
Anmerkungen wird gewifs auch die Schriftsteller besetzen, 
und durch Aufschlagen einer einzelnen Stelle nicht ermüdet 
werden, wie das in einer allgemeinen Geschichte der Fall seyn 
würde, wo er immer ein Buch nach dem andern zur Hand 
nehmen müfste, was gewöhnlich nur derjenige thut , der 
Yiber denselben Gegenstand ein Buch schreiben will, und ein 
solcher ist bekanntlich nicht gerade derjenige, den man am 

ersten wahrhaft belehren kann. Uebrigens wird gewifs das 

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• 1 

S 1 2 Eckerle Lehrbuch der Naturgeschichte. 

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Publicum mit uns wünschen, dafs der Herr Becker die Heraus- 
gabe dieser Hefte fortsetze, welche ganz besonders .Lehrern 
sehr willkommen seyn müssen. 

Schlosser, 



Lehrbuch der Naturgeschichte , zum Schul - und Selbstunter* 
rieht bearbeitet von PT?. W* Ec ke rl e , Professor am Lycenm 
zu Rastatt» Heidelberg nnd Speyer , bei August OfswalJ. 
1825. 8. 5 fl. 24 kr. 

Da die Gesetze dieses literarischen Instituts uns eine 
Kritik dieser inländischen Schrift versagen, so genüge eine 
Anzeige von derselben. Der Verfasser giebt in dieser Schrift, 
wie auch in seinen übrigen, zunächst für den Schulunterricht 
bestimmten, Werken dem gelehrten Publicum keine neue Ent- 
deckungen oder neue Ideen, sondern aus Allem ergiebt sich, 
dafs sein Bestreben dahin gehe, das Wichtigste von dem schon 
Bekannten herauszuheben, auf eine leicht fafsliche Art zusam- 
men zu stellen , und so auch diese Wissenschaft den Lehr- 
gegenständen der höheren Volksschulen anzureihen. Nach 
einer kurzen Einleitung, worin er von der Eintheilung der 
Naturkunde, von den Himmelskörpern, von der Beschaffen- 
heit unserer Erde im Allgemeinen, von dem Unterschiede der 
organischen und unorganischen Körper spricht , beginnt er 
mit dem ersten Theile seiner Naturgeschichte , mit der Mine- 
ralogie. Die Mineralien bringt er, nach der alten, zuerst 
von Avicenna befolgten Eintheilung, unter folgende vier Clas- 
sen : 1) Steine und erdige Fossilien , 2) Salze, 3) sogenannte 
brennliche Mineralien, 4) Metalle. Die Terminologie (Glos- 
sologie) ist die der Werner'schen Schule und, wie irn ganzen 
Werke, deutsch. Diese obigen vier Classen sind wieder nach 
der alten Schule , und besonders mit einigen Abänderungen 
von Blumenbach, in Geschlechter, Arten, Ab- und Unter- 
arten gebracht, die Arten nach Werner'scher Benennung aul- 
gezählt und beschrieben. Obngefähr die zwei letzten Drit- 
theile des ersten Bandes enthalten die Botanik. Diese beginnt 
mit dem theoretischen Theile, worin von den Theilen|der 
Pflanze, etw.?s von ihrem anatomischen Baue und von der 
Pflanzenterminologie gehandelt wird; dann folgt das Linne*« 
sehe Sexualsystem. Sehr wäre zu wünschen gewesen, dafs 
der Verf. hier die neueren nar tii lieben Systeme eines Jussieu, 
Decandolle u. a. m. erwähnt hätte. Es folgt dann der piakü- 



I 



Zompt lateinische Grammatik. öl 3 

• ( 

sehe Theil. Dieser enthält die Beschreibungen der in Deutach- 
land wild wachsenden und der wichtigsten ausländischen Pflan- 
zen, die nach dem Linne'schen Systeme in Gassen, Ordnun- 
gen u. s. w. gebracht sind. Man findet fast alle in Deutsch- 
land wild wachsenden Phanerogamen hier beschrieben , in der 
Kryptogamie aber hat der Verf. fast alle Gattungen beschrie- 
ben, und von jeder dann einige Species ausgehoben. Der 
dritte Theil, welcher die Zoologie enthält, wird nächstens 
die Fresse verlassen. 

Diese Naturgeschichte begleiten noch sechszehn Tafeln 
in Steindruck, mit sehr wohl gelungenen und fleifsig ausge- 
führten Abbildungen theils einzelner Fflanzentheile z-um bes- 
seren Verständnisse der Terminologie , theils von Kryptoga- 
men , um ihren Totalhabitus besser kennen zu lernen 9 der 
merkwürdigsten Thiere und ihrer einzelnen Theile. 



Lateinische Grammatik von C, Ö» Zumpt. Fünf te Ausgabe. 
Berlin , bei Ferdinand Dämmler. 1826« IV und 643 S. nebst 
8 Seilen Anhang. 1 Thlr, 4 Gr» 

Die Geschichte dieser Grammatik ist ganz die der grie- 
chischen von Buttmann. Aus selbstständiger Forschung her- 
vorgegangen, anfangs auf sehr beschränktem Räume, wächst 
sie mit jeder Auflage an Volumen; und schon ist auch, wie 
seit mehreren Jahren von der Buttmannscben, ein ^uszug aus 
der für Anfänger als zu voluminös erachteten Zumptschen 
Grammatik vor zwei Jahren in demselben Verlag erschienen, 
durch dessen Herausgabe der Verf. in der Erweiterung und 
Vervollständigung des grösseren Werkes weniger beschränkt 
iät. War die dritte Ausgabe (1823) schon fast doppelt so 
stark (556 S.) als die zweite; enthielt die vierte (1824) 
schon 588 Seiten, so erscheint diese fünfte nach einem so 
kurzen Zwischenräume abermals bedeutend bereichert, und, 
wir dürfen es sagen > nicht nur durch die Bereicherung, son- 
dern auch im Innern durch man he klarere Darstellung und 
verschiedene Umstellungen einzelner Parthieen, gewöhnlich 
mit Erweiterungen verbunden, bedeutend vervollkommnet« 
Referent hat schon einmal fira Jahr 1824) über diese Gramma- 
tik in diesen Jahrbüchern Bericht erstattet, und sie mit der 
Hamshornschen verglichen ; findet es aber zweckmäfsig, hier 
theils für den Verf., theils für die zahlreichen Freunde seines 

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8l4 Zumpt lateinische Grammatik« 

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80 ausgezeichneten und werthvollen Werkes, neue Bemer- 
kungen über dasselbe niederzulegen. Dafs der Verf. die Vor- 
reden der früheren Aufgaben weggelassen, und der neuen 
Ausgabe nur wehige Zeilen als Vorwort mitgegeben hatj 
können wir nicht ganz billigen. Man entbehrt nun, Wenn 
man nicht, wie Ref. , die früheren Ausgaben vor sich hat, 
gleichsam die Geschichte des Buches, die Angabe der Grund- 
sätze, von denen der Verf. ausgieng , des Bedürfnisses , aus 
dem das Werk entsprang; man kann dies öder jenes, was 
man in andern Grammatiken findet, und hier nicht, als einen 
Mangel betrachten, da es doch der Verf. absichtlich und aus 
Gründen ausschlofs; man kann endlich manchem Angenomme- 
nen sein Recht in einer Grammatik streitig machen, und es 
entweder in das Lexikon oder in specielle Werke über Theile 
der Grammatik Verwiesen wissen wollen: auf dies und Aehn* 
liches würden die früheren Vorreden, oder ein Auszug aus 
denselben, Antwort ertheilen. 

Erhebliche Veränderungen des Ganzen und Wesentlichen 
haben nicht Statt gefunden. Eine bedeutende Verbesserung 
der Einrichtung müssen wir indessen hier gleich erwähnen; 
nämlich, dafs die oft (wie in Ramshorns Grammatik) unver- 
bältnifsmäfsig längen Paragraphen jetzt Capitel genannt sind, 
durch das ganze Werk hindurch nun aber kürzere Randpara- 
graphen, l>57 an der Zahl , fortlaufen, die, wenn sie, wie in 
der Bröderschen Grammatik, für die folgenden Ausgaben bei- 

•DO 

behalten werden, dem grofsen Uebelstande etwas abhelfen 
werden, den jetzt der Besitz verschiedener Ausgaben der 
Zumptschen Grammatik in den Händen der Schüler beim Citi- 
ren veranlafst. 

AVie sehr der Verf. bemüht ist, sein Werk der Idee, die 
ihm vorschwebt, etwas näher zu bringen, hat Ref. unter an- 
dern auch daraus erkannt* dafs eine grofse Menge von kleine- 
ren Bemerkungen , die er sich zur vierten Ausgabe gemacht 
hatte, durch die fünfte überflüssig gewordert ist, weil Hr. /• 
entweder selbst auf ähnliche Verbesserungen gefallen, oder 
voii Andern ihm eine Mittheilung gemacht wurde, die Ret., 
durch die gehäuftesten Geschäfte gehindert, zu machen bisher 
abgehalten wurde. Doch ist ihm noch eine Nachlese gehlie- 
hen, der er eine freundliche Aufnahme von Seiten des Veif. 
wünscht, da die Darlegung derselben nicht aus der Neigung 
zu tadeln, oder der Anmafsung des Besserwissen wollens, son- 
dern aus dem Wunsche hervorgeht j etwas zur Vervollkotnm- 



Zumpt lateinische Grammatik. 



nijng eines Buches beizutragen^ das sich auch bereits im Aus- 
~ lande Achtung erworben bat* Dafs Hr. 2. tbeils seine Leetüre 
der Klassiker erweitert, theilt die neuesten Commentare und 
äie Schriften Über grammatische Gegenstände fleifsig studirt , 
siebt man überall ; jenes unter andern an dem Einflüsse , den. 
s-ine neue Bearbeitung des Curtius^ der soeben Von ihm Viel« 
fach verbessert erschien, gehabt bat; dieses ^ da£s er sogar 
kleine neuere Schriften anführt* wie z. B, Nie. Bygöm Karup 
De natura et usu Imperativi apud Latinosj Hafniae 182$. 
22 S. 8; eine vorzügliche Abhandlung» die dem lateinischen 
Imperativ das Fräsens und Futurum wieder vindicirt* und der 
Hr. Z. S. 45Ö bis 461. mit Recht gefolgt ist * wodurch das 
ganze neun und siebzigste Kapitel (ehemals §.) eine Umarbei- 
tung erlitten hat. S. 411. §. 510. wird sogar ein Buch citirt f 
das unseres Wissens bis jetzt (Ju). 1826) noch nicht erschie- 
nen ist* ob es gleich schon im Juh. 1823 als bis auf wenige 
Bugen fertig angekündigt Würde. Er führt nämlich an; Hein- 
rich zu Cic. de Rep p. 48 sejej» > auf welches Buch die sich für 
den Cicero interessirende gelehrte Welt nun schon so lange 
und mit gerechter Sehnsucht wartet , da die Ausgabe des blos- 
sen Textes, die seit länger als drei Jahren in unsern Händen 
ist, etwas dem Aehnliches erwarten läfst , was Hr. H. an 
einem früheren Funde des A. Majus leistete. Wahrscheinlich 
ist ein Exemplar von Bonn nach Berlin gekommen , während 
noch keins den Weg nach dem südlichen Deutschland gefunden 
zu haben scheint, 

Ref. bat bei Vergleich ung der fünften mit der vierten Aus* 
gäbe über hundert kleinere Zusätze von Bedeutung und über 
fünfzig. gröTsere bemerkt, die er jedoch nicht aufzählen, son- 
dern nur empfehlen will, um Raum für die Mittheilung von 
Bemerkungen zu gewinnen, ohne das Maafs einer Anzeige für 
den beschränkten Umfang dieser Blätter Zu überschreiten. 

S. 127. §. l4l. freru Schüler wird die Construtjtion von 
uterque deutlicher, wenn man ihm sagt , es heifst E i n e r (s o 
gut) wie der Andere} denn daraus wird ihm auch klar* 
dafs der PJuraliS dieses Wortes nur stehen Söll* Wenn man 
denken und sagen kann: die Einen (so gut) wie die 
Ändern. 

S. 224» schreibt der Verf. Di'minntiva, und so oft. Viel- 
leicht thäte er (nach Schütz im Lex. Cic. v. diminuere) doch 
besser » mit Ramshorn, O. Schulz und Andern Diminutiva 7.11 
schreiben. S» 247. konnte unter den Formen von forte auch das* 



Di 



öl 6 Zumpt lattiniiohe Grammatik. 

freilich noch zweifelhafte , fortan bei Cic. de Rep. III. 35* er- 
wähnt werden. — S. 250. §. 275- sollte auch der Unterschied 
von alioqui und ceteroqui angegeben seyn. — S. 293. §. 337. 
steht immer noch, que — que sey nur bei Dichtern üblich, 
mit der Ausnahme bei dem Pronomen relativum: aber es steht 
ja bei Sallust Catil. 9* seque remque publicam, wo Corte 
(S. 61.) noch mehr Beispiele giebt, — S. 315. §. 367. gegen 
das £nde 9 würden wir sagen : die Stellen bei Livius werden 
am klarsten, wenn der Schüler die Worte suo quisque tem- 
pore und altus in aliam partem castrorum in Gedanken zwi- 
schen zwei Commata oder in parenthesi set2t. — S. 3i8. $ m 370. 
Zu der Apposition urbs Athenae, pisces signuin hat Ref. fol- 
gende Warnung nöthig gefunden : die Apposition urbs Athenae 
gebt eigentlich nur im Nominativ an, und scheinbar auch im 
Genitiv, urbis Athenarum, wo aber Athenarum eigentlich 
schon der Objectsgenitiv von urbis ist, der auch bei urbi, 
urbem , urbe steht. In zwei von einander getrennten Sätzen 
kann die Apposition auch in den andern casibus vorkommen; 
ib. B. vivebat Atheniij urbe tunc celeberrima. — S. 320. §. 373. 
läfst sich bemerken, a) dafs das irn Plural gesetzte Verbum bei 
beneficium et gratia diese Begriffe gleichsam personilicire ; 

b) dafs in dem Ausdruck tempus necessitasque postulat die 
beiden Substantive im Grunde ein ev hil 6js7v Seyen, und 

c) dafs bei vita, mors, panpertas Cicero den Dural gesetzt 
haben würde, auch wenn divitiae nicht dabei stünde. — 
S. 321. §-373. bei der Ciceronischen Stelle: dixit hoc apud 
vos Zosippus et Isinenias , homines nobilissimi , läfst sich der 
Singular von zwei Subjecten so erklären, dafs Cicero anfangs 
nur den Zosippus im Sinne gehabt; als er aber den Isinenias 
beizusetzen für gut gerunden , beide durch das gemeinschaft- 
liche homines nobilissimi verbunden habe. — S. 325 f. §.381. 
Die Lehre, wie das deutsche man im Lateinischen auszu- 
drücken sey, finden wir in der fünften Ausgabe vollständi- 
ger | wir theilen indessen doch mit, was wir uns zur vierten 
angemerkt hatten. 



(Der Beschlujs folgt.") 




N- 52. 1826, 

Heidelberger 

- 

Jahrbücher der Literatur. 



Zumpt lateinische Grammatik« 

r 

(Beschhtfs.) 

a) Scbliefst man sich seihst mit ein, dann setzt man die 
erste Person im Pluralis : quae optamus , credimus ; b) schliefst 
man sich aus, so setzt man die dritte Person im Pluralis : Ho- 
merum caecum fuisse falso perhihent; c) schliefst man sich 
zwar nicht atis, deutet aher an, data ein Anderer oder jeder 
Andere in dem Fall seyn könne, so setzt man die zweite Per- 
son des Singulars: crederes de coelo delapsum; d) ist man 
soviel als irgendjemand, so sagt man aliquis oder quis- 
piam; z. B. at, dicat quispjam, tu non interfuisti; e) nach si , 
wenn der Jemand ganz unbestimmt bleibt, folgt quis : z. B< 
quod si quis me non vidisse existimat, fallitur; f) will man 
gar keine Persön andeuten, sondern nur sagen, dafs etwas 
von den Leuten geschehe, so setzt man das Passivum: Aesopus 
servus fuisse traditur; überhaupt ist dos Passivum die eigen* 
thumliche Ausdrucksweise des deutschen man, welches man, 
auch ohne dafs die obigen Ursachen Statt finden, bei dem De- 
ponens verlassen mufs. Zu dem passiven Ausdrucke des man 
gehören auch alle Verba impersonalia passiva ; g) endlich fin- 
det sich sogar inquit, ohne Subjectsbezeichnung, in der Be- 
deutung sagt man; wo aber der Zusammenhang entweder 
aliquis oder adversarius oder etwas dergleichen errathen lassen 
mufs. — S. 337. §. 394. Der Grund, warum man sagt certio- 
rem facere und meliorem feddere, eher als certiorem reddere 
und meliorem facere, scheint der* weil der Lateiner im ersten 
Falle denkt, einen gewisser machen (als er ist); im zwei- 
ten denkt er aeeepi eum pejorem , jam reddo eum meliorem. — 
S. 367. §. 437. extr. stünde besser , JCtus Sey die gewöhnliche 
Abbreviatur von jurisconsultus , als , dieses heifse abgekürzt 
ictus. — S. 338. §. 296. Ablative von der Dauer der Zeit 
«eben auch Justin. 33, 2, 6. ~ S « 370. §. 441. Reifst es: 
»doch sagen wir auch : ihn jamm erte des Volks". Aber 

XIX. Jahrg. 8. Heft, 52 



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8 1 8 Zurapt lateinische Grammatik. 

wir sagen eigentlich nicht so, sondern es ist ein Latinismus, 
dergleichen der deutschen Sprache aus der Vulgata im Mittel- 
alter und auch durch Luthers Bibelübersetzung manche ein- 
geimpft oder aufgedrungen worden sind. - — S. 371* §• 444. 
„hujs n0 » facio: ich halte es nicht so viel werth*, sollte 
gedruckt seyn: ich halte es nicht so (mit einem Zeichen oder 
einer Gesticulation) viel Werth. — S. 36% §. 462. Das Ge- 
nauere möchte über diese Sache vielleicht Folgendes seyn : die 
Adjectiva, die ein Voll- oder Leerseyn von etwas bezeich- 
nen, haben eigentlich einen Ablativ; wo ein Genitiv sich fin- 
det, ist die Construction griechisch, wie bei irAe'o;» woher 
auch plenus kommt. — S, 376. §. 451. Der Grund, warum 
der blofse Ablativ der Person bei den Participien der Verbb. 
erzeugt werden (natus, editus, genitu», ortus , satus) 
steht, ist der, weil dieser Personalablativ ein Ablativus ab§o- 
lutus wird: z. fl. Neöptoltmus Achille natus steht für Neopt. 
Achille patre natus , und patre für generante. — S. 378. §. 453. 
Die schwierige Stelle des Horatius steht nicht Epod. IV , son- 
dem V. Will man übrigens die Stelle mit Hrn. Z. interpwti- 
ren , so möchte wohl die Lesart zu ändern seyn, und zwar 
entweder nach Hrn. Z. Immana vice\ oder auch, was durch 
die Elision leicht sich verwischen konnte, humanam in vicem, 
numanam ad tnVem. — S. 38l. §. 458. extr. ist in der Stelle 
des Horatius lacerto, nicht lacerti zu schreiben. Das letztere 
ist Druckfehler. — S. 337- §. 395. Auch die Antwort auf die 
Fragen wie grofs? wie hoch? steht im Accusativ. — 
S. 384. $.466» Der Grund, warum sich Horatius erlaubt, 
regnare mit dem Genitiv zu verbinden, ist der, weil regnare 
ein Verbum intransitivum ist, und soviel ist als regem bss»\ 
woraus erhellt, dafs der Genitiv gerade der Casus ist, der bei 
regnare stehen kann» — S. 395. §. 485. Der Grund, warum 
bei minus , j>lus % amplius die Vergleichungspartikel quam oft 
ausgelassen wird, liegt darin, dals jene drei Wörter gleichsam 
parenthetisch, also ausserhalb der Construction, zu denken 
sind: z. B. in der Stelle bei Terentius ist zu denken quingen- 
• tos (plus etiaro) colapbos infregit mihi. — S. 397. § 491* 
Sollte in quid facias hoc homino nicht hoc honüne ablat. absol 
seyn , für cum hio homo lue sit oder tatis sit, wie bei Cic. d* 
Legg. III. 16. 37. hoepopulo — ? — S. 397. §. 492. In der 
Stelle des Terentius (Ehorin. II. 2. 10 ) ist vielleicht nicht der 
Nominativ statt des Vocativs, sondern die Worte o vir fortii 
atque emicus können ein gleichsam monologisch oder geg en 
die Zuschauer gesprochener Ausruf seyn, wie**, B. O mit dem 
Nominativ bei Cic. Philipp. XIV, 42. pfortunatamors steht. — 



■ 



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Zumpt lateinische Grammatik. 819 

S. 443. §. 554. Die Form der doppelten Fragesätze ist nicht 
nur vierfach, sondern fünffach, und es fehlt der hier 
gegebenen Aufzählung gerade die vollständigste, eigentlichste 
und zuerst zu nennende, obgleich nicht so häufige Ausdrucks- 
weise, nämlich utrum . . . . ne — an : z. B. Cic, de N. D. II. 
34. 87. utrum ea ibrtuitan« sint, an eo statu etc. Hier wird 
nämlich durch uirnm (das griechische xirt^v) die Doppelfrage 
angekündigt, wie in der von Hrn. Z. unter No. 1. angeführ- 
ten Form , dann folgt die Doppelfrage seihst in der Form 
No. 3, und das Ganze ist so zu erklären! utrum sit (weU 
ches von beiden statt finde), ea fortuitan* sint (ob das zu- 
fällig sey) an (oder) u. s. w. Hr. Z. berührt zwar diese Con- 
struction auc h (S. 305. §. 352. noch im etymologischen Theil, 
der Überhaupt in den Anmerkungen Manches aus der Syntaxis 
anticipirt); aber sie gehörte vorzüglich hierher. — S. 449. 
§. 570. In der Stelle des Cic. pro Kose. Am. 38. ist der Con- 
junctiv nach si gar nichts auffallendes, sondern ganz der all- 
gemeinen Regel gemäfs , dafs der Conjunctiv in den. Neben« 
süczen der oratio obliqua stehen müsse« denn das si qui (in 
den besten Ausgaben' steht si quis) steht eigentlich für eum, 
qui, und die Construction ist: extsthnabant majores eum ad- 
misisse summum dedecus, qui rem mandatam malitiosius ges* 
jüjjf, - S.451. §.674» » Dieselbe Bedeutung and Construction 
bat licet, obgleich, eigentlich ein Verbum, aber zur Con- 
junetion geworden a . Das Genauere hierüber möchte seyn : 
Licet steht eigentlich in Ooncessivsätzen , die ohnedies im 
Conjunctiv stehen, gleichsam pleonastisch , oder parenthe* 
tisch; wie wir etwa, wenn wir gesagt haben : Er komme! 
noch hinzusetzen können: ich habe nichts dagegen. Der 
Conjunctiv aber wird durch licet gar nicht veranlaist, sondern 
durch die Concession. Diese Bemerkung findet auch ihre An* 
Wendung bei quamvis {quam vis, quantum visj. — S. 452* 
$. 577, steht: „Ueber quum ist die bekannte alte Regel«* 
u. s. w\ An diese Aeulserung müssen wir eine allgemeine Be- 
merkung über das Werk des Verf. und über die Form dessel- 
ben knüpfen. Der Ausdruck die bekannte alte Regel 
lautet eigentlich so, als Wenn der Vf. nicht so woh] ursprüng* 
lieh eine Grammatik hätte schreiben wollen, sondern nur An* 
merkungen, Bemerkungen, Raisonnement über eine andere, 
schon vorhandene. Diese Ansicht von der Entstehung seine» 
Werken dringt sich an unzähligen Stellen auf. Das Werk 
liest sich für den Vorgeschrittenen an solchen Stellen wie ein 
geistreicher und gründlicher Discurs, oder ein 
Kaisonnement über die berührten Gegenstände ; aber für den 

52 * 



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Ö20 Zumpt lateinische Grammatik. 

Schüler mufft der Lehrer oft erst aus den Bemerkungen und 
Zwischenbemerkungen das Resultat gleichsam als Kegel in 
einen Satz bringen, der dann wie ein Kanon festgehalten 
weiden kann. Dieses Darstellen der Resultate in bestimmt 
ausgesprochenen Sätzen , wie es sich z. B. in O. Schule*« aus« 
fübrlicber lateinischer Grammatik (Halle 1825.) findet, ver- 
missen wir nicht selten, und in diesem Stücke kann Hrn. 
Zumpt's vortreffliche Grammatik in künftigen Auflagen noch 
sehr gewinnen. Dann werden auch Ausdrücke wie bekannte 
alte Regel wegfallen, denn die Grammatik ist das Sprach- 
gesetzbuch, und stellt die Gesetze als solche hin, führt sie 
aber nicht als Mte Bekannte, als anderswoher, oder aus andern 
Grammatiken bekannte Regeln auf. — S. 475. §. 611. steht 
noch immer der Druckfehler Pba&o/i für Phae>Äo/t. — S. 476. 
§. 613. Die Annahme, dafs bei dem fragenden Accus, cum In- 
finit, gerade credibile est zu suppliren sey f ist blos willkühr- 
lich, und man kann mit gleichem Rechte vorausgesetzt den- 
ken: an Cfuis existimat? vosne putatis ? u. dergl. Ergänzt 
man aber tune vis? oder vosne vultis? oder an quisquaoj ex- 
spectat? so läfst sich sowohl der Accus, c« Infin., als die noch 
seltenern elliptischen Ausrufesätze mit ut erklären. — S. 489. 
$.638. Der Ausdruck ohne Erwartung der Hülfe ist 
nicht richtig deutsch. — S. 493. §. 648. Die Stelle baud cui- 
quam dubio opprimi posse steht nicht L.iv. 33, 17. — S. 501. 
§. 633. Sollte nicht bei der Stelle: Vologesi vetuft et penitus 
infixum erat arma Romana vitandif eher propositum, als nego- 
tium, zu suppliren seyn ? — S. 479. §. 6l8. Infinitive wie 
cantare peritus oder Proteus pecus egit altos visero montes, 
sind Gräcismen. — S. 5 12» §. 680. VVenn Hr. Z. aus Liv. 
23 9 43. die Worte aushebt : Nolaniin medio siti 9 so kann er 
allerdings sagen , sie stehen für Nola in medio sita» Allein es 
heilst bei Livius : ipsos prope in medio sitos Nolanos scire % und 
so betrachtet wäre wobi Nolam gar nicht gut angebracht ge- 
wesen, f— S. 525. §. 708. erwarteten wir etwas über die Con- 
struetion ut quisque ita ; diese wird noch nachzutragen seyn 
aus Cic. ad Qu. Fr. I. l. — S. 539. zum Schlüsse des §. 738. 
finden sich eine Menge Stelleu in der Schrift von C. L. Roth: 
C. Cornelü Taciti Synonyma et per figuram *v htu, &vc7v dicta. 
Norib. 1826. 8. — S. 418. §. 4l8. Hierher konnte auch ge- 
zogen werden das poteras dixisse bei Horatins A. P. 328. und 
angeführt werden das bekannte Programm von Gernbard. — 
S. 620. i*t D. D. und D. D. D. nicht blos auf die angegebene 
Art zu erklären , sondern auch durch Dat, Donat, oder Dat, 
Dicat; und Dat, Donat, Dedicat oder Dat, Dicat, Dedicaf. 



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Schwan poetische Chrestomathie. 821 

— Ganz neu hinzugekommen sind in der fünften Auflage der 
dritte Anhang: Kölnisches Geld, Gewicht und Maas, 
und der vierte: Notae s. compendia scripturae* 

Druck und Papier sind wie bei den früheren Auflagen. 
Die vorkommenden griechischen Wörter sind mit zwar neuen , 
aber sehr mifslungenen und ungestahen Lettern gedruckt. : — 
Wir scheiden auch diesmal von dem Verf mit der Achtung, 
die dem rastlosen und gelungenen Bestrehen nach fortschrei- 
tender Vervollkommnung gebührt, und wünschen dieses der 
deutschen Philologie Ehre machende Werk noch oft in er- 
neuerter Gestalt auftreten zu sehen. 



Lateinische poetische Chrestomathie in zwei Kursen, für 
die mittleren Klassen der Gymnasien und Lyceen und die oberen 
Klassen der lateinischen Landschulen aus den alten Dicltiern aus* 
gezo gen und bearbeitet von M. Christian S chwa rz , Profes- 
sor am Gymnasium in Ulm. Erster Kursus. U/m, 1825. 
im Verlage der Stettin sehen Buchhandlung, XVI und 19$ S* 
in B. 48 kr. 

Der zweite Theil hat den Titel: 

Lateinische poetische Chrestomathie in[zwei Kursen, für 
die mittleren Klassen gelehrter Schulen und zum Privatgebrauche 
aus klassischen Dichtern des goldenen Alters ausgezogen und bear- 
beitet von M. Christian Schwarz, Professor am Gymnasium 
in Olm» Zweiter oder höherer Kursus, nebst einer An- 
leitung zu der Lehre von den Figuren und Tropen, Ulm, 1326. 
im Verlage der Stettin sehen Buchhandlung. Xllund 361 S. *. 
(wovon die Lehre von den Figuren und Tropen 65 Seiten ein- 
nimmt.) 2fl. 

Wenn ein Schulmann, der die Literatur -seines Faches 
kennt, und dieselbe der Prüfung unterworfen hat, in irgend 
einem Unterrichtszweige diese nicht genügend findet , und 
für das individuelle ßedürfnifs seiner Schule oder seines Va- 
terlandes, ungeachtet mehrere Schriften au ähnlichem Zwecke 
schon vorhanden sind, eine neue auszuarbeiten sich ent- 
schliefst, so bedarf er einiger Rechtfertigung nicht nur b«i 
«lenen, für die er zunächst schreibt, sondern auch bei dem 
gröfseren Publicum, dem seine Schrift durch den Buchhandel 
dargeboten wird. Diese Rechtfertigung giebt nun dei Veif. 
in der Vorrede zum ersten Curaus vollkommen hinreichend und 



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1 



yiZ2 öciiwarx poetische Chrestomathie. 

genügend, indem er darthut, dafs mehrere ähnliche Chresto- 
mathieen nach einem ganz andern Plan«, als d-'in , Welchen er 
durch Erfahrung belehrt Für nöthig gehalten , manche aber nach 
gar keinem, wenigstens keinem klar gedachten, Plane gesam- 
melt und bearbeitet worden Seyen, und dafs endlich diejenige 
Chrestomathie (die Anthologie von Zimmermann), welche in 
ihrem Plane mit der seinigen am meisten Aehnlichkeit hat, 
doch in wesentlichen Punkten von derselben abwich, indem 
sie theils nicht für die ersten Anfänger der poetischen Leetüre 
berechnet ist, theils allerlei Versarten vermischt, theils zu 
wenig Stufenfolge vom Leichteren zum Schwereren beobach- 
tet. Es befindet sich aber der Verfasser wirklich in keiner 
Sei' sttüuschung , wenn er glaubt, durch diese Arbeit einem 
vielfach gefühlten Bedürfnisse abgeholfen zu haben, und das 
Buch dürfte wohl nicht nur in seinem Vaterlande, sondern 
auch auswärts manches Lehrers Wünschen entgegenkommen, 
und mancher Lehranstalt sehr willkommen seyn , so wie 
sich besonders der zweite Cursus auch, für Schüler der oberen 
Klassen zum Selbststudium sehr eignen mochte. 

Im ersten Cursus beschränkt sich der Verf. blos auf das 
heroische und elegische Versmaafs , und zwar mit vollem 
Hecht; und dafs hier die leichten und fliefsenden Verse des 
Ovid vorzüglich zahlreich aufgenommen sind, ist nur zu bil- 
ligen. Wegen des Inhalts entschuldigt sich der Verf. , dafs 
er die Anordnung und Eintbeilung nach dem gleichartigen 
Stolfe der wichtigeren Rücksicht auf die Stufenfolge und die 
Mannigfaltigkeit der Gegenstände aufgeopfert habe. Er be- 
darf dafür bei uns keiner Entschuldigung: denn es würde, 
da sich beides nicht gut vereinigen liefs (eine Vereinigung, 
die ohnedies in einer poetischen Chrestomathie für Anfänger 
nicht einmal noth wendig, kaum wünscheoswerth scheint), 
Tadel verdient haben , wenn er die zweite Rücksicht der er- 
sten aufgeoj)fert hätte. Die untergelegten Anmerkungen sind 
unterstützend bei der Vorbereitung, ahne sie allzusehr zu er- 
leichtern, oder gar überflüssig zu machen. Ausser geogra- 
phischen, historischen, mythologischen und archäologischen 
Notizen, geben sie auch Licht bei verwickelten Constructio« 
nen , bei dunkelm Sinn der Worte oder ungewöhnlichem Ge« 
brauche derselben , zuweilen such (das durfte der Verf. mit 
Recht von seinem Buche sagen } wichtige grammatische und 
Sprachbemerkungen, die sich in den gewöhnlichen Schul- 
büchern nicht finden. Damit aj)er der Zweck des Verf., dafs 
nämljch die Schüler seine Anmerkungen hei der Vorbereitung 
lesen und einstudiren sollen, und nicht erst während des Un- 



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Schwarz poetische Chrestomathie. 823 

terriebts in der Schule hinunterblicken, bat er ein Mittel aus- 
gesonnen, das zwar der Eleganz des Druckes einigen Abbrach 
ibut f aber ganz geeignet ist, jenen Uebelstand. zu verhüten. 
Er hat »auifich bei den größeren Stocken am Ende des ersten 
Curaus, und durch den ganzen zweiten, die Anmerkungen 
dem Texte nachfolgen, und nicht seitenweise untersetzen las- 
sen, „um das immerwährende , die Aufmerksamkeit störende 
Iiimuiteraehen unvorbereiteter Schüler nach ttwaiger Aus- 
kunft in den Noten zu verhüten (das Umwenden der Blätter 
wird ihnen vor den Augen des Lehrers nicht möglich seyn), 
und sie dadurch zu nöthigen, sich bei. der Trüpration genau 
uiit denselben bekannt zu machen. cc 

Die sechs ersten Seiten des ersten Cnrses enthalten ein- 
zelne Hexameter, und Pentameter; dann folgen einzelne Di- 
stichen aus Martial, mit passenden Ueberschriften bis S. 14. 
Darauf Distichen gemischten Inhalts aus den Elegikern bis 
S. 40. Nun, bis S. 57. kurze und leicht zu verstehende poe- 
tische Darstellungen gemischten Inhalts; bis S. 70. kurze epi- 
grammatische Gedichte aus Martial und Ausonius; bis S. 146. 
vermischte Gedichte, allmählig vom kürzeren und leichteren 
zum gedehnteren [dürfte wohl au sgeführteren, ausfü h r- 
liche-ren heifsen, denn gedehnt ist ein Fehler] und schwe- 
reren Vortrag aufsteigend; bis S. 157. einige Fabeln (aus Ho- 
ratius). Die letzten vierzig Seiten enthalten, et was längere 
Erzählungen aus Ovid und Virgil. 

Die Auswahl der Stücke so wie ihre Aufeinanderfolge 
billigen wir im Ganzen sehr. Nur einige Stücke aus Martial 
würden wir zum Theil wecen schwerer Verständlichkeit- für 
das vorausgesetzte Alter , zum Theil wegen des Inhalts weg- 
gelassen haben. Nicht als ob der Verf. irgend etwas Unsitt- 
liches oder Zweideutiges. aufgenommen hätte, sondern wegen 
der Weltklugheit eines moralische verdorbenen Zeitalters , die 
aus einigen Stellen hervorblickt, und mit der wir die zarte 
Jugend nicht bekannt machen möchten. Doch bat ja der 
Lehrer bei dem reichlich gegebenen Stoffe auch. Freiheit der 
Auswahl. 

Um dem Verf. zu beweisen, dafa.wlr sein Buch genau er 
betrachtet haben, theilenwir ihm zum Behuf einer künftigen 
Auflage einige Bemerkungen mit. 

6.22. Der Ausdruck Hen dia dy s, welcher nicht ganz 
richtig ist (s. Vossius Institut. Orat, V. 4. 4* p< 3l3i), »ollte 
entweder mit dem richtigen hvc7v vertauscht werden , oder 

es sollte heifsen : sogeaannte Hendrsdy«. S. 11. könnte 
berxA<viVtc$ durch das eingeschlossene Wort bettlägerig bei 



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d24 Schwarz poetische Chrestomathie. 

• 

dem Schüler ein Irrtbum oder ein Mifsverstand veranlafst wer- 
den. S. 25. steht Schwan« statt Schwäne. S. 29. Scili- 
cet wird, was den Sinn betrifft, zwar nicht falsch durch scir$ 
licet erklärt; eigentlich aber ist es wohl aus dem veralteten 
Imperativ sei, und dem gleichsam parenthetisch beigefügten 
licet gebildet, wie auch ilicet und videlicet , obgleich der 
Sprachgebrauch} wie öfters, die Etymologie vernachlässigt, 
und vergessen bat, und diese Wörter auch zum Fluralis setzt. 
S. 38. steht wendet für windet. S. 4l» werden die W orte 
meta utraque erklärt : utratjue terrae parte, lerris orientalibus 
et occidentalibus : es möchten aber eher die nanh alter Vor- 
stellung gedachten beiden Tunkte des Aufgangs und Untergangs 
der Sonne» als die metae auf der Kennhahn betrachtet , zu 
verstehen seyn. S. 44. oben n. 3. ist die Bemerkung an sich 
richtig, dafs die Conjunctiones concessivae , licet, etsi u. s. 
w. , wie die conditionales , oft wegbleiben 5 aber hierher (zu 
dem Verse : coneutiat terierum [ramumj , cruqelibet aura , ca- 
det) gehört sie eigentlich nicht, da die Coustruction ist: Ca- 
det ramuf 9 ' 91140 Übet (i. e. quantula Übet) aura tenerum coneu- 
tiat ranuim. S. 52. unten n. 1. „vetustas öfters künftige 
Reiten, Nachkommenschaft, Nachkommen« W ir 4 
wissen wohl, auf welchen Stellen und Autoritäten diese An. 
nabine oder Angabe beruht. Es Jiegt aber in dem Ausdrucke 
vetustas selbst gleichsam eine innere Unmöglichkeit dieser Be- 
deutung; womit wir nicht lätignen wollen, dafs man hier, 
oder auch Virg, Aen. X. 792. (si (jua fidein tanto est operi la- 
tura vetustas) so übersetzen könne: aber die letztere Stelle 
heifst eigentlich: wenn in der Folge der Zeiten (das 
liegt in htura, nicht in vetustas) der Umstand, dafs es 
in der Zeitferne, rückwärts, liegt (vetustas), der 
Sache G Ja üben verschaffen wird. So auch bei Cic. 
proMilon. c. 35. und hier; is der Umstand, dafs es dann rück- 
wärts, in der vergangenen Zeit, liegt (vetustas), macht, dafs 
nach dem Tode alles (was ich geleistet habe) bedeutender und 
gröfser erscheint.« — S. 57. not, 3. ist crui zum Behuf des 
Uebersetzens und Verstehens nicht unrichtig durch si i[uis er- 
klärt; grammatisch aber ist es doch eher für is qui zu nehmen, 
— r S. o#. Das. nummis milje trecenUs ist (ohne Zweifel nach 
EisenschmiJ) als nach unserm Oelde 45 lieichsthaler 30 Kreu- 
zer , und der Sestertius als drei Kreuzer hetragend angegeben. 
Allein erstlich ist das .Rechnen nach Thalern und Kreuzern 
nicht mehr üblich, und zweitens ist ein Sestertius nach ce- 
neuerer Berechnung bei Wurm (de Ponderum, Nu mm omni, 
Alensurarum. etc. ratiune, Stuttg. 1820) 4 47/so Kreuzer, und 



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Schwarz pociuche ClireilGtuatJii«* 



825 



die hier vorkommende Summe 1 1 7 fl. 8 kr. — S. 70. not. 6. 
üroteiend zieht die Schreibung sollicitus vor. — S» 7'/. l»n. 5. 
sollte wohl das pflegte — entgegenzuhalten heifseo ; 
hielt entgegen. — S.$l. unten „bei der Stadt Olym- 
pia" Olympia war eigentlich keine Stadt, sondern ein l'latz 
am Ufer des Alpheios, in dessen .Nähe d«r Tempel und Hain 
des Olympischen Jupiters war. — Das. not. 2, ist der Aus- 
druck: T— ist öfters lang nicht ganz richtig! — S. '11. 
und &3. wird eins- und dasselbe erklärt (vom i'riamus). — 
Viele sehr gute Bemerkungen zur VV eckung der Aufmerksam- 
keit und des Nachdenken* der Schüler sind durch das ganze 
B ichV.erstreut. Wir machen nur auf S. 92. 9o. 105 106. 10S- 
109. aufmerksam. 

Es bleibt uns nun noch von dem zweiten Cursus zu 
reden übrig, der mit Recht auf dem Titelblatte auch zum Pri- 
vatgebrauche empfohlen wird, und den wir zu demselben 
Zwecke mehr als fast alle Bücher ähnlicher Art empfehlen 
können. Voran geht auf 65 Seiten eine Anleitung zu der Lehre 
von den Figuren und Tropen; ein Gegenstand, auf 
den ehemals zu viel Gewicht gelegt wurde, jetzt zu wenig 
Rücksicht genommen wird. Wir halten diesen Abschnitt für 
sehr zweckmässig ausgearbeitet, theils wegen sehr einfacher 
und unverkünstelter Entwicklung der Begriffe, theils weil 
weder zu viel noch zu wenig gegeben ist. Eher könnte man 
zuweilen an den gewählten Beispielen etwas aussetzen; nicht 
sowohl, .weil prosaische und poetische Beispiele unter einan- 
der gemischt sind , weswegen sich der Verfc gültig entschul- 
digt oder vielmehr rechtfertigt, sondern weil z.B. bei der 
Aphäresis das Verbum simplex temnere per Aphaeresin 
stehlen soll für contemnere , da doch jenes nur das selten ge^ 
wordene eigentliche Verbum, dieses dessen compositum ist; 
dafs audrbam , eburnus, vollständige alte Formen, per Syn- 
copen stehen sollen für eburneus, audiebam ; dais das alte, 
vollständige mage per Apocopen für magis stehe; dafs man per 
Hpenthes.iii navita für nauta gesagt habe; da dieses doch of- 
icivhar eineSyncope von jenem ist; dafs dice paragogisch stehe 
für die, während dieses per Apocopen ipr jenes steht; dafs 
Jambus und Jason per Diaeresin dreisylbig stehe, da doch 
diese Wörter an sich dreisylbig sind; endlich dafs plostrum 
statt plaustrurn per Antithesin stehe, da doch jenes blos die 
alte Aussprache des Wortes andeutet. Doch der Verf. beugt 
diesen Vorwürfen oder Einwendungen S. 10. selbst einiger- 
mafsen vor; auch sind mehrere Beispiele jener Büge nicht 
«usgesttzt, und sejbst die von uns in Anspruch genommenen 



Öi6 Schwarz poetische Chrestomathie. 

machen wenigstens die Sache selbst deutlich, von welcher die 
liedeist. Wenn der Verf. S. 5. *3gt, dafs eine Menge von 
figürlichen Ausdrücken ursprünglich nicht Erzeugnifs der Kunst 
gewesen sey, sondern theils der Arrauth der Sprache an Be- 
zeichnungen für übersinnliche Begriffe, theils der vorherr- 
schenden Tbütigkeit der Phantasie und Empfindung im Kindes- 
alter der Nationen ihren Ursprung verdanke, dais sie dage- 
gen, als mit steigender Cultur auch die Sprache vervollkomm- 
net wurde, absichtlich gebildet und gesucht worden Seyen; so 
könnte man ihm einwenden, dafs in der Poesie neben der 
Ab-s ichtl ichkeit (die eben nicht die besten Figuren und 
Tropen giebt) im Grunde noch eben die Ursachen vorwalten, 
die ursprünglich stattfanden. — S. Ii. steht wohl durch einen 
Druckfehler, fuat sey ein Archaismus für fit; so wie S, 8. 
Syuicesis für Synizesis. — S. i3- mächten wir doch kaum sa- 
gen , solebam consumere sey eine figürliche Redensart für 
saepe consumebam, und so fit mollior für mollescit ; da wäre 
fit melior auch figürlich, und nur darum allgemein gebräuch- 
lich, weil es kein eigentliches Inchoativum dafür giebt. Ilecte 
für probo mochten wir eher eine Ellipse für recte ais oder 
agis nennen, als eine Antimerie. — S. 14. konnte bei der An- 
tiptosis, wegen ihres Gebrauches im Lateinischen, neben 
Buttmann, Ramshorn citirt werden §.206. A. 5- p. 698. — 
S. 15, rechnen wir facit are allerdings und nothwendig zur 
Anastrophe, aber i prae nicht, denn das ist der rechte, ei- 
gentliche und natürliche Ausdruck, ursprünglicher und natür- 
licher als praei. — S. 24. möchten doch die Ausdrücke senex 
rugosus, canjus, turgida vela und rotae fervidae sehr uneigent- 
lich zu den onomatopoetischen gerechnet werden« — S. 25. 
wäre die Schreibung maereo und fem i na der gewöhnlichen vor- 
ziehen. — S. 32. unten sollte En tg egensetzxing und Ent- 
gegengesetzte nicht so stehen, dafs der Schüler jenes für 
dvrt'Bsrov und dieses für avri'S&rt; nehmen könnte. — S. 35. sollte 
bei cZvfxwoov das lateinische acutifatuum als ein Wort stehen; 
s. Voss. Inst. Orat. II. p. 407. — Was eoll wohl in der Stelle 
Aen. IX. 427. me me (adsum, qui feci) in ine co.nvertite fer- 
rum -r- das sc, var adsum? — S. 4.8* ga° z unten ist in der 
Stelle Virg. Ed. IV. 50: adspice convexum, nutantem pondere 
mundum, diese Lesart bei einer neuen Auflage wohl mit der 
besseren : Adspice convexo nutantem pondere muudum, viel«' 
leicht auch die Erklärung (von einer Erschütterung des Eid- 
balls) mit einer andern zu vertauschen. — S. 52. Heise i 
wohl Maecenas lateinischer, als durch fautor scientiarum 
klären. — Wenn S. 59. gesagt wird , Manes sey eine Metony 




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Schwarz poetisch? Chrestomathie. Ü27 

für infe ri (contentum pro continente), so ist im Grunde inferi 
luch wieder eine Metonymie, und nicht das Continens der 
Manen; eher orcus, wie nachher Tluto erklärt wird. — Doch 
dies alles sind unbedeutende Flecken, neben den fast durchaus 
s«hr treffenden Erklärungen und Beispielen dieser Abhandlung. 
Wir gehen nun zu weiterer Angahe des Inhalts des vorliegen- 
den zweiten Curaus über. S. 66 bis 118. stehen auserlesene 
Elfgien aus Ovids K]ägeges.'iiigen und dm Briefen ex l'onto ; 
ln> 6. 15 5. auserlesene Elegien ans Tilmllus; bis S. 1Ö6. aus- 
erlesene Elegien ans Propei tius; Ins S. 3 11. auserlesene Stellen 
aus Ovids und Virgils epischen Gedichten; von da bis zum 
.Vlilusse (S. 361.) einige Oden ans Horatius. — Um nicht 
weitJiinftig zu seyn, enthalten wir uns eines Auszuges aus 
der Vorrede, worin der Verf. seine Auswahl mit Gründen, 
welche wir nur billigen können, rechtfertigt; unter andern, 
warum er gar nichts von Catullus aufgenommen, warum er 
von Ovid nicht gerade die allerinteressantesten , sondern die- 
jenigen Elegien vorzugsweise ausgehoben habe, welche den 
Schiller mit dessen Schicksälen am besten bekannt machen . 
warum ausTibulius und Propertiiis einige Liebeselegien (übri- 
gens ohne alle Schlüpfrigkeit und Zweideutigkeit) eingerückt 
worden, warum in der epischen Poesie JLucretius fast ganz, 
und ausser Ovidius und Vigilius alle Uehri»en ausgeschlossen 
wurden, und warum, dem Verf. bei jedem Stücke eine vorläu- 
fige genaue Inhaltsangabe nöthig geschienen habe. Der Inhalt 
dieses zweiten Theiles scheint uns im Ganzen recht zweck- 
mässig ge'wühlt ; die Anmerkungen ganz darauf berechnet, 
das Nachdenken und den Fleifs zu wecken, und die Aufmerk- 
samkeit auf Sprache und Sachen rege zu erhalten. Beim eige- 
nen Gebrauche des Buches wird der Verf. selbst Einiges ent- 
decken, \yas entweder noch hinzugesetzt oder genauer be- 
stimmt werden könnte oder sollte. Wir begnügen uns, zum 
Beweise unserer Aufmerksamkeit nur noch kürzlich einige An- 
merkungen zu den Horazischen Stücken mit unsero Bemerkun- 
gen zu begleiten. S. 3l6. v, 24. Wenn der Verf. sagt, die 
Erklärung d»,«s Wortes tenax (in dein Verse Modo in tenaci 
fjraioine) durch detinens , delectans aey passend, aber uner- 
wiesen, so gaben wir ihm Hecht; aber die Bedeutung schwel- 
lend, elastisch, die allerdings nach besser nafst, möcht« 
wohl eben uo schwer zu erweisen seyn. Ebend. v. 37. läfst 
sich bestiirunt nicht erweisen, dafs in den Versen Quts non 
nialarum, «juas amor curas habet Haec inter obliviscitur 'i das 
Wort amor, so absolut gestellt, Habsucht bezeichnen 
könne; und es wird durch iiie Nachweisung von Ep. I. 1. 84 > 



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1 



828 Schwarz poetische Chrestomathie. 

i 

wo et Baulust andeutet, nicht gewisser, denn dort geht 
die Bedeutung aus der ganzen Umgebung hervor, weil der 
Genitiv festinantis heri und alles .Uebr ige die Sache klar ge- 
nug machte. Wir halten es, anstatt mit Döring , mit Mit- 
scherlicb. S. 317. v. 45. Laesum bei pecus eigentlich zu ver- 
stehen , ist das Natürlichste. Was Anderes ist es bei der 
unbelebten oder balbbelebten Pflanzenwelt in Virgils Quid 
facias laetas s egetes ? Bei Horaz also 1 u s ti g; natürlich aus 
körperlichem VVohlbebagen. S. 3l8. v. 60. vel boedus (bes- 
ser wohl baedus; s. Nolten. Lex. Antibarb. p. 60 sq.) ereptus 
lupo. Der Verf. nimmt Gesners Erklärung an, die auch Mit- 
scherlich billigt, und Döring voranstellt (quod ejusmodi bae- 
dus, jam lupi dentibus laesus, mactari omnino debet). Wir 
finden die zweite Döringscbe Erklärung natürlicher und näher 
liegend: quod ea, quae bona fortuna (wir setzen hinzu: vel 
nostra virtute et fortitudine) nobis servata et reddita sunt, 
studiosius (et majore cum voluptate) in usuin et fructum con- 
vertimus. S. 321. Maura (unda) würde doch hesser durch: 
Mauritanien berührend, als betreffend, erklärt/. Das. 
v. 5. Nicht Cora heifst der Bruder des Tiburnus und Catil- 
lus, sondern Co ras; s. Virgil. Aen. XI. 604- — S. 322, 
dürfte es beiden Fartbeniern anstatt vi eil e ich t zum Schimpf 
so genannt, wohl heifsen richtiger ... S. 328. v. 9. Fa- 
stidiosam desere copiam erklärt der Verf. mit den meisten Er- 
klärern durch (fastidium creantem) ob ipsam rerum abundan- 
tiam usumque perpetuum. Wir möchten es lieber nach dem 
erweislicheren Gebrauche durch superbire facientem erklären: 
Der Ueberflufs macht, dafs man an den einfacheren, aber ed- 
leren, Freuden den Geschmack verliert. — S. 329. v. 17. Der 
Cepheus ist. nicht ein Stern unter dem Schwänze des klei- 
nen Bären, sondern ein grofses aus eilf (nach Einigen aus sie- 
benzehn) Sternen bestehendes S t er n bild , Gestirn. Ebd. 
v. 2. würden wir bei der Erklärung von horridi die Anspie- 
lung auf das häfsliche Aussehen desSylvanus wegstreichen. — 
S. 430. v. 7. Da Horaz Od. I. 12. 56. die Serer von den In- 
dern unterscheidet, so würden wir lieber sagen, Seres 
stehe überhaupt für das entfernteste östliche Volk, von dem 
die Kömer Notiz hatten. S. 344* v. 6. lllacrymabilis pafst in 
der Bedeutung unbeweint nur zu Hör. Od. IV. 9. 26. £bd, 
v. 9. würden wir sei licet lieber durch bedenk' ei nur, als 
durch ja erklären. S. 345. v. 21. placens möchte besser durch 
amata, cara, dilecta, als durch amabilis. erklärt werden. Ebd. 
v. 24* erklärt unseres Erachtens Mitscherlich das brevem do- 
minum passender durch cujus dominium breve est, als der 



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Weyauds Reisen. 021) 

Verf. f obgleich nicht unrichtig, mit Döring brevis vitae, — 
S. 355. v. 29. Vielleicht wundert sich Mancher, dafs hier 
von dem bekannten Streit, ob man Me Doctarum ederae 
praemia frontium oder Te lesen solle , der neuerlich die Köpfe 
und die Federn der Kritiker so in Bewegung gesetzt bat, 
keine Notiz genommen worden ist. Wir können es bei einem 
Schulbuche nicht raifsbilligen. S. 258. v. 12« Aeolio ist doch 
vielleicht nicht für lyrico überhaupt zu nehmen, sondern von 
<ler äolisch- lyrischen Poesie, da die Römer nur diese, aber 
nicht die ganze griechische Lyrik (z.B. die Strophische Poesie 
der Tragiker, Komiker und des Pindarus) nachbilden lernten. 
S. 360. v. 7. heilst es von der Libitina: „eine alt italische 
Göttin, welche Einige für die Proserpina, Andere für die 
Venus halten, war die Göttin des Todes.« Das klingt wie 
dreierlei Meinungen, von denen die dritte die beiden erste- 
ren, falschen, zu berichtigen scheint. Allein es sind dies 
nicht dreierlei Sätze, die einander aufheben oder ausschlies- 
sen . sondern diese altitalische Todesgöttin Libitina ist eben 
Venus- Proserpina , wie Creuzer in seiner Symbolik und My- 
thologie IV. S. 83. ff. 98. 117. 161. dargetban bat. Auch für 
Jünglinge verständlich Heise sich diese nothwendige Combi« 
nation vortragen. 

Doch wir schliefsen unsere Anzeige mit der auf Ueber- 
zeugung gegründeten Erklärung, dafs uns nicht leicht eine 
Chtestomatbie nach einem so wohl berechneten Plane angelegt 
und ausgeführt vorgekommen ist« als diese« und dafs wir 
namentlich keine lateinische poetische Chrestomathie kennen, 
die wir für die angegebenen Zwecke brauchbarer fänden, oder 
dieser vorziehen möchten. 



Johann Carl Wey ands Reisen durch Europa, Asien und 
Afrika von dem J. 1818 his 1821 incl. von ihm selbst (?) be- 
schrieben. /. Bd. auf Kosten des Verf. 1822. 280 S. IL Bd. 
Arnberg 1825. 168 S. 11L und letzter Bd. mit Kupfern. Amberg 
1825. 213 «J. in kl. 8. 6* fl. 

Zur Warnung bemerke ich kurz: In diesen drei Bänd- 
chen ist nicht eine einzige Notiz', aus welcher man, als aus 
einer eigenen Lebenserfahrung des Verfassers, eine eigenthüm- 
liche Kenntnifs ziehen könnte. Was Kenntnisse betrifft, ist 
aus andern Böchem. Oft aber hilft jich der Verf. durch eine 
lächerliche Präteritionsformel , wie S. 76: „Eine Skizze von 



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830 Weyands Reisen. 

Livorno [wo doch der Verf. das merkwürdigste einige Tage 
über besehen zu haben versichert] zu entwerfen f möchte 
wohl zu kleinlicht seyn w u. s. w. Auch die Kupfer sind 
nicht eigene Zeichnung, sondern Copien aus langst bekannten 
Schriften. 

Das erste Bändchen erzählt von der türkischen Geschichte, 
aber i^ar zusammengetragenes und was zur Reise ganz und 
gar nicht gehört. 60 hilft sich der Verf. theils durch Ein- 
schieben alter Historien i theils durch Erfindung von ZufäU 
len» welche ihm begegnet seyn sollen , ohne dafs darin etwas 
charakteristisches, ihm und den nächsten Umständen eigenes 
zu entdecken ist. Ueberall, wo der Verf. sich selbst als rei- 
send und sehend einmischt, ist er so klug, blos Zufälligkei- 
ten anzugeben , die an sich möglich und nicht aus näherer 
Localkenntnüs zu prüfen sind, weil sie nichts von eigen- 
tümlicher Beobachtung enthalten » wie im zweiten Theil die 
ganze angebliche Wanderung im Jordansthale; wovon 
eigene Beobachtungen zu erfahren , interessant genug gewesen 
wäre. Eben so hütet er sich auch da, wo er mehr von sieb 
selbst spricht, im dritten Theil, von solchen eigenen Erfah. 
rungew zu reden, die etwas neues prafungswerthes und durch 
andere Prüfungsmittel zu bewahrendes geben könnten. Oft 
(man sehe III, Tb.. S. 61. hei Candia) Versetzt er sich als Aus- 
schreiber in einen lächerlichen Enthusiasmus » wie er, ein 
gemeiner Werkmeister, von Erinnerungen aus der Urzeit 
des Kronos u. s. w. entzückt worden sey. »Alle elas- 
tische Begebenheiten dieser mythevollen Insel rausch- 
ten vor meinem Geiste vorüber. w Dagegen ist er schlau 
genug, von dem historischen Jetzt nichts anzugeben, S. 44« 
„Sanft auf dem Rücken des in stiller Majestät dahin ' gleiten- 
den Nils mich wiegend, versetzte mich der Anblick dieses 
seegnenden, fruchtbringenden Wassers in die Mythe der 
Vorzeit zurück. Die* Aeg.yptier huldigten dem Nil als einer 
Gottheit des Landes. Die Griechen machten ihn zum Söhn 
des Pontos und der Tbelossa" u. s. W. Vom Jetzigen des 
Nils kein Wort ! Aber „von der Mythe der Vorzeit"" Folgen 
noch einige treffliche Tiraden. Weyand will zwischen dem 
17. und 22. des Septembers f\an Nil befahren haben. Gerade 
um diese Zeit hätte er die Nilüberschwemmung als das auf- 
fallendste auf allen Ufern beobachten müssen, Er lüfst S. 43* 
„gerade in diesen Zeitraum das Steigen und Sinken dieses 
merkwürdigen Gewässers fallen««. Steigen und Sinken 
zugleich in so wenigen Tagen? Durch die Vereinigung 
wollte sich die Unwissenheit helfen« und verräth sich selbst. 



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Weyand« Reisen. 33 1 

Dennoch will der Verf« für so wichtig gelten, dafs zu 
Rom der heilige Vater, in einem Lebnstuble sitzend, ihn 
länger als Eine Stunde ausgefragt habe (S. 142.). »Ein Ge- 
schenk von zwei Rollen mit Gold, jede fünfzig Oucaten ent- 
haltend , überbrachte uns am folgenden Tage im Namen des 
„Pabstes de? nämliche Secretär, welcher uns in den Audiens« 
u saal geführt hatte.« Dies heifst doch; in seinen Sack lügen 
— nicht so, dafs die römische Ducaten hineinkämen, aber 
wobl die der glaubigen Subscribenten ; die ich deswegen auf» 
inerksam zu machen für Recensentenpflicbt halte. Der Mann 
will als Bauverständiger gereist seyn , und selbst bei den 
Kirchen zu Rom, von denen er aus irgend einem Vademecum 
allerlei bekanntes hinschreibt, weifs er keine Sylbe aus eige- 
ner Betrachtung zu sagen, S. 120. aber von Marmorgruppen, 
die als Meisterstücke von Phidias und Praxiteles 
Konstantin ans Aegypten habe bringen lassen. 

Selten läfst sich Hr. VV. nur so weit ein. Weil er 
Nichts giebt, kann ihm gewöhnlich auch keine Spur der CJn* 
richtigkeit dargethan werden. Zu Neapel ist S. 157* »sein 
Erstes, der Natur die Erstlinge seiner Gefühle zu weihen*. 
Er betritt S. 163. sogar mit heiligem Schauer die Höhle 
der cumanischen Sibylle, spricht aber nichts von der Höhle, 
sondern nur von den sibyllinischen Büchern. S, 166. heifst 
ei: »Dafs ich Herkulanum und Pompeji nicht vorübergieng, 
bedarf wohl keiner Betheuerung.« Und somit geht das Fort- 
schwatzen weiter. Der Verf. kann mit A ristophanes Vögeln 
sagen: Wir haben Nichts gesehen! Desto lustiger zwitschern 
wir in die*freie Luft hinein. 

Einst waren Damberger und Taurinitis weniger 
vorsichtig. Sie erzählten so wundersam, dafs ich ihnen (in 
der damals Jenaischen ALZ.) die Lügen nachweisen konnte 
und, sovia] ich weifs, die Sächsische Regierung Untersuchung 
and Strafe verhängte. Schlauer geworden, wird hier so er- 
zählt, dafs nur die Leere an allen eigenen Bemerkungen und das 
Ausschreiben nachgewiesen werden kann. Dagegen ist dieser 
Taurinius persönlich umhergewandert, hat Subscribenten ge« t 
sammelt und will nun den Getäuschten sogar ein drittes , nicht 
unterzeichnetes Bändeben aufnöthigen, worin sein Reisero- 
man, eben so inhaltslos, aus Palästina und Aegypten nach 
Italien und Tyrol zurückschlendert. S. 82. erzählt er selbst 
von einem „Luftkünstler, auf dessen Gesicht sich Unwissen- 
heit und Frechheit aussprachen . . dessen mit Riesenge« 
»duld erwartete Luftfuhrt in Rauch nufgieng, der aber in's 
»Fäustchen lachend sich davon schlich» Denn er hatte schon 



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832 Hasse Elbeblätter. 

< ■ 

• . . . 

4, vor dem Steigen des Balls das Eintrittsgeld beseitigt.«« — — 
Je nun. Mundus vult decipi! So wahr aber dies ist, dafs 
die Welt unter so mancherlei Gestalten sich gar zu ge.ne tau- 
schen lafst, so will und darf ich doch nicht hinzusetzen: Ergo 
decipiatur! Wem ist nicht das Bessere und das Besser werden 
an sich selbst schon so lieb und werth, dafs er das Verbreiten 
und Verbreitenlassen des Schlechteren und Unwahren nicht 
wollen kann, auch wenn die erhabenere Pflichteinsicht nicht 
dagegen wärt? 

23. Aug. 1826. Dr. Paulus. 



Elbeblätter polytechnischen Inhalts» Herausgegeben von 
Traugott Lebrecht Hasse, Leipzig und Dresden i822 — iß25. 

Der Jahrgang zu 4 Thlr. 12 Gr. 

Diese Zeitschrift 9 welche in wöchentlichen Nummern er- 
schein^ verdient den obigen Titel nicht ganz, da sie mehr 
comuierciellen Inhalts ist. Aus dem rein technischen Fache 
enthält sie wenig Originajaufsätze , und mehr Curiosa, die aus 
andern Zeitungen entnommen sind. Desto reichhaltiger ist 
sie aber an mercantilischen Nachrichten , und.sie wird beson- 
ders jenen Kaufleuten, die im Flufsgebiete der Elbe wohnen, 
eine sehr erwünschte LectÜre seyn. Sie enthält Börsennach- 
richten und Handelsberichte aus verschiedenen Handelsstädten, 
Ein - und Ausfuhrlisten, SchirFsnacbrichten, Courszette], An- 
zeigen von Auctionen u. s. w. Für solche Nachrichten, die 
nur einen vorübergehenden Werth haben, ist eine eigene Bei- 
lage, „kleine Böisenliste'« genannt, bestimmt. Nebstdem 

fiebt sie unter der Rubrik „Kunst und Wissenschaft« viel 
nteressantes über Geographie und Statistik, und unter einer 
anderen „Nützliches Allerlei«« anziehende und selbst unterhal- 
tende Lesefrüchte aus anderen Zeitungen. Dieses zusammen- 
genommen läfst wünschen, dafs die polytechnischen ElbebK'it- 
ter noch recht lange fortbestehen mögen. Sie werden auch 
für jene Personen, welche das £lbe- Commercium nicht zu- 
nächst angeht , durch ihren übrigen Inhalt belehrend und in- 
teressant seyn. 



/ 



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N. 53. . - 1826, 

, . Heidelberger 



Jalirbücher der Literatur* 



Dr. Martin Luthers Briefe, Sendschreiben und Be~ 
denken, vollständige aus den verschiedenen Ausgaben sei* 
ner Werke und Briefe , aus andern Büchern und noch unbenutzten 
Handschriften gesammelt* kritisch und historisch bearbeitet von 
Dr. Wilhelm Martin Leberecht de Wette, Prof. d. Theol zu 
Basel. L Th, Luthers Briefe bis zn seinem Aufenthalt auf 
Wartburg , nebst Luthers Bildnifs. Berlin , bei G. Rei~ 
tner, 1815. 605 S. in 8; / 1 Tblr. 20 Gr. 

Immer mehr, so oft wir charakteristische Geistes -Er- 
zeugnisse eines tüchtigen Mannes erneuert sehen t macht sich 
Her Gedanke geltend : Das Wahre Denkmal eines Den- 
kers ist das von ihm G e d ac h t e 1 Dieses zu verewi- 
gen, dieses ausgedehnt fortwirken zu machen, ist für die ihn 
verehrende die eigentlichste Aufgabe der Achtung und der den- 
kenden Dankbarkeit. Selbst Bildnisse von aolchen Vor« 
märt n er n wünschen wir ja meist nur deswegen f weil wir daS 
Charakteristische, den Ausdruck des Geistes, auch in dem, 
was der Geist vornehmlich auszubilden scheint, in dem Ge- 
webte und der Hakung, erkennen zu lernen wünschen. 
' V; Möchte doch vorerst diese Ausgabe kleinerer und destö 
kräftigerer Schriftdenkmale des Grofsen Reformators schnell 
hinter einander vollendet erscheinen. Er ist der Reformator # 
welcher , wie Ree. dieses Hauptverdienst in deiner Rede auf daS 
Reformationsjubiläum hervorzuheben gesucht hat, nicht bloS 
für die Theologie, sondern auch für philosophische Befreiung 
von der Scholastik f einen Umschwung bewirkte. Ebender- 
selbe wurde ferner für den Anfang eines vernünftigen freien 
Staats* und Kirchenrechts , für die Autonomie der teutschen 
kleineren Staaten (wo f wenn sie alle nur zugleich als Bund 

gemeinsame Zusammenwirken für den Wohlstand des 
Gänsen beschleunigen, das Einzelne desto leichter überblickt, 
desto unabhängiger nach Local mittein und LocalbedürfnisSeri 
geordnet werden kann) auf lange Zeitfolgen hinaus von einer 
Wichtigkeit, die sich auf keinen ändern welthistorischen Mann! 

Jahrg. 9. Hofr; ÄS 



1 



834 Luthers Briefe. I. Th, bis int Watiburg. 



eben so concentrirt zeigen läfst. Einen solchen in allen seinen 
Zügen, in allen Ausstrablungen seines Geistes, oft aufs neue 
zu betrachten; welcher Geistesgenufs ! welche Fülle von Be- 
lebrungen! welche Menge und Kraft neuer Anregungen ! Hier 
wurde Epoche gemacht , hier dem an Händen und Füi'sen mit 
den patristiscben Binden der Unmündigkeit umwundenen La- 
zarus der geistigfreien Chriatuslebre wunderthätig zugerufen: 
Machet ihn los und lasset ihn selbst wandeln ! 

Möchte doch ebendeswegen der umfassendere Plan des Hrn. 
Dr. de Wette, alles von Luther so viel möglich zu sammeln, 
eben so kritisch zu berichtigen ; zeitgemäls und sich seihst 
erläuternd zu ordnen und mit so kurzen auserlesenen Inhalts- 
anzeigen, Ueberblicken und Winken, wie hier geschehen ist, 
verständlich und anwendbar zu machen, zu gleicher Zeit kräf- 
tig erneuert und durch eineallgemeine Sammlung für L u theri 
G e i s t es d en k mal , unter Garantie der bekanntlich so soli- 
den und nichts blos handwerksmäßig unternehmenden Buch- 
handlung, rasch vorbereitet und ausführbar gezeigt werden. 
Dank allen 9 welche Luthers Geist immer wieder aufs neue 
über einzelne Funkte des „Kampfs zwischen Licht und Finster- 
nifs« mit mächtigen Schritten (nicht aber am zerfaserten Gän- 
gelband schwacbmüthiger Andäcbtelei) hervortreten machen. 
Aber all dieses Einzelne beweist nur um so mehr, wie wün- 
tchenswerth eine möglichst verbreitete Erscheinung des Gan- 
zen wäre, wenn dadurch, nach Löschers allzu bald unter- 
brochenem Beispiel , Jahr für Jahr das Werden der grofsen 
Geistesunternehmung in ihrer ganzen Genesis t auch durch 
vieles von den seltenen, gleichzeitigen Mitwirkungen Anderer 
beleuchtet, vor uns und der Nachwelt dastehen könnte 

Auch bei dem diesmaligen Wiederlesen hat sich Rtc. 
manche psychologisch -pragmatische Einsichten in das geistige 
und zeitliche Entstehen der grofsen „ Umformung und Wieder- 
gestaHung der christlich - religiösen Geistigkeit und Lebens- 
kraft« gewonnen oder erneuert. 

Luther deutet (S. 677.) in einem Schreiben an seinen 
Landesregenten, Churfürst Friedrich selbst (1521. um Ja* 
dica), vorzüglich darauf , dafs eine Zeit gekommen sej, 
wo die Schrift und alte Lehre wieder hervordringen 
und „man nunmehr in aller Welt anhebe zu tra- 
ge n ^ nicht W a S f sondern wetrum dies oder das ge- 
sagt werde« Was die römische Kirche ohne Grund sage 
und handle, würde durch sein Widerrufen nicht Grund Be- 
kommen. Gern wolle er einen Widerruf thun, wo in einem 
Stück sein Irrthum gezeigt werde. Denn alle Stück straks m 



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bearbeitet ron Dr. de Wette* 835 

widerrufen t mag nit geschehen , die Weil die Kirch schul* 
dig i a t ^ Ursach ihrer Lehr flu geben, als Sanct Peter 
(l Epist. 3 $ 15.) gebeut , und verboten ist mancbfal* 
t i g , d a f a man nichts annehmen soll, es s e y denn 
probiert; als Set Paulus l Theas. 5* 21. sagt,«« — 

Dieses allen Arten und Abarten des Auetori tütglaubena 
so unleidliche Beweis - und Grund -fordern , dieses Fragen* 
warum? wodurch das für viele so schwerverständliche Wort 
vom Denken und Selbstdenken recht fafslich und wie es enta 
stehen soll , genetisch definirt ist, führte nun den Forscher 
hauptsächlich auf das dem Urchristenthum gleichzeitige Zeu£* 
nifs des schriftlichen Evangeliums, im Gegensatz gegen die 
aus dem pharisäischen Ral>binismus (s, L'Empereur Claris 
Taluiud^ica. Lugd. B, 1634*) in die christliche Kirche herüber-* 
gekommene Anhänglichkeit an mündliche, äufserst veränder- 
liche Traditionen. In diesem Gegensatz wär immer das ent- 
scheidendste die negative Frage) Wo steht davon etwas , 
dafs in der Christus kirche wieder eine jüdischartige* phari- 
säisch * priesterlicbe Mittlerschaft eintreten dürfe zwischen 
Gott und den Christen , welche vielmehr alle selbst Priester 
seyen (1 Petr. 2, 6.j ? wo, dafs in einer zeitlich gewählten 
Kfibe von römischen Bischöfen diese amtlich eben das seyn 
sollten und könnten f was Petrus persönlilcb war? u* 
dgl. m. 

Solltet demnach die Schrift (diese fast gleichzeitig geschrien 
bene Tradition) Zeuge seyn, was urchristlich war und was 
nicht, so mufste Luther, wie er oft genug tbat, darauf drin- 
gen, dafs »die Schrift seyn müsse ungebunden und 
Ober alle Dinge frei (S* 597.)* so dafs es in keines Men* 
sehen Gewalt stehe, sich desselben heiligen Gottesworts zu 
begeben oder demselben menschliche Ausleger vorzusetzen, 
wie grofs, gelehrt und heilig sie immer seyn mögen.« An K* 
Carl V. schreibt Luther (S. 591.) : hoc unum non potui obti- 
nere christianissimum sane votum , ut verbutn Dei mihi libe- 
rum et illigaturn permaneret. Und weiterhin: Verbum Dei . . 
cum sit super omnia, dtbet »in Omnibus«* liberrimum et itligatuni 
haberi, ut Paulus docet. Et in humano arbkrio nunquam posituni 
Alf f ipsum submittere et in periculum subjicere 9 quantalibet magnitu- 
dine, multitudin* doctrina f sanetitateque praepolleant homines . . . 
Nee tibi ipsi cjuisquam sese submittere potest, dicente Salomonen 
Sttätui estf qui eonfidit in eorde suo. 

Nicht immer spricht Luther bestimmt genug aus, wie er 
*icb dieses Ungebundenseyn der Schrift und ihrer 
Auslegung, nämlich des möglichst sachkundigen und ge- 

61 * 

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836 Luther* Briefe. I. Tu. bis zur Wartburg. 

wissenhaften Forschers Freiheit von irgend einem zum voraus 
vorgeschriebenen Resultat, dennoch ohne Frechheit und 
Willkührlichkeit in der Auslegung denken konnte. 
Noth wendiger Weise aber wurde Luther , indem die Schriftaus- 
legung nicht an vorgefafste Entscheidungen der Kirchenlehrer, 
ConciJien und Päbste gebu nden seyn sollte, zu dem Grund- 
satz bingetrieben : Jedes Zeitalter hat die Schriftaualegungs- 
mittel alle, die es zu erreichen vermag, zur Vergewisserung 
des Schriftsinns so gut anzuwenden , als es sodann ihm mög- 
lich ist , ohne dafs irgend ein anderes Zeitalter für alle folgende 
den Schriftsinn unverbesserlich entschieden und darüber etwas 
einer Kirche unabänderlich aufgenöthigtes abgeschlossen ha- 
ben darf. 

Hierauf vornehmlich beruht Luthers Protestiren gegen 
das Uebermaafs von Auctoritü* ten, die zwar zu achten 
und nach ihren Gründen z.u erwägen f nie aber als stehende 
Torschriften zu behandeln sind. 

Daher Luthers Gegensatz in dem Schreiben an die 
I\ e i ch s f ü r s t e n nach der Wegreise von den grofsen Tagen 
des öffentlichen, gefahrvollen Bekenntnisses zu Worms (S. 597); 
M In zeitlichen Dingen, die Gottes Wort und ewige Güter 
nit betreffen, sind wir schuldig unter einander zu vertrauen, 
angegeben, dafs derselben Dinge Begeben, Fahr und Verlust, 
die wir doch zuletzt müssen fahren lassen, zu der Seelig- 
keit unschädlich sind. Aber in Gottes Wort und 
ewigen Dingen kann Gott nit leiden, dafs man sich 
frei begeb und erwäg (erleg? reponat) auf ein oder 
viel Menschen — sondern allein auf ihn selbst . * 
Denn also vertrauen einem Menschen, in Dingen ewige See« 
ligkeit betreffend, das ist nit anders , dann aus den Creaturen 
einen Abgott machen und sie in die rechte eigene Ehre Got- 
tes zu setzen. «• 

In diesem Sinn sagt auch sein Schreiben Von 1520. an 
Pabst Leo X. (S. 5i3.) : »Dafs ich aber sollt widerrufen meine 
Lehre, da wird nichts aus . . Dazu mag ich nicht 
leiden Regel oder Maafs fd. i. vorgeschriebene Aucto- 
rität für die aus der Schrift zu erhaltende Resultate) die 
Schrift auszulegen, die.weil das Wort Gottes, 
das alle Freiheit lehret, nit soll oder mufs ge- 
fangen seyn.« 

Unter Freiheit aber verstand Luther allerdings nie 
Frechheit, nie-Willkü hrlichkei t, sondern den rück- 
sichtlosen, gewissenhaften, eben dadurch moralischfreien Ge- 
. brauch aller anwendbaren möglichbesten Mittel und Kräft der 



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1 

bearbeitet Ton Dr. de Wette« 83? 

* 

Person und des Zeitalters. Dieser Sinn wird nach deutlicher 
durch den lateinischen Ausdruck ebenderselben Stelle (denn 
Luther schrieb jene £usc|irift an Pabst Leo absichtlich in bei« 
den Sprachen). Sein lateinischer TeaU (S. 5940 8a g t : Porro 
•polinodiam ut conam, beatissjuie Pater t nctnc$t, quod ullus praesu- 
mar, nisimalit, adhuc majori turbine causam involvere. Dein« 
de lege* interpretandi verbi Dei non potior, cum opprteat "perbum 
Bei esse nqn alligatujji, rjuod Übeltätern docet omnium 
aliorum. 

* 

Bjs dahin nämlich war nun, nachdem die Kirchenväter , 
bischöfliche Concilien und Päbste durch ihre Bibelauslegung 
so vieles schriftwidrige zur christlichen Erblehre und zur Vor« 
schrift 9 was u der Bibel als Christuslehre gefunden werden 
mülste und nicht anders gefunden werden dürfe, gemacht hat- 
ten , Luthers gesunder Verstand getrieben, dafs er einsah und 
forderte: dog matische G e s e t z e, was aus der Bibel als Bibel- 
sinn und Lehre hervor erklärt werden mülste , dürfe es keine 
geben« Frei, das ist, ohne zum voraus gebotenes Resultat, 
müsse der Bibelsinn gefunden werden, wie er jetzt und je* 
desmal durch Anwendung der in dem jedesmaligen Zeitalter 
anwendbaren Kräfte und Kenntnisse und logisch erweislicher 
lnterpretationsregeln zu finden »ey. Mit einem Wort: Durch 
den Mi fs brauch der kirchlich gebotenen Auslegungsart und 
Lehren war Luther zu der allgemein verständlichen und ver- 
ständigen Einsicht getrieben, dafs, eben so wie in allen an- 
dern Fächern von Geschäften und Kenntnisseu. auch in der 
Religion (der Erkenntnifs vom Verbältnifs der Menschen zur 
Gottheit) kein Zeitalter dem andern eine Gesetzvorschrift, 
was ois wahr gefunden oder vorausgesetzt werden müsse, ge- 
ben dürfe. Vielmehr habe jedes Zeitalter nach dem Maafs 
seiner Mitte], allerdings also auch unter Benutzung der Vor- 
zeit, aber ohne dadurch gefesselt oder gebunden zu seyn, das 
Wahre überhaupt und so auch den wahren eigentlichen Bibel- 
linn und dessen Beziehung auf die Christuslehre zu suchen 
und — ^ersteht sich, gewissenhaft und mit Anstrengung aller 
Kräfte — au finden. 

Pas wirklich wahre bleibt zu jeder Zeit wahr. Wer aber, 
wie Kirchenväter, Bischöfe, Concilien und Päbste, sicb'selbst 
bereden kann, ein Gesetz geben zu können und zu dürfen, 
wes den Nachkommen wahr bleiben müsse, beweist eben da« 
durch, dafs er die Natur der Wahrheit nicht kannte, die sich 
immer aufs neue selbst beweist und legitimirt, Gerade wer 
4*s Wahre gesetzlich vorschreiben zu können meint undjan- 



' * • ' . ♦ . Digitized by Google 



838 Luthers Briefe. I. Tb, bis sur Wartburg. 

■ 

rathet 9 zeigt» wie weit er vom richtigen Ausleger und von 
«iner Gesetzgebung für das Wahre entfernt i-t. 

Nicht Gesetze, was für Resultate gefunden werden müs. 
sen , wohl aber die sich selbst jedesmal und immer aufs neue 
erweisende Verstandesregeln der Auslegungskunst und der 
Wahrheitforschung überhaupt lernte Luther, Melanchthon 
und wer ihresgleichen zu seyn strebte, anerkennen. Da- 
durch wurde Luther frei von dem — immer wieder thetls 
durch Unkenntnifs in der Forscbungskunst und den F orschungs- 
mittein, theils durch Herrschsucht eine Rückkehr versuchen* 
den, von den Priestern aller Zeiten und Volker verbreiteten — 
Vorurtheil : als ob allein in Sachen der Religion das Wahre 
andere, als in allen andern Gegenständen d$v menschlichen 
Ueberzeugung zu suchen und zu finden wäre. Ist das Wahre 
durch ein altes oder neues Gesetz für immer ausgemacht, so 
wäre nichts zu thun übrig, als vorerst der Beweis , dajs jenes 
Gesetz ein für allemal entscheiden durfte, und dann eine im- 1 
merwäbrende, buchstäblich genaue Wiederholung des gesetz- 
lichen Credo. Und somit wären die protestantischen Kirch* 1 
gemeinden aller Art, wenn gleich nicht nach dem gesammten 1 
Lehrinhalt, doch nach dem Hauptpunkt, dem Gruudsatz und 
dessen kirchlicher Anwendbarkeit, unvermerkt antiurotestan* 1 
tisch und rückschreitend patristisch- katholisch, \ 

Gewöhnlich macht man sich die Einwendung ; Wo bliebe ' 
dann die Kirche? Ohne bestimmte (also am Ende: ohne vor- 
geschriebene) Glaubenslehren hält, so meinen viele, kein Re- 
ligionsverein als Kirche zusammen i Grundsätze und Gesin- 
nungen sind zur Kircheneinheit nicht hinreichend 2 

Wäre dies; so mtifste der Protestantismus in seinem 
obersten Grundsatz selbst das kirchliche Vereintseyn unmög- 
lich machen. Aber eben so müfsten alle die ersten Vereint* : 

fangen der Christengemeinden, all das Entstehen der Ur- . 
irrhen, unmöglich gewesen seyn. Denn m^t einem auch nur 
zu einer katechetischen Glaubensvorschrift geordneten GJau* 
bensinhalt sehen wir Paulus nicht zu den Galatern^ zu den 
Korinthiern u. s. w. gekommen. Der Fundamen talsatz 
war i Kor. 3% 11. „Jesus ist der Messias« vergl. Jesu Symbol 
Job. 17, 3, Dareuf konnte von manchen ein mehr oder weni- 
ger baltbarer Einbau oder Glaubensinhalt folgerungsweise 
versucht werden; s. Vs. 12 15. Auch in späterer Zeit 
setzt der Römerbrief zu Rom selbst nichts dergleichen vorge* 
zeicbnetes voraus. Der Grundsatz, dafs Jesus der ächte Lehr* 
regent von Gott sey, welcher dje Gesinnung, nach seinem 
Vorbild in dem Verhältnis, zur Gottheit, als Geist, als beilig, 

^^•^*™ 



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bearbeitet von Dr. de Wette. 839 



als Vater , dem , was dieser Gott wollen kann v gern Öls und 

gotteswürdig zu leben, über alles hervorleuchtend zeigte, 
dies war derMaafsstab der Ueberzeugungstreue 
(der movwv wt««s % Kor. 10, 13 — 16. Gal. 6, 16, die re- 
gula fidei), die Analogie Rdin. 12, 6. oder Verhältnifsmäfsig« 
keit und Gleichförmigkeit, nach welcher man willensver- 
derblicbe Lehrmeinungen l Tim. 6, 3 — 6. abschied, an« 
dere aber, als Versuche, sich über feinere Aufgaben zu über* 
zeugen, einander nachgab, so lange dabei einer dem andern 
Begeisterung für das Heilige zutrauen konnte 1 Kor« 14t 29. 
Und so ist es zu allen Zeiten möglich und gerade das beste. 

I« Wahrheit aber wird eine einander näher gekommene 
Anzahl von Kirchengemeinden (sey es eine Landes* oder Na« 
tionalkirche oder eine noch ausgedehntere) gerade durch den 
evangelisch -protestantischen Grundsatz Luthers: „Man hebt 
an in aller Welt zu fragen, nicht was, sondern warum 
etwas behauptet werde am meisten angetrieben zu einem 
lebeusthätigeii kirchlichen Vereintseyn, Jeder einzelne be- 
greift leicht, dal's nur in einem Verein die Kräfte, so mancher« 
Jei Warum mit den jetzt möglichsten Mitteln sich klarer und 
wahrer zu machen, zusammenkommen. Sind denn nicht auch 
Inländern Zuständen und Tbätigkeiten der Menschheit eben 
diese gegen das Uebergewicht der Herkömmlichkeit und des 
Schlendrians protestifende Grundsätze und Gesinnungen, die 
Einsichten und Ausübungen des Richtigeren durch vereinte 
Kräfte, Anstalten und Mittbeilungen erkennbar und anwend- 
bar zu machen ,"die Basis des Vereintseyns? In allen Staatsver- 
einen , wie veränderlich sind nach Umständen, und vornehm- 
lich nach dem Erreichen neuer Kenntnisse oder anderer Mittel, 
dem ächten Verstände gemäfs, alle Regierungsverordnun- 
gen? Selbst die Gesetze, sind sie nicht noth wendig, nach 
beträchtlichen menschlichen Geistes Veränderungen f auch zu 
verändern ? Zum Glück bedarf Justtnians Codex doch noch 
immer, weil er das Falpablere betrifft, weit weniger Aende- 
rung, als die Conciliendogmen über das Uebersinnliche, 
welchem eben dieser in Gesetzgeberei verliebte byzanzische 
Machthaber auch so wie Eigenthumsgegenständc in eine ste- 
llende Gesetzform zwingen zu können sich «bereden liefs $ Er, 
der über die patristische Tiefkenntnisse: Ob Christus durch 
zwei Willen oder durch Einen Einerlei gutes wolle? und ob 
nicht sogar der Leib Christi ewig unverweslich gewesen seyn 
rnüfste ? mit Gesetzeskraft zu entscheiden , für etwas der 
Kirche und dem Reich heilbringendes achtete, vielmehr aber 
bewirkte, dafs die Mouotheleten lieber Unterthanen der mo- 



■ 

* - . * 

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8iO Lulhers Briefe. I. TU. bis zur YVartburg. 

bammediscben Monotheisten wurden , um nicht, als ßarthKot, 
Nachsprecher der byzanzuchen Hoftheölogie werden zu 
müssen. 

Damit aber in den Staaten immer manches verbesserlich 
werde, mufs es nicht deswegen veränderlich seyn? Und 
müssen nicht die denkbare Verbesserungen frei vorgeschlagen, 
aber auch erst nach allen Seiten erwogen und nach Gründen, 
Gegengründen, Mitteln und Modificatiqnen vollständig durch, 
gesprochen werden können, während noch zu gleicher Zeit 
das zuvor gutgefundene factisch fortbesteht ? Nur auf diese 
Weise kann über alles zur Veränderung reifende die Denkfrei« 
heit und die Gedankenmittheilung ungehemmt in eben so nütz« 
liehe als pflichtgetreue Ausübung kommen, und zu dem Ziel, 
das möglichbeste von den unpartheiisqben stillen Prüfern vor« 
gezogen zu sehen, durchführen. Offenbar ist dies bei den 
aufsern, viel leichter durch die Erfahrung zu erprobenden 
Staats- und Regierungsgegenständen das einzige Mittel, das 
Bestehen des ganzen Vereins dennoch mit der Verbesserlich« 
keit aller seiner Verfügungen im Einzelnen vereinbar zu ms* 
chen. Nicht irgend die Unabänderlichkeit eines Gesetzbuchs 
oder Landrechts y nichteinma] einer Verfassungsurkunde, son- 
dern der Oberste Grundsatz der Staatsvereine« die Einsiebt 
der Nothwendigkeit äufserer Ordnung und Legalität für die 
innerlich vervollkommnende Moralität, und dann die Pflicht* 
gesinnung, für diesen Grundsatz überzeugungstreu zu bleu 
ben, dieses beides ist das, was in Stalten alles zusammen« 
hält, während jedes Jetzt ein einigermaßen verändertes Wer- 
den des Staatszustandes vorbereitet (otnne praesens gravi- 
dum futuri). 

Und nur in der Kirche sollte nicht verständig seyn, was 
zum Verbessern in allem Andern überall (selbst endlich gegen' 
die Janitscbaren) als das verständige sieb geltend und unent- 
behrlich macht? Ein Verein für Religiosität* welcher meist 
nur eine pünktlich eingelernte Ausübung gottesdienstlicber Ge- 
bräuche und überhaupt das erlernbare Herkömmliche nÖtbig 
zu haben voraussetzt, Irann befriedigt seyn, wenn etwa alt* 
hergebrachte Stiftungen die für solches Lernen und Einüben 
nöttiige Anstalten erhalten. Es soll und soll ja, so viel mög- 
lich, das nümlicbe bleiben. Und es ist, wie die Absolut-Apo- 
stolischen Freunde der Tncruisitionswiederherstellung ganz 
richtig ahnen , ein gewissermafsen gefährliches opus superero- 
gationis , im Unterricht für folgende Generationen neue Kennt- 
nisse mit dem Alten erst in V er g^ e ' c ^ un ^ treten zu lassen* 
Wie sprechend ist nicht jene eines Omars würdig« Sentenz i 



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bearbeitet von Dr. de Wette. 84 1 

I , 'S. ' 

rfafs alles übrige entweder mit dem Koran übereinstimme oder 
ihm entgegen wäre, daf9 also der ganze Alexandrinische Bücher- 
achaU als zum wenigsten überflüssig, oder gar als verderblich 
immer brennen möge. Weswegen denn auch die mohararae- 
diseben Cbakims und Ulema's, wenn sie mehr als Koran und 
Sonna einlernen t eben so wie die Kabbinen, wenn sie nicht 
blos an Thorah und 'Talmud sich gewöhnen, ein gefährliches 
Zuviel wagen, welches ihnen der Verein zu danken und des- 
wegen zusammen zu halten keine consequente Ursache bat. 

Wie sehr ist dagegen jede Anzahl von Protestanten, 
welche die jedesmalige Fortschritte der Zeit in Kenntnissen, 
in der Wabrbeitforscbung und in der Lehrart nach Grundsatz » 
und Gesinnung theils zu Berichtigungen alter Auctorität, 
theils um auf die zeitgemBfseste Weise sich überzeugen und 
erbauen zu lassen, als unentbehrlich achten , zum kirchlichen 
Vereintseyn und Zusammenwirken angetrieben. Kirchlich 
vereint wollen sie gerne seyn , nicht nur damit in fortrücken^ 
den Anstalten die mancherlei Lehrer für wissenschaftlichen 
und für Volksunterricht über alles religiöse, studirend (nicht 
blos einlernend) 9 gebildet, sondern damit durch vereinte 
Mittel und Bestrebungen auch alle Gemeindeglieder zumTbeil- 
nehmen - können an dem Geistig- herzlichen der kirchlich -ge« 
ineinsebaftlichen Belehrung und Andacht von Kindheit auf 
vorbereitet, und durch alle Lebensalter hindurch hingeleitet 
und aufgemuntert werden können. Sogar abgesehen von dem 
eigentlich religiösen, den Willen bessernden Inhalt ihrer 
kirchlichen Gemeinschaft, wirkt schon das darin geübte Vor« 
herrschen des praktischen Verstandesgebrauchs , die Ange- 
wöhnung, durch n Warum" Ueberzeugung für Vervollkomm- 
nung im Leben und Wirken zu erhalten, in vielen durch pro* 
testäntische Grundsätze und Gesinnungen zusammenstimmen* 
den so geistbildend zum allgemeinen Verstftndigwerden , dafa 
ein umfassenderes Nachdenken unmöglich noch die Meinung 
annehmen kann , ein solcher Kirohenverein würde sich, wenn 
er nicht auch durch ein gewisses Binden der Verständigkeit 
an Dogmen zusammengedrängt würde, nicht in jener «del- 
willigen Gemeinschaft erhalten. Ist doch diese zu Erreichung 
des Grundsatzes , *u jeder Zeit in das möglichbeste von Kennt- 
nifs und Befolgung der Christuslehre eingeweiht und geleitet 
su werden, von jedem als unentbehrliches Mittel zu erken- 
nen. Auch wird alsdann jeder Einzelne in der Theilnahme an 
inöglicbbester überzeugender Belehrung und Erbauung eben 
durch die Gemeiqscbaftlicbkeit Vieler desto froher und kräf- 
tiger ermuntert. Kurs * Grundsätze und Gesinnungen sind 

* 4 



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q42 Lutben Brief«, h Th. bi« *ar Wartburg. 

cl ie Helten, auf denen ungebunden jedes christliche Kirchen- 
Wesen fester ruht, als auf irgend einzelnen Lehrausbilduiigen 
Oder Lehrgebäuden y am wenigsten auf solchen, die sieb hiebt 
durch innere Macht der Wahrheit in der Ueberzeugung der 
Nachdenkenden zu erhalten vermöchten. Nicht von irgend 
einer gebundenen Auslegung spricht und gilt Luther» Kraft- 
wort: Verbum Dei manet in aeternum. 

Entstund nicht vielmehr ein Puukt, in welchem die red- 
lich forschende Folgezeit am ineisten von Luther abweichen 
tuufste, und welcher endlich erst nach dreihundert Jahren 
durch die Union der reformirten und lutherischen,Kircben aus- 
geglichen worden ist, eben daher, dalsLutber das, was seine 
Auslegung war, für Gottes wort selbst nehmen und daran 
bind«?* zu müssen meinte? Mit inniger Hochachtung seiner 
Gewissenhaftigkeit erkennt, wer ihn psychologisch zu fassen 
vermag, wie schwer es für Luther, nach seiner eigenen Er- 
klärung, war, das nicht auf eine offenbare Entdeckung Jesu 
gegründete, sondern blos durch auslegende Schlüsse zum 
Kircbendogrna erhobene Wunder der We y sensverwandlung 
(Transsubstantiation) als nichtgeofFenbart, als eine menschlich 
bindende Schriftauslegung, aus seinem gottandächtigen Gemüth 
zu entfernen. Dagegen war in ihm dennoch die Angewöh- 
nung übermächtig, etwas geheimnisvolles und wunderbares 
in jenem Ist und in manchem ähnlichen vorauszusetzen. Be- 
hutsamer zwar und conaequenter , als mehrere Kirchenväter 
und Scholastiker, blieb er dabei stehen, jenes wunderbare 
Seyn, gerade weil es ein Wunder, also unerklärbar, seyn 
müsse, nicht erklären, das heifst, das Wie nicht bestimmen 
zu wollen. Eben deswegen nannte er die als unentbehrliche 
Auslegung gedachte leibliche Vergegenwärtigung eine „sacra- 
menthehe«, weil er sie, als ein heiliges Geheimnifs, nicht 
zu erklären wisse oder wage« und weil sie, einzig in ihrer 
Art, einzig in diesem Sacrament wirklich werde. Dennoch wsr 
es, wie man nun nach und nach eingesehen bat, zu bedauern, 
dafs Luther hierin nicht genug ah die Regel dachte : wo ein 
weiser Lehrer nicht andeutet, dafs seine Worte einen Verbor- 
genen Sinn enthalten, da sind sie höchst wahrscheinlich in 
einer allgemein verständlichen Bedeutung zu nehmen l Noch 
mehr aber war es drei Jahrhunderte hindurch zu bedauern, 
dafs in diesem Fall Luther, seines höchsten, wahren Grund- 
satzes von „ungebundener" Scbriftauslegung nicht eingedenk 
genug, mit so viel Heftigkeit seine zum Mysteriösen sich hin- 
neigende A u sl eg u ng auch für den philologisch vorurteils- 
freier gebildeten Zwingli zu einem biudenden Off 




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Flügel vom Luftdrücke. 645 



oder Gotteswort machen zu müssen meinte. Waren es doch 
die Selbstdenkenderen, welche das, was als Jesu Wort über- 
liefert, und von Jesus nicht als Gegenstand einer geheimen 
Deutung bezeichnet ist, mit Grund von jedem Auslegung«- 
versucb, besonders von Verwandlung des Nicbtgeoffenbarten 
in ein Offen baru ngsgebeimnifs , tu unterscheiden gleiche Ge- 
wissenhaftigkeit übten« 

Dank aber dem einmal richtig erkannten Grundsat« t claÄ 
die Schriftauslegung ungebunden, das ist, nicht von vorge- 
schriebenen Resultaten, sondern von def jedesmaligen mög- 
lichbesten Kenntnifs jedes Zeitalters abhängen müsse! Eben 
dieser Grundsatz Luthers hat doch den protestantischen Kirchen 
die freie Kraft gesichert, verfehlte Anwendungen redlich au 
berichtigen. Nur weil endlich die Scbriftauslegung wieder 
von dem Gebundenseyn an vorherbestimmt« Resultate frei 
wurde, konnten die Gründe und Gegengründe der möglichen 
Auslegungen so wejt offen dargelegt werden , dafs endlich auch 
die Mehrzahl der nachdenkenden Kircbengenossen klar sehen 
und die erwünschte Union ausführbar werden konnte. 

Hat denn aber nun das, was als oberster protestantischer 
oder forscbungsfreier Grundsatz unsre Kirchenunion mö 
machte, hat dieses Freistellen der dogmatischen Auslegung 
etwa die Kirche gefährdet? Hat es die Recheneinheit und die 
Neigung für kirchliche Geineinschaftlichkeit geschwächt? 
Auf .Luthers erster Forderung : die Scbriftauslegung darf nicht 
gebunden seyn ! sehen wir vielmehr, steht die unirte Kirche 
desto kräftiger und fester. Und je vollständiger Luthers 
Werke studirt werden, desto voller wird diese ihre geniale 
Wirkung seyn. 

Dr. Paulus. 

_ . . 

4 

Versuch einer Widerlegung der Lehre vom Drucke der Luft* Eine 
vhy skalische Abhandlung mit historischer Einleitung von Julius 
Fla geh Leipzig 1826. 54 & 8. 8 Gr. 

* • 

Ref. studirte gerade eine tiefgelehrte Abhandlung von 
einem verstorbenen englischen Physiker, als ihm das vorlie- 
gende literärisebe Froduct gebracht wurde ; die Neugier trieb 
ihn, dasselbe zu lesen, und er hielt hierbei wirklieb bis zur 
32»ten Seite aus, um einmal mit eigenen Augen su sehen, 
wie man die leichtesten , bekanntesten und offenbarsten phy- 
"icalischen Wahrheiten auf den Kopf su stellen vermöge. Bei 



Di 



844 Flu gi- 1 vom Luftdrucke. 



dem Ueberhlicken des Restes erwachte der Entschlufs, einige 
Worte darüber niederzuschreiben, weniger eine Kritik be- 
zweckend, als vielmehr ein warnendes Wort zu seiner Zeit. 

Vor allen Dingen ist Ref. weit entfernt, dem jungen 
Verf. zu zürnen, vielmehr will er allerdings, seinem S. 54» 
geäufserten Wunsche gemäfs, mit ihm Nachsicht haben, ja er 
giebt ihm selbst das Zeugnils der Bescheidenheit, und glaubt, 
tidis er aus Ueberzeugung geschrieben hat. Aber an eben 
dieser Stelle sagt der Verf. auch, dafs tausend ehrwürdige 
Männer das Gesetz des Luftdruckes annehmen; war es ihm 
denn nicht möglich, nur einen von diesen um die Gründe 
seiner Meinung zu fragen ? oder konnte er kein ausführliches 
physicaliscbes Werk erhalten , worin diese Lehre vollständig 
mit den ganz ulizubezweifelnden Gründen ihrer Richtigkeit 
ausführlicher vorgetragen ist, als in blofsen Compendien, 
welche eine weitere mündliche Erläuterung voraussetzen? — 
Ferner hätte der Verf. doch billig überlegen sollen, dafs mit 
der Umstolsung dieser Lehre und der Begründung seiner neuen 
von der Wechselwirkung der Anziehungen und Abstofsungen 
so viele andere . zusammenhängen , die er zuvor nothwendig 
reiflicher studiren mufste, ehe er es dreist wagen durfte, die- 
ses einzelne Gesetz umzustofsen. Statt dessen giebt er, wie 
gewöhnlich, sogleich ein allgemeines Schema, welches eigent. 
lieh die ganze Naturlehre reformirt; wie konnte er aber glau- 
ben, dais von den vielen ehrwürdigen Männern, welche üe- 
cennien des anhaltendsten Fleifses und Nachdenkens auf diese 
Wissenschaft verwandt haben, keiner auf einev so leichten 
Weg geratben seyn sollte. Darin besteht aber eben das Ver- 
derbliche der jetzigen Modeschriftstellerei dieser Art, dafs ein 
jeder glaubt, sein Gedanke sey durchaus neu, und noch nie- 
manden in den Sinn gekommen , und dann steckt ein solches 
Beispiel mächtig an, wenn über einen Einfall dieser Art so- 
gar ein Buch geschrieben wird , ohne dafs der Veif. sich die 
Mühe giebt, erst dasjenige kennen- zu lernen , was über die» 
selbe Sache schon geschrieben ist. So ist denn auch unserem 
Verf. ein ähnliches Buch in die Hände gekommen , nämlich 
Röttger'a Elementarphysik und Physiologie, worin viel 
über Physik phantasirt wird, wovon aber Ref. nicht einmal 
so viel anhaltend lesea konnte, als in der vorliegenden Schritt. 
Eine andere Autorität eines berühmten Schriftstellers, welcher 
die Lehre vom Luftdrucke gleichfalls neuerdings verworfen 
hat, mufs dem Verf. nicht bekannt geworden seyn, sonst 
hätte er sie gewifs angeführt. Refer. bittet daher alle junge 
Männer, welche einen solchen seltenen, die ganze Wissen* 



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. . . . • . 
Flügel vom itaftdraeke, 04 5 

icbaft oder Haupttheile derselben reformirenden Fund gethan • 
zu haben glauben , vorher die vorhandenen gründlichen Werke 
eifrig zu studiren, ehe sie die eitle Schriftatelierehre su er- 
ringen wagen. 

Eine Widerlegung der aufgestellten Sätze würde nur Wie. 
derholung der bekanntesten Sachen erfordern, womit keinem . 
Leser gedient seyn kann. Dafs nämlich die Luft den Charak- 
ter der Flüssigkeit habe, wird doch kein Beobachter bezwei- 
feln; von ihrer Schwere kann man sich aber durch das Wägen 
derselben in einer hlofsen Kugel überzeugen. Ist sie somit 
eine schwere Flüssigkeit, so mufs sie auch eben so gut als alle 
anderen schweren Flüssigkeiten drücken. Den Luftdruck be- 
zweifeln, beifst daher eigentlich, der Luft eine Eigenschaft 
beilegen und sie' ihr zugleich auch wieder absprechen, wel- 
ches doch schwerlich einem vernünftigen Menschen einfallen 
kann, wenn er anders die Sache kennt, worüber er redet« 
Um aber zu zeigen, wie sehr Ref. Recht hat, wenn er be- 
hauptet, der Verf. habe die Acten lange nicht genug studirt, 
um sich für den Spruch berechtigt , zu halten, mag Folgendes 
dienen. Verzeihlich ist es allerdings, wenn der Verf. die 
vielen gelehrten Untersuchungen nicht kennt, welche über die 
Existenz einer Repulsivkraft und über das Zureichende der 
Newtonseben Anziehung bereits angestellt sind \ allein wenn 
er Mayer's Hypothese von den Wärmeatmosphären der Luft- 
partikelchen so geradezu von der Hand weiset, ohne die spä- 
teren Theorieen a. B. Oalton's und insbesondere des grofseit 
de la Place nebst seiner zahlreichen Anhänger über diesen 
nämlichen Gegenstand zu kennen, so darf man doch wohl mit 
Recht sagen, dafs er zum Reformator der bestehenden pby- 
sicalischen Gesetze vor der Hand noch zu unreif sey. Noch 
beweisender für dieses Urtheil aber ist folgende Stelle S. 33 : 
»Man folgert aus Dalton's Versuchen ganz sich er, dafs die 
Verdunstung reine Wirkung der Wärme sey. Allein dem ist 
nicht so, denn wie könnte sonst ein Tropfen Wasser bei 
0° C. verdunsten ? (oder soll hier auch, von negativer Wärme 
die Rede seyn ?) — Die Ausdünstung ist vielmehr ganz sicher 
reine Folge der speci fischen Retraction.« Fiel denn dem Vf. f 
als er dieses schrieb, nicht das O der Fahrenheitscben Skale 
ein? oder konnte er nicht zuvor das erste beste Compendium 
der Physik nachschlagen , um hierin zu finden, dafs der Null* 
punkt der Thermometerskalen kein absoluter seyn könne*. 
so Wenig das Gefrieren des (reinen) Wassers kein absolut be- 
stimmendes, ist, indem so viele Flüssigkeiten unter und über 
der hierzu erforderlichen Temperatur fest werden »* 



1 



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«4* 



Weber die Skelette der Havssa'iigttriere. 



Refer. mufs also noch male seinen innigen Wunich aus- 
• sprechen, darf« junge Gelehrte, welche in aich den Beruf füh- 
len , als Schriftsteller aufzutreten, aich doch ja an vor bemü- 
hen (mit den Schlußworten dea Verf. zu reden), von clen 
ehrwürdigen Männern einer Wissenschaft erat zu lernen , be- 
vor aie diese zu belehren versuchen. Uebrigen* ist die 
Schreibart dea Verf. klar und fliefsend, und aobald ihm nur 
erat die erforderlichen Sachkenntnisse nicht mehr abgehen, 
wird er auch ala Schriftsteller ohne Zweifel aein Glück 
machen. 

M u n * k e. 

k 

Die Skelette der Haussäug thiere und HansvÖgel f für Naturforscher f 
Aerzte und zu den Vorlesungen auf Universitäten, und Thierarz* 
neischulen ; entworfen von M,J. Web er , Doctor d, JVle$icin % 
Prosector an der Univ. %u Bonn u, S. W* Bonn, bei C», PVebtr, 
1824. Querfol. 22 S. Taf. i \7. 6* fl. 

Der Titel dieses VVerka iat theila nicht ganz passend und 
genügend, theila acheint una auch dessen Bestimmung nicht 
richtig gewählt zu seyn. Letzteres namentlich, wenn der 
Hr. Verf. seine Arbeit im Allgemeinen für Naturforscher, 
Aerzte und zu den Vorlesungen auf Universitä- 
ren und T bi e r ar z n ei ach u 1 en berechnet hat* Der Na- 
turforscher, welcher vergleichende Osteologie stndirt hat 
und haben mufs, wird doch wobl auch mit der Osteologie 
der Hauathiere bekannt seyn, der Thiere, die er ja noch aus- 
serdem so leicht, haben kann. Eben so verhält es sich mit 
dem Arzte, wenn er sich mit .vergleichender Anatomie (Osteo- 
logie) beschäftigte. Will der Verf. das vorliegende Werk für 
Vorlesungen bestimmen, so mufs sich Ref. theils auf das schon 
Gesagte berufen, theils noch bemerken,, dafs der Lehrer bei 
seinen Demonstrationen doch gewifa heaaer thut , wenn er 
dazu dre nötbigen natürlichen Präparate benutzt , ala wenn er 
zu Abbildungen aeine Zuflucht nimmt. Ohne die geringste 
Mühe kann aich doch aber jeder leicht und schnei! die nötbi- 
gen osteologischen Präparate von den Hauathteren verschaffen. 
Für angehende Naturfbracher und Aerzte, ao wie zum 
Selbatatudium für dieae, zu Repetitionen nach 
den Vorleaungen, bat eigentlich wohl der Verf. sein 
Werk bestimmen wollen. Dies hätte er aber bemerken kön- 
nen und sollen. Für solche Ut dasselbe lacht gut, braucht»* 
und sehr zu empfehlen. 



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Weber die Skelette der Haufisäugriaere. %W 

Wir bemerkten anfangt noch, dafs der Titel auch nicht 
ganz pattend und genügend sey. Daa Geaagte ist in so fern 
richtig , da d*r Verf. die Skelette der Hauff äugtbiere 
und Hausvögel, <las heilst doch wohl, aller Iiaussäug- 
thiere und Hausvögel, eu berücksichtigen verspricht. Dahin 
gehörten nun unter anderen auch das Camee] (wahrscheinlich 
das älteste aller Haussilugthiere), da» Lama, Rennthier u.a. w. 
Von diesen ist nichts gesagt, obgleich erfteref selbst in ver- 
schiedenen südlich gelegenen, letzteres in den nördlichst gele- 
genen europäischen Gegenden schon als Hausthier benutzt 
wird. Unter den Vögeln sind bei uns auch wohl noch z. B. 
das Perlhuhn, der Pfau und die Fasanen zu den Hausvögeln zu 
zählen. Und wie viele andere Hausthiere finden wir nicht 
noch bei den verschiedenen Völkern der Erde! Passender und 
bestimmender wäre es also gewesen, wenn der Verf. gesetzt 
hätte: die Skelette der wichtigeren inländischen 
Hauffäugthiere u. f. w. 

In- der Vorrede fagt der Verf., daff er durch die Heraiis« 
)e dieses osteologischen Kupferwerkes beabsichtige: 1) eine , 
gründlichere Würdigung und Kenntnil's des Knöchensysteme 
der Haussäugthiere und Hausvöge); und 2) sollen die osieo* # 
logischen Darstellungen der .interessanten Reihenfolge wegen 
alt sichere Grundlage bei einem ausgedehntem osteologischen 
Studium dienen. Kaum glauben wir, was No. l. anbelangt , 
dafs wir durch vorliegendes Werk mehr und gründlicher ' 
belehrt werden , als aus früheren Schriften ähnlichen Inhalts* 
Was überhaupt das Gründliche betrifft, so scheint wirklich 
der Verf. selbst nicht immer daran gedacht zu haben, indem 
wir z. B. vergebens noch einer Darfteilung def Unterkiefer» 
der Vögel und der ihn zusammensetzenden Knochen beim Fö- 
tus gesucht haben. Was No. 2. betrifft , so bezweifeln wir 
in der Tbat, dafs durch die vorgelegten Darftellungen eine 
intereffante Reihenfolge bezweckt werden könnte; 
indem nur auf einigen Ordnungen einige wenige Arten in 
osteologischer Hinsicht betrachtet werden konnten, einige 
Wiederkäuer, ein Paar Raubtbiere und ein Paar Facbydermen, 
aus der Klasse der Säugthiere; aus der der Vögel aber nur 
ein Paar hübnerartige und ein Paar WaffervÖge). Zu einem 
ausgedehntem ofteologifeben Studium find diese Tbiere , 
wohl keine sicherere Grundlage, als jedes andere Thier aus 
einer andern Ordnung, und wir müssen als eine solche Grund- 
lage mit weit mehr Ursache daa Skelett def Menschen be- 
ttachten, der ja ohnedies, wie der Hr. Verf. felbft, mit 
Oken, sagt, Maalf und Meffer der Schöpfung ift, eo wif 

» 



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848 



Weber die Skeletfe der Hausaaugthif re. 



•ein Leib Maafs und Messer der Tbieileiber. — Beiläufig be- 
merken wir hier noch* in Bezug auf eine Stelle der Vorrede, 
dafs es nicht allein eine geistreiche Idee ist, die Thierformen 
von den niedrigsten zu den vollkommensten und edelsten zu 
verfolgen, und ihr allmäbliges Vervollkommnen zu betrach- 
ten, sondern dafs dieselbe doch wirklich in der Natur be* 
gründet erscheint, und, so unvollkommen' und mangelhaft die 
Resultate derselben auch noch seyn mögen, gewifs die gröfste 
Beachtung verdient. 

Es folgt nach der Vorrede die Erklärung der Kupfertafeln 
Und sowohl die teutschen wie die lateinischen Namen der 
einzelnen Knochen und Knocbentheile. Es wäre zu wün- 
schen gewesen, mit etwas mehr Ordnung bei den Abbildun- 
gen und Beschreibungen, der leichtern Uebersicht wegen , zu 
verfahren. Im Allgemeinen sonst sehr genau und gründlich ; hin 
"und wieder mit verschiedenen Bemerkungen und Berichtigun- 
gen* Zu letzteren gehört z.B., dafs der Vf. selbst drei Knochen 
in Ochsenherztrn gefunden hat, S. 7. Taf. 3* Fig. 11 und 12. 
Dafs sich sehr häufig, wohl in der Kegel, zwei Herzknochen 
bei den Ochsen finden, ist richtig; Ref. hat aber auch einige 
IVlale nur einen Knochen in Ochsenherzen gefunden. In 
seebszebn bis zwanzig von ihm untersuchten Schweineberzen 
(die Thiere zwischen anderthalb bis drei Jahren) hat derselbe 
keinen Knochen gefunden. — A uch die Zungenbeine der näher 
beschriebenen Thierskelette hat der Verf. dargestellt, so wie 
(Taf. 5. Fig, j2.) den Ruthenknochen des Hundes. Hierbei 
bemerkt Ret , dafs letzterer Knochen ursprünglich wohl aus 
zwei seitlichen Stücken besteht, wie er, nach einem solchen, 
in seiner Sammlung befindlichen, Os pents aus der Ruthe eines 
jungen Hundes, glauben möchte« — In einem Anhange ist 
eine Tabelle der vorzüglichsten abweichenden Benennungen 
(nebst den von v. Erdely i, G url t und Schwab gewähl- 
ten) in seiner Osteologie des Menschen und der Hausthiere 
beigefügt. 



- r«, K , 



'f.iA^i '>-i»yi?^i ''ÜW^tf^ 

j„ - ..." . Ji ■.JX.Vbt. 



(Der Bcschlt+fs folgt 




N. 54. 1826. 

H.id.lb.r,., 



• 

Jahrbücher der Literatur. 




Weber, die Skelette der HaussäugtHicre und Haüsvögeh 

(fle/cft/n/i.) 

Die Abbildungen, auf siebenzehn Tafeln entbalten , sind 
sehr schön und genau ; eine wahre Zierde dieses Werks. Wir 
finden darauf die Skelette von Hund, Katze, Kuh, Ziegen-» 
bock, Pferd, Esel, Schwein, Taube, Gans; einzelne Schä- 
del der schon angegebenen Thiere; Schädel des welschen 
Huhns; verschiedene Schädel von jungen Thieren und von 
Fötus, z.B. vom Schaf , Kalb, vfelschen Huhn, Hahn, von 
der Ente u. s. w* Bemerkens werth ist ein Zwickelbein bei 
einem Fferdefoblen (Taf. 13. Fig. 4«)- Wir hätten gewünscht^ 
dafs der Fötusschädel eines Säugthiezs und eines Vogels zer« 
legt dargestellt wäre. — Aufs er dem sind die Abbildungen 
einzelner Knochen und Knochenparthieen * der Extremität 
ten, Wirbel , des Beckens u. s. w. , verschiedene Ansichten 
von Schädeln und einzelnen Knochen, Längen- und Quer« 
durchschnitten von mehreren Schädeln u. s. w. gegeben. Sehr 
zu loben. — Etwas bat der Verf. noch anzugeben vergesse» 4 
was zwar nicht zum eigentlichen Skelette der Thiere gehört, 
jedoch hier wohl eben so gut hätte abgebildet werden können^ 
als das Zungenbein , das os penis und der Herzknöchen: dies 
ist nämlich jene eigentümliche, blasenartige, knöcherne Er* 
Weiterung des untern Larynx der männlichen Enten. 

Einige wenige, unangenehme Druckfehler sind uns noch 
aufgefallen; so S. 11. Os capilalura statt Os capitatum ; S. 15* 
Palella st. Patella; Sulius carolicus st. Sulcus caroticus; S. 17j 
Spaeculast.Scapula ; S. 21. TubaEüstiacbanast.T.Eustacbiana. 

Ref. schliefst diese Anzeige mit der Bemerkung, dafs der 
Herr Verf. # dessen mehrfache Bemühungen um die Anatomie 
des Menschen wie der Thiere gewifs sehr danken* - und lo- 
benswert h sind, ja nicht glauben möge, als hätte irgend ein« 
andere Absicht bei der Beurtheilung seiner Arbeit und bei 
^ern hie und da vorkommenden Tadel den I\ef. geleitet, denn 1 

AlX.Jnhrg. 9 lieft. 6> 



» t • * 

1 

850 ß urser. Jnstit. med. und Kleinii Interpr. clin. 

• 

wissenschaftliche Ansicht und aufrichtiges Interesse für den 
Gegenstand. Wahrheit, Aufrichtigkeit und Freimüthigkeit 
sind nothwendige Bedingungen eines Recensenten. Persön- 
lichkeiten konnten und werden uns nicht und niemals hei der 
Beurtheilung irgend eines Werks leiten. Aher auch die Re- 
censenten irren sich oft in ihren Urtheilen. Ist dies hier bei 
uns der Fall gewesen so bitten wir den , uns persönlich un- 
bekannten, Hrn. Verf. im Voraus um Verzeihung. 

Angehenden Naturforschern, Menschen - und Thier- 
grsten empfehlen wir nochmals dieses Werk, als sehr brauch« 
bar und lehn eich, angelegentlichst» Lt. 



* * * 

iAstitutionam Me dicht ae -practica*, quas auditoribus suis praelegebat 
Jo. Bapt. Burserius de Kanilfeld 9 Volumen primum , de Febribus. 
Praemutitur Commentariolum de Inflammatione. Recudi curavit 
Just, Frid. Car- Hecker, Med. utriusque Doctor et Professor p. 
e. in Onivers. litterar» Berolin. etc. Lipsiae , sumt. Frid. Flti" 
scheri. MDCCCXXVJ. XVI und 526 S. 8. ,j 

Desselben Werkes: Volumen secundum , de Morbis exanthematicis fe~ 
brilibas. Recud. cur. etc. Ibid. eod. VI und 501 S. 8. 

Preis aller 4 Bände 6 Thlr. 16 Gr. Postp. 9 Tblr. 

Dr. Lud. Gott/r. Kleinii, ConsU. med. ac Phys. Erbacens. 9 Inter- 
pr es clinicus, siva de morborum indole, exitu in Sanitätern , meta- 
schematismOf successionibus etc. Comitatur opuscülum praefat. 
perillustr. L. B. Alber ti de Haller, M. Britan. reg. elect. 
Brunsv. Consil, aal. etc. Edith nova. Lipsiae, sumtib. Frid. 
Fleischen. 1826. Taschenformat. XVI n. 802 S* 18 Gr. 

Ref. hält es für ein erfreuliches Zeichen, dafs wir, trotz 
der so oft besprochenen Ungunst unserer Zeit für literarische 
Unternehmungen und für die Lage des Buchhandels überhaupt f 
doch nun fast innerhalb eines einsigen, und zwar namentlich 
des )etzt vergangenen Lustri, in den Besitz mehrerer sehr 
schätzbarer Auflagen medicinischer Klassiker älterer und neue- 
rer Zeit gelangt sind. Auf die 1820 in Paris durch Chaussier 
und Adelon besorgte (neunte) Ausgabe des unsterblichen Mor- 
gagni , de sedibus et causis morborum, folgte schon im näch- 
sten Jahre in. Deutschland die durch den verdienstvollen Kübn 
in Leipzig besorgte griechisch -lateinische Ausgabe des Hip- 
pocrates und Galen , von welcher wir bis gegenwärtig bereits 
dreizehn Bände besitzen ; kurz darauf erschien, von Choulant 



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: 



r 

Bürger* Instit. med. und. Kleinii Interpr. elin. 851 

i 

edirt, der Prodromus einer neuen Ausgabe des Gelsus, wel* 
chem, wie '.vir hoffen, nun das Werk selbst bald folgen wird. 
Diesem reibt sich nun die unter Hecker's Leitung besorgte 
Ausgabe der Institutionen des Burserius vom Jahr 1Ö26 und 
Klein's Interpres clinicns rühmlichst an ; und wenn uns der 
Leipziger Osteriuesse - Katalog dieses Jahres nicht trügt * so 
haben wir von der uuermüdeten Thätigkeit des Prof« Kühn 
bald auch eine neue Ausgabe von Sydenbam's Werken zu er* 
warten. — '• Zum Lobe vorliegender Institutionen etwas zu 
sagen, wäre höchst überflüssig, da ihr Werth längst allge- 
mein anerkannt ist und es bleiben wird , so lange eine fleis- 
sige, getreue und rationelle Naturbeobachtung- mehr gilt , als 
die gegen Wahrheit und Natur so oft sich versündigende so- 
genannte Originalität und Genialität« welche das Gewöhn- 
lichere verschmähend, nur allzu leicht zur Einseitigkeit und 
auf Abwege rührt, wenn nicht bald genug ein besserer Genius 
den Verirrungen der Phantasie und dem Hange zu selbstgefäl- 
ligen eigenen Schöpfungen Grenzen setzt. — Die Ausgabe ist 
äufserst schön und correct gedruckt. — Der Vorrede des Verf. 
folgt seine kuize Lebensbeschreibung von dem Herausgeber 
(S. XI — XVI.)» nebst einem Verzeichnisse der von Burse* 
rius herausgegebenen und zum Theil noch (unterlassenen me- 
dicinischen Schriften, so wie den Uebersetzungen seiner In- 
stitutionen in die deutsche Sprache durch G. C. Hinderer 
1785» in die englische durch W. Cullen. Brown (John Brown'« 
Sohne) 1800 — 1801 , und in's Italiänische durch V. A. Brera 
1820. — - Aus der sehr lesenswertben Biographie des herrlichen 
Arztes beben wir aus, dafs derselbe 1725 zu Trident im Kre- 
monesischen geboren « in früheren Jahren mit Widerwärtig- 
keiten mancher Art kämpfend und zum Theil von fremder 
Unterstützung lebend , zuerst in seiner" Vaterstadt, sodann 
aber (unter Morgagni) zu Padua und Bologna sieb den raedi^ 
cinischen Studien widmete« hierauf schon in seinem zwei und 
zwanzigsten Jahre als praktischer Arzt in Faönza sich nieder* 
liefs, woselbst er über zwanzig Jahre seine Kunst mit gröfs- 
tem Ruhme ausübte, und von wo aus er sodann 1770, in 
seinem fünf und vierzigsten Jahre, von der Kaiserin Maria 
Theresia als Lehrer der Arzneiwissenschaft nach Pavia beför- 
dert wurde, in welcher Eigenschaft Tissot, P. Frank und 
Moscati seine Nachfolger wurden. Nach einein siebenjähri- 
gen Aufenthalte in Pavia wurde er auf Veranlassung der Kai* 
urio Maria Theresia Leibarzt des Erzherzogs Ferdinand und 
leiner Braut Maria Beatrix von Este in Mailand , woselbst er 
die ersten zwei Bände seiller Institutionen erscheinen liefs, 

5> * 



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852 fiurser. Insiit. med. und Kleürii Imerpr. clin. 

So sehr ihm nun aber auch die vollständige Ausarbeitung und 
Herausgabe dieses Werkes aua Herzen lag, so verhinderte ihn 
doch eine unheilbare Nieren- und Harnblasenvereiterung, in 
welche er verfiel, an diesem ihm so angelegenen Geschäfte, 
und er unterlag jenem "schmerzhaften Uebel l7o"5 in seinem 
sechzigsten Jahre, obwohl ihn seine vorige Gemüthsruhe und 
Gei&testhätigkeit bis zum letzten Augenblicke seines Lebens 
nicht verlassen hatte. . 

Der erste, aus vier Theilen bestehende Band der medici» 
ni sehen Institutionen enthält (S. 1 — 62.) einen kleinen Com- 
mentar über die Entzündung, worauf (S. 62 — 116.) von 
dem Fieber überhaupt, der Eintheilung und den Verschieden- 
heiten der Fieber gebandelt wird. Der erste Theil insbeson- 
dere handelt (S. 117 — 2260 von den intermittirenden Fie- 
bern ; der zweite (S. 227 — 337.) von den Febribus continuis 
continentibus , wohin Burserius die Febris epbemera, F. e. 
maligna , flen Synochus simplex sive Synocha, den Synocbus 
putris veterum, die F. lenta nervosa, maligna passim dicta 
und die F. hectica zählt. Im dritten Tbeile (S. 338 — 506.) 
werden die Febres continuae remittentes , namentlich die F. 
quotidianae continuae, F. quod. continua veterum , F. catar- 
rbalis , F. lactea puerperarum,' F. gastrica acuta, Tertiana 
acuta et causus, so wie die Febres remittentes, quae modo 
quotidianum modo tertianum typum servant, beschrieben. 
Der vierte Theil (S, 607 — 520.) handelt von den F. conti- 
nuis compositis sive proportionatis, wohin Burserius die Se- 
mitertiana sive Hemitritaeus und die Febris proportionata es 
Synocho et intermittente rechnet. Als Anhang zu den reimt- 
tirenden Fiebern spricht der Verf. noch von denjenigen remir- 
tirende» Fiebern, welche bald den Quotidian-, bald den Ter- 
tian- Typus inne halten, so wie von der F, colliquativa pri- 
maria sive essentialia. 

Der zweite Band handelt nach der demselben vorgedruck- 
ten Oratio J, B. Burserii : de retardata Medicinae practicae 
Perfectione, habita in c* r. Ticinensi Archigymnasio 1 Cal, 
Jun. Ann. MDCCLXX (S. VII — XXH) in eflf Kapiteln (S. 1 
— 499«) de morbis exanthematicis febrilibus generatim; ah* 
dann insbesondere de Erysipelate, de Igne sacro seu zostere f 
de Purpura scarlatina, de Exanthemate urticato, de ETssera 
Vogelii, d«Pempbigo recentiorum sive morbo phlycaenoioas» 
de Morbillis , de Variolis, de Peticulis sive morbo petechial)» 
de morbo sive exanthemate miliari. Angefügt ist diesem Bande 
noch (S. 4$9 — 501.) eine Admonitio de Peste. — Mit V«r- 



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Pädagogik. 853 

• 

langen sehen wir der Erscheinung des dritten und vierten 
Bandes dieses höchst schätzbaren Werkes entgegen ! 

Dieselbe Verlagshandlung, in welcher die eben angezeig- 
ten Institutionen desBurserius herauskamen, veranstaltete zu- 
gleich auch eine neue Ausgabe von No. 2, und zwar mit der-, 
selben lobenswerthen Correctheit und typographischen Ele- 
ganz. Die erste Edition des auch durch seine Schrift: de 
aäre, arjuis et locis Erbacensibus und seinen Selectus medica- 
minum längst rühmlich bekannten Verfassers erschien bereits 
schon in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in der G. 
Fleiscberschen Buchhandlung zu Frankfurt und Leipzig. — 
Die Schrift ist in ächt Hippocratischem Geiste abgefafst f und 
so kurz auch die in alphabetischer Ordnung abgehandelten ein- 
zelnen Artikel sind, so wird sie doch gewifs jeder denkende 
Arzt mit Vergnügen lesen, und mit de/ Natur und eigenen 
Erfahrung in vielfachem Einklänge finden Besonders haben dem 
Ref. unter andern die Artikel: Febris acuta in genere, Hydrops, 
Infantum etPuerorum morbi, Inflammatio interna, Ventriculi, 
Oesopbagi qt Intestiuorum aegritudines wohl gefallen. 



— — 



Ueher gelehrte Schulen , mit besonderer Rücksicht auf Bayern , von 
Friedrich Thier sch, Stuttgart und Tübingen* in der J, O* 
Cotta*schen BuchJianJlunff. 1826. 8, Erste udbtheiluns» [Jeher 
die Bestimmung der gelehrten Schulen und den Lehrst and. Zweite 
jfbth. Ueber d*n religiösen und classischen Unterricht» Dritte 
jlbth. Ueber Anordnung und Methode des classischen Unterrichts. 
Vierte Äbth. Vom deutschen und mathematischen Unterricht, Von 
den Verhältnis seu und der Zucht der Schule» 492 S. 

Vier Abtheilungen 4 fl. 12 kr. 

■ • . . ..... 1 > 

Seit geraumer Zeit ist wohl kein wichtigeres Werk im 
ganzen Gebiete der Pädagogiii erschienen. Denn so vieles in 
einzelnen Zweigen praktisch und literärisch «ur Verbesserung 
im Erziehung» - und Unterrichtswesen geschehen, und so er- 
wünscht manche Schriften den Lehrern und Erziehern gekonW 
men sind, so entwickelt doch das vorliegende Werk eines Ge- 
lehrten von classischer Bildung grade was nach den bisherigen 
Fortschritren im Einzelnen jenes Faches nunmehr in einem 
geordneten Ganzen zu thuri sey, und lehrt das mit Geist und 
Erfahrung für das Leben. Ree. erinnerte sich dabei an ein 
würdiges Seitenstück , das vor achtzehn Jahren erschien , an 
tan Streit des Philanthropinismus und Humanis- 



i 



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854 Pädagogik. 

fflus von dem, ebenfalls um die Baierschen Bildungsanatalten 
so verdienten ehrwürdigen Dr. Niethammer. Hr. Th. 
rühmt auch den Eiuflufs dieses wichtigen Werkes, und da 
Ree. dasselbe damals in den Heidelb. Jahrb. mit seiner Offen- 
heit angezeigt hat, freut er sich nun eben so auch das vorlie- 
gende anzeigen zu können. 

Die Basedow -Bahrdtische Zeit untergrub wie die Theo- 
logie , so die Philologie, überhaupt die Bildung des Lehr- 
standes. Während die Theologie noch immer durch die un- 
gründliche Denkart viel zu leiden hat 9 ist die Philologie und 
Pädagogik schon zu der zurechtweisenden Erkenntnifs ge- 
kommen, und daher auch schon augenscheinlich im Verbessern 
vorgeschritten ; vornehmlich die Unterrichtslehre. Der Ele- 
mentarunterricht ist in Deutschland so vollständig bearbeitet, 
dafs er, man darf wohl sagen, seine Vollendung erreicht hat, 
so weit als er sie noch ohne Vollendung der übrigen Zweige 
in der Erziehung erreichen kann; es versteht sich, dafs die 
Ausübung immer Hindernisse zu überwinden, Einsichten zu 
erhalten, Fertigkeiten zu gewinnen hat.. Die Methodik für 
den Anwendungsunterricht ist noch nicht bis zu diesem Ziele 
gelangt, und so erwarten auch die Gelehrten-Schulen noch eine 
aus dem rechten Grund und in allen Theileu durchgeführte 
Methodenlehre. Dafür tritt nun Hr. Th. als gewichtiger Leh- 
rer auf. Wenn er gleich in der Vorrede zu der ersten Abthei- 
lung sagt, dafs seine Schrift nichts Neues enthalten, sondern 
nur MiTsgriffe abweisen und die lang bewährten Grundsätze 
in Erinnerung bringen solle, so führt er doch schon dadurch 
dem Ziele näher, und das Buch enthält aueh in dem Zusammen- 
fassen und geistigen Bearbeiten des Bewährten wirklich viel 
Neues. 

Die Einleitung würdigt die Klagen der neuesten Zeit über 
das religiöse und sittliche Verderben der Jugend , inwiefern 
es mit Hecht oder Unrecht den Lehrern zuzuschreiben sey. — 
Hieraufredet die erste Abtheilung über die Bestimmung 
der Gel ehrten -Schulen; und nachdem das Schwankende 
in dem Namen einer allgemeinen Bildung bemerkt worden, 
setzt sie der Verf. in die Menschlichkeit; welches Wort 
er für Humanität wählt, obwohl jenes einen andern Begriff, 
dieses dagegen als unübersetzbar das deutsche Bürgerrecht auch 
durch uusern Herder erhalten bat. Gegen das Unterrichten 
Ad Hoc hat der Verf. Veranlassung ( auslührlich und — sieg- 
reich zu sprechen. Vielleicht diente indessen zur Verständi- 
gung, dafs manphe Gegner mehr die Unmethode im Auge ha- 
ben, wo der Wissende mit scheinbarer Gründlichkeit seine 



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Pädagogik. 



855 



Begriffe dem Schüler nur so hinwirft, und sich überhaupt 
nicht bildend in das Gemüth desselben einläfst. Das Beispiel 
rom Französischlcrnen könnte noch den Mifsverstand vermeh- 
ren, denn grade hierin sieht man häufig eine falsche Gründ- 
lichkeit, welche Jahre lang den Schüler vom lebendigen Er- 
lernen und Sprechen dieser Sprache zurückhält. Doch es wäre 
allzu kleinlich, bei solchen Nebenpuncten zu verweilen. Da- 
für wollen wir lieber auf die überall durchscheinenden und mit 
Beispielen belegten Einsichten in die wahre Bildung verwei- 
sen, wenn wir z. B. lesen: „ der grofse Heyne war, ehe er 
auf den .Lehrstuhl nach Göttingen berufen wurde, mehrere 
Jahre lang Verwalter eines kleinen Gutes, und pflegte noch 
im sp.'Jten Alter von der Zufriedenheit jener Tage zu erzählen. 
Nachdem Pitt zwanzig Jahre lang in den schwierigsten Zei- 
ten die Geschicke von England gelenkt hatte, trat er wieder 
aus den Geschähen und der Verwaltung der Schatzkammer, 
und fahrt« die Aufsicht über Sechs Häfen des Königreichs. 
Hamann, der tiefste Denker seiner Zeit und einer ihrer 
oröfsten Schriftstrller , war sein Leben lang Packhofverwalte r 
in Königsberg, und die Stelle genügte seinen Wünschen.« 
Wie hier so überall sind die trefflich gewählten Anekdoten 
iür den Bildner belehrend angebracht. Auch werden (S. 23 ff.) 
die Bedoiiklichkeiten vollkommen widerlegt, als ob die ver- 
breitete v.'issenschaftliche Bildung die Ruhe de» Staates störe. 
Denn rs wird hier an die wahre Bildung gedacht, welche nicht 
Llos in wissenschaftlicher Belehrung besteht, sondern barmo- 
msch Sittlichkeit und Frömmigkeit mit derselben vereinigt, 
und aller Einseitigkeit und Verbildung wehrt. 

Die zweite Altheilung redet vom Lehrstand. Vor- 
erst geschichtlich: Schulen der Griechen und Römer, und un- 
ter den Christen, wo sie an die Geistlichen und Mönche über- 
gingen, bis zu der Zeit, wo in Baiern die Jesuiten sie in 
Besitz nahmen; Veränderungen des Schulwesens in Baiern; 
die Realien erhalten das Uehergewicht • die alten Sprachen 
sinken auf Nichts herab; Umgestaltung zum Besseren; die 
Meinung, nur Geistlichen die Studienanstalt zu übergeben, 
will sich geltend machen; auf beiden Seiten abgewogen stellt 
sich das Rechte her; die Göttinger Akademie der Wissenschaf- 
ten ; Münchhausens Verdienste; Rivalität der Länder in Wür- 
digung der Gelehrten; Verbesserung der Lehrstellen an den 
Gymnasien; die Gründe, nicht grade den Geistlichen die Schul- 
stellen zu geben, sondern einen besondern Lebrstand zu bil- 
den , wobei der gute Einflufs der Religion nicht verkannt 
wird (S. 73 ff ), auch nicht übersehen, dafs würdige Geist- 



856 Pädagogik. 

liehe heilsame Lehrer , nur nicht immer zu Gymnasiallehrern 
tüchtig seyn können; doch können auch in Volksschulen weh« 
liehe Lehrer angestellt werden; die freie Bewerbung um Gyro- 
nasiallehrstellen mufs nothwendig oif*n bleiben, wenn solche 
Schulen gedeihen sollen, wie das Beispiel von Italien, einem 
Lande, wo der geistliche Stand im ausschließlichen Besitze 
derselben Jstj warnend zeigt. — Dieses alles lehrt der Verf. 
in kurser Uebersicht und doch einleuchtend. Er zeigt auf 
unsere Zeit hin, wo da* geistige Vermögen nicht mehr an 
einen Stand geknüpft ist t und wir auch solche Zeiten, wo es 
so war , nicht mehr zurück wünschen können ; dafs aber ein 
eigner Lehrstand für die Gelehrten »Schulen nöthig , dafs die 
philologischen Seminarien hierzu wichtig geworden; — wo- 
bei nur die Verbindung der Pädagogik und Methodik mit der 
Philologie eben so dringend gemacht seyn sollte, als die Wich- 
tigkeit (und Seltenheit) eines guten Schulrectors gezeigt ist, 
— mit gerechter Rüge gegen das Unheil unserer* Zeit, welche 
die Rectoren in Rectorate, d. i. die Schulmänner in blofse 
Gesch&ftsbehörden zu verwandeln droht. Doch würde Ree. 
nicht grade eine so ungehemmte Macht dem Rector zutheilen, 
dafs er (S. 100.) ganz unabhängig von dem Beirath oder der 
Zustimmung derjenigen, welche iGm die Lehrer dazu wäh- 
len , wirken solle, schon wegen der freudigem Mitwirkung 
seiner Mitlehrer. 

Z weite Ab th eilung. I. Ueber den religiösen 
Unterricht» Bis zum vollendeten achten Jahre müssen die 
Eltern mit der Schule hierin zusammen wirken , wenn die 
Frömmigkeit erweckt und unterhalten werden soll. Es mufii 
hierin manches besser werden ; auch sollteo wir nach dem Bei- 
spiele Englands den Sonntag besser feiern, und Familienan- 
dachten halten. Der Religionsunterricht von da bis 2,11m voll- 
endeten zwölften Jahre fällt den Vprbereitungsclassen zu, 
doch so, dafs er nach den Confessionen ertheilt werden soll, 
damit die Unabhängigkeit der Kirche vom Staat auch hierin 
gelte. Von dieser Zeit an, d. i. mit dem Eintritt in das Gym- 
nasium ertbeilt ihn dann auch nothwendig der Geistliche. Mit 
Liebe verweilt hierbei der würdige Verf und mit frommem 
Gemüthe , indem er seinem christlichen Lehrer auf der Schul- 
pforte ein Ehrendenkmal damit setzt, Und den gesegneten Ein* 
flufs der Andachtsstunden auf dieser gchule aus Erfahrung 
rühmt. Auch in, den Gymnasialjahren nach dem abgelegten 
Glanbenshekenntnifs mufs dieser Unterricht fortdauern , nicht 
a)s Wiederholung, die nur Gleichgültigkeit und Ueberdruf* 
bewirken würde, sondern weiter ausgeführt in Verbindung 



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Pädagogik. 857 

■ 

mit wissenschaftlichen Zweigen, Hr. Tb, schlügt hierzu 
Leetüre aus den Kirchenvätern , und für die, welche hebräisch 
lernen, einige neutestamentische Schriften in der Grundsprache 
vor; auch eine Üebersicht der Kirchengescbichte. Die Sitten- 
lehre werde als ergänzender Theil der Glaubenslehre behan- 
delt. Derselbe Lehrer, welcher in den drei unteren Classen 
den Religionsunterricht ertheilt, hat ihn schicklicher Weise 
auch in den d^ei oberen, im Ganzen wöchentlich einundzwan- 
zig Stunden. 

II. Ueber den classischen Unterricht. Man 
eile nur nicht so fiberbin« »Trauriges Schicksal so vieler Kna- 

Q 

hen , eines ganzen Blumengartens der Jugend, das ihnen die 
Scheinkunst einer wahngenäbrten Erziehungslehre bereitet.«« 
Die Rügen über den gepriesenen Unterriebt, in der deutschen 
Sprache (S. 128.) sind nicht ungegründet, so wie einst Erne- 
stus Wort: '„die Frau Muttersprache« kein unbegründeter 
Spott war; doch könnten sie, wie dieses, zur Einseitigkeit 
führen. Der Vorzug, welchen das Studium der altert Spra- 
chen gegen die Erlernung der freilrch| nützlichen neuen hat, 
ist überzeugend abgewogen , wenn wir gleich dem Begriffe des 
Verf.,» wornach er eine Sprache als eine ausgestorbene oder 
eine lebendige bezeichnet, nicht ganz beistimmen können. 
Mit Recht wird^S. 1 3 7- ff J daran erinnert, dafs die Anstren- 
gung, womit die alten Sprachen erlernt werden sollen, eine 
wahre Gymnastik des Geistes sey; versteht sich, bei richtiger 
Methode. Auch hat der Verf. , wie'jsich vorzugsweise^ von 
ihm erwarten läfst,. den Zusammenhang klar gezeigt, worin 
das Studium der griechischen Sprache jnit dem der lateinischen 
stehe; ohne dafs man ihm hierin eine Vorliebe für die griechi- 
sche vorwerfen kann. Denn er zeigt, dafs uns die lateinische 
Sprache näher liege, und die Erlernung derselben früher be- 
ginnen müsse, auch eine gröfsere J Stundenzahl [{fordere ; so 
wenig es übrigens die Vielheit der Lehrstutodenj im Sprach- 
studium ausmache. Den Erfahrungen indessen, dafs die hö- 
here oder niedere Stufe im Griechischen mit einer gleichen im 
Lateinischen verbunden sey , lassen sich andre entgegen setzen. 
Wie die Bildung vor allen des Theologen, aber auch des Ju- 
risten und Mediciners, nicht minder des Philosophen, das 
Studium der beiden classischen Sprachen verlange, wird kurz 
und lichtvoll erwiesen. In dieser Beziehung theilt der Verf. 
aos einer Instruction für die Lehrer der Prinzen von Baiern, 
vom Jahr 1584 t einiges mit, wornach die alten classischen 
Schriftsteller als „die heidnischen Schwätzer und Fabelhansfen 
von einer Fürstenschule ausgetrieben werden», um mit dem 



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858 , Pädagogik. 

/ 

Gegensatz zu bewähren, wie man die Leetüre der Ciassiker 
festhalten solle. Auch hielten die Jesuiten dabei; eine hier 
angeführte Stelle von einem Gelehrten aus diesem Orden era- 
I pfiehlt sie nachdrücklich. Unser Verf. übersieht dabei nicht 
die Mittel, wodurch der mögliche Nachtheil im Sittlichen und 
Politischen sicher verhütet , und ihr Einflufs, in Verbindung 
mit dem Chi if tenthum , recht heilsam gemacht wird. Belege 
hierzu giebt ein Urtheil von Erasmus und manches neuere 
Beispiel. Das Revolutionäre des Usurpators Crom well war 
nicht in Solon und Demosthenes zu suchen, und die franzö- 
sischen Demagogen waren vom classischen Alterthum entfernt, 
welches dagegen in England Männer wie Pitt, Fox, Canning 
u. s. w. gebildet hat. , . 

Dritte Abtheilung. Ueber Anwendung und 
Methode des classischen Unterrichts. Diese Ab- 
theilung eröffnet dem Schulmann ganz besonders eine wichtige 
Berathung, Der Verf. theilt die Gelehrten - Schule in die der 
Vorbereitung (Progymnasium) mit zwei Classen , und in das 
eigentliche Gymnasium mit sechs , — also beide zusammen 
mit acht Classen, auf jede Classe Ein Jahr gerechnet. Der 
Knabe soll achtjährig in das Progymnasium eintreten, in wel- 
chem er es bis zur Fertigkeit in der lateinischen Grammatik 
zu bringen hat, indem er wöchentlich zwölf Stunden hierauf 
verwendet. Das Gymnasium wird in das untere und obere 
getheilt, jenes mit zwei, dieses mit vier Classen. Der zwölf- 
jährige Knabe tritt ein, und mufs es nach zwei Jahren zur 
Fertigkeit im Verstehen und Schreiben des Lateinischen ge- 
bracht haben, so dafs er für den Vir«ilius und Livius reif 
ist; und da er nunmehr auch das Griechische erlernt, so wird 
er sich darin dem Lateinischen so weit annähern, dafs er an 
den Homer und Xenophon gehen kann. In der lateinischen 
Grammatik mufs er nunmehr mit Sicherheit und Genauigkeit 
fest stehen. Das obere Gymnasium ist bestimmt, in das clas- 
sischo Alterthum einzuführen, durch vier Classen hindurch, 
welche der Verf. so nahe nach der bekannten älteren Art ab- 
theilt und benennt: Poesie, Historie, Rhetorik, und als die 
oberste, Philosophie. Die Vorkehrungen gegen die Haupt- 
übel, welche dermalen so häufig die Gymnasialschulen drflk- 
ken, sind dabei mit Sachkunde von dem Verf. angegeben, 
wenn gleich nicht völlige Abhülfe zu finden seyn möchte. 
Gegen das Ueberhineilen hilft durchgreifend ein gründlicher 
Unterricht in der Grammatik, und ein stufen weises ange- 
strengtes Fortschreiten. Der Ueberfüllung der Classen, da 
jede nie mehr als vierzig Schüler enthalten sollte , ist schwerer 



■ 

Pädagogik. 859 

zu steuern, da die Prüfungen und Abweisungen so viel Mifs- 
liches bähen; aber Nebenclassen könnten helfen. Die Verbin. 
dung der Folytechnik mit den Gymnasien kann durchaus nicht 
bestehen, sondern es müssen Realschulen neben jenen einge-. 
ricbtet, und die Gymnasialschüler müssen frühzeitig genug aus' 
den Bürgerschulen ausgeschieden werden. 

Ree. bat im Wesentlichen, nicht nur durch sorgfältiges 
Durchdenken der Methodik, sondern auch durch vielfache Er- 
fahrung dieselbe Ueberzeugung; er würde indessen bei der 
Einrichtung der Gelehrten- Schule eine etwas verschiedene 
Classeneintheilung für besser halten. Er denkt sich ebenfalls 
die zwei Hauptschulen neben einander, die Bürger- (poly- 
technische) und die Gelehrten -Schule ; die letztere auch eben- 
falls in zwei Schulen getheilt, und zwar so ziemlich, wie liier, 
in Ziel und Führung, Die Eintheilung dieser Schulen selbst 
würde aber Ree. etwas \ verschieden einrichten, nämlich für 
das Pädagogium (Frogymnasium) eine vorbereitende und eine 
anwendende Ciasse; jene bat es mit der Etymologie, diese 
zugleich mit der Syntaxis zu thun; jede lfifst sich weiter in 
zwei Ordnungen abtheilen. Eben so würde sich das Gymna- 
sium in zwei Hauptclassen , jede mit zwei Ordnungen, zer- 
tbeilen , von Schülern nach jener Vorbereitung mit zwölf bis 
achtzehn oder zwanzig Jahren, doch so, dafs höchstens nur 
zwanzig Schüler in einer Ordnung zusammen wären. Der 
Schüler soll in den beiden Ordnungen der unteren Ciasse die 
griechischen und lateinischen Classiker verstehen lernen, und 
in den beiden der oberen zugleich zur Bildung des Styls und 
zur Anwendung für das wissenschaftliche Leben das classische 
Studium üben. So geht es aus der Betrachtung des Ganges, 
in welchem sich der Geist des Knaben und Jünglings vermit- 
telst der alten Sprachen entwickelt, dem Ree. bestimmt und 
klar hervor, so dafs er der Erreichung des Ziels völlig, so 
weit es in menschlichen Dingen möglich ist, gewifs wäre» 
Es ist hier indessen nicht der Ort, dieses weiter aus einander 
ku setzen. Jene Abtheilung der Classen nach Poesie, Historie 
u, s. w. möchte zu vjel das trennen und in Zeitperioden nach, 
einander legen, was in der Entwicklung zusammen liegt, und 
also zusammen wirken mufs. Wie sich Ree. übrigens die 
Einrichtung solcher Schulen denkt, so würde er, wie in den 
meisten Functen , so auch darin mit Hrn. Tb. übereinstimmen, 
dafs die Studirfreiheit auch in diesen Anstalten nicht be- 
schränkt, aber auch die Vorbereitung zum Gymnasium nicht 
an ein Progymnasium gebannt, sondern frei gestellt würde. 



■ 



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860 PUagogi*. 

Vierte Abtheilung. I. Vom deutschen Unter- 
richt. Gegen das Uebertriebene und Verkehrte, womit in 
neuerer Zeit die deutsche Sprache , die sogenannte Stylübung, 
und die Literatur auf Schulen betrieben worden, spricht un- 
ser Verf. mit seinem festen Blick und begründetem Urthei). 
Nicht ganz können. wir aber seiner Methode hierin beifallen, 
besonders vermissen wir die Rücksicht auf die innere Kennt- 
rttfs unserer guten Sprache , wozu allerdings auch das Etymo- 
logische, überhaupt das Grammatische geübt werden mufs. 
Es ist eine schöne Erfahrung, da£f der Kenner der Alten auch 
Anen guten deutschen Styl gewinnt, und man darf das vorlie- 
gende Buch ebenfalls unter diese Beweise setzen: aber eben 
aSwih. unsere Zeit erheischt gegen ihre Moden, s« B. gegen un- 
richtige und sinnentstellende Zusammensetzungen von Worten 
u. öVrgl., ein Studium der deutschen Grammatik. Das Wort- 
spiel J/P. Richters, »die Muttersprache eine Sprachmutter«, 
bat seine gute, anwendbare Bedeutung, wie es auch dieLe- 
vana weiter angiebt. Wir wünschten solchen Unterricht mit 
dem, welchen unser Verf. vorschlägt, zu verbinden , und das 
scheint' uns seht" gut anzugehen, und so würde hier keine i 
Lücke bleiben. Dafs auch das Altdeutsche studirt werde, ' 
was von ihm mit Recht verlangt, und in einem Anhange vo n Hrn. 
Sch melier weiter gezeigt wird, hängt damit genau zusam- 
men. Die Verflechtung der Lehrstunden für die deutsche 
Sprache mit den classischen Studien, die gewifs der erfahrene 
Schulmann billigen wird , darf übrigens dabei nicht leiden, und 
es würden nur wenige besondere erforderlich seyn. 

II. Ueb er den mathematischen Unterricht. 
Hier hStte Ree», obwohl in den Grundsätzen einstimmig, 
über die Ausführung einiges zu erinnern, hauptsächlich das, 
dafs grade dieser Lehrgegenstand in dem Elementarunterricht 
mufs vorbereitet seyn , wenn er mit besserem Erfolg auf Gym- 
nasien gelehrt werden soll, als die fast durchgängige Erfah- 
rung zeigt. Dann erst wird Enklides der hoher bildende Leh- 
rer werden , und dann erst werden z. B. die construetiven be- 
weise bei den Kegelschnitten recht begriffen, und werdet), 
ohne dafs der Gebrauch der algebraischen Formeln störend oder 
unfruchtbar wäre, die Denkkraft mittelst der Evidenz gleich- 
sam gymnastisch verstärken. 

III, Scbluisbemerkungen über den Unterricht 
jn den Hauptfächern. Der Gymnasialunterricht befafst, 
nach dem Verf., eigentlich die beiden alten classischen Spra- 
chen , die Religion , die deutsche Sprache , und die Mathema- 
tik ; wir werden noch ausdrücklich die Gescbichte , wenig- 

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Pädagogik. 661 

stens die alte, als ein Hauptfach hinzufügen, welche in« 
dessen in dem vorliegenden Plan mit Anderem verwebt ist. 
Es sind im Ganzen sechs und zwanzig Stunden wöchentlich 
dem Gymnasiasten beschieden, nämlich achtzehn für den clas- 
sischen Unterricht mit Inbegriff des deutschen und sächlichen, 
vier für den religiösen und vier für den mathematischen. Hier« 
durch ergiebt sich auch ein schickliches Verhältnifs in den 
Stunden der Lehrer, da jede Classe einen Hauptlehrer hat, 
welcher jene achtzehn Stunden übernimmt, und ein eigner 
Lehrer in allen sechs Gassen die Religion, eben so ein eigner 
die Mathematik besorgt. 

IV., Unterricht in Nebenfächern. Ja wohl drängt 
sich da ein ganzes Getümmel von Lehrwesen herein. Die 
Naturgeschichte mit ihren Sammlungen, die Naturlehre mit 
ihren Apparaten, die Schreibkunst, der Zeichen- und Sing« 
Unterricht, die Musik mit Klavier und Geigen und Pfeifen , 
auch der Tanzmeister will herein , auch der Fechtmeister und 
Bereiter 9 und der Turnlehrer darf noch weniger vergessen 
werden; und nun denn noch die Sprachmeister — — Wie 
will man da Rath und Zeit und Unterkunft schaffen? Nun, 
die zwei freien Nachmittage in der Woche können schon viel 
aushelfen, und der Verf. giebt noch einiges Weitere an. Ree. 
würde bierin noch strenger seyn, z. B. hinsichtlich de* Fran- 
zösischen ; denn wie selten wird das doch in Gymnasialstunden 
erlernt, wovon allerdings, nach dem Verf., der Grund meist 
in der schlechten Methode der französischen Meister liegt; 
aber doch auch in der schulinäfsigen Stellung. 

V. Geschichte der Bäuerischen Gelehrten- 
Schulen von 1804 his 1825. Zum Ganzen gehörig ein 
wichtiger Anhang. Auch dieses weifs der Verf. instruetiv für 
die Lehrer vorzutragen. 

VI. Vom kirchlichen Unterschiede in den Ge- 
lehrten «Schulen, Oer Wunsch, dafs eine Trennung die- 
ser Schulen nach den beiden Confessionen statt finden möge, 
scheint dem Verf. für Baiern nicht ausführbar zu seyn; seine 
Gründe sind einleuchtend. Er weiset bei der dortigen Ein- 
tracht der beiden Kirchen auf das herrliche Muster in der Kö- 
niglichen Familie hin, und darauf, wie viel die Kräftigung 
des Reiches durch die schon befestigte Einigung der Gemüther 
gewonnen habe. »Umsonst bemüht sich (heifst es S. 428«) 
eine zu besondern Zwecken verbundene Schaar, diesen Um- 
schwung der öffentlichen Meinung zu lähmen, und die wohl- 
tätige vVärme und Kraft zu hemmen, weicht! sie durch den 
neubelebten Körper des Staates ausströmt." 



862 Pädagogik. 

VII. lieber die Zucht der Gelehrten- Schulen. 
Die klösterliche Zucht mit Schwächung der Krafr sah dt-r Vf. 
zu Rom und Mo de na; die Strenge der altenglischen Schulen 
mit blühender Kraft der Eronshoys sah er zu Eton ; und er gieht 
uns von den Gelehrten .Schulen dieser beiden entgegengesetz- 
ten Länder interessante Nachrichten. Die französisch« Er- 
zieherin , Madame Genlis, fragte einst den grofsen Burke in 
Xondon nach dem Princip der englischen Erziehung; er zeigte 
ihr im Hydepark auf das dort üppig wachsende Birkengebüsch 
mit den Worten: „hier wächst das Princip unserer Erzie- 
hung«« (S. 441.). Aber diese Strenge wirkt durch die ührige 
Behandlung der freien Bildung nicht nachtheilig. » — Das 
alles nahm nun bei der Schönheit des männlichen Geschlechts 
in England , und bei der frischen Blütbe dieser von Gesundheit 
und Kraft erfüllten Jugend sich sehr erfreulich aus 9 und mit 
der Raschbeit ihrer Spiele, der Lust und dem Bestreben ihres 
Wetteifers bildete es gegen die Siechbeit und Mattheit der 
itajiäniscben Seminaristen und der Schäüeiu von Modena mit 
den ihrer Jugend ungeziemenden Talaren und Kutten , einen 
Gegensatz, der mich für die an Talenten übersch wänglicli 
reiche italienische Jugend noch jetzo mit Wehinuth' erfüllt« 
(S. 448.). So wird man auch die weiteren Nachrichten über 
Eton lesen, und z.B., wie einst dort Fox die Birkenreiser 
unter dem unerbittlichen Heathmaster (Hauptlehrer) Dr. Davis 
fühlen raufste, wie aber auch dort sein Portrait mit dem eines 
Pitt, Canning, Wellealey unter den ausgezeichnetesten Schü- 
lern hängt. Mit diesen Erfahrungen gieht unser Vf. Winke 
über das Fehlerhafte in unserer Erziehung und über die rechte 
Zucht für unsere Gelehrten- Schulen; wobei wir doch das 
Gute, das die Deutschen hierin besitzen, nicht übersehen 
wollen. 

VII I. Ueber das Verhältnifs der Gymnasien 
zu den höheren Lehranstalten. Kurz und gut, und 
besonders auf Baiern bezogen. — Hieran schliefst sich 
IX. Ueber Errichtung einer Universität in Mün- 
chen; der Wunsch des Verf. ist mittlerweile in Erfüllung 
gegangen. — Erste Beilage« Ueber Benutzung alt» 
deutscher geschichtlicher Quellen zum Studium 
der Geschichte auf Gelehrten - Schulen, von Fr. 
Roth. Zur Grundlage werden die Chroniken des Aventinus 
und des Tschurfi empfohlen ; und andere zur Ergänzung. — 
Zweite Beilage. Ueber das Studium der deut- 
schen Sprache auf Schulen, von J. Andr. SchmeN 
ler. So kurz diit-se Andeutungen auch sind, so enthalten sie 



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Rau Lehrbuch der politischen Oekönomie* 863 

* 



doch viel zur Erhebung dieses Studiums , wie es in Verbin- 
dung mit dein classischen uuf dem Gymnasium statt finden ' 
möge. — - Jeder Lehrer wird durch dieses Buch tiefere Ein- 
siebten in das Wesen der Methode gewinnen. Sie ist die 
grofse Kunst , welche dss Product des Gegenstandes mit der 
sich entwickelnden Kraft lichtig zu bewirken versteht. 

« 

Schwarz, 



Lehrb uch der -politischen O ekonomie von Dr. K. H> Rau 9 
Hofrath und Profestor* "Erster Band. Die Folhswirthschaftslehre. 
(Auch mit dem Nebentitel: Grundsätze der Volkswirthschafts- 
lehre.) Mit Grofsh. Bad» Privilegium. Heidelberg , Winter. . 
1826. Xir und 363 S. 8. 3 fl. 36 kr. 

Der Vf. bezweckte sowohl, seinen Zuhörern einen Leit- 
faden in die Hände zu geben, als auch anderen Lesern; be- 
sonders in Staats • oder Gewerbsgeschäften , einen gedrängten 
Abrifs der politischen Oekönomie, auf ihrer heutigen Bil- 
dungsstufe , darzubieten , mit Benutzung dessen , was in 
Deutschland , Frankreich und Großbritannien in diesem Fache 
geleistet worden ist. Die Schrift sollte daher auch ohne den 
Vortrag des Lehrers verständlich seyn. Um sie unbeschadet 
der Kürze reichlich mit Beispielen und Erläuterungen auszu- 
statten, wurden vielen Paragraphen Zusätze beigegeben, in. 
denen es möglich war, einzelne Gegenstände, näher zu be- 
leuchten* • Das ganze Werk wird aus drei Bänden bestehen , 
von denen der zweite die Wohlstandssorge (wirtschaftliche 
Polizei), der dritte die Finanzwissenschaft enthalten wird. 
In dem gegenwärtig erschienenen ersten ist der Verf. bemüht 
gewesen, alle praktischen, das Verfahren der Regierung be- 
treffenden Sätze scharf auszuscheiden , weil sie nur den Ueber- 
blick der inneren, natürlichen Gesetze des Nahrungswesens 
stören. Die Anordnung ist folgende : 

Einleitung in die politische Oekönomie. 

Staats w irth schaftslehre. 

1. Buch. VVesen des Volksvermögens. 

2. Entstehung der Vermögenstheile. 

3. Verkeilung des Vermögens. % . 

4. Verzebrung des Vermögens. 



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864 Rau Lehrbuch der politischen Ökonomie. 

5. Die productiven Gewerbe. Hier werden die Haupt- 
zweige , in welche die productive Thätigkeit sich spal- 
tp tet 9 nach ihrer ganten Wesenheit im Zusammenhange 
betrachtet , was den Uebergang zur Woblstandssor^e 
erleichtert. . Manche Untersuchungen, die sonst in dem 
theoretischen Theile (der Volkswirtschaftslehre) keine 
passende Stelle würden finden können, z.B. die Ver* 
gleicbung der grossen und kleinen Güter, der Hoch« 
und Niederwaldwirtrjschaft u. dgl, , reihen sieb in die- 
sem fünften Buche wie von selbst ein. 

* 

Unter diejenigen Stellen, in denen der Verf. am meisten von 
seinen Vorgängern abzuweichen, oder wenigstens etwas hin. 
zuzusetzen veranlafst war, gehören nachstehende: die Ent- 
wicklung des Wesens der Volkswirtschaft (S. 3 1F.), — die 
Theorie des Werthes (S. 40.) un d Preises (S. 109.)» — die 
Eintbeilung der Arbeit in ihre verschiedenen Zweige (S. 66.)» 

— , die Lehre von dem Gewerbsgewinne (S. 179.), — von dem 
Vethältnifs zwischen (Konsumtion und Froduction (S. -257.), 

— von der Handelsbilanz (S. 34/1 •)> — von dem Papierhandel 
(S. 363.). — Um die allgemeinen Sätze über die Banken zu 
erläutern , ist S. 217, 218. eine kurze Beschreibung der be- 
rühmten fünf europäischen Girobanken', S. 241 — 49. eine 
gedrängte Geschichte und Beschreibung der europäischen Zet- 
telbanken angehängt worden. Bei jedem Gegenstande , am 
meisten in der Einleitung, sind die nöthigen Schriften, ange- 
führt; aber der Verf. hafst die Art (oder Unart) mancher 
Schriftsteller, welche bei jeder Gelegenheit Büchertitel bei- 
schreiben , sie mögen passen oder nicht , hlos um mit leich- 
tester Mühe den Schein einer grofsen Gelehrsamkeit zu ver- 
breiten. — Was übrigens den Verf. bestimmte, seihen gnä- 
digsten Landesherrn um ein Privilegium zu bitten, und ver- 
muthlich viele andere Schriftsteller zu demselben Schritte 
hewegen wird, das ist der Art. 577, Zus. dh des. Badischen 
Landrechts, welcher so lautet: „Das Schritte igen tb um ge- 
druckter Schriften erlöscht mit dem Tode des Eigen tbümers, 
der sie in Verlag gab; jeder Besitzer der Schrift Sann alsdann 
einen Nachdruck veranstalten, so weit nicht. besondere Gna- 
denbriefe, die der Verleger bat, im Wege stehen.« 



X. H. R a ii. 



Am. 



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& 55. 1826, 

■ 

Heidelberger 

Jahrbücher der Literatur. 



Memoire k consulter, star un Systeme religieux et politique f 
tendant h renverser la Religion et le Trotte. Par Mr % le Conue 
de Montlosier. Paris , 1825. bei Amb. Dupont et Höret und 
JMontardier et Comp. 359 S. in 8« 

U&berietzt als t Denkschrift zur Enthüllung eines 
politischen und religiösen Systems 9 das den Zweck 
hat, der Religion 9 der Gesellschaft und dem Throne den Unter» 
gang zu hringem Stuttgart 9 bei Frankh. 1826. Mit einem 
Vorwort von Dr. ff. £. G. Paulus 9 Grofsherz. Bad. Gek> 
Kirchenrath* 3 11. 

Oer französische Titel und die erklärte Absicht des Vfs, 
sagt mehr* als der Titel der Uebersetzung ausdrückt. Die 
Rechtsanwälte in Frankreich bilden sehr geachtete, geschlos- 
sene Gesellschaften. Diese zu einer offenkundigen Berat- 
schlagung Über das Rechtliche in den öffentlichen Erscheinun- 
gen ) welche er schildert * zu veranlassen, war des Schriftstel- 
lers Zweck. Der Sinn des Titels ist demnach', dafs die Schrift 
seyn aolje „Denkschrift ffrr eine Rechtsanfrage 
fiber ein (äufserlich) verderbliches System u. s» w. Nach 
Öffentlichen Nachrichten ist diese Aufforderung zu einer sol- 
cheh Consultation der anerkanntesten Rechtskenner auch nicht 
ohne Erfolg geblieben. Schon im April gaben öffentliche 
Blätter davon folgende Nachrichten» welche um so mehr auch 
i* ganz Teutschland die allgemeine Aufmerksamkeit auf Mont- 
losier und seine Beweisgründe hinlenken mulsten : 

»Die vorzüglichsten Advokaten von Paris haben sich 
mehrere Male versammelt (die Etoile giebt die Zahl der An- 
wesenden auf achtzig an) i um über das Memoire a con- 
sulterdes Hrn. V. Montlosier sich zu berathen. Hr. 
Devau % las den Entwurf einer „Konsultation" vor, von 
welcher (nach der Erzählung des Couriers) folgende Re- 
solutionen ar, jnommen wurden: »Dafs die $$. 207 und 208 
Hes Strafkodex, mit Zuchtstrafen und selbst Verbannung jene 
Kultdiener belegend, Welch f mit einem auswärts« 

XIX. .lahrg. q. H.»0\ 55 



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Graf v. Äiontlorier. Gegen ein lür KeligioD* 



«en Oberhaupte korrespondiren, auf die Jesui- 
ten anwendbar «eyen; — dafs man die Parlamentsbe- 
schlüsse gegen die Jesuiten noch beut zu Tage ah gesetzliche 
Wahrheiten anrufen könne, r um die Konstitution der Jesuiten 
zu qualificiren und um darzuthun, dafs die Lehre der Jesui- 
ten 9 als auf unumschränkte Macht und Gewissenszwang aus- 
gehend, mit dem Bestände freier Regierungen unverträglich, 
und als eine permanente Verschwörung gegen letztere anzu- 
sehen sey; — dafs alle Kultdiener, die als Priester oder Leh- 
rer in Seminarien sich zu Grundsätzen bekennen, welche den 
in den vier Artikeln von 1682 enthaltenen zuwiderlaufen, 
dieser einzigen Thatsacbe wegen .verfolgt werden können; — 
dafs endlich Hr. v. Montlosier nicht nur das Recht,, son- 
dern auch die Pflicht gehabt , den Gerichten alle zu seiner 
Kenntnifs gekommenen oder noch kommenden Thatsacben an- 
zuzeigen, welche auf die Wiedereinführung in Frankreich 
einer durch die Gesetze von 1764» 1792, Jahr XII. und Mai 
1825. verbotenen Gesellschaft Bezug haben. — Die Konsulta- 
tion soll nun die letzte Fassung erhalten und sodann dem Hrn. 
v. Montlosier zugeschickt werden.'** 

Wohl dem Staate, wo die unabhängige Rechts- 
kunde solches Ansehen und also Männer genug ha.t, die sieb 
Von einer aufmerksamen, verständigen Nation eine teste Ach- 
tung dieser Art zu erwerben und zu erhalten wissen. 

Des Verfs. Anschliefsen an die öffentliche Rechtlichkeit 
murste um so mehr Eindruck machen, weil er als Royalist, 
ia £ewisserm afsen als Ultraroyal bekannt ist, aber das Persön- 
liche und Individuelle der Regierenden von dem, was er für 
die Aufgabe des Regentenamts hält, ohne Bedenken unterschei- 
det und absondert. Er ist überhaupt, nach öffentlichen Beuc- 
theilerny die ihn näher kennen, „ein geistreicher Sonderling, 
der Allem, was er schreibt, einen Stempel von Kühnheit und 
Originalität aufdrückt. In der konstituirenden Versammlung 
safs er auf der rechten Seit«, wo er die reine Feudalität ver- 
tbeidigte. Seitdem schrieb er ein weitläufes Werk, um au 
beweisen , dafs seit dem dreizehnten Jahrhundert der Adel 
immer mehr und mehr ausgeartet sey, und sein Loos von 1789 
verschuldet habe. Er ist ein Mann bei Jahren, aber noch voll 
Jugendfeuer; er liebt als Feudal -Baron die Geistlichen niebt. 
Schon hat er den Monarchisten Strafpredigten gehalten, und 
scheut sich eben so wenig, den Klerus auszuzanken. Für 
sich lebt er zurückgezogenen der Auvergne, wo er seine un- 
bebauten Ländereien urbar macht; eine Lebensweise, die er 
für einen Mann von seiner Abstammung und Denkart ali des 



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- 



Staat und Thron gefährliche» Sjitera. 867 

würdigste achtet. .Es ist unmöglich, mit mehr Nachdruck, 
Kühnheit und selbst Unklugheit zu Werke zu gehen, als er 
in seinem Memoire a consulter gegen die Congregation 
getuan, die> ihm zufolge, 48,000 Afhliirte in Frankreich 
sählen soll.* 

Ree. denkt ihn Und diese allgemein interessante Schrift 
am richtigsten durch ausgewählte Hauptstellen sich 
selbst schildern zu lassen. 

„Es hat sich eine weit um sich greifende Verschwörung 
gegen die Religion, den König und die Gesellschaft gebildet. 
Ich habe solche in ihrer Entstehung bemerkt, bin ihr in ihren 
Fortschritten gefolgt, und sehe* dafs sie auf dem Funkte 
Steht* uns unter Ruinen zu begraben. Da mir diese unsere 
Lage bekannt ist * so raufs ich sie gewissenshalber bekämpfen, 
und nach unsern Gesetzen mufs ich solche anzeigen . . « 

M Obgleich die Verschwörung, die ich zu entdecken habe , 
durch ihre reissenden Fortschritte schrecklich ist, so ist sie 
doch hinsichtlich ihres Charakters ganz neu. Man wird im 
Zweifel seyn, wie man ein Unternehmen benennen soll, wenn 
man auf der Liste meiner Verschwornen die eTSte Person der- 
Christenheit rinden wird, welche die ganze Welt Seine Hei- 
ligkeit betitelt, und die auch wirklich die personißcirte Hei* 
ligkeit ist; wenn von einem Orden die Rede seyn wird, der, 
wird man sagen, wohl ehemals einige Fehler begehen konnte, 
aber jetzt von selbst nach Frankreich in der Absicht zurück* 
gekommen ist, um solche gut zu machen; Wenn ich von einer 
Frommen Verbrüderung sprechen Werde, die sich in unserer 
schlimmen Zeit zu Erhaltung di<* Altars und Thrones gebildet 
hat, und die sich jetzt nur deswegen halten will, um beide 
aufrecht zu erhalten ; und wenn ich eine grofse Anzahl Prie- 
ster und Prälaten, würdige Bekenner des Glaubens während 
den Zeiten der Revolution, aufführen werde, die noch heute 
bereit sind, ihr Blut für denselben zu vergiefsen. Man wird 
mich fragen, ob die Verschwörung gegen die Religion, den 
König und die Staatsgesellschaft , die ich angeben will, ntcht 
eher eine Verschwörung zu ihren Gunsten ist. 

„Hier ergiebt sich von selbst die wichtige Frage» kann 
es in einem geregelten gesellschaftlichen Zustand einer Anzahl 
Bürger erlaubt seyn, abgesonderte Corps zu bilden, sijch in 
Regimenter einZutheilen , und ohne Erlaubniis des Staates 
unter sich Regeln und Erkennungszeichen für irgend einen 
frommen Zweck festzusetzen. Wenn diese Frage den Herren 
Rechtsgelehrten vorgelegt* und von ihnen in Hin- 
sicht auf den Grundsatz entschieden Seyn wird, so werden sie 

55 * 

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Ö6Ö Graf v. Montlosier. Gegen ein für Religion» 

noch überdies nach den bestehenden Staatsgesetzen zu. unter, 
suchen haben, welche Beschränkungen «der Nichtbeschrän« 
kungen hier statt finden müssen, , . 

„Wenn Frankreichs Rechtsgelehrte, denen ich diese 
Schrift zueigne, in meine Besorgnils eingehen, so steht mein 
Vorhaben 9 die Folgen mögen auch seyn» welche sie wollen, 
fest« Ich habe während vierzig Jahren meines Lebens nie 
aufgehört, die mit dem Blute Ludwigs des Sechszehnten und 
Karls des Ersten befleckten Volksmeinungen zu bekämpfen; 
und werde daher eben so wenig Schonung gegen eine irrige 
religiöse Meinung beweisen, welche schuld ist an dem vergos- 
senen Blute eines Heinrichs des Vierten und Heinrichs des Drit- 
ten. Treue Anbänger des Königthums ! Diejenigen, denen 
wir die Congregationen , die Jesuiten, das päbstliche und 
Priesterregiment verdanken, sind darauf verfallen, für alle 
diese schönen Erfindungen dieselbe Achtung , wie für die Re- 
ligion zu verlangen. Die Folge davon war, dafs in einem 
grofsen Theil des religiösen Frankreichs die Religion und die 
Congregationen, die Religion und die Jesuiten , die Religion 
und der Ultramontanismus, die Religion und die Verweige- 
rung des Begräbnisses als gleichbedeutend angenommen wur- 
den. Von da an hat alles , was noch von Gottlosigkeit in Frank- 
reich übrig geblieben, neue Hoffnung geschöpft. 

„Wo, meine Herren Rechtsgelebrten, wo finden wir 
mitten unter unsern Gefahren die Mittel zu unseren Heil ? 
welches ist die Macht, die über unsern Gesetsen schwebt und 
sie zum Schweigen bringt, und über unsern Magistraten, um 
sie zu lähmen? Giebt es wirklich, wie man sagt, in dieser 
Lage keine andere Rettungsmittel, als die Preisfreiheit und 
das Fetitionsrecht? Was für ein anderes Mittel aufser dem 
Rechtsweg bleibt uns noch übrig? 

„Nachdem die Revolution zuerst das Haupt und dann das 
ganze Innere unserer Organisation zerstört hatte , so entstand 
dadurch eine Art grofser Leere, die sich dem Ersten, der sieb 
derselben bemächtigen wollte, darbot. Erst war dies das 
Volk in Masse, unter der Benennung Sans-culottes; auf diese 
folgten die Kriegsleute, und dann der Mittelstand. Da letz- 
terer Stand die Hoffnungen der Geistlichkeit wieder erweckt 
hatte, so ist sie in Masse mit ihren Jesuiten , ihren Ultra- 
montanern und Congregationen angerückt; und so sind wir, 
nachdem wir vielen andern Oberherrlichkeiten unterworfen 
waren , jetzt unter die Souveränität der Priester gerathen. 
Da ich stet* der wahren und gesetzlichen Souveränität treu 
blieb, so werde ich auch jetzt die Oberherrschaft der Geist- 



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Staat uud Thron gefährliches System. 869 

t 

_ 

liehen bekämpfen 9 wie ich alle vorangegangene usurpirte Ge- 
walt bekämpft habe. 

M AU ich während meiner Auswanderung gegen die Herren 
Entraigne und Ferrand schrieb, so zweifelte ich nicht an 
ihrem Eifer 9 ihrem Talent und ihren Absichten; ich fand blos, 
dafs sie der Sache schadeten, der sie dienen wollten. Die 
Leute, die heut zu Tage unter irgend einer Forin die geist- 
liche Macht in die liegt erung der bürgerlichen Angelegenhei- 
ten einfuhren wollen, sind mit ihnen in demselben Fall. Ich 
bekämpfe ihre Absichten , während kh ihnen meine Achtung 
zolle; wogegen diejenigen , welche aus revolutionären oder 
gottlosen Grundsätzen ineine Lobredner seyn dünften, mich 
damit betrüben würden.« 

So der tiefeingreifende Greis! Auf Veranlassung der 
Verlagshandlung , ein Vorwort voranzustellen , bestätigt der 
Unterzeichnete seine Ueberzeügung, dafs eine Restaura* 
tion sieht Wiederherstellung des Alten überhaupt, sondern 
dessen allein seyn sollte, was im Alten stabil oder das halt- 
bare und in sich zum Stehen geeignete war. Er giebt Hin- 
weisungen , welche Kirchenvorurtheile das Stabile selbst un- 
ständig na achten und also nicht, als neue Ursachen der Insta- 
bilität, wieder zuzulassen sind« Ein sprechender Beleg hiezu 
lind etliche Hauptcapitel aus des römischen Maestro di Santo 
Palazzo, Mr. Anfossi, zu Bologna verbreiteter äufserst auf- 
fallender Schrift : Die Wiedererstattung der Kir- 
chengüter, als no tb wendig zum Seelenheil für 
alle, welche solche ohne d i e A uc t o r i tä t des heil. 
Stuhls sich zugeeignet haben. Card. Consalvi hatte 
den Abdruck nicht erlaubt, aber Se. Heiligkeit, der jetzige 
Pabst, unmittelbar. Die wörtlichen Auszüge S. XIII — 
XXXII» sprechen. Ist der öffentliche und Privatzustand in 
Europa stabil, wenn, wie hier , von Rom her verkündigt wird , 
worauf alle Beichtväter hinzuwirken hätten ? 

Um Mifsverständnisse abzuwenden, bemerkt Bef. einige 
sinnverderbende Druckfehler. Seite V. Lin. iß, unhaltbar 
machen würden. S. VI. L. 24. r e pr i s t i n i r e n statt: re- 
piäsentiren. S. X. L. 16. woran st. wovon. S. XI. F'ea, 
mehrmals; nicht Fra. S. XIV. L». 35. Hang, nicht: Gang. 
S. XV. L. 12. Aeufsere Macht reicht nicht zu. S. XVJ. 
L. jß. Mysterien, nicht: Ministerien. S.XIX. L. 32. tte- 
gierungen st. Verzierungen. S. XXIV. L. 21. sollten die 
Worte: Ebenso . . bis zu: transigiien , in der Note stehen, 
nicht im Texte. S. XXVI. I'. 33. Einwendung, Der* Kanon 
«agt: . . , S. XXVII. L. 38. des Voters der Kirche . . . 



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* 



- f 



870 Graf v. Montlosier. Gegen ein gefährliches System, 

S. XXXII. Lin. 1.3. irreformabel, nicht: confoYmabel. 
S. XXXIV. L. 4. immer, statt: kennt. S. XLVI. L. i3. 14. 
nicht nur getheilt, sondern auch die Beute der vereint blei- 
benden ältern Masse zu werden. 

An der Uebersetzung des Werks hat Ref. keinen Antbeil. 
In dein Vorwort aber hat er auch noch S. XXXII. über die 
neue Deklaration mehrerer französischen Bischöfe vom 3» April 
1826. seine Bemerkungen, und dann Hauptstellen wegen der 
Jesuiten aus v. Rott eck und pöljz vorgelegt. 

Wir fügen noch iq der Kürze den jetzigen Erfolg der 
Montlosierischen förmlichen Dtnunciation vor den Gerichten 
an, wie ihn die teutsche Pariser Zeitung, ein ein- 
pfehlungswerthes , von ausgewählten Nachrichten gewöhnlich 
gedrängt volles „Tageblajtt für Politik, Literatur,' Künste, 
Ilandel und Bekanntmachungen w sogleich in No. l8i, angab, 
„ Der Königl Gerichtshof hat heute, Paris 16. August, seine 
Generalversammlung bei geschlossenen Thüren wegen 
der Denunciation des. Graten von Montlosier ge- 
halten. Alle in Paris anwesende Magistrate, sechs und vier* 
zig an der Zahl , kamen im Audienzsaale der ersten Kammer 
unter der Präsidentschaft des Hrn. Seguier zu- 
sammen. Hr. Jacquinot -de- Parapelune , als General - Procu- 
rator , wohnte dieser Versammlung bei; sie dauerte von eilt' 
Uhr bis etwa vier Uhr. 

„ Man sagt , diese lange Sitzung sey lebhaft gewesen. Der 
Ausspruch geschah durch eine Mehrzahl von etwa dreifsig ge- 

ten fünfzehn oder sechszehn Stimmen. Privatnachrichten ge- 
en das Resultat in folgender Form und Inhalt: „Der Ge- 
richtshof, nach vorläufiger Anhörung der Bemerkungen 
mehrerer Mitglieder über die in einer von dem Grafen von 
Montlosier unterzeichneten, und an jedes einzelne Mitglied 
des Gerichtshofs eingeschickten Denunciation U, s. w. ; 
und nach weiterer Anhörung des Hrn. Generalprocurators des 
Königs und seines R*(ju isitoriums ; 

„In Rücksicht der Beschlüsse des Parlaments von Paris 
von 1762; der gleiclistimmigen Beschlüsse der übrigen Parla- 
mente des Königreichs; des Edicts Ludwigs XVI. vom Monat 
Mai 1777; des Gesetzes vom August 1792; des Decrets vom 
Messidor des Jahres 12, 

„In Betracht, dafs aus besagten Beschlüssen und Edicten 
erhellt, dafs die bestehende Gesetzgebung der Wiederherstel- 
lung der sogenannten Gesellschaft Jesu, unter welchem Na- 
men sie sich auch darstellen möge, förmlich entgegen ist; dah 
diese Edicte und Beschlüsse auf die anerkannte Uuvei ciubar- 



v. Malclias, Statistik und Staatenbunde, 



871 



keit der Grundsätze der besagten Compagnie mit der Unab- 
hängigkeit jeder Regierung gegründet, und dafs diese Grund- 
sätze außerdem mit der constitutionellen Charte als nunmeh- 
rigem Staatsrecht der Franzosen unvereinbar sind; 

„Aber auch in Betracht, dafs aus eben dieser Gesetz* 
gebung sich ergiebt, dafs es nur der hohen Polizei des Kö- 
nigreichs zusteht, die Congregationen , die Associationen und 
andere Anstalten dieser Art, welche gegen besagte Schlüsse, 
Edicte- Gesetze und Decrete errichtet sind oder noch errichtet 

t t 

werden sollten, abzuschaffen und zu verbieten ; — — 

„ Was dabei die andern in besagter Schrift des Grafen von 
Montlosier angeführten Thatsachen Detrifft; 

, 3 In Betracht, dafs, was auch ihre Wichtigkeit seyn 
möge, die dabei vorkommenden Umstände, für jetzt, kein 
Verbrechen, noch Vergehen, noch eine Gesetzesübertretung 
ausmachen, worüber der Gerichtshof zu urtheilen hätte; 
„Erklärt sich der Gerichtshof für incompetent." 

„Man schlug anfänglich die Ernennung einer Commission 
oder eines Berichterstatters vor; dieses ging aber nicht durch. 
Und nun kam es zur Beratschlagung über die Competenz. 

„IVIan setzt hinzu, einige Mitglieder des Gerichtshofs ha- 
ben sich für Mitglieder der Congregation erklärt; man habe 
dagegen einige Einwendung gemacht, sie sollten deshalb an 
der Beratschlagung keinen Antheil nehmen ; allein sie haben 

es dennoch gethan, « — 

— Auf jeden Fall ist gerichtlich ausgesprochen, dafs die 
Existenz der Jesuiten, als Gesellschaft, in Frankreich gesetz- 
widrig ist. Ihre Zulassung würde demnach ein förmliches, 
durch die Kammern gegangenes Gesetz bedürfen , wenn die 
Duldung nicht grofse Verantwortung mit sich bringen sollte, 
1. Septemb. 1826. 

Dr. Paulus. 

1 

Statistik und 'Staatenkunde. Ein Beitrag zur Staatenkunde 
von Europa, Von CA* Freih. v» Nlalchus , Kön, Würt> 
Finanz- Präsidenten > Commandeur des Kön, PViirt* Civil- Ver~ 
dienst - Ordens. Stuttgart und Tübingen, bei Cotta. 1826. Vi 
und 58.8 S. 8. 

Seit Schlözer ist unter den Deutschen viel von einer 
Theorie der Statistik die Rede. Man hat die gehaltreiche 
Schrift jenes geistvollen Mannes vielfach verarbeitet und be- 



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1 



#72 • v. Malchus. StntUik. und Siaatenkunde. 

4 * - 

4 

nutzt, ohne zu bedenken, dafs sie doch nur die Grundlinien)] 
(freilich mit fester Hand gezeichnete) einer neuen Wissen«« 
schaft enthält, und dafs man weit mehr inScblözers Sinne 
bandelt, wenn man, statt seine Aussprüche zu wiederholen J 
den von ihm zuerst betretenen Weg weiter verfolgt. Diesi 
scheint nun, nachdem Niemann schon einige Schritte ge«< 
tban, in der neuesten Zeit unternommen zu werden, und wir 
Verdanken es abermals der Staatswissenschaft, dafs sie auf die 
Statistik ein helleres Licht wirft, wie sie schon früher Ari* 
stoteles, Conring, Achenwall und Schlözer in ihren* 
Statistischen Forschungen geleitet hatte. Es wird in unse-ii 
>ren Tagen allgemein anerkannt, dafs der statistischen Darstel- 
lung der einzelnen Staaten mancherlei Lehren vorausgehen 
müssen, ohne deren Hülfe weder der Statistiker mit Erfolg 
arbeiten., noch der Leser aus den Leistungen des ersteren vol- 
len Nutzen ziehen kann. Doch ist man darüber nicht einig, 
wie dies^e Vorbereitungslehren sich zur eigentlichen Statistik 
verhalten. Niemann und der Verfasser des vorliegenden 
Werkes schicken sie voraus, und theilen ihnen die Benennung 
Statistik ausscbliefslich zu, indem sie für das, was man 
sonst so zu nennen pflegt," nämlich die Beschreibung der Staa- 
ten, den Ausdruck Staatenkunde anwenden. JV(one stellt 
beide Gegenstände als t he o r e t i sehe und praktische Sta- 
tistik einander gegenüber. Die meisten Schriftsteller erklä- 
ren sich über das Verhältnifs gar nicht näher, und machen es 
mit der Theorie der Statistik so, wie die meisten Menseben 
mit manchen Tagenden, die desto eifriger gepriesen werden, 
je weniger man sie selbst besitzt. 

Wenn wir unter der Statistik die Darstellung des Zu- 
Standes, der Staaten, in einem einzelnen Zeitpunkte, ausThat- 
sachen , verstehen, so ist hiermit schon angedeutet, dafs die- 
selbe gleich der Geschichte auf das in Zeit und Raum Gegebene 
sich bezieht, und daher eine historische Wissenschaft ist; 
Reflexionen und Speculationen gehören, wie nützlich sie seyn 
mögen, so wenig zu dem Wesen der Statistik, als Regeln für 
die Staatsverwaltung, und was Achenwall mit der Ueher« 
Schrift: Politisches Interesse in die Statistik einführte, 
das kann blos als eine Zugabe, als eine Auswahl Staatswesen- 
schaftlicher Betrachtungen angesehen werden« Es giebt sehr 
viele Zweige der Geschichte, denn jede Art menschlicher Ver- 
hältnisse und Beschäftigungen hat ihre eigene, der Krieg wie 
die schönen Künste, die Maschinen wie die Wissenschaften» 
die bürgerlichen Stände wie die Religionen. Ueber diesen 
einzelnen Zweigen steht als Uebersicht der Veränderungen, 



r 



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r. MafaJius, Statistik und Staatenbunde. Q7£ 



die sieb in den Scbickfalen der Menschheit im Gänsen zuge« 
tragen haben, das, was wir Weltgeschichte nennen; 
die Staatengescbichte hebt dagegen aus der unendlichen 
Masse historischer Tbatsachen nur diejenigen heraus , welche 
die Veränderungen in den einseinen grösseren Gesellschaften, 
in den Staaten, Jjrtreifen. Gans analog ist die Statistik nicht 
die Darstellung aller menschlichen Verhältnisse in einein be- 
stimmten Zeitpunkte (gewöhnlich der Gegenwart), sondern 
nur derjenigen, die das Staatsleben umfaist; doch sind die- 
selben zahlreich und mancbfaltig genug* Die Staatengeschichte 
nimmt nicht diese Fülle von Gegenständen auf, theils weil es 
ihr an Nachrichten gebricht, um dieselben durch den Lauf der 
Zeit zu verfolgen, theils weil sie, wenn sie dies bezweckte, 
zu einem unübersehbaren Umfange anschwellen würde. Wer 
Jahrhunderte vor seinem Geiste vorüberschweben läfst, der 
kann nur das Hervorragende, das Einflufsreichste beachten; 
wer aber die Staaten in einem einzelnen Momente, gleichsam 
in ihrer Bewegung aufgehalten und erstarrt, vor sich liegen 
sieht, dem ist es möglich, sie mit Mufse in allen Einzelheiten 
su beschauen. Aus dieser grofsen Fülle von Tbatsachen. um 
die sich der Statistiker bemühen soll , entspringen eigene 
Schwierigkeiten; es ist nicht leicht, in der Manchfaltigkeit 
Ordnung, Zusammenbang und Uebersicht zu behalten, es ist 
eh en so wenig leicht , gründlich alles Einzelne zu untersuchen , 
ehe es in die Schilderung des Ganzen verwebt wird. So er* 
giebt sich das Bedürfnils einer Propädeutik, welche Ref. am 
liebsten als eine Einleitung in die Statistik bezeichnen, 
würde, und die nichts anders ist, als die sogenannte Theorie 
der Statistik. Sie ist einer vollkommen .wissenschaftlichen 
Entwicklung fähig, da sie von dem Wesen des Staates aus-, 
gehend die einzelnen Seiten und Erscheinungen im Leben des- 
selben an einander zu reihen hat. Das Material schöpft sie 
aus verschiedenen anderen Wissenschaften , weil man nur das 
gut beschreiben kann, was man gut begriffen bat. So wenig 
man die Zahlenverhältnisse des menschlichen Lebens ohne 
Hülfe der politischen Arithmetik durchschauen kann, so we- 
nig lälst sich die NaturbeschafFenbeit eines Landes ohne eini- 
gen Beistand der Geognosie , das Klima ohne Hülfe physika- 
lischer Lehren, und der Landbau ohne einige Kenntnisse d cr < 
Landwirtbschaftslehre schildern. Da indels die meisten be- 
stimmten, in Zahlen ausgedrückten Tbatsachen über Verinö- 
gens- oder wirtschaftliche Angelegenheiten zu erlangen sind, 
»o mufs auch die Theorie der Statistik ganz vorzüglich ans 
den Theilen der Wirthacbaftslebfe schöpfen, und vor. Allem 



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874 v. Malchus, Statistik und Staatenkunde. 

i — jt » 

ist es da« Studium der politischen Oekonomie f welches dem 
Statistiker Noth thut. Es v^örde leicht seyn, eine Menge 
von Mi fsgriffen anzuführen 7 welche sieb in manchen neueren 
statistischen Schriften finden, und welche vermieden worden 
wären, wenn sich die Verfasser Ii her die Natur des National - 
Einkommens, des Geldes, des Volks Vermögens u, dgl. besser 
unterrichtet hätten. 

Denkt man über den Inhalt nach, welchen die Einlei- 
tung in die Statistik haben mufs, so ist es leicht, zu 
erkennen, dafa ihre Aufgabe eine dreifache ist. Sie mufs 
nämlich 

1) die sämmtlichen Objecto, mit denen sich die Statistik 
beschäftiget, in methodischer Ordnung entwickeln, oder, 
das System aufstellen, nach welchen die Thatsacben, die auf 
jeden einzelnen Staat Bezug haben, an einander gereibet wer- 
den können« Bei jedem Gegenstande hat sie zu zeigen , warum 
und wie weit er in die Statistik gehöre. Hier ist die Stelle, 
an welcher die- Staats Wissenschaft ihren Beistand leistet, und 
die Vorstellung, die man vom Staate hegt, ihren Einflufs äus- 
sert. Wer den Staat nur als eine Assecuranzanstalt gegen Un- 
recht und gegen Sicherheitsstörungen von Seite der Natur an- 
sieht, für den wird auch der Umfang der Statistik sehr gering 
aeyn müssen. 

2) Sie raüfs f-tr jeden statistischen Gegenstand die Quel- 
len angeben, aus denen die Nachrichten geschöpft werden 
können, die Beschaffenheit dieser Quellen, ihre Glaubwür- 
digkeit oder die Ursachen ihrer Unzuverlässigkeit erforschen, 
und die beste Art ihrer Benutzung lehren. Soll z. B. die 
Volksmenge eines Staats ausgemittelt werden, so ist zu unter- 
auchen, in wie fern man sich' auf Volkszählungen verlassen 
und wie man mittelbar aus andern Notizen auf jene Zahl 
schliefsen könne. Bei der klimatischen Wärme ist darzuthun, 
was die Angabe der mittleren Wärme zeigen und nicht zeigen 
könne, wie man die Verbreitung mancher Gewächse und die 
Zeitpunkte, in welchen andere grünen und blühen, benutzen 
könne u. s. w. Dieser Tbeil des Inhaltes ist von Schlözer 
nur ganz im Allgemeinen bebandelt worden, er hat von den 
Quellen der Statistik überhaupt gesprochen, aber nicht bei 
den einzelnen Materien die Betrachtung durchgeführt. 

3) Sie mufs gleichartige Thatsachen aus verschiedenen 
Staaten, auch ungleichartige von einem und demselben Staate, 
welche in Verbindung mit einander stehen, zusammenstellen, 
ihre Abweichung und Uebereinstimmung beobachten , undaut 
diese Weise aus dem Besonderen der einzelnen Staaten die 



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1 

v. Malthus , Statistik und Staatenkunde* 875 

mittleren allgemeinen Verhältnisse derselben ableiten. Diese 
sogenannte vergleichende Statistik ist nicht bJo* em 
treffliches Hülfsinittel der Kritik, welches die inneren Gründe 
der Glaubwürdigkeit beleuchtet, wenn die äufseren nicht zu- 
reichend bekannt sind, sondern sie führt auch, ungefähr wie 
die vergleichende Anatomie, auf einen Standpunkt, von dem 
man die Grundzüge eines christlich - civilisirteu Staates iu ab- 
stracto erkennen kann. , 

Diele drei Bestandtheile , Methodik, Kritik und 
Vergl e ich u n g , müssen nicht nothwendig getrennt svyn, 
es ist vielmehr nützlicher, sie in einander zu verweben, nach- 
dem man nur die Hauuttheile des ganzen statistischen Systems 
vorausgeschickt hat. 

Nach dieser Auseinandersetzung , die hier nicht wohl zu 
umgehen war, wenden wir uns zu dem genannten Buche, 
von dem Ref. nach den Gesetzen unseres Institut* nur eine 
Anzeige zu geben hat. Das Eigentümliche des Buches 
läfst sich nun so beschreiben : es ist eine Einleitung in die 
Statistik, worin unter den vorhin berührten drei Bestand- 
teilen die Vergleichung am ausführlichsten Gehandelt und 
durch eingestreute Staats wissenschaftliche Reflexionen belebt 
worden ist;, die wirtschaftlichen Gegenstände nehmen den 
gröfsten Tbeil des Werkes ein, was alle diejenigen billigen 
werden, denen es nicht entgangen ist, wie viel bei der bis- 
herigen statistischen Bearbeitung dieser Materien noch zu 
wünschen ührig blieb. Auch die Kritik ist überall durchge- 
führt, und der Verf. ahmt die Historiker in der Gewissenhaf- 
tigkeit nach, mit der sie bei jeder Thatsache den Gewährs- 
mann namhaft machen. Wäre dies schon früher geschehen, 
»o würden, jene vielen veralteten oder mißverstandenen Noti- 
zen, die in manchen Büchern stehen, längs|t verschwunden 
seyn, weil man sich h^tte scheuen müssen, zu gestehen, dafs 
man nicht bei guten Gewährsmännern geforscht, sondern un« 
besehen zusammengerafft habe. Die literarischen Hülfsmittel, 
die unser Verf. benutzt hat, sind bei jedem Lande und Gegen- 
stande die besten, die nur zu erhalten waren, und höchst 
zahlreich, so dafs der grofse Apparat ein überaus günstiges 
Vorurtheil fürdas v Werk erwecken würde, wenn es nicht schon 
der ausgezeichnete Name seines Verf. thäte. 

Die Einleitung enthält die vorbereitenden Erklärun- 
gen, berührt die Quellen, dieTheile der Statistik, und endet 
>"it einer ausgewählten Literatur. Die Anordnung der Ge- 
genstände ist nachfolgende : 



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Ö76 v. Malohus, Statistik uud Staatenkunde, 

■ 

I. Quellen der Grundkräfte , 

a. das Areal 9 

1) das Land, 

2) Production, 

1). Einwohner; — die Populationsverhältnisse. 

II. Elemente vom Staatsreichthum, 

a. Manufacturen und Fabriken , 

b. Verkehr, innerer und äufserer, 

c. Geldcirculation« .' v . 

III. Staatsreichtbum und Staatseinkommen. 

IV. Staatsverfassung. 

V. Staatsregierung und Verwaltung. 

Von den in dieser Reihenfolge vorgetragenen Sätzen soll 
nur Einiges zur Charakterisirung des Inhalts ausgehoben 
werden. 

Weder das Land, noch die Bevölkerung für sich al- 
lein oder das Einkommen des Staates dienen zum ausschliefst 
liehen Kennzeichen für die Macht desselben, man mufs meh- 
rere Umstände zusammenhalten, namentlich sowohl das, was 
der Verf. Elemente der Grundkräfte nennt (Land und 
Menschen, deren Zahl und Bildung), als die Elemente 
des Staatsreichthums (Erzeugnisse der Urproduktion 
und der industriellen Production , Vertrieb derselben und Ge- 
werbthätigkeit der Einwohner). Berechneten an das gesammte 
Einkommen aller europäischen Staaten , so zeigt sich , dafs 
die Einkünfte des britischen Staates fast ein Drittheil desselben 
einnehmen, die von Rufsland nur ein Zehntheil. — ' Bei dem 
Lande werden zunächst die Gebirge und Gewässer in ihrem 
Einflüsse auf den Zustand des Staates, zumal auf die Betrieb- 
samkeit, betrachtet, auch die Hauptgebirge von Europa, so- 
dann die Flüsse und Canäie der fünf grofsen Staaten aufge- 
zählt. In Grofsbritannien werden 27 gröfsere Canäie genannt, 
in Frankreich 11, nebst 20 kleineren, in Oestreich 17, wo- 
von 9 in Oberitalien, hei dem Preussiscben Staate 11. — 
Anbau des Landes. S. 100 — 151. ist eine sehr ausführliche, 
mit vielen Bemerkungen erläuterte Tabelle der verschiedenen 
Bodenbenutzungen &o wie des Erzeugnisses an Getreide und 
Wein zu finden, wobei für solche Staaten , deren Production 
nicht näher bekannt ist, aus der Consumtion (41/29 und in 
Bieiländern 51/2 preussische Scheffel auf den Kopf) dieErzeu» 
gung berechnet worden ist. Ehen so ist dann die Zahl der 
nutzbaren Hausthiere und die Production von Mineralien an- 
gegeben. Die Resultate sind: Europa ohne die Türkei hat 
von seiner ganzen Oberfläche (145595 Q. M.) gegen 6/u land- 

* ■ 

♦ 



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v. Malchin, Statistik und Staatenkunde, 877 



wirtschaftlich benutzten Boden , darunter 87/95 als Acker und 
14/55 als Wald. An Getreide werden beinahe 2000 Mill. Schef- 
fei, an Wein an 95 Mill. Eimer gewonnen. Der Viehstand 
ist in unserm Erdtheile folgender : 

Schaafe X70 r/2 Mill. 

Rindvieh 70 — • < 

Schweine an 43 — 

Pferde 26 — 

biegen 61/2 — . 

In Deutschland kommen auf jeden Kopf der Einwohner 8 Mor- 
gen der .ganzen cultivirten Flüche, 3 Morgen Acker und 
10 1/2 Scheffel Getreideproduct. An Mineralien gewinnt 
Europa ; 

Gold 23905 1/2 Mark (od. halbsoviel Pfunde) 

Silber 321983 — 

Quecksilber 7670 Centner 

Zinn 68276 — 

Zink 56487 — 

Kupfer 29470t — 

Blei 606792 — 

Eisen 1 7518701 — . 

Ste inkohlen 265 Mill. Centner. 

Kochsalz 36719781 Centner, 
Population. Nach einigen nationalökonomischen Erörte- 
rungen über das Verhältnis, in welchem die Zunahme der 
Volksmenge zur Production steht, folgen Untersuchungen 
über die Dichtigkeit der Bevölkerung, die Vertheilung der 
Einwohner zwischen den Städten und dem Lande, die Zahlen 
der Geburten, der Ehen, der Sterbefälle , und die Verhältnisse 
dieser Zahlen unter einander u. dg!. 

Fabrikwesen. Der Umfang desselben in den verschie- 
denen Ländern wird bei einigen Zweigen speciell durchge- 
führt, dann bei Grofsbritannien , Frankreich, Oesterreich und 
Rufsland im Ganzen betrachtet. 

Handel* Hier trifft man unter andern eine Ausmitte- 
Inng der Geldmenge in Europa, die noch Niemand so sprgfäl- 
tig angestellt hat, als unser Verf. Der Münzvorrath von Eu- 
ropa beträgt 2040 Mill. Thlr. (3672 Mill. Fi.) 

Das Finanzwesen der europäischen Staaten ist nach 
den neuesten Quellen ausführlich dargestellt. Die Summen 
für ganz Europa sind: 

Staatseinkünfte J863 Mill. FL 

darunter Steuern und Abgaben 1604 — r 

Staatsschulden 1654 1 — — 

» 

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i 



878 Ueber Unabhängigkeit lies Rechtsprwcips 

Nur Oldenburg, Licbtensfein, San Marino und die Schweis 
im Ganzen, als Bundesstaat* sind Schuldenfrei. 

Unter der Ueberscbrift Staats Verfassung findet der 
Leser eine vollständige Charakteristik der Verfassungen von 
8 i eben europäischen Staaten, nebst Betrachtungen über die 
Staatsformen in Deutschland $ endlich in der Abtheilung 
Staatsregierung eine Schilderung der Verwaltungsformen 
und Militairverhältnisse, woran sich ein Anhang * die Bil- 
dungsanstalten betreffend, anschliefst. 

K> ff. Ä ä *. 



Ueber das oberste Rechtsprinzip äls Grundlag* Aer Rechtswissenschaft 
im Allgemeinen 9 oder kurz durchgeführter Beweis der gänzlichen 
Geschiedenheit und Unabhängigkeit des Grundprinzips Ursprung 
licher oder natürlicher Rechte von dem Princip der Sittlichkeit, 
und der erst hieraus zu erwartenden Begründung des Naturreckt 
als selbstständiger Wissenschaft. Leipzig , bei Rectum. 1825. 
76 S. in 8. 10 Gr. 

< ( « 

Referent, der einer von denen ist, die dafür halten, 
dafs alle rein menschlichen Verhältnisse, und folglich auch das 
llechtsverbtiltnifs , von der Moralttät abhängen und ihren 
Maafsstab in ihr finden, nahm diese kleine Schrift, in Welcher 
er eines andern Überwiesen werden sollte, begierig zur Hand, 
und las sie mehr als einmal aufmerksam durch. Was er darin 
fand, will er dem Leser, den die Sache interessirt, kürzlich 
und, wie sich versteht , unpartheiiscb berichten« 

Der vollständig abgeschriebene Titel kündigt an* dafs 
der unbekannte Vf. l) eine gänzliche (man übersehe es nicht, 
eine gänzliche) Geschiedenheit und Unabhängigkeit des 
Grundprincips ursprünglicher oder natürlicher Rechte von dem 
Frincip der Sittlichkeit behauptet; und 2) dafs er dieses be- 
weisen und durchführen will. . , 

Was nun zuvörderst den ersten tunkt anbelangt * so fragt 
es Sich, was ist der Sinn jener Behauptung? was meint der 
Verfasser? meint er , das Naturrecht , a 1 s Wiss en s cbaft, 
sey von der Moralphilosophie , als einer Wissenschaft, 
völlig unabhängig, so dafs beide Wissenschaften einander 
Schlechterdings nichts angehen * und jede für sich absolut ist? 
oder meint er, das Recht, d. h. die Rechte Seyen etwas von 
der Moralitüt getrenntes, bilden eine Sphäre für sieb, in 



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* I 

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t 

von dem Princip der Sittlichkeit. 8/9 

welche auf irgend eine Weise Einsprache zu thun v der Mora- 
lität nicht gezieme ? Obgleich dieser 'Unterschied im Grun- 
de auf' eines hinausläuft, so mufs «r doch beachtet werden, 
um den Verf. recht zu verstehen, und ihm .bei der Beurthei- 
lung seiner Ansicht .nicht Unrecht zu tbun» Das erstere nun 
kann er nicht meinen, denn er sagt selbst S» 34. u» a. O. : 
»Jede Schätzung des Werths moralischer und rechtlicher; 
Handlungen setzt die innere Freiheit, voraus« — - und : „Hier 
(in der innern Freiheit) ist der feste Boden, auf welchem die 
praktische Philosophie, als Ethik, ihr Lehrgebäude der Sit- 
tenlehre sowohl als der Rechtslehre errichten kann und 
mufs. Alles Praktische gebt aus absoluter Selbstbestimmung 
hervor, ohne diese gibt es weder Pflicht noch Recht.«. 

Das Naturrecht als Wissenschaft ist folglich nach der 
eigenen Aeufserung des Verf. ein Tbeil der praktischen Phi- 
losophie , ist dieser untergeordnet, gehört wie die Pflichten- 
lehre zu Einem Ganzen, zu Einem Systeme, ist folglich ( nicht 
gänzlich unabhängig, sondern hat mit der Moralphilosophie 
ein und dasselbe Princip gemein, — die innere Freiheit, die 
Selbstbestimmung , mit welcher (S. 35.) erst SittenfähigkeijE 
und Rechtsfähigkeit entsteht. Und somit fällt bereits ein 
Tbeil der Behauptung des Verf.. zusammen , diese nämlich , 
dafs das Grundprinzip der philosophischen Rechtslehre unab- 
hängig sey von dein Princip der Sittenlehre,, wenn anders 
Princip so viel heifst, als der, letzte und äulserSte Grund, 
über den , als über ein schlechthin Gegebenes , nicht hinaus- 
gegangen werden kann; denn eingestandener Maiaen ist die« 
«er letzte und äufserste Grund sowohl der Rechrs - als der 
Pflichtenlehre eben jene innere Freiheit, jene Selbstbestim- 
mung, die der Verf. von S, 29 34. scharfsinnig erörtert. 

Beachten wir nun den andern Sinn, den. die Behauptung 
des auf dem Titel Ausgesprochenen möglicher Weise haben 
kann, nämlich] die Rechte selbst sind von dem Moralischen 
und Sittlichen getrennt — das Recht Überhaupt ist gar nichts 
moralisches, — so zeigt sich bald, dafs dieses es ist, was 
der Verf. meint. Denn er sagt S. 35* »Es ist nun Zu unter- 
suchen , ob für Pflicht und Recht, oder für das Sittliche 
ti n d R e c h t Ii c he in einem Vernunftwesen eine und die- 
selbe Norm gelte, oder ob jedes für sich unter einer be- 
sondern Regel stehe, und wenn dieses wäre , wie sich diese 
hesondern Regeln zu einander verhalten.« Und nun findet er 
(S. 440 ' n der Vernunft ein Princip als. Gesetz, wodurch sich 
die Vernunft die Herrschaft Über sich selbst gegen den An- 
drang der Sinnlichkeit sichert — das Moralprincip oder das 



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I 



380 Ueber Unabhängigkeit des Rechtsprincips 

Sittengesetz, als Grundlage dessen, was Pflicht genannt wird, 
— und zweitens ein Frincip als beglaubigte Anweisung auf 
die Herrschaft über die äufsere Natur — das Rechtsprincip, 
als Entstehung» - und Erkenntnifsgrund des Hechts über- 
haupt. „Hier scheiden sich die moralische und rechtliche Ge- 
setzgebung der Vernunft von einander". Dieses oberste 
Rechtsprincip lautet nun , nach dem Verf., also (S. 52.): 

„Die praktische Vernunft ert heilt dem Menschen die un- 
bedingte Befugnifs, in seinem Verhältnisse zur Aufsen- 
5 , weit seine ursprüngliche Unabhängigkeit von dieser be- 
liebig und durch alle ihm zu Gebot stehenden Mittel zu 
m behaupten.« 

Und das durch dieses Frincip begründete Urrecht besteht 
(ebendas.) : 

„in der dem Menschen durch eben diese Befugnifs von 
„der praktischen Vernunft zuerkannten Herrenschaft über 
„die äufsere Natur, als nothwendige Bedingung zu Be* 

. „hauptung jener Unabhängigkeit." 
Zur äufseren Natur gehört aber auch jeder unserer Neben- 
menschen, folglich das ganze Menschengeschlecht, mit allen 
seinen Individuen, weil sie insgesatnmt für den einzelnen 
Menschen nur als äufsere Dinge gelten, da sie ihm ursprüng- 
lich nur als solche erscheinen (S, 56.). Hieraus endlich — so 
fährt der Verf. fort — ergibt sich die zwar immer gefühlte, 
aber bisher nicht deutlich erkannte Wahrheit (S. 56.) : 

dafs der individuelle Mensch ursprünglich eben so we- 
nig von seinem Nebenmenschen als von andern ilufsern 
„Dingen rechtlich abhängig sey, lind dafs er diesem zu- 
folge ursprünglich eben so wenig irgend eine Verpflich- 
tung und Verantwortlichkeit gegen jene , als gegen 
„ diese habe. « 

Dieser letztere Satz ist gleichsam das Resultat der ganzen Un- 
tersuchung. Er heifst mit andern Worten : Ich habe da* 
Hecht, meine Freiheit und Selbstständigkeit — nicht nur ge- 
gen fremde Willkühr zu behaupten f und mich gegen sie zu 
vertheidigen , sondern ich habe auch das Hecht, meine Frei- 
heit und Selbstständigkeit so weit auszudehnen, dafs ich jeden 
lindern Menschen blos als ein Mittel für meine Zwecke, ah 
eine äufsere Sache, über welche mir die Htrrenschaft zu- 
steht, behandle* 



(Dar Beschlu/s folgt,') 



33 

n 



n 




N. 56. * 1856. 

♦ » 

Heidelberger 

Jahrbücher der Literatur. 



Ucber Unabhängigkeit des Hechtsprincips von dem 

PHncip der Sittlichkeit. 

t 

- (ßeicÄ/«/i.) 

Und gegen diesen Satz f den die praktische Vernunft 
dictir^t haben soll, soll die nämliche praktische Vernunft, die 
nach S. 57. und 49. Achtung für Menschenwürde gebietet, 
und tingernessene Herrschbegierde in Schranken halt, nichts 
einzuwenden haben? Äann die Vernunft sich so wider- 
sprechen? Gegen dieses vermeintliche Urrecht, das sich gar 
keine Beschränkung gefallen lassen will, nicht einmal die, die 
aus der moralischen und rechtlichen Gleichheit der Men- 
schen unvermeidlich hervorgeht, soll jede Einspräche des mo« 
raiischen Gefühls als unziemlich zurückgewiesen werden? Ist 
ein solcher Zwiespalt der Vernunft vernünftig? Dieses Ur- 
recht soll die Grundlage aller übrigen Hechte seyn* und von 
ihm soll die Rechtswissenschaft erst ihre Begründung er- 
warten ? ? 

Der Verf. sieht die Furchtbarkeit dieses seines Rechts* 
prineips, und den Widerspruch desselben mit der Moralität 
sehr wohl ein, und bemerkt, um jene Furchtbarkeit und die* 
Ben Widerspruch ihm zu benehmen, folgendes: 

1) Diese Herrschaft des Menschen über seines Gleichen 
sey kein Unrecht , sie erstrecke sich ja eigentlich nur über das 
l'hysiscbe derselben, indem das Geistige zu unterjochen eine 
Un möglichkeit sey. „Diesem 'nach ist die Herrschaft eines 
Menschen über seines Gleichen auf ihr Aeafserös beschränkt.» 
— (Diesem nach, wenn Jemand in das Zimmer einer Frau 
eindringt und ihr ihre längen schönen Haare mit Gewalt ab- 
schneidet, weil er sie au irgend einem Zwecke nöthig hat, 
thut er kein Unrecht, denn die innere geistige Selbstständig- 
keit dieser Person wird durch Gewalt 'an der äufsern Natur, 
Wohin das Haar gehört, nicht verletzt.) 

XIX. Jarhg. 9. Heft 1 , 56 



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882 Ueber Unabhängigkeit des fteohtsprincips 

■ * * - 

2) Dadurch, dafs jedem Menschen die Herrschaft über 
seines Gleichen verliehen sey, verwandle sich dieses ursprüng- 
liche Recht in das Recht des Widerstandes gegen fremde Will- 
kühr und Gewalt , und so werde dem Gehrauche jenes Herr- 
scherrechts eine Grenze gesetzt. — (Jenes Herrscherrecht geht 
so weit, als die Kraft und die Macht reicht 9 und der entwe- 
der an sich', oder^für den Augenblick Schwächere leidet also, 
nach der Theorie des Verf., kein Unrecht, wenn er von dem 
Stärkern unterjocht und als Mittel für seine beliebigen Zwecke 
gehraucht wird, denn dieser übt nur sein ursprüngliches , ihm 
von der Ve/nunft verliehenes Recht aus.) 

3) „In welchen Verhältnissen* auch der Mensch sich be- 
finden möge, so sey er doch für jede freie und bewufste Wil- 
lensbestimmung, mithin auch für jede Ausübung eines Rechts 
sich selbst und dem Sittengesetz verantwortlich. Achtung für 
die Würde der Menschheit stehe im Sittehgesetz obenan ge- 
schrieben, und hiernach bestimme sich, in seinem Gewissen, 
die Art und Weise, wie er seine Rechte, ohne sie aufzuge- 
ben , gebrauchen könne" (S. 61.). — (Demnach ist das Sitt- 
liche höher als das Rechtliche, derfftiach gibt das Moralische 
den Malsstab, nach welchem auchdie Ausübung eines Rechts 
heurtheilt werden mufs, — folglich ist das Rechtliche den- 
noch vom Sittlichen, als dem Höheren, abhängig. Giebt es 
aber Rechte, die von dem Sitttngesetz unbedingt verdammt 
werden, und doch Rechte sind? Nein; denn ein Recht, 
das die Vernunft verwerfen mufs, ist kein Recht*, sondern 
eine Anmafsung roher Willkühr, und physischer Gewalt.) 

4) Die gleich begründeten Ansprüche Aller auf die Herr- 
schaft über ihres Gleichen führe unvermeidlich einen Krieg 
Aller gegen Alle herbei , der keine bestehende Ordnung der 
Dinge aufkommen lasse; gleichwohl sey dieser Zustand der 
Dinge weder unnatürlich, noch unrecbtmüfsig , vielmehr sey 
er nothwendrg, als Bedingung zu Errichtung eines äufsern 
Kfchtszustandes, zu welchem die Notwendigkeit die Men- 
schen treibe, wenn sie nicht, ganz gegen ihre Bestim- 
mung, abgesondert von einanderleben wollen, welches aber 
nicht einmal möglich sey n dürfte. — (Sonderbar! der .Verl. 
leitet aus der Bestimmung des Menschen sein Rechtsprincip, 
sein Urrecht ab ; dieses Urrecht führt die unvermeidlichen 
Folgen des Kriegs Aller gegen Alle, und mithin die Aufbe- 
bung alles geselligen Beisammenlebens der Menschen mit sich; 
gleichwohl ist eine solche Aufhebung ganz g**gen die Bestim- 
mung des Menschen, und nicht möglich. Ist hiet nicht ein 
höchst auffallender Widerspruch/ aus welchem hervorgeht, 



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von dein Princip der Sittlichkeit. 883 

entweder: dafs es nicht Bestimmung des Menschen ist, gesel- 
lig und in Staaten zu leben, oder: dafs jenes Urrecht —"Her- 
renscbaft über Seinesgleichen — nicht in der Bestimmung des 
Menschen liegt , sondern unrichtig aus ihr gefolgert wurde? 
Und dieses Letztere ist denn auch das Wahre.) 

5) Allerdings könne die äulsere Rechtsgesetzgebung die 
Moralität nicht ganz entbehren 9 die moralischen Gesetze wer- 
den aber erst durch Aufnahme in die Rechtsgesetzgebung zu 
Rechtsgesetzen, was sie an sich nicht seyen und nicht seyn 
könnten. (Heilst das nicht das Moralitätsprincip oder daS 
Moralgesetz zur Vordertbür hinausjagen, um es durch die 
Hinterthür wieder hereinzulassen? und wie kommt die äus- 
sere , positive, Conventionelle Rechtsgesetzgebung dazu, et- 

• was dem Recht gänzlich Heterogenes, wie die Moralität nach 
der Ansicht des Verf. ist, in sich aufzunehmen? unstreitig 
wohl dadurch, dafs sie erkennt, das Moralische stehe über 
dem Rechtlichen , sich aber weislich begnügt, bloS die äufsere 
Conförmität ein*r Handlung mit dem Moralgesetz zu verlangen, 
da sie über das Innere, die Gesinnurtg, nicht richten kann.) 

Dieses Wenige mag hinreichen; denn eihe weitere Aus- 
einandersetzung des streitigen Punkts würde leicht zu einer 
Abhandlung führen , die gröfser wäre «ls die angezeigte Schrift. 
Nur die Frage sey noch zu berühren erlaubt, wie der Verf. 
zu einem so irrigen, und, alle Rechte abzuleiten, durchaus 
unzulänglichen Princip gelangen konnte? Er gelangte dazu 
durcb einen andern Irrthum, diesen nämlich, dafs er das Gei- 
stige im Menschen, das er widriger W eise immer die Psyche 
nennt, und so acht Cartesianisch zu einer Substanz für sich 
stempelt, gänzlich geschieden seyn lüfst von dem Leiblichen, 
von der, der Psyche fremd seyn sollenden Sinnlichkeit, und 

"dafs er noch überdies dieser also isolirten Psyche absolute 
Freiheit beilegt. Eins ist, nach des Ref. Ueberzeugüng , so 
unstatthaft, als das andere; der Mensch ist ungetrennt und 
ungetheilt nur Eines im strengsten Sinn, und was man in Ge- 
danken unterscheiden kann, ist darum nicht auch in re 
ipsa geschieden; und absolute Freiheit kommt nur der Gott- 
heit zu, nicht aber irgend einem erschaffenen Wesen. 

Die kleine Schrift ist übrigens gut geschrieben, und zeugt 
von einem seinen Gegenstand mit Beharrlichkeit und Klarheit» 
verfolgenden Geiste, , 

E r h a r d t. 



56* 



I 

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Ö84 Chapial, Agriculiur - Chemie. 

Die Agricultw Chemie des Grafen Chaptal* mit Zusätzen und jin* 
merkungen übersetzt von Dr. H, F. Eisenbach 5 Privatdocenten 
in Tübingen > und mit einem Anhange versehen von Dr. G> 
S ch übler , Professor in Tübingen» Stuttgart , bei J. B. Mvtzler. 
1814. I. Bd. XIAV u. 207 S. IL Bd. IV u. 578 6\ 4 & 

Der Name eines so berühmten Chemikers und Techni- 
kers, wie Graf Chaptal ist, überbebt Ref. der Mühe , sich 
in eine kleinliche Kritik einzelner Angaben einzulassen, diu 
auch in den berühmtesten Werken dieser Art manchmal einer 
Bei ichtigung' bedürfen , weil es im Fache der Naturkunde so 
schwer ist, alles seihst zu sehen und zu erfahren. Ref. will 
sich daher auf den Inhalt des Werkes im Allgemeinen und aut 
die Behandlung des Ganzen beschränken. 

In einer langen wortreichen Einleitung — im Geiste der 
meisten französischen Autoren — spricht der Verf. über die 
Einwirkung der Chemie auf die Landwirtbschaft, über den 
Werth und die Förderung des Landhaues überhaupt, und 
kommt dabei auf manche sehr treffende finanzielle Bemerkun- 
gen, z.B. auf jene, dafs die Salzsteuer eine wahre Flage für 
den Ackerbau und die Viehzucht sey, und dafs manche Ab- 
gaben, welche der Regierung zehn Millionen eintragen, die 
Nation um fünfzig Millionen ärmer machen u. s. w. Der erste 
Band enthält acht Kapitel, und verbreitet sich über folgende 
Gegenstände: 1) Allgemeine Betrachtungen über die Atmo- 
sphäre, vorzüglich über ihre Beziehung zum Wachsthum un<i 
Leben der Pflanzen. 2) Von der Natur des Bodens und sei- 
nem Einflüsse auf die Pflanzen — also von der Agronomie. 
Hier kommt auch die Analyse des Bodens vor, die sehr ein- 
fach und mit wenigen R^agentren durchgeführt wird. Für 
diejenigen Leser, Welche mit der Chemie mehr bekannt sind, 
bat der Uebersetzer eine genauere Bestimmung des Gypset» 
und Humus beigefügt. Zj Von der Natur und Wirkung des 
Düngers. Der Verf. unterscheidet reitzenden und nährenden 
Dünger , und versteht unter ersterem vorzüglich' die minera- 
lischen, unter letzterem aber die animalischen und vegetabili* 
sehen Düngstoffe, 4) Vom Keimen. 5) Von der Nahrung 
der Gewächse. Hier kömint vieles vor, was mehr in das Ge- 
biet der Fflanzenphysiologie gehört. Der Verf. ineint, dafs 
die Erden, besonders wenn sie durch andere chemische Mittel 
aufgelöst sind , von den Fflanzen aufgenommen werden, und 
dafs einige Salze wesentlich in die Zusammensetzung gewisser 
Pflanxen eingehen. 6) Von den Aufbesserungen des Bodens 
(Amendements). Der Verf. versteht darunter alles, was dem 



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• Chaptal, Agricultur- Chemie. 8ö6 

Boden eine den Pflanzen zuträglichere Beschaffenheit ertheilt* 
und nimmt dabei Rücksicht aut die Einwirkung der Erde, der 
Luft, des Wassers, des Düngers und der Temperatur auf die 
Pflanzen, Hier werden alle mechanischen Arbeiten und alle 
chemischen Veränderungen des Bodens, welche denselben 
fruchtbar machen sollen, berührt. Dieses Kapitel enthält also 
eine kurze Andeutung dessen , was man in den deutschen Sy- 
stemen der Land wirthschaitslehre „mechanische und chemische 
Agricultur« nennt. 7) Von der Wechsel wirthschaft. 8) Kur- 
zer Ueberblick der landwirtschaftlichen Erzeugnisse in 
Frankzeicjb. 

Der zweite Band uiiifafst das neunte bis achtzehnte Kapi- 
tel. 9) Von der Beschaffenheit und dep Anwendungen der 
vegetabilischen Erzeugnisse, als Gummi, Stärkmehl , Zucker, 
Wachs, Oel, Harz, i' aser, Kleber, Gerbestoff, Säuren und 
Alealien. Der Leser findet hier zwar nichts Neues, das Alte 
und Bekannte ist kurz und gut dargestellt, aber vieles ange- 
führt, was in eine landwirtschaftliche Technologie gehört. 
10) Ueber die Aufbewahrung der thierischen und Pflanzen- 
Stoffe. Die drei Methoden, das Austrocknen , die Abhaltung 
von Luft, Wasser und Wärme, und die Anwendung von Sal- 
zen und geistigen Flüssigkeiten sind hier sehr gut vorgetragen. 
Der Verf. erwähnt dabei der neuerdings in Vorschlag gebrach- 
ten und besonders von Ternaux auf seinen Gütern bei Paris 
ausgeführten Korngruben oderSilo's, so wie auch der Appert'- 
schen Methode, Fleisch, Gemüse, Früchte u. s* w, aufzube- 
wahren. Ii} Von der Milch und ihren Zubereitungen v But- 
ter, Käse u. s.w. 12) Von der Gährung. Eines der besten 
Kapitel, wie man es auch von dem Verf., der selbst grofser 
Weinbergsbesitzer in dem ersten Weinlande der Welt ist, 
nicht anders erwarten konnte. Sehr beherzigenswerth sind 
die einfachen Mittel , die derselbe angiebt, um in schlechten 
Weinjahren den Most zu verbessern. 13) Von der Destilla r 
tion. Der Verf. entwickelt historisch die Entstehung uud all- 
mäblige Vervollkommnung der Destillirkunst , bis auf den 
hoben Standpunkt, den sie durch die neuesten Apparate er- 
reicht hat, die in einer einzigen Destillation Spiritus geben. 
14) Von der Bereitung gesunder Getränke für den Landmann, 
z. B. Nachwein, Obstwein u. s, w. 15) Von den ländlichen 
Wohnungen für die Menschen und das Vieh, und den Mit- 
teln, sie gesund zu erhalten. 16) Von der sparsamen Wä- 
sche, dabei auch vom Fleckenausmachen. 17) Vom Anbau 
des Waides und der Indigbereitung aus demselben. Eine sehr 
gründliche Abhandlung. Sie miiiste aber auch so ausfallen, 



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- L 



Ö86 Chaptal, Agricultur - Chemie. 

da in Frankreich zur Zeit <Ier Conti nentalsperre die grÖfsten 
Versuche über diesen Gegenstand gemacht wurden, die Re- 
gierung solche Unternehmungen sehr untersetzte, und selbst 
bchulen und Musterfabriken für diesen Industriezweig anle- 
gen liefs. 18) Vom Anbau der Kunkelrüben und von der 
^uckerberei^ung aus denselben. Dieses letzte Kapitel ist das 
vorzüglichste des ganzen Buches, obscbon es eigentlich in eine 
Agriculturchemie nicht direct gehört, sondern theils rein fand, 
wirtschaftlichen , theils technischen Inhaltes ist. Der Yeti» 
war seit vielen Jahren einer der gröfsten Beförderer der Zucker- 
fjbricdtiori in Frankreich, bat mehrere Fabriken dieser Art 
angelegt, und betreibt sie noch. Er hat alle Hindernde be- 
siegt, und kann jetzt mit dem indischen Rohrzu,cke£ recht gut 
Confurrenz halten. Seine l\oce4uren sind aus vieljfthriger 
eigener Erfahrung hervorgegangen, und verdienen deshalb ge- 
wifs Nachahmung. Er beschreibt eine sehr zweckmässige 
Iteibmaschine zum Zerkleinern der Rüben, empfiehlt die An- 
wendung der thierischen Kohle beim Abdampfen des mit Kalk- 
milch geläuterten Saftes, und gtebt genaue Regeln für das 
eigentliche Versieden, Raffiniren und Weifsmachen. Das 
Ganze schliefst mit Berechnungen über Unkosten und Ertrag 
einer Runkelritbenzuckerfabrik — alles in Geld, ausgedrückt — 
und mit der Behauptung, dafs Landwitthschaft, Technik und 
der ganze Nationalwohlstand durch diese Fabrication gewin- 
nen müssen, womit auch Ref. in Bezug auf Deutschland ganz 
ei-n verstanden ist, besonders wenn der Getreideüberflufs und 
die geringen Getreidepreise noch Unger andauern sollten *). 

Aus dem Ueberblicke dieses Inhaltes ergiebt es sich, dafs 
rüe Materialien nicht systematisch geordnet sind. Doch ist 
die Darstellung im Ganzen populär , und das Ruch enthält 
yie(e nützliche Lehren, die zur Verbreitung chemischer Kennt- 
nisse bei den gebildeten Landwirthen führen mögen. . In wis- 
senschaftlicher Beziehung steht es aber der berühmten Agri- 
cultur- Chemie von Davy weit nach, und jst auch in der Art 
einseitig geblieben, dafs der Verf. keine andern Chemiker, 



In Frankreich ist infolge des Einfuhrzoll* der Zucker merklich 
theuerer als in Deurschland. Chaptal rechnet das Pfund raf- 
fiirirten Zucker zu 34 Kr. , während mau bei uns wohl nicht «über 
24 Kr. dafür lösen kann. Dies erschwert die Sache einiger- 
maßen für den deutschen Fabricanten. 

* * * • * . 

A. des Spec. Red. 



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* 

Nieuwe Werken vaii de Maatsehsppy 837 

als Franzosen und Engländer kennt, während wirklich meh- 
rere Deutsche diesen Gegenstand glücklich bearbeitet haben. 

Die Uebersetzung ist im Ganzen gelungen. Der Ueber« 
setzer hat in Klammern in den Text selbst mehrere Erläute- 
rungen verwebt, auch manche berichtigende Noten unten bei- 
gefügt. Am Schlüsse des zweiten Bandes findet man gröbere 
Anmerkungen und Zusätze vom Professor Schübler in Tü- 
bingen. Die wichtigsten derselben beziehen sich auf den Bo- . 
den, auf die Milch und ihre Verarbeitung. Dais diese gründe * 
lieh und in jeder Hinsicht belehrend und berichtigend seyn s 
würden, .konnte man von dem Verf. der berühmten Abhand- 
lungen über die physischen Eigenschaften des Bodens und über 
die Milch (im 0, Hefte der Hoiwyler Blätter) erwarten. 



Nieuwe TVerken van de Maatschappy der Nederlandsche Letterkunde 
le Leyden. I Deel. II, stuk+ te Dordreclu, by Blusstt en van 
Braam. 1825. XIV und 270 S. 8. 

• b 

Als Ref. in vorigem Jahre Gelegenheit nahm , das erste 
Heft dieser Abbandlungen anzuzeigen, bewog ihn dazu vor- 
züglich das Interesse, welches ein einzelner Aufsatz in dem- 
selben über den Einflnfs des dritten Standes in den Stünde- 
versammlungen der Niederländischen Provinzen zu verdienen 
schien. Gegenwärtiges zweites Heft enthält wieder mehrere 
interessante Aufsätze, über welche in Deutschland, wo man 
sich leider wenig um die Literatur des stammverwandten 
Nachbarlandes kümmert, Bericht zu geben, Ree. für seine 
Pflicht hält. Es kann in der That nicht fehlen, dafs die Ab- 
handlungen eines Niederländischen gelehrten Vereines , der 
der Geschichte seines Vaterlandes besondere Aufmerksamkeit 
widmet, ein grofses Interesse haben müssen; denn die. Ge- 
schichte welches europäischen Landes kann sich, was Abrun- 
dung der Verhältnisse, Lob Würdigkeit der Resultate, Gestalt 
tung des, politischen Lebens betrifft, der Niederländischen an 
die Seite stellen? Sie beginnt selbstständig in einer Zeit, 
wo der Streit des Protestantismus gegen die Römische Hier- 
archie, der Streit der damaligen Staaten vom zweiten Range 
gegen das Habsburgische Principat im Europäischen Staaten- 
system, wo das Streben der übrigen Seemächte unabhängig 
von Spanien Theil an dem Welthandel in dessen neuer Aus- 
dehnung zu nehmen alle Geister bewegte — sie beginnt also 
mit den Interessen, deren Verfolgung uns überhaupt erst die 



i. 

/ .- 

> ; ' • Digitized by Google 



Nieuwe Werken van de Maauoliappy 



geistige und gesellschaftliche Ausbildung geschenkt hat, die 
der Stolz der neueren Zeit ist. Und in dieser Verfolgung 
haben sich die Niederländer auf dem Meere wie zu Lande aU 
tüchtige Kämpfer gezeigt, und im Cabinet als die ausgezeich- 
netsten Diplomaten. Naturkunde und Geschichte , l'hilo- 
logie, Philosophie und Staatswissenschaften haben durch Nie* 
deiländer die gröfsten Fortschritte gemacht, in den bildenden 
und — obgleich es von Deutschen wegen der zu grofsen Ver- 
wandtschaft der gegenseitigen Sprachen nicht leicht empfunden 
werden kann — in den redenden Künsten haben die Nieder« 
lande ausgezeichnete Meister aufzuweisen. Endlich haben 
die Niederländer an den Vortheilen und an den wahrhaften In- 
teressen der Französischen Revolution Theil genommen, ohne 
»ich dabei so mit Koth zu besudeln, ohne sich zu solchem 
Aberwitz fortzutreiben , wie ihre Nachbarn , und haben zum 
Lohn dafür von der Vorsehung, nachdem der Sturjn vorüber 
war, ein erhabenes Fürstenhaus zurück erhalten, dessen Ge- 
schichte mit der Geschichte der Niederländischen Bildung und 
Freiheit untrennbar verwebt ist, und nebst einer weisen Ver- 
fassung die beste Garantie giebt , dafs es dem modernen Mit- 
telalter nie gelingen wird , über diese Landschalt geistiger 
und politischer Freiheit von neuem seine eckelhaften Netze 
zu spinnen. Wie sollte in einer solchen Geschichte nicht sebr 
oft auch die Untersuchung specieller, anscheinend blos iocal- 
wichtiger Gegenstände und Begebenheiten ein allgemeines In- 
teresse gewähren? 

•Das. zweite Heft eröffnet die Beantwortung einer Preis- 
frage : welken dienst en ondienst heeft de Dichtkunde van de 
oudste tyden af tot op enzen tyd , aan de Geschiedkunde ge- 
daan; bepoaldelyk med opzigt tot de Grieksche, Romeiiiscbe 
en Nederlandsche Geschiedenis ? Diese Frage über den förder- 
lichen uud schädlichen Einflufs der Dichtkunst auf die Ge- 
schichte ist beantwortet von Mr. S. de Wind (Substitut-officier 
by de regtbaine van eersten aanleg te Middelburg). 

Es dreht sich die Beantwortung nicht um eine Unter- 
suchung über die innere, geistige Verwandtschaft dichterischer 
und historischer Production , wie sie Humboldts in jeder 
Weise höchst ausgezeichnete Abhandlung über die Aufgabe 
des Gescbichtschreibers giebt, sondern um die Feststellung 
jenes mehr äufserlichen Einwirken*» poetischer Darstellung aid 
die Ueberlieferung von Begebenheiten. Die Einleitung be- 
ginnt mit der Bemerkung, alle Geschichte der üfcesten Zeiten 
beruhe auf Tradition, und diese habe allezeit einen dichte- 
rischen Charakter. Hiervoor zyn twee evengewigtige redenen: 



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der Ncderlandsolie Leltctkunde. 889 

i 

de Jcinderlyke eenroadigheid der ruwe volken, en de armoedc 
hunner talen. Es - wird hieraufgezeigt, wie die kindlichere 
Anschauung roher Völker nothwendig mythologische Vorstel- 
lungen erzeuge; wie diese mythologische Vorstellungs weise 
dann auch auf Betrachtung geschichtlicher Begebenheiten aus. 
gedehnt werde , und grolsen Männern den Charakter von He* 
roen verleihe. So werde die Tradition nothwendig ihrem In- 
halte nach zur Dichtung ; aber auch der Form nach müsse sie 
es werden, und daran sey vorzüglich die Armutb der Sprache 
Schuld. Die Annuth zwingt nämlich, um abstractere Begriffe 
anzudeuten, zu Bildern — «ine Erscheinung, die sich über- 
all, je roher eine Sprache ist, in je grösserem Maafse beob- 
achten läfst, sobald nämlich das Volk, welches diese rohe 
Sprache spricht , durch Umstünde gezwungen wird, sich auf: 
Verhältnisse gebildeteren Lebens d inzulasseri. Alle Bildung v 
fängt also mit einer gewissen dichterischen Ausdrucksweise 
an, und die Tradition wird nicht blos ihrem Inhalt, sondern 
auch ihrer Form nach zu einem Werke der Poesie. — Diesen 
Verlauf der Sache weist Herr de Wind hierauf an mehreren 
alten Völkern: Israeliten, Indiern, Aegyptern u. s. w, nach, 
und fügt dann hinzu , dafs sogar, was die Stellung der Worte 
anbetrifft, eine poetische Form eintreten mufste, da man ge- 
zwungen war, aus Mangel an Buchstabenschrift oder Schreib- 
material dem Gedächtnils auf andere Weise, durch Rhythmus 
oder Keim u. s. w. zu Hülfe zu kommen. 

Die Dichtkunst ist also nothwendig die älteste Geschieht« 
schreiberin. Ueberdies giebt, auch in späterer Zeit, die 
Dichtkunst nothwendig immer einen grofsen Theil der (Quel- 
len für Geschichte her. — Sitten- und Bildungsgeschichte 
ist zum grofsen Theil nur aus Werken der Dichtkunst zu 
schöpfen. 

Die Abhandlung zerfällt dann weker in drei Abtheilun- 
gen, Untersuchungen nämlich über den besonderen Einflufs , 
den die Dichtkunst auf die Geschichtschreibung' der Griechen, 
Homer und Niederländer gehabt hat. Jede dieser Abtheilun- 
gen zerfällt wieder in zwei verschiedene Untersuchungen — 
1. über den Einflufs der Dichtkunst auf geschichtliche Wahr- 
heit — also auf den Inhalt der Historie, und 2. über den 
Einflufs der Dichtkunst auf die Form der Geschieht- 
Schreibung. 

Wir übergehen die beiden ersten Abtheilungen , indem 
wir nur erwähnen, dafs bei der Untersuchung über die Grie- 
chische historische Literatur Creuzers Arbeit zu Grunde ge- 
legt, bei der über die Römische Niebuhrs Komische Geschichte 



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890 Nieuwe Werken van de Maatschappy 

mehrfach berücksichtigt ist. Selbstständige Resultat© von Be- 
deutung liefern diese beiden Abtbeilungen nicht. 

Die dritte Abtheilung, welche die Historiographie der 
Niederlande betrifft, verdient eine nähere Betrachtung. Frü- 
her bis auf die Unabhängigkeit treten die Niederlande nicht 
besonders hervor , es werden also die alten Heldenlieder der 
Gallier und Germanen erwähnt, sodann die Lieder, die Karl 
der Gröfse sammeln, lief*, und es wird die auch in Deutsch- 
land schon mehrfach ausgesprochene Meinung geäufsert, dals 
das zwölfte und dreizehnte Jahrhundert diese älteren Sagen 
nur umgearbeitet habe. Das Nibelungenlied , das Heldenbuch 
werden erw ähnt — die Französischen und Deutschen Ritter- 
romane berücksichtigt, und überhaupt die dichterische Stirn, 
mung hervorgehoben, welche das ganze zwölfte und dreizehnte 
^'Jahrhundert Charakteristik. Es führt dies zu dem Ausruf 
(p. 10.) : Kon het dus wel anders, of deze geheel dichterlyko 
stemm ing moest invloed bebben op de Geschiedenis? Es wird 
dann gezeigt, wie Chronikenscbreiber und Städtegeschichten 
aus dem Mittelalter voller Fabeln sind, wie namentlich an die 
Spitze fast aller Niederländischen Städtegeschichten fabelhafte 
Stifter oder andere sagenhafte Gestalten gekommen sind ; allein 
in die eigentliche Geschichte haben diese Sagen nicht mehr 
wie in Griechenland und Rom Eingang gewinnen können, da 
die urkundlichen Nachrichten daneben zu grell dagegen ab- 
standen. 

Indem Herr de Wind zu dem zweiten Hauptstück seiner 
dritten Ahtheilung Übergebt , macht er die Bemerkung , dals 
die Niederländische Geschichtschreibung erst sehr spät be- 
ginne. Unter dem Burgundischen Hause war die Niederlän- 
dische Sprache verdorben, mit vielen ausländischen Worten 
versetzt worden , überbaupt noch ungebildet ?— unter Karl V. 
und Philipp war Interesse und zuletzt der Muth nicht vor- 
handen. Mit dem Unabhängigkeitskrieg begann der erste gei- 
stige Auffiug. Marnix, Coornhert. und Spieghel eröffneten 
eine Reihe aushezeichneter Dichter, und die Niederländer er- 
hielten durch diese in der ersten Hälfte des siebenzehnten 
Jahrhunderts eine gebildete Sprache. In dieser Zeit ward 
denn auch zuerst die Chronikform in der Gescbicbtschreibung 
verlassen, und Bor, van Meteren und Reyd wurden die Väter 
der Niederländischen Historiographie — doch war ihre Sprache 
noch nicht fein gebildet, und auch die Versuche, in lateini. 
scher Sprache historische Kunstwerke zu liefern, glückte die- 
ser Zeit nicht ganz. Fieter CorneKszon Hooft war der erste, 
welcher, zugleich einer der ersten Dichter seiner Zeit, in da 



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I 

der Nederlandsdio Letterkuude. 891 

j 

* i 

Geschichtschreibung eine neue Periode eröffnete« Sein Henrik 
de Groote, der 1626 erschien, zeichnete sich schon hinsicht- 
lich der Schreibart und der Ausführung aus; die Krone aber 
«einer historischen Werke war seine Nederlandscbe. Historie, 
die im Jahre 1645 gedruckt ward. Hooft erwarb skh durch 
dieses Werk den Ruhm, für einen Niederländischen Tacitus 
zu gelten — Überall aber ist es sichtbar, wie ihm bei allen 
seinen l'roductionen jene Kraft, die ihn sum Dichter machte, 
beseelte — ohne jedoch der Gründlichkeit, welche die Be-. 
Iiandlung eines historischen Gegenstandes verlangt , Eintrag 
zu thun. 

In den südlichen Provinzen des jetzigen Königreiches der 
Niederlande blühte in jener Zeit die Dichtkunst nicht, und . 
die Folge war, dafs man hier auch keinen tüchtigen Geschicht- 
schreiher findet. 

Gerard Brandt, der in Hoofts Fufstapfen trat, war eben 
so grofs als Dichter denn als Geschichtschreiber. 1663 kam 
«eine Geschiedenes der Reformatio heraus , und nach seinein 
Tode: het Leven van de Ruiter. Ausgezeichnetals Geschicbt- 
schreiber trat denn auch sein Sohn Caspar Brandt auf in sei- 
nem: Leven van Hugo de Groot (Hugo Grotius), Auf Hooft 
und die beiden Brandts hatte die Dichtkunst den gröfsten und 
unläugbarsten Einflufs, indem ihrer Wirkung besonders die 
Lebendigkeit und der Geist der historischen Darstellungen die- 
ser Männer zuzuschreiben ist. 

In der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts ward 
die Geschichte mehr zur gelehrten Forschung — viele Nieder- 
länder beschäftigten sich damit, und viele Historiker von Ver- 
dienst gehören in diesen Zeitraum, aber kein einziger bedeu- 
tender Historiograph, Auch die Niederländische Dichtkunst 
schien ausgestorben , und das Studium der alten Classiker 
hatte alle zu sehr an sieb gerissen — alles schrieb lateinisch, 
und suchte vorzüglich die Verdienste des Gelehrten. 

Die Vaderlandsche Historie von Wagenaar, die in Am* 
sterdain 1749 — 1769 erschien, war wieder das erste bedeu- 
tende Niederländische Geschichtswerk — Deutlichkeit und 
Treue sind ausgezeichnete Tugenden dieses Werkes, aber die 
Lebendigkeit und Schönheit der Darstellung, wie sie in den 
höheren Niederländischen Historikern zu finden ist, yermtist 
man. Seitdem hob sich die historische Kunst in den Nieder- 
landen wieder zusehends. Simon Styl in seinem Werke: Op 
tarnst en bloei der vereenigden Nederlanden (Amsterdam eu 
Harlingen 1774 — 1773) stellt sich schon wieder in die Mitte 
zwischen Wagenaar und Hooft — zugleich war er einer der 



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893 Nieuwe Werken van de Maatschappy 

besten Dichter seiner Zeit; diese Eigenschaft scheint jedoch 
auf seine historischen Productionen wenig Einfluß gehabt zu 
haben. Dichtkunst und historische Kunst sind so während 
des ganzen achtzehnten Jahrhunderts in den Niederlanden in 
keine innere Berührung getreten, und erst in neuester Zeit 
haben Stuart, Bosscha, Scheltema und van Kampen wieder 
sichtbar grofse Sorgfalt auf die Darstellung historischer Gegen- 
stünde gewendet, ohne doch einen unmittelbaren EinHtils 
dichterischer Anschauung oder sonst irgend einen dichterischen 
Anflug zu verrathen. 

Herr de Wind schliefst dann mit folgenden Worten, die 
wir unseren Lesern ins Deutsche tibersetzt mittheilen: w Zu 
Anfange der glänzendsten Periode unserer Literatur begegnet 
uns die Dichtkunst: sie war es, die den Niederländische!! 
Ausdruck für die Prosa bildete, reinigte, bereicherte, und so 
der ächten Geschichtschreibung die Bahn brach. Sie war es, 
die über Hoofts unsterbliche Geschichtsbücher jenen edlen, 
feurigen Geist ausgofs, der nachher Brandt und Anderen Mu- 
ster herrlichen Nacbstrebens wurde , und in mancher Hinsiebt 
audh dem Gescbichtscbretber unserer Tage seyn kann.«« — 
M Zum Beschlufs nur noch diese Bemerkung: die Dichtkunst 
hat im Allgemeinen auf die ganze prosaische Darstellung einen 
wichtigen und förderlichen Einflufs gehabt. Viele Schrift- 
steller freilich haben davon Mifsbrauch gemacht, und eine so- 
genannte poetische Prosa geschaffen , diegewifs ein jammer- 
voller MÜsgeschmack genannt werden 1cann, — doch scheinen 
die besten Geschicbtschreiber zu aller Zeit zu sehr von Ach- 
tung vor der Geschichte durchdrungen gewesen zu seyn, aU 
dafs djese Schreibart auf geschichtliche Darstellung Einfluß 
hätte gewinnen können.«« 

Wenn uns die beiden ersten Abtheilungen von Herrn de 
Wind's Abhandlungen wenig neue Ansichten eröffneten, so 
müssen wie dagegen die Zusammenstellung einer Entwick- 
lungsgeschichte der Dichtkunst in den Niederlanden und der 
Geschichtschreibung als sehr interessant bezeichnen, und Ref. 
bedauert nur einen so kurzen Auszug des Inhaltes liefern zu 
können. 

Es folgt hierauf ein altholländisches Gedicht aus dem Ende 
des fünfzehnten Jahrhunderts mit dem Titel: De Nederlaag 
van Frans van Belderode of de laatste onderi;eming der Hoek« 
sehen doör tenen Hollandschen Dichter. 

,Um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts hatten zwe» 
Partheiungen, in welche der Adel und die Städte von Holland 
getheilt waren, während der Streitigkeiten der Kaiserin Mar- 



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der JSudcrlaud sehe teUerkuado. 

garetha mit ihrem Sohne Wilhelm die Namen der Kabeljauen 
und der JJoeken (Angelhaken) angenommen — und der Ge- 
gensatz hatte sich fort erhalten , bis gegen Ende des fünfsehn« 
ten Jahrhunderts die Hoeken ganz unterlegen und vertrieben 
waren. Während Maximilian in den Jahren 1488 und 1489 
mit den Flamländern zu kämpfen hatte , versuchten die Hoeken 
einen letzten Streich» Franz von Brederode, ein Jüngling 
von zwei und zwanzig Jahren, der eben erst die Hochschule 
zu Loewen verlassen butte, trat an ihre Spitze — und be* 
mächtigte sich Rotterdams. Die Farthei hatte am Ende zu 
gering« Hfilfsmittel, und nachdem alle anderen Vortheile ver- 
loren waren , wurde Franz selbst in einem Gefecht an der Maas 
im Jahr 1490 verwundet und gefangen. Er starb kurz, darauf 
an seiner Wunde. Bald nach seinem Tode hörte die Partheiung 
ganzlich auf. 

Ueber den dichterischen Werth der drei Gesänge über 
Franzens Unternehmungen, welche Herr Koning , in dessen 
Händen sich das Manuscript befindet, mittheilt, erlaubt sich 
Kef; kein Urtheil. Die UngeläuHgkeit der älteren nieder- 
deutschen Sprache mag Schuld seyn, dafs er manches nicht ge- 
niefsen kann, was einem Niederländer gefällt. Einzelne Stel- 
len haben ihm nicht ganz mifsfallen — im Ganzen ist es ihm 
vorgekommen, als habe er weniger mit einem Gedicht, denn 
mit einer etwas unbeholfenen, und in Nebendingen ausführ- 
Jichen Chronik zu thun. Der erste Gesang geht, bis auf den 
Verlust Rotterdams; Sentenzen linden sich vielfach in die Dar- 
stellung eingeilochten , besonders ist das zweite Gedicht da« 
mit ausgestattet. Den dritten Gesang zeichnet der Herr Her» 
ausgehtr ans, als den Beginn eines besseren Geschmacks in 
der Niederländischen Dichtkunst beurkundend. 

Den dritten l'latz nimmt eine Abhandlung ein, welche 
die Aufschrift führt : Bydragen, tot de Historie van het ver- 
boud en de smeekscbrif ten der Nederlandsche Erlelen van de 
Jaren 1565 — 1567 door M. L. Baron d'Yvoy (Lid van de 
JVlaatschappy der Nederlandsche Letterkunde te Leyden). Ein 
Aufsatz von durchaus populärem Interesse für den Geschieht* 
lorscher, der auf ganz specielle Kenntnifs der Begebenheiten 
eingeht; — er ist von mehreren wichtigen Urkunden he* 
gleitet. 

Den Beschlufs macht ein Fragment von Jacob von M5er- 
lants Spiegel Historiael , mitgetheilt aus einer Breslauer Hand- 
schrift durch unseren gelehrten Landsmann, Herrn Dr. Hoff- 
mann (von Fallersleben) zu Breslau, der sich durch Auffindung 
und genaue Bearbeitung auch anderer Bruchstücke filterer 



Diai 



894 Eutropii breviarium. 

Deutscher Dichter um unsere Sprach «• und Literaturgeschichte 
verdient gemacht, und steh durch seine vollständige Kenntnils 
der Niederländischen Literatur und Sprache hei den Nieder- 
ländischen Gelehrten allgemeine Achtung und Anerkennung 
erworhen hat, tf, l e o. 

> 

/ 

.< 1 

Eutropii Breviarium Historiae Romanae. Recognovttt 
insigniorem lectionis varietatem annotavit , indicesque rerum ac 
verborum copiosissimos adjecit Dr. Georg. Fr id. PJ/ilhelm. 
Grosse, Stendaliensis Gymnasii Conrector et verbi divini ad 
Cathedralem D* Nicolai aedem minister. Edith secunda, roi- 
nori pretio venalisi Lipsiae 9 e libraria üahnia, MDCCCXXV. 
XXIV und 256 S. Ö. ; 8 Gr. 

Auch unter dem Titel: : 

Corpus Historicorum Latinorum. Cura et studio Dr. Pri- 
de r. Ernest. Ruhkopf, Hanoverani Lycei nuper Direetorisi 
et Dr. Joach. Dieter. G odofr. Seebode, Hildesiemu 
Gymnasii Directoris 9 - Ducal. Societat, hat* Jen. SodaL Honor* 
Tomus Xlll* £ utro pium continens* 

Diese Ausgabe, welche eigentlich schon im Jahre l8l6. 
'erschienen ist, efgnet sich eben darum zu keiner ausführlichen 
Anzeige, und wir würden sie ganz übergangen haben 9 wenn 
wir nicht bei Gelegenheit dieser wohifeilern Ausgabe uns zu 
sagen verpflichtet Fühlten * dafs sie sehr empfohlen zu werden 
verdient, und unstreitig den besten Text eines Schriftstellers 
enthält, der sonst sehr häufig auf Schulen gelesen wurde, ge- 
genwärtig aber theils durch die vielen Chrestomathieen , tbeiU 
durch die lauter gewordenen Klagen über Seinen freilich nicht 
ganz mustergültigen Vortrag von vielen öffentlichen Anstalten 
verdrängt ist. Wir würden ihn nicht in's Exilium verbannt 
haben. SeineMängel bestehen mehrrin einzelnen Ausdrücken, 
als in gänzlicher Geschmacklosigkeit, und der Inhalt eignet 
sich ganz zu einer cursorischen Kepetition , so wie zur ersten 
Bekanntschaft mit der Römischen Geschichte. Die Gefahr, 
xlals ein junger Leser die sordes der spätem Zeit aus ihm lerne 
ünd sich aneigne, läfst sich äurch einen aufmerksamen und »r- 
schickten Lehrer, oder eine Ausgabe , wie die des Hrri. Gr., 
ganz entfernen. Was nun die vorliegende Ausgabe betrifft, 
so hält sie eine besonnene Mitte zwischen dem Zuviel und 
Zuwenig, berücksichtigt vorzüglich die Lesart, dann die 
Sprache urid ihre Eigenheiten/ und vergleicht häutig die Grit- 



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üutiopü ikeviafiuin. Ö95 

chische* Paraphrase des Fäanirts. Die geographischen und hi- 
storischen Namen werden im ersten Index hinlänglich erläu- 
tert, im «weiten der Sprachgebrauch, mit Vergleichung 
gleichzeitiger, früherer und späterer Schriftsteller; sehr lehr- 
reich und gründlich : jnun sehe nur die Artikel corpus , eum , 
opus , praefectus , simuU 

Die aufgenommenen Lesarten 9 so wie die Gründe für 
deren Aufnahme müssen wir gröfsteutheils billigen. Nur 
einige wenige Stellen des ersten und zweiten Buches heben 
wir aus, wo uns entweder die Lesart oder der Grund ihrer 
Aufnahme nicht befriedigt hat. Inder Vorrede: quae inprin- 
cipum vita egregia exstiterunt. Hier stufst freilich vita etwas 
an, weil man egregia im ersten Augenblick als Ablativ be- 
trachten könnte. Wenn aber Hr. Gr. sagt f der Singular sey 
dadurch entschuldigt, dafs vita bei Nepos Traef. 8. de pluribus 
occurrit *) , und wenn er hinzusetzt, dafs, was einige Andere 
gtben, vitis 9 die Ohren weniger beleidige; so war zu be- 
denken , 'dafs in der Stelle des Eutropius vitis falsch wflre, 
weil er nicht sagen will in den Lebensbeschreibungen» 
sondern in dem Leben (sc. jedes Einzelnen), und dafs es 
hei Com. Nepos a. a. O. (in hoc exponemus libro de vita ex- 
cellentium imperatorum) allenfalls wohl vitas (die Biogra- 
phien), aber nicht de vitis heifsen dürfte. Dafs bei Cic; de N. 
D. I. 20. steht : deus — qui hominum commoda vitasque 
tueatur, ist nicht gegen uns. — I. 1, ut 9 qui plarimum minimum* 
qae 9 tradunt : die Note dazu: M Vellern e Codd. proferri: ut (i. 
e. sunt) qui plurimum minimumque tradunt , quae verba , auctori ex- 
cusationem definitae annorum suppntationis paratura , in pa- 
renthesi posuerim. Eodem fere modo infra 10, 18* Indicativum 
{tradunt meint er) in scriptore hujtis aevi facile tnlerim. Ut 
nunc legitur, post minimum (er will sagen minimumque), 8u bau di 
tradunt**: diese Note begreift man nicht , da ja gerade so, wie 
er gelesen haben will, in den Handschriften und Ausgaben steht. 
1. 2. cum uxores ipse et populus suus nomhaberet , beweisen die 
ans dem Eutropius citirten Stellen nichts für dieses suus , son- 
dern nur, dafs er oft suus sagt; wo es wegbleiben könnte, aber 

*) Soll heifsen : von e i n er M ehrzahl vorkommt. DaiNorentatetn 
des Hrn. G~. , obgleich nichts Weniger als schlecht, labofirt doch' 
an einigen Mängeln. So steht z. B. auf derselben ersten Seit« Her 
von den mustergültigen Alten Vermiedene Genitiv plerorumque 9 
iiu4 S. 16» wird defluere in demselben Sinne für abgeleitet 
x werden gebraucht, wie sonst, gleichfalls nicht gut,. derivari 9 



Ü96 



Eutropii Breviarium. 



Com. Nep. Milt. I, Wenn er aber aus Nep* Att. V. anführt, 
es geben Einige dort fälschlich ejus amicis für suis, so irrt er. 
Bei jenem amicis steht weder ejus noch suis, wohl aber bei pe- 
riculis findet sich in einigen suis, in mehreren ejus, in einem 
keins von beiden. S. Bardili's Ausgabe S. 240. hrergl. S. 678.' 
T. II. — I. 19. ut Fidenae sexto, Vejentes XVlll milliario absint. 
Weil voran geht Fidenae, so wollte Vine\us Veji lesen; Hr. 
Gr. will lieber Fidenae in Fidenates verwandelt wissen v damit 
es mit Vejentes harmonire, und citirt I. 4. Vejentes et Fidena- 
tes, quorum alii sexto milliario absunt ab urbe Roma, alii 
octavo decirao. Es ist aber die letztere Aenderung nicht nö- 
thiger, als die erste. Warum soll denn der Schriftsteller 
Jceiue Variation des Ausdrucks anbringen dürfen ? — Ii. 25. 
tanti non esse , sagt lvegulus, ut tot millia captivorum propter unum 
se, et senem, et paucos , qui ex Romanis capti futrunt , redderentur. 
Hier emendirt Hr. Gr,jpropter et se unum, und sagt: ,, Itadedi 
ex conjectura ob dilucidiorem Oppositionen?, in qua ne pro« 
nomina quidem , saepe alias a librariis obtrusa, recte abesse 
possunt. Opponuntur enim millibus captivorum Carthagi* 
niensium et Regulus unus isque senex (nunc commate post 
unum posito hunc sensum adjuvi), et pauci , qui ex Romanis 
capti fuerant. Quod vulgo ponunt se post unum, locum habet 
prorsus ineptum, orationem reddit languidam et redundat. 
Et Codd. aliquot omittunt. Grunerus quoque diserte impro- 
hat. Et ante se aegre desiderarim.« Man sieht, Hr. Gr. giebfe 
sich viele Mühe, seine Conjectur zu empfehlen. Aber er hat 
übersehen, dafssiegar nicht einmal lateinisch ist; sonst müfste 
man auch sagen können: ego ad et te patrem et amicum accedo« 
Auch ist se nach unum weder lahm noch überflüssig. — Doch 
dergleichen Miisgriife sind nicht viele, und die Bemerkung 
dieser wenigen Stellen, zu denen sich zwar noch-andere hin- 
zusetzen Helsen, hebt unser Urtheil über die Brauchbarkeit 
und VorziigUcbkeit dieser Ausgabe im geringsten nicht auf *). 



*) In der Harnischen Buchhandlung in Hannover ist zu gleicher Zeit die 
«weite Ausgabe der für Schüler seht brauchbaren S e eb o d e'schen 
Ausgabe des Eu tr opius mit einem Wörterbuche erschienen« 



t * 



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N. 57. 1826, 

» Heidelberger 

• ,* 

Jahrbücher der Literatur. 



C. Cornelii Taciti Synonyma et per fignram "v 3-jo?v 
dicta, Collegity digessit, aliorum scriptorum locos aliquot 
comparavit Carolus Ludovicus Roth, Gymnasü regit No- 
ribergensis Rector» Noribargaey apud Fridericum Campe. 1826. 
IV und 60 S. 8. 36 kr. 

Einer Notiz in öffentlichen Blättern zu Folge ist diese 
Schrift auch als Programm ausgegeben worden, da nach einer 
neueren Verordnung in Baiern die Gymnasialprogramme wie- 
der einen wissenschaftlichen Inhalt (und, wo möglich, auch 
Gehalt) haben sollen/ Hat eine solche Verordnung in andern 
Ländern, wo sie längst besteht, schon viele ausgezeichnete 
kleine Schriften und Monographieen zu Tage gefördert, die 
ohne dieselbe vielleicht niemals erschienen wären, und wäre 
vielleicht auch diese sonst nicht erschienen , so mögen wir je- 
ner Anordnung danken, die die Abfassung dieser gehaltreichen 
Schrift veranlafst hat. 

Der Verf. bemerkte, dafs man manche Stellen des Tacitus 
richtiger auffasse, wenn man die Figur «y hat 8uo~v berücksich- 
tige, und bescblofs deswegen ^ alle Stellen desselben zu sam- 
meln, wo sie sich fände. Er entdeckte deren nicht nur sehr 
viele, sondern auch eine unerwartete Mannigfaltigkeit dersel- 
ben, sah sich bei den Grammatikern nach einer umfassenden 
Belehrung darüber um, und fand sie nirgends erschöpfend, 
namentlich die verschiedenen Arten und Unterarten nirgends 
aus einander gesetzt. Daher sein Entschlufs, dieses Geschäft 
selbst zu übernehmen; daher aber auch die Nothwendigkeit t 
auch die Synonyme des Tacitus zu berücksichtigen und zu 
sammeln, und die Veranlassung, diesen einige Beispiele 1 aus 
andern Schriftstellern beizugeben, damit erhelle , dafs Tacitus 
in dem Gebrauche dieser Figur Vorgänger und zwar nicht we- 
nige hatte. Oft nämlich kann man zweifelhaft seyn , ob ein 
gewisser Ausdruck Synonyma oder ein y v Sta fooTv enthalte. 
Veranlassung zu beiden war nicht die Neigung, die Rede zu 
schmücken oder abwechselnd zu machen , sondern das Bedürf- 

XIX. .labrg. 9. Heft. 57 



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898 C« Cornelii Taciti Synonyma ed. Roth« 

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nifi oder der Mangel, dem der Sprechende oder Schreibende 
in der Sprache fand, woraus dann späterbin eine Schönheit 
und eine, besonders in der Poesie oft gebrauchte, Zierde ge- 
macht wurde. Die kürzeste und passendste Erklärung der 
Figur Hendiadys fand der Verf. bei Ruddimannus: cum, quod 
re unum est, sie effertur, quasi duo essent. Da sich nun, 
wie gesagt, zeigte, dafs sich die Synonyma nicht immer von 
der Figur Hendiadys ganz bestimmt unterscheiden lassen, dafs 
ferner mit beiden die Apposition sehr verwandt sey und grofse 
Aehulicbkeit habe, so sah sich der Verf. genöthigt, die Syno- 
nyma vorauszuschicken. Ueberdies fand sich dazu noch eine 
andere Veranlassung in einer Eigenheit des Tacitus, der näm- 
lich viel lieber zwei Substantiva verbindet, als dem Substan* 
tivum ein Adjectivum beisetzt. Die Aufzählung der Synony- 
me beginnt der Verf. mit denen des dem Tacitus so ähnlichen 
Sallustius; dann folgen von S. 7 bis 10. die durch und ver- 
bundenen Synonyme des Tacitus, darauf S. 11 bis lS, die 
durch Disjunctivpartikeln an einander gehängten , S, 13 bis 
15. die synonymisch gebrauchten Adjeetive, S. 16. Adver- 
bien, S. 17. Verba: von den beiden letzten Arten fanden lieh 
wenige. Hier findet sich denn, dafs die einen dazu dienen, 
den Numerus zu stützen, die andern verstärkend, andere er- 
läuternd, wieder andere erweiternd, andere Ümitirend sind*. 
S-. 19. beginnt; er nun über die sogenannte Hendiadys zu 
sprechen , die sich auch bei Substantiven, Adjeetive 
und Verbis, aber nicht bei Adverbien Endet* Die A 
stufung der Anzahl ist wie bei den vorkommenden Synonj 1 
men. Von der ersten Art (mit Substantiven) niinm 
der Verf. vier Gattungen an: a) wenn zwei Substanti 
statt eines Substantivs und Adjectivs stehen ; b) wenn 
Beisetzung des zweiten statt des Genitivs gilt; c) wenn 
Hendiadys statt einer Apposition steht; d) wenn die Hej 
dys steht, wo ein Zusatz durch eine Präposition oder 
.Umschreibung folgen sollte. Die erste Gattung z 
wieder in drei Unterabtheilungen: a ) wenn das Adjecti 
das beim Substantiv stehen sollte, von gleichem Gewicht, 
wie das Substantiv selbst ist; ß) wenn ein S ibstantiv genom- 
men wird, weil es kein gebräuchliches Adjectivum für den 
auszudrückenden Sinn gieht; »y) wenn man zur Erweiterung 
und Erläuterung eine Hendiadys anwendet. Die zweit« 
Gattung tritt ein : a ) wenn das eigentlich als Genitiv bei 
ansetzende Substantivum von gleichem Gewicht und gleicher 
Bedeutsamkeit ist, wie das, welches im Nominativ steht* 
ß) wenn man die Concurrenz der Genitive vermeiden wil 



■ 



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C. Coruelii Taciti Synonyma ed. Roth. 899 

y) wenn das regierende Substantiv seiner Natur und Bedeu- 
tung nach den beizusetzenden Genitiv nicht annimmt. Bei- 
jpieJe für alle diese Formen folgen bis S. 41, Dann kommt 
die dritte Gattung, die statt der Apposition dienende 
Hendiadys bis S. 48: worauf sich die viertle Gattung, 
die unter mancherlei Formen vorkommt, anschliefst. — Das 
Jv kl ho7v d u rch A d j e cti ve, oder die z weite Art, wird 
von S. 54. an betrachtet, wo entweder a) ein Begriff aus einem * 
Substantiv und Adjectiv besteht, wozu noch ein zu beiden 
(zu dem Gesammtbegritf beider) gehöriges Adjectivum kommt; 
S), wo, wenn das eine statt des Substantivs stehende Ad- 
jectivum ein anderes Adjectivum zu sich nehmen und daraus 
ein Begriff werden sollte, beide so ausgedrückt werden, als 
ob sie an sich zweierlei wären, und blos durch die Copula 
verbunden würden ; oder c) wo zwei Adjective statt eines 
einem Adjectiv beizusetzenden Adverbiums stehen« S. 58. 
is zu Ende kommt endlich die dritte Art, oder das tv &a 
7v durch Verba. — Wir haben diese trockene Skizze gege- 
, um theils auf die Reichhaltigkeit der Schrift, theils auf 
Scharfsinn des Verf. in Unterscheidung der Arten und 
nterarten aufmerksam zu machen ; haben uns aber enthal- 
ten, auch Beispiele auszuziehen, weil wir wünschen, dafs 
unsere Leser die Schrift selbst studiren möchten« Sie wer« 
<kn darin noch als Zugabe schöne kritische Erörterungen von 
verschiedenen zum Theil Hingst streitigen Stellen des Tacitus 
und einiger andern Schriftsteller finden, und das alles in einem 
gut lateinischen Vortrage, in welchem wir nur ein Paarmal 
'S. IV. und 23.) durch den unrichtigen Gebrauch von forte für 
vielleicht (dessen sich sogar lluhnken nicht enthalten hat) 
und eben so oft durch occurrere für vorkommen, S. 14* und 
26. liquet fürapparet, ein wenig gestört worden sind. Üm 
aber dem Verf. zu beweisen, dafs wir seine Schritt mit Auf- 
merksamkeit gelesen haben, wollen wir ihm zu einigen Stel- 
len seiner Abhandlung unsere Bemerkungen mittheilen. S. 12. 
gehört die Stelle aus Liv. V. 54. adeo nihil tenet solura pa- 
triae , nec haec terra, cjuam matrem appellamus — eigentlich 
nicht unter die, wo die Synonyma durch eine Negativpartikel 
verbunden sind, sondern nec steht, um gleichsam nihil tenet 
(um der Lebhaftigkeit des Artsdr ucks willen) zu wiederholen, 
und et haec terra, allerdings synonymisch, anzuknüpfen. 
S«20. würden wir hei fide aique obsequio lieher sagen, es Seyen 
- Synonyma als eine Hendiadys; dagegen bei superbiam domina- 
lieber dieses als jenes. S. 22. möchte doch noch zu 
n seyu, ob das periculo atque negotii* bei Sali. Cat. 2. 




» 1 



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900 C. Cprnelii Taciti Synonyma ed. Roth. 

• 

notbwendig durch periculosis negotiis zu erklären ist, wie Körte 
und lUiddimann wollten; eben so S. 27. (Tac. Hist. II. 56.), 
ob wirklich vi etlstirpris polluere notbwendig durch stupris tna/0/1- 
tis polluere erklärt werden mu($. Die vis kann auch noch an- 
derer Art seyn, und das Verb um polluere durch eine Art von 
Zeugma da stehen. S. 13. sind die Worte quomodo et nos etc. 
und S. 36. quod pervigilia etc. nicht zu verstehen. In den Bei- 
spielen, S. 57, der zweiten Gattung zweiter Art, konnte 
bemerkt werden, dafs sich das et vor dem zweiten Adjecti- 
vuin gut lateinisch durch isque , eaque, eosque erklären lasse. — 
Zum Schlüsse wollen wir noch einige Beispiele aus Tacitus 
nachtragen, die der Verf. übersehen zu haben scheint, oder 
die wir wenigstens nicht an den Stellen finden, wo wir sie 
nach seiner Classiiication erwarteten. Zu den Synonyrais 
S. 7 &. i Tac. Hist. I. 54. in scruälorem maestitiamque com» 
positi, Ann. XIV. 33. fletu et lacrymis. Hist. II. 9. clamore 
et voeibus. Zu den durch Disjunction verbundenen Synony- 
men: Hist. II. 27. jurgia aut rixae. Ann. XIII. 6* auspieiis 
et consiliis potius, quam telis aut manibus. Zu den adjectivi- 
schen Synonymen : S. 14» Ann. III. 23. saeva et detestanda. 
Zum Sv 5<i 8uc7v S. 25. Ann. VI. 51. scelera ac dedecora. 
S. 27. Ann. XV. 1. virorum armorumque faciendum certamen, 
Ann. XII. 34- non telis, non vulneribus cessurum. Zu S.36. 
Ann. II. 34. iter et tempus für tempus itineris. Hist. II. 88. 
cum terrore et catervis. Endlich zu S. 56. Ann. VI. 38. multa 
et atiocia composuit für multa a*rocia oder, nach unserer obi- 
gen Andeutung , multa eaque atrocia *). — Wir wünschen, 
bald noch mehrere Früchte der philologischen Forschungen 
des verdienten Verfassers dieser vorzüglichen Monographie 
zu lesen. * 



*) In der neuesten Ausgabe des Agricola von IT. J. H. Beeker, 
Hamburg 1826. S. 102. stehen die Synonyma und die durch 
die Figur Sv bta 5jo?v ausgedrückten Stellen dieser Schrift des Ta- 
citus unter der mit einem Fragzeichen bezeichneten Rubrik Hcn- 
dtadys beisammen, dabei auch die Substantive mit Genitiven) 
wo der Nominativ statt des Adjectivs und der Genitiv statt d« 
Nominativs st elitär c. B. prosperitas rerum für res prosperae, 



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SaJustii Opora cd. Gcrlach. Üül 

4 

C. C r i s p i S alustii quae exs t at\t* Recognovit , varias Uctio» 
nesy e Codicibus Basileensibus , Bernonsibus, Turicensibus , Pa- 
risinis , Erlarigensif Tegemseensi ceterisque, quos fVassius y Ha* 
vercampiusy Cortius aliique Editores contitlerunt , colleotas y com- 
me Marios atque indices locupletissimos adjecit Franciscus Do- 
rotheus Görlach., Philosophiao Doctor , Lite rar um Latinarum 
Professor, Vol. II BasiUae, in libraria Schweighaeuseriana. 
Typis et samptibus Aug, Witlandi^ Typ, Acad. MDCCCXXV. 
59 Seifen z/i 4. 1 fl. 

Während wir mit Begierde die Vollendung der trefflichen 
Gerlachschen Ausgabe des Salustius erwarten , und auf den 
Commentar harren , der uns Rechenschaft über die aufgenom- 
menen Lesarten und zugleich Sprach- und Sacherläuterungen 
geben soll, erhalten wir zu Anfang dieses Jahres vorliegendes 
Heft, unterzeichnet Basileae IX Kai. Martii MDCCCXXV. 
und hinter dem Schmutztitel (Coinmentariorum in C. Crispum 
Salustium Fasciculusl.) folgende Erklärung : Variantes lectio- 
nes ex optimis Codd. Italicis collectas, et quae mihi de forma 
atque consilio commentariorum monenda videbantur, biblio- 
pola separatim typis excudenda curavit, ut eorum commodis 
consuleretur , quibus primum tan tum volumen emere libet, 
Ceteri hanc dissertationem non voluminis primi epilogum, sed 
secundi , quod paucis mensibus divulgabitur , praefationetn 
esse existimet. Wir zögerten deswegen eine Zejt lang mit 
der Anzeige dieser Vorrede zum zweiten Theile. Da sich in- 
dessen die Vollendung des Ganzen noch etwas zu verziehen 
scheint, so wollen wir unsern Lesern* kurzen Bericht erstat- 
ten, was sie in diesem Fascikel zu erwarten haben. Es fin- 
det sich nämlich hier ein vollständiges Verzeichnifs aller Hand. 
Schriften des Salustius , die Hr. G. auf einer fünfmonatlichen 
Heise durch Italien gesehen und verglichen bat, nebst den 
wichtigsten Lesarten aus allen denjenigen, die er nach ange- 
stellter Untersuchung einer genaueren Vergleiohung würdig 
fand. Ueber jeden Codex wird , nach Angabe des Materials, 
des ungefähren Alters (keiner geht über das zehnte Jahrhun- 
dert hinauf) und der äußern Gestalt, ein Urtheil gefällt. In 
Mailand, in der Ambrosianischen Bibliothek , fand er zwölf, 
in Venedig vier; in Rom a) in der Vaticanischen Bibliothek 
sechszehn, b) in der Barberinischen fünf , c) in der öffentlichen 
vier; in Bologna einen ; in Florenz zwei und dreifsig; in Nea- 
pel zehn; in Cortona einen. In Padua sagte man ihm, es sey 
keiner vorhanden ; als er fort war , erfuhr er, dal» sich den- 
noch zwei Codd. dort befinden» Aus Turin erhielt er Nach- 

* " 4 



902 Salustii Opera ed. Gerlach ' 

rieht und Lesarten von drei Handschriften, aus Stuttgart von 
,einer, aus Berlin von sechs« — Ein nicht su verachtender 
Vorrath, von dessen besonnener Benutzung durch Hrn. G. 
wir Beweise genug haben, so dafs nach Vollendung seiner 
Ausgabe zwar nicht die Kritik dieses Schriftstellers , wohl 
aber die Sammlung von Hülfa mittel n dazu, wird als geschlos- 
sen betrachtet werden können, wenigstens von noch zu ver- 
gleichenden Handschriften keine Ausbeute von Bedeutung er- 
wartet werden dürfte *). Der Verf. äufsert sich auch über 
die Bibliotbekseinrichtungen in Italien, die häufig äufserst 
beschränkend sind, so dais z. B. die Vatikanische Bibliothek 
mehr als die Hälfte des Jahres über gar nicht benutzt werden 
kann; dann auch über die Bibliothekare, unter denen die Her- 
ren "Bentivoglio in Mailand , Bettio in Venedig und Peyron 
in Turin gerühmt werden; Andere erhalten eine nota censoria, 
z. B. Hr. A. Majus: Sunt enim non pauci, cjui existiment, 
virum illum doctissimum , cum Cudd. ineditis inveniendi* at- 
<[ue evnlgandis magnam gloriam libi pepererit, timere, ne 
alii ad idem laudis fastigium perveniant. Hoc ne accidat, di- 
ligenter cavet, et Optimum quenujue codicem,* si quidem fieri 
potest, clausuni tenet, vel potius non invenit. Der Bibliothe- 
kar der Barberinischen Bibliothek heifst satis morosus atque 
difficilis. Bei Bologna heilst es : Bononienses — cjui olim 
docti dicebantur, jam alio potius nomine appellandi sunt ; und 
vom Bibliothekar des dortigen Benedictinerklosters : nihil eo 
stolidius, qui vieibus Bihliothecarii fungebatur ; quippe cujus 
tantus fuit ingenii Stupor , ut ne nomen quidem Salustii cogni- 
tum baberet. Das Resultat seiner Untersuchungen theilt Hr. 
G. in folgenden Sätzen mit: Im Ganzen seyen im Salustius 
keine Veränderungen von grofser Bedeutung zu machen; die 
besten Handschriften seyen auch schon früher verglichen ge- 
wesen. Indessen sey jetzt so viel gewonnen , dals man mit 
Sicherheit sagen könne , es sey für Herstellung eines richtigen 
Textes das Mögliche getlian. Ueberdies sey die Vergleichung 
von diesen Handschriften auf jeden Fall fruchtbar gewesen, 
und habe 1/esarten geliefert, die den bisherigen vorzuziehen 
seyen; auch sey sie überhaupt mannigfach belehrend in Bezie» 
hung auf den Ursprung der Corruptelen u. dergl. Auch habe 



*) So eben erfahren wir, dafs Hr. Prof. Eichhoff in Weilburg 
eine Ergänzung der Gerlachschen Collationen herausgegeben hat 
.unter dem Titel : Salustianarum lectionum e duo.bus Codd. MSS- 
nuper repertis excerptaruni symbola. Wiesbadae 1Ö25, 16 S. a 



Salustii Opera ed. Gerlach., £03 

er manche seiner Correcturen und Conjecturen , so wie meh- 
rere , die Corte gemacht, und die ganz willkührlich geschie- 
nen, bestätigt gefunden. Von besonderer Wichtigkeit aber 
sey ihm gewesen , dafs ihm nun klar geworden, in wie weit 
man dem Ansehen der Handschriften , wie weit dem eigenen 
UrtheiJ trauen dürfe; und dafs er die Ueberzeugung gewon- 
nen, dafs die Grammatiker und Abschreiber sich bei dem Sa« 
lustius mehr eigenmächtige Aenderungen erlaubt haben, als 
man gewöhnlish glaube. Von S. 49. an spricht er dann von 
den Pflichten eines Erklärers und Kritikers bei Herausgabe 
Griechischer und Lateinischer Klassiker 9 und von seinem 
Zwecke bei dieser Ausgabe. Das Geschäft eines Heransgebers 
ist ihm Kr i t ik, grammatische, h i s t o r i s c h e und rhe- 
torische (in H^yne's Schule ästhetische) Erklärung« 
Dann spricht er von der nöthigen Behutsamkeit und Beschei- 
denheit in Anwendung der sogenannten höhern Kritik; von 
der Vernachlässigung der Beobachtung des Sprachgebrauchs 
bei den Lateinischen Historikern, weil man fast immer nur 
auf den Cicero achtete; von der weisen Sparsamkeit in den 
Anmerkungen und Entfernung alles nicht zur Sache Gehören- 
den. — Doch wir enthalten uns weiterer Auszüge, da der 
Verf., wie er selbst gesteht, im Grunde nichts Neues oder 
Unerhörtes vorbringt, sondern nur die Grundsätze angiebt, 
die ihm zu befolgen nöthig schien , und nach denen er beur- 
theilt seyn will. Die Grundsätze selbst wird man im Ganzen 
billigen müssen, sollte man auch einiges Einzelne zu allge- 
mein ausgesprochen finden. Der Vortrag des Verf. ist, wie 
man schon aus dem ersten Theile weifs , gut, klar und schön,; 
Kaum stöfst man ein paarmal an, wie z. B» S. 17. quamvis cor~ 
rectus sit für quamquam — correctus est ; S. 29. si ~—fuerint für si — 
fuissent ; S. 34» und 5(J. auctoris für scriptoris ; S. 58. Licet — ue- 
cesse est, wo quamquam — — necesse est besser stünde, und ein 
Paar ähnliche Kleinigkeiten. Wir wünschen nur, dafs keine 
dem Verf. unangenehme Ursache die spätere Erscheinung des 
gewifs von Vielen begierig erwarteten Commentars verur- 
sacht haben möge. Der Druck ist sehr, schön und fast fehler-* 
frei. Nur steht S. 45. eum für cum; S. 49. Grammaitici; S. 18. 



904 Henrichsen de Phoenicis Fabula. 

De Phoenicis Tabula apud Graecos, Romanos et populos Orlen* 
tales Commentationis Particula i, quam pro stipendio collegit 
Medicei oonscriptam die XXX. Decembr. drf entere conabitur R, 
Jf. F. Henrichsen^ philoL Candidatus. Ha/n. MDCGCXXF. 
Typis directoris Jani Rostrup Schulzii , aulae et universitatis ty- 
pographl 30 S. in 8. 

Eine Schrift von dreifsig Seiten über einen Gegenstand» 
flber den man ganze Quartanten bat ( Ref. bat so eben einen 
vor sich liegen: P. Texelii Phoenix visus et auditus, sive 
fictae illius avis descriptio symbolica, verum ejus ac proprium 
Conti nen s ixt^Btov» Arastelod. 1706. 4- 430 Seiten ; einßucb, 
das, so unkritisch es ist, zu jener Zeit als das non plus ultra 
mythologischer Forschung betrachtet wurde), eine so kleine 
Schrift kann, und wenn sie auch durch die noch zu erwarten- 
de Particula II. verdoppelt wird, nicht viel Neues enthal- 
ten. Und so ist es auch mit der vorliegenden. Aber ein 
Verdienst kann sie haben, und das hat auch diese wirklich: 
sie kann 9 mit Uebergehung alles Unwesentlichen, die Sage 
oder den ivfythus genetisch verfolgen, und durch chronologi- 
sche Aufführung der Zeugnisse des Alterthums den Verwirrun- 
gen vorbeugen, die die Frühern durch Vermengung derselben 
in eine an sich nicht abstruse Sache gebracht haben; sie kann 
endlich durch eben dieses Verfahren nachweisen , wie die Sage 
durch Dichter und fabelnde Prosaiker nach und nach ausge- 
schmückt worden, und wie Einer dem Andern bald prüfend, 
bald blindlings folgend , bald ihn noch überbietend, nacher- 
zählt bat. Durch alles dieses kann sie dann eine richtigere 
Deutung des Mythus entweder selbst entwickeln, oder we- 
nigstensveranlassen. Der Verf. führt diejenigen S. 2. in einer 
Note auf, die ex professo über den Phönix geschrieben ha- 
ben, ebendaselbst und S. 1. und 3. diejenigen, die gelegent- 
lich über ihn sprechen. Manche andere Nachweisungen giebt 
noch Hoffmannus im Lexicon universale s. v. Phoe- 
nix. Vergl. auch Phil. Caesii a Zesen Coelum Astvonoraico- 
poeticum (Amst. 1662 8) S. 3ll — 31 3. In diesem ersten 
Theile nun führt Hr. H. die Zeugnisse der Griechen und Rö- 
mer, so viel möglich , chronologisch auf, von Hesiodus und 
Herodotus herab bis auf das Gedicht de Phoenice, das ge- 
wöhnlich in den Ausgaben des Lac t a n t i us steht, auf die 
römischen Kaisermünzen und auf die Kirchenväter. Einige 
Stellen werden in Extenso gegeben, andere nur citirt. Jenes 
hätte durchaus geschehen sollen. Wenn Hr. H. S. 6. den He- 
rodotus gegeiudie Behauptung des Porpbyrius (Herodot habe 



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■ 



Henrichsen de Plioenicis Fabula. 905 

i • 

denHekatäua vonMilet ausgeschrieben) als gegen die Beschul- 
digung eines Plagiats vertheidigen zu müssen glaubt, so trägt 
er unsere Begriffe von literarischem Eigen t Ii um auf eine Zeit 
über, in welcher sie gar nicht existiren konnten, wie Tbo- 
masius de Flagio Literario p. 204* Aus dem Carmen de P/iae- 
nice führt Hr. H. den unscandirbaren Pentameter an : 

inenarirabilibus nocte dieque sonis« 
Dieser heifst aber in der Ausgabe des Mich. Tbomasius (Antw. 
Plantin. 1570.)» der Bünemannschen, der Zweibr. Ausg. de* 
Lactantius, und in Casp. Barths Ausgabe des Ciaudianus: 

N on errabilibut nocte dieque sonis; 
in dem Heumannschen Lactantius aber , und früher in der 
Csllarius'schen Ausgabe Jnnarrabilibas aus Codd.Voss,, wo aber 
Heumann aus den Atisgaben von 1472. l47ß. 1497. 1513. und 
1515. non errabilibus vorzieht, und hinzusetzt: Significat poe. 
ta, phoenicem singularum noctis pariter ac diei horarum initia 
indicare tarn accurate, ut nunquam erret. Aufser den von dem 
Verf. angeführten Münzen mit dem Phönix, theilt Texelius 
indem oben angeführten Werke S. 127. noch eine mit, wo 
ein Pbönix mit dem Strahlenhaupt auf einem Scheiterhaufen 
steht, mit der Umschrift Fei. Temporum Reparation unten BSIS 
(bo), welche N» E. Zobel in seiner Schrift: Cacozelia Gen- 
tium in tradendis doctrinis de generis humani mentisque hu* 
manae origine et resurrectione mortuorum (Altorf. 17370» 
auf dem Titelblatt hat abbilden lassen, S. das. S. 109 — III. 
— Der lateinische Ausdruck ist im Ganzen, einige kleine 
Flecken abgerechnet, ohne schön zu seyn, doch rein und gut. 
Zur Probe theilen wir den Schlafs mit, der zugleich einen 
Theil der Ansicht des Verf. enthält: Ducibus itaque scripto«-' 
ribus antiquis cum Müntero contendere audemus, Phoenicis 
fabulam esse astronomicam , Ptioenicemque mortuum esse tem- 
pus praeteritum annis volventibus transactum. Quot vero 
aniü hoc cyclo comprebendantur , ob diversa veterum testimo- 
nia incertum est, maxime tarnen probatum quingentorum an- 
norum spatium, ab Herodoto atque antiquissimo quoque tra- 
ditum. Myrrha mortuos condiebant Aegyptii , neque huma- 
bantur defuncti , sed in locis sacris servabantur. Fabula itaque 
sine dubio etiam hoc indicat, meraoriam praeterlapsi temporis 
a sacerdotibus templi Heliopolitani servatum fuisse. Ceterajfor- 
tassepaullatim in ipsa Graecia accesSere commenta, sed Herodo- 
tum sequimur. Atqae haec bactenus ; plura enim de significatione 
liujus fabulae in altera nostraecommentationis particula erunt di- 
cenda. Wir muntern den Vf # auf, es nicht zu unterlassen. 



906 Thiersch Griechische Grammatik , dritte Auflage. 

Griechische Grammatik vorzüglich des Homerischen Dialektes 
von Friedrich Thierse h. Dritte, vermehrte und verbesserte 
Anfluge. Leipzi*, bei Gerhard Fleucher. i«2ö. XXXII und 
750 $. in gr, 8. 2 Tblr. 

' » 

Es kann hier nicht die Absicht seyn, unsere Leser mit 
einer Schrift bekannt zu machen und ihnen eine Schrift zu 
empfehlen, welche schon in wiederholten Auflagen die wohl 
verdiente Anerkennung ihrer Tüchtigkeit und Brauchbarkeit 
gefunden; es kann hier blos von den Vermehrungen und Ver- 
besserungen die Rede seyn, welche dieses Buch in dieser 
dritten Auflage erhalten, und welche es immer brauchbarer 
und nützlicher machen ; es sind dieselben ein neuer erfreu« 
licher Beweis für den fortdauernden Fleifs und die Aufmerk- 
samkeit, Welche der verdiente Verfasser diesem für den Grie- 
chiseben Sprachunterricht so wichtigen Buch unermüdlich ge- 
widmet bat. Dafs bedeutende Vermehrungen hinzugekom- 
men, lehrt schon die Angabe der Seitenzahl, welche von 568 
Seiten (so viel enthält die zweite Ausgabe) zu 714 Seiten an- 
gewachsen« Die Zahl der Paragraphen ist (was wir billigen 
müssen) in beiden Ausgaben gleich ; einige Paragraphen haben 
freilich , wie wir im Verfolg sehen werden, eine ganz andere 
Gestalt erhalten, indefs wird durch die Beibehaltung der glei- 
chen Paragraphenzahl der Gebrauch sehr erleichtert* Doch 
wird man wenig Paragraphen finden, die nicht in irgend einer 
Weise berichtigt , es sey im Inhalt oder in der Form und dem 
Ausdruck f oder vermehrt worden. Ein Jeder wird sich da« 
von überzeugen, wenn er, wie Ref., die Mühe der Verglei- 
chung nicht scheut; und bedauert nur Ref., durch den engen 
Raum verhindert zu seyn, alle diese Verbesserungen und alle 
diese Zusätze im Einzelnen hier namhaft machen zu können« 
Diese Zusätze erstrecken sich nicht blos über den syntakti- 
schen Theil dieser Grammatik, und die Vervollständigung der 
darin enthaltenen Regeln oder der sie begründenden Beispiele; 
sie lassen sich insbesondere in dem etymologischen Tbeile 
nachweisen, in dem einleitenden, allgemeinen Theile über die 
Sprache selber, deren Zweige u, s. w. ; wie denn überhaupt 
dieser Theil der Grammatik so ausgearbeitet ist, wie wir- in 
keiner der andern Grammatiken, so viele deren jetzt existi- 
ren, etwas ähnliches finden, das dem in dieser Grammatik 
enthaltenen an die Seite gestellt werden könnte. 

In den zehn ersten Paragraphen der Einleitung ist Man- 
ches geändert, Manches hinzugefügt worden. Hiebei dran^ 
sich Ref. eine Frage auf, ob es nämlich, da dieser Einleitung 



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Thiewch Griechische Grammati* , dritte Auflage. 907 



mit für den Lehrer bestimmt ist, nicht rätblich aeyn dürfte, 
hinter jedem einzelnen Paragraphen oder auch in Noten unter 
dem Texte einige weitere Nach Weisungen aufzunehmen, damit 
so der, welcher näher in den hier im Texte angedeuteten Satz 
eindringen will,, zugleich die nötbigen' Hülfcmittel weiterer 
Forschung dazu kennen lerne, auf diese Weise aber in den 
Stand gesetzt werde , sich für sich seiher weiter auszubilden. 
So sind z. £. bei der Lehre vom Digamma § 162. die darüber 
erschienenen Schriften angeführt, was wir sehr billigen; Uef; 
würde bei einer folgenden Auflage das Gleiche auch an andern 
Stellen gern sehen, wie z. B. §. 17. über die betitige Aus- 
sprache des Griechischen , oder §. 6. wo von den Ueberresten 
des epischen oder jonischen Dialekts bei den Attischen Tragi- 
kern die Rede ist u. dergl. mehr. — Das e,rste Buch im er- 
sten Abschnitte, die Lehre von dem Alphabet, den Vokalen, 
Consonanten, Sylben, Wörtern u. s. w. , hat sich zahlreicher 
Zusätze zu erfreuen; insbesondere sind es die Inschriften , 
deren erneuetes Studium hier seinen nützlichen Einflufs ge- 
äufsert, und die erwarteten Früchte getragen; wie viele 
merkwürdige Data lassen sich hieraus für die Kenntnifs des 
Griechischen Alphabets, der Entwicklung und Vervollstän- 
digung desselben gewinnen! Um so erfreulicher ist es hier, 
überall solche belehrende Zusätze aus den Inschriften zu ge- 
winnen, wie z. B. §. 12« nr. 7. über die Zeit der Einführung 
der beiden Buchstaben $ und X dergl. Vergl. ferner bei- 
spielshalber §. 27. am Sehl u £s ; §. 38- (von der Krasis), §. 40 
und 4l 9 welche in der zweiten Ausgabe von der Aphäresis 
und Synkope bandelten, sind in der Art weggefallen,, als beide 
Gegenstände schicklicher unter die Lehre von den Dialekten 
und dem Gebrauch der Dichter verwiesen werden. An ihrer 
Stelle folgen als Probe und zugleich als Beleg manches Einzel- 
nen, in der vorausgegangenen Lehre erörterten, einige der 
ältesten Handschriften copirt, so wie in gewöhnlicher Schrift, 
nebst! Uebersetzung unrl den nötbigen Erläuterungen. So 
kommen §. 40. die Inschriften von Melos und Elis vor, erstere 
nach einer vom Verfasser selber zu Venedig 1822 nach dem 
Original gemachten Abschrift, letztere nach Gell, Payne- 
Knight, ßöckh. Der Zweifel, der in der zweiten Ausgabe 
über die Aechtbeit der ersteren Inschrift geüüfsert worden, 
wird hier zurückgenommen; sicherlich hat Autopsie des Verf. 
mit zu dieser Berichtigung beigetragen. §. 4l* enthält dann 
Reinschriften von Sigeum und auf die in der Schlacht bei Po- 
tidäa gefallenen Athenienser. Aber auch aufser den Inschrif- 
ten sind sonstige bedeutende Zusätze hinzugekommen, so z.B. 



908 Thierich Griechische Grammatik, dritte Auflage. 

i 

in der Lehre von den Vokalen und Diphthongen §. 15; §. 38- 
von der Krasis ; auch §. 1'/. (über die jetzt üblichen Arten, 
die Griechischen Selbstlaute auszusprechen, wo in einer neu 
hinzugefügten Schlafs bemerk ung der Verf. gern bekennt, dafs 
er, wenn zwischen beiden Aussprachen , der erasmischen und 
der reuchlinischen oder neugriechischen zu wählen bleibe, der 
letzteren im Ganzen bei weitem den Vorzug gebe , theils aus 
den früher entwickelten Gründen, theils auch , weil sie in der 
jetzt gewöhnlichen Griechischen Mundart , besonders indem 
Munde der Gebildeten, der Sprache eine schöne und lautere 
Harmonie verleihe. Ueberdies müsse selbst in den besten 
Zeiten in Griechenland die Aussprache eben so stark zum Jota* 
cismus sich hingeneigt haben, weil dieser eben so früh einen 
uligemeinen Sieg davon getragen u. 8. w # Bedeutende Ver- 
mehrungen enthält ferner §. 47, welcher jetzt unter dem Titel 
erscheint: „Geschichtliches, rhythmische Eigen- 
schaft und Vergleichung der Griechischen und 
Deutschen Accente«; dasselbe gilt von §. 49 » der in der 
zweiten Auflage unendlich kürzer und darum minder genügend 
erschienen war. Die Lehre von den Declinationen §. 50. 51 & 
ist ebenfalls nicht blos. bedeutend vermehrt und vervollstän- 
digt worden, sondern auch zum Erlernen bequemer und fafs- 
lieh er eingerichtet; man vergl. z. B. das, was über die Quan- 
tität der einzelnen Substantive nach ihrer Endung neu hinzu- 
gekommen, ferner die Zusätze über die Zusammenziebungen 
u^d Veränderungen der Wörter in den einzelnen Casus nach 
den verschiedenen Dialektformen , über die Accente u. dergl. 
mehr, wie namentlich auch §. 53. bei der zusammengezogenen 
und attischen zweiten Declination. Auch bei der dritten 
Declination finden sich ähnliche Erweiterungen , wie beson- 
ders z.B. §. 56. und 57. (letzterer nun uriter dem Titel; »Ei- 
genheiten der Casusbildung a ) , §.59* §.60. (jetzt überschrie- 
ben : „Geschlechtbestimmung und Betonung der dritten Decli- 
nation «). Die Paradigmen bei den einzelnen Declinationen 
sind theils vermehrt, theils durch bessere Auswahl für das Er- 
lernen leichter gemacht worden. In der Lettre von den Ad- 
jectiven machen wir insbesonde/e aufmerksam auf §. 63. 64. 
(„zusammengezogene Adjective««) ; in der Lehre von den Pro- 
nominen unter andern auf $.83. u. s. w. Beim Verbura ist 
zwar die Tabelle der zweiten Ausgabe zu S. 106. weggefallen, 
aber besser für das Erlernen der Formen durch zahlreichere 
und gewähltere Paradigmen §. 105 ff. (wie oben bei der Lehre 
von den Declinationen) gesorgt; die Zusätze sind übrigens 
auch hier so bedeutend, wie bei den früher durebgangenen 

* * 



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Thiersch tärieohische Grammatik, dritte Auflage. 909 

Theilen. ' Man vergleiche «. B. auch nur §. 140. und l4l. 
(„Bedeutung und Taragoge der zusammengesetzten Wörter«). 
Auch die Lehre von dem Verse und Dialekte des Homer ward 
nicht minder berücksichtigt, namentlich die Lehre von dem 
Solischen Digamma, wo das Neueste benutzt und nachgetra- 
gen worden. Daher zum Theil auch die Zusätze §, 153 ff. 
§. 158. u. s. w. §. 204* 205. Von dem Anhang von dem neu- 
jonischen Dialekte des Herodotus und dem dorischen Dia« 
lekte haben wir ein Gleiches zu rühmen; ist doch §. 243. vom 
attischen Dialekte , der in-der zweiten Auflage nur eine Seite 
kaum füllte, hier zu vierzehn Seiten angewachsen, so dafs 
hier genauer von dem Gebrauch der Buchstaben , Sylbenmes- 
sung, Position und Aufhebung derselben, Hiatns, Synizese, 
Krasis, Elision, Aphäresis, Synkope, Tinesis, Epischen und 
Dorischen Formen, den Declinationen und Conjugationen, 
regelmäfsigen wie unregelmäfsigen, den Contractionen u.s.w. 
gehandelt wird. 

Ret geht zum zweiten syntaktischen Theile über ; auch 
erbat in der neuen Ausgabe nicht minder gewonnen , und ähn- 
licher verbessernden Zusätze sich zu erfreuen, die wir hier 
freilich nicht alle aufführen können. In ganz anderer Gestalt 
erscheint jetzt z. B. die Lehre von dem Genitiv §. 252 ff. Ea 
handelt tiämjich §. 252. , 3 vom Genitiv der innern Beschaffen- 
heiten tc , und dann 1) von den Genitiven , welche Fülle, Ge- 
nufs* Mangel, Entbehrung, Stoffe, Kunde, Erfahrenheit be- 
zeichnen, oder zu Verben des Anfangs und Endes» des Hin- 
derns und Fdrderlichseyns gebraucht werden; 2) vom Genitiv 
nach den Adjectiven mit dem a privativum und den auf f K o'c 
ausgehenden; 3) vom Genitiv zur Angabe der Tbeile bei dem 
Artikel, bei Adjectiven und Zahlwörtern, bei V erben. Dar- 
auf folgt nun §. 253. »von den Genitiven der äufseren Bezie- 
hung«, §.'254. » Genitive des Orts« und so fort, wo zwar 
die Ueberschriften dieselben geblieben, aber der Inhalt umge- 
arbeitet, besser und systematischer geordnet, und die einzel- 
nen Sätze vervollständigt worden sind. Dieses Bestreben 
besserer Ordnung und Sichtung des Stoffs, einer systemati- 
scheren , innerlich begründeten Verbindung der einzelnen Sätze 
und Regeln findet sich auch in der Lehre von den übrigen 
Casus. — §. 278. ist jetzt unter der Ueberschrift aufgeführt: 
„Eigenheiten im Gehrauch und in der Stellung der Casus, des 
Genus und Numerus«. Bei der Lehre von den Modi wollen 
wir nur aufmerksam machen auf die Lehre von dem Infinitiv 
§. 296, welcher hier so bedeutend vermehrt und verändert er- 
scheint, eben so die Lehre von den Partikeln, §. 299« über 



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910 Thiersch Griechische Grammatik, dritte Auflage. 



den Gebrauch von av und K sv, wo in einer Schlufsbemerkung 
der Ver£ die neuesten Ansichten von Hermann, Foppo und 
Reisig über den Grundbegriff und die Grundbedeutung dieser 
so verschieden aufgefafsten Partikel durchgeht, aber (und un- 
serm Ermessen nach mit vollem Rechte) sich gegen die Ansiebt 
erklärt, die durch diese Partikel bald einen höheren, bald 
einen niederen Grad der Ungewißheit bezeichnet wissen will, 
wie er überhaupt es für miislich hält , von einer Unterschei- 
dung von Graden der Ungewifsbeit zu reden. Auch die Lehre 
von den verneinenden Partikeln ist verbessert und vermehrt 
worden , wie z. B. §. 301. S. 542. die Note über , dessen 
Gebrauch und Construction , ferner §. 302. über den Gebrauch 
von dXXäf yd? u. s. w., §. 303. über ya und so fort. Aus dem 
zweiten Abschnitt führen wir nur an §. 312» der jetzt den 
Titel führt : n Ueber die Verbindung der einzelnen Theile dei 

. Satzes und der einzelnen Sätze einfacher Rede (Partikeln der 
Anreihung, der Gegenstellung, der Häufung oder Steigerung, 
der Ausschliefsung und Verneinung, Asynarteta)« , §. 3l3. 

. $.314. über Ellipse und Pleonasmus, §.330. über den Gebrauch 
des Optativs und so fort, §. 334 ff. §. 344 ff« «. 

Doch Recensent schliefst, weil er glaubt, schon genug 

i aus . dein reichen Inhalt dargelegt und wenigstens die haupt- 
sächlicheren Zusätze gröTseren 'Jheils angeführt zu haben. 

. Es kann das Gesagte hinreichen, um unser oben ausgesprochen 

. lies Urtheil zu bestätigen , und wird sich Jeder, der diese 
dritte Auflage genauer durchgeht, überzeugen, wie sehr auch 
im Einzelnen die bessernde Hand des Verfassers überall be- 
merkbar ist , und die Forschungen der neueren Grammatiker, 

i so wie die zum Theil jetzt erst bekannt gewordenen Werke 

- altgriecbischer Grammatiker aufs erfreulichste überall zur Be. 
richtigung und Vervollständigung des Ganzen benutzt wor« 
den sind. 

Angefügt ist S. 716. ein Verzeicbnifs der kritisch behan- 
delten Stellen Griechischer Autoren, dann S. 727 ff. ein Ver- 
zeiebnifs der wichtigsten Griechischen Formen und Redens 
arten; statt eines deutschen Registers ist eine genaue Ueber« 
sieht des Inhalts nach den * einzelnen Abschnitten und Para- 
graphen , mit jedesmaliger genauer Angabe des Inhalts dersel- 
ben, dem Buche selber vorausgeschickt, S. XVIII — XXXII. 



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■ 



Antiguites Romaine« par Adam, traduit de TAnglaü. 9il 

* 

Antiquites Romain» s ou tahieau des moeurs, wage* et institu» 
tions des Romains etc» etc. par Alexandre Adamy recteur 
du grand College de la ville^tPEdinbourg ; traduit de V anglais 
Sur la septieme edition , avec des notes du traducteur francais et 
quelques-unes du traducteur allemand. Seconde edition, revue 9 
corrigee et augmentee de la vie de V auteur , ainsi que de plusieurs 
notes nouvelles du traducteur francais» Paris , 1826. che» Ver» 
diere , Quai des August ins No* 25* Tome premier» Z#, ». 439 6*» 
Tome second. 624 <?• 

Dafs [diese französische Uebersetzüng des Adam'schen 
Werkes (welches doch, wie Jeder weifs, durch seine trok- 
kene, abgerissene , keineswegs lebhaft anregende Darstellung 
minder für ein französisches Publikum geeignet zu seyn schien) 
schon eine zweite Auflage gefunden hat, ist eine sehr erfreu« 
liehe Erscheinung, wovon freilich viel dem Verdienste des 
wackern Uebersetzers zuzuschreiben ist, der Übrigens überall 
streng an das Original sich gehalten und durchaus keine Frei* 
beiten sich erlaubt bat, die vielleicht die Darstellung erheben, ( 
aber mit der gewissenhaften Treue eines Uebersetzers nicht 
vereinbar sind. Er wollte die Form nicht auf Kosten des In« 
halts verschönern , oder dem Werke selber seinen gelehrten 
Charakter entliehen. Dabei hat er manches Irrige in dem Ori- 
ginal, auch manche falschen Citate berichtigt; er hat ferner 
einzelne Bemerkungen dem Originaltext in Noten beigefügt, 
von denen wir nur wünschen möchten, dafs sie noch zahlrei- 
cber geworden wären. Für die französischen Leser ist über« 
dies dadurch gut gesorgt, dafs z. B. alle Angaben von Maals, 
Gewicht u. dgl. auf französische Maafse reducirt in den Noten 
angegeben sind. Ehen so ist manches Andere in den Noten 
angedeutet und berichtigt, z. B. Tom. I. p. '33l9. über die hex 
Regia (worüber Ref. auch noch auf HeineCc. Syntagm. Antiqq« 
I. 2. §. 62. und Hugo Rechtsgesch. p. 520 — 523. der' achten 
Ausg. verweist); I. p. 397» Über die judicia publica der Rö- 
mer; Tom. II. p. 7. 75. 76. 105. (wo der Gebrauch de* ante im 
Römischen Kalender bei Bezeichnung der einzelnen Tage aus 
dem Umstände erklärt wird , dafs man das entgegengesetzte 
post, als ein Wort von übler Vorbedeutung, haoe vermeiden 
wollen); ferner Tom. II. p. 168. 2*6. 483 sq. 507. u. s. w. — 
Auch sind mehrere Noten des deutschen Uebersetzers mit auf- 
genommen , z. B. Tom. I. p. 299 sq. IL p. 512. 51 4» so wie 
am Schlufs S. 5l5 ff. eine Reihe von erklärenden Noten aus 
der deutschen Uehersetzung mitgetheilt; was nicht anders als 
vollkommen gebilligt werden muis. So sind auch die ausführ- 



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912 DU Pilger nach Jerusalem von Zepharowich. 

liehen Register am Schluß des zweiten Bandes zunächst nach 
denen der deutschen Uebersetzung ausgearbeitet. Endlich ist 
auch in dieser Ausgabe neu hinzugekommen und dem ersten 
Bande voran gedruckt ein Abrifs des Lebens des Verfassers, 
de» Engländers Adam, weil es in der That manches Interes- 
sante und Bemerkenswerthe enthält. Diesem Abrifs ist dann 
auch die Vorrede Adam's in französischer Uebersetzung bei- 
gegeben. Druck und Papier ist, wie bei den meisten Wer- 
ken der Art, welche in Frankreich erscheinen , vorzüglich zu 
nennen. 



Die Pilger nach Jerusalem* Ein historisches Gemälde zu 
Ende des XI. Jahrhunderts, Von Jak oh Edlen von Zc' 
pharowich. PPien, 1825. bei Schrämbl» 116 Seiten in 
Octav. 9 Cr. 

Diese Erzählung vom Anfang und Lauf der Kreuzfahrten 
nach dem heiligen Land unter Peter dem Einsiedler, bis Je- 
rusalem an einem Freitag, den 15. Juli 1099, erobert wurde, 
ist anziehend genug, auch den Quellen getreu. Schade, dafs 
nicht unter dem Texte auf die gebrauchten Bürgschaften kurz 
hingewiesen wird. Das B e w ä h r e n • sollte kein Teutscber 
umgehen. Nach dem Vorwort des Verlegers ist diese Probe 
Vorarh<?it zu einem gröfsern Werk über „Rom und Gräcien« 
Die geschicbtliebende Lesewelt wird den Verf. als VorerzSb- 
ler gerne hören können. 



N. 58, 1826, 

*■■'■.'• 

Heidelberger 

L 

Jahrbücher der Literatur. 



Rede bei Einweihung der neuen Synagoge in PPies* 
baden, den 24. Februar 1826. gehalten von Ahr ah» Aloses 
7% ndlauy Candidaten der Theologie. Nebst einem Vo rwort 
des Oier-Schul* und Kirchenruths , Dr. Schellen^ 
borg. Wiesbaden , bei L. Schellenberg. 1826. 40 S. in 8, 

Diese und ähnliche Zeiterscheinungen betrachtet Ree. als 
erfreuliche Beitrüge zur menschlichen und religiösen Bildungs- 
gesebichte. In der tiefruhigen Zeitperiode vor der Revolu- 
tion, wo die Gegensätze ohne geheimen Groll und Hohn ein- 
ander näher getreten waren, wo man Menschen schon durch 
die Geburt entweder tifir verworren oder für gnadenbegabt an- 
zusehen aufhören wollte , gieng die fast zur Mode sich gestal- 
tende Menschenliebe (der Fhilänthropismus) auch der einhei- 
mischen Judeuschaft so zuvorkommend entgegen , dafs man 
*ie, wie sie nun eben war, in Masse,* zur Gleichstellung in 
der übrigen Staatsbürgerschaft -aufzunehmen eilte» Die Er- 
fahrung lehrte dagegen 9 dafs man den Menschen , welche nicht 
zu seyn pflegen , wie sie wohl seyn sollten , nicht die Frei- 
heit aufndthigen und erst Sodann erwarten darf, wie gerade sie 
«ich derselben hintennach fähig und würdig zu machen stre- 
ben werden. Die Erfahrung lehrte, dafs richtiger und wirk- 
samer die bürgerliche Rechtsgleichstellung den Empfänglichen 
als der Preis vorzuhalten sey, welchen alle, aber nur einzeln, 
gewifs anzusprechen hätten, je nachdem sie, als Personen , 
als Familien , die erwünschte Proben gäben, sich von den vie- 
lerlei (pharisäisch -rabbinischen) llindernissen der allgemein 
nöthigen bürgerlichen Rechtlichkeit los, und durch eine der 
christlichen Moral ität und der Geschmacksbildung angemesse- 
nere Erziehung gleichartiger gemacht zu haben, Oer Mensch 
mufa in Sitte und Denkart sich selbst emaneipiren, Der In- 
länder zum Beispiel muis erst sich Selbst von einer fremdarti- 
gen Legislatur und Jurisdiction emaneipiren, ehe er in der 
That in der constitutionellen Gesetzgebung und Staatsverwal- 
tung Britanniens denen, welche nur die einheimische Regie- 

XTX. Jirhtf. 9 Hoft. \ 



914 Synagogen-Einweihung und jüdische Fortbildung zu Wiesbaden. 

rung anerkennen, rechtsgleich gestellt seyn kann. Der im 
Rabbinismus (welchen Jesus Christus als den PharisKismus 
mit Lebensgefahr bekämpfte) noch befangene Jude ist dem nach 
der Bergpredigt Jesu erzogenen Christen allzu ungleich , wenn 
euch das philanthropische Gesetz ihn rechtlich gleich au ma- 
chen voreilt. 

Weil nun die Erfahrung diesen Unterschied factisch bald 
allsu sehr nachwies, .iind dieser nur, wenn die bürgerliche 
Gleichstellung jedem Einseinen als der Preis des selbsteigenen 
rechtlichen Gleichwerdens zum Ziel vorgesteckt ist , gehoben 
werden kann, so konnte, unter Mitwirkung anderer zurück- 
drängender Zeitumstände , das andere Extrem leicht wieder- 
kehren, welches dem von vielen Ceremonien und zum Theil 
von moralisch bedenklichem Aberglauben nicht freien , aber 
dagegen doch von speculativen Dogmen wenig gebundeneu 
Juden das alte Dilemma vorhält , entweder ein kirchlich dog- 
matischer Christ zu werden, oder (bis zum Ueberdrufs) in all 
jenem pharisäisch - talmudisch • rabbinischen Willkührdienst 
befangen und gedrückt bleiben zu müssen. Scheinen nicht 
Überhaupt manche Zeitbestrebungen durch unverbessertes 
Repristiniren versuchen zu wollen, wie weit denn die Er- 
kenntnifs dessen ^ was seyn soll, sich bereits verbreitet ha* 
he und ob sie also eine staatskluge Berücksichtigung verdienen 
möge ? 

Entgegengesetzte Extreme weisen um so eher auf den 
M,i 1 1 e 1 w e g. Die u ngleich gebliebenen in Masse dennoch den 
zur Bürgerlichkeit gebildetem gleichstellen wollen, war ein 
in der Theorie leicht erkennbarer, durch die Praxis sichtbar 
gewordener Fehler, Aber jeder Versuch, die meist verstand- 
widrige Gesetzlichkeit der Kabbinen den vielen verständiger 
gewordenen unter den Jüdischgebornen wieder zum Notbge- 
setz su machen , wird eben so wenig das Ziel des Auctorität- 
glaubena erreichen, vielmehr wahrscheinlich Beförderung dei 
Gegentheils seyn; wie, nach dem Sprichwort, der zu straff 
gespannte Bogen bricht, und was einmal als belachenswerth 
erkannt worden ist, nicht mehr ehrwürdig gemacht werden 
kann. Um so erfreulicher sind authentische Nachrichten , wie 
dem Besserwerden zwar nicht vorgeeilt , aber wie es vielmehr 
durch ernstliche, kräftige Vorbereitungen möglich gemacht und 
beschleunigt werde. 

Authentische Notizen dieses Inhalts giebtdas die Synago- 
gen- Einweihung*- Rede einführende, ächt menschenfreund- 
iche und umsichtige Vorwort eines Sachkundigen, 
welcher seit vielen Jahren am das gesammte Erziehungswesen, 



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Synagogen- Einweihung und jüdische Fortbildung in Wiesbaden. 510 



wie es in das rechtwollende und richtigdenkende Leben thatig 
und anwendbat einleiten soll, sich der bekannten und stillen 
Verdienste viele erworben hat. Die manchfache Vefbesse- 
rungsanstalten, für welche die Nassauische Regierung dert 
Naturreichthum des Landes mitzu verwenden Sich beeifert; 
welchen sicherern Grund und Boden können Sie haben, a]S 
eine in allen Beziehungen und VolksclaSSen zur Verständigkeit 
und Rechtscbaifenheit leitende und gewöhnende Erziehung! 
Wahr und würdig sind hier die Grundsätze 9 welche diesen 
Boden befruchten, ausgesprochen, aber auch dieguten Früchte 
davon durch ThatSachen und Proben bewährt, 

„Jeder Menschenfreund — - sagt der Hr. dberschulrath 
Seh. S. 5- — blickt mit theilnehmender Freude auf die bür- 
gerliche und geistige Veredlung mehrerer Millionen seiner 
Mitmenschen hin, aus der Schönen MorgenrÖthe einen heitern! 
Tag ahnend. Aber geistige Veredlung kann nur langsam 
erfolgen; von ihr wird die äufsere bedingt« Verjährte 
Vorurtbeile werden nicht auf einmal verdrängt, und in keinem! 
Fall darf äussere „Gewalt" einschreiten. Auch hier läfst sich 
nur von der bessern Erziehung und Belehrung der Jugend eine 
bessere Zukunft erwarten; zumal da dieselbe bisher, beson- 
ders bei dem weiblichen Geschlecht , dessen Einflufs auf diel 
häuiliche Erziehung von entschiedener Wichtigkeit ist, Sehr 
vernachlässigt wurde. Die bessere Bildung der Jugend aber 
Setzt befähigte Lehrer voraus; woran es bisher nur zri 
Sehr mangelte. Was konnte man auch von Menschen erwar- 
ten, denen es an eigener Bildung und den ndthigen Kenntnis« 
Sen fehlte, die man gegen einen geringen Lohn , gleich Dienst- 
Loten , auf Monate dingte, die wöchentlich von einer Familie 
zur andern (unter Nahrungssorgen , in der Abhängigkeit vOri 
allen Vor urtheilen der Ernährer) umher wanderten , und dabei 
niedrige Nebenbeschäftigungen verrichten mufsteri. Diese 
Menschen besafsen , Wie ich aus mehreren Prüfungen weifs,- 
nur eine oberflächliche Kenntnifs der hebräischen Sprache; 
vom Geiste der mosaischen Religion ahheten sie nichts ; ihr 
anzer Unterricht bestand darin, Gebetsformeln und die zU 
eobachtenden Ceremonien dem Gedächtnifa der Jugend ein- 
zuprägen. Bereiten wir erst befähigtere jüdische Lehrer j 
ertheilen Solche den Religionsunterricht nach einem bessern 1 
Leitfaden, wie der des würdigen JoSUdrt in Frankfurt am 
Main ) werderi die Gebete nicht mehr in einer unbekannten 
Sprache hergesagt} Werden die öffentlichen ReligitfrtSvör träge 
in den Synagogen in deutscher Sprache und iai Geiste' 
deines verehrten Freundes $ Hrn. Dr. Salom dri iri Harüburg 



yiö Synagogen-Eiowcihuüg und lüdwche Fortbildung ia Wiesbadca. 

gehalten ; dann wird der jüdischen Nation wahres Herl wider- 
fahren, und sie unter ihren Mitbürgern eine ehrenvolle Stelle 
einnehmen. Nicht von Aufsen allein, sondern hauptsäch« 
lieh von Innen kommt das wahre Heil. Möchten 
doch alle Regierungen dieses beherzigen , und von diesen 
Grundsätzen bei Erhebung und Beglückung ihrer jüdischen 
Unterthanen ausgehen ; wovon in den neuesten Zeiten mehr 
gesprochen und geschrieben, aber^wofür noch immer nur we- 
nig geleistet worden ist, 

„Erfreulich ist es mir hier öffentlich sagen zu können, 
was in meinem Vaterland für das Wohl der jüdischen Einwoh- 
ner eingeleitet, indefs'die künftige bürgerliche Verfassung 
zwar hingst entworfen , aber noch nicht in Vollzug gesetzt 
ist. Achthundert und vierzig Kinder israeliti- 
scher Eltern, vierhundert und dreizehn männlichen und 
vierhundert sieben und zwanzig weiblichen Geschlechts , vom 
sechsten bis zum zurückgelegten vierzehnten Lebensjahre, 
haben im verflossenem Schuljahre die Elementarschulen ihres 
Wohnorts besucht. Schulversäumnisse, welche bestraft wer- 
den , gehören zu den Seltenheiten. Diese Kinder zeich- 
neten sich in der Regel durch F leifs und Kennt- 
nisse aus; die Knaben nehmen nicht nur Theil 
an dem Unterricht in der Baum- und Obstcnltur, 
sondern auch häufig an den Arbeiten der Indu- 
strieschulen. Die Pädagogien und das Gymna- 
sium werden von jüd i sehen 'Jünglingen besucht. 
Nur dein ältesten Sohne einer Familie wird der Handel ver- 
stauet, die übrigen sollen durch Ackerbau, Handwerke und 
Künste ihr Brod erwerben, werden aber alsdann auch den 
übiigen Staatsbürgern in den Abgaben gleich gehalten. Zum 
Erlernen eines Handwerks oder einer Kunst erhalten sie nach 
Bedarf Unterstützung, wozu Herr von Rothschild in 
Frankfurt am Main grofsmüthig einen Beitrag spendet. Wir 
liaben jüdische Advocaten und lAerzte. Nur Inländer werden 
als Ileligionslehrer zugelassen, und es gereicht den ineisten 
zum Hu hm, dafs sie an den Schulconferenzen und den Lese- 
zirkeln ihrer Inspection Theil nehmen, auch die aufgegebenen 
Ausarbeitungen, wie die christlichen Lehrer , an die Schul- 
inspectoren einreichen. 

M Die jüdische Gemeinde zu Wiesbad en ist nicht 
zahlreich, besitzt auch nicht viele reiche Mitglieder, doch 
scheute sie kein Opfer, um, mit menschenfreundlichen Unter- 
stützungen , eine neue Synagoge zu erbauen , da die alte un- 
brauchbar geworden war. Sie ist einfach aufgeführt» doch 



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Sjnagogen-EinweiliUDg und jüdiwho Fortbildung in Wiesbaden 917 



geschmackvoll ^ und würde den 24. Februar 1. J. bei einer 
zahlreichen Versammlung feierlichst eingeweiht. Bei dieser 
Feierlichkeit hielten zwei junge Männer, Söhne des Vater- 
landes, Einweihungsreden in deutscher Sprache. Der zweite 
Redner war Solomon Her xhe i m e r v$n Dotzheim , einem 
in der Nähe dieser Stadt gelegenen Dorfe. Er ist der Sohn 
armer Eltern, und erhielt, von seinen Glaubensgenossen in 
hiesiger Stade unterstützt, den ersten Unterricht dahier von 
jüdischen Lehrern , worauf er einige Zeit in Mainz verweilte. 
Sechs Jahre lebte er als Hauslehrerin der Stadt Iferhom, und 
Weihete als solcher die neue Svnaaoae zu Westerburg ir.it 
einer deutschen Rede ein, welche Herr Kirchenrath Hey- 
den reich in Herborn im Druck herausgegeben bat. Zwei 
Jahre besuchte er die Universität Marburg, und befindet sich 
seit Ostern zur Vollendung seiner Studien auf der Landes« 
un i ver si tä t (?) Göttingen. Die von ihm bei Einweihung der 
hiesigen Synagoge gehaltene Rede ist im Druck erschienen, 

„Der erste Redner, dessen Vortrag ich durch dieses Vor- 
wort bei dem Publikum einführe, Abraham Moses Ten d- 
lau, ist der würdige Sohn hiesiger rechtschaffener Eltern. 
Nachdem er die Elementarschulen und das l'ädagogium hiesiger 
Stadt mit den rühmlichsten Zeugnissen besucht, hat er meh- 
rere Jahre in Mainz und Frankfurt dem Studium der mosai- 
schen Religion, der Sprachen und Wissenschaften gewidmet, 
und steht im Begriff, zu seiner weitern Fortbildung die Uni- 
versität Göttinnen zu besuchen.« — - — - — 

Die Rede des Jüdischen Candidaten der Theo- 
logie zeigt n^cht nur gründliche, sondern auch zeitgemäfs 
angewendete, allgemeingültige Religionskenntnisse. Viel 
ist's, einen von so viel hindernden Umstünden umgebenen 
Jüngling so weit gebildet zu sehen. Möge seine weitere 
ileilsige, der Unterstützung würdige Bildung auf der Univer- 
sität ihn in gleicher Bescheidenheit erhalten und die berich- 
tigende Vermehrung seiner Kenntnisse mit der Uebung des lo- 
gikalischen Urtheilens und Auswählens verbinden. Se.br löb- 
lich benutzt seine Rede nicht nur viele Bibelstellen ("welche 
aus christlichen Predigten entweder viel zu sehr verschwin- 
den , oder oft gegen ihren reinen Ursinn und Zusammenhang 
angewendet werden). Auch aus dem Talmudischen und eini- 
gen angesehenen Rabbinen benutzt er mit Recht das nutzbare. 
Bei den gewählten Textworten 2 Mos. 25, 1 — 9. 29, 46 
5 Mos 10, 12, welche demEwigen (Jehovah) zu „dienen" 
auffordern, bemerkt S. i3: „In diesen und andern Stellen be- 
zieht der Talmud das Gebot: ihm dienen, auf die Ver 



918 Synagpgen - Einweihung und jüdische For&üduag lo Wiesbaden. 

ehrung Gottes durch dasGebet. Diese* Gottesdienst, der 
bei ütfs jetzt den einzigen ausmacht, bat — wie die Rab- 

binen sagen einen noch höbern Werth, als zur Zeit 

des Tempels das Opfern. Hoeea* spricht: »Statt der Fer- 
ren wollen wir Geb et dir opfern. • Er besteht in vier Thei- 
len: in Jp&ftft Lob der Qottheit, JTTttl V***k für deren Wohl* 
thaten 9 Bekennen der Sünden, mit der Bitte um Ver- 

leihung 9 tVBWJi W l t te uni Wohlergeben « 

Der Redner fordert auf fQr eine wahre und ächte Ver- 
ehrung Gottes* laicht durch fradition blos f sondern 
auch in dem Inpern selbst entstanden. Er macht dabei in der 
Note die feinere Unterscheidung: Deuter. 3l? 10 — 12. im 
Texte — 2Wtt • • • • WüW ypvb — Von den noch unwis- 
senden Kindern aber J.eifefs daselbst: jktV fTE^} VEET 
*Sie sollen hören und lernen . • • Ehrfurcht haben . . 
Also durch Tradition sind sie blos einzuweihen. — Damit 
verbindet er die treffjiche Stelle vom Erkennen Gottes durch 
Nachdenken Jerem. 9, 22 — 23. nach Maimonides Erklärung 
zu diesen Versen im JVtore Nebuphim 3. Tb. 34. Abschn.* so 
wie Aben Tbibons Vorrede zu Schemona Perakim des Maimo- 
nides. : 

S. 23. »Nicht den bedrängten Armen nur, auch den mit 
Glück Oberhäuften Reichen hält die Ueberzeugung der Allge- 
genwart Gottes, das Andenken an die gerechte Vorsehung, 
aufrecht. Der Gedanke an Gptt gleicht jener Wol- 
ken» u-nd Feuer säule, welche Israel begleitet ha- 
ben. In den Leiden der düftern Nächte ist er 
uns eine leuchtende Feuersäule, und wenn des 
Tage,* Glück ups leuchtet^ eine zurechtweisende 
Wolkensäule.« 

Besonders ausgezeichnet zu werden verdieint, wie gut 
unterscheidend — nach S. 26. und 27. — der junge Vf. über, 
das Beten zu depken gekernt hat. S. 25. »Nicht das Fle- 
hen upd Verlangen uni Etwas macht dje Haupt- 
sache des gqttesdienstlichen Gebets aus; wir dür- 
fen durchaus nicht Gebet mit Bitte verwechseln. Der ei- 

feptliche Zweck des Gebets ist, wie wir gesehen, da* Erbe- 
en zu Gott, oder die Anerkennung der göttlichen Allmacht 
und Allgegenwart. Lob und Dank, mit dem Bekenptnifs un- 
serer menschlichen Schwachheiten, und mit dem festen Vor- 
satz, immer mehr der göttlichen Absicht zu entsprechen, uns 
immer mehr unserer Vervollkommnung näher zu bringen« dss 
?st das. wahre Gebet, der wahre G p t tes d föM* 



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Verhandlungen tur Beförderung des Gewerbfleifses. J19 

i 

Wohl ist um erlaubt, unsrem Gebete auch unser Bitten 
um göttlichen Schutz und Hülfe beizuordnen; . wir haben so* 
gar Versicherung) dafs ein inbrünstiges Flehen Erhörung findet ; 
aber nicht dieses , sondern allein das geistige Annähern 
zu Gott ist der wahre Zweck des Gebets, der wahre Gottes« 
dienst ; « 

S. 26. »So nur ist der Gottesdienst Seht und wahr zu 
nennen, und auf diese Weise ward er auch von der gros« 
sen Synode angeordnet. Unserer Bitte , unserer Bufse, mufs 
die Ueberzeugung der (heiligen) Allmacht und Allgegenwart Got- 
tes , das Anerkennen seiner Liebe und Gnade gegen uns, das 
Bekenntnis unserer Ehrfurcht, unseres Vertrauens auf ihn 
vorangehen. Im Talmud heilst es (Tract. Berachoth S. 36.)» 
„Man wird etwa der Meinung seyn: zuerst bitte der Mensch 
um seine Bedürfnisse , alsdann verrichte er sein Gebet. Aber 
es heifst schon bei Salomen : nn Vernimm meinen Gesang , 
mein Flehen ««* Gesang das ist das Gebet, Flehen das 
ist die Bitte," Wir sind daher auch verpflichtet, der wun- 
derbaren , aus egyptischer Sclaverei geschehenen Erlösung, 
die allerdings Gottes gerechtes Walten auf Erden bezeugt, in 
unserem Gebete zu erwähnen. Nach dieser Weise ist auch das 
Gebet, das sogenannte Schemona esara , angeordnet. ** 

S. 27« yj Wir sehen auch leicht i in, dafs ein gedanken« 
und gefühlloses Hersagen von Gebetsformeln nicht Gebet ge- 
nannt zu werden verdient,«« Ein Gebet ohne innige Acht* 
samkeit, sagt ein rabbinisches Sprüchwort 9 gleicht einem 
Körper ohne Seele ; 

— Auch der Gymnasialunterricht , in welchem Hr. T. bis da- 
hin gebildet worden ist, hat offenbar von einem Zögling, der 
nun mit solchen Vorkenntnissen und Vorübungen zur Univer- 
sität gehen kann , Ehre. 

3. Sept. 1Ö36. Dr, Paulus. 



Verhandlungen des Vereins zur Beförderung des Gewerhsflelfses in 
Preussen. Redigirt vom Prof, Dr. Schub arth. Erster bis 
vierter Jahrgang. Berlin , bei Dunker und Humhloi. 18l2 — i825, 
4. JÜJb vielen Kupfern. 

Der Jahrgang in 6 Lieferungen zu 3 Rthlr. 

Refc hat die Anzeige dieser Zeitschrift absichtlich verspä- 
tet, um erst einige Jahrgänge abzuwarten, und ihren Gang 



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920 Verhandlungen zu* Beförderung des G ewerbfleif ses. 

und Gebalt deutlicher zu erkennen. Nachdem nun vier Jahr« 
günge vorliegen, wird es leichter seyn, ein Urtheil Zufällen. 

Diese Verhandlungen sind zunächst dem preussischen Ge- 
werhsverein und Preussen überhaupt gewidmet, und enthal- 
ten eine Entwickelung aller Angelegenheiten jenes Vereins. 
So giebt die erste Lieferung im Jahre 1622 das Statut des 
Vereins selbst, die übrigen Lieferungen aber die Namen der 
Mitglieder überhaupt , so wie jener der einzelnen Deputatio- 
nen , die Freisaufgaben und Vertheilungen der Preise , Aua- 
züge aus den Protokollen der monatlichen Versammlungen u. 
s. w. Der übrige Inhalt besteht 

I, aus Originalabhandlungen. Ref. will sich nicht darauf 
einlassen, sie alle zu nennen. Mit Uebergehung der weniger 
wichtigen, will er nur die interesantesten anführen. 

In chemischer Beziehung sind bemerkenswert : Ueber 
die Benutzung der Thierkohle zur Raffini rung des Zuckers. 
Die Abtheilung des Vereins für Chemie und Physik nimmt 
darin an, dafs man noch nicht bestimmt wisse, wie die Kohle 
als Entfärbungsmittel wirke. Ueber die Anwendbarkeit 

des künstlichen Wallrathes. Der Berichterstatter Hr. Hermb- 
städt meint, durch Behandlung thierischer Substanzen unter 
Wasser erhalte ^mSn immer nur eine übelriechende Masse, die 
sich nicht zu Lichtern ei^ne. Später bat aber doch v. Hart- 
kol das Gegentheil durch direkte Versuche bewiesen. — 
Ueber die Anwendbarkeit von Beaumier's Methode, die Schaaf- 
wolle zu entschweifsen. Nach CoquerilPs Versuchen ist diese 
Methode, welche den Urin verwirft, und blos beifses Was- 
ser anwendet, wenigstens für die feinen deutschen Wollsorten 
nicht hinreichend. — Ueber Hossauer's (in Berlin) plätinirte 
Kupfergeschirre. Nach den von Hermbstädt angestellten Ver- 
buchen ersetzen sie vollkommen die aus blofsem Platin verfer- 
tigten (jeräthe. — Ueber den Aletal] mohr , von Dr. Wagen- 
xuann. Eine sehr gründliche» ttcht wissenschaftliche Beleuch- 
tung dieses Gegenstandes. — ■ Ueber .eine einfache Methode, 
Essig auf den Ge.halt an Säure zu prüfen, yon Prof. Völker in 
Arfurt. Er wendet Kalkwasser an, und berechnet die Volum- 
theile, die zur Sättigung des Essigs notwendig sind. Der 
Berichterstatter, Hr. Hermhstadt, ist nicht ganz mit dieser 
Methode einverstanden, Ref. glaubt aber, dals sie dieselben 
Vortheile und noch mehr gewühre, als die in Preussen gesetz- 
lich eingeführte mit kohlensaurem Kali. — Völker's Beschrei- 
bung einer Vorrichtung, um bei der Branntweindestillation 
das, Entweichen geistiger Dämpfe und die Bildung des Grün- 
span* tu hindern. Auch dagegen erklärt sich Hr. Öermbs$ädt, 



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Verhandlungen zur Beförderung de« GewerbÜeifses. 021 

» 

jedoch mit mehr Gründen, indem der von Völker vorgeschla- 
gene Apparat Wirklich nur für schlecht construirto Biennap« 
parate ohne Vorwärmer nützlich seyn kann , jetzt aher schon 
viel vollkommnere Apparate vorhanden sind. — Hermbstädt 
und Wagenmann über Gewinnung und Reinigung des Holz- 
essigs. — Schubarth ül>er das chinesische Weifskupfer, und 
die vom Vereine angestellten Versuche zu seiner Darstellung, 
welche ziemlich gelungen sind. — Lewald Geschichte des 
Galmeybaues in Schlesien. Dieser Bau hatte in der letzten 
Zeit durch den grofsen Absatz des Zinks nach Ostindien sehr 
zugenommen. — Ueber das Niello und Nielliren. E» l)esteht 
aus Vertiefungen in Gold- und Silberarbeiten, die mit einem 
schwärzlichen Email ausgefüllt sind. — Witting Über dieRei« 
nigung des Branntweins vpn empyreumatischen Theilen, — 
Ueber den Gebrauch des Johannisbeersaftes statt des Citronen- 
saftes. Der erstere kann den letzteren nicht wohl ersetzen , 
weil er mehr Aepfelsäure und ein Ferment enthält, welches 
seine Aufbewahrung bindert. Besser dient er zur Weinbe- 
reitung. — Weber über die Verbesserung der Stubenöfen und 
über die neuesten Sparöfen von Feiner in Berlin. Diese Oefen 
sind wirklich holzsparend , und haben so viel Beifall gefunden, 
dafs Hr. Feiner blos im Jahre 1822 vier und fünfzig Stück ab- 
setzte. — Wagenmann über zweckmässige Construction 
der Feuerungen mit Luftzug. — Weber über- das Decatiren 
der Tücher mit Wasserdampfen. 

In mechanischer Hinsicht sind folgende Abhandlungen in- 
teressant : •Ueber die englischen Holzraspelmaschinen. — Ue- 
ber 4as Filzen der Hüte. Die mechanische Operation des Fil- 
eens wird nach Guichardiere sehr erleichtert, wenn dem Bade, 
in welches man die Hüte beim Filzen eintaucht, ein Dekokt 
von Eichenrinde zugesetzt wird. Diese Versuche wurden in 
Berlin wiederholt und bestätigt. ; — Beschreibung zweier Ma- 
schinen, die gleichzeitig zum Schneiden und Lochen von Me* 
tall dienen. — Ueber Maschinen zum Ahscheeren der Haart» 
an Bieber - und Hasenfellen. — Ueber die Anwendung der zu- 
sammengesetzten Hebel bei Buchdruckerpressen und Präge- 
werken. — Pistor über die Herstellung grösserer optischer 
Instrumente. Dem Verf. ist es, nach dem eigenen Besuche 
der englischen Werkstätten, durch viele und kostspielige Ver- 
suche gelungen , Arbeiten zu liefern, die man den englischen 
an die Seite stallen kann, und die doch wohlfeiler sind, als 
die berühmten von Fraunhofer in München. — Ueber die 
beste Einrichtung einer Schlemmerei für Ziegelfabrication. — 
Beuth über Anketketten, eiserne Kriegs- und Kauffahl tei- 



922 Verhandlungen rar Beförderung des GewerbHetfee* 



und eiserne Fäzeer. Die Ankerketten wurden zuerst 
angewendet vom Capt. Samuel Brown. Jetat aind sie in der 
englischen Marine schon sehr verbreitet , und man hat den 
Kettengliedern jetzt eine viel passendere Form gegeben. Sie 
aind haltbarer auf einem Klippengriinde, und ersetzen durch 
ihr Gewicht im Schleifen oft einen verlorenen Anker. Auch 
können sich die Schiffe , welche solche Ketten besitzen, eher 
an klippenvolle Küsten wagen. Selbst ein preussisches Schiff, 
welches auf Rechnung der Kön. Seehandlung eine Reise nacb 
Ostindien machte, verdankte seine Erhaltung während eines 
Sturmes im Hafen von Valparaiso einer Ankerkette. — Be- 
achreibung und Abbildung einer Kreissäge; kura und deut- 
lich, und verdient um so mehr Beherzigung, als es gewiß 
Wünscheuswerth ist, dafs unsere alten schwerfälligen Vertical- 
sägen, welche so viel Holt in die Späne schneiden, von den 
Circülarsägen verdrängt werden. — Beutb Ober Mehlausfuhr 
und Verbesserung des Mahl wesens , mit Abbildungen. Eine 
der gehaltvollsten Abbandlungen dieser Zeitschrift ! Deutsch- 
land hat einen sehr lohnenden Getreidebau, und doch steht 
die Construction der Mahlmühlen und das ganze Mahlwesen 
noch auf einer sehr niedrigen Stufe, sollte es aber um so we- 
niger seyn , als man bei den jetzigen geringen Getreidepreisen 
an eine bessere Verarbeitung des Getreides und an eine Aus- 
fuhr von haltbarem Mehl zu denken gewifs alle Ursache hätte. 
Die Engländer und selbst die Amerikaner sind hier wieder 
unsere Vorgänger und Muster. Das Netzen der Körner, w 
cbes der Dauerhaftigkeit des Mehles so sehr schadet, fällt 1 
der neuen Methode weg. Eine eigene Reinigungsmascl 
trennt die Körner von allen fremden Beimengungen, reinij 
•ie an der Oberfläche 9 und sondert sogar die obere Hülse 
(Reibeisen und Bürsten in einem Walzenaipbe leisten di 
Wirkung). Die Engländer wählen französische Steine 
La Ferte* sous Jouarre sorgfältig aus , vereinigen mehrere 
gleichartige Stücke zum Lauf er und Bodenstein , und gehen 
ihnen keine bogenförmige , sondern mehr theil weise parallele 
Hauschläge. Zwischen diesen Steinen wird das Mehl besser 
von der Schale getrennt, die Kleie weniger zerkleinert, wo- 
durch geriqge Mehlgattungen vermieden werden. Die zer- 
mahlene Masse wird durch Maschinerie, die Mehlleitung und 
den Meblelevator in ein oberes Stockwerk gebracht, dort 
durch Röhren mit einem Maschinenrechen abgekühlt, und 
dann erst in einem Beutelwerke von Metallgewebe in Mehl 
und Kleie getrennt. Die Reinigung» • und Beutelmascfciae 
lassen sich an unseren Mühlen leicht anbringen. — Üebcr 

AS***"-.' 



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Verhandlungen tur Beförderung des Gewerbfleifiet. 923 



Trittmflhlen. Es wird erwiesen , dafs sie bei acbt und, viertig 
Schritten in der Minute der Gesundheit der Arbeiter eher zu- 
trüglich als nachtbeilig Seyen. Aber in rechtlicher Beziehung 
werden einige Bedenken gegen sie erregt. 

In Beziehung auf den technischen Haushalt , auf die histo- 
rische und statistische Seite bebt Ref. folgende Abhandlungen 
heraus: Kunsh über Schafzucht und Wollgewerbe in Preussen. 
Preussen hatte im Jabre 1Ö20 in seinen sieben und* zwanzig 
Regierungsbezirken über neun Millionen Schafe, und auf der 
Quadratmeile im Durchschnitte 1803 Stucke, darunter fast 
eine Million ganz veredelter und Ober drei Millionen halbver- 
edelter Schafe, <— Ueber die Ertheilung der Patente im Kö> 
nigreich Preussen. Man sieht hieraus y dafs im Gegensatze 
der französischen und englischen Gesetzgebung in Prensserr 
eine strenge Prüfung der Neuheit oder Eigen thürnlipbkeit der 
Erfindungen vor Ertheilung des Patentes statt findet. — Kunth, 
Ober Katfee, Zucker und Taback. Der Verfasser thsilt sehr 
gute historische und statistische Nachrichten, aber die Entste- 
hung, Verbreitung und Gröfee der Consuintion dieser Artikel 
in Europa mit, und spricht dabei einige interessante Wahr- 
heiten der Nationalökonomie aus, nämlich dafs eine luxuriöse 
Consuintion für den Nationalwohlstand nicht immer verderb- 
lich ist, dafs sie eine Menge produktiver Arbelten veranlagt, 
und dafs die Nation doch etwas besitzen mufs , wenn sie. 
Luxusausgaben bestreiten will, dafs also Nationen, bei denen; 
der Luxus schon lange sehr hoch steht, dieses Aecruivalent 
nachhaltig erworben haben müssen. — - Ueber die Einführung 
mehrerer wolletragenden Thiere in Preussen, insbesondere 
der Shawl- Ziegen; Die Bemühungen der Engländer und 
Franzosen sind nier zusammengestellt, und über die Fabrica,« 
tion der Shawis ist Mehreres gesagt. Der Gegenstand bat of- 
fenbares Interesse bei dem hoben Preise der Cachemire-Shawls, 
der grofsen Liebhaberei für ihren Gebrauch , und der Mög- 
lichkeit, unsere einheimischen Ziegenhaare zu veredlen. — 
Kunth zur Geschichte des Seidenbaues undSeidenhandels, b#> 
sonders des älteren. — Niederstetter über den Handel von 
Europa mjt China. — Kunth über Nutzen oder Schaden von 
Maschinen, besonders in Fabriken. Eine sehr gründliche Ab- 
handlung über die unbestreitbaren Vorzüge der Maschinen- 
anwendung vor der hlofsen Handarbeit. Es wird hier stati- 
stisch nachgewiesen, dnfs die Maschinen jetzt viel mehr Hände 
heschäftifien. selbst in England, als früher die Handarbeit, 
dafs die r ahrication an Masse und Güte gewonnen hat, die 
Produkte vfej wohlfeiler geworden, und die menschlichen Gc- 



I 



924 Verhandlungen zur Beförderung des Gewerbfleifscs.. 

nüsso sehr erhöbet und vermehrt worden sind. — Niederstet, 
ter Uber den Handel von Europa nach den spanischen Colonien 
in Amerika. — Glasgow von Beuth, Der Verfasser, welcher 
England selbst bereiste , liefert hier eine treffliche Schilderung 
der berühmtesten Fabrikstadt von Schottland, verbreitet sich 
über die wichtigsten Zweige der Technik , die dort betrieben 
werden , und belegt alle Angaben mit Zahlen. — 'Beitrüge zur 
Kennt nils der Concurrenz Egypteus in der Leinenfabrikation, 
in dem Flachs - und Hanfbau und der Cultur der Baumwolle. 
Welches Motiv für Deutschland, den Flachs- und Hanfbau, 
die Spinnerei, Weberei, Bleicherei zu vervollkommnen! — 
Hagen über den Einßufs der Maschinen auf das allgemeine 
Wohl. Nicht so Interessent, als der obige Aufsatz von 
Kunth. 

II. Mittheilung fremder Entdeckungen und Auszüge aus 
interessanten Schriften. Ueber die Bouillontafeln von Proust. 
Stevenson Beschreitung der Hängebrücken. — Ueber Tritt- 
mühlen in Gefangenhäusern. — Payen und Bussy über Entfär- 
bung vegetabilischer Substanzen durch Kohle. — Ueber Flachs- 
bereitung ohne Küste, und besonders über die Kuthe'scbe Ma- 
schine. Der Verein sucht die angeblichen Vortheile der neuen 
Bereitung in Schatten zu stellen , und zu zeigen, dafs die Koste 
unentbehrlich sey. lief, glaubt aber, dafs dieses Urtheil et- 
was zu voreilig seyn dürfte. Eine physische Unmöglichkeit 
läist sich bei der neuen Bereitung nicht nachweisen, und wer 
die Geschichte der neueren Technik kennt, weifs, dafs noch 
manches Andere entbehrlich gemacht worden ist, was mau 
für unentbehrlich hielt. — Ueber Bereitung und Veredlung 
des Weines. Eine von der K. technischen Deputation liir 
Gewerbe verfofste und von dem Minister mltgetheilte Abhand- 
lung. Nichts Neues. Alles hier Gesagte weils man in VVein- 
1 ."indem schon langst. Die preussischen lllieinprovinzen, 
Welche Wein bauen, werden durch diese Abhandlung nicU 
sehr belehrt worden seyn. — Ueber l'erkins Dampfmaschine 
und Spilsburg neue Gärbemethode. — Ueber den Bau 
neuseeländischen Flachses (l'hormium tenax). Link hält seine 
Acclimatisirung in l'reussen für sehr unwahrscheinlich. 

III. Notizen. Sie betreffen die in l'reussen ertheilten 
l'atente, die Geschichte der Rheinisch - Westindischen Com- 
pagnie, die Wolhnürkre in Berlin, Breslau u. 8. W. 

Diese Anzeige wird hinreichend seyn, den Werth dei 
Verhandlungen zu beurkunden. Nur das mufs Kef. be- 
setzen, dafs es wünschensvvei th gewesen wäre, der \ ertr- 
hätte den Treis für Fremde vom Jahre 16*26 an nicht verdop 




Xeoophoatis Anabasi* od« Kroger, yifl 

pelt f und liefse sie in den bisherigen Lieferungen, und nicht 
in ganzen Jahrgängen vertheilen. Die Verbreitung nützlicher 
Kenntnisse könnte dadurch nur gewinnen. 

■ . 

m ♦ 

x8/» Rtcognomt et illtutravit C. ö. Kr U gor. Halb Saxortum 9 
in bibliopolio Hsmmerde et Sehwettohke. MDCCCXXVL XXIV 

und 560 S. in gr. 8. 2 Thhv 6 Gr. 

f ...» 1 r 

Der Herausgeber, welcher seine Bearbeitung der Anaba- 
sis mit folgender Dedication : T o?; tcuv fxu^/wv p/opaic toi$ ir^$ 
t^v tu»v ßapßotQwv mal xfuxTo/ta^/fapco* co/jiorifra na< dirtartav aal daißaiav 
v.ai Xoyty xai ^pyw dy(uvt<rafxs'vot$ t« Kai a*ycuv/£o/x£vof5 nai v/x£v, 

und einem Griechischen Vorworte: 'Ef K^y^ » beginnt, 
hatte schon früher die Absicht, eine gr öftere, ausführliche 
Ausgabe, dieses Xenöphonteischen Werkes zu liefern. Auf 
die Bitte des Verlegers (die in den ungenügenden Ausgaben 9 
welche meistens in Händen der Lernenden wie der Lehrenden 
sich beAnden, freilich nur zu sehr begründet war) änderte 
Hr. Krüger jedoch seinen Plan dahin, eine für den Schulge- 
hrauch bestimmte Ausgabe zu liefern, i* welche zugleich das 
Geeignete aus den für jene gröfsere Ausgabe bestimmten Com« 
mentareri aufzunehmen sey. Das dringende Bedürfnifs einer 
solchen Ausgabe forderte überdies baldige Abhülfe und mufste , 
das Erscheinen derselben beschleunigen. Für den Standpunkt 
unserer Beui theilung wirft sich daher sogleich die Frage auf, 
ob diese Ausgabe dem bemerkten Zweck entspreche und somit 
jenem fühlbaren Bedürfnifs abhelfe. Diese Frage kann Ree. 
nicht anders als bejahend beantworten , und mit Vergnügen 
ergreift er diese Gelegenheit, durch eine nähere Analyse die- 
ser Ausgabe dem Publikum ihre eigentümlichen Vorzüge rot 
den übrigen Ausgaben der Anabasis, besonders von dein eben 
bemerkten Standpunkt des Gebrauchs auf Schulen aus, be* • 
merklich 'zu machen, und ihr so, wo möglich , den allgemei- 
neren Eingang auf Schulen zu verschaffen , der ihr nothwen« 
dig und mit vollem Rechte gebührt, man mag sowohl die Ler» 
nenden als den Lehrer selber berücksichtigen. n . 

Was zuvörderst den Text und dessen Sicherstellung oder 
ßerichtigungjjetrifft, so ist dies ein Funkt, worüber wir ins» • 
besondere dem Herausgeber verpflichtet sind, und kann sich 
seine Ausgabe allerdings dessen rühmen, den berichtigtsten 
und zugleich handschriftlich am meisten begründeten Text der 



926 Xenophontis Anabasis ed, KHsger. 

I 

Anabasis tu liefern. Den Grund bildet die mannigfach durch 
Schneider schon gebesserte Recension des Henricus Stephan in; 
•ie ist auch da wiederum gebessert , wo entweder die Aucto- 
rität der besseren Handschriften oder innere Gründe et er« 
heischten. Diese Veränderungen sind gewissenhaft in den 
Noten bemerkt, und awar in möglichster Kürze die Gründe 
angedeutet, welche den Herausgeber zur Aufnahme dieaer und 
Verwerfung der andern Lesart bewogen; da, wo die Gründe 
leicht einzusehen, ist dies billigerweise nicht geschehen; da- 
her na tüi lieh nicht alle und jede Varianten angeführt sind ; einen 
Tbeil hat der Herausgeber in den der Vorrede beigefügten 
Addendis et Emendandis nachgetragen 9 da er die Collation der 
Manuscripte erst erhielt, als der gröfsere Tbeil seiner Ausgabe 
schon vollendet war« Bei der Mälsigung , die den Herausge- 
her stets leitet, bei dem feinen kritischen Takt und der gründ- 
lichen und genauen Kenntnifs der Xenopbonteischen Sprache, 
die sich überall kund giebt , wird man daher auch unbedingt 
- in den meisten Fällen dem Verfahren des* Herausgebers bei* 
pflichten müssen. Dies gilt auch insbesondere von seinem, 
bei eigenen Conjecturen wie bei denen anderer Gelehrtes» und 
bei deren Aufnahme beobachteten Verfahren! 

Auf die Erklärung , sowohl grammatische und sprachliche, 
als sachliche, bei der Herausgeber insbesondere den rühmlich* 
stenFleifs verwendet, und seiner Ausgabe .von dieser Seite 
einen Werth verliehen, welchen keine der andern Ausgaben 
sich au verschaffen gewufst. Was dunkel und einer Erklärung 
bedürftig erscheinen konnte, ist erörtert worden , nichts über- 

tangen, ohne dafa jedoch der Umfang des Buchs und zunächst 
er Anmerkungen über die Mafsen vergröfsert worden; was 
freilich nur bei der Kürze und Bestimmtheit des Ausdrucks, 
welche beide Eigenschaften wir in dem Herausgeber vereinigt 
finden, zu erreichen möglich war. Dem Zwecke der Ausgabe 
gerrtäfs mufsten allerdings Verweisungen auf seltene, seihst dem 
Lehrer meist nicht au Gebot Stehende Bücher, es mufste alles 
rein Gelehrte wegfallen, es durfte nur das gegeben werden j 
. was als nutzenbringend für den bemerkten Zweck angesehen 
werden konnte. Bekanntlich bietet in Ansicht auf die Sache, 
auf geographische, militärische Gegenstände u. dergl. die Er- 
örterung der Anahasis keine geringen Schwierigkeiten dar , rind 
wenn auch mancher Beitrag dazu geliefert Worden , so ist doch 
von den bisherigen Erklärern der Anabasis weit weniger in die- 
ser Hinsicht Geleistet, als raart billig zu fordern berechtigt waf. 
In vorliegender Ausgabe ist nichts der Art übergangen; ei ist 
von den vereebiedenen Beiträgen ein verständiger Gerbrarocfr 



Digitizod by CjOO^Ic 



Xenophontii Anabasi* ed. Kröger. 927 



gemacht 9 und in der Karze die ncHbige Erörterung befriedi- 
gend gegeben. Die Belege davon lassen sieb, namentlich waa 
das Geographische betrifft, auf jeder Seite auffinden, und 
Überheben eben darum den Ref. jeder Anführung im Einzel- 
nen. Worauf aber Ref. weiter grollen Werth legt, ist die 
grammatische Erklärung. Der Herausgeber hat diese Bemer- 
kungen so einzurichten gewufst, dafs nicht blos der Schüler 
(wie überhaupt Jeder , der die Griechische Sprache gründlich 
in ihrem innersten Wesen und den feinsten grammatischen 
Unterschieden kennen lernen will) hier unendlich viel lernen 
kann, und zum Selbstforscben aufr lebhafteste angeregt wird, 
indem er aich zum öfteren aus sichern und ausgewählten Bei- 
spielen die Regel selber herauszubilden bat, sondern auch der 
Lehrer Veranlassung findet, Manches anzuregen, Manches 
su berühren, was gründliche Renntnifs der Sprache befördert 
und vermehrt. Die Belegstellen sind, womöglich, aus Xe- 
nophon's Schriften entlehnt, oder aus andern zugänglichen 
•Schriftstellern; die Bemerkungen selber, welche, bald rein 
grammatisch sind, bald mehr die Sprache und Ausdrucks- 
weise betreffen, enthalten einen Schatz feiner Erörterungen 9 
die man vergeblich anderswo, in den gewöhnlichen Gramma- 
tiken (obgleich auch diese, da wo es angieng, benutzt und 
lorgsam nachgewiesen sind) oder sonst wo suchen würde. 
Wie genau z. B # geht der Herausgeber zum öfteren in den in 
unsern Grammatiken meist nur ungenügend behandelten Ge- 
brauch der Tempora 9 ihrer Folge auf einander oder Verwech- 
selung unter einander, ein (vergl. z B. I, 1. §. 2* 3. 6. 7* .10« 
u. s. w.), mit welcher Sorgfalt behandelt er den Gebrauch 
der Farticipien, Attractionen, insbesondere des Artikels und 
die feinen Unterschiede in Stellung und Weglassung dessel- 
ben. Dasselbe gilt von der sorgfältigen Beachtung der Par- 
tikeln , deren Kenntnifs für den Anfänger der Griechischen 
Sprache so wichtig ist, eben so der Präpositionen u. s. w. 
So z. B. gleich I, 1. $.4» — ßovXsHrrcu oxwf fxifTort trt bereu sVi 
tf a&tXQku zog Schneider v*b 9 welches der Codex Etonensie 
liefert, dem ixt vor; Ret konnte, aich nie davon fiberzeugen; 
Hr. Kröger verwirft es mit vollem Recht , > und knüpft daran 
zugleich eine treffende Bemerkung (wie solches in vielen fihn* 
heben Stellen der Fall ist) über den Unterschied zwischen 
ywJwu und ixt ttvt Jvcu. In der folgenden Stelle ist richtig 
mterpungirt : Tagieartf füv $ij »/ ("fr*? J-rfw K v^y > fyXoZc* 
«j/ov fAaXkov^*. T . A- 9 und twufxjuv richtig erklärt, so dafs ea 
hier in ähnlicher Weise angewendet zu seyn scheine, wie 
'onst bei Staaten, „ quarunt favor et auxiiium *lie*i suppeth. « 



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928 



XenophontU Anabasis ed. Krüger. 



Ref. «weifelt an der Richtigkeit dieser Erklärung durchaus 
nicht, zumal wenn er die Parallelstelle ber Flutarch Artaxerx. 
Cap. IL vj 53 f*>JTHp u^^Xfl fiuXXov tov KC^cv (prXovva xai ßovXo^tvyj /3a* 
ctXsvstv «KfiTvov (wo ebenfalls nach u-rijfvs ein Corama zu setzen 
und zu ut^^s [favebat] ein T w Ktpu hinzuzudenken ist) damit 
vergleicht. — Ibid. §, 10. bei Harakvecu (sc. rlv mXmov) s. auch 
Thucvdid. V. 47. xaraAv«<v 6« f*>) s£s7va/ tov iroA*/xov «jrfoj rfltttyf 

Ibid. VIII. 68. nn. — — >J'v 3a xa- 
raXus/v /ÖouAcuvrai t^o? 'ASjjva/ou^. Gap. II. §• 1. airaJ ö' eSoxa 

cur«? y&j icogstscSlai überhebt des Herausgebers Erklärung von 
fc5oxs< durch xaXöv «5oxe/ der Annahme oder Ellipse des Verbura 
3«7v f mit welcher man sonst sehr freigebig ist , zumal da viele 
ähnliche Stellen wirklich ein &7v enthalten ; viele jedoch der 
Stellen | wo es als fehlend angenommen wird, möchten sich 
leichter auf die von Hrn. Krüger vorgeschlagene Weise er- 
klären lassen. So Helsen sich noch unzählige Falle aufführen, 
um unser* oben ausgesprochenes Urtheil im Einzelnen zu be- 
stätigen , wenn anders dazu hier der Ort wäre. Neue, mit 
aufserordentlicher Sorgfalt ausgearbeitete, vollständige llegi- 
ster , wobei zu den einzelnen Wörtern die nöthigen Erklä- 
rungen beigefügt worden, erhöhen den Werth dieser Aus- 

fabe , und sichern dem Herausgeber, der diese mühsame Ar- 
eit nicht scheute, den bleibenden Dank des Publikums. Es 
folgen nämlich: Index Verborum S. 454 — - 540. II. In- 
dex Nominum et Rerum S. 54 1 ff. HI« Index Gram« 
maticus S. 549 ff. Dann eine höchst brauchbare Tabula 
Itineraria, wo die ganze Reiseroute verzeichnet, und die 
Entfernungen, der einzelnen Orte voneinander nach Parasangen 
und Tügmärscben (so weit solches auszumitteln gewesen), 
genau angegeben sind; ^endlich S. Temporum De- 

scriptio. 



N. 59. 1826. 

Heidelberger 

» 

Jahrbücher der Literatur. 

Die Theolo gie des Magiers, Manet, aus den Quellen bearbeitet 
von K, A. Frhrn, von Re ichlin- Melde g g , Dr. der TVieologie 
und Profi am Gymnasium zu Freiburg im Breisgau** Frankf* a, M> 
bei Hermann* i8a5* 6o S> in 8. 

Zweierlei Metboden > ein Lehrsystem aus der Vorzelt auf- 
zustellen, sind möglich. Entweder sammelt man alles, was 
der oder die Urbeber ausdrucklieb behaupteten , nach den 
flaaptstellen , und ordnet dieses , aber nur dieses , wörtlich tra- 
ditionelle ; oder man fafst yon • dem , "was behauptet wurde , 
zerstreute zusammen , sucht alsdann die Grundsätze , ohne 
teen Voraussetzung jene Folgerungen nicht wohl hatten ent- 
stehen können, und Ordnet alles , so viel möglich , zum einen 
lexikalischen Ganzen. 

Nach der erstem Metbode hat besonders der so fleifsige , 
&enotnifsreiche und gegen Mutmafsur^gen sehr behutsame Verf. 
der vollständigen Historie der Ketzereien, Chr. W. Frana 
Walch (I. Tb. 1762.) gearbeitet. Wir wundern uns seine 
dort (S. 685 — 81 4.) so sehr auf die Quellstellen hinweisende 
Geschichte des Manes und der Manichaer von Hrn. v. R. nicht , 
vie Brücker , Mosheim u. s 4 w. angeführt zu sehen. Die Ab* 
siebt unsers Vfs, war , eine kurze Darstellung des Manichäi- 
schen Systems nach der zweiten Methode zu entwerfen ^ über- 
tll aber die historischen Data zum Grund zu legen , und als^ 
form das VerhältniCs der Manichäischen Hauptlehren zu den 
titmagischen und zu den Zoroastrischen aufzusuchen. Seine 
Aufgabe , die Haüptpuncte der Manichäischen und der Zoron- 
ttrischen Lehre wahr und klar darzustellen , hat er recht gut 
gelost, und sich dadurch als einen philosophischen Bearbeiter 
fir interessante T&eile der Religionsgeschichte bekannt ge- 
macht 

Mani sab im Menschen Böses und Gutes, auch in der gan- 
zeaNatur Wohl und Uebel gemischt. Er machte daher (S. 1 3.) 
ohne Zvyeifel den Schlufs: Da für alles, was wirklich (und be- 
wirkt) ist, etwas seyn mufs, wodurch es wirklich (und be^ 

XIX. Jahr R . 10 HrH. 5<) 



» 

0 

q3o Dr. von Keichlin- Melde jg 

wirkt) ist, das Böse aber und das Gute nicht von Einerlei 
Grundursache bewirkt seyn kann , so müssen von einander un- 
abhängig zweierlei Grundwesen dafür existiren, die auch nicht 
einerlei Grundwesen über sich haben können , weil nicht Böses 
und Uebel aus dem Wesen des Guten kommen kann oder um- 
gekehrt. Dadurch gieng Mani von Zoroasters (verbessert-) 
magischem System, welches den Ursprung des Bosen nicht 
als einer Substanz , sondern durch Wollen (besser) sich zu 
erklären gewufst hat, zu der ganz sinnlichen und. gemeinen 
Vorstellung über? oder zurück? wie wenn das Böse nicht erst 
durch die wollende Selbstbestimmung, Ausnahmen von. der an- 
erkannten Regel des Guten zu machen, entstünde, sondern schon 
an sich etwas, und also eine durchaus verkehrte Substanz wära 

Hauptsächlich ist daher noch weiter auch diese (irrige) 
Voraussetzung des Mani bemerkbar zu mächen , dafs er das 
Böse und Uebel so wohl, als das physische und moralische 
Gute wie selbstbewufste Wesen (aus Körper und Seele 
bestehende, von Grund aus verkehrte Substanzen} ansah. 
Weil er das Werden des eigentlichen Guten und Bösen, 
wie es durch Wollen für oder wider das aner- 
kannte Rechte hervorgebracht wird, nicht fest ins Auge 
fafste , sehten ihm dann das Böse denkbar , als Eine aus Kör* 
per und Seele bestehende absolute Substanz, welche er iltj 

i^yf? *£»pSl nannte (Castcll. Lex. pers. p. 566.); ein Wort, 
wodurch er nicht blos die körperliche Materie, sondern 
überhaupt den Stoff oder den Anfang, woraus etwas weite- 
res wird, bezeichnete, so dafs er allen solchen Stoff als be- 
lebt und beseelt dachte. 

Die an sich böse und übelwirkende Substanz liefs dann 
aber Mani nicht überall unmittelbar wirken. Er liefs aus ihr 
gleichartige Aeonen, und durch diese in der Folge auch sinn* 
lichbÖse, aus einer seelischen (psychisch sich bewufsten) Ma- 
terie bestehende, Menschen entstanden seyn. Das Gute schien 
ihm eben so eine Substanz , rein wie Licht. Auch diese aber 
lasse aus sich Aeonen , die dann für sich bestünden , und gute 
Lichtseelen / ohne Materie hervorgehen, die nur in der bösen' 
Substanz des Menschen so lange befangen seyen , bis sie sici 
durch EntkörT)erungen frei machten. Als ein reiner Liehtaoa 
sey daher Christus aus dem guten Gott hervorgegangen, um 
die eingekörperten Lichtseelen durch Lehre und Beispiel frei 
zu machen, habe aber eben deswegen nicht einen wahren 
Körper um sich haben , sondern nur durch die Dokesis eines 
Körpers sichtbar werden können. 




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über die Theologie des Mancs. 93 1 



Richtig ist es demnach, dafs Mani alle böse Natoren [als 
Theile des Einen bösen Wesens sich vorstellte, auch alles 
Gute in Menschen, Thieren u. 8. w. für Theile der Wesenheit 
seines Gottes, ovaia xov Otov , betrachtete, wie 8. 12 i3. 
durch Stellen des Epiphanias bezeugt "wird. Weil er aber 
doch die Hyle mit der aninia mala aus dem bosen Grundwesen 
sich in einzelne sclbsthandelnde Aeonen und iu Men- 
schen absondern liefs, eben so auch die gute Menschenseele 
(S. 27. nach Ephram) als particula divinae decerpta naturae 
sich zu denken versuchte, und den Aeon Christus gleichfalls 
als für sich bestehend aus dem guten Gott ausgeflossen dachte 
(S. 29.), so scheint uns dieses System eher Emanatismus ge- 
nannt werden zu müssen, als (mit dem Verf. S. 12.) Pan- 
theismus. Ein bedeutender Unterschied ist es nämlich 
doch, ob ein Lehrsystem annimmt, das Eine, absolute, böse 
oder gute Grundwesen (S. 32.) wolle und handle unmittelbar 
in dem vielen Einzelnen , als so vielen Von der Einen Substanz 
nicht gesonderten Modificationen, oder ob das Lehrsystem 
voraussetzt, aus der Einen Substanz sey vieles Einzelne aus- 
gegangen, das ihr zwar gleichartig , wesentlich gleich, bleibe, 
doch als für sich bestehend so lange wirke, bis es wieder in 
seinsabsolutcs Grundwesen zurückgclie und sein besonderes 
Beyrafstseyn und Wirhcn verliere. Deswegen nur Itonnten 
der von der selbstbewufsten bösen Hyle umschlungenen guten 
Psyche von Mani allerlei Anstrengungen, um sich zu befreien, 
zugemutet werden , so dafs , wenn sie sich nicht streng genug 
zurückzöge, sie immer wieder und wieder in einem Körper - 
Kerker (t?/ ttnxT7j S. 27.) metensomatisirt (S. 35.) erscheinen 
miifste, bis endlich erst alles Böse und Gute wieder in die 
zweierlei Ursubstanzcn (in ihr afätfinov S. 36.) ganz geschie- 
den zurückkäme. 

Alles dies beruht auf dem Grundirrthum, das Böse und 
^ute allzu handgreiflich sich vorzustellen , und nicht als gei- 
6 Willenswirkungen , Entschlüsse und erworbene Fertig-* 
on zu beobachten, das Unvollkommene in der Natur aber 
: s Uebcl) sich nicht als etwas bei der Coexistenz so vieler 
Kräfte unvermeidliches, auch zur Aufgabe für die Tha'tigkeit 
der sonst allzu trägen Geister nöthiges zu erklären. Mani's 
Uhrsystem ist in den Folgerungen consequent, aber in der 
Voraussetzung, wie wenn das Böse ein an sich bestehendes 
^esen seyn könnte, zeugt es von Mangel an psychologischer 
Selbstbeobachtung über das Werden des Moralischbösen durch 
gewollte Ausnahmen vom anerkannten Rechten. 



932 Dr. von Rcichlin- Meldegg 

Dafs Mani nur ein Gutes Grundwesen Gott nannte, hat 
Walch S. 746. richtig nachgewiesen, und die Logomachie, 
dafs Mani nicht zwei Gott er, aber allerdings zwei absolute 
entgegengesetzte Grundwesen zu denken versucht habe, 
gut aufgelöst. In den alten Worten und Begriffen Elohim, 
Theos, Deus war das Gutseyn nicht schon, wie in unserra 
Gott, so deutlich miteingeschlossen, weil man mehr an die 
Macht der Grundursacher dachte, und die Willkührmacht 
(allzu menschlich) auch noch für einen Vorzug , für ein fciop 
ri hielt. 

Mani statuirte (aus Annäherung an die christliche Lehr- 
regel seiner Zeit) wohl auch eine Trinität, in so fern er 
dem Vater als dem eigentlichen guten Gott das „ summam et prin- 
cipalem lucem incolere" zuschrieb, den Sohn in hac secunda 
et visibili luce (in dem Himmelslicht), den heil. Geist als ma- 
jestas tertia dachte (s. Faustus nach Augustin. contra Faustum 
L. 20. cap. 2.). Nur war Mani s höchste Dreiheit freilich mehr 
eine Dreifal tig k cit oder eine Dreieinigkeit der drei höchsten 
Kraftwesen durch Gleichartigkeit, wo nicht Einheit (identi- 
sche Unität des Wesens), sondern nur Einerleiheit , Homoge- 
nität der ovaia^ vorausgesetzt wurde. Haben doch auch alle 
orientalisch denkende JEürchenväter vor dem Nicäischen Sym- 
bol die Drei nicht als Ein Wesen, sondern als Einet 
Wesens gedacht, und so, dafs sie die Inferiorität der zwei 
dem Vater homogensten Aeoncn sorgfältig bemerkten ? „Wir 
sind nicht Atheisten u , sagt Justins gröfsere Apologie $. 12. 
S. i36. Würzb. ^Wir verehren den Hervorbringer dieses 
Ganzen durch Gelübd und Dank; dafs wir aber als solche, die 
gelernt haben, dafs Jesus der Sohn des eigentlichen Gottes 
ist, und die ihn in der zweiten Stellung haben, auch 
den Prophetischen Geist in der dritten Ordnung mit 
Vernunft ehren sollen, werden wir erweisen" Tov . . . 
trovv Xqiotov vlov ctvTöv tov ovxtaq &iov (!) paftoms *ai Iv dmt(><! 
%wQa e%ovTtg, irvtvfia n iv trj rgity ra£a, ort ptra Xoyov tip®- 
tyv anodt^optv- Vergl. §. 76 — 78. 

Nachdem S, 37. Mani's Lehren ganz richtig zusammenge- 
fafst sind (nur dafs Ree. für Pantheismus — Emanation und 
Rcmanation denkt , und so lang die Individualität dauert , ihr 
auch ein Handeln aus bösem oder gutem Willen, eine Art von 
abgesonderter Selbsttätigkeit zugeschrieben findet), ver- 
gleicht Hr. R. recht treffend das Lehrganzc des Mani mit 
dem des Zoroaster , das er im sechsten Jahrhundert vor Chri- 
stus (S. 40.) beginnen läfst. Das Unterscheidende von diesem 



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über die Theologie des Man es* C;33 

ist 9 dafs er zwar auch ein böses Grundwesen, als Ursache der 
Körper und ihrer bösen Lüste, annimmt, doch aber das Ent- 
stehen des Bösen in jenem Ahriman vom Mifsbrauch 
des freien Wollens (S. 4«0 ableitet Deswegen konnte 
er das Daseyn auch des Ahrimans dennoch aus einem guten 
Urwesen, Zervane Akerene genannt (Zendavesta 2. Bd. S.376.^ 
ableiten. Denn nunmehr konnte der Einwurf: Aus dem Gu- 
ten kann nicht das Böse werden! in so fern wegfallen, als das 
Böse in Ahriman für Product des Wollenkönnens , nicht für 
Ausllufsaus dem Urwesen, zu erkennen war. Sogar ein end- 
liches Zurückkommen des Ahrimans selbst in das gute Urwesen 
nahm Zoroaster deswegen an (S. 48.) , und konnte , weil er 
das Wollenkönnen des Guten sogar in Ahriman nicht für ver- 
loren achtete, eine endliche Auflösung des Dualismus in die 
Einheit des einzig guten Urwesens ohne lnconsequenz hoffen 
und voraussagen. Die Differenz zwischen Zoroaster und Mani 
ist sehr klar und richtig gezeigt. S. 46 — 48. 

Ob nun aber, was die dritte Hauptansicht des Vfs. (S.49) 
ist, die altmagische vorzor oas trische Lehre schon auf 
der sinnlichen Vorstellung bestanden habe, als ob Böses und 
Gutes Substanzen wären und also aus einer absoluten Zweiheit 
entgegengesetzter Grundwesen entstünden, dies vermag Bec. 
weder zu bejahen noch ganz zu verneinen , weil die Data von 
dem, was höher hinauf uralte Metaphysik der MagCr gewesen 
seyn mag, allzu unsicher scheinen. Der Vf. sagt S. 5o: „über 
ihre Lehre ist freilich aus Mangel der Quellen nicht 
viel zuverlässiges mehr zu sagen 4 '. Diesem Satz mufs Bec. 
mehr beistimmen, als dem, was folgt: „So viel ist ge- 
wifs (?), dafe die Lehre der alten Mager (der vorzoroastri- 
sehen) nicht auf Gott als Einheit , sondern als Zweiheit zu- 
rückgieng. " 

Wjire dies, daß einst schon ein böses Grundwesen neben 
einem guten als Substanz alles Bösen gedacht wurde, so wäre 
dann Mani etwa Erneuerer des alten, vulgären Magismus im 
Gegensatz gegen die (mehr denkbare) Zoroastrische einen Wil- 
lensabfall erkennende Lehre. Aber wer kann sich überzeu- 
gen, von vorzoroastrischen Magern mehr zu wissen, als dafs 
ihr Fetisch Licht und Feuer war, ein Symbol des Beinen, 
Guten , Mächtigen u« 6. w. Ob sie auch einen Fetisch des Ue- 
hcls und Bösen hatten , dies wäre erst nachzuweisen. Der al- 
legirtc Brucker (T. I. p, 173. 174.) sah recht wohl, dafs, ob 
die alten Mager aufser dem Lieht, dem Mithra oder Sonne, 
auch zugleich ein böses Princip dachten und verehrten, aus 



934 Dr« von Reichlin- Meldegg 

den Griechen von Alexanders Zeit (denen der Zoroastrische 
speculative Dualismus, als das seit Darius gültige, das nähere 
war) und aus noch späteren nicht , noch weniger aus den un- 
historischen und viel spätem Arabern zu lernen sey. Ein anderes 



ist der ihnen zugeschriebene reinere Sabiismus 
von $£2ä d. i. Verehrung gewisser Gestirne , Sonne, Planeten 
u. s.w., als Repräsentanten des Gottlichen, ein anderes der 
speculative Gedanke an ein Grundwesen auch des Bö- 
sen, wovon sich ein solches Symbol , wie Sonne, Licht, Feuer 
u. s. w. dem Naturmenschen nicht aufdringt. Brucher warnt 
8. 174. recht gut: Haec quidem (von einem uralten Dualismus 
zweier prineipia a se, dem Jezdan und Ahriman) Arabes, et 
qui e recentioribus Arabes sequuntur. Qui tarnen cum multa 
ex ingenio suppleant , . . dubios nos de vera Magorum sententia 
ante Zoroastrem sinunt. Dürfen wir Zeiträume von Jahrhun- 
derten und Tausenden, besonders im Orient, der ohnehin so 
wenig Geschichte hat, überspringen, und jeden, der seine 
Mutmafsung wie Tradition ausspricht , einen Zeugen 
nennen? Nur unsre Mystiker können sich dergleichen er- 
lauben. 

. < 
Scharfsichtig fragt Brucker: warum denn die Araber 
nichts vom Sonnendienst, vom Mithra, den die alten Mager 
hauptsächlich ehrten, angäben?* Der Naturdienst, das Ver- 
ehren der guten Ursache, unter dem SonnensymboJ. hat den 
Character des einfachen höhern Alterthums. Der Eine gute 
Urgottwarda, im reinen Feuer, in freier Luft, angebetet 
von den uralten Gebern. Auch bei Darius Thronerhebung 
wird der altpersische Respect gegen den Lichtgott , den Mithra 
als Sol , unverkennbar. Erst speculatives Sinnen mochte einen 
Gegensatz, ein Grund Wesen auch des Bösen , und ihm parallel 
ein secundäres Grundwesen des Guten sich schaffen, beide 
durch Wollen seyend, was sie unter dem Einen, dem Rein- 
guten, dessen Symbol der Mithra war, durch eigenes Wollen 
werden konnten. 

Selbst Plutarch (de Isid.) lä'fst erst den Zoroaster den Ora- 
maz und Ahriman benennen , und den Mithra in die Mitte (über 
sie) stellen. „ Zproastrem melioris noraen Oromazam , pejoris 
Arimanium perhibuisse, illumque enunciasse maxime similem 
esseluci, hunc tenebris et ignoiationi, medium horum esse 
Mithram , quac causa sit quod Mithram Pcrsae mediatorem seu 
intermedium nuneupant. Plutarch. ex Versione Xylandri. S. 
Brucker S. 173. 



1 



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über die Theologie des Manes, <>35 

Aach der Name Ormuzd ist persisch, nicht einmal pel- 
visch; s. Kleukers Zoroaster III. S. 168. (Im Pehlvi heifst er 
Anhouma.) Aus dem Wendischen wird bei Kleuher III. 143. 
als sein Name angeführt Ebpro raezdao, wo dann or und 

mezd die Hauptsylben sind« Dieser Oromozd ist 
der schöne helle Jupiterstern (CastelL Leide, per*, 
fol. 6a.), also ein Symbol des Guten, aber weniger als der Mi- 

thra. Mozd ^j* ist ein froher Verkündiger, und daher 
hatJupiterplanetaals Lichtstern oder Lichtbote jene Be- 

nennung. fol. 5o8. vergl. 555. avar (= verus) ist wahr 
und klar. Daher der helle Jupitersstern auch Avarschir 

S»)^ Castell. fol. 61. Als lichtheller Planet war derselbe für 

dieses iv dtvxtou xvoqu seyende, speculativ abgeleitete gute 
Grundwesen recht passend ein un tergeordnetesSymbol 
des Guten und Reinen unter dem grofsen „M ithra". Dieser 

nichtweibliche Name, geschrieben Militär, i" A (wovon der 

allgemein bekannte Name Mi thra gewifs viel eher, als von 

Meher j i > A abzuleiten ist), bedeutet magnus, major, daher 
prineeps, caput , und nur deswegen (als Beiname) Sol. CastelL 
foL 5 16. Dafs Mi thra wie Mediator seyn könnte, ist bei Plu- 

tarch erst ein Einfall aus lateinischer Etymologie. *-* mah, 
maha, ist grofs , j-2 macht die Steigerung, den Com- 
parativ. 

In welchem Sinn aber, müssen wir weiter fragen, be- 
nannte nun Zoroaster das oberste Gute, dessen Repräsentant 
der Sol = Mithra war, auch Zerwäne Akercne? Auf 
jeden Fall sseigt sich diese Benennung nicht als nomen pro- 
prium, nur als Beiname , von gewissen Qualitäten hergenom« 

men. ^$ vdn heifst jeder, welcher etwas wahrt oder 
hat. So bedeutet o^i) zarivdn, oder zervdn einen rei- 
chen, in so fern jj Gold und dann Geld überhaupt bedeu- 
tet. Hyde de rclig. Persar. I, 3. Reland Diss. misc. II* 264. 

Ob nun in dem Wort zervan das zer sey die N oth wen- 
digkeit, so dafs zer van custos necessilatis , gleichsam Grund 
der obersten Notwendigkeit, wäre, oder ob zer auch 



936 Dr. von Reich lin -Meldegg 

< 

hier j) , aurum bedeute« also der Sol oder Mihtr als der 
aureus bezeichnet wurde, bleibt mir für jetzt unbestimmbar. 
Jenes klingt weit speculativer. s Dieses tritt näher, weil Zoroa- 

sters Name von jj abstammt. Doch wird auch Zoroaster Ze- 
ret Oshtro genannt; s. Kleiner Zendavesta II. Th. S. 365. 
Onhtro ist das auch in den Sabäischen Schriften oft vorkom- 

inende fcOffiy *Jfc Kraf^Rraftwesen, Auch hier möchte also 
Zeret wohl die Notwendigkeit, Absolutheit, 
(Aseität) bedeuten. Gewöhnlich aber wird jenes Zervan nicht 

mit z , sondern mit j ds geschrieben ; auch was die Griechen 
als Zoroaster ausgesprochen hörten, erscheint mit dsj ge- 

schrieben s^ÄOl^j oder o**^; Dsarddascht oder Dserdasht, 



wo Dser )j Gold, u^-wO eine fassende Hand, und da- 
her Macht bedeuten kann, so dafs die Benennung auch anf 
die Sonne, als die güldene, sich beziehen konnte. Der 
neue Lehrer, Zoroaster, hiefs dann als Dserdasht eine Gold- 
macht, nämlich eine Macht des Sonnengottes, dessen Symbol 
auch das Gold war. Vergl. auch Ho eck Veter is Mediae et 
Persiae Monumenta (Goettingae 1818. 4 ) P» « 49» Auch Dsard 
^jj ist flavus. 

Gewöhnlich wird Zervan oder Dservan o^i> erklärt als 
Zeit, wie yffi. So. steht in dem von Kleuker mitgetheilten 

kleinen Z e n d - Wörterbuch (Zendavesta III. S. 148. unten) 
Z roue, Zeiten, und Zrouanemuhe , die Zeiten. Dieses 
tetatere Wort imifste offenbar getheilt seyn, so dafs, wenn 
Zrouan Zeit bedeutet, emichc ein eigenes Beiwort ist. Ware 
dieses emtche etwa (nach S. 142.) "Gemische, unsterblich? 
Kleuker übersetzt die grenzenlose Zeit. Aus speculati- 
ver Mutmafsung ? oder nach einem vorzeigbaren Sprachbeweis, 
den er nicht angiebt ? Der für den Parsismus begeisterte Profi 
Othinar Frank in seinem „Licht vom Orient" (Nürnberg 
1808.) sagt §• 119. „Zarvan . . heifst: sich selb st be- 
leuchtend". Wie aber erweist sich auch diese speculative 
Bedeutung ? Wir selbst können freilich (wenn dann nur in 
der unendlichen , anfanglosen Dauer irgendwo auch ein An- 
fangstermin des endlichen Seyns, ei n\ eigentliches Werden, 
denkbar wäre!) die grenzenlose, oder die unsterb- 
liche Zeit jenseits alles endlichen Seyns oder Werdens oben- 
an setzen, oder ein Licht a se, das weder auswärts beleuchte 
noch beleuchtet werde, bewundernd uns vorbilden. Aber ob 



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über die Theologie des Maoes. 9^7 

die Parsen Tor Darias dies thaten , müfsten wir erst historisch 
und philologisch erfahren. 

Hr. Dr. Tholuck, welchem Ree. freilich auch darin 
nicht beistimmen kann, dafs er aus postmohammedischen 
gräcissirenden Arabern den alten Parsismus entdecken zu kön- 
nen voraussetzt, giebt in seiner Monographie „über die spe- 
culative Trinitä'tslchre des späteren Orients" (Berlin 1826.) 
S. 63. eine Stelle aus Schahristani im arabischen : dafs Dser- 
van der Grofse gesummt (oder: gemurmelt) 
habe 9999 Jahre, damit ihm ein Sohn würde. Es ward ihm 
kiner; alsdann erneuerte er sich selbst In diesem 
Zusammenhang kann denn doch Dservan, da es mit n Alce- 
bir u verbunden ist, nicht als Zeit gedacht werden. Was 
sollte „Zeit, diegrofse" bedeuten ? Hier erscheint viel- 
mehr qW^j als noraen proprium , so dafs ein grofser Dser- 
van von einem kleineren unterschieden ist. Der grofse 
Dservan mag der Mithra auripotens , der kleinere der Licht- 
planet Jupiter oderOrmozd seyn, ebenfalls als auripotens; die 
Dservaniten aber sind denn doch Zoroastrisch , nicht 
altraagisch *). 



*) Hr. Tholuck übersetzt : „Der grofse Servan erhob sich und 
brüllte 9099 Jahre lang, um einen Sohu zu gebären, aber 
es entstand ihm keiner; darum wurde er selbst end- 

lieh. Das Wort tf*) ist nicht brüllen, sondern das 
Sumsen oder Mur raein "des meditirenden Magers, das miu- 
sitare, wird auch auf den obersten Gott des Magers , da er einen 
Sohn hervorbringen will, übergetragen. Auch vom Donner ge- 
sagt, bedeutet nicht dasBr ül len , sondern das gleichsam 
murmelnde Rollen. Eine noch un rieh tigere Meinung aber 
veranlafst Hr. Tholuck durch die letzte Zeile, wie wenn dann 
Dservan der Grofse selbst als endlich geworden 
von den Dservaniten geglaubt würde. Der Text sagt : 

„damit ihm würde ein Sohu, und nicht ward er; alsdann 
„erneuerte er (Zervan der Grofse) sich selbst " (Sinn : der 
alte Mithra dauert selbst wieder als neu fort in dem nächstfol- 
genden Jahrzehntausend). Daran, dafs das Unendliche sich 
selbst endlich mache, denkt etwa eine mystische Specu- 
lation , für welche das Kommen des Endlichen aus dem Un- 



t% *_, . . Digitized by Cöogle 



938 Dr. von Reichith- Meldegg 

Auch der mit Zervane verbundene Name Akerene ist 

' r ' * * . 

nur unsicher erklärt, wenn wir an £yfyP^ extremus (Castell. 
Lex. pers. pag. 12.) und an die Möglichkeit denken, dafs der 
höchste Gott 6 itgarog %ai 6 to%ctroq, oder vielleicht der äus- 
serst e o^jjy Goldlicht- oder Sonnen glanzbesitzer genannt 

Worden seyn möchte. An O 5 -*^ radicalis könnte man den- 
ken , wenn dies Wort auch im Persischen aufgenommen ist. 

Der Hauptpunct zwischen diesen Forschungen und Unge- 
wißheiten ist : ob wir einen festen Grund haben , zu behaup- 
ten % vor Zoroaster hatten die Feueranbeter, die eigentlichen 

alten Mager Mog, qIA* Mogan, nach Castell. S. 5n.) 
schon den Dualismus. Glaubten sie schon neben oder unter 
dem Lichtgott, Mithra, sowohl eine niedrigere Dunkel- 
macht, als eine niedrigere, durch den hellsten der Planeten 
bezeichnete, Lichtmacht? , 

Die Finsternifs aber ist dem Menschen gar nicht so gegen- 
wartig und gleichsam sich aufnöthigend , dafs er, wenn er, 
anbetend, des Lichts sich erfreut, das Nachtdunkel ihm so 
bald gegenüberstellte. Die im Orient sternhellen Nächte ver- 
anlassen auch nicht leicht dazu. Der Hochverehrte als Erden- 
weltordner (Genes. I.) ruft nur; Es sey Licht! nicht auch 
•ron Wo nicht Licht ist, da ist das Unfreundlichwi- 

drige = ^ftjjrj — Zuvor wohl mufsten manche erst bis zum 

Speculiren verfeinert seyn , ehe Zoroaster seine beiden Gegen- 
sätze, einen dem Mithra nächsten, aber, so wie der Jupiters- 
stern, doch der Sonne weit nachstehenden Lichtäon und einen 
durch Eifersucht erst dunkel gewordenen Ahriman mutmafsen 

konnte. Des letztern Name o^-^ Castell. S. 64. Pclvisch 
Harem an, mag wohl an die Grundbuchstaben von Hermes 



endlichen ein schweres Problem ist. Aber nichts ist bedenk- 
licher, als solche Meinungen in Stellen Ii in ein zu über- 
setzen, die von Wenigen geprüft werden kön- 

nen. v£*X>- ist dem hehr, -g^fi gleich. Neu ist nicht = 

- * 

endlich. Der Sinn desPhilosophirenden ist: Immer bleibt 
die Zeit die nämliche. Mithra, wenn er zehntausend Jahie 
hervorgebracht hat, bringt doch alsdann nichts anderes, als 
wieder zehntausend solche Jahre hervor. Aber so was schlich* 
tes klingt freilich nicht geheimnifsreich genug! 



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über die Theologie des Manes. 9$9 

i 

erinnern , ist dadurch aber nicht erklärt. Persisch heifst er 
Aschmog (s. Kleuker III, 180.). Waren nicht die Perser 
vor Cjrus einfache , rohe Nomaden ? Nur wenn nichts spe- 
culatives , nur wenn die Natur ihres Landes sie zum Glauben 
an ein böses und ein gutes Grundursachwesen getrieben hat, 
wäre etwa solcher (ganz unphilosophischer) Dualismus in ihrer 
Religionsbildung begreiflich. 

Dartiber bleibt demnach Ree. sehr zweifelhaft, ob mit 
Hrn. v. R. historisch anzunehmen scy : Mani sey in der Haupt- 
sache zu einem vorzoroastrischen , altmagischen Dualismus, 
ohne die von Zoroaster eingeführte Vereinigung Beider im 
Zeryane Aherene , und ohne die Entstehung des Bosen in Ah- 
riroan von seinem Wollen abzuleiten , zurückgegangen, und 
habe daher das Böse, wie das Gute, als etwas für sich beste- 
hendes (substanzielles) angenommen , aber so , dafs er jenes 
doppelte Princip von Licht und Gut, von Boso, Ueljel undFin- 
sternifs mit biblischen und christlichen Sätzen (vom Erlöser, 
Christus u. s. w.) zu vereinigen gesucht habe. Dieser dritte 
Panct aber ist für des Vfs. Abhandlung auch das am wenigsten 
wesentliche. 

• 

Ära meisten Aufmerksamheit verdient es allerdings, was 
auch Hr. v. R. S. 5i. gut benutzt, dafs bei Jesaiah, oder in 
dem Anhang zu dessen Orakeln , in jenen gegen die chaldäisch- 
babylonisch bildernde Vielgötterei so ernst und zugleich iro- 
nisch eifernden Kapiteln 44. 45, wo an Goresh nament- 
lich 44, 28. 45, 1. als an den Maschiach (Gottgesalbten), 
welchen Jehorah zum Better geschickt habe, erinnert wird, 
nicht nur die Alleinheit Gottes so stark behauptet werde? 
44? 7» i?Ich bin Erster und ich bin Nachfolgender, 

„und ausser dem, was mich betrifft, ist kein Gott 44 
dafs vielmehr auch (was dort das merkwürdigste ist) gerade 
da, wo gesagt ist, was Jehovah dem Yölkerhirten Coresh 
(einst gleichsam) zugerufen habe, Gott so bedeutsam be- 
zeichnet ist als 

45,7. Bildend Licht (Or) und schaffend Finsternifs, 
machend Wohlseyn und schaffend Uebel (Ba). 

Selbst der neueste, so schätzbare Gommentar über Je- 
aaiah (II. Th. S.91.) will freilich in dieser Stelle nur an die 
allgemeinen Gegensätze denken lassen, dafs. Alles, Tag 
nnd Nacht, Wohlstand und Uebel, von dem Einen Gott 
komme. Nicht aber sey mit Vitringa, Lowth, Jahn (auch 
Paulus , Glavis über Jesaiah) eine Bücksicht anzunehmen auf 
den Dualismus , welchem Cyrus ergeben gewesen. Auch bei 



g4o Dr. von Reichlin-Mcldegg 

Jerem. 3i , 35. spreche Jehovah als der, welcher die Sonne 
gemacht zur Erleuchtung des Tags und die Satzungen 
[Bestimmtheiten] des Monds und der Sterne zu Er- 
leuchtung der Nacht. [Wo aber in der That nicht auch vom 
Schaffen der Nacht, sondern vom Schaffen der L i c h t e r für 
Tag und Nacht die Rede ist!] — So sey dann der Ausdruck: 
Licht und Finsternifs, Wohl und Uebel zu allgemein und für 
sich klar; und könne „ungezwungen" keine Beziehung an- 
genommen werden , darauf, dafs der Prophet in diesen Wor- 
ten Jehovah als den Schöpfer . des Reichs des Lichts 
und der Finsternifs, des Ormuzds und Ahriman dar- 
steile. — In dieser Weise würde es sich Ree. auch niejit den- 
ken. Weil es aber doch bei den Althebräern ungewöhnlich 
ist, zu bemerken, dafs Gott *uch die Finsternifs mache, 
so wird es dem Ree. schwer, nicht an einen besondern Anlafs zu 
dieser Beschreibung , also an den durch die Religionsgeschichte 
jener Zeit gegebenen Gegensatz von Licht und Finsternifs, 
der historischen Interpretation gemäfs,, zu denken; nur mit 
dem Unterschied, dafs der Prophet nicht sagen wollte: Je- 
hovah schuf den Ormudsd und Ahriman. Vielmehr wäre dies 
angedeutet: Es giebt keinen Licht-, und Nachtäon, 
keinen Aeon für Wohl und Uebel, weil der Eine Jehovah 
alles selbst schafft, macht und bildet. 

Setzen wir aber gleich voraus, dafs der sonst ungewöhn- 
liche Satz : Jehovah macht auch die Finsternifs, * auch 
das Uebel, eben so wie Licht und Heil, von einer histori- 
schen Veranlassung abgehangen habe, so zweifelt Ree. doch, 
ob jene Kapitel unterCoresh zu setzen seyen, also etwas vor- 
zoroastrisches bezeugen können. Allerdings gab im ersten Jahr 
der Eroberung Babels Cyrus den Juden Erlaubhifs zur Rückkehr 
und zum Tempelbau (Esr. I, i — 6.). Aber unter ihm erfolgte 
doch gar wenig. Die Nachbarn aus Samarien , weil die allzu 
orthodoxen priesterlichen Judäer sie nicht mitbauen lassen woll- 
ten (Esr. 9, i — 4.), hinderten schon vom zweiten Jahre 
des Coresh an (3, 8.) bis unter die Regierung des Darius 
(Darjavsh) alle Fortschritte (4 , 5.). Cyrus war dann anderswo 
beschäftigt. Unter Cambyses (Esr. 4? 6.) wurde Sita ah (Sa- 
tanität, Widerstreit) den Judäern angekündigt von den Sama- 
ritern. Unter dem antipersischen Mager , dem Smerdes (4 1 7 ) 
galten die Samariter mehr. Erst Darius , welcher das Magische 
(und Medische) Zwischenreich des Smerdes gestürzt hatte and 
gerne als ein zweiter Cyrus gelten wollte, gab wieder lebhaftere 
Befehle für die von den Babylonischen Chaldäern oinsf eroberte 



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I 



über die Theologie des Manes. g4i 

und verpflanzte Feinde der Vielgötterei (des Bei und desNebo, 
Jes. 46, 1.), Er gab diese gerade deswegen, weil des grofsen 
Cyras Vergünstigung lür die jüdische Monotheisten und Feinde 
des chaldäischen Babels in einem Medischen Archiv gefunden 
worden war. Esr. £ , 2. 3» 

Im zweiten Jahre des Darius trieben erst einige Propheten 
(4 , 24. 5 y > .) wieder zu grofsen Hoffnungen und neuer Th*. 
tigkeit. Diesen Zweck neuer Aufregung scheinen die sehr leb- 
haft begeisterte Kapitel 42 — 45. zu beabsichtigen (und sind 
vielleicht eben von diesen Propheten?). AnCyrus erinnern sie 
44, 28. 45, 1 — 5, nicht weil er jetct für sie thätig war (was 
er, nachdem der erste Befehl gegeben war, in der Folge of- 
fenbar nicht gewesen ist), sondern weil Darius dessen Nachah- 
mer seyn wollte, weil es also forderlich ward, daran zurück 
zu erinnern, dafs die Loslassung der Weggeschleppten von 
Cyrus ausgegangen war, der als Besieger des chaldäischen Ne- 
bucadnezar- Reichs natürlich die, welche von den Chaldäern 
Babels unterdrückt worden waren, sich gerne zu Freunden 
machte. Vermöge dieser Geschichtumstände wird in Jes. 44, * 
28 — 45, 5. nur auf das, was Gott durch Cyrus gethan habe> 
zurückgewiesen, weil dies zu Darius Zeit zum Muster dar- 
gestellt werden durfte Solche begeisterte HofTnungen aber, 
irie diese Kapitel ausdrücken (45, i4« 48, 6.)i hätten wohl 
unter Cynu , wo alles so bald stockte und schon auch so kärg- 
lich begann (Esr. 3, i2 4 i3.)r schwerlich ausgesprochen wer- 
den können* Auch die völlige Erniedrigung Babels, wie sie 
Jes. 47 1 1 — l 4- beschreibt, erfolgte erst unter Darius, da 
sie aufs neue sich von den Persern frei zu machen gesucht 
hatte. Herodot III, 159. Cyrus hatte Babel noch so sehr ge- 
schont, dafs auch jene Sarkasmen der Propheten in seine Zeit 
nicht fallen könnten. Fallen also die Kapitel Jes. 44* 45. 
unter Darius, so ist ihr Inhalt nicht vorzoroa- 
strisch, und 44, 25. möchte auf ältere Mager zu deuten 
seyn. 

Ohnehin darf in dieser ganzen Untersuchung über 
den vorzoroastrischen Magismus nicht (wie häufig 
geschieht) vergessen werden , dafs die Mager vor Darins , diese 
Mager, welche durch den falschen Smerdes steigen wollten, 
nicht Perser , sondern M e d e r waren. Die Erhebung des Da- 
rius war gerade darauf gerichtet, „ne Medus homo, ne Magus 
Penis imperaret Dies zeigt der ganze Zusammenhang bei 
Hcrodot III , 66 — 79. Um so begreiflicher wird es, wie nach 
der Magophonie auch eine neue, jetzt eigentlich Persische, 



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942 Dr von ReicMin- Meldegg 

* ♦ 

Um Wendung des Religionssystems durchZoroaster unter Da- 
rius geltend werden tonnte. Es war zugleich politische Angele- 
genheit, den Medischen Magern einen Parsismus entgegenzustel- 
len, der den weitumfassenderen Blich eines grofsen Staat«, 
nicht mehr die Beschranktheit des von Medien abhängigen Per- 
siens, zu bezeugen scheint. 

Wodurch dann aber Mani bewogen wurde , das Zoroastri- 
sche höchste Einheitsprincip, den grofsen Mithra, zu verlas- 
sen, das Böse in Ahriman nicht durch Wollen entstanden, also 
auch nicht durch Wollen am Ende verbesserlich , sondern als 
Substanz und als Ursache vieler substantiell böser Emanationen 
zu denken, überhaupt zwei gleiche Principien, ohne Auf- 
lösung in eine höhere göttliche Einheit anzunehmen ; bleibt 
nach allem bisher entwickelten dem Ree. noch unentschieden. 
Ehe wir mit dem Verf. S. öa. 53. eine Rückkehr -zum alten 
Magismus oder Parsismus darin erkennen, müfsten wir erst, 
dafs jener ein solcher Dualismus, und dafs er Parsisch war, 
anderswoher gewisser wissen können. 

Immer aber war die klare Darstellung und die philoso- 
phisch-historische Forschung des Vfs. dem Ree. so anziehend 
und erschien ihm in den zwei ersten Hauptpuncten so befrie- 
digend erwiesen , dafs er eben deswegen von seinen weiteren 
Bemerkungen einiges hinzuzufügen , der Achtung gegen den 
Verf. gemafs erachtete. 

Mani fällt in die zweite Hälfte des dritten Jahrhunderts 
(Walch S. 725.). Christliche Begriffe jener Zeit, wo auch 
die Bischöfe und Priester das Böse schon oft allzu substanzartig 
in (der occglf) dem Fleische suchten, das Gute wie einen 
Ton der priesterlichen Sacramentsertheilung abhängigen, ge- 
Leimen Gnadenausllufs aus dem guten Gott beschrieben , schei- 
nen auf ihn gewirkt , ihn zum Versuch einer Vereinigung des 
Zoroastrischen mit dem Christlichen seiner Zeit veranlafst zu 
haben. Denn als apostolische Tradition von Skythianus , The- 
rebinthus, Buddas (Walch S. 7öS.) wollte er seine Lehre 
gerne den Christen glaublich machen. Seine Lehre sollte ein 
Evangelium des Lebens seyn (Walch S. 721.). Sein 
Same selbst , Mani (richtig auch vergleichbar mit Menu, 
nach dem sehr verbreiteten Wurzelwort *) oder 

▼ollständiger Mani chai <y> Austheiler des Le- 

bendigen, klingt Johanneisch. Er hiefs eigentlich Cubri- 
cus (Walch S. 096.). Sein Hauptgedanke scheint dann ge- 
wesen zu seyn , Gutes und Böses für Substanzen zu erkennen. 

t 

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über die Theologie des Manes. 943 

Dies einmal vorausgesetzt, war ihm der Ch/istengott , der Mo- 
nosAgathos, der Allein gute (Matth. 19, 17.) , ihm aber gegen- 
über der Gott des Alten Testaments, der Grundböse. Einen 
obersten Gott bedurfte er nun nicht ; auch mufste M ani ja 
wohl den Cultus des Feuers oder des Mithra, als Sol, mit dem 
christlichen unvereinbar finden. So wurde ihm Zervane Achi- 
rene und Oromazd nur Ein Wesen » Ährirnan aber (der Sata- 
nas der Juden und Christen) stieg so, dafs er wie eine selbst* 
ständige Gegenmacht fortdauernd bestehen «*olke. Als böse, 
Substanz blieb er mit den bösen Aeonen (Engeln) ihm ewig böse 
und unglücklich, aber so, dafs er dem Reiche des Guten dann 
nicht mehr schaden könnte. 

Auch nach der Geschichte gelang Mani s wahrscheinlicher 
Zweck : Zoroastrismus und Christenthum (bischöfliches des 
zweiten Jahrhunderts) mit einander zu verschmelzen, so 
sehr, dafs der Manichäismus eine Zeit lang sehr viele Christen 
einnahm. Sein schädlichstes war , dafs er das Böse als eine 
Substanz betrachten lehrte, die durch den Willen nicht gebes- 
sert, höchstens wie eine dem Lichtgeiet fremde Materie, ab- 
gestofsen werden könnte. Selbst Augustinus, der wegen sei- 
ner allzu fleischlichen Neigungen unter den strengeren Ma- 
nichäern nicht hatte steigen, nicht unter die electos kommen 
können (vergl. Walch S. 775.) 1 blieb daher doch im Zweifel, 
ob er das Böse, das er ohnehin schon mehr im Begehren, 
coneupiscentia , als im geistigen Wo II cn suchte, als etwas 
per traducem (also substanzartig) oder durch Imputation über- 
gehendes anzusehen habe. Wo das Böae ausser dem eigenen 
Willen ist, wird die innerste Kraft zur Besserung nicht wahr- 
haft und wirksam anzuerkennen. 

Wir bitten den Verf., diese Motmafsungen zu prüfen, 1 
wie Ree. die seinige — aber nur in ihrer letzten Anwen- 
dung — su bezweifeln , für wissenschaftliche Aufgabe hielt« 
Gemeinschaftliches freies Streben ryck'l Forschende dJr Wahr- 
heit näher , auch wenn ein fast ahrimamsches Dunkel darüber 
verbreitet ist. 



Dr. P a u l u s.* 



:<}44 Bruchstücke aus Kar] Bertolds Tagebuch. 

Bruchstücke aus Karl B&rtholds Tagebuch. Herausgegeben 
von Oswald. Berlin, bei Dunker und Hamb Lot. 1826. 4o5 S. 
in 8. 1 Thlr. 10 Gr. 



Der Verf. dieses, übrigens unterhaltenden und nicht 
geistleeren , Romans scheint sich die Aufgabe gemacht zä ha- 
ben, seine Personen, der polemischen Zeitmode gemäfs, in 
Super natural isten und Rationalisten einzutheilen , jenen dann 
bedachtsame und edle, diesen leichtsinnige und verwerfliche 
Charaktere und^JIandlungen beizulegen! Nichts ist leichter. 
Die Geschöpfe der Phantasie müssen sich gefallen lassen, mit 
welchen Krähen oder Schwächen ihr Erfinder sie auszustatten 
Lust und Kraft hat. Die psychologische Aufgabe aber (wenn 
nicht das Motiviren und Grundandeuten, als ein etwas be- 
schwerliches, ästhetisches Rationalisiren , auch für die Roman- 
schreiber meist ausser der Mode wäre ! ) würde vielmehr diese 
gewesen seyn, darzustellen, wie das Gute und Schlechte jener 
Handlungsweisen aus der Verschiedenheit jener Glau- 
benssysteme und Grundsätze, und nicht blos aus dem 
den Personen willkührlich beigelegten Gemüthscharakter, 
fliefsen konnte oder mufste. Wessen Religionsüberzeugungen 
davon ausgehen, dafs er den Wollenden mit Jesus zuzurufen 
habe: Seyd vollkommen, wie auch unser Vater im. Himmel 
vollkommen ist (Matth. 5 , 43.) , und dafs nur das Entschlos- 
senseyn für Rechtschaffeoheit, eine Entschlossenheit ohne Vor- 
behalt für beliebige Ausnahmen, die Verehrung Gottes im 
Geiste und in der Wahrheit sey, der wird wenigstens schwer- 
lich in eine romanhafte Person 1 umgedichtet werden können, 
welche durch ihr Religionssystem leichtsinnig an- 
ipafslich, wortbrüchig geworden sey. Dergleichen irrationale 
Rationalisten zu erdichten , wem konnte dies der Mühe werth 
seyn? Am Ende wäre es denn doch nur das Bemühen, dar- 
zustellen, wie Einer — im Gegensatz gegen sein Sy- 
stem — inkonsequent im Handeln werden könne. Und eben 
dies, würde es sich nicht in ein Lob des Systems ver- 
wandeln ? ' 

Dr. Paulus. 



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N.60. 1826. 

■ 

» 

He idelberger 

Jahrbücher der Literatur. 



Voyage autour du Monde ^ entrepris par Ordre du Roi^ souS 
le Minislkre et conforme'ment aux Instructions de «S. Exc. Mr. le 
Vicomte de Bouchage 9 Secre'taire d Etat au Departement de 
la Marine , execute sur les Corvettes de S. M. VOranie et la 
Phy sicienne f pendant les anne'ts 1817$ 1818 , 1819 et 1820; 
public' sous les auspices de S. Mu le Comic C orbiere y Se-* 
cretaire d* Etat de V Interieur , pour la partie historique et 
les Sciences naturelles; et de S. E. Mr. le Comte Cha* 
brol de Crouzolf Secre'taire d* Etat de la Marine et des Co* 
lonieSf pour la pdrtie nautique ; par Mr. Louis de Frey* 
einet, Capitaine de vaisseauy Chevalier de St, Louis et Ojficier 
de la Legion d* honneur y M.exnbre de P Academie Iioyale des 
Sciences , de P Institut de France etc» , Commandant de V expe'di* 
tion. Observation du Pendule, Park- 18 26. 290 S» gr, 4. 

Da* hier anzuzeigende Werk macht, wie der Titel an* 
giebt, nur einen Theil des grossen Reiseberichtes aus, welchen 
*reypinet von seiner langen und interessanten Entdeckungs- 
reise schon seit geraumer Zeit versprochen hat f und theilt 
dem wilsbegierigen Publicum nur aus einem einzigen Zweige 
«einer zahlreichen wissenschaftlichen Forschungen die erhal- 
tenen wichtigen Resultate mit. Ueber diesen nämlichen Ge* 
genstand der mathematischen Geographie hat unterdefs der 
kühne englische Seefahrer, Capt. Sabine, die gelehrte Welt 
mit einem wahrhaft unschätzbaren Werke beschenkt, und 
Ref. hat bei der Anzeige desselben in No. 40* dieser Zeii* 
•C&rift sowohl den Gesichtspunkt im Allgemeinen festgestellt, 
aus welchem die vorliegende Aufgabe betrachtet werden mufs, 
als auch sein Verlangen ausgedrückt, bald zur Kenntnifs der- 
jenigen Resultate zu gelangen, welche man als Ausbeute der 
merkwürdigen französischen Reise unlängst erwartet hat. In- 
dischen schliefst sich die vorliegende umfassende Arbeit un* 
mittelbar an jene des englischen Geometers an f und Ref. mufs 
J «ch daher auf da« dort in Beziehung über die Aufgabe im All- 
gemeinen Gesagte hier beziehen, Sabine hat seine Messungen 

XIX. Jahrg. 10. Hi rt, * 60 



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946 Frejcinet Observation! du Pendule. 

■ • 

mit Kater 's unveränderlichem Pendel, dem von Sehn, 
mach er schicklich benannten Reversionspendel, eng«, 
stellt, dessen Theorie ganz kürzlich durch v. Bo^nenb er- 
ger in den Naturwissenschaftlichen Abbandlungen einer Ge- 
sellschaft in Würtemberg. 1826. Bd. I. S, l ff. gründlich ent- 
wickelt ist. Seine eigenen Messungen in Verbindung mit 
alteren englischen und französischen geben bei auffallend ge- 
ringen Abweichungen der einzelnen Beobachtungen die Abplat- 
tung der Erde 53 1 ftQ% 9 ein höchst auffallendes, mit der bis- 
her bekannten Theorie sehr genau Übereinstimmendes Resul- 
tat, welches man aus vielen, in der erwähnten Anzeige zum 
Theil näher angegebenen , Gründen für sehr richtig, ja man 
darf sagen für absolut richtig anzusehen berechtigt ist, so dafs 
nunmehr die lange Zeit hindurch streitige Frage als genügend 
beantwortet betrachtet werden kann. 

Freycinet und die ihn begleitenden französischen Geo- 
'meter bedienten sich gleichfalls der unveränderlichen* Pendel, 
welche indefs keine Reversionspendel waren, sondern aus 
einer messingenen Linse an einer Stange von gleichem Metalle 
bestanden« Drei derselben waren von Fortin gearbeitet, 
und zwei hiervon hatten runde, das dritte aber eine platte 
Stange. Hierzu kam noch ein viertes von Breguet mit 
einer hölzernen Stange, allein dieses zeigte gröfsere CJnregel- 
mäfsigkeiten, als aus dem Einflüsse der Feuchtigkeit und der 
Temperatur erklärlich schienen. Wie man indefs vom Erste- 
ren versichert seyn konnte, ist nicht wohl begreiflieb, wenn 
man berücksichtigt, dafs die Stange nach p. 4* aus zwei durch 
messingene Stifte verbundenen Stäben, und das Ganze. nach 
p, 12. aus „un astet grand nombre de pieces" bestand , wonach 
jilso die durch Capillarität angezogene Feuchtigkeit wohl noth- 
Wendig einen Einflufs haben raufste. Hierzu gehörten ferner 
vier Chronometer von Berthoud und ein fünfter von Bre- 
guet, desgleichen ein astronomischer Secundenzähler, wel» 
eher Stunden, Minuten und Secunden. angab, mit einer auf 
der Stange beweglichen Linse, durch deren Verschieben die 
Schwingungen seines Pendels mit denen der beobachteten 
Pendel isoebronisch gemacht werden konnten. Dafs aufser- 
dem genaue Thermometer und Barometer, letztere von For- 
tTft> mit festem Niveau, angewandt Wurden, bedarf kaum 
besonders erwähnt zu werden. Zum Aufhängen der Pendel 
diente ein Gerüst aus drei Barren von Gufseisen, welche in 
der Gestalt einer abgekürzten Pyramide zusammengefügt Wur« 
den; unten diente ein angebrachter Bogentheil dazu , die Elon- 
gatioBJMi zu messen, und das Ganse wurde mit einem Glas* 

S 

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* ■ 

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Freyeinet Observation* da Pendule. 947 

kästen verschlossen , dessen eine Seite geöffnet Werden konnte* 
um das Pendel in Bewegung zu setzen u. a. w. Befand sich 
an den Beobachtungsorten kein fester Boden , so wurde ein 
Fundament von Mauerwerk bis Zur Tiefe von f(inf Fufs auf- 
geführt und mit gehauenen Steinen bedeckt, welche zu diesem 
/wecke auf dem Schiffe vorhanden Waren ; in besonderen Fäl- 
len wurde sogar erst pilottirt. Damit aber der Boden durch 
die Tritte der Beobachter nicht erschüttert würde, umgab man 
den Apparat mit einer blos an den Endpunkten aufliegenden 
Täfelung , deren Radius sechs bis sieben Fufs betrug. 

Beim Beobachten wurde die Linse des Secundenzäbler* 
so adjüstirt, dafs derselbe mit dem beobachteten Pendel iso- 
chronisch schwang. War der Isochronismus nicht völlig ge* 
nau, so konnte man den ersteren mit der Hand zurückhalten 
oder 'beschleunigen. Weil aber das Pendel bei abnehmenden 
Schwingungsbogen seine Schwingungszeiten veränderte« so 
zogen die Beobachter vor , die Linse des Secundenzählers hier- 
nach vermittelst der Stellschraube zu reguliren , Welches bei 
jedem Versuche in der Regel nur einmal geschab. Dabei 
wurde gesorgt , dafs die Schwingungen des Zählers die des 
Pendels nicht afficirten, Weswegen ersterer in hinlänglicher 
Entfernung entweder an einer Wand befestigt , oder Vermit* 
telst eines ähnlichen Dreifufses, als der War, Welcher das 
Pendel trug, auf die Täfelung gestellt wurde. Man ersieht 
bald, dafs es hier auf den absolut richtigen Gang des Zahlers 
nicht ankam, sondern nur auf den Synchronismus seiner 
Schwingungen mit denen des Pendels, Weil er blos dazu be* 
Stimmt war , die letzteren ta zählen , und durch dieses Hütts* 
mittel mit den Zeiten der Chronometer Zu Vergleichen. Es 
wurden daher jederzeit zwei Beobachter erfordert, deren einer 
' das Pendel und den Zähler, der andere das Chronometer be* 
obachtete. Nach vorhergehender Verabredung, und wenn 
einige 5ecunden vor der Beobachtung die Aufmerksamkeit an«» 
geregt war, rief derjenige , welcher das Chronometer beob* 
achtete, heim Anfange der vorher bestimmten Minute, den* 
andern das Wort top tu , worauf jener die beobachtete Scbwin* 
gung und ihre Zehntel nebst Minute und Stunde des Zählers 
aufnotirte. Um hierbei aber keine Fehler zu begehen, wurde 
diese Vergleichung der Zeiten des Zählers und des Chröno* 
metere bei jedem Versuche mehrmals, meistens eilfinal und 
darüber wiederholt, und aus allen Bestimmungen das Mittel 
genommen. Man zog diese Methode der entgegengesetzten 
vor, nämlich die Vergleichung mit der Pendelschwingung an* 
tufangen, weil die ZebntheiJe der Pendelschwingungen sich 

60 * 




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948 Freyciuet Observation! du Pendule. 

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* * *' * . ' N 

leicht aus den Theilen des Bogens bestimmen liefsen, worauf 
die Spitze des Pendels zeigte, die Theile der Secunde des 
Chronometers aber minder leicht geschätzt werden konnten. 
Dann wurde die Gröfse des Schwingungsbogens des Pendels 
gemessen, und die Beobachtungen der Thermometer, Baro- 
meter ünd|der Uhren alle halbe Stunden wiederholt, um aus 
allen ein genaues mittleres Resultat zu erhalten, indem die 
Versuche so lange dauerten , als die Schwihgungsbogen der 
Pendel noch eine mefsbare Gröfse hatten , oder die Dauer des 
Tages es gestattete, Da& zugleich der Gang der Chronometer 
astronomisch täglich bestimmt wurde, und zwar meistens 
Morgens und Abends dorch Beobachtung der Stundenwinkel 
vermittelst eines Borda'schen Repetitionskreises , wird aus« 
drücklich bemerkt; selten bediente man sich eines Reflexions- 
kreises; vor der Abreise wurden aber sämmtliche Chronometer 
vermittelst der astronomischen Uhr der Pariser Sternwarte ge- 
prüft. Alle Beobachtungen der Pendel endlich wurden auf die 
mittlere Temperatur von 20° reducirt, um den Einflufs der 
Wärme durch diese Correctionen möglichst zum Verschwin- 
den zu bringen. 

Nach dieser Darstellung ist man genötbigt zu gestehen, 
dafs bei der Güte der gebrauchten Instrumente und der Ge- 
wandtheit der Beobachter diese Versuche den höchsten Grad 
der Genauigkeit erwarten lassen* Dasjenige, was etwa einige 
Bedenklichkeit erregen könnte, ist die Stabilität des für die 
Pendel bestimmten Gerüstes. Es wird zwar versichert, dafi 
ein vorläufiger Versuch zu Paris, wobei das eine Pendel zu- 
erst auf eine unbewegliche Vorrichtung in der Mauer und dann 
auf das Gerüst gehängt wurde, in beiden Fällen keine mefs- 
bare Abweichung in der Zahl der täglichen Schwingungen 
zeigte; allein dort stand das Gerüst sicher auf einer absolut 
festen Unterlage, und ob eine frische Mauer, selbst wenn sie 
mit gehauenen Steinen belegt ist, eirie solche für so feine 
Messungen geben konnte, bleibt wegen der Wichtigkeit der 
Folgerungen , zu welchen die gemachten Beobachtun- 
gen führen, noch immer etwas zweifelhaft. Ein anderer 
Grund eines constanten Fehlers könnte in dem. mündlichen 
Avertiren der Beobachter gesucht werden; allein es ist kaum 
glaublich, dafs sein Einflufs einige Bedeutung gehabt haben 
sollte. Ferner ist der Gang der Chronometer schwerlich gans 
ao genau, als der astronomischen Pendeluhren, insbesondere 
wenn sie von den Schiffen ans Land gebracht, oder, wie der 
Bericht anzudeuten scheint, von dem Beobachter in der Hand 
gehalten werden (Vautre te'noit U chronomitre p. 9.); jedoch 



■ 

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Freycinet Observation* du Pendule. 949 

kann unmöglich hieraus ein Irrthum erwachsen seyn , wenn 
die Beobachtungen mehrere Stunden hindurch fortgesetzt wur- 
den, in welcher Zeit möglich kleine Sprünge dieser Uhren 
lieh wieder ausgleichen mufsten. Gewifs ist übrigens, dals 
der Beobachter des Pendels und des Zählers eine ungemein 
grofse Aufmerksamkeit anwenden mufste, wenn er von dem 
Isochronismus der Schwingungen beider auch beim Verschwin- 
den kleiner Oscillationsbögen der Pendel noch völlig versichert 
seyo wollte. Ueberhaupt ist es gewifs, dafs die bisher ange- 
wandte Methode, die Coincidenzen der Schwingungen beider 
Pendel, des zur Messung dienenden und desjenigen, welches 
der regulirten astronomischen Uhr angehört, zu beobachten, 
zwar zusammengesetzter ist, und dals man daher den franzö- 
sischen Reisenden das beschriebene, weit einfachere, Verfah- 
ren vorgeschrieben habe; oh aber nicht jene unmittelbar zah- 
lende Methode im Ganzen den Vorzug verdiene, bleibt immer 
noch zweifelhaft, Ist nämlich der Isochronismus zweier 
schwingender Pendel nahe völlig genau, so dafs, wir wollen 
annehmen alle halbe Stunden eine Schwingung des einen mehr 
erfolgt als des andern, so gehen beide so lange Zeit scheinbar 
isochronisch, dafs der Beobachter durch die Zwänge der Zeit er- 
müdet, Eine Zeit von fünfzehn oder gar dreifsig Minuten ist 
zwar dem Anschein nach sehr kurz, soll sie aber auf die Zäh- 
lung von Secunden verwendet werden, so wächst sie durch 
die vielen kleinen beachteten Theilchen zu einer unglaublichen 
Lange, und weiden dann die Bewegtingen des einen beobach- 
teten Pendels sehr klein, so ermüdet das Auge, die Aufmerk- 
samkeit schwindet, die Bestimmung der Richtung der Bewe- 
gung wird unsicher, und so scheint es mindestens Ref. nicht 
Unmöglich, dafs hierbei Fehler begangen seyn könnten« Ue- 
berhaupt ist es schon der Natur der Sache nach so leicht nicht, 
einen völligen Isochronismus zweier Pendel herzustellen, und 
das angegebene Corrigiren der Länge des Pendels am Zähler 
vermittelst der Schraube, so wie das Befördern oder Zurück- 
halten seines Ganges während des Versuches, scheint ohnebin 
eine schwierige und mifsliche Operation, Ref. hat zwar nie 
genau solche Versuche angestellt, als die hier vorliegenden 
*fnrl, schliefst aber aus ähnlichen, und glaubt bei aller hoher 
Achtung gegen die Uebung und Fertigkeit, insbesondere ge« 
gen die unzubezweifelnde Gewissenhaftigkeit der berühmten 
französischen Gelehrten dennoch diese Bedenklichkeiten äufsern 
clüilen, weil man nach dem, was jetzt über diesen Gegen- 
HSfi^ bekannt geworden ist, unmöglich eine unregelmäßige 
Krümmunß der Erde annehmen kann, welche aber nothwendig 



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950 Frejoinet Observation» du Pendele, 

aus diesen Pendelmessungen folgen würde, wenn sie absolut 
genau wärnn. Sabine hat bei seinen Versuchen zugleich 
auch den Einflufs der geog n os tischen Beschaffen- 
heit der Beobachtungsorte berücksichtigt; dieses ist 
durch Freycinet zwar nicht geschehen, allein es würde 
auch nicht hinreichend seyn, um die grofsen Abweichungen 
in den erhaltenen Resultaten unter einander zu erklären. 

Es verstand sich wohl von selbst , dafs die mitgenomme« 
nen Pendel vor der Abreise und nach der Beendigung derselben 
erst auf der König). Sternwarte probirt wurden. Hierbei er- 
gab sich zwar im Allgemeinen y dafs sie alle drei durch den 
Gebranch keine merkliche Veränderung erlitten hatten; allein 
wenn man die Prüfung bis ins Kleinste treibt, so mufs es al- 
lerdings auffallen , dafs die jporrigirte absolute Länge aller drei 
Pendel nach der Reise geringer gefunden wurde, als vorher, 
da man vielmehr das Gegentbeil erwarten sollte, indem doch 
eine geringe $ wenn auch noch so unbedeutende Uesirung der 
Messerschneiden 9 vermittelst deren sie auf, den Achatplatten 
ruheten, unvermeidlich war. Die erlittene Verkürzung der 
Pendel betrug Q^rigens nur eine unbedeutende Kleinigkeit, 
nämlich 0,0U, 0,023 und 0,026 Millimeter bei den drei me*. 
singenen, 'Vielleicht liegt diese constante Differenz an der 
Correction wegen der Temperatur, Als Factor für die Aus. 
dehnung des Messings wird der durch Lavoisier und La 
P lace gefundene, nämlich 1/533 oder 0,001 87 6t für die Dif- 
ferenz zwischen den beiden festen Funkten des Thermometers 
angenommen. Sabine fand diesen indefs aus seinen, mit 
den gebrauchten Pendeln selbst angestellter! , Versuchen nur 
7z 0*001667710, welches von jener Gröfse abgezogen einen 
Unterschied ;z: 0.00020*11 giebt. Die oben ang^efienen Un- 
terschiede der vor und nach der Reise gemessenen Pendellän- 
gen geben aber im Mittel 0,02067 Millimeter, und da die 
mittlere Länge derselben 9 1 8,568 Millim, betrug, sq macht 
jene Differenz den 0,000002906 TheiJ der ganzen k3nge au, t 
und die Berechnung ergiebt, dafs weniger als %° C. Tempe- 
raturunterschied hinreichend waren, um jene Differenz her« 
vorzubringen, wenn man annimmt, dafs der durch Sabine 
gefundene Factor der Ausdehnung auch bei diesen französischen 
Pendeln^ absolut richtig sey, Uebrigens versichert Freyci- 
net p. 12, dafs auch mit den von ihm gebrauchten Pendeln 
Versuche bei hoher und niedriger Temperatur auf dem Konigl. 
Observatoria sowohl vor als auch nach der Heise angestellt 
Seyen t um sich von der Zuverlässigkeit der Wärmecorrectjon 
zu überzeugen ; sie sind aber nicht so im Detail beschrieben, 



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Pteycfnet Observafioa* du Pendula. 951 

als die dutch Sabine angestellten . um mit diesen rück* 
sichtlich ihrer Zuverlässigkeit verglichen und beurtbejlt zu 
werden. 

Alle angestellten Beobachtungen sind auf das genaueste 
bis auf die geringsten Kleinigkeiten beschrieben , die erforder- 
lichen. Correctionen hinzugefügt, über die dabei gebrauchten 
Fot mein ist Rechenschaft abgelegt und die Rechnung selbst 
einzeln mitgetheilt, so dafs der Sachverständige in den Stand 
gesetzt ist, das Ganze zu beurtbeilen. Man mufa dem Ver- 
fasser und überhaupt den französischen Gelehrten den schuldi» 
gen Dank für eine solche vollständige Mittheilung abstatten, 
und die gebührende Achtung wegen der beharrlichen Geduld 
bei so ermüdenden Versuchen und Berechnungen ihnen auf- 
richtig bekennen. Wenn man berücksichtigt, wie viele Ver* 
suche dieser Art früherbin wegen der entgegenstehenden un- 
überwindlichen Schwierigkeiten gescheitert sind, so wächst 
durch eine solche Vergleichung das Gefühl der Freude über die 
Fortschritte, welche die Kunstfertigkeit der Mechaniker 9 die 
Geschicklichkeit im Experiraentire.ii und die Uebung in der 
Benutzung gemachter Beobachtungen in den neuesten Zeiten 
gemacht haben. Heil den grofsen Staaten 9 welche die JVfittel 
.besitzen, den wissenschaftlichen Forschungen solche Opfer zu 
bringen , und den hierzu erforderlichen Aufwand nicht zu 
scheuen Ursache haben, um solche schwierige Fragen, als dre 
vorliegende ist, genügend zu beantworten. Fieycinet hat 
das ganze Gewicht derselben gefüh]t , wie man aus seinen 
Worten p. 3. ersieht, wo es peifst ; »San* pretendre avoir e'puise' 
un auui vaste sujet , si les travau» qu'il a ete en mon pouvoir d'pxecu* 
ter au milieu d*obstacles 9 que je nai pat toujQurs pu Vßinere , parois- 
sent dlgnes de hur importance, je me eroirai amplement dedommage 
de mes fatigues et des eonstan* ejforts aue j*ai Jfaits, four approcher 
du but. 9 * 

Der Orte, an welchen Beobachtungen der Pendellängen 
angestellt wurden, sind überhaupt neun, von denen nur drei 
auF der nördlichen, sechs dagegen auf der südlichen fLrdhälfte 
liegen. Die ersteren sind Paris unter 4Ö Q 50' l4''t Mowi 
unter 20° 52' 7" und Gua« unter 13° 27' §l" N. B i die 
letzteren sind die Malwinen unter 51* 35' l8" f das Cap 
der guten Hoffnung unter 33 q 55' 15" Port Jakson. 
unter 33* 51' 34", JV*o de Janeiro unter 22* .55' 
Ue de France unter 20* 9' 56" und Rawak unter 0* 
1' 34". S. B* Die Originalbeobachtungeh , Conectionen und 
Berechnungen sind ausführlich mitgetheilt, letztere an einigen 
Orten, wie z. B. p. 246. und p, 271. so, dafs sie unbeschadet 



952 Freycinet Observation« du Pendule. 

der Deutlichkeit^ kürzer seyn könnten, Rücksichtlich des End- 
resultates, nämlich der Bestimmung der Gestalt des elliptischen 

. .. . 6 x 
Erdsphäroids , ist die bekannte Formel, nämlich 2 k ^ f 

(vergl. No. 40. dieser Zeitschr.) zum Grunde gelegt, und um 
die Werthe y Und x zu finden, ist die Methode der kleinsten 
Quadrate, wie durch Sabine u. a, angewandt, auch sind zu- 
erst die Beobachtungen mit den drei Fortin'schen Pendeln al- 
lein , nachher aber diese mit dem Breguet'schen zusammen in 
Rechnung genommen. Für beides sind, zuerst zwei, dann 
drei, dann mehrere und auch alle Beobachtungen der neun 
verschiedenen Orte mit einander verglichen, so dafs für £ 
im Ganzen zwanzig Werthe gefunden worden. Beschrän- 
ken wir uns blos auf die Resultate, welche die Pendel mit 
messingenen Stangen gegeben haben, so erhalten wir fol- 
gende Abplattungen: Rawak und die Mal w inen geben 
i/282,3; Rawak und Paris ^ 1 /288; Guam unddieMal- 
winens 1/263,8; Paris und Guam s 1/256,5; Rawak 
und das Cap s 1/291,3; Rawak und Port Jakson es 
5/309,8; Paris und Ue de France s 1/250,4, Paris 
und Mowis 1/258; Paris und Riodejaneiroa: 1/297; 
Rawak und Kio de Janeiro ^ 1/265,9, oder wenn die 
Pendelschwingungen zu Rawak um 2 vermindert werden, 
?3 1/288,5; Paris und Port Jakson 1/265,4; Paris und 
das Cap— lf 284,2 ; das Cap, Rawak, PortJakspn und 
die Malwine-n a 1/282,4; alle Beobachtungen auf der süd- 
lichen Halbkugel 55 1/275,2; alle Beobachtungen auf 'der nörd- 
lichen Halbkugel (mit Einschlufs von Rawak, welches sei- 
ner geringen Breite wegen hier den nördlichen gleichfalls bei- 
gezählt wird) = 1/272,5; die nämlichen mit Ausschlufs von 
Guam — j/£79,6; alle zusammengenommen ~ l/267j6; die 
vorigen aufser Guama 1/272,1 ; alle aufserGuam, Mowi 
und lle deFrancea 1 /286,2. 

Ueberblicken wir diese Resultate, so dringt sich zuvör- 
derst die Bemerkung auf, dafs sie alle die Abplattung der Erde 
ungleich gröfser geben, als man bisher anzunehmen gen^kt 
war, und sowohl aus den zahlreichen Gradmessungen, als 
auch aus den Mondsgleichungen gefolgert wurde, Freyci* 
net vergleicht sie mit der durch die letzteren gefundenen Ab- 
plattung s 1 /305, wobei aber die Differenzen sämmtlich po* 
sitiv werden, und gröfer sind, als aus Beobachtungsfehlern 
erklärlich seyn würde, woraus, dann folgt, dafs sie hiermit 
nun einmal nicht vereinbar sind. Vergleicht man ferner die 
Resultate unter sich, so ist das Maximum 55 l/25D»4t das Mi- 

1 I 



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*« . . 



Freycioet Observation* du Pendule. 953 

• ■ / 

nimtim ö i/309,8, deren Unterschied nabe ~ t/1306 beträgt, 
und wenn man aus beiden das arithmetische Mitte) ~ 1/200,2 
nimmt, so beträgt jener Unterschied hiervon mehr als ein 
Vierte], welches sonach entweder auf eine Unregelmäfsigkeit 
in der Krümmung der Erde, oder auf Beobachtungsfehler, 
herbeigeführt durch die groise Schwierigkeit und Unsicherheit 
solcher Operationen, führen mufs. Gegen das Erstere strei- 
tet, genau genommen, die Theorie und auch die schöne, 
durch Sabine gelieferte Reibe von Beobachtungen, und Ref. 
mufste daher zeigen, in wie fern auch bei der gröfsten Sorg- 
falt und seltenen Geschicklichkeit der französischen Geometer 
sich Fehler einschleichen konnten, welche solche Unterschiede 
herbeiführten, und deren Ursachen hauptsächlich in der Auf- 
stellung der Apparate und derMetbode des Beobachtens, min- 
der nicht und wohl vorzugsweise in der geognostischen Be- 
schaffenheit des Bodens au den Beobachtungsorten pearündet 
onnen, lMimint man dagegen diejenigen Resultate zu- 
sammen, welche nach Wahrscheinlichkeitsgründen unter die 
genaueste« zu gehören scheinen, namentlich die vom Aequa- 
tor aus nach beiden Erdhälften hingehenden, also Rawak 
tind Parias 1/288, desgleichen Rawak und das Cap der 
guten Hoffnung ~ 1/291,3; so giebt das arithmetische 
Mittel aus beiden ~ 1/289,65 eine mit der durch Sabine 
gefundenen Gröfse der Abplattung bis zur Bewundejung ge- 
naue Uebereinstimmung, und die Richtigkeit dieser Bestim- 
mung findet noch obendrein in der Vergleichung des aus der 
Verbindung der Messungen zu Paris und auf dem Cap hervor- 
gebenden Wierthes s 1/284,2 eine wichtige Bestätigung. 
Man darf daher mit Recht sagen, dafs auch diese Mes- 
sungen zur endlich enEntscheicfung de reo lange 
ventilirten, sehr interessanten, Frage über die 
Gestalt der Erde einen höchst schätzbaren Bei« 
trag liefern *), 

Diejenigen Folgerungen, welche Freycinet selbst aus 
seinen mühevollen Messungen erhält, weichen hiervon etwas 
ab, und geben seiner schwierigen Arbeit nicht einmal einen 



*} Es mag hier gelegentlieh bemerkt werden , dafs alle vier Pendel 
suiammen eiue mittlere Abplattung 53 1 /2Ö9 nach S. 53. gegeben 
haben, also völlig mit Sab ine 's Endresultate übereinstimmen. 
Ref. hat indefs die Messungen mit dem Pendel von B regnet nicht 
mit berücksichtigt, weil die französischen Gelehrten selbst sie nicht 
für genau halten. ^ 



954 



Frejoinet Obierrations du Pendula, 



so hohen Werth , als welcher ihnen nach dem UrtheUe des 
Aef. und gewifs auch vieler anderer Gelehrten gebührt. Sie 
find nach S. 45. folgende: . 

t) Die Abplattung der südlichen Halbkugel weicht nicht 
merklich von der der nördlichen ab. 

.2) Beide sind gröfser, als, j/305 » welche durch die Monds- 
gleichungen gegeben wird. 

3) JVIan kann sie nach der Berechnung der angestellten 
Versuche jede für sich im Mittel s 1 /2ÖO und i/282 an- 
nehmen. 

4) Die Parallele der Erde haben keine reguläre Gestalt, 
und inen kann diesemnach die Erde nicht als ein regelmäßig 
gekrümmtes elliptisches Spbäroid ansehen/ wie dieses gleich- 
tdlls aus früheren Beobachtungen sowohl in der alten «ls auch 
in der neuen Welt folgt. 

5) Die Versuche zu He de France, Guam und Mo« 
wi, verglichen mit denen xu Paris, geben grofsere Unter« 
schiede, als mit der Theorie vereinbar ist, und müssen daher 
diese letzteren aus Örtlichen unregelmäßigen Krümmungen er- 
klärt werden. 

6) Werden diese letzteren , örtlichen Einflüssen zu sehr 
unterliegenden, Versuche ausgeschieden, so geben die übri- 
gen die Abplattung der Erde ^* l/2Ö6|2> bei welchem End- 
resultate der mitgetbeilten Beobachtungen wir stehen blei- 
ben müssen. 

Endlich hofft Fr eye in et,; dafs künftige Versuche die 
Trage weiter entscheiden, und uns genaue Auskunft über die 
eigentliche Gestalt unsers Erdballs geben mögen, deren Un- 
regelmässigkeit in beiden Erdhälften ihm gegenwärtig als aus- 
gemacht erscheint. Glücklicherweise dürfen wir vielmehr 
diese Sache, welche durch jede Versuchsreise noch mehr ver. 
wickelt werden kann, wenn die Messungen nicht mit einer 
für menschliche Kräfte fast unerreichbaren Genauigkeit ange- 
stellt werden , gegenwärtig durch die vereinten Bemühungen 
der Franzosen und Engländer als erledigt betrachten, 
und eine regelmäfs ige Gestalt des Planeten, den wir bewoh- 
nen f aus theoretischen Gründen und der Erfahrung geraSfs 
kaum mehr bezweifeln« Indem aber dasjenige , was zu dieser 
Ansicht berechtigt , in der Anzeige des gröfsen Werkes von 
Sabina in No. 40. dieser Zeitschrift bereits mitgetheilt ist, 
so würde es überflüssig aeyn, dasselbe hier noch einmal su 
wiederholen. 

Dasf Werk) von Frey einet ist splendide gedruckt 9 und 
übertrifft an Gröfse der Lettern und Weite der Zeilen iü 



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Sftloaon'fl Handbuch der Trigonometrie. 955 

s 

ähnliche von Sabine, steht ihm aber an, Schärfe der Typen 
und Schwärze der Buchstaben nach; auch behauptet daa eng- 
lische Papier awar nicht an Weifte , wohl aber an Glatte und 
Festigkeit den/Voraug. Bei beiden ist besonders die genau« 
Correctur su loben , eine bei den vielen Zahlen sehr nottWen« 
dige, zugleich aber schwer au erreichende Sache. Inzwischen 
sind in dem französischen Werke weit mehr Druckfehler an* 
gezeigt , als in dem englischen 9 und doch sind noch einige 
wenige unbemerkt geblieben , statt dafs Aef. im englischen 
nur einen einzigen gefunden hat« Beide kann man indefs in 
so fern für völlig correct halten, als nirgends der Sinn entstellt 
ist, oder falsch« Zahlen auf unrichtige Schlüsse führen kdnn« 
ten ; denn alles, was Ref. gefunden hat, Hlfst sich aus dem 
Zusammenhange ohne Schwierigkeit herstellen , z.B. S. 37. 
Z. 5. v, u. wo N statt N 2 und S. 246. unten , wo + 0 statt 
s steht. 

< M u n o k e. 

■ 



Handbuch der ebenen und sphärischen Trigonometrie 
von J, Solomon, öffentl. ordentl, Professor der Elementar* 
Mathematik am Kaiserl, Konigl, polytechnischen Institut. PVien 
1824. XIV und 355 S. 8. 1 Tblr. 8 Gr. 

So viele Lehrbücher der Trigonometrie wir auch be- 
sitzen , so wird ihre Anzahl doch mit jedem Tage gröfser* 
Selten aber findet man eins, welches mit möglichster Vollstän- 
digkeit zugleich Kürze und Klarheit der Darstellung verbände, 
durch eine consequente Sonderung der Theile einen leichten 
Ueberblick gestattete, und so das Studium dem Anfänger er« 
leichterte. Gewifs würde uns vorliegendes Handbuch in vie- 
len Stücken: befriedigen , hätte der Verf. sich nicht au sehr 
durch Rücksichten auf seinen Unterricht leiten lassen. So 
aher hat er aus allzu grofsem Bestreben, seinen Lesern alles 
recht deutlich zu machen, auch über die einfachsten Sachen 
seine Betrachtungen ausgedehnt, und fast jede Aufgabe auf 
mehrere Arten , wenn auch nicht auf dem kürzesten Weger, 
aufgelöst. Sjatt eben gewonnene Entwickelungen für folgende 
Aufgaben zu benutzen, zieht es der Verf. oft vor, sie wieder 
von neuem vorzunehmen , wenn auch auf eine von der frühe« 
ren wenig verschiedene Art. Wenn dieses das .Besondere ist, 
welches der Verf. in seine Untersuchungen eingeflochten zu 
haben glaubt, so müssen wir gestehen, t tst dieses eine lang- 



956 Salomen'* Handbuch der Trigonometrie« 

■ " '• •.' * - \ - fm • 
weilige Eigentümlichkeit, Der kürzeste Weg, der, welcher 
am schnellsten zum Ziele führt, istgewifs, sowohl im Allge- 
meinen als auch im Besonderen. für den ersten Unterricht y der 
passendste. , ^ . 

Die erste Abtheilung enthält in drei Abschnitten die tri- 
gonometrischen Funktionen. Zuerst werden die Gesetze dar- 
gelegt, welchen diese Funktionen in den verschiedenen Qua- 
dranten unterworfen sind; jedoch geschieht dieses nicht bei 
allen Funktionen in derselben Ausdehnung, was hier wohl 
Lütte geschehen können, denn das, was später darüber gesagt 
wird, sollte höchstens als ein« Bestätigung des Früheren da« 

3 T 

stehen. Wenn §.12. tang ~~ — od , §.15. aber — + co 

steht, so ist dieses wohl nur ein Druckfehler. Dann setzt der 
Verf. aber auch tang. 0 + 0 und tang. 2 * S — 0; cotang. 
OS + oo und cotang 2 x ~ — co, eben so cosec. Os + co 
xi nd cosec. 2tS — oo ; Cagnoli dagegen hat tang. o s tang. 
2 rr sa — 0; cotang. 0 53 cotang. 2x s — co ; cosec. O ^ co- 
sec. 2 — cö. Es ist übrigens, auch ohne Hülfe des jh 0, 
leicht zu seigen, dafs Sinus und Cosinus nur dann ihre Zei- 
eben ändern können, wenn sie vorher Null geworden sind, 
dafs bei Secante und Cosecante diese Aenderung nur bei oo statt 
findet, u.id dafs Tangente Und Cotangente beides vereinigen, 
also sowohl bei 0 als auch bei co ihre Zeichen ändern; oder 
dafs diese sechs Funktionen nicht ihre Zeichen ändern kön- 
nen, sie Seyen denn vorher s 0 oder ~ co geworden. Noch 
wollen wir gelegentlich bemerken, dafs der Verf. nicht so, 
wie Cagnoli , den Bogen von der Hechten zur Linken, 
sondern gerade umgekehrt wachsen läfst. 

Im zweiten Abschnitte hätte die Berechnung von derVer- 
gleichung der Funktionen wohl getrennt werden, und bei 
«letzterer selbst eine bessere Ordnung beobachtet werden kön- 
nen. Zuerst die Funktionen eines Bogens , dann die von 
zweien, und hier die Entwicklungen von. Sin. (a HH b) und 
Cos. (a +. b) an die Spitze zu stellen und die übrigen daraus 
herzuleiten, wäre wohl das einfachste gewesen. Die trigo- 
nometrische Analysis macht den dritten Abschnitt aus. Schon 
Euler bat die Kreisfunktionen in die Analysis aufgenommen, 
wo sie mit verwandten Gegenständen in ihrer eigentümlichen 
Gestalt und Ausdebnung weit besser abgehandelt werden kön- 
nen , als in eifern Handbuche der Trigonometrie, bei dessen 
Lesen man keine grofse Kenntnifs der Analysis voraussetzen 
darf« Hätte 1 der Verf. dieses berücksichtigt, so wtirde er sein 



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Salomon'ä Handbuch der Trigonometrie. 



957 



Handbuch, von Seite 48 bis 126 , nicht mit diesem Gegenstande 
belästigt haben. Dafs auch die Auflösung der Gleichungen 
hier noch einen Platz gefunden bat, läfst sich nur aus einer 
grofsen Vorliebe fdes Vf. für Cagnoli erklären. 

Die ebene Trigonometrie füllt die zweite Abtheilung. 
Wir Enden hier nur die gewöhnlichsten Fälle aufgelöst ; dem- 
obngeachtet nehmen die drei Aufgaben über das schiefwin- 
klige Dreieck beinahe sechszehn Seiten ein. Beim Vieleck 
kommen einige hübsche Auflöstingen über den Flächeninhalt 
vor. Das Gesetz der allgemeinen Formeln würde noch deut- 
licher seyn , wenn der Verf. eine andere Bezeichnung hätte 
einführen wollen; die Seiten des nEcks z, B mit a f> a 2 , a ^ 

. . a n , die Winkel mit A t , A 2 , A 5 . . . A n . In der 

letzten Gleichung S. 209. müfste allen Gliedern das Zeichen + 
vorhergehen; ferner sollte in der dritten Linie von unten vy 
statt wy, und in der letzten Linie xy statt wy stehen. Dafs 
der Verf. fast jeder Aufgabe ein Beispiel in Zahlen beigegeben 
bat, finden wir zu viel; es wäre hinreichend gewesen , dia 
schwierigsten Fälle zu erläutern, und die Berechnung durch 
Logarithmen zu zeigen. Ueberhaupt würde in einem An- 



lange 



oder einem besondern Abschnitte, 

etheilten Foi 



eine Anleitung 

zum Gebrauche der mitgetheilten Formeln besser Platz ge- 
funden haben, als die Beispiele nach den Entwickelungen, 
welche nur die Aufmerksamkeit des Lesers von der Haupt- 
sache abziehen. 

Die sphärische Trigonometrie, welche den Inhalt der 
letzten Abtheilung ausmacht, bietet uns wenig Besonderes 
dar. Die analytische Herleitung der Formeln findet man fast 
ebenso, nur etwas gedrängter, in Meyer Hirsch's geo- 
metrischen Aufgaben. Hätte nur der Verf. dieses Buch noch, 
hesser benutzen wollen, und statt seiner trigonometrischen 
Analysis einige Aufgaben über das Dreieck aufgenommen , 
welche sich in diesem Werke befinden , so würde er seinen 
Schülern einen weit gröfseren Dienst erwiesen haben» 



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958 Lallemaod Aber das Gekirn. 

Anatomisch '-pathologische Untersuchungen Uber das Gehirn und seine 
zugehörigen Theile 9 von F. Lall e man d 9 Professor der chU 
rurgischen Klinik bei der medieinischen Facultät zu Montpellier 
u. s. w. u. «• w. Aus dem Französischen übersetzt von Kärl 
Weese f Doctor der Medicin und Chirurgie 9 ausübendem Arzte 
zu Thorn. Mit dem fylotto ; Ars medica totain observationibus 
(fr. Hoffmann). Neque numerandae sunt , sed perpendendae 
(Morgagni Ep. 61. art* 47.). Erster Thail. Erster und zweiter 
Brief. Leipzigs 1825. Magazin für Industrie und Literatur» 
XXX und 298 S gr* 8. Desselben PVerkes zweiter Theil. Drit- 
ter und vierter Brief. Ibid. Eod. i625. 565 $• $TWr. 16 Gr. 

An die gehaltvollen Schriften, welche unt in neueren 
Zeiten über die verschiedenen krankhaften Zustände des "See- 
lenorgans , so weit solches in seiner körperlichen Sphäre er- 
krankt ist , von französischen Aerzten geliefert worden sind, 
und wohin Ref. zunächst die bekannten Werke über den 
Schlagflufs, die Entzündung der, Spinn wehenbaut , die Er- 
weichung des Gehirns und die Verrücktheit von Riobe', Ro- 
choux, Parent-Duchatelet und Martinet und Georget zahlt, 
reihen sich die hier vor uns liegenden zwei Bände anatomisch- 
pathologischer Untersuchungen des Gehirns von Lall eraaiid 
•ehr ehrenvoll an. Vorzugsweise ist es ein erfreuliches , ob- 
wohl in jedem Betrachte höchst schwieriges Bemühen unserer 
Tage, auch in die dunkle Lehre des gesunden nnd kranken 
Gehirn« und Nervenlebens weiter als bisher einzudringen, 
und uns noch mehr Aufklärung über die organische Einrieb« 
tung und einzelne Beziehung derjenigen Theile eines Systems 
zu verschaffen , welches uns 9 unabhängig von seinem über- 
wiegenden Einflüsse auf alle körperliche Thätigkeiten , bei 
dem harmonischen Zusammenwirken seines Ganzen, in eine 
so vielseitige Beziehung zu uns selbst und zu der Welt 
uns versetzt, welches den Menschen erst zu dem erhebt, 
er ist, und seinen geistigen Vermögen nach werden und 
kann , und das ihm vor Allem die veredelte Fähigkeit veflc 
die heitere Aussicht auf eine weitere Vervollkommnung, 
ein besseres, lückenloseres Jenseits zu geniefsen. Ref. ist 
aber nicht der Meinung derer, welche in den tieferen Unter« 
Buchungen über den Hirnbau, in den gründlichen Forschungen 
über die Beziehung der einzelnen Formationen der Gehirn* 
Substanz im gesunden und kranken Zustande zu den verschic« 
denen Seelenäufserungen 9 in den Vergleichungen der stufen- 
weisen Entwicklung des Gehirns und der Nerven in der Thier« 
reihe mit dem Ganzen und Einzelnen dieser Systeme im Msn- 



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Lallemaud über das Gehtrn. • 959 

leben und der durch ihr Medium wirkenden geistigen Kräfte, 
eine Beförderung des Materialismus zu sehen wähnen ; er hegt 
vielmehr die Meinung, dafa 9 je tiefer wir in*a Innere der 
Natur überhaupt einzudringen vermöchten, wir nur um ad 
mehr die Ueberzeugung gewinnen würden, dafs dasjenige 
immer daa Thfitigste und Mächtigste bleibt, waa una am We- 
nigsten materiell erscheint) dafs das Wichtigste von demjenU 
gen, was wir zu erforschen streben, eigentlich doch da erst 
beginnt, wo Sinnen und Intelligenz die Gränzen gesteckt 
sind 9 und dafs das Geistige »in uns einer Veränderung oder 
Verwandlung fähig ist 9 die, trotz der materiellen Vermittlung 
durch die Organisation) weit Ober die Schranken dea End« 
liehen und Körperlichen binausreicht. — Wie aber auch die 
Ansichten hierüber seyn mögen, immer wünscht Ref. zum 
Heile der Wahrheit und der Wissenschaft, dafs unsere For- 
schungen im Gebiete der sinnlichen Erkenntnifs sowohl des 
gesunden als kranken Zustandes so vorurteilsfrei, so umsich- 
tig und bescheiden als möglich angestellt werden, und dafs es 
insbesondere den französischen Gelehrten unseres Faches doch 
ja gefallen möge , ihrem vielseitig angeregten , höchst lobens- 
wert hen Triebe* die Natur« und Heilkunde zu vervollkomm- 
nen, auf eine ächt wissenschaftliche Weise nachzukommen, 
dabei auch die Verdienste Anderer um die verschiedenen 
Zweig« des naturwissenschaftlichen Wissens im gesunden und 
kranken Zustande anzuerkennen , sich bei ihren Forschungen, 
in diesem weiten Gebiete möglichst vor Einseitigkeit zu ver- 
wahren) und dem redlichen Streben , der Wissenschaft zu die- 
nen, jede andere Rücksicht nachzusetzen. 

In diesen beiden Bänden anatomisch -pathologischer Un- 
tersuchungen, deren jeder zwei Briefe enthält (die übrigens 
von Briefen nichts als den Namen, und die berühmten M or- 
ganischen Epistolae zu Vorgängern haben), und welche, 
wie aus einigen Stellen zu erhellen scheint, fortgesetzt und 
sich über alle Krankheiten des Gehirns und seiner Häute ver- 
breiten werden, handelt der Verf. die sogenannte Erweichung 
des Gehirn* ab, worunter er jedoch keinen allgemeinen, son- 
dern nur einen partiellen Zustand dieser Art versteht, was 
der Verf. um der richtigeren Bezeichnung der Sache willen 
hätte b emerken sollen. Indem derselbe die Erweichung des 
Gehirns durchgängig für das Erzeugnifs einer Entzöndung er- 
klärt, die sich nur unter verschiedenen Formen oder Graden 
offenbare, bedünkt es den Ref., dafs der Verf. logisch rich- 
tiger und naturgemäfser verfahren wäre, wenn er die akute 
Localentzündung der Hirnsubstanz zum ersten Eintbcilungs- 



900 Lallexnand übet das Gehirn. 

* 

gründe de» Werke« gemacht, die darauf erfolgende partielle 
Erweichung de* Gehirns nur als einen Ausgang jener Entzün- 
dung betrachtet, und da ihm nun einmal die Darstellung sei- 
ner Untersuchungen in Briefform zu belieben schien, sodann 
erst, wie auch geschehen 9 in den einseinen Briefen die ver« 
schiedenen Stufen jener Entzündung beschrieben hätte, wobei 
sich doch stets die, nach der Ueberzeugung des Verfassers in 
allen dieserr*Fällen vorhandene Gehirnerweichung noch emi- 
nent genug herausgestellt , die Schrift aber an Ordnung und 
Klarheit gewonnen haben würde. — Jeder der vier Briefe lie- 
fert in einer Reihe von Beispielen dieBeschreibung einer jener 
Formen partieller Gehirnsubstanz- Entzündung und Erwei- 
chung sowohl nach der Eigentümlichkeit der Symptome, als 
nach den anatomischen Characteren des Leichenerfundes, und 
namentlich enthält der erste Brief (Bd. I.) die w Erweichung 
des. Gehirns mit Gefäfsauffsprützung , Infiltration oder Ergies- 
sung von Blut, oder auch mit eigentümlicher Färbung des 
ergriffenen Gewebes«, ein Zustand, bei weichem der Tod 
früher eintrat, als der Kiter Zeit hatte, sich zu bilden , und 
wo das Blut mit der gefäfsreichen und erweichten granenHirn* 
Substanz vermengt , nun bald eine dunklere, bräunliche , veil- 
chenblaue, amaranthfarbige 9 mit der nur wenige und zarte 
Gefäfse besitzenden, weilsen Substanz dagegen eine blasse, 
citronengelbe , grünliche Färbung zu erkennen gibt. — Der 
Zweite Brief handelt S. 97 — 29S. von der „Erweichung 
Gehirns mit Infiltration von Eiter oder anfangender Eiterun 
wobei die graue Substanz durch' ihre Verbindung mit dem 
gesickerten Eiter in Farbe und Consistenz gleichfalls verä 
wird, und sich wie das Blut in mehr oder weniger betr 
liehen Massen in deutlich erkennbaren Heerden darstellt. 
Die dritte Form der partiellen Hirnerweichung wird im drit 
Briefe (dem ersten des zweiten Bandes) , S. 1 — 169 unter 
der Aufschrift „frische Absces-se ^abgehandelt , und stellt sich 
bier der Eiter zu kleinen, abgesonderten Heerden vereinigt, 
und noch mit den Trümmern der entarteten Hirnsubstanz ver- 
mischt dar. In der vierten Form (zweiter Brief des zweiten 
Bandes) werden von S. 170 — 365. die „Balgabacesse« de» 
Gehirns beschrieben, deren anatomischer Charakter haupt- 
sächlich darin besteht, dafs sich rund um den Eiter eine 
weiche, dünne, mit Gefäfsen versehene Membran zu 
anfängt: 

(Der Beschlufs folgt.} 




N. 61. 1826. 

Heidelberger* 

■ 

■ 

Jahrbücher der Literatur* 



Lallemand i anatomisch-pathologische Untersuchungen 

über das Gehirn* 



(Beschlufs.) 

Ueberall in diesen vier Formen finden sich, nach dem 
Verf.* die charakteristischen Symptome der Erweichung wie« 
der; die Symptome folgen in derselben Ordnung auf einander, 
bähen denselben Verlauf* dieselben Complicationen und die- 
selben zufälligen Erscheinungen* und diese Uebereinstimmung 
der Symptome beweise zugleich, dafs ihnen dieselbe Ursache* 
nämlich Entzündung, zu Grunde liege« — Die meisten Krank- 
heitsfälle und Leichenöffnungen des ersten Bandes* zwei und 
fünfzig an der Zahl, sind vom Verf. selbst und Zwar im Ho- 
tel. Dieu zu Paris beobachtet, die übrigen aber und die des 
zweiten Bandes, mit vier und sechzig Arankheits - und Öb- 
ductionsgeschicbten, find theils von Morgagni und andern 
älteren Aeratön , unter den Neueren ater vorzüglich vön Dan 1 ; 
de la Vauterie, Rocboux, Bricheteau, itard, Abercrombid 
u. A. entlehnt* und | als Öelege für die Lehre des Verf. bei. 
nutzt. 

Die Erweichungen des Gehirns sind weder eine neue, 
noch mehr verbreitete Krankheit* als ehemals, Sondern sie* 
lind nur mit gröfserer Sorgfalt als ehedem studirt worden* 
md je mehr man sich damit beschäftigt, desto häufiger er- 
■cheinen sie. Bei den älteren Schriftstellern sind Wenige Be- 
Pachtungen über die Erweichung des Gehirns vorhanden ; 
lie Symptome sind in der Mehrzahl der Beobachtungen kaum 
ngegehen* die Beschreibung der Krankheit undeutlich, die 
wichen Öffnung unvollständige und vöri der Behandlung gar 
licht die Hede. Morgagni ist der Einzige* welcher auf diese* 
rankbaften Veränderungen einiges Gewicht legte* weil er 
•hfl was »odern, minder aufmerksamen Beobachtern entgan- 
en war, Oft konnte dies aber geschehen $ da die erweichte* 

XIX. Jahrg. Os, &ft Öi 



962 ; Lall em and über das Gehirn« 

Gehirhsubstanz zuweilen nicht die geringste besondere Fär- 
bung darbietet, steh nicht selten nur in dem Umfange einer 
Haselnufs darstellt, und die krankhafte Veränderung in sol- 
chen Fällen nur in der verminderten Dichtigkeit des zarten 
Hirngewebes besteht. Unter den Neueren beschrieben Reca- 
rnier, Bayle und Cayol diesen Zustand zuerst mit Sorgfalt. 
Ref. wundert sich, die Schrift von Rostan biebei nicht er- 
wähnt zu finden, da, so wenig auch unser Verf. an eine all- 
gemeine Erweichung des Gehirns zu glauben scheint, doch 
unläugbare und Vertrauen verdienende Beobachtungen bietör 
.sprechen, und wir eben so gewifs auch Fälle von Erweichung 
grofser Strecken des Rückenmarks aus inneren Ursachen be- 
sitzen, neben welcher im Uebrigen sonst keine Entzündungs- 
merkmale entdeckt werden konnten, und beide Zustände sieb 
somit, wenigstens der äufseren Erscheinung nach, nahe ver- 
wandt sind, wenn sre auch verschiedene Ursachen baben soll- 
ten. Bei der Wichtigkeit und zum Theil auch der Neuheit 
des Gegenstandes, welcher eine Anregung zur ferneren Be- 
achtung und Prüfung auch durch unsere vaterländische Aerztf 
in hohem Grade verdient, da das Gemälde der Krankheit aber 
nur in zerstreuten Zügen im Buche umher liegt hält es Ref. 
nicht fttr unpassend, dieselben zu sammeln, und das We- 
sentliche davon, so weit es die Gränzen einer Recension er- 
lauben , mitzutheilen. 

Die Erweichung des Gehirn» (oder vielmehr diejenige 
locale Entzündung der Gebirnsubstanz, welche als einen ihrer 
.Ausgänge Erweichung zur Folge hat, und durch diese tödtet, 
Ref.) entsteht meistens sehr schnell, Ist von heftigen Sympto- 
men begleitet,' und hat gewöhnlich einen raschen Verlauf. 
Ein und vierzig Kranke dieser Art starben in den ersten acht, 
zwölf innerhalb vierzehn Tagen, und sieben in der dritten 
Woche. Ihr Sitz ist vorzugsweise die von vielen und star- 
ken Blutgefässen durchzogene, und eben daher Blutcongestio- 
nen , Entzündungen und BlutÜüssen besonders blosgestellte 
graue Substanz der Hemisphären und in den aus derselben reich- 
lich bestehenden gestreiften Körpern und Sebenewrenhügeln, 
uncl sie läfst sich voji der , häufig mit ihr verwechselten Apo- 
plexie (deren Natur in neueren Zeiten unter allen Gehiis- 
krankheiten noch die meiste Aufklärung erhalten, und welche 
Ihren Sitz auch, wie die Hirnerweichung, am häufigsten in 
der grauen Substanz hat, und , nach dem Verf. , nichts an« 
ders» als eru freiwilliger Gehirnblutflufs ist, der den Ueber- 
gang zu der im ersten Briefe beschriebenen Form von Gehirn- 
erweichung bildet) eben so wobl, als von der Entzündung 

i ■ 



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V 



Lallemand über da* Gehirn. 1 ^903 

der Spinn webenbaut durch bestimmte und wesentliche Sym- 
ptome unterscheiden. — Die Häufigkeit der Erweichung der 
grauen Substanz in Vergleich mit der weifsen lehrt eine von 
dem Verf. mitgetheilte Tabelle, zu Folge welcher sie in Sechs 
und vierzig Fällen drei und dreifsig Mal in der grauen, und 
nur acht Mal in der weifsen Substanz allein vorkam , und 
wobei sie in denjenigen Geniriitbeilen wieder um so häufiger 
erscheint, welche die meiste graue Substanz besitzen, wes- 
wegen sie sich in jenen drei und dreifsig Fällen Sechszehn Mal 
in der Oberfläche der Hirnwindungen 9 dreisehn Mal in dem" 
Corpus Striaturri und Sehnervenbtigel , und in der, eine ge- 
ringere Menge^ grauer Substanz enthaltenden, Föns* Varolii 
nur vier Mal' vorfand — Die Symptome der Gehirnerwei- 
chung anlangend , so sind sie die der Gehirnentzündung (zu 
Folge der Theorie des 1 Verf. eigentlich: der localen Entzün- 
dung der Hirhsubstanz , Ref»)j und zeigen dieselben die zwei 
sich entgegengesetzten Stadien der Reizung und det Entkräf- 
tung oder Lähmung. Im erSteren : Autregung der Seelen- 
kräfte , Kopfschmerz, Empfindlichkeit der Netzhaut, Veren- 
gerung der Pupille, Gliederschmerz ; besonders hervorstechend^ 
beständig und charakteristisch aber eine bald anhaltende, bald 
nachlassende Zusammenziehung der Muskeln j die zum Unter- 
schied von det Apoplexie und Spinnewebenhaut* Entzündung 
meistens nur eine einzige, und zwar wegen Kreuzung der 
Qehirrifasern die der Erweichung entgegengesetzte und zu- 
gleich noch von wahrer Lähmung begleitete, Seite des Kör- 
pers betrifft; im zweiten: Abnahme des Bewu/stseyns, Be- 
täubüng, Schlafsucht, Schwerhörigkeit, Verlust des Gesichts 
und der Sprache , Lähmung der Muskeln und Unempfindlich-, 
keit der Haut. Bei der Arachnitis sind nur die Symptötne 
der Hirnreizung ohne Texturveränderungen des Gehirns und 
daher auch keine Lähmung zugegen j und bei der Apoplexie 
findet gleich von vorn herein krankhafte Veränderung dieses 
Gebildes, von plötzlicher Lähmung begleitet , statt* Beider 
Gehirnerweichung dagegen zeigt sich eine Aufeinanderfolge 
von Reizung j eine langsame, stufenweise fortschreitende 
Lähmung und ein ungleicher j intermitttrerider Gang. Die 
Kranken sind bald besser, bald schlimmer; zuweilen bessern: 
sie sich dergestalt * dafs män sie beinahe aufser Gefahr glaubt. 
— Die Vorboten der Gehirnerweichung sind dunkel Und un- 
sicher. Oft gehen sie der Krankheit lange voran + und können 1 
allerdings auch äls Vorläufer der Arachnitis und Apoplexie* 
vorkommen. Si* deuten auf häufige und starke Gehirncori* 
gesüenert, tfnd bestehen in Betäubung, Verdunkelung de* 

et* 



964 Lallemand über das Gehirn. 

Gesichts y optischen Täuschungen, Ohrenklingen., Schwere 
des Kopfes mit Behinderung der Sprache, Schwäche lind Er- 
starrung einer Körperhälfte, Ameisenkriechen in den Gliedern. 
Bei Einigen geht eine merkliche Veränderung in den Verrich- 
tungen des Verstände» voraus; sie sind unruhig« mürrisch, 
zum Zorne geneigt, scbwermüthig oder exaltirt. Einer der 
beständigsten Vorboten ist aber ein plötzlich eintretender, 
von dem oft Jahre . lang anhaltenden Schmerz bei der chroni- 
schen Arachnitis oder der Eiterung der dura Mater wesentlich 
verschiedener , Kopfschmerz , der dem Ausbruch der Krank- 
heit gewöhnlich nur kurz vorangeht, und sich mit dem Ein- 
tritt der zweiten Periode wieder verliert. Die Prognose ist 
in der Regel ungünstig, und bis zu einem gewissen Grade ge- 
langt, ist die Krankheit fast immer tödtlich. Von zwei und 
fünfzig im ersten Bande beschriebenen Kranken dieser Art hat 
Ref. nur vier Genesene gezählt. Die Ursachen der Gehirn- 
erweichung sind nach dem Verf. genau dieselben, wie die der 
Apoplexie oder der Entzündung überhaupt. Im Allgemeinen 
Seyen die vorbereitenden und veranlassenden Ursachen schwer 
richtig zu würdigen (?). Aeufsere Verletzungen des Schä- 
dels, chronische Entzündung der Arachnoidea, Herzfehler, 
deutlich bezeichnete apoplektische Constitution , unterdrückte 
Hämorrhoiden und Katamenien, Gemüthsaffecte , Mifsbrauch 
geistiger Getränke bringen sie hervor. Wo sich die Krank- 
heit von freien Stücken entwickelte, waren die Individuen im 
Allgemeinen bejahrt, und unter neun und dreifsig (in einer 
Tabelle mitgetheilten) Verstorbenen waren sehen zwischen 
fünfzig und sechzig, sieben zwischen «wanzig und dreifsig, 
sechs zwischen sechzig und siebenzig, und fünf zwischen sie- 
henzig und achtzig Jahre alt, über achtzig Jahre waren zwei. 
Fieber ist nach dem Vf. nur selten bei der Gehirnerweichung 
vorhanden (?)» und Delirium nur dann, wenn derselben eine 
Entzündung der Spinnewebenhaut vorangieng, denn die Con- 
gestionen seyen bei der Entzündung, der Hirnsubstanz zu hef- 
tig , und das Gewebe derselben werde dadurch zu rasch ver- 
ändert, als dafs das Gehirn seine Verrichtungen fortsetzen 
könnte; ist aber Fieber zugegen, so sey es von dem Gehirn- 
leiden unabhängig (?), und rühre dann von dem gleichzeiti- 
gen Leiden eines Eingeweides einer andern Höhle her. In 
Rücksicht der Behandlung hält der Verf. reichliche, allgemeine 
und örtliche Blutentleerungen, nach diesen kräftige Ablei- 
tungsmittel und Eisauflegen über den Kopf für das Heilsam- 
ste, und er theilt unter den glücklichen Ausgangsfällen auch 
einen mit, bei welchem sich noch das gleichzeitige Aufgiefsen 



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Lallemand über das Gehtm. 



965 



von heifsem Wasser auf Waden und Lenden sehr hälfreich er« 

wie». 

Nicht ohne Grund erwartet unser Verf. röcksichtlich sei. 
ner Behauptung : dafs die Gehirnerweichung jedeneit das Er« 
gebnifs einer Entzündung aey, Widerspruch, und namentlich 
ist es sein erfahrener Landsmann Re'camier, welcher dieser 
Ansicht entgegentritt , indem derselbe jenen Zustand für einen 
Morbus aui generis nach der Analogie der Milzerweicbung , 
und für die Wirkung eines nervösen , bösartigen oder söge* 
nannten adynamischen Fiebers , nicht aber einer vorhergegan- 
genen Entzündung erkiärt. Diese Ansicht theilt aber Kef. zu 
Folge seiner bisherigen Untersuchungen nicht, denn er hat 
auch nicht an einem einzigen Gehirne einer Typhus- Leiche 
eine Erweichung im Sinne der neueren französischen Aerzte 
gefunden, und in Wahrheit, es ist ihm aufser den Pringle*- 
schen und den noch seltneren v. Hildenhrand'schen Beispielen 
(deren Lallemand .übrigens nirgends gedenkt) von akuten Ge- 
hirneiterungen in bösartigen Fiebern, aucb sonst nicht ein 
Fall dieser Art bis jetzt weiter bekannt geworden. Wohl 
fand er nach solchen Fiebern etliche Male eine oberflächliche 
Erweichung der Corp. Striat., der Sehnervenhügel, des For- 
nix und der durchsichtigen Scheidewand, aber dies war nur 
da der Fall, wo sich Wasser in den seitlichen Gehirnhöhlen 
angehäuft gehabt hatte, welches offenbar die Oberfläche jener 
Gebilde erweichte und partiell auflöste, so, dafs Theilchen 
der Hirnsubstanz in jenem Serum frei herum schwammen, 
aber ohne ein sonstiges Entzündungsmerkmal daneben, ebne 
sogenannte Gefäfsausspt itzung , ohne eine andere als die na- 
tüiliche Farbe, ohne sogenannte Arachnitis, Eiterung oder 
öbeln Geruch, lediglich von mechanischer (sit venia verbo!) 
Auflösung jener Oberflächen durch das Wasser, wahrschein- 
lich erst nach dem Tode herbeigeführt. Während er dagegen 
in andern, nicht nervös -Beberhaften Krankheiten jene Er« 
weichun.gemerkmale des Gehirns allerdings auch, und zwar 
mit grofsem Interesse, beobachtete, und sich längst stilN 
schweigend überzeugte, dafs es ein akut verlaufendes , mit 
einer lucalen Entzündung am meisten übereinkommendes, und 
ganz vorzüglich durch eine theilweise Erweichung ausgezeich- 
netes Leidendes Gehirns gebe, welches, ohne Apoplexie zu 
leyn , doch mit derselben viele Aebnlicbkeit seige , und auch 
junge Personen, ohne äufsere Quetschungen des Kopfes, zu- 
weilen schnell tödtlich befalle. Andererseits hält er aber da- 
ftr, dafs, so sehr sich auch Lallemand Mühe giebt, die spon- 
tane Hirnerweichung ohne Ausnahme für das Product einer 



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966 Lallemancl über das Gehirij. 

Entzündung zu erklären; sie ihren Zufällen nach, und zu 
Folge des Sectionsergebnisses, mit der nach Gehirnquetschun- 
gen entstandenen Entzündung upd Erweichung in gleiche Li-, 
nie zu setzen, und die sich etwa ergebenden Verschiedenhei- 
ten in Vergleich mit der Entzündung anderer Gebilde aus der 
natürlichen Weichheit des Gehirns und seinem Mangel an 
Zellgewebe herzuleiten , doch gar wohl auch eine solche Er- 
weichung ohne vorhergehende Entzündung statt finden könne, 
indem, um nur eines anzuführen, das, was bei andern feste- 
ren ) der Erweichung an sich doch schon mehr widerstreben- 
den Organen geschieht, unter gegebenen Umständen noch viel 
leichter in dem weicheren Gehirne geschehen kann, die Fälle 
ypn Erweichung des Herzens, des Magens, der Gedärme, 
des Uterus, ja selbst der Knochen aber, und zwar ohne alle 
Spur von Entzündung, keineswegs zu den seltensten gehören, 
was dem Ref. insbesondere eine mehrfache Beobachtung der 
gallertartigen Erweichung des Magens der Kinder, und Ver- 
suche, welche er diesfalls mit Tqieren anstellte, zur Genüge 
gezeigt haben. Ueberdies könnte der, von dem Verf. bei der 
Entzündung und Erweichung der Gebirnsubstanz prädicirte, 
Mangel an rieber und Delirium, ferner die Aehnlichkeit der 
Krankheitserscheinungen mit denen des Schlagflusses, die Be- 
schaffenheit des Pulses, die Gleichheit der Ursachen und Vor- 
boten beider Krankheiten, der Umstand, dafs sie in e im er und 
derselben Altersperiode am häufigsten auftreten, in der Be- 
handlung viele Aehnlichkeit mit einander zeigen, und nach 
der eigenen Behauptung des Verf. ein stufenweiser, nicht . 
scharf abgegränzter , Uebergang des anatomisch. pathologischen 
Gehirnzustandes von der Apoplexie zu der nach Entzündung 
entstandenen Gehirnerweichung statt findet, leicht zu dem 
Glauben Veranlassung geben , als wäre letztere nicht das je- 
desmalige Erzeugnifs eines allein durch Entzündung gesetzten 
Zustandes, denn auch im Schlagflufs selbst traf Ref. das Ge- 
hirn partiell erweicht, und seine Marksubstanz gelb gefärbt 
au. Ja, es kann eine solche krankhafte Veränderung auf eine 
der Entzündung sogar entgegengesetzte Weise bewerkstelligt 
werden, nämlich durch eine Art Absterben oder theil weises 
Zerfliefsen und Auflösen des Gehirns in Folge habitueller, Blut« 
Stockung und gestörter Ernährung an irgend einer Stelle» 
und was noch mehr sagen will, zuweilen sogar ohne die min- 
deste sensorielle Störung wübrend der Krankheit, was Ref* 
bei einem an der Lungenschwindsucht verstorbenen Jünglmgo 
fand , dessen graue Substanz er an der Oberfläche der recht«?" 
Hirnhälfte Zoll lang in einen chocolatfarbigen Brei verwandelt . 

* 

« 

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Lallemand über d»s Gehirn. 967 

antraf, Ohne «ins eigentliche active Entzündung des Gehirn* 
hervorzubringen , wozu schon die Blutmischung selbst bei 
solchen Kranken nicht wohl mehr geeignet seyn dürfte, er« 
regt namentlich das, bei den unwegsam gewordenen Lungen 
der Schwindsüchtigen (in welchen steh, zu Gunsten des Blut,« 
auswegs , das Foramen ovale sogar wieder öffnete, wie Ref. 
schon oft in solchen Leichen fand), oder bei organischen Herz« 
fehlem, im Gehirne zurückgehaltene Blut leicht an irgend 
einer Stelle desselben eine Ueberfüllung und Stockung, und 
dem Ref. sind mehrere bemerkenswerte Fälle von transitori« 
scher Apoplexie, oder nach unserem Verf. von trairsitorischer 
Gehirnentzündung bei solchen Personen vorgekommen, die 
zwar nicht tödtlich abliefen , an deren Folgen aber die Leute 
bis jetzt noch immer , ueben ihren Lungenleiden, mehr oder 
weniger kränkeln. Eben so ist gerade auch dasjenige Alter, 
welches nach dem Verf. am häufigsten an freiwilliger .Entzün- 
dung und Erweichung des Gehirns leidet, dasjenige, welches 
der habituellen CongeStion und Blutstockung im Gehirn, ohne 
eigentliche Entzündung des letzteren, vom kleinen und gros, 
sen Kreislaufe aus in Folge artbritischer Ablagerungen auf 
Herz und Geffifse und verminderter Säftepropujsion am mei- 
sten ausgesetzt ist, und dieselben Ursachen, welche im vor« 
gerückten Alter Gicht, veränderte und verminderte Urin« 
Ab* und Aussonderung, partielle Verknöcherungen des Her- 
zens und der Pulsadern, schweres Gehör, Schwindel und 
Schlagflufa- Anfälle hervorbringen, sind auch leicht im Stande, 
in Folge theil weiser Gefäfslähmung und Gefäfseabsterbens , 
ohne eigentlicheEqtzündung , Gehirnerweichung an einer oder 
der andern Stelle und deren Symptome hervorzubringen. 
Noch kann Ref. nicht umhin , de* in diesem Werke des Verf. 
so oft vorkommenden Entzündung der Spinnewebenhaut zu 
gedenken, welcher von den meisten neueren französischen 
Atrzten in den Krankheiten des Gehirns eine wichtigere Rolle 
Übertragen wird , eis sich mit der Natur und Wahrheit zu ver- 
tragen scheint, während der pia Mater, welche die meisten 
Getüfse besitzt, mit dem Gehirn, das sie bedeckt, in unmit- 
telbarer und allseitiger Berührung ist, in dessen Windungen, 
Spalten und Höhlen überall eindringt und solche überkleidet, 
und die zur Gehirnsu^stanz selbst in Rücksicht auf Ernährung 
und Blutzubereitung allein unter den Gehirnhäuten in der 
nächsten und wichtigsten Beziehung steht, entweder gar 
nicht, oder nur nebenher gedacht wird« Oefters schon ist 
daher Ref. in den Fall gekommen , zu glauben» als hätten jene 
Autoren statt der Arachnoidea die pia Mater gemeint, und er 



968 LaHemand über das Gehirn, 

- 

könnte eine nicht geringe An iah] hieber gehöriger Stellen na- 
mentlich aua beiden Bänden der vorliegenden Schrift namhaft 
machen. Auch hat Morgagni nicht, wie Hr. LaHemand zu 

§lauben scheint, unter Meninx tenuia die Arachnoidea, soiu 
ern die pia Mater verstanden, was deutlich aus der Epist. VI. 
N. 12. S. 330. und Epist. L,XII. N. 5. S. 448, noch mehr 
aber aus der Epist, LI. N. 2. S. 342* (edit. Chaussier et Ade- 
Ion) erhellt, wo unser Verf. die von Morgagni benannte N pia 
Mater** ohne weiteres durch „ Spinnewebenhaut ** übersetzt, 
der Beschaffenheit der zwischen ihr und der Gehirnoberfläche 
liegenden Gefäfshaut aber mit keiner Sylbe Erwähnung thut, 
als wenn, sie gar nicht vorhanden wäre» Die M Getäfsaus- 
spritzungen der Arachnoidea«* , die » Ausdehnung der grosse- 
ren und kleineren Gefäfse« c dieser Haut mit Blut, die „ Rö- 
tbung« derselben , hat Ref. bei der genauesten Untersuchung 
bis jetat noch nie zu sehen vermögt, und auch andere seröse 
Häute aeigen bei ihren Entzündungen in der Regel kein 1 rat hes 
Ansehen oder ausgespritzte und ausgedehnte ßlutgefäfse , son- 
dem sie offenbaren ihren krankhaften Zustand durch reich- 
liche Eitsudation, Trübung, Verdickung , Verwachsung, Gra- 
nulation, und er fand selbst bei tödtlich gewordenen akuten 
Entzündungen des Bauch« und Brustfells und des Herzbeutels 
die Arachnoidea ohne ein anderes krankhaftes Merkmal, als 
dafs sie dicker als gewöhnlich und w eifalich blau, milcbrahm- 
fihnlich gefärbt erschien. — r- Nicht minder lesen wir auch im 
vorliegenden und in andern neueren Werken französischer 
Aerzte häufig von einem ^Mäusegeruche«*, als einem ominö- 
sen Sypmtome \n Gehirnkrankheiten, bei dessen Anwesenheit 
der Verf, den Tod meistens erfolgen sah. Zu Folge seiner 
Beobachtungen hält ihn Ref. aber für nichts, anderes, als für 
einen Geruch nach Urin (zu welcher Meinung sich auch der 
Verf. neigt), und er hat denselben schon oft nicht nur bei 
^fervenfieberkranken mit unwillkürlichem Urinabflusse, son- 
dern auch he} alten Personen mit Lähmung der Harnblase 
wahrgenommen, wo deren Inhalt unwillkübrlich a.btrÖpfelte, 
up4 öfters zu Unredlichkeiten Anlafs gab. Bei mehrtägiger 
Hemmung der Urin - Ab - und Aussonderung, *und wahrschein- 
lich dadurch bewirkter stellvertretender Thfltigkeit der Haut- 
Ausdünstung, fand Ref. diesen Mäusegeruch auch bei Hunden 9 
und er beobachtete ihn unter anderen bei einem , übrigen«, 

fanz reinlich gehaltenen Hunde, welcher jn Folge der Anwen- 
ung des essigsauern Morph ium's sechs Tage lang keinen Urin 
von sich gegeben hatte. — Ref. bedauert, aus Mangel an 
Raum von der Schrift des Hrn. LaHemand nicht Mehreres mit- 



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I 



Lallemand über das Gehirn. 969 

theilen au können, Sie ist reich an scharfsinnigen und frucht- 
baren Ideen, und sowohl derjenige, welcher sich mit den 
Studium der kranken Gewehe insbesondere beschäftigt, als 
noch mehr der Arzt, welchem die pathologische Anatomie Be- 
hufs ihrer Anwendung auf die Praxis am Herzen liegt , wird, 
besonders im ersten Bande, viele lehrreiche theoretische u.nd 
praktische Bemerkungen in derselben finden, und es ist dem 
Verf. ganz und gar nicht entgangen, dafs der Hauptzweck 
solcher Untersuchungen nicht blos todte anatomisch -patholo- 
gische Beschreibungen , sondern eine Darlegung des krank- 
haften Baues in seinen causalen Verhältnissen zur Krankheit 
seyn müsse, indem nur hieraus Nutzen für das Leben und 
eine Bereicherung der Symptomatologie, Diagnostik und The« 
rapie erwachsen kann. Ohne den unvergänglichen Verdien- 
sten Morgagni'* um die angewandte pathologische Anatomie 
(wenn Rex. so sagen darf) im mimieeten zu nahe zu treten, 
wird eine vorurteilsfreie Vergleichung der Epiatolae jenes 
grofsen Arztes mit den anatomisch* pathologischen Unter« 
suchungen unsers Verf. gewifs zum Vortheil der letzteren aus« 
fallen, da die Beschreibung der Krankheiten, die Eigentüm- 
lichkeit ihrer Symptome, die Aufeinanderfolge und Bedeutung 
derselben, so wie ihre Behandlung viel genauer und ausführ- 
licher, und der Leichenerfund viel vollständiger und bestimm- 
ter mitgetheilt ist, als in den Morgagni'schen Epistolis. Es 
berechtigen aber auch die Fortschritte unserer Zeit zu grösse- 
ren Ansprüchen an Forschungen dieser Art, und was man 
auch sonst von den Mängeln und Verirrungen unseres ZeiU 
alters Wahres und 'Halbwahres sagen mag, immer bleibt es 
gewifs, dafs Physiologie/ Pathologie und Therapie nicht bloi 
in der Methode, sondern Such dem Wesen nach, seit Mor- 
gagni lebte, mannigfach erweitert und vervollkommnet wor- 
den sind. 

Bei Anerkennung der entschiedenen Verdienste des Lalle« 
mand'schen Werkes ist es aber auch Pflicht einer unparteii- 
schen Kritik, die Mängel desselben nicht zu verschweigen, 
und diese bestehen darin, dafs sich der Verf. zu oft wiedef- 
holt f und hie und da zu viel Declamation im Vortrage zeigt, 
dafs die Epicrisön der Krankheit*- und Obductionsfälle nicht 
jedesmal strenge mit dem. Factischen derselben ^übereinstimmt 
wen, dafs manches bis jetzt jioch Hypothetische und Erzwun- 
gene schon als ausgemachte Wahrheit angenommen wird, dafs 
m den einzelnen Geschichten der Krankheiten nicht selten zu 
wenig Rücksicht auf das ätiologische Verhältnifs genommen 
»»t» woran übrigens der Verf. weniger, als der Umstand 
i 



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970 Praktische Theologie. 

Schuld ist, dafs zuweilen Kranke in die Anstalt aufgenommen 
wurden, über deren Anamnese keine Erkundigung, einzuziehen 
war, dafs ferner die Entzündung eine zu unbedingte Rolle 
bei dem Verf. spielt, und andere krankhafte Verwandlungs- 
vorgänge, die eine vorurteilsfreie Beobachtung anzunehmen 
nötbigt, entweder ganz ignorirt, -oder wenigstens nicht ge- 
bührend ' gewürdiget werden, und dafs endlich die Therapie 
bis fetzt noch Mehrere» zu wünschen übrig läfst, indem sie 
theils zu viel, theils zu wenig, theils manches am unrechten 
Platze thut, was nicht der Fall ist, wenn der Arzt, mit dem 
Wesen eines Uebels vertraut, mit besonnener Thätigkeit seine 
Kunst mit der Gewalt der Krankheit und der Kraft der Natur 
in ein richtiges Verhältnifs zu bringen versteht. 

Die Uebersetzung liest sich im Ganzen gut, nur bat der 
Uebersetzer an etlichen Stellen die französische Gonstruction 
im Deutschen zu strenge beibehalten, was dann etwas schwer* 
fällig klingt. Wie viel Blut unter einem Aderlafs von zwei 
und drei Becken verstanden wird, mag wohl mancher eicht 
wissen, und der Uebersetzer hätte hier aushelfen sollen. Die 
Worte : Blutigel statt Bluteg«], Ahlais der Lähmung statt 
Nachlafsd.L., Brechschwierigkeit, erbärmlicher Puls, Mährte 
von Eiter und Hirnsubstanz und etliche andere , kommen bei 
der sonst gelungenen Uebersetzung nicht in Anschlag. > 



: ' 'S 

Siona. Ein Beitrag zur Apologetik des Christsnthums 9 mit Vorzüge 

licher Berücksichtigung -der christlichen Feste , als Andachtsbuch 
fllr Leser aus den höhere» und gebildeten Ständen von allen Con~ 
fessionen. Von Georg Conrad Horst^ Dr. der Theologie^ 
Grofsherzogl, Hess* geistl. Geheimenrath, Erster und zweiter 
Theil- Dritte , gänzlich umgearbeitete 9 um mehr als 4o Bogen 
vermehrte Auflage* . Mit Kupfer zu Mainz , gedruckt und ver- 
legt bei Kupjerberg. 1820» J. Bd. XVI und 548 S. Ü. Bl 
IV und 659 $. in 8. 7 fl. 12 kr. 

Die vorige Ausgabe dieses gehaltreichen Buches haben 
wir seiner Zeit in diesen Blättern angezeigt. Die so stark 
vermehrte Bogenzahl 9 so dafs aus dem Einen mäfsigen Bande 
nunmehr zwei ansehnliche Bände entstanden sind , ist eine 
eben so starke Vermehrung des Gehaltes an innerem Werth, 
und hoffentlich auch an segensreicher Wirksamkeit. Ein 
frommes Gemüth ergiefst sich in gedankenreicher Fülle ; aus 
einem Schatze von Gelehrsamkeit wtifs der Verf. die Leser 



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Praktische Theologie. 971 



von Bildung zu belehren und zu beleben ; Altes und Neues 
steht ihm su Gebot , und er theilt es freigebig mit; begeistert 
durch die Herrlichkeit des. Christen tbuins, ergreift er Geist 
und Herz, und das ohne die Anstrengung einer fortgesetzten 
Speculation und ohne Ermüdung einer in sich gekehrten Con- 
temp)ation 9 durch eine lebendige Darstellung f durch Winke 
für das Nachdenken und durch eine grofse Mannigfaltigkeit. 
Die grofse Belesenbtit des Verf. giebt bald Stellen von Indi- 
schen, Persischen, Griechischen u. a. Weisen, bald von 
den heiligen Sängern und Sehern des Alten Testaments! wie 
auch aus dem Evangelium, bald aus den genialen neueren 
Schriften von Luther bis Fenelon, Herder , v. Meyer u.a. 
w., nicht minder auch aus älteren abendländischen und mor- 
genländischen , z. B. Arabischen Philosophen und Poeten. 
Nach der dritten Vorrede wollte Hr. Dr. H in dieser neuesten 
Auflage die apologetische Seite bestimmter hervorheben, ohne 
den Zweck eines Erbauungsbuches abzuändern ; und seine 
Bemühung, „das Christenthum in seinen Lehren und Institu- 
tionen im Gegensatz mit der alten Welt, als Ein grofses, nach 
den natürlichen Gesetzen des menschlichen Geistes erzeugtes 
und begründstes Wunder der geistigen Welt, an sich aufzu- 
fassen und zu veranschaulichen**, wird ihm besonders bei den 
hoffentlich nicht wenigen Lesern gelingen f die man Vorzugs« 
weise die Geinütbvollen nennt, und welche geistige Unterhal- 
tung lieben. Wir wollen nur eine Uebersicht des Inhalts 
geben. 

Im ersten Bande findet der Leser ia ungefähr fünfzig 
kleineren Abschnitten folgende Betrachtungen : Siona, ein 
prophetisches Gemälde höherer Religiosität und Erdenglück« 
Seligkeit; der Sonntag; das Gebet; Gott^ der Weltursprung; 
das goldene Zeitalter; die Schlange, ödes Satanas im Para- 
diese; die Sündfluth und der Regenbogen; verschiedene reli- 
giöse Naturansicbten; der erste Winterreif und die Kornblu- 
men; das Alter der Erde und des Menschengeschlechts; der 
letzte Mensch; die Bibel; der Mensch; der Glaube; die Hoff- 
nung; die Liebe. Den Betrachtungen über die Bibel ist eini- 
ges aus William Jones angefügt, welcher grofse Sprachge- 
lehrte auch ein grofser Bibelverebrer war. Seine Aeufserung 
(aus einer zu Calcutta gehaltenen Rede) stehe auch hier : 
» — ich kann nicht umbin beiläufig zu sagen, dafs die Samm- 
lung von Aufsätzen, die wir wegen ihrer Vortrefflichkeit die 
Schrift nennen, ohne Rücksicht auf ihren göttlichen Ur- 
sprung, mehr wahre Erhabenheit, vorzüglichere Schönhei- 
ten, reinere Sittenlehre, wichtigere und zuverlässigere Ge- 



972 Praktische Theologie. 

* m 4 * 

schichte, nnd vortrefflichere Beispiele der Dichtkunst und Be- 
redsamkeit enthalten, als aus allen andern Büchern auf dem 
Erdboden 9 die jemals in irgend einer Sprache geschrieben 
worden sind, in gleichem Räume gesammelt werden könnten! 
Die beiden Tbeile , aus welchen die Bibel besteht, hängen 
durch eine Kette von Schriften 2usammen, die weder in- Form 
noch Ausdruck irgend einer andern aus den Vorräth,en Grie- 
chischer f Indischer, Fersischer, Arabischer und überhaupt 
morgeiiländiscber Gelehrsamkeit ähnlich sind. Also, dafs man 
sie mit innerlicher Ueberzeugung für die einzig wahre Offen- 
barung .zu halten berechtigt ist. «• 

Im zweiten Bande werden die Betrachtungen auf dieselbe 
Art geführt: Die christlichen Feste ; Christus; die christliche 
Kinderwelt; die christliche Mütterlichkeit ; der christliche 
Krieger und Held ; der christliche Vaterlandsfreund : der christ- 
liche Freund ; der christliche Jüngling; die christliche Jung- 
frau; Karl der Grofse; Eginhard und Emma ; religiöse Ideali- 
tät; die Blumen ; über Geistererscbeinungan ; Swedenborg 
und Heinrich von Bülow ; von natürlicher Divinations- und 
übernatürlicher Offenbarungskraft; die Glocke und die Orgel; 
der Mensch ein Fremdling auf . der Erde; die Reise nach der 
Heimath; die Sehnsucht nach dem Ewigen ; der Himmel; bi- 
blischer Glaubenssinn. Diese Hanptrubriken zeigen, dafs die 
fromme Betrachtung durch das ganze Lieben bindurcbgeführt 
wird, bei allen Gegenständen, die nur irgend dazu auffor- 
dern, weilt, und in der vielseitigsten Unterhaltung sich be- 
wegt. Von dem sichtbaren Himmel und der Siona an, im 
ersten Theil, bis zum unsichtbaren und Glaubenssiege, am 
Ende des zweiten, wehet def fromme Geist, und von dem 
Erhabenen, welches die astronomischen Belehrungen über das 
Sternenmeer eröffnen , bis ztr dem schönen Blumengarten, 
wird die Seele zum Einklang in das Hallelujah hingezogen. 
Bestimmte Begriffe und Schlufsfolgen sind es nicht, was hier 
die Erbauung unterhält, aber hoher Schwung der Gedanken, 
Poesieen, Reden, auch der alten christlichen Zeit u. dergl. 
Ohnehin kann ein Erbauungsbuch nicht Allen gerecht seyn, 
und man sollte jedem, der sich erbauen will, sein Hecht un- 
verkümmert lassen ; so wird auch- das vorliegende seinem 
Rreiie Segen gewähren, 

r 

$ C h w a r *. 



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Ciceronil Laeliui et Cato. 973 



M, 7*. C iceronis Laeliutf sive de Amicitia dlalogus ; rtcensuit 
et tcholiis Jacobi Facciolati suisque änimadversionibus instruocit 
Aug Gotth. Gernhardf Phil. D. AA. LL. M. Magniduc. 
Sax, Vimariensi Consistorio a consilüs % ill. gymnasii Guilielmo- 
Ernestini Director 9 societatis Latinae Jenensis sodalis. Liptiae, 
apud G. Fle'ucherum. MDCCCXXF. hVl und 280 S. 

... 

M. Tullii Ciceronis Laelius sive d* Amicitia dialogus ad T. 
Pomponium ^wunt, Zum Gebrauch für Schuten neu besorgt 
und mit Deuteeben Wort - und Sacherklärungen versehen von H. 
Ludwig ' Julius Billerbeck ^ Doctor der Philosophie. Hanno» 
ver 9 in der Hahnschen Hofbuchh. i82ö. 118 6\ 8« 6 Gr* 

M, T. Ciceronis Cato major seu de Senectute, Zum Gebrauch 
für Schulen neu durchgesehen und mit den notwendigsten Wort - 
und Sacherklärungen ausgestattet von Dr. Ludeivig Julius Br/- 
lerbeck. Hannover 9 i826 # Im Verlage der Hahnschen Hof* 
buchh. 80 S. 8. 6 Gr. 

Wir führen , ungeachtet der grofsen Verschiedenheit der 
Zwecke und der Bearbeitung y diese Ausgaben zusammen auf f 
weil die Gernhard'schen Ausgaben gleichsam die Basis für die. 
Billerbeck'scben sind, besonders aber der Gato major des Hrn. 
B. an hundert Stellen gleichsam das Echo des von uns auch in 
diesen Blättern (181 9) angezeigten Cato major von Hrn., G. 
ist. Die Art und Weise Hrn. Gernhard's, so wie seine gründ- 
liche Kenntnifs des Ciceronischen Sprachgebrauchs f seine ge- 
sunde Kritik, sein« Mäfsigung im Urtheil über Andere, seine 
inbaltreiche Kürze und Vermeidung alles Ueberflüssigen, sind 
aus seinen allgemein geschätzten Ausgaben der Officien (l8 11), 
des Cato major und der Paradoxa (1819) bekannt» und wir 
brauchen nur zu bemerken, dafs sich jene Eigenschaften auch 
an dieser Ausgabe, und zwar, wie es einem mit seiner Wis- 
senschaft fortschreitenden Gelehrten geziemt , in erhöhtem 
Maafse vorfinden. Hat maa in der JForm der frühern Ausga- 
ben einige Ausstellungen gemacht , z. B. dafs man die Varian- 
ten zum Theil unter dem Texte, zum Theil hinten suchen 
niufs, dafs die Addenda und Corrigenda zu zahlreich sind; so 
findet sich beides auch wieder hier: besonders der letztere 
Uebelstand ungefähr in gleicher Ausdehnung , wie beim Cato- 
major : nicht weniger als sieben Seiten Verbesserungen, Zu- 
sätze und Druckfehlerverzeichnifs 2 Leider ist aber damit nur 
der kleinere Theil der Druckfehler angegeben (obwohl der be- 
deutendere) ; und wir haben in Citaten und besonders im 



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974 Ciceroiiis Laelius et Cafö. 

Druck der griechischen Stellen , überhaupt in den Noten , noch 
eine grofse Anzahl nicht angezeigter Fehler gefunden» Ja 
selbst in den Cörfigendis sind wieder Fehler : So haben wir 
z.B. die Stelle, wohin der Zusatz zu S. 117. gehören soll, 
lange nicht finden können, bis wir endlich entdeckten, dal's 
er zu S. 112. gehört. Auch, weil wir einmal am Tadeln sind, 
müssen wir hier noch die Inconserjuenz rügen f mit der Hr. 
G, die Namen der rieuern Gelehrten bald declintrt, bald nicht; 
wie er denn z.B. S» 58. oben Schellerüs und unten Schel- 
ler, äufserst oft Wetzel, Schütz, E niest i, und rlann 
wieder ScbÜtaius, Ernestius sch reibt« Doch wir geben 
zur genauem Betrachtung der Ausgabe selbst über. Die gut 
geschriebene Vorrede giebt hinlängliche Nachricht über iiie 
von Hrn. G. gebrauchten Ausgaben Und Handschriften, zum 
Theil mit den Worten derjenigen, welche die Collationen ge- 
macht haben, wobei denn auch schlechtes Latein mit unter- 
läuft, das nicht auf Hrn. Gs. Rechnung kommt, z. B. S. VI. 
Interim hic Codex est antiquus. S. IV. schreibt er aber: 
Quamujuam non deerunt, qui largiorem aliquando undecunqne 
collectarum sententiarüm de amicitia copiam excutiant: wollte 
er etwa effundant, oder etwas Aehnlicbes, sagen? Die Prole« 
gdmena , welche in zwei Abschnitten .(I. Dialogi de Amiciti* 
descriptjo, II. deCiceronis arte et elegantia in Liadii sermoiie 
expromta) eine schöne Einleitung enthalten, haben uns, un- 
geachtet sie natürlich nichts Neues geben, besonders Wohlge- 
fallen» Wir enthalten uns aber eines Auszuges daraus, <b 
wohl kein Freund des Cicero diese Ausnabe wird entbehren 
wollen. Lieber theilen wir diesen und dem Herausgeber Ober 
einige Stellen unsere Bemerkungen mit. S. 5. sind mehrere 
Fehler im Griechischen, auch wird eine Stelle aus den Tuscu* 
Janen (16,46. ohne Angabe des Buches) citirt, die in allen 
fünf Büchern nicht zu finden ist. — I. 3. wird sehr gut über 
den Unterschied von tum und tünc f und Cicero's Gebrauch die- 
ser beiden Wörter gesprochen. Vergl. Jahn zu Virg. Eclog* 
III. 10. und unsere Anmerkung zu Cic. de Rep. II. 9. 
— I. extr. wird mit Recht tu te ipsum cognosces dem scbM»' 
ten ips* vorgezogen« — II. 6. p. 14« wird gänz richtig öb^r 
d\e gegenwärtig häufige Einmischung einzelner alterthÜiüi 
Schreibformen (z. B. existumare) unter die sonst neuefe v üfiN 
spätere Orthographie , da die alte doch noch nicht cönsequsn" 
hergestellt werden kann, auch noch nicht durchaus auagettfit- 
telt ist ^ gesprochen. Auch Ref. hat sich neulich in ähnlich«" 
Sinne in der Vorrede zum Cic. de Rep. S. IX f. darüber <f 
Wärt. ^ II. 6. p. 14* wird aftgefötorti Welztl " ^ - 




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Ciceronil Laelius et Cato. 975 

♦ 

weitere Bemerkung : Cato qui (für qui a) multarum rerum ufum 
habebat. Dies ist wahr; aber es scheint ein Druckfehler, und 
wider Wetzeis Willen im Text zu stehen. Ebend. S. 15. 
wird Schütz'* Interpunction getadelt, und zwar mit Recht; 
allein dieser Tadel fällt, wie hundert ähnliche Mängel, eigent- 
lich auf Ernesti, dessen Ausgabe der Schütz'srhen zum Grunde 
liegt, und dessen Interpunction von Sch. zwar oft berichtigt, 
aber doch noch an allzu vielen Stellen stehen gelassen wurde. 

— II. 7. p. 18. quod proximis Nonis gtebt Hr. G. aus meh- 
reren Handschriften und Ausgaben, die meisten haben je« 
doch: quod Vit* proximis Nonis. Dieses hU erklärt Hr. G. ue- 
hen proximis für müssig. Es läfst sich indessen doch durch 
Stellen, wie Epp, ad Famm, I. 9. p. 26. ed. Ern. min« p. 44- 
ed. Mart. Lag. vertheidigen , wo es heifst: quem proximis 
superioribus diebus acerrime oppugnasset ; wo man auch sagen 
könnte, superioribus stehe nach proximis müssig, besonders da 
ja auch das Verbum schon die Vergangenheit andeute. — 11« 
8. p. 19* behält er invahtudinem im Texte, ungeachtet er S. 20« 
mit Recht sagt : vetinendum est medium valetudinis vocabulüin» 

II» 10* ist mit Recht die Interpunction nach anteponas 
getadelt, die Schütz abermals von Ernesti beibehalten bat. — 
II. 10. j>. 20« bei hujus enim facta, illius dicta laudantur ist zu 
bemerke«, dafs hie und ille hier nicht ganz, wie de Sen. 19, 
ihre Rollen vertauschen. Hic geht wirklich auf den' zuletzt 
genannten, den Cato; ille auf den zwar zuletzt durch istum 
angedeuteten, aber weit früher genannten, den Sokrates. 

— III. Ii. p. 27. wird der Unterschied von etiam nunc, etiam- 
num und etiam tune gut erklärt. — .III. 12- p. 30. behält Hr. 
Q. ad superos videatur deos potius, quam ad inferos perve- 
nisse, wo viele MSS. und Ausgaben deos weglassen, und ver- 
theidigt es durch zwei Stellen des Horatius, die für die Prosa 
und für Cicero's Sprachgebrauch nichts beweisen ; durch eine 
des Livius XXXI. 31« (die abgedruckte Stelle ist aber im 30. 
Capitel, wogegen im 31. steht: in deos superos inferosque) 
und durch eine des Cicero Top. 23, 90, wo es aber heifst; 
dicitur — una ad superos deos, altera ad man es, tertia ad bo- 
mines pertinere. Hier hat Cicero , nachdem er ad superos deos 
geschrieben hatte, wahrscheinlich absichtlich manes und nicht 
inferos gesetzt, damit man nicht nothwendig deos suppliren 
müsse, an welche deos inferos auch an unserer Stelle nicht zu 
denken ist, aber gedacht wird, wenn man deos behält, — 
S. 31. ist Plin. III. 5. citirt ; es mufs aber H. N. dabei stehen. 
S. 3o. ist falsch citirt Tusc. Qu. I, 13; es mufs I. 12. 27. 
heifsen« — IV« 13. qui non tum hoc, tum illud, ut plerique f 

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976 • * Cioerouii Laelias et Cato. 



sed idem diceBat «eraper. So schreibt Hr. G. för nt inphrisque, 
allerdings aus mehreren Handschriften, damit dem weisen So- 
krates keine Inconstantia zugeschrieben werde. Wir glauben 
aber, das tum hoc, tum illud gebt auf die bekannte Disputirart 
des Sokrates, vermöge welcher er behauptete, dafs wir nicht» 
so geWifs wOfsten , dafs sich nicht auch 1 Gegengründe dafür 
auffinden Uelsen, da besonders ja nur die Gottheit das wirk* 
lieh Wahre erkenne, der Mensch es aber in der Erkenntnifi 
nur bis zum Wahrscheinlichen bringe. Selbst in der Unsterb- 
lichkeitslehre , wofür ihm die Wahrscheinlichkeit überwiegend 
Schien , spricht er bekanntlich nicht dogmatisch und positiv» 
Auch hat sich Wyttenbacb in seiner Treisscbrift Vett, Philos. 
Sent. de statu anim. post mortem pag. XL an der herkömm* 
liehen Lesart nicht gestofsen, sondern sie mit den übrigen 
Aeusserungen des 'Sokrates, wie der Zusammenbang zeigt, 
ganz harmonisch gefunden. Dafs aber das Verbum dicebat in 
einigen Handschriften fehlt, "So andern einen unsichern Platz 
und Sitz hat, kann es verdächtig machen. — V. i8. p. 44» 
steht seltsam in einer Note: quo — virtus a — vir tute praetteu 
— VI. 22. p. 55. steht im Text valitudo ; besser ist wohl va- 
letudo ; s. Grotefend Lat. Oribogr. (Gramm. II.) §. 127* — 
Zu VII. 24. p. 59« sagt er , er finde distupare nicht unter süparo 
(soll heifsen sitpär*), welches C. Lang citire, in der Ausg. des 
Festus von 1593. Hef hat diese Ausgabe vor sich , und findet 
es allerdings S. GCLXXXI. wo es heilst! stipat (in marg« si- 
pat) jacit, unde dissipat , disjicit: et obsipat, objicit, et in- 
sipat, hoc est injicit. — VII. 25- p. ß3. Factle id quidem 
fuit, justitiam justissimo viro defendere. Hier dürfte wobl 
einmal das Comma nach fuit, das fast alle Ausgaben- habere 
Weggestrichen werden, wie Hr. Billerbeck wirklich getban 
hat. Consequenter (ob wir sie gleich nicht billigen) ist Syl* 
burgs Interpunction: Facile id quidem fuit, justitiam , justis- 
simo viro, defendere. — VIII. 26. Vinrhoc quidem est afferrej 
quidenim refert, qua me rogathne cogatis? Wenn Hr. G. Fac- 
ciolati's Grund zur Empfehlung von rogatione verwirft, so thot 
er Recht. Wenn er es aber aus einem andern Gründe dennoch 
behält, so thut er Unrecht. Ration* ist, wie die gewöhnlichste , 
so die natürlichste Lesart* Der Sinn ist) ihr zwingt mich« nur 
geschiebt Gewalt. Denn Gewalt ist es, wenn ich nicht anders 
kann, als folgen i werde mir Gewalt angfthan , auf welche Weiss 
(ratione) es sey (und sollten es auch Bitten seyn). Dies« 
Glosse, die wir hier beisetzten , ist die lateinische togatltn** 
Welche in vielen MSS. das rechte Wort verdrängt hat. 

(DiriBeschlufi /blft.} 

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N. 62. ' 1826, 

. ' • - ■ • * ■ . 

' Heidelberger * 

• . * . , 1 i * ? 

Jahrbücher der Literatur. 




Ciceronis Laelius et Cato. 

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(Betchlufs.) 

S. 65. fehlt in der Stella aus der Rede pro Ligario das 
Verbum fades , ohna das sie keinen Sinn hat. — IX. 29. p.7l. 
gute Verbesserung : per quem assequatur, quod quisque de* 
»ideret, für das gewöhnliche : per quem cruisque assequatur, 
'{uod desideret, aus Handschriften und alten Ausgaben. — 
Eben so IX. 1 32. p. 73* At ü (für Ab iis), qui pecudum ritu 
tdvoluptatem om-nia referunt , longe dissentiunt. Uebersehert, 
bat Hr. G. die Hefs sehe Emendation dieser Stelle in dessen 
Ob«, critt. in Plutarchi Vitara Timoleontis (8. Frcf. Brönner. 
l8l8.) p, 98. Dieser streicht sumus nach liberalitatem als Glosse 
weg, macht ein Comma nach putamus 9 behält ab iis und nimmt 
aus Codd. Falatt. dissentieret für dissentiunt auf. — IX. 32* 
P-74. propenaioresque ad bene merendam. Hier ist mit Recht 
prometendum verworfen ; vielleicht ist es aus der angefangenen 1 , 
Wiederholung des eben vorhergegangenen propensiores entstan-» 
den. Glesch darauf werden Wetsel und Schätz getadelt, weil 
»iemit atque eine neue Periode anfangen. Sie haben aber diese 
Interjranction nicht eingeführt, sondern blos , nach Gruter, 
Ernesti, Verbürg und Andern, stehen Jassen. — X. 33. p 77. 
zu nihil difficilius esse — quam amicitiam permanere, wo 
Ernesti perducere haben wollte, hätten wir gesagt: hoc ipsum 
ptrntanere est i. q. perdaci: amicitia enim, quae ad extremum- 
yitae perducitury p ermattet ad extremum vitae. So de Invent. 
'1.56. 169* difßcile fieri von Sachen 9 quas cum -difficultate ali* 
ifuii facit. — X. 34* p. 78. sollte Facciolati's Erklärung des 
Portes uxoriae durch cupiditate axoris nicht ungerÜgf geblieben' 
l «yn. In derselben Anmerkung sind Turnehi Adversaria falsch 
Stirt XIII. 5. Die Stelle ist XIII. 7. Tom. II. p. 8. sq. ed. 
Pari». — XII. 42. ut ab amicis in re publica peccantibus non 
'iscedant. So schreibt Hr. G , gewöhnlich beifst es ; magna 
Üqua re in rem publicam peccantibus; so die Zweibrücker, % 

XIX. Jahrg. 10. Heft. ' %% 



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978 Ciceronii Latliai et Cato. 

Wetzel und Hr. Billerbeck; Gruter, Verbürg, Ollvet: in 
magnam aliquam rem peocantibus; Erneati: in magna ali(Jua 
re peccantibus , so auch Facciolaci; Schütz: magna aliqua in 
re in rem publicarn peccantibus [durch einen Druckfehler ,-oder 
Was es ist, steht sogar vor magna ein drittes w]. Für alle 
„diese und noch viel tnebrer% Lesarten giebt es Belege in den 
Handschriften', die hie f r besonders reich an Varianten sind. 
Wir glauben, wenn etwas üer eine Glosse oder falsch ist, 80 
ist es publica. Schrieb Cicero magna aliqua in re peccantibus, 
so konnte sich an re leicht vom folgenden Wort* das p anhän- 
gen; da hatte man rep> Und ntfn war auch dem Glossiren und 
Sorrigiren Tbttre, und l^hor geöffnet. Wäre Hrn. Gernhardi 
Lesart von Cicero, so wäre magna aliqua wohl nie eingescho- 
ben werden. . S. 95. ist. ein falsches Citat Bernegg. ad Ju- 
stin. XII» 8« 1&» es mufs XII. 8. 14. heifsen, pafst aber auf 
die Stelle des Cicero gar nicht, weil hei diesem qdam das Pro- 
nomen, bei jenem Partikel ist. — XIII. 44. Treffliche Emen- 
dation aus einer Handschrift t consilium vero dare audeamu 
(f.,gaudeamus) libere. — XI V* 50. p. 110. Non est enim in- 
buinana virtus, neque immunis neque superba. Nur die Ueber- 
einstitnmung fast aller Handschriften, nicht aber die unbewie- 
senen und unstatthaften Verteidigungen der Herausgeber, 
bindert uns, immunis mit immanis zu vertauschen , welches recht 
gut eine Steigerung des vorhergehenden inhumana seyn könnte, 
das dann von superba in dem Sinne von u/fyitfT»}; noch überboten 
würde. Ist immunis von Cicero, so müssen Wir freilich au der 
dem Ciceronischen Sprachgebrauche zuwiderlaufenden Erklä- 
rung Schell eis (inofficiosa) unsere Zuflucht nehmen. — XV.. 
52. nulla stabilis benevolentia poteat esse fiducia; omni« Sem- 
per suspecta atqne sollicita. Oer Gruter'schen Vermutbung, 
ajs ob polest esse eine Glosse .sey , hätten wir nicht so viel Ge- 
hör gegeben, wenn ihr schon Schütz beizustimmen scheint 
Jene Vvorte verstärken den Nachdruck, wie Hr. G.-mit Recht 
heoiv. vt; aus ihnen^lafst sich auch leicht im Folgenden nach 
suspecta ein sunt herausziehen, ohne dafs man es, obgleich ei 
Handschriften bieten* aufzunehmen braucht. — XV. ,53. 
"p. 115. wird tum exsuJantem se intellexisse gegen Ernesti und 
ÖcbÜtz gut vertbeidigt, welche tum gegen alle Handschrift« 
Wegstreichen. Er konnte kurz und deutlich sagen, exsulanu* 
nach tum sey per i^yypet gesagt ; die andern Lesarten sey« 
entweder Glossen (wie: tum exsul esset), oder kommen von 
Mißverstand und Corrigirsucht her. — XVI. 59. streicht Hr. 
G. mit Recht zwischen und angi die Wort« Tunesseeri!, 

die schon oben stehen, einer Handschrift folgend, «b GJo*» e 



Ciceronil Laelios et Cato* 979 

wej. Ehen so zieut er ganz richtig und dehn Cice'ronischen 
Sprachgebrauche geraäfs A VII. 60. die Lesart in amicitüs com* 
parandis der andern in amicis comparandis, vor. — * XVII. 63. 
quam (potentiam) etiamsi neglecta amicitia consecuti sunt, 
obscuratum iri arbitrantur, quia non sine magna causa Sit ne«r ^ 
glecta amicitia. Diese schwierigere Lesart nahm Hr. G. füe 
die leichtere, aber weniger beglaubigte excusatum iri au£ 9 wel» 
che offenbar eine Glosse von jener ist. Er beweist sie auch 
mit andern Stellen des CiCero, und sagt mit Recht, obscuratum 
tri gehe nicht auf quam ^ sondern auf den ganzen durch quam 
angefangenen Relativsatz. Hart bleibt aber der Ausdruck 
und die Construction, welche klarer würde , wenn man aus 
der Lesart einer Handschrift , obscuritari f das it herausnehmen , 
in id verwandeln Und vor obscurari hinsetzen dürfte. — XVII» 
extr. p. 139. aut si in bonis rebus contemnunt, aut in malia 
deserunt. Da durchaus nichts vorausgeht, woraus zu den 
beiden Verbis ein Accusativ des Objects ergänzt werden 
könnte , so würden wir fast rathen, zur Vermeidung dieser 
Härte nach contemnunt aus drei Handschriften amicos au fzu neb« 
men, welches, wenn es abbrevirt war (etwa AM s. J. Nice* 
lai de Siglis Veterum p. 65.)» v o*" « u * leicht ausfallen konnte, 
— XIX. 68. Quin ipso equo — nemo est, 'qui non eo , quo 
consuevit, libentius utatur, So liest Hr. G. aus zwei Hand« 
Schriften. Man begreift kaum, wie die bisherigen Heraus« 
geber das schlechte Atqui in ipso equo ertragen konnten. — 
XIX. 70. p* 149. qMOs patres multos annos esse duxerunt* 
Da eine Handschr. hat permultos 9 eine esse per annos , so könnte; 
man vorschlagen multos per annos y damit die vier Accusative 
nach einander, die von zweierlei Constructionen herkommen, 
nicht anstofsen. So heilst es pro lege Man. 2. provinciam — » 
liberam per hos annos, wo auch solche zwei Accusative wä- 
ren, wenn man per wegstriche; noch anstüfsiger als hier. — 
S. 167. sfcöfst uns in der Note das im Lateinischen unerhörte 
Uephaestum für Vulcanum auf. — XXV. 93. p. 186. Ne^ quis? 
aego; N ^it? ajo: postremo imperavi egomet mihi Omnia as« 
sentari. Diese Stelle des Terentius soll stehen Eunuch. III. 
2,21; sie steht aber im zweiten Act. — XXV. 93. p. 1Ö7. 
quod [amici] genus adbibere, omnino levitatis ist. Hr. G. 
hält amici mit Recht für unächt; aber er ergänzt; quod assen- 
tatorum genus vel <5nathonum genus, da doch zu suppliren 
ist; quod hominum genus, qualis illeGnatbo esse fingitur. — 
XXVI. 97. 'p. 192. Quod si in scena, id est in conciöne, in 
qua rebus fictis et adumbratis loci plurimum est; hier einen* 
diren Facciolati, Schütz, Lange, Gruter: alle mit Unrecht, 



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980 pioeronfs Laeliui et Cato; 

Hr. G. erklärt den Ausdruck für Breviloquenz , statt; quodai 
in scena, id est in concionis scena, und beweist es durch zwei 
Stellen aus Cicero selbst ganz genügend. Wir wünschten 
übrigens, es fände sich irgendwo: in isla scena. S. 193. wird 
citirt Cic. de L»egg. I. 16. 49. Die Stelle ist aber im 19. Ca- 
pitel. — S. 254. steht im zweiten Excurs : Particula et minus 
frequens est , ut jion aptissimum jungeodas res dissimiles, etad 
indicandum oppositionis vim : in den Add. et Corr. heilst es, 
wir sollen verbessern aptissimam und indicandum. Es soll aber 
doch wohl aptissima ad heifsen? — Doch wir brechen ab, und 
übergehen namentjich eine grofse Menge glücklicher Vertbei* 
digungen der handschriftlichen Lesarten, grammatischer und 
erklärender Bemerkungen, auch die beiden Excurse, I« De 
formula aeqüius fuerdt et huic similibus , II« De formula nescio 
an vel haud sein an, über welche beiden Gegenstände sich Hr, 
G. auch schon in zwei Programmen (Cotnmentatt, Gramm. III. 
und II.) und über die letztere Formel in Seebode's Archiv f. 
Philol. und Pädag. I. 1. x. ausgesprochen bat. Zu empfehlen 
brauchen wir das Buch nicht; nur den Wunsch wollen wir 
aussprechen , dem Hrn. G. noch recht oft auf diesem Gebiete 
zu begegnen. 

Kürzer müssen und können wir uns bei den beiden Bil» 
lerbeckschen Ausgaben fassen, welche ihr Publicum nicht bei 
den Philologen und den tiefern Kennern und Forschern der 
römischen Literatur suchen , sondern in Schulen und unter 
den Studirenden. Die erste Hälfte des vorigen Jahrhunderts 
überschwemmte unsere Schulen mit deutschbenoteten (man 
verzeihe uns diesen Ausdruck) Klassikern, und die Koryphäen 
dieses Unwesens waren die nun selig entschlafenen Herren 
Emantiel Sincerus und der Sospitator des Hbratius, Gottschling. 
Die zweite Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts wand mit 
Mühe jene Producte den Schülern aus den Händen, und Nie- 
mand wollte mehr von deutschen Noten hören und wissen. 
Da brachte das neunzehnte Jahrhundert die deutschen Anmer- 
kungen wieder zu Ehren , nachdem schon noch im achtzehnten 
Wieland und Wolf gezeigt hatten, dafs nicht deutsche Anmer- 
kungen, sondern schlechte deutsche Anmerkungen unbe- 
dingte Verachtung und Verwerfung verdienen. Seitdem ba- 
ben wir aebtungswerthe und geachtete Ausgaben jener Art 
von Bremi , Heindorf , Held , Schmieder , Möbius, Herzog 
Und einigen Andern, und an diese will sich nun. Hr. B. an* 
reiben. Er hatte gute und schlechte Muster vor sich., und 
strebte sich den guten anzuschliefsen ; und allerdings gehört 
er; zu den bessern, ohne indessen Heindorfs und Heids Vor« 



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» 



Cieeronis Cato et Laelim. 98 1 

aUge und fruchtbare Kürze zu erreichen. Ein Hauptmangel 
seiner beiden Ausgaben ist der Ueberflufs, Er 'giebt au vieles 
und su viel. Zu vieles, denn er erklärt Dinge, die ein 
angehender Leser des Cicero entweder schon weiis v oder in 
jedem Wörterbuch auf der Stelle findet. Belege davon giebt 
jede Seite. So schlagen wir z.B. de Amicitia AlII. 47. p. 59. 
sufällig auf. Hier werden erklärt die Ausdrücke ; spectes, 
Wtndus, multis locis, consentaneum est, deponere, bonitas, 
malitia, temperantia, libido, res injustae, imbecillis. Zu 
fiel giebt er 3 daa heilst, seine Sacberklärungen und die al- 
lerdings ndthigen historischen Erörterungen sind zu Weitläuf- 
ig, und geben so viel, dais der Lehrer, will er nicht unge* 
hörige Abschweifungen machen, wenig oder nichts mehr hin« 
sususetzen hat. Stünde nicht auf dem Titelblatte zum Ge« 
brauch für Schulen, so würde Ref. glauben, Hr. B. habe 
diese beiden Ausgaben zum Privatstudium für Schüler be» 
nimmt, wozu sie sieb allerdings sehr eignen; nur möchte 
auch so Mancher bei Erklärung von gar zu leichten Dingen 
denken, Hr. B, müsse ihn für sehr unwissend halten, dafs er 
ibm z. B. sage , malitia beifse Bosheit, malice. Dieses Zu« 
viel abgerechnet, welches sich bei einer zweiten abgekürzten, 
und dadurch verbesserten Ausgabe ohne grofse Mühe weg« 
ichneiden läfst, finden wir beide* Ausgaben gut, die Er kl ä* 
mögen meistens richtig; auf Reinheit des Tentes und dea . 
Druckes überhaupt, auf richtige, nicht überladene, Inter« 
punetion ist viel Sorgfalt: verwendet. Fatal ist nur, dafs die 
für unäebt erklärten Wörter fast durchaus mit Parenthesen- 
lieben statt mit Klammern eingeschlossen sind. Zu den Gern« 
bardsrhen Ausgaben des Cato major und Lälius stehen Hin» 
Billerbecks Abgaben in folgendem Verbältnifs« Im Cato roa- 
jor folgt Hr. B. in Kritik und Erklärung fast durchaus, und . 
wst mehr , als sich mit blofser Benutzung und Selbstständig- 
keit vertragen will, dem Gernhardschen Commentar, den er 
oft anführt, oft aber auch, wo er ihn benutzt und blas über* 
»•Utoder die Citate von ihm borgt, nicht nennt« Im Lä Ii uz 
bUibt er selbstständiger, giebt mehr Eigenes, weicht viel öf* 
l « (manchmal auch, wo man Gernhards Ansicht vorziehen 
">ufs) vom Gernhardschen Texte und dessen Erklärung ab. 
Efcitirt auch im Lälius Geruhard nicht selten, oft aber nimmt 
*r dessen Noten wörtlich auf (übersetzt oder lateinisch), ohne 
4i« Quelle zu nennen, Eigen sind ihm mehrere etymologU 
»che Andeutungen und Vergleicbungen griechischer Ausdrücke 
*ur Beförderung gründlicheren Verständnisses der lateinischen, 
"»Weisungen auf Grotefends Grammatik, Nachweisungen 



1 



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982 Ciceronis Laelius et Cato. 



von Real» und Verbalparallelstellen, obgleich er die meisten 
teinen Vorgängern zu danken hat, die Sehr ausführlichen hi- 
storischen Anmerkungen, endlich die Vertheilung der ausführ- 
lichen Inhaltsanzeige der Wetzeischen Ausgabe über die ein- 
zelnen Abschnitte. An diese einzelnen Bemerkungen knüpfen 
wir noch eine Reihe einzelner, die zum Theil bei einer künf- 
tigen Aufläse zu berücksichtigen seyn möchten, 

Lael. f* 2. wird die Bemerkung zurückzunehmen seyn, 
dafs bei Quum saepe multa das rnulea sich auf memini beziehen 
könne. Das Bessere steht ja schon daneben. I. 3. wäre die 
Bemerkung nothwendig, dafs admtratio für das von Cicero nur 
einmal (de Divin. II. 22.) gebrauchte miratio stehe. I, 4. 

mufs die Bemerkung über -praeter ceteros bestimmter gefafst 
werden. — I. 5- recht gute Bemerkung über cujus tota etc. — 
II. 6. Bei der Stelle Te autem alio quodam modo etc. möchte 
es wohl gerathen seyn, statt der Conjecturen sich an Gern- 
bards Ansicht und Schreibung zu halten; auch weiter oben 
das fast von aller Autorität entblöfste multaque mit JVluha zu 
vertauschen — II, 7. S.12. wird Cic. de Divin. I. citirt: 
setze hinzu 41 , 9o. — II. 9* S. 14. ist sehr neumodisch in- 
terpungirt: Quomodo — mortem filii tulit I ? Dergleichen 
Dinge sollte man nicht in die Klassiker sich eindrängen lassen. 
In der Note. zu diesen Wor%n setzt Hr. B. ein Fragezeichen 
da doch ein Ausrufungszeichen stehen mufs. Ebend. S. 15» 
passen zu sie habetote die Stellen, wo hohes und hahetis ateht, 
nicht recht. Diese gehen auf das Vorhergehende , jene geht 
auf das Künftige. — III. 10. werden die Worte moveor — or- 
hatus durch zwei lateinische Redensarten erklärt, die weder 
gut, noch deutlich sind. — IV. 15. S. 24- steht bei cura zur 
Erklärung Z^et statt d' ; a. Das. S. 25. heilst es t Aristoteles 
sage: tyiMa *<7ti ^vx/i * v * uo ' v <™pa<r/y. Da würde Aristoteles 
etwas seltsames sagen. Er sagt aber Magn. Moral. II. 10. 
p. 71» 20. ed. Sylburg. Jrav ßovXops9a vfyoh^a <p!\ov siVsiv, /x/a <5>a* 
piv 4 Kflt ' *? ™to\>. — V. 17. p. 26« sollte etwas über 
den substantivischen Gebrauch von doctus und die dabei zu he- 
obachtende Vorsicht für den Schüler bemerkt seyn. — V. 19. 
p. 29* scheint uns der Grund , dafs aequitas schon in der libsra» 
Utas begriffen sey, und dafs der Numerus biet;, wie im fol- 
genden Comma, nur drei Nomina zulasse, nicht hinzureichen, 
jenes Wort, das alle Handschrifteu haben (oder aequalitos), 
für unächt zu erklären. Man sehe nur Gernherd. — » VI. 20. 
band. sei o an — > nihil cruidquam melius homini sit — datum« 
So schreibt Hr. B. , den gewöhnlichen Regeln zu Folge, aber 
gegen die Handschriften und alten Ausgaben , die entweder 



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Ciceroiiis Lteliui et Cato. ' 

quidquam (so die meisten) oder m«? allein haben. Hiat Wttnscb* 
ten wir, 'dafs sieb Hr. B. durch Gernbarde trefflichen Excurs 
und dessen Note bitte überzeugen lassen, dafa nihil nicht nÖ- 
thi£ aey. Eben so müssen wir wünschen, dafs sich Hr. B. 
VII. 23. p- 34* durch G» hätte überzeugen lassen, dafs bonam 
spem praelueet (die Lesart der meisten und besten Handschrif- 
ten) nicht „gegen die Latinität und den richtigen Verstand %t 9 
sondern ohne Zweifel das Rechte aey; obgleich auch Zumpt 
in der neuesten (fünften) Ausgabe seiner Grammatik sich noch 
auf die Erhestische Seite neigt, und für nihil noch die Aucto» 
ritSt einer Beritner Handschrift beibringt, jedoch gestellt, 
dafs zwei andere ebendaselbst für quidquam Sprechen. — VII. 

25. p. 37*. finden wir es seltsam, dafs von einem absiebt« 
lieh begangenen Ged geh tnifs fehler die Rede ist. — VIII. 

26. p..30. ut dandis reeipiendisque meritis. Hier ist keine* 
Rücksiebt auf Gernhards treffliche Verteidigung der Lesart 
nt in dandis genommen. — Villi. 3l. p. 43. eben so war bei 
ttd natura propensi nicht nötbig, gegen alle Handschriften quia 
einzuschieben, wenn Hr. B. Gernhards Anmerkung berück» * 
sichtigte. Auf derselben Seite steht falsch' Eptkuräer* — 
XU. 4i* P* 52. quo^ue modo potuimus Ist wohl blos Druck- 

. fehler für quoauo m. p. — XII. 42. p. 55. sieht man nicht 
ab, warum Hr. B. allen Handschriften zum Trotz in exilium 
missus aufnimmt, da in exilium expulsus \ ob es gleich selten vor» 
kommt, gar nicht zu verwerfen ist. — *• XIII, 45 quod ilH 
non perseejuantur argutüs» So steht im, Te*t. Aus der Note 
sehen wir, dafs Hr. B. argutius geben wollte; welches wir in- 
dessen der von G. aufgenommenen Lesart suis argutlis nicht vor- 
ziehen können. — XIII. 47. p. 59. Itaque videas ("rebus] in- 
justisjustos maxitne dolere, imbecillibus fortes, ßagitiosis mo« 
destos. So giebt Hr. B.; Gernbard nimmt imbelfibus aus eini- 
gen Handschriften auf, was uns besser gefällt, und, wie G f 
in den Add. sagt, von Beier ad Cic. de Off. JI. 8. 2?. f. 61- 
gebilligt wird. Rebus aber ist auf jeden Fall störend, und 
wir finden es mit Hrn. B. verdächtig, und rebus imbollibus noch 
fataler, als rebus imbecillibus. — XIII. 46. p. 58. bat G, da* 
Wort b eati richtiger, als Wetze], erklärt* und doch behält 
Hr. Bv die Wetzer*che Erklärung. — XVI, 5$. p. 67. qui 
»int in amicitia fines et quasi termini deligetidL Hier wird 
abermals die weit bessere JL»esart diligendi (i* e. ßjnandi) f d*# 
noch dazu fast alleMSS. für sich hat, verschmäht. Das heifst 
die Selbstständigkeit zu weit treiben! Citate, wie sjuf der« 
selben Seite Goerenz zu Acad., helfen nichts. — XIX« 
69. p. 81» aaepe enim excellentiae quaedam sunt» Hier wufu 

•» ^ , . 



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9H Cfceroow Laelius et Cato. 

dert man »ich, excellenilxe durch Herrlichkei ten 9 Ex\jel- 
lenzen übersetzt zu sehen. — XX. 73. p. 8 5» Non enim tu 
poäsis, rxuamvia excellas. Hier hat Hr. B., wie man aus der 
Note sieht, wider Willen licet ausgelassen, denn ea heifst: 
quam via licet excellas,' wie aucbG. giebt. Hr. B. drückt sich 
aber nicht richtig aus, wenn er sagt, der Conjunctiv hänge 
v,on licet ab, Der Conjunctiv ist der Modus concessivus, und 
mufs stehen, man mag licet f das in aolchen Fällen gleichsam 
parenthetisch steht, dazu setzen, oder nicht. — XXi. 77. 
p. 91, sind die Worte in republica nicht gut erklärt durch de 
r e publica, nonprivata; ea mufs de re publica , non (re) privaia 
heifsen. — XXV. 95. p. 107. wird der Schüler angewiesen, 
popularis durch Windbeutel, Wind fang, Volksjäger 
au übersetzen. Sollte ea denn keine edlere und passendere 
Auadrücke geben? , 

Auch zumGato major dea Hrn. Billerbeck lassen wir 
hier einige, nieist berichtigende, Bemerkungen folgen, von 
welchem wir im Allgemeinen schon gesagt haben , dafa er sich 
fast ganz an die Gernhardsche Ausgabe halte. Wenn Hr. B» 
hier in der kleinen Vorrede sagt, er habe, wo ea Noth 
thue^ kurze deutsche Anmerkungen gemacht, so mufs man 
dies nicht so genau nehmen denn er hat oft auch hier Noten 
gegeben, wo ea nicht Noth thut» Oder mufs man einem an« 
gebenden Leser des Cicero noch erklären, was Conaul iterum 
u. dgl. heifst? Doch, dünkt uns, steht hier bei weitem we- 
niger Ueberflüssiges , als im Laelius. Zu III. 8. p. 7. be» 
merken wir, dafs die Erklärung der Worte siego Seripkius essem 
gut,, die Uebersetzung aber bombastisch ist. — IV. 10. p. 9# 
non enim rumores ponebat ante aalutem schreibt Hr. B. mit 
G. Aber das ist kein Hexameter. Besser Beier ad Cicer.de 
Off. I. 44* und der neueste Herausgeber des Enniua: Non hie 
ponelat rumor ei ante aalutem., — VI. 16. p. 16. giebt er mit 
Lambin : antehac, dementes sese ßexere viax, wo Gernhard 
mit Ernesti das letzte Wort gar aualäfst. Besser der neueste 
Herausgeber dea Ennius: viaa. .. — VI. 20. konnte für Prove- 
bebantur ad res novi , atulti adolescentuli , wie auch G. bat, 
das handschriftliche und metrisch richtige: provemabani. oratory 
novi (dieses Wort einsylbig zu lesen), stulti adolescentuli ge* 
nommen werden, — - VII. 34. p. 22. serit arborea, qua« altert 
saeculo pro s int; das sind Cretici, und so zu lesen : 
r — — — — seilt 
arbores^ <juae Uteri saeculo prcSsient. 
VIII. 125. P*23. Aedepol, 7'senectus ai nihil (juidcjuam aliud 
vitiL Dieser Vers ist zu schreiben: Aedepol, aenectus ai a# 



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Ciceroaii Laelius et Cat* 



quWquam aliud viti: — IX. 27, p. 52. ajteht zu m?n vero dia 
Erklärung: non tarn lacerti tui, quam tu ipae mortuua es. 
Das ist wörtlich aus Gernhard. Diese Paraphrase aber geht 
dal Wort isti vorzüglich an. Bei vero hätte lieber die be- 
theuernde Kraft bemerkt werden sollen. — X. 3l. p. 27. Vi* 
dttisne. Hier soll Görenz mit Ernesti videtis wollen. Das 
heilst etwas ÜÜcbtig die Gernhardsche Note excerpirt. G. er- 
zählt bloe, Gdrens emendire Acad, II. lö. 57. vides für videsne. 
— XI. 35« p. 32« diligentia compensanda sunt. Hier heilte 
sii Lange lese eompescenda vel corrigenda» Aber so liest weder 
Lange, noch irgend jemand. Er liest eompescenda, die Ed* 
Aic 1520 aber hat cot Agenda» S. 40. zu §. 45» steht S/cwwrar 
för SiflwcBTa*. — XIV« 46. p 42. sollen pocula rorantia ach ä u- 
mende Becher beifsen. Die nachher aufgenommene Erklä- 
rung Facciolati's ist besser. — XVI. 56. p. 62. haudscio, an 
ni/fa beatior esse possit. Hierliat.G. nach Ernesti und Schüts 
rndla gegeben , obgleich die MSS. fast durchaus ulla haben, 
Und eine sehr gelehrte Anmerkung beigefügt. Dieser folgt 
nun Hr. B, 9 und bat nicht bemerkt» dals Gernhard zum Laei. 
p. 360. diese Emendation zurückgenommen und seine in jener 
Note ausgesprochene'Ansicht berichtigt bat. wonach ulla ste- 
henbleiben mufs. — XVIII. 66. p. 63. Potest enim quid- 
qoam esse absurdius, quam, quo minus viae restat f eo plua 
viatici quaerere ? XIX. Quarta [restat] caussa 9 quae maxime 
angere — nostram aetatem videtur. So schreibt Hr. B. und 
erklärt also das zweite restat für eine Glosse. Restat soll weg« 
geitrichtn werden , weil es eben vorhergegangen sey (aber da 
War es in anderer Verbindung), weil es in den beiden Codd. 
Manut. fehle (duobus , sagt Gernhard. Manutius hatte viele 
Codd ; gleich daneben steht , drei Codd. Manut. haben restet 9 
und kürz vorher spricht G. von neun Codd. Manut. Allein 
hätten es auch alle Codd. des Manutius nicht, es dürfte doch 
nicht fehlen), weil Cicero das Verbura substantivum gern weg- 
läse (ist denn restat das Verbum substantivum ? Ja wenn selbst 
n hier stünde, dürfte es nicht fehlen 9 weil es auf das nun zu 
sagende, nicht auf etwas schon gesagtes geht), oder man soll* 
»quitur oder superesc für restat setzen (fände sich eins oder, das 
andere in Handschriften, so wären es offenbare Glossen^ von 
r »tat) 9 oder endlich 9 man soll restat nach viae wegstreichen 
(das wäre noch das Allerschlimmste , was man thun könnte). 
Dies ist ein auffallendes Beispiel von durchaus verunglückter 
4ritik 9 dergleichen sich aber nicht mehrere in diesen Ausga* 
tan finden möchten. — XIX. 67. p. 64« Quod illud est crimen 
tenectutis v quum [üludj videatis cum adolescentia esse com- 



986 Ciceroriis Laelius et Cato. 

mune, So Hr. B. mit G.; und es ist nicht zu läugnen, dafs 
das zweimalige illud atistöfsig ist , und entweder ausgestrichen 
oder verbessert werden liiuis. Aher es bot sich eine leichte 
Verbesserung an. Acht Handschriften haben iJ, eine idem. 
Nimmt man idem, so sind auch jene acht Handschriften nicht 
dagegen, da ict die Abbreviatur von idem ist, — XXI. 77. de 
mortei — — cruod ab eo propius absum. So steht bei G. duich 
einen Druckfehler, wie man aus der Anmerkung siebt. Hr. B. 
nimmt es auf, weil es nach dem Sinne construirt sey, und Ci- 
cero den in motte versteckten actus moriendi sich gedacht habe« 
auch die meisten Codd. eo lesen ^seltsamer Ausdruck: die 
Codd. lesen; so sagen aber auch die n*uern .Lateiner oft: 
codex mens leglt). Aber G. sagt nur, viersehn haben ab eo, 
und läfst diese vierzehn mit R*cht nichts gelten; auch mufi 
man nicht ohne Noth eine Synesis annehmen , besonders eine 
solche. XX. 73. Solonis quidem sapientis elogium est. £/o- 
gium sagt Hr. B. mit G. i. e. dictum. Den Beweis, dafs elogium 
soviel als Ausspruch sey, bleiben beide schuldig. G. sagt 
zwar in den Addendis S. 3l6: Elogium est quaelibet brevior 
commendatio, h. 1, tanquam mortui ad superstites amicos, ut 
apudSueton.'in vita Horatii elogium appellatur illud Maecena- 
tis ad Augustum : Horatii Flacci % ut mei, esto memot. Allein 
erstlich beweist dieser Gebrauch für den Cicero nichts; swei* 
tens ist bei diesem elogium so viel als titulus , inscriptio (was 
sonst noch, s. bei Ernesti Clav. Cic.) ; drittens ist die Stelle 
aus den elegischen Gedichten des Solon , und weder Grab- 
schrift, noch Aufschrift irgendwo, noch eine brevior conunen; 
tatio , tanquam mortui ad superstites amicos. Es spricht es 
der Lebende zu den Lebenden : : ¥ 

9^9% 

HaXXtixoifii Savw v aky$a ualcrovay^;' 
oder nach Cicero's Uebersetiung Tuscc. f. 49. 117. 
Mors mea ne careat lacrumis: linquamus amicis 

Maeroremj ut celebrent funera cum geinitu. , 
Dort nennt es Cicero Solonis oratio i das steht für dictum. End- 
lieh hat Theodor Gaza: ZoAwxs? de toj cofybZ i\eys7tv «Vnv Die- 
sen letzten Grund Wörden wir indessen ohne die andern nicht 
zu stark negiren, weil erstlich dieser griechische Uebersetzer 
überhaupt an vielen Stellen falsch gelesen oder das Lateini- 
sche falsch verstanden hat, er auch namentlich inj siebzehnten 
Capitel , wo ganz richtig vom AtiliusColatinus steht: in quem 
illud elogium unicum: Fhirimae etc., elogium auch durch &ryi<*' 
gegeben und einen elegischen Vers daraus gemacht hat. Al- 
lern <Alles zusammengenommen glauben wir mit F. L. Becb*r 



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\ 



Znmpt lateinische Orammitik. 



987 



n seinen Obst, critt. päg. 49, wie schon Rtiske verniuthete , 
md ein Jenaer Recensent 1820. 151. will, dafs man iXtytlov 
esen müsse. — XXI. 79. p. 76* Haec Plato noster. So liest 
&r. B.. mit G» • nach Lambin, Gräviüs, Ernesti und Schüte, 
Und wer mufs diese Worte dem Cicero nicht angemessen fin- 
Un ,• der den Dato so liebte, und so gerne Plato noster sagte? 
Aber dies ist nur Lesart zweier oder dreier Handschriften , 
ind fast alle haben Haec Piatonis fere. Mufs aber dies nicht 
lern Cicero recht passend scheinen , der, an dieser Stelle, wie 
in mehrern andern (man vergleiche nur Tusc. I. 41* beson» 
lers de rep. I. 43 # ) den P!ato nichts weniger als wörtlich» 
ionderh sehr frei übersetzt bat? . — Zum Schlüsse bemerken 
mr noch, dafs Hr. B. oft sagt, man soll so oder so nicht le« 
»en, ohne anzugeben, ob denn irgend jemand so liest, oder 
:>b er blos warnen will. Dies sollte genauer angegeben seyn: 
and Raum genug wäre dafür zu gewinnen, wenn, was wir 
aben zu vieles und zu viel genannt haben, wegfiele. Der 
Druck ist gut und größtenteils correct, und diese Ausgaben 
verdienen, unserer Ausstellungen ungeachtet, auch wegen 
ibres geringen Preises, Studirenden empfohlen zu werden. 
Eine zweite Auflage wird sie, davon sind wir überzeugt, in 
sehr vervollkommneter Gestalt liefern. 

Zum Schlüsse dieser Anzeige bemerken wir noch, dafs Hr. 
Dir. Gern ha rd seine trefflichen Co tarnen tat ion es gram* 
maticas fortgesetzt hat; dafs die vierte (1824) de, vi et usu 
conjunctivi apud Latinos, die fünfte (1825) de supino et ge- 
rundiö verborum apud Latinos (4; Vimar. 20 nnd 17 Seiten) 
bandelt. Wir würden ihnen gerne eipe ausführlichere Anzeige 
nnd Beurtheilung widmen , wenn der der Einrichtung dieser 
Jahrbücher gemäfs nothwendig beschränkte Raum , welcher 
der Philologie offen blejbt, uns nicht Beschränkung geböte. 
Es sey genug, auf diese interessanten und schönen Abhandlun- 
gen aufmerksam gemacht zu haben. N 



t 1 * 

Nachtrag zu der Recfnsion der fünften Auflage von Zampts latei- 
nischer Grammatik im Augustheft der Heidelberger Jahr- 
bücher 1826. 

Zufälliger Weise sind von der Anzeige des genannten 
Werkes folgende Bemerkungen zurückgeblieben , die vielleicht 
detn Verf., so wie denen, welche seine Grammatik gebrau- 
chen, nicht ganz unwillkommen sind. Sie machen so wenig» 



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988 Zmnpt Utemfteke Grammatik. 

■ 

wie die Frühem, auf Neuheit Ansprach, haben aber dem Ref. 
hei dem Gebrauche des Werket, als Zueätse für den Lernen- 
den aötbig geschienen. 

§. 68l. Zu den angeführten Stellen, wo das SubitantU 
vura verbale den Casus des Verbi bat, von dem es herstsnimt, 
kann man auch nehmen Liv. 23, 46, 5. Spolia hostium Mar» 
Cell u s , Vulcano Votum, cremavit. — Ibid. Der Oativ bei /«»a- 
ruf, praefectus steht allerdings statt des Genitivs, weil dic.e 
Substantive ursprünglich Farticipien sind, und deshalb beide 
Constructionen annehmen. Aber dies ist auch übergetragen 
worden auf tribanus, und so findet sich bei Cic. de Republ. vi 
9. (Soran. Scip. 1.) M* Manilio Consuli ad quartana legionem 
tribunus. 

§. 684- Hier kann bei bellum regium oder social* bemerkt 
werden , dafs bei bellum besonders der Name der Nation, ge- 
gen welche der Krieg geführt wird , im Adj. gentil. beigesellt 
su werden pflege: bellum Cimbricum, Punicuin, Gallicum; 
oder wer sonst Feind ist, z. B. bellum servile. 

$. 692. Warnung. Sexcenti, sexcentiety milU und mUUn 
darf man nicht sur unbestimmten Angabe einer grofsen Zahl 
gebraueben a) bei erhabenen Gegenständen, s. B. divinae noi 
Providentias sexcenta benefkia debemus ; b) wo die Ansabl, 
so grofs sie auch sey, doch nicht so hoch steigen kann, all 
jene Zahlen im eigentlichen Sinn bedeuten , s. B. Graeci «C 
Romani mille (sexcentos) colebant deos; c) wo jene Zahlen viel 
su wenig sagen würden, s. B. caelo sereno sexcentae fulgent 
stellae ; sexoenta (mille) arenae grana sunt in littore maris; mÜlt 
plüviae guttae per totarn ceciuerunt noctem ; sexceaties soltnt 
bomines spiritum ducere. 

J. 694« Hier ist su bemerken, dafs oft ein raitdemSio* 
gülar angefangener Sats in den Plural übergeht und umgekehrt. 
S. Cic. ad Farn. II. 11. Totum negotium non est dignum vi« 
tibus nostris, qxxi raajora onera in re publica sustinere etpo*« 
sim et dsbeam. Ad Att. IV. i. Pridie Non. Sext. Dyrrhachio 
sum profectusy ipso illo die 9 quo lex est lata de nobis. — Iii« 
sollte auch citirtjseyn Eutrop. VIII. 15. statt 7; wiewohl die 
letztere Zahl nach den grofsen Capiteln in der Grunerichefl 
Ausgabe richtig ist. 

§. 519. Zu diesem §. wird künftig Gernbards Excurs s» 
Cic* de Amicit. p. 238 s(j(j. su berücksichtigen seyn. 

§. 716. In dem Beispiel haeccine — putas? prorsus*xi"<' 
tno , ist swar das richtig 9 dafs es der Form der Frage naco 



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Zumpt lateiuiiche Grammatik* 9Ü9 

bferber paftt, indem das im Fragesat* enthaltene Verb um in 
der Antwort gewissermafsen wiederholt wird. Aber der 
Sinn des antwortenden exutimo ist nicht gans der dea fragen- 
den putas, wie man aus Hrn. Zumpts Worten schliefsen könnte. 
Ei sagt mehr als diesea. — Ebend. Blol'se Bejahung mit verog 
i.bei.Cic. de L»egg. I. 24. extr. Tuac. II. Ii. 26. de Rep. 1. 
37. I. 43. Terent. Adelph. III. 4- 23. 

§•721. Haue) acio an hat Liviua nicht nur an einer 
Stelle. Es steht IJI. 60. und IX. 15. — Gegen das Ende des 
§. neigt sich Hr. 4. auf die Ernestische Seite bei Cic. de Am. 
69 20 t WO er für haud scio an quidquam gerne an nihil haben 
will, und ea aucfi aus einem Berliner Codex anführt, wobei 
er jedoch gesteht, dafs die zwei andern Codd. quidquam haben. 
Hier genügt una doch bisher der Gernhardsche Excurs zu die» 
w Stelle am meisten, welcher annimmt , dafs zwar, wenn 
verneint werden soll, auf haud tcio an meistens nullus, nemo; 
«iW, nunquam stehe, aber auch die in negativen Sätzen stehen« 
Julius f quij*uam f quicquam 9 unquam; aher natürlich nicht die 
aliirmativen Wörter aliquis , quisptam, quidpiam, aliquando. Eine 
neue Erörterung hierüber s. im päd. phtlol. Lit. Blatt zur A. 
Schakeitung 1826« II. 37. zwischen A. Matthiä und C. 
Bxr., welcher vier Programme von Dr. Mich. Weber, 
Prof. der Theo!, .in Halle, anführt, unter dem Titel : Symbol« 
M. ad Grammaticam Latinam. De formularum Nescio an , Hauut 
•doan, Dubitpan, vero uau. 4* Halia, typis Scbimmelpren- 
D «gianis. 1Ö26. 

§. 726. Ueber dies soll nach öffentlichen Blattern im 
Herbit 1825. ein Gymnasialprogramm des Directors am Gym- 
nasium zuLyck, Dr. J. S. Rosenhayn, erschienen seyn, 
unter dem Titel : De particula non modo pro non modo nnn posita 
47 S, in Folio, wovon die grammatische Abhandlung 17 Sei* 
ten ausmacht, und der Gebrauch dieser Formel unter drei 
Qaisen gebracht wird. 

§ 733. Ferner ist zu warnen, dafs der Anfänger nicht, 
wie im Deutschen so häufig geschieht, zwei Präpositionen 
*uf einander folgen lasse; z.B. aus der von dir ausge« 
'prochenen Ansicht erkenne ich: exate prolata sen. 
fcntia intelligo. Natürlich die selrsamen Formeln in ante diem 
ttn d «x ante diem ausgenommen. S. §. 850. 

§ 737. konnte bemerkt werden f dafsxtaaz'f, siqna, siquid 
l " einem Satze, wo der Sprechende von sich seihst spricht 
(*i c[uid in me est ingenii) , Ausdruck der Bescheidenheit ist; 
Wogegen es beleidigend ist, diesen Ausdruck gegen einen 



4 

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990 Zumpt lateinisth« Grammatik. 

«weiten oder dritten zu gebrauchen (ai quid inte, (in Iii), 
est ingenii)* 

§ 738. Zum Schlüsse des §. würden wir anführen: C. 
L. Roth C C. Taciti Synonyma et per figüranV w'hahxii 
dicta. 8% Norimb. 1826. 

§. 744* Auch praeter findet sich fast SQ wiederholt Tc- 
rent. Heaut. I. 1. 7. sq. 

i §. 757. Hier müfste erinnert werden, dafs der schein- 
bare Pleonasmus des et nach nty/tt, wenn noch ein Adjectivum 
folge, ein Gräcismus sey, wie voXXd *ai dyaBd. S.'Matthii 
-griecb. Grammatik §.444» 4»> oder, et stehe für das beides 
Neuern SO beliebte et quidem 9 d. i. isque, Z. B. Cic. de Leg, 
agr. 2 9 SS. (welches Beispiel Hr. Z. anführt) multae et gravi 
cogitationes steht für multae. eaeque graves C. Ferner in der 
unächten Rede de Harusp. respons. 28« -62* — Cum — multit 
metuendisque rebus i.e. cum multis rebus iisque metuendis. 

§. 758. konnte' kurz bemerkt werden, dafs man das Qua 
ego — ! keine Ellipse, sondern eine Aposiopese nenne. 

§• V64* 1° der Stelle Cic. de N. D. I. 22. 60. deiiberadi 
sibi unum diem postulavit haben noch Rubriken ad Tereot. 
Adelpb. II. 4. 6. pag. 189. ed. Schopen. und Garaton W 
Cic. in Verr. I. 6. pag. 161. ed. Havn. Suppliken zu müssen 
geglaubt causa, da das Gerundium doch von diem\ abhängt, wie 
schon Heindorf zu^ener Stelle gezeigt hat. 

§• 769* Zwischen quid quod ist nicht jedesmal zwischen« 
ein zu denken dicam de eo 9 sondern auch öfters ad ea responde- 
&b, odecetwas Aehnliches. So z.B. Cic. de N. D. I. 38. 10li. 

§. 775. Auch bei Cicero fehlt das Zeugma nicht. De 
Rep. f. 23 exspectationem , quod onus est gravi ssiin um, irhponU. 
II, 14* arder e consuetudine et cup iditate bellandi. De N. D. U. 
64- neque vero supra terram 3 sed etiam in intimis ejus tenebris ■ — 
latet utilitas. 

§. 777. Ohne Ironie steht wohl credd bei Cic. de Rep. 
1 3. Brut. 93, 320. ^ , 

§ $85. Tiberius und Caj us Gebrüder Graccbu» 
kommt uns seltsam deutsch vor. 

§. 7^4. Üeberhaupt (war am Schlüsse des § zu berner- 
ken) stehen die Pronomina gern beisammen , nicht nur.di* 
possessiva und p e r s o h a 1 i a ; z. B. harte ego hou>in«u> 
magno upere admiror; ejus tu vestigiu sequere. 



t . . • Digifeed by Google 



Thooio Monographie des Pfropfens« 



991 



§. 796* extr. Der Grund » warum in der Regel mihi 
crede, nicht crede mihi gesetzt wird, ist wohl der, weil der 
Gedanke ist: mir, nicht deiner oder Anderer Meinung, 
glaube. 

§. 798* extr. nach utere mufs ein Kolon stehen* 

§. 808. Der Säte: So kann Livius u. s. w. rdufa 
wohl so umgestellt werden: „So kann Livius, ohne dais da- 
durch die Deutlichkeit gefährdet wird , in einer Periode ver- 
einigen, was wir im Deutschen durch drei und mehr Sätze 
ausdrücken müssen.« 

t ■ » 

§. 772. Falsches Citat: Cic. de N, D. I. 14; soll II. 
14* heifsen, . 



Monographie des Pfropfens, oder technologische Beschreibung 
der verschiedenen Pfropfarten »• J. w. Nach dem Französischen 
des Prof Thouin von C. F. Ber g. Mit dreizehn litho* 
graphirten Tafeln, Leipzig , hei Baumgärtner, 1824. i20 $ m 

. in 4. ; 4 A. 30 kr, 

"t* . ' i 

f»Jach einigen kurzen Bemerkungen über das Geschieht« 
s liehe giebt der Verf. die Physik und Theorie des Pfropfens, 
Welche Sehr mager ausgefallen ist, und wenig von dein ent- 
hält , was man über diese Operation auf dem jetzigen Stand* 
puncto der Pflanzenphysiologie hätte sagen können. Dann 
beschreibt er die Veränderungen, welche durch das Pfropfen 
hervorgebracht werden in *ler Gröfse , dem Wüchse, der, 
Dauerhaftigkeit und Fructification der Bäume, in der Gröfse 
und dem Geschmacke der Früchte u. s. w. , und stellt seine 
Classification auf. 'Er bringt alle Pfropfarten in vier Abthei- 
lungen , und unterscheidet i) das Propfen durch Absäugen, 
2) durch Anzweigen (greife par scions), 4 3) mit dem Auge, 
4) das Pfropfen der krautartigen Theile der Vegetabilien nach 
der Erfindung des Barons Tschoudy. Diese letzte Abtheilung 
begreift jene Pfropfarten in sich, welche mit krautartigen 
Stengeln der Bäume, der perennirenden und selbst der jährigen 
Pflanzen vollführt werden. Es ist nämlich nach der Meinung 
des Verfassers im älteren« dicbU'ren Holze und seinen veren-* 
gerten Saftröhren die Circulation des Saftes erschwert, und 
der Saft circulirt nur in den grünen Theilen der Vegetabilien 
reichlich genug, um eine Vernarbung bewirken zu können. 
Daher soll das Propfen bis jetzt nur durch eine Verwachsung 



, i 



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992 Thouin Monographie des Pfropfens. 



tier Rinden , niemals aber durch Vereinigung des Holzes oder 
Splintes gelungen seyn Wenn man aber junge krautartige 
Vegetabilien pfropft 9 so werden ibre eigentümlichen Sähe 
k in alle Ernäbrun<*sgeläfse gleichmäfsig vertbeilt, und dadurch 
wird der ganze Stengel fähig , sich mit einem andern iro glei» 
eben Zustande befindlichen Stengel zu vereinigen. Darauf 
gründen sich die Pfropfarten von Tschoudy, welche fast keine 
Spur auf den operirten ßaumindividüen zurücklassen. 

Jede der erwähnten vier Abtheilungen zerfällt in mehrere 
Reihen, und jede Reihe in mehrere Arten. Der Verf. hat 
jeder Pfropfart den Namen ibr«s Erfinders gegeben , wenn er 
ihm bekannt war, sonst den Namen der Persern, welche die 
Verfahrungsart durch Beschreibungen und Abbildungen zuerst 
bekanntmachte. Wo diese beiden ersteren nicht auszumitteln 
waren, wählte er den Namen des Landes oder der Gegend, 
deren Bewohner die fragliche Methode am öftersten ausführen, 
und endlich die Namen bekannter Naturforscher, unterrichte- 
ter Landwirtbe und Agronomen ; , welche der Land wirtbsebait 
Dienste geleistet haben. Man findet die Namen alter griechi- 
scher und römischer Classiker, die Namen von Engländern, 
»und, wie sieb von einem französischen Autor erwarten lief«, 
vorzüglich von Franzosen, dagegen wenige Deutsche. 

Jede Pfropfart ist mit vier Momenten charakterisirt. Bei 
jeder sind angegeben j) die Synonyma — mit Hinweisung auf, 
Bücher und Tafeln, wo die Procedur beschrieben und »bge- 
bildet ist, 2) die Verfahrungsart selbst — kurz, aber deut- 
lich, 3) ihr Nutzen, 4) der Grund ihrer Benennung. Es ist 
nicht zu verkennen, dafs manche Methode in das Gebiet der 
Spielerei fällt, oder doch se|jr überflüssig ist. Auch kann Ret 
manchen Behauptungen des Verf. nicht beipflichten, z. B. der 
Note S. 3 , wo es heifst, der Saft trete aus den Wurzeln durch 
die Canäle der Rinde in den Stamm, und aus dem Stamme 
gebe er in die Wurzeln zurück. Doch behält eine solche Zu« 
aammenstellung von einem so geachteten Autor, wie Tbouio 
war, ihren Werth, und wird immer eine Stelle in der Biblio- 
thek des Pomologen verdienen, um so mehr, als die Tafela 
deutliche Abbildungen enthalten, und sehr sauber gearbeitet 
sind. 

• m 

/ ■ r 



« * 



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I 



N. 63» ' 1826, 

Heidelberger 

Jahrbücher der Literatur. 



Ludw. Timoth. Spittlers Ge schichte des Pabstthums 
nach Dessen akademischen, Vorlasungen, Mit Jn» 
merkungen herausgegeben von Dr. J, Gurlitt 9 Director des Jo* 
fianneums zu Hamburg. Für den allgemeineren Gebrauch erneuert 
und vervollständigt von H. £. G. Paulus , Grofsherzogl. Bad. 
Geh. KU- und Prof. der Theologie u. Philosophie zu Heidelberg; 
Heidelberg, bei Ofswald. 1826. 381 S. in 8. 3 fl. 30 kr. 

Auch als: Zeit gemäjses historisches Neujahrs- 
geschenk u. s. w. 

Schon 1782. schilderte Spitt ler- den Ursprung, die 
Fortbildung und den' mit den Fortscbritten der Cultur der 
Geister und der Staaten immer mehr contrastirendeh , damals 
sehr bedrohten Gang und Standpunct der Päbstlichkeit. Seine 
mündliche vortrefflich« Darstellungsgabe , diese anschaulichste 
Erregung des Selbstdenkens neben der Allgemeinfafslichkeit 
des Vortrags, machte diese Vorlesungen zu einer sich aus- 
zeichnenden Grundlage einer weiteren Bearbeitung, wie sie 
für die Lesewelt nötbig ist. Längst hatte nun seitdem' 
Spitäler seine ruhmvolle akademische Laufbahn mit der glän- 
zenderen eines Staats- und Geschäftsmanns verwechselt. We- 
der er selbst, noch seit seinem Tode seine Erben haben in 
vier verflossenen Decennien von dem , was* aus diesen Vor- 
lesungen in nachgeschriebene Hefte Übergegangen oder von 
ihm selbst dazu niedergeschrieben seyn mochte, Gebrauch 
gemacht. , f 

Es war also sehr wünschenswerth , und nach fast viefzig 
Jahren in keinem Sinn ein Eingriff in das Eiffenthum und Et- 
Werbrecht des Gelehrten und des Schriftstellers, dafs Hr. Dr. 
Gurjitt, nach seinem erprobten Sinn für das zeitgemälse 
theologisch -freisinnige 9 und zum Schutz der Wissenschaften 
förderliche, drese — ein grofses Verduuklungsmittel historisch" 
beleuchtende — interessante Reliquie aus einem guten Colle- 
gjenheft 1324 — 26 in fünf Gymnasialprogrammen , wovon 
einige hundert Exemplare auch £ür sonstigeu Verkauf abgezo- 

XIX. Jahrg. io. Heft. 63 



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994 



Spitt)«'* Geschieht« dei PabitthuoM. 



* w 

gen wurden, in die OefFentlichkeit gebracht bat. Da vo 
diesem meinem alten 9 bewährten Freund die Sammlung de 
fünf Programme mir vor etwa zWei Monaten zukam, war mi 
der Ton und die Haltung des Ganzen so anziehend, und ici 
fand die ganze Darstellungsart für das gröfsere Publicum s< 
angemessen, populär und überzeugend, dals ich mir unge 
säumt die Erlaubnifs, erbat, das Ganze für die gröfsere Lese 
weit in Form eines Taschenbuchsjieu redigiren zu dürfen. 

Bei genauerer Durchsicht hatte ich in der Abschrift man- 
chen Fehler des Hörens oder der Feder zu verbessern; aueft 
manches, das der mündliche Vortrag im Periodenbau; in Wie- 
derholungen u. s. w. anders formt, war in einer Druckschrift 
nicht eben so beizubehalten. Schon in diesen Beziehungen 
konnte keine Seite ohne mancherlei Aenderungen bleiben y un- 
geachtet ich am Wesentlichen festhielt und manchen mir be- 
deutsamen Gedanken nur in Parenthesen beifügte. Aber auch 
manche Puncte schienen , wie akademische Vorlesungen sieb 
nach Ort und Zeit richten, allzu kurz berührt oder übergan- 
gen. Diese Lücken auszufüllen, folgte ich, so viel möglich, 
dem vortrefflichen Entwurf der Kircbengeschicbte' von Spitt- 
ler selbst, aber mit Auswahl-, mit Auslassungen, Zusätzen 
und meist zugleich unter Mittheilung meiner eigener Ansich- 
ten und Urtheile, wie es bei, einer solchen freien Redactios 
und Nachbearbeitung dem wobl zukommt, der dieses alsdann 
Öffentlich anzeigt und die Verantwortung seiner Nachhülfe vor 
urtheilenden Sachkennern auf sioh nimmt. Denn hier kömmt 
es ja auf die Sache, und nicht immer auf wörtliche Ueberlie- 
ferungen der Spittlerischen , allerdings sehr gröfsen , Auetori- 
tfit an. Der Gesch ichtsp iegel ist da, mag ihn geschlif- 
fen , belegt, gefafst haben, wer es seyn mag, wenn nur die 
Arbeit, wie sie jetzt ist, den drei Namen, welche theilwei* 
•ich dazu bekennen, nicht zur Unehre ist. 

Deswegen hat auch mein Vorwort: „An Freundin- 
nen und freunde einer geschichtlich aufklären^ 
den Neujahrsgabe und geschichtlicher Aufbell 
lung überhaupt** ungefähr noch folgendes vorausgeschickt! 

„Die Gesch i ch t e ist die Lehr me ister in der 
sehen; aber nur — der Nachdenkenden! Maschinen 
mäfsig gebraucht, kann die Geschichte nichts lehren, als wJ 
— wie geschehen — erzählt werde. Besonders aber h «I 
einem „durch die Herkömmlicbkeit mächtigen, völlig «a^ij 
tionellen Kirchenwesen«, das auf einer „ ununterbrochen«! 
Ueberlieferung und Erblehre« »u stehen und wesentlich 
dem, was „zu allen Zeiten, überall und an allen Orten" $4 



Spittin** Geichiohto dei Fabstraumr. * 995 

glaubt und geübt worden sey, wie auf Petrus als Felsen, tu 
ruhen versichert 9 mufft die Geschiebte der Spiegel seyn. 
Der Geschichtspiegel mufs uns die Kirche , wie sie ward 
und ist, zur Vergleichung mit dem f was sie nach der ur* 
sprünglichen Christuslebre war* und seyn sollte, in den Um* 
Gestaltungen von achtsehn Jahrhunderten nach unleugbaren 
Erfahrungen wie ein Panorama vorhalten« 

»Man verlangt zur Vergleichung mit Recht, dafs der 
Spiegel nicht getrübt sey, aber dafs er auch weder 
heuchle noch schmeichle. « 

»Zu der Zeit, als Spittler, dieser besonders in ab* 
sicbtvolle , fein angelegte Phänomene tief tind scharf hinein« 
blickende Sachkenner , über die Geschichte desPabst* 
tbumft in akademischen Vorlesungen — auf der nach Mäfsi-t . 
gung strebenden Universität Göttingen — den Beobacbtungs* 
g«Ut junger Männer aufregte, dort im Anfang des letzten 
Viertels vom verflossenen Jahrhundert, trübte keine Polemik 
den Spiegel. Man behandelte das grofse Fapats- Phänomen, 
dem ohnehin allerlei Unfälle droheten , und auch Überhaupt 
das dort kirchlich erzwungene, bedauernswerthe Zurückblei* 
ben und Rückwärtaschreiten , von unserer Seite mit einem 
gewissen Mitleiden; etwa wie manche zu leicht gerührte Völ- 
ker bei Mondsflnsternissen dem leidenden Monde zu Hülfe zu 
tommen die GutmÜthigkeit haben. Spittlers Spiegel mufl 
daher gewifs das gute Vorurtheil der Unparteilichkeit für 
«ich haben. 

„Weil akademische Vorlesungen nicht wie Bücher seyrt 
'ollen, hier wenigstens bisweilen Zusätze und Ergänzungen 
nötbig schienen , so nahrrt ich solche meist von Spittler 
selbst, aus seiner lange noch unvergefsbaren, so viel Genia* 
Ütät mit rastlosem Forscherfleifs vereinigenden Kirchenge* 
•ebiebte. Eigene Zusätze, auch häufig kleinere Aenderungen , - 
nachte ich nur> wie ich sie vor den Manen des öfter verkann* 
ten, dessen persönliches, lang erprobtes Wohlwollen dafür * 
<fofs ich ihn oft richtiger zu verstehen mich freute, mir immer 
tbeuer seyn wird, wohl verantworten zu können mir bewufst 
Wn. Wo es irgend schicklich war, habe ich sie mit P. oder" 
*1* Parenthesen unterschieden. 

»Gemildert hab« ich manchen Ausdruck, heftiger g%* 
macht keinen. Die Sache spreche. Des urtheilenden Bei* 
Worts bedarf nur der Nichtdenkende« Dem v der sich nicht 
auch selbst nachhilft, ist ohnehin nicht tu. helfen I 

»Die Anmerkungen des ersten Herausgebers, der als frei» 
'innig.theologischerPhilolog den glücklichen Gedanken , Spitt* 

61» " • 



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906 Spittlet'i. Geschichte des Pabstthums 

■ 

lers Geist wieder erscheinen zu lassen , ausführte, sind, ohne- 
hin mit G. bezeichnet. 

n Und nun — ? Ob das N eu j a h r sg esche n k zeit- 
gemäfs sey, ob es wohl das ganze Jahr hindurch ein 
z e itge m 3 fses Lesebuch bleiben könne, mögen die*beur- 
theilen, welche die Zeichen der Zeit und was ihr Noth thut, 
zu schätzen, aber auch statt der Hyperphysik die Geschichte 
als Lehrerin zu gebrauchen wissen.« 



So weit die Selbstempfehlung für diese kleine Gabe an 
die Lesewelt. Nur Eine rechtfertigende Bemerkung mufs id> 
noch beifügen : 

Nach einer Ankündigung in No. 3o8. Beilage zur Allgem 
Ztg. vom October l826. bat die Cottaiscbe Buchhandlung 
den Verlag einer Ausgabe sümmtlicher Schriften L. T. v. Spiti- 
ler's übernommen. ich selbst habe vor Jahr und Tag im So- 
phronizon diese Sammlung gewünscht und zum voraus empfoh- 
len. Nach der Ankündigung vom October soll die 
Sammlung kleiner kirchengeschichtlicher Schriften auch ent- 
halten 

eine Geschichte der Mönchsorden, die erst neuer- 
lieh von Gurlitt in fünf Schulprogrammen herausgegeben 
wurde un(\ nicht in den Buchhandel gekommen sey« 
Damals also wufste die Cottaische Buchhandlung noch nicht> 
davon 9 dafs auch 

eine Geschichte des Pabstthums aus Spittleriscbe" 
Collegienheften von Hrn. Dr. Gurlitt in fünf andern Gym- 
nasialprogrammen J824 — 26. 
herausgegeben ist. Da die Buchhandlung nun dies erst aus 
der buchliändlerischen Ankündigung meiner neuen Redaction 
dieser Spittlerischen Arbeit ertährt, so eilt sie, (statt de» 
Danks dafür) in Beil. 321. 

„anzuzeigen, djf* diese Vorlesungen einen Theil der von 
dem Schwiegersohne Spittlers besorgten Ausgabe der 
sammtlichen Werke desselben ausmachen« 
Ob sie dieses sollen und können, ohne vorläufige Ueberein- 
kunft mit dem Besitzer des Hefts und ersten Herausgeber des- 
selben , Hrn. Dr. Gujlitt, ist nicht meine Sache zu ent- 
scheiden. Alle Spittlerische Collegienhefte sind ohne Zweif'i 
jttzt , nachdem er selbst und die Familie seit dreilsig bis vier- 
zig Jahren davon keinen Gebrauch für das Publicum gemocM 
haben , wie eine res derelicta und verjährtes Eigenthuin d.ri 
Besitzer, zu jedem für den Verfasser nicht nachtheiligen wür- 
digen Gebrauch frei anwendbar. 



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r 

\ 

. I 

Cic. de Repnbl. ed. Moser. 997 

Was mich und nieine Bf arheitung betrifft , habetich nur 
lies zu bemerken : l) leb habe das vom Heft wörtlich abge- 
Iruckte durchgängig nach meiner Einsicht r e v i d i 1 1 und nicht 
.veniges berichtigt; 2) das, was ich gebe, ist durch meine 
\ iswahl von Ergänzungen, eigene Zugaben und Ansichten 
Wenigstens um ein Diittheil mehr, als was aus dem Colle- 
^ienheft zn nehmen war. Jene Berichtigungen und diese — 
ich hoffe, sachgetnäfse — Zugaben, nebst denen von Hrn. 
Dr. Gui litt schon beigefügten , jetzt theils im Text tbeils in 
len Noten stehenden Beuiei klingen , erhült die Lese weit durch 
u 6 ?n e 'Bearbeitung , welche somit na'ürli»h theils «ies eisten 
flerauSgebers , theils mein Eigenthum ist und bleibt. 

Dr. H. E. G. Paulus. 



M. Tullii Ciceronis de R epub l ic a libri ab Angela JVlaio 
nuper reperli et editi cum ejusdem praefatione et commentariis» 
Textum donuo reco g novit , Fragmenta pridem cognila et Somuium 
Scipionis ad Codd. JVIss. et Edd. vett. jidem correxit , versionem 
Sonuiii Graecam emendatius edidit et indices au f it Georgius 
Henricus IVloser. Accedit Friderici Creuzeri Annotatio. 
Cum speeimine codicis Vaücani Palimpsesti, lithographo. Fran~ 
cofurti ad Moen. e Typographeo Broenneriano- MDCCCXXVL 
LXXVlUund 624 S. gr. 8. 8 fl. 30 kr. 

Wegen eines Beitrags, den ich zur Literargeschichte die- 
ses Ciceroni&chen Werks jetzt erst liefern kann, gebe ich 
n'er eine Anzeige dieser Ausgabe oder vielmehr nur ihres Ti- 
«ls. Was dabei beabsichtigt worden, wird der Leser aus 
les Hin. Professors Moser Vorrede und aus dessen Index 
'er gebrauchten Hülfsmittel ersehen; was geleistet worden, 
larüber steht billig das Urtbeil Andern zu. Nur das Eine ge- 
betet mir die Dankbarkeit zu bemerken, rlafs der Hr. Profes- 
sor und BibHothecar Hase in Paris um die hier verbessert ab- 
gedruckte Griechische Uebers.etzung des Traums des Scipio 
'On Maximus Planudes oder von Theodor Gaza (denn welcher 
'on Beiden der Verfasser sey, wagt Hr. Hase nicht zu ent- 
•cheiden). sich in hohem Grade verdient gemacht. Derselbe 
belehrte hat auch bis zur Evidenz erwiesen, dais die soge- 
nannte Pbnudeiscbe Uebersetzung und die des Gaza nicht (wie 
'°eh A.Mai noch annahm) verschieden, sondern eine und die- 
^ sind (s. p. XVU1. vergl. p. XXX VI. cd. Muser.). 



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998 Cl«. deRepubl. td. Moser, 



Dies h&ngtjnun unmittelbar mit unserm literarischen Bei* 
trage zusammen. Ich wiederhole hier nicht, was ich vor eini- 
ger Zeit in diesen Jahrbüchern über verschiedene Sagen von 
der noch späten Existenz dieser Ciceronischen Bücher berieb« 
tet (man vergleiche nur noch was jetzt Bestätigendes von 
Münch darüber beigebracht worden , s. pag. XIX — XX. ed. 
Moser.), sondern tübre vielmehr absichtlich die Worte von 
Angelo Mai an in seiner Vorred« (§. VII. pag. XXXVI. ed. 
Moser.); „Cave tsmen credas Graecos (Maxim. Planudes und 
Theod. Gaza} hos interpretes habuisse cödicem de rep. inte« 
gruin. Scipionis (juippe somnium a politico corpore avulsum 
passim occurrit in codicum apothecis, praeterquam <juod in 
Macrobii exemplarihus exstat. uiffirmare igitur licet, jjost duo» 
deeimum certo saeculum famam tantummodo incertam et levom de po/t- 
ticorum librorum incolumitate seu spe mansisse** \ worauf er von den 
Bemühungen Franc. Petrarcba's um die Wiederauffindung die- 
ses Ciceroniscben Werks redet. 

Eine Bestätigung dieses Maiischen Unheils scheint sich 
nun leider aus einer Heidelberger Handschrift zu ergeben, die 
mir vor einigen Tagen zufällig in die Hände fiel, und worin 
ich eine Widerlegung desselben zu finden hoffte. Es ist die 
in dem, der Wfilckerrschen Geschichte der alten Heidelberger 
Büchersämmlung angehängten, Verzeich nifs p. 296. bezeichnete 
„Handschrift: Nr. DCCXXIX. Pp. S.XV.ff. 3lO. fol. J7m- 
rici de Hassia summa de republico" • Eine genauere Beschreibung 
und Auszüge daraus werden an einem andern Orte geliefert 
werden. > Hier sey nur bemerkt, dafs dieses papierne und 
sehr unleserliche Manuscript vom Ende des vierzehnten oder 
aus dem fünfzehnten Jahrhundert hauptsächlich eine Art von 
Chrestomathie oder eine Sammlung tron Stellen aus der Bibel 
und andern alten Schriftstellern über den Staat ist, wie 
denn auch der andere Titel; Magistri Henrici de Hassia sum- 
ma Collectionum de republica näher besagt. Dieses Werk kennt 
meines Wissena weder Ang. Mai noch irgend tiner der Lite- 
ratoren , die von diesem Heinrich von Hessen gehandelt haben, 
und aufser seinen vielen gedruckten Werken der Handschriften 
gedenken, die sich von andern desselben Verfassers in Paris, 
Oxford. Augsburg (oder München) , Leipzig und Wien vor- 
finden. Auch Hr. Oberarcbivar Rommel nicht, der im lßten 
Ban/Je von Strieders Hessischer Gelehrtengeschichte, herauig. 
v* K. W. Justi p.210 — 2t3. *icb das Verdienst erworben bat, 
auf diesen zu seiner Zeit bedeutenden Schriftsteller neuerdingi 
aufmerksam gemacht zu haben. Es genüge hier vorläufig eipig 0 
Nachrichten über den Mann niederzulegen. 



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» ■ 

Cic. de Republ. ed. Moser» 999 



Dieser Heinrich von Hessen (der Aeltere), genannt 
/on Langen stein, einem Dorfe ohnweit Marburg bei 
Kircbbain in Oberhessen, qder einer gleichnamigen hessischen 
ideligen Familie , darf nicht mit einem jüngern Heinrich von 
dessen , dejr im Jahr 1400 Rector der Universität Heidelberg *) 
und als exegetischer Schriftsteller gleichfalls rühmlich bekannt 
war, verwechselt werden **). Er studirte zu Paris, ward da- 
selbst 1375 Licentiat der Theologie und nach Andern selbst 
Vicekanahrr oder Kanaler der dortigen Universität ***), lehrte 
in Worms u nd in Wien dieselbe Wissenschaft seit 1384, und 
ward an letzterem Orte 1393 Rector. wo er auch 1397 starb. 
Ob er Augustinermönch (Cartbäuser war der jüngere dieses 
Namens) oder Weltgeistlicher gewesen , ist weniger iu wis- 
sen interessant, als dafs er einer der Vorläufer der Kirchen«, 
Verbesserung und einer der ersten Verbreiter der matbemati« 
sehen Wissenschaften, besonders der Astronomie in Deutsch* 
laud war ****), 



*) Jo* Schwab Quatuor seculorum syllabus Reotoram in Academ. 
Heidelberg, p, 27. f1 Henriens de Hassta Reetor XLII. Art. Mag. 
in vigil. oeati Thomae Apost. concorditer eleetus 1400. u Et 
folgen daselbst mehrere Notisen über ihn. 

**) Rommel s. e. O. » der aber dem J. A« Fabricfus und Jdeher 
Unreeht thut a wenn er ihnen diese Verwechselung glciehfalls 
Schuld gibt. Auch Schwab, den übrigens Rommel nicht kannte § 
unterscheidet a. a. O. beide Henriei de Hassia genau. 

***) Letstcres will Rommel bei wei Felo. Schwab gedenkt auoh nur 
seiner in Paris erlaugten Doctorwürdc. * 

**♦*) Saze im Onomastionm Hier. II. pag. 384. ba'tte ihn daher 
auch nicht bloi als Theologus bezeichnen sollen« Rommel 
fUhrt einZeugnifs ron Petras Ramm an « dafs Heinrich Ton Hessen 
suerst die mathematischen Wissenschaften von Paris nach Wien 
gebraoht, und verweiset auf ein gleiches noch stärkeres des Ge- 
nnesers Gaudolph. Nicht richtig fügt er aber hinzu! „Eigene 
mathematische Schriften scheint Heinrich nicht herausgegeben su 
haben , er schrieb aber contra Astrologos " , da ja ein Traelatus de 
improbatione epicjelorum et coueentricorom und Theorieee Plane« 
tarum und andere astronomische Schriften ron ihm angeführt wer- 
den. S. Fabricii Biblioth. med. et infim. Latioit. Hb. VIII. p. 656. 
Mit Recht hebt aber Rommel das grofse Verdienst seiner Bekam« 
- pfnng der Astrologie heraus» bemerkt 9 wie Gerson tu Pisa und 



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1000 Cic. de Repobl. ed. Moser. 

In unserm Manuskripte lernen vrir ihn nun von Uiner ganz 
neuen Seite kennen, nämlich als einen Gelehrten ^ der die ge- 
sundesten Begriffe und Grundsätze über bürgerliche Gesell- 
schaft, Gesetzgebung und Regierungskunst aus der heiligen 
Schrift, wie auch aus den besten Schriftstellern Griechen, 
lands und Roms sich zu seinem und Anderer Gebrauch zu 
sammeln suchte. Denn dafs der ältere Heinrich von Hessen 
der Verfasset^ dieser politischen Sammlung sey , leidet wohl 
darum keinen Zweifel, weil (wie auch Rommel nach Trit« 
heim, Tolner, Morot und Kuchenbecker bemerkt) -von dem 
übrigens gleichfalls geistreichen und beredten Hessischen oder 
Heidelberger Heinrich durchaus nur theologische Schrift« 
bekannt sind. 

Es ist nun von dem Verhältni'fs unserer Handschrift zum 
Ciceronischen Werke kürzlich zu sprechen. Da Heinrich aus- 
serordentlich freigebig mit Citaten aus den Alten ist, obnge- 
fähr wie Johann vos% Salisbury , und namentlich hier eigent- 
lich eine Stellensammlung aus heiligen und andern Schriftstel- 
lern über den gewählten Gegenstand liefern wollt«, so inukfc 
bei der Wahrnehmung, dal's er nicht nur Plato , Plutarcbus, 
Hegesippus und andere Griechen (diese natürlich in lateini. 
sehen Uebersetzungen) anführt, und dafs aufser Sallustius, 
Seneca, Valerius, Macrobius, Gellius (der auch hier immer 
Agellius heifst) und andern Römern, insbesondere Cicero's 
Schriften vorzüglich oft genannt werden,, z. B. vom Alter, 
von der Freundschaft und am häufigsten von den Pflichten — 
so mufste, sage ich, der Natur des Gegenstandes geinäfs, die 
Hoffnung entstehen, desselben Bücher vom Staate vorzugt' 
weise ausgezogen zu finden, und somit vielleicht eine Anzahl 
neuer Fragmente derselben zu gewinnen. Wirklich ist das 
ErStere der Fall, allein das Letztere leider nicht. Die 
Sache verhält sich nämlich so : Des heiligen Augustinus Schrift 
vom Staate Gottes (de civitate Dei) ist die Hauptquells 

Constanz sieh auf Heinrichs Schrift „Censilium pacis" berufen, 
und erwähnt mit Wohlgefallen, wie Joh. v. Müller, während 
Bayle und andere Schriftsteller von diesem seltenen Manne g<" 
schwiegen, ihn auf die Höhe gestellt habe, die ihm gebührt. 
Die Stelle in der Schweitzergeschichte Buch II. Kap. I. pag. 19* 
alt» Ausg. verdient nachgelesen zu werden* Auch juristische Gt- 
genstände waren ihm nicht fremd geblieben • wie unter andern 
dessen in Wien handschriftlich befindlicher Tractatus de Contracid 
bns emfionis et vendiüonis beweiset; s # Larabecius IL p. 126* 



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Cic. de Republ. ed. Moler. 



1001 



dieser Summe der Politik unteres Heinrieb, wie denn bekannt- 
lich in diesen Jahrhunderten Lactantius, Augustinus, Ambro« 
sius, Hieronymus und einige andere Autoren die Führer aller 
damaligen Schriftsteller waren. 

Jedoch zeichnet sich unser Sammler dadurch vor Andern 
zu seinem VortheiJ aus, dafs er nicht nur aus den übrigen 
Schriften die gewählten Stellen genau, oft mit Angabe des 
Buchs oder Abschnitts anführt, sondern auch vorzüglich darauf 
ausgeht, diejenigen Stellen des Augustinischen Werks heraus- 
zuheben welche Citate aus Cicero'« Büchern vom Staate 
enthalten , und diese dann zuweilen penau nachzucitiren. 
Hieraus ergeben sich nun zwei Folgerungen: zuvörderst, dafs 
unser Heinrich bei seinem übrigens sichtbaren Bestreben, aus 
den Quellen zu schöpfen, ganz gewifs es sich zum Geschärte 
gemacht haben würde, Cicero*« Bücher vom Staate , so wie 
seine übrigen, unmittelbar auszuziehen , wären sie zu seiner 
Zeit in Paris, Wien oder in den Rheinischen Landen noch 
vorhanden oder doch bekannt gewesen; sodann, dafs wir in 
dieser Summa zwar keine neuen Fragmente jenes berühmten. 
Ciceronischen Werkes, wohl aber Lesarten der von Augustin 
bekanntlich in grofser Zahl excerpirten Stellen erwarten dür- 
fen. Einige Proben, ö!ie ich zum Schlüsse beifügen will, 
werden davon eine augenscheinliche Ansicht gewähren. 

(Cicero de Republ. I. 25 ) Cod. Henrici i'ol. 6. rect. „De 
primo nomine quaeritur respublica est res populi populus au- 
tem est cetus juris consensu et utilitatis communicatione (auf 
dem Rande commutatione , wie es scheint, — aus Mangel an 
Charakteren können die Abbreviaturen u. dergl. hier nicht dai- 
gestellt werden — Beides für das richtigere couimunione) so* 
ciatus prout ait Augustinus de civitate Dei ca°. 9°. (sie) 
recitat artem difficilem reipublicae descriptam (so lese ich, salvo 
meliore, vorläufig) a Scipione et recitatam a Tullio ut est ibi- 
dem. Et idem Augustinus de civitate Dei libro quinto ca- 
pite 1Ö°. respublica respopuli« etc. (Man vergl. die Stelle 
des Augustin in A. Mai's Note zu I. 25) 

(Cic. de Rep. V. t. aus Augustinus de Civ. D. II. 21.) 
Cod. fol. 9. vers. — n ait Augustinus recitans versum poete 
ennii 2°. de ci.te Dei ca Q . 2°. moribus antiquis res stat romanu 
virisque, quem versum inquit vel qutdem (so sind hier die 
Worte geordnet) brevitate vel veritate tanquam ex oraculo quo- 
dam (ausgelassen mihi) esse effatus videtur, «am neque viri 
niai si (oder nisi doppelt) Ita morata civitas fuisset neque mores 
nisi hii viri praefuisseut, auc fundare aut tarn diu tenere r potuis- 
*ent tan tarn et tarn juste lateque itnperantem rempublicam. * 



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1002 T. Hohenhorst'« Jahrb. des OHOeriehts zu Mannheim. 

♦ 

(Cic, de Rep. ibid.) Cod. fol. 11. rect» — M ut non ma- 
neat color vel pfctura prout ait Augustinus 2°. de ci*e dei ca°. 
2r°. recitans verba Tulii (sie) libro quinto de republica nostra 
aetas cum rempublicam sicut picturam aeeepisset egregiam sed 
{jam ausgelassen) evanescentem vetustate non modo eam colo- 
ribus hiisdem quibus fuerat renovare neglexit, sed ne id qui- 
dem curavit, ut formam saltem ejus extrema (et ausgelassen) 
tanquam lineamenta aervaret. Quid enim manet ex antiquis 
moribus, quibus ille dixit rem sta/e rornanain, quos ita obli- 
vione aboletot videmus ut modo non colantur sed etiam igno- 
rentur.« — > 

Dafs bei den Anführungen der Schriftsteller zuweilen Ver- 
stösse vorkommen, wird man erwarten. Als Beispiel mag 
folgendes Citat aus Sallusts Jugurtha cap. 10» dienen. Cod, 
foL 8* vers. — „ prout Salustiu* libro secundo (das Bellum Cati« 
linarium wird als Uber primua citirt) recitans verba Scipionis 
(statt Micipsae) ego inifuit vobis regnum trado firm um si boni 
eritis inbecillum in malis nam concordia parvae res crescunt dis- 
cordia magnae dilabuntur." 

Diese letzte Probe kann zum Beweise dienen, dafs auch 
für andere Römische Schriftsteller, in dieser Chrestomathie sich 
manche Varianten darbieten. Deswegen also, und da der Ver- 
fasser zwischen seinen Anführungen zuweilen seine eigenen 
Gedanken einstreut und somit seine politischen Ansichten zu 
erkennen gibt, scheint dieses Werk unsers gelehrten Heinrich 
eine ausführlichere Erörterung: zu verdienen, als der vorlie- 
gende Zweck un$i der Raum dieser Blätter gestatten wollten. 

Schliefslich bemerke ich noch, dafs diese Aufgabe des Ci- 
ceronischen Werks der BrÖnnerischen Ofticin in Druck und 
Papier vorzüglich Ehre macht, 

Cr « at z 0 r. 



JahrhUcher des GH. Badischen Ober Hof gerichts zu Mannheim. Ge- 
sammelt und herausgegeben vom Staatsratke von Hohenhorst) 
Kanzler des Ob er Hof gerichts. Erster Jahrg. 1815. Mannheim, 
in der Schwan" und Götzischen Hofbuchh. 1824. 504 S, Zweiter 
Jahrg. 1824. Ebend. 1825. 409 S. in 4. 12 fi. 

Werke von der Art des vorliegenden sind nichf nur in so 
fern» als sie|die Wissenschaft bereichern und auf die Mängel 
der Gesetzgebung aufmerksam machen, sondern auch, weil 
sie einen gewissen Eisatz für die Oeffentlichkeit der Gerecb« 



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?. Hohenhorst*! Jahrb. des OHGeriohts su Mannheim. 1003 

■ 

* 

tiakeitspflege leisten, willkommene Erscheinungen. Sie ent- 
halten überdies schätzbare Beiträge zu der (noch so wenig be- 
arbeiteten) Statistik des Rechtszustandes dei Deutschen Bun- 
desstaaten, -diese einzeln betrachtet, (In der letzteren Be- 
ziehung würde es wenigstens dem auswärtigen Leser de« 
vorliegenden Werkes angenehm seyn, wenn es dem Hrn. Her* 
ausgeber gefiele, die Procefs- und Kriminal-Tabellen, die all- 
jährlich durch das Regierungsblatt bekannt gemacht werden , 
auch iu dieses Buch vollständig aufzunehmen.) 

Die Jahrbücher enthalten theils ausführlich erzählte Rechts- 
falle , theils kurzgefafste Rechtsfragen und Rechtssätze, theils 
die Plenar- Beschlüsse des OberHöfgerichts und die von ihm 
an die Advocaten erlassenen Circularien, theils die vom ober- 
sten Justizdepartement an das OberHofgericht ergangenen Ver- 
fügungen. Ein jeder Band schliefst mit einem sehr sorgfältig 
ausgearbeiteten Register. 

Von dem vielen Interessanten , das in diesen Jahrbüchern 
vorkommt, wollen wir hier nur Einiges ausheben : 

prster Band. In der Einleitung S. 3. ff. Nachrichten 
über die Entstehung und Competenz des OberHöfgerichts« 
Auszeichnung verdient % dafs in Zoll - und Accis - Defraudationa- 
sachen Recurs an das OHG. ergriffen werden kann , wenn der 
V«rurtbeilte ausführen will, dafs er nach Wort und Geist der 
Zoll» und Acciseordnung nicht strafbar sey. — S* 24'. Ein 
Kechtsfall , der die Oblegien der ehemaligen Domstifter (ge- 
wisse aufserordentliche Einkünfte, welche eine bestimmte An«« 
zahl der Kapitularen statutenraäfsig unter gewissen Bedingun- 
gen bezog) und das Nachrücken der Kapitularen in dieselben 
(OHSchl. §. 53. 54.) betrifft. — S. 47. Wenn ein Geschäfts- 
führer eingesteht, Geld eingenommen zu haben, jedoch be- 
hauptet, dafs er es zum Besten seines Machtg ebers verwendet 
habe, so kann, ungeachtet ein Geständnifs nach dem LR. 
S. 1366. untheilbar ist, dennoch dem Geschäftsführer der 
Beweis der Verwendung auferlegt werden. ( Diese Entschei- 
dung hat allerdings das Ansehn der Französischen Rechtsge- 
lehrten gegen sich; jedoch ein Geständnifs cum exceptione 
und ein beschränktes Geständnifs sind von einander wesent- 
lich verschieden.) — S. 109. Haftet die Last des Wittwen- 
gehaltes für die Gemahlin eines regierenden Fürsten (in dem 
vorliegenden Falle, des Fürsten von Leiningen) nach den 
Grundsätzen des gemeinen Deutschen Staatsrechts auf den 
Kammergütern oder auf dem privatvermögen des Fürsten? — 
S. 157. Ist die Anzündung des eigenen Hauses aus Gewinn* 
•ucht unter der Vorschrift des Art. 125. der l\ G. O. (Strafed. 



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1004 v. Hohenhorst*« Jahrb. des OHCerichts zu Mannheim. 

§. 66.) begriffen? Wird, mit Rücksiebt auf die besondere 
Beschaffenheit des Falles, der zu entscheiden war, bejahend 
beantwortet. — - S. 258. Der Beweis einer Simulation kann 
durch' Zeugen geführt werden. LR. S. l34l. — S. 280. Die 
früher bestandenen Familienfideicommisse des ehemaligen D. 
Reichsadels sind , durch den 14* Artikel der D. Bundes - Acte 
nicht ipso jure wiederhergestellt worden, wenn sie durch ein 
Landesgesetz aufgehoben worden waren. — (Völlig unver- 
ständlich war Ree. der S. 285. aus einer Deliberation des 
OHofgerichts entlehnte Satz : Die Verkürzungsklage hat nach 
dem S 1674. des LR. nur bei dem Verkaufe statt, und auch 
da nicht allgemein, in so fern die Regel des LR. S. I3l3. 
in Anwendung kommt: „Volljährige können ihre Handlungen 
wegen Verkürzung nicht umstofsen, wo nicht ein im Gesetze 
besonders beschriebener Fall ihnen diese Macht giebt." — 
Bekanntlich ist der S. 1674 eine Ausnahme von der Regel, 
dafs Volljährige ihre Handlungen nicht wegen Verkürzung an- 
fechten können.} 

Zweiter Band. S. 82. Wenn ein Abwesender (ein 
Vermifster) zu einer Erbtheilung von seinen Miterben gelas- 
sen worden ist, hat man eine solche Erbtheilung als definitiv 
oder nur als unter der Bedingung, dafs der Abwesende zu- 
rückkehren würde, zu betrachten? Die Erbtheilung wurde 
für definitiv gehalten. (Vergl. Merlin Zus. zu. s. Repert. nj. 
absent. zum Art. 136. n. V. welcher sich für die entgegenge- 
setzte Meinung erklärt.) — S. 99. Ein (wegen der Seltenheit 
solcher Fälle) bemerkenswerther Fall , in welchem das Recht 
der Nothwehr für vollkommen begründet erachtet wurde. — 
S. 126. Kann der Entschädigung fordern , welchem durch ein 
Lahdeacultnrgesetz ein wohlerworbenes Recht entzogen wor- 
den ist? Verneinend beantwortet. Das Gesetz betraf die Frist 
für die Frühjahrshüthung. — S. 157. Eine Gesellschaft wird 
durch den Tod eines Gesellschafters aufgelöst (LR. S. I865.)i 
auch wenn sie auf eine bestimmte Zeit eingegangen worden 
ist. (Ree, würde sogar unbedenklich behaupten, dafs selbst 
eine für ein bestimmtes Geschäft eingegangene Gesellschaft 
morte socii aufgelöst werde.) — S. 274. Die Compensation 
findet auch dann statt, wenn für die eine Schuld baare Zah- 
lung versprochen worden ist. 

Mit Vertrauen und Interesse sieht Ree. der Fortsetzung 
des Werkes entgegen. , 



- 



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£yitr* t das älteste Recht der Russen. 10U5 

t 

Das älteste Recht der Massen in seiner geschichtlichen EntWickelung 
dargestellt vou Joh. Phil. Gast, Ewers , ordentl. Professor an 
der HC. Univ. Dorpat , Staatsrate u. s. w» Dorpat bei Aug. Sti* 
rinsky und Hamburg bei Fr, Perthes, 1826. 548 S, 8. 

Wenn man das vorliegende Werk mit den rechtsgescbicht- 
lieben Schriften früherer Deutscher Rechtsgelehrten vergleicht, 
so ist es ein glänzender Beweis, welqbe Fortschritte die phi- 
losophische Bearbeitung der Rechtsgeschichte in Deutschland 
(denn diesem Lande dürfen wir den Verfasser , wenn er auch 
seinem Amte nach einem andern Staate angehört , seiner Stamm. 
Verwandtschaft nach vindiciren) in den neueren Zeiten ge- 
macht hat. So viel man auch gegen die philosophische Bear- 
beitung der Geschichte einwenden mag und einwenden kann, 
— gegen die Bearbeitung, welche die Geschichte auf allgemeine 
Gesetze zurückführt oder aus denselben ableitet, — sie ist iu 
50 fern, als sie nicht von den allgemeineren und allgemeinsten 
Gesetzen der menschlichen Natur ausgeht, sondern von Ge- 
setzen, die sich aus der Geschichte selbst, aus der Art, wie 
andere Menschen oder Völker unter ähnlichen Verhältnissen 
gedacht und gehandelt haben, "jederzeit an ihrer Stelle; sie ist 
insbesondere dann an ihrer Stelle, wenn die Urkunden der 
Zeit, deren Geschichte man schreibt, dunkel und kaum leser- 
lich sind , wenn man nur die Wahl hat, entweder Räthsel und , 
Wunder zu wiederholen, oder aber die mangelhaften Nachrich- < 
teil durch ähnliche Erscheinungen zu erläutern. 

Das vorliegende Buch ist eine in diesem Geiste verfafste 
philosophische Geschichte des ältesten Russischen Rechts bis 
zu der und mit der Regierung Jaroslavs^ also bis in die erste 
Hälfte des elften Jahrhunderts. Es ist , so kann man es näher 
charakterisiren , ein Kommentar über diejenigen Stellen der 
bekannten Nestorschen Chronik , welche Nachrichten oder An- 
deutungen über das älteste Recht und die ältesten Rechtsbe- 
griffe der Russen enthalten, ein Kommeutar, welcher das, 
was Nestor von diesen Gegenständen gelegentlich und meist 
ohne Zusammenhang berichtet , durch die Rechte und Recbts- 
begriffe der den Russen jener Zeit geistig verwandten Völker 
iu Verbindung und in ein helleres Licht zu setzen/sucht. Auf 
eine ähnliche VVeise werden die in die älteste Rassische Ge- 
schichte einschlagenden Stellen der Griechischen Schriftsteller 
behandelt. Am längsten verweilt der Vf. (wie billig) bei Ja- 
roslavs I'ravda (wahrscheinlich vom Jahre 1020), dtr ältesten. 
Hecbtsurkunde der Russen, welche, obwohl zunächst fürNov- 
£orod bestimmt, doch bald, da ibr kein anderes Gesetz zur 



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1006 



Ewers, das Stteste Recht der Ruwen. 



Seite stand, in ganz Rufsland Gültigkeit gewann, Oebrfgen» 
folgt der V£ tiberall der chronologischen Ordnung. 

Sehr Vieles in dem Ältesten Russischen Rechte erinnert an 
das altdeutsche Recht, z. B, die Bestimmungen Ober die Blut- 
rache, über die Wette. Selbst der Eideshejfer scheint in der 
Jravda Jaroslav's (Art. XIV.) gedacht zu werden. So scheint 
sich also die Vermuthung, dafs die Slavischen und die Deut« 
sehen Völkerschaften Stammverwandte 9 wenn schon entfern- 
tere f sind, auch durch die Gesetze dieser Völker zu be- 
stätigen. 

Hin und wieder stöfst man *uf Vorschriften einer fast 
sonderbaren oder naiven Klugheit. Sö heifst es (S. 309.) in 
der von Jaroslav's Söhnen erweiterten Fravda: "Wenn ein 
Dieb erschlagen ist, und man findet die Füfse innerhalb des 
Hofes, so ist er erschlagen; findet man aber die Füfse aufs er- 
halb des Thores, so zahlt man für ihn.« 

Im Ganzen genommen wird man mit den Deutungen, 
welche der Verf. den in das Recht einschlagenden Stellen der 
Chronik giebt, gewifs einverstanden seyn. Eine Verschie- 
denheit der Ansichten über den Sinn einzelner Stellen ist, 
der Natur der Sache nach, kaum vermeidlich. So würde Ree 
z. B. die S. 213 angeführte und erläuterte Stelle so zu deuten 
geneigt seyn, dafs Wladimir allerdings den Versuch inachte, 
die Blutrache und das Wehrgeld gänzlich aufzuheben und an 
deren Stelle die Bestrafung de^s Mordes zu setzen, dafs er 
jedoch, da dieser Versuch Widerstand fand , von demselben 
auf Antrag der Fürsten und nach dem Rathe derselben Bi- 
achöffe, welche ihm früher den Plan (ex divino jure) empfoh- 
len hatten, abstehen und sich mit einer Veränderung in dem 
"Wehrgelde begnügen mufste. 

Schliefslich erlaubt sich Ree, noch den Wunsch zu äus- 
sern, dafs der durch Gelehrsamkeit und Scharfsinn gleich ach- 
tungswerthe Verf. auf den ursprünglichen gesellschaftlichen 
Zustand des Volks d. h. auf die ursprünglichen Bestandteile 
des Volks und auf dessen Lebensart eine noch sorgfältigere 
Rücksicht genommen haben möchte. Bei den Völkern Slari« 
sehen Ursprungs scheint von jeher eine mächtige Aristokrat!« 
bestanden zu haben. 



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die TorfWirthtehaft. 1007 

Heinr* Christ, Moser, JC B. Forstmeister , die Torfwlrthschaft im 
Fichtelgebirge. Mit vier Steindruektafoln. Nürnberg , 182$. 
VI und 174 «?. 3. 

Diese lehrreiche Schrift kann von naturwissenschaftlicher 
nnd von ökonomischer Seite betrachtet werden. In der erste- 
ren Hinsicht giebt sie Beiträge zur näheren Kenntnifs des Tor- 
fes, die sehr willkommen seyn müssen, weil die Entstehungs- 
art dieses merkwürdigen Stoffes noch immer nicht ganz aufge^» 
hellt ist. Die Schritt von Dau (neues Handbuch Aber den 
Torf, Leipzig 1823) gewährte den Vortheil, dafa man Alles 
gesammelt fand , was bisher über den Torf gesagt worden war, 
auch fügte ihr Verf. einige nützliche Bemerkungen und Unter- 
scheidungen hinzu ; indefs blieben die Bedingungen und die 
Natur der Veränderungen , wodurch die abgestorbenen Wur- 
zeln gewisser Pflanzen in Torf übergehen, noch/ unerklärt. 
Auch die vorliegende Schrift hebt den Schleier nicht gänzlich, 
wozu, nach der Meinung des Ree., erforderlich wäre, dafs man 
sich die Mühe gäbe, die frischen Wurzeln der Torfgewächse, 
die halb zersetzten und zugleich den aus ihnen entstandenen 
Torf einer genauen chemischen Prüfung zu unterwerfen. Die 
Sache wird schwieriger durch die Verscbiedenartigkeit des 
Torfes und seiner äufseren Umgebungen, man wird also die 
Untersuchung öfter anstellen müssen, um durch Induction auf 
die allgemeinen Gesetze der Torfbildung zu kommen. Meh* 
rere Gewächse, aus denen der Torf zu entstehen pflegt, z> B. 
die Heiden, Vaccinien , Ledum palustre, Andromeda polifo- 
lia, enthalten Gerbestoff, man kann daher vermutben, dafs 
dieser das Mittel sey, die Fäulnifs der Wurzeln zu verhüten, 
wie denn auch der Gebrauch des Torfes zum Gerben schon 
vorgeschlagen worden ist. Hierüber erhalten wir zwar durch 
unsern Verf. keinen Aufschlufs, aber es ist vielleicht erlaubt, 
den aus der Verbrennung des Torfs erhaltenen Stickstoff auf 
Rechnung des Gerbestoffs zu schreiben. Wir Jemen aueb, dajs 
es Torf ohne Fbosphorsäure giebt, während man gewöhnlich 
derselben eine wichtige Bolle bei der Entstehung des Torfes 
tutheiJt. Der Vf. glaubt, dafs dieser sich vorzüglich aus den 
erstorbenen Sangwurzeln erzeuge, welche durch Säuren vqr 
Fäulnifs geschützt, unter der Oberfläche der Erde durch den 
Druck der oberen. Schichten zermalmt werden. Diese Ansicht 
mochte wohl zu mechanisch seyn, aber sie ist darum noch 
nicht unrichtig, sondern nur unzureichend. 

Das Torflager, auf weiches sich die Schrift bezieht, liegt 
am nordwestlichen Fufse des Schneebergs , des höchsten Gipfels 



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1008 Moser, die Torfwirthschafr. 

• 

im ba irischen Fichtelgeb irge t nahe bei dem Dorfe Voi ts Um- 
mer a , ohnweit des vor einigen Jahren abgebrannten Städtchens 
Weifsenstadt. Der Flächeninhalt beträgt 78 bair. (oder 
104 preufs.) Morgen, der Torf bat 5 — 8' Mächtigkeit. Nach 
der Classification Oau'i (dessen Schrift unser Verf. nicht zu 
kennen scheint) gehört das Moor zu den Wiesenmooren. Die 
Oberfläche ist horizontal, die Soole verwitterter Granitsand 
und Quarzlager. Die Analyse wurde du%ch Hrn. Fiken scher 
in Redwitz, einen der ausgezeichnetsten chemischen Fabri- 
canten in Deutschland, vorgenommen. Das Ergebnifs ist: 

Kohlenstoff 66,55 

Wasserstoff 10,39 

Sauerstoff 18*59 

Stickstoff 2,76 

Asche 1,70 
In der Asche fanden sich 34> 5 Proc. Kieselerde, 33 Eisenoxyd, 
17 Thonerde u. s. w., aber keine Phosphorsäure. An Kohle 
erhielt man bei der trocknen Destillation 40i/4 Proc., Theer 
24t/2, schwache Essigsäure mit ein wenig essigsaurem Ammo- 
nium 14 Proc, folglich 87 3/4 Proc. feste und tropfbare Stoffe. 
Das brennbare Gas betrug 37 Cubiczoll aus 100 Gran, und 
Hr. Fikenscher urtheilt nach der Helle der Flamme, dals der 
Torf zur Beleuchtung wohl tauglich sey. Wahrscheinlich 
wäre dieser Stoff das wohlfeilste Material zur Gasbeleuch- 
tung ; in Schottland soll bereits der schwarze Moortorf so gut 
dazu befunden worden seyn, als die Steinkohle, und in so 
fern besser, als er frei von Schwefel ist (Kees, Fabrikwesen 
IV, 13.). Die Torfkohle hat 89,9 Kohlenstoff, 2,4 Stickstoff, 
1,7 Wasserstoff, 4,2 Asche. 

Die Hitzkraft des Torfes im VerbSltnifs zum Kiefernbolze 
wurde gefunden : 

nach dem Gewichte z: 115 1/3 : 100 
Volumen 53 104 : 100 
was mit E i s e 1 e n ' s Angabe sehr gut übereinstimmt. Di* 
Zahlen nach dem Volumen sind wegen der ungleichen Dichtig- 
keit zur Vergleichung des Torfes von verschiedenen Lagern 
nicht zu gebrauchen. Inzwischen ist auch der Gehalt an Er- 
den Sehr verschieden, weshalb selbst nach dem Gewichte äus- 
serst abweichende Resultate gefunden worden sind , wie dw" 
nach B 1 a v i e r und M i c h e der Torf nur halb so viel Ilitzluab 
haben soll als Buchenholz (Tredgold). 

* • ' 

(Der Beschlufs folgt.) 



1 




N. 64 



1826/ 



■ » 

Heidelberger 



Jahrbücher der Literatur. 



i 



. Moser, die Torfwirthschaft im Fichtelßebirge. 

a * t • ■ 

( Bes ch lufs.) 

■ 

In ökonomischer Hinsicht giebt der Verf. zahlreiche 
Kegeln, die durch vieljährige Beschäftigung mit dem Gegen- 
stände erproht worden sind. Es jst seiner Bemühung gelun- 
gen , .die Kosten der Torfgewinnung zu vermindern, und 
manchfdltige Benutzungen dieses Brennmaterials, mit welchen* 
man sich früher hin im Fichtelgebirge gar nicht befreunden 
wollte, in Gang zu bringen. Der Kostenaufwand, für den 
man an Ort und Stelle die Klafter von 1.26 Cuhicfufs herstellte, 
hetrug im Durchschnitte der letzten fünf Jahre 1 Fl. 14 Kr., 
man kann aber jetzt mit J Fl.. ausreichen. Der Verkaufspreis 
der Klafter ist l Fl. 30 Kr. — 1 Fl. 48 Kr. Dies wirft schon 
einen ansehnlichen Gewinn ab, denn wenn wir das Lager nur 
4Fufs tief rechnen, und von dem Cuhicinhalte zuerst 1/8 für 
Zerbröckeln, sodann 6/10 des Rests für Eintrocknen abziehen, 
so bleiben vom Morgen noch 333 Klafter , welche nach jenen 
Preissätzen resp. 166 und 266* Fl. Gewinn Dringen. Ueber 
das beim Ausstechen, Trocknen und Aufbewahren anzuwen- 
dende Verfahren ertheilt der Verf. genauen Unterricht, sa^t 
aber nichts über die Einrichtung der von ihm angegebenen 
Presse zur .Verfertigung des Modeltorfes. Ree. glaubt, dafs 
eine Hebeljjresse von der Art, wie sie Achard zum Auspres- 
sen der Runkelrüben anwendete, die bequemste seyn würde. 
Zwar sieht man aus S. 76, dafs das Pressen nicht einmal nö- 
thig ist, denn der in einen Rahm blos eingedrückte und ab- 
gestrichene Torf trocknet schon nach drei bis vier Tagen, 
doch wird der geprefste wohl bedeutend fester seyn und den 
Transport auf der Axe besser vertragen. 

Besonderes Interesse gewährt die Verkoblung des Torfes, 
welche bisher noch nicht so häufig vorgenommen wurde, als es 
*u wünschen ist. Dem Verf. ist sie sehr gut gelungen, wie 
Ree. ans eigener Ansicht der Oefen und der Kohlen an Ort 

» XIX. Jahrg. io. Heft. 65 



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1010 Moier^ die Torfwirlhschaff. 



Und Stell» vers ichern kann. Schade ist es , dafs die Zeichnung 
des Ofens auf Taf. II. in so kleinem Maafsstab« ausgeführt' 
und kein Verticaldurchschnitt beigefügt ist, so dafs mau in 
den Stand gesetzt wäre, die Einrichtung nachzumachen. EWi 
Moser'sche Ofen unterscheidet sich in mehreren Hirtsichten 
von demjenigen, welchen Ziehe angegeben hat, und der in 
v. Langsdorfs Erläuterung wichtiger Lehren der Techno, 
logie fll. Bd. Taf. XXII. Fig. 222. 22S.) abgebildet ist. Je- 
ner ist konisch gemauert, oben mit einer eisernen Platte be- 
deckt, hat unten vier Feuerzüge und rings her tan zehn Raucb- 
löcher (in der Zeichnung sind zu viele), Welche mit eisernen 
Deckeln verschlossen werden können. Man sieht, dafs es tm 
meilerartiger Ofen ist. Im Theerofen wollte dem Verf. dii 
Verkühlung nicht glücken. Nach geschehener Entzündung 
wird das unten befindliche Kohlloch zugemauert , und dann 
das Feuer vermittelst der kleineren Löcher geleitet, wie im 
Meiler f aber vermutblich leichter als in diesem, wo die un« 
regelmäfs ige Form der aufgestellten Scheite und der Zwischen« 
räume oft dem Feuer eine un regelmäfs ige Verbreitung geben. 
Der Ofen ist %1 Fufs hoch , unten im Lichten 10, oben 5 F. 
weit. Man erhält nach dem Volumen 40 , nach dem Gewicht 
gegen 33 froc. Köhlen. Wenn auch die von Voland und 
Manicler in Frankreich 1820 und 1821 angegebenen Oefen 
in Deutschland mehr bekannt werden sollten , so würde doch 
Hrn. Mosers Verdienst nicht geschmälert werden, da dessen 
Ofen ebenfalls 1 820 erbaut wurde. Die Anwendung der Torf* 
kohle zu Frisch* und Schmiedefeuern konnte keinem Zweifel 
unterliegen , aber ob sie auch in Hochöfen vollkommen taug- 
lich sey, war bisher noch ungewifs. Ein von unserem Verf. 
verunstalteter Schmelzversuch hebt den Zweifel wenigstens 
für den dortigen Torf, man erhielt ein weder roth - noch kalt- 
brüchiges Eisen i und konnte mit gleicher Kohlenmenge mehr 
Eisen ausscbmelzen, welches sieb aus dem grdfseren Gewichte 
der Torfkohle gegen Kiefernkohle erklärt. Wenn nun von 
Kees (a. a. O. S. 18.) bemerkt, die Torfkohle sey leichter 
und werde bei gleichem Gebläse in stärkere Flamme gesetzt, 
so ist im Fichtelgebirge von beiden Behauptungen gerade dai 
Gegentheil wahrgenommen worden , und man mufa daraus auf 
die grofse Leichtigkeit des österreichischen Torfes achliefsen. 
— Uebrigen* ist das Eisenschmelzen mit Torfkohle allerding! 
nicht ganz neu, denn es wurde schon am die Mitte des vori- 
gen Jahrhunderts zu Schierke am Fufs des Brotken vorge- 
nomraen. In Schweden hatte man es auch versucht , her 
kaltbrücbigjps Eisen erhalten. Mehrere Nachrichten hierüber 



t 

f. 

' ■ • • 

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Wedckiod Handbach der Wellgeschichte. 1011 
bat Berg int im neuen Polizei- und Kamerai -Magazin (IV , 

121.) gesammelt. 

Das Kalkbrennen mit Torf beschreibt der Verf. nach der 
in Pmussen erprobten .Methode, und empfiehlt es für die 24 
Kalköfer» seiner Genend. . Einen Ziegelofen aar Torffeuerung 
bat er selh^c&rbauen lassen. Er ist nur darin von eigenthüin« 
licbem^Bau , dafs der Torf auf einem , in der Schürgasse aus 
Steigen aufgerichteten Roste bremst 9 unter welchem die Asche 
bir^abfallen kann. , 

Von der Wiedererzeugung des Torfs nach geschehenem 
Ausstiebe wissen wir noch zu wenig. Ihre Möglichkeit ist 
erwiesen 9 mau scheiut aber die Bedingungen , von denen sie 
begünstigt wird, nicht genug beachtet zu haben. Auch ihre 
Dauer ist nicht bekannt. Was Dau darüber gesammelt hat, 
giebt keinen festen Anhaltspunct. Könnte man auf eine be- 
stimmte Zeit rechnen 9 so würde sich ein regelmäfsiger nach- 
haltiger Betrieh einführen lassen, wahrend jetst nur auf die 
gegenwärtigen Vorräthe hiq gebaut wird. Wenn wir anneh- 
men » dafs der Morgen Kiefernwald im Durchschnitt jährlich 
3/4 Klafter trage, und dais Torf ungefähr so viel Werth sey 
ab Kiefernbolz, so würde eine 444jährige Reproductipnszeic 
erforderlich seyn , um, bei dem oben angegebenen Ertrage, 
einen Torfgrund einem Kiefernwalde in Ansehung des Brenn« 
Materials gleich austeilen; in Ansehung der Kosten wäre dies 
noch nicht der Fall, weil das Hula weniger Arbeit verursacht 
als der Torf, Wo man den Boden trocken legen 'kann, da 
wird immer eine andere Benutzung desselben sicherer seyn, 
aber rathsam ist es allerdings, da, wo der Torf in häufigen 
Gebrauch gekommen ist, an die Zeit, in der die Lager er« 
schöpft seyn werden, Jange/ vorher su denken. 



Lüneburg f bei Herold und Wahlstab % 1824.* Handbuch der Weif 
und Ptilkergeschichse in gleichzeitiger üebersicht 9 von Anton 
Christian Wedekind. Neue Ausgabe der zweiten Auf- 
Inge 9 mit der Fortsetzung aus den Jahren 181 ü bis 1824. gr. 8. 

3 Thlr, oder 5 fl. 34 kr. 

Dieses Handbuch, welches alle wichtigen Tbatsachea 
von dem Anfange der historischen Kenntnils bis auf die neue- 
«uZeit in gedrängter Kürze enthält, bat so vielen Beifall ge- 

64 * 



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* « 

1012 Wedfekind Handbucsh der Weligescliichte. 1 \ 

i .inden, dafs bereits die dritte Auflage (odet wie sich der Vf. 
etwas unbequem ausdrückt) eine neue Ausgabe der zweiten 
Auflage nöthig geworden ist. 

Ree, ist unter den vielen nröfsern und kleinern Werken 
über die Weltgeschichte keines bekannt , das einen solchen 
Reichthum von wichtigen Thatsachen und interessanten Noti- 
zen enthielte, und das zum synchronistischen Ueberblick so 
brauchbar wäre, als das vorliegende. Er glaubt daher keinen 
Ta/lel.zu verdienen, wenn er dieses Werk einer umständlichen 
und ins Einzelne gehenden Prüfung unterwirft. • - 

t Jn der Vorrede zu der vorliegenden neuesten Ausgabe 
(die beiden frühem sind dem Ree. nicht zur Hand , und er 
kann daher über ihr Verhältnifs zur neuesten 7 nicht urtheilen) 
erklärt der Verf., dafs er seine literarische Theilnahme einzig 
auf die Vervollkommnung desselben und die Fortsetzung sei- 
ner historisjhen Noten zu beschränken gesonnen sey. Diese 
Erklärung macht ihm unendlich viel Ehre; eine solche Resigna- 
tion ist in urvsern schreibseligen Zeiten eben so selten als lo- 
benswert!); und Ree. kann den Wunsch nicht unterdrücken, 
dafs unsere allzeit fertigen Buchmacher, die uns von Messe 
zu Messe mit gehaltlosen, die Wissenschaft nicht fördernden 
Büchern und Büchlein für die sogenannten gebildeten Leser 
heimsuchen , an dem achtungs würdigen Verf. ein Beispiel 
nehmen möchten Ree. glaubt demelben" seine Hochachtung 
nicht besser bezeugen zu können, als indem er sich eine Reihe 
Bemerkungen über einzelne Facta und Behauptungen erlaubt, 
welche ihm der Berichtigung oder Umarbeitung bedürftig zu 
. seyn scheinen, zumal da der Verf. selbst zugibt, dafs Manches 
besser zu machen seyn dürfte. 

Die innere Einrichtung des Werks, über die er sich in 
der lehrreichen Vorrede zur zweiten Auflage erklärt, glaubt 
Ree. als bekannt voraussetzen zu dürfen. Er nennt sein BucL 
sehr treffend einen Welthistorischen Atlas, der für den Ge- 
schäftsmann zum Nachschlagen brauchbar und für den Gebil- 
deten , ja selbst den blof'sen Dilettanten durch die Erinnerung 
an eine Menge wissenswürdiger Gegenstände nicht ohne In* 
eresse seyn soll. 

S<-hr zweckmässig scheint die Sonderung der einzelnen 
Welttheile Asien, Airica und Europa; der Üeberblick wird 
dadurch ungemein erleichtert; zudem gewährt sie auch den 
Vorheil, dafs man sogleich sieht, welchen Antheil jeder Welt- 
theil an den grofsen Weltbegebenheiten genommen, und ob 
*r zu einer bestimmten Zeit handelnd oder leidend in dieselbe 



Wedekiad Handbuch der Weltgeschichte. *Ol3 

eingegriffen bat. Asien , aU die Wiege de» Menschenge- 
schlechts, steht in der ältesten Geschiebte billig voran; dann 
folgt Africa und zuletzt Europa; von 1492 an erhält auch 
America ein eigenes Feld, Von Christi Geburt an steht Eu- 
ropa in dem ersten, Asien in dein zweiten pelde; Ree würde 
Europa schon vorr der Zerstörung von Carthago an, als dem 
Zeitpunkte, wo Rom'a Weltber.rschaft beginnt, den ersten 
Platz angewiesen haben. 

Der von dem Verf. aufgestellten Etntheilung der Ge- 
schichte in 

alte bis 840 nach Christus, « . 

* mittlere von 843 bis 1648 t und 

neue von 1648 bis auf die neueste Zeit, 
kann Ree. nicht beipflichten. Wie verschieden aueb die An* 
sichten der Historiker Ober die Periode sind, wo die alte Ge- 
schichte aufhört, und die des sogenannten Mittelalters be- 
ginnt, so ist es doch offenbar zu weit gegangen,, wenn man 
die alte bis zum Theilungsvertrage zu Verdun fortführen will. 
Durch den Einbruch der germanischen Völker wurde das To- 
nische Reich in seinem Innersten erschüttert, und das west- 
römische hörte mit dem Jahre 476 auch selbst dem Namen 
nach auf ; Sprache, Religiou, Ritten, Cultur ändern sich; 
eine neue Zeit hat begonnen. Eben so wenig möchte Ree. die 
mittlere Geschichte erst mit dem westpbälischen Frieden schlie6- 
sen; mit der, Entdeckung von America beginnt unverkennbar 
eine neue Zeit nicht allein für den Handel und die Politik, 
sondern auch mit der kurz darauf erfolgten Reformation in 
der Kirche. Aus den angegebenen Gründen scheint Ree. die 
gewöhnliche Eintheilung der Geschiebte in alte bis 476 nach „ 
Christus, mittlere bis 1492, neue bis zum Ausbruche der 
französischen Revolution, und neueste von da bis auf die v * 
neueste Zeit« nicht allein die richtigste, sondern aneh die al- 
lein wahrhaft Epoche machende zu seyn. 

Bis zum Jahre 1789 begnügt sich der Verf. das Jahr an- 
zugeben, worin diese oder jene Begebenheit sich zugetragen, ^ 
von da an gibt er auch den Monat und Tag an. Einen ver- 
nünftigen Grund für diese ungleiche Behandlung der alteren 
und neuesten Geschichte vermag Ree. nicht einzusehen , da ja 
auch aus der alten und mittleren Geschichte eine Menge Data ^ 
auf uns gekommen ist, und man z. B. den Todestag von Karl > 
dem Groisen eben so genan als den von Joseph II. weifs. Uis 
Werk würde nach des Ree. inniger Ueberzeuguug durch ge- 
nauere Bestimmung der Chronologie sehr an Brauchbarkeit^ 
gewonnen haben , und er kann daher den Wunsch nicht unter- 



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1014 Wedekind Bandbuch der Weltguichiahtt. 

drücken 9 dafs der Verf. bei einer neuen Autgabe den Monats« 
tag überall, wo dieser bekannt ist, angeben möchte. 

Unter den einzelnen Begebenheiten gibt es wiederweiche 
von größerer und minder grofser Wichtigkeit; der Verf. hat 
daher wohl gethan 9 da